Rotkäppchen, Dracula und der Wolf Ein Subtext zu Stokers Dracula

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I. Von Wölfen und Vampiren

 

Der Reporter der Pall Mall Gazette berichtet über einen Wolf, der aus dem Zoologischen Garten entlaufen ist und ganz London in Angst und Schrecken versetzt. Im Gespräch mit dem Tierpfleger entsteht im Reporter das Bild eines wilden Wolfs, der von den Zoo-Angestellten Berserker (im englischen Text: Bersicker) genannt wird.

 

„The Pall Mall Gazette“, 18. September

DER ENTLAUFENE WOLF.

GEFÄHRLICHES ABENTEUER UNSERES REPORTERS

Interview mit dem Tierpfleger im Zoologischen Garten1.

Nach vielen Anfragen und fast ebenso vielen Absagen und dem fortwährenden Mantra: „Pall Mall Gazette“ als eine Art Türöffner gelang es mir, den Tierpfleger im Zoologischen Gartens zu finden, der für die Wölfe zuständig ist. Thomas Bilder wohnt in einem der Cottages innerhalb des Geheges direkt hinter dem Elefantenhaus und setzte sich gerade zum Tee, als ich eintraf. Thomas und seine Frau – ihr Leben muss recht angenehm sein – sind ein älteres kinderloses Ehepaar von außergewöhnlicher Gastfreundschaft, die ich die Ehre hatte zu besuchen. Der Tierpfleger ging erst nach dem Essen auf das ein, was er „Geschäft“ nannte, und wir waren beide damit zufrieden. Dann, als der Tisch abgeräumt war und er seine Pfeife angezündet hatte, sagte er:

„Na, Sir, könnt mich jetzt fragen, was Ihr wollt. ‘Tschuldigung, nichts vom Geschäft, erst wenn ich mit Essen fertig bin. Füttere auch erst Wölfe und Schakale und Hyänen in meiner Abteilung, bevor ich anfang‘, die zu löchern.“

„Was meinen Sie mit ‚löchern‘?“, wollte ich wissen, um ihn etwas gesprächiger zu machen.

„Die mit ʼner Stange eins übern Kopp ziehn, ist eine Sache, und das Hinter die Ohren-Kraulen ist, wie wenn die Kerle rot werden, wenn sie bei ihre Mädchen rumprahlen. Ich hau‘ die immer mit der Stange über‘n Kopp, bevor ich die was zu Fressen hinwerf‘. Aber die kraulen, das trau‘ ich mich erst, wenn die ihren Sherry und ihren Kaffee genommen haben, wenn ich so sagen darf. Glaub‘ mir, Sir“, fügte er fast philosophisch hinzu, „da ist was von derselben Natur in uns wie in dieses Viehzeug. Da kommt einer und fragt verschiedene Sachen über das Geschäft, und ich hätt‘ lieber gesehen, wie ihn der Teufel holt, als dass ich mit ihm darüber rede. Auch nicht, wenn er wissen wollte, ob ich mich freue, wenn er beim Direktor bitte, bitte macht. Ohne Euch beleidigen zu wollen, hab‘ ich was darüber gesagt, dass Ihr zum Teufel gehen solltet?“

„Ja freilich.“

„Und wenn Ihr dann von mir schreiben tätet, ich wär‘ grob zu Euch, wär‘ das, als würdet Ihr meine Tiere mit ʼner Stange über‘n Kopp hauen. Aber ein halber Sovereign2 würdʼ alles richtig machen. Gott segne Euch, jetzt, wo meine Alte mir ein Stück Teekuchen in‘n Hals geschoben hat, mich mit‘m Inhalt von ihre großen Teekanne durchgespült hat und meine Pfeife brennt, könnt Ihr mich hinter‘n Ohren kraulen, so viel Ihr wollt und ich werd‘ nicht mal knurren. Fragt einfach weiter. Weiß schon, warum Ihr kommt, wegen dem Wolf nämlich, wo abgehauen ist.“

„Genau. Ich wüsste gerne, was Sie darüber denken. Erzählen Sie mir bitte zuerst, was passiert ist, und wenn ich dann die Fakten kenne, können Sie mir auch noch sagen, was der Grund war und was Sie meinen, wie das alles ausgehen wird.“

„Also gut, Chef. Der Wolf, wir sagen Beseker, war einer von den Grauen, die aus Norwegen zu Jamrachʼs3 kamen, von dem wir sie vor vier Jahren kauften. Sah gut aus, war gutartig, nie Grund zur Klage. War mir sicher, jedes andere Tier würd‘ ausbrechen, aber der doch nicht! Aber, mein Gott, Wölfen darfst du nicht mehr trau‘n als Frauen.“

„Hört nicht auf den, Sir!“, warf Frau Tom mit fröhlichem Lachen ein. „Der lebt schon so lange mit den Tieren zusammen; ein Wunder, wenn er nicht schon selbst ein alter Wolf geworden ist. Ist aber trotzdem ‘nen guter Mann.“

„Nun, Sir, gestern, so um und bei zwei Stunden nach der Fütterung, wo ich was Lautes hörte. Machte gerade Streu für ‘nen jungen Puma fertig, der krank ist. Wegen das Bellen und Heulen renne ich gleich rüber. War der Beseker, sprang doch das Viech wie besessen am Gitter ‘rum und heulte und heulte, als wie wenn er rauswollte. An dem Tag waren nicht viele Besucher, nur ‘nen Mann stand da rum, großer, schlaksiger Kerl mit Hakennase und Spitzbart mit weiße Haare drin. So stechende, kalte, rote Augen. Den Kerl konnte ich nicht verknusen und hatte so‘n komisches Gefühl, so was, was ich überhaupt nicht abkann. Zeigte mit seine weiße Lederhandschuhe auf die Viecher und sagte: ‚Eh, Wächter, diese Wölfe scheinen über irgendwas verärgert zu sein.‘

„Vielleicht über dich“, sagte ich, weil ich es nicht aushalten konnte, was der da abzog. Wurde überhaupt nicht wütend, wie ich dachte. Lächelte mit ein‘m unverschämt verächtlichen Gesichtsausdruck, und die weißen, scharfen Zähne bleekten aus sein‘n Maul. „Keine Sorge“, sagte er, „sie wollen mich überhaupt nicht fressen.“

„Sie wollen mich überhaupt nicht fressen. Ach, sag doch mal! Doch, doch, das würden die gerne“, äffte ich ihn nach. „Die wollen sich gerne mit deine alte Knochen die Zähne sauber machen! – War schon komisch, legten sich die Tiere hin, wo sie uns da so reden hörten, und ich konnte den Beseker hinter seine Ohren kraulen. Wie der Kerl das sieht, will er auch in den Käfig fassen und dem alten Wolf an die Ohren geht.

„Vorsicht! Beseker ist schnell!“

„Macht nichts, bin dran gewöhnt.“

„Aha, selber auch im Geschäft?“, fragte ich ihn und nahm mein Hut ab, denn einer, wo mit Wölfen handelt, ist ein guter Freund der Wärter.

„Nein“, sagte er. „Eigentlich mache ich mit denen keine Geschäfte. Aber ich habe schon mal von ihnen Gebrauch gemacht.“ Dann lüftet der sein Hut wie ʼn Herr und geht weiter. Der alte Beseker beobachtet ihn eine Weile, dann dreht er sich um und verzieht sich in eine Ecke, da wollte der den ganzen Abend nicht mehr raus. Nun, gestern Abend, gerade als der Mond hochkam, da heulen mit einmal alle Wölfe. Gab eigentlich keinen Grund für so lautes Heulen. War nix zu sehen, nur ein großer Hund, wo um‘n Zaun vom Hauptweg streunte. Ging auch ein- oder zweimal raus, zu gucken, ob da alles klar ist, konnte aber nix sehn, und das Heulen war auch bald vorbei. Drehte kurz vor zwölf noch ʼne Runde vorm Schlafengehn, und wie ich zum Käfig von‘m alten Beseker komme, das hätt‘ste mal sehn sollen, die Gitter auseinander und der Käfig leer. Das ist alles, was ich weiß.”

„Hat es denn sonst niemand bemerkt?“

„Einer von die Gärtner, wo um diese Zeit vom Tanz-Kränzchen nach Hause kam und sah ein‘n großen grauen Hund durch die Hecke schlüpfen. Sagt er! Glaub ich ihm aber nicht, denn wo er nach Hause kam, hat er seine Frau nix davon erzählt. Erst wie die Sache mit dem Wolf passiert ist und wir die ganze Nacht im Park nach Beseker suchten, fiel ihm das plötzlich ein. Glaube, der hatte von seinen Rumgehopse ein’n sitzen.“

„Nun, Herr Bilder, können Sie sich die Flucht des Wolfes überhaupt nicht erklären?“

„Doch, Sir, kann ich wohl“, antwortete er mit einer Bescheidenheit, die mich misstrauisch machte, „denk‘ aber, Ihr werdet mit dieser Erklärung nicht ganz zufrieden sein“

„Aber sicher doch. Wenn ein Mann wie Sie, der Tiere aus eigener Erfahrung kennt, keine geeignete Lösung für das Rätsel finden würde, wer denn sonst?“

„Na gut, Sir. Reim‘ mir das so zusammen: Der Wolf ist einfach abgehauen, wollte auch mal spazieren gehen!“

An der herzlichen Art und Weise, wie Thomas und seine Frau über den Scherz lachten, konnte ich erkennen, dass er das nicht zum ersten Mal gesagt hatte und dass die ganze Erklärung bloß ein dummer Witz war. Im Witze machen konnte ich dem alten Thomas nicht das Wasser reichen, aber ich wusste einen sicheren Weg, mich seiner Sympathie weiter zu versichern und sagte:

„Nun, Herr Bilder, wir wollen diesen halben Sovereign als von Ihnen bereits verdient betrachten und der dazugehörige Bruder soll Ihnen gehören, wenn Sie mir sagen, was wohl als nächstes passieren wird.“

„Habt völlig Recht, Sir“, sagte er plötzlich. „Werdet mir nicht den Spaß verübeln, wo ich mit Euch gemacht habe. Aber die Alte dort hat immer gezwinkert, da hab ich‘s nicht lassen können.

„Was denn, ich? Nie und nimmer!“, protestierte seine Frau.

„Ich denk‘ man so: Der Wolf lümmelt jetzt irgendwo rum. Der Gärtner, der sich auf einmal genau erinnern will, sagt, der ist schneller wie ein Pferd nach Norden galoppiert. Glaub‘ ihm nicht ganz. Denn seht mal, Sir, das kann kein Wolf und auch kein Hund nicht; die sind doch überhaupt nicht für so was gebaut. Wölfe im Märchen, ja, das sind ziemlich nette Kerle. Ich glaub‘ auch gerne, wenn sie in Rudeln kommen und alles angreifen, was noch ängstlicher ist wie sie, mit ein schreckliches Gejaule was auch immer zerreißen. Aber mein Gott, in echt ist ein Wolf ein sehr erbärmliches Geschöpf, nicht halb so schlau und mutig wie ‘n braver Hund, und nicht ein Achtel so schneidig. Dieser kann nicht kämpfen, der kann nicht mal auf sich selbst aufpassen. Wird wohl durch den Park streifen und schnüffeln und, wenn er überhaupt denkt, suchen, wo er an ein Frühstück kommt. Oder rennt irgendwo auf einen Hof und sperrt sich im Kohlenkeller ein. Mein Gott, wie wird sich die Köchin erschrecken, wenn sie herunterkommt, und dann seine grünen Augen in der Dunkelheit! Wenn er nix zu fressen kriegt, muss er sich selber kümmern; vielleicht bricht er in ‘ne Metzgerei ein. Wenn er‘s nicht schafft und im Park einen einsamen Kinderwagen findet, wo sich das Mädchen mit ihrem Soldaten vergnügt, wen wundert‘s, wenn bei der Volkszählung ein Baby fehlt. – Das ist alles.“

Ich reichte ihm die andere Hälfte des Sovereigns hin, als etwas vor dem Fenster erschien und Herr Bilders Gesicht sich überrascht in die Länge zog.

„Gott bewahre!“, sagte er. „Wenn das nicht der alte Beseker ist, wo von selbst nach Hause kommt!“

Er ging zur Tür und öffnete sie. Das war mir gar nicht recht. Von je her war ich nämlich davon überzeugt, dass ein wildes Tier nie besser aussieht, als wenn ein solides Hindernis zwischen ihm und mir liegt. Und was ich jetzt erlebte, hat diese Überzeugung eher gestärkt als geschwächt.

Übrigens scheint diese Unvorsichtigkeit Gewohnheit zu sein, denn Thomas und seine Frau fürchteten sich überhaupt nicht mehr vor dem Tier, als ich mich vor einem großen Hund gefürchtet hätte. Die Kreatur selbst war so friedlich und gut erzogen wie der Vater aller Märchenbuchwölfe – Rotkäppchens ehemaliger Freund, als er verkleidet um ihr Vertrauen buhlte.

Die ganze Begebenheit war eine unaussprechliche Mischung aus Komik und Dramatik. Der böse Wolf, der ganz London vor Furcht einen halben Tag lang lahmgelegte und Kinder in der ganzen Stadt vor Angst hat zittern lassen, war reumütig zurückgekehrt und wurde wie der verlorene Sohn empfangen und verwöhnt. Der alte Bilder betastete ihn von oben nach unten mit zärtlicher Sorge, und als er mit der Untersuchung des Büßers fertig war, sagte er:

„Hab‘ mir doch gedacht, ist der arme alte Kerl in Schwierigkeiten; habe ich es nicht die ganze Zeit gesagt? Sein ganzer Kopf ist zerschnitten und mit Glasscherben gespickt. Muss über irgendeine Mauer geklettert sein. ‘ne Schande ist das mit den Glasscherben auf ‘ner Mauer! – Nun wisst Ihr, was passiert ist. Komm mit, Beseker!“

Er packte den Wolf und schob ihn in einen Käfig. Dann warf er ihm ein Stück Fleisch vor, von der Größe eines gemästeten Kalbes wie mir schien, und trollte sich danach zu seinem Direktor, die Neuigkeit zu vermelden.

Auch ich ging, um die einzigartige Nachricht zu vermelden, die es heute über die seltsame Eskapade im Zoo geben wird.

––––––


1 Der London Zoo am nördlichen Ende des Regent’s Park wurde 1828 als Sammlung von Tieren für wissenschaftliche Studien eröffnet und war zunächst nur Mitgliedern der Zoologischen Gesellschaft zugänglich; für die Öffentlichkeit wurde er 1847 geöffnet.

2 Sovereign ist eine englische Goldmünze im Wert von einem Pfund Sterling.

3 Charles Jamrach (1815-1891) war ein führender Händler von Wildtieren, Vögeln und Muscheln im London des 19. Jahrhunderts. Er besaß die exotische Zoohandlung Jamrachʼs am Ratcliffe Highway im Osten Londons, damals der größte derartige Laden der Welt.

Bram Stoker: Dracula, aus Kapitel 11; Übersetzung: G. E.

 

Am Ende seines Interviews mit dem Tierpfleger erscheint der vermisste Wolf am Fenster von Thomas Bilders Cottage. Nachdem der Reporter sich vom ersten Schrecken erholt hat, beschreibt er das Tier folgendermaßen:

 

The animal itself was as peaceful and well-behaved as that father of all picture-wolves—Red Riding Hood’s quondam friend, whilst moving her confidence in masquerade.

Die Kreatur selbst war so friedlich und gut erzogen wie der Vater aller Märchenbuchwölfe – Rotkäppchens ehemaliger Freund, als er verkleidet um ihr Vertrauen buhlte.

Chapter XI

Der englische Text folgt der Edition The Project Gutenberg EBook of Dracula, by Bram Stoker. Release Date: August 16, 2013 [EBook #345]; deutsche Übersetzung von G. Eversberg.

 

LONDON UND UMGEBUNG. HANDBUCH FÜR REISENDE VON K. BÆDEKER. Mit 3 Karten und 30 Plänen und Grundrissen. VIERZEHNTE AUFLAGE. LEIPZIG 1901.

 

 

Obwohl dem Roman ein auktorialer oder personaler Erzähler fehlt, steuert der Autor den jeweiligen Wissenstand des Lesers durch Anspielungen oder versteckte Hinweise, sie deuten auf ein Wissen hin, über das der jeweilige Protagonist der Handlung in seinen Texten (Tagebucheintragungen, Mitschriften von phonographischen Aufnahmen, Briefen und Zeitungsartikeln) zur Zeit der Niederschrift nicht verfügt.

Mit der Erwähnung des Märchens von Little Red Riding Hood verweist Stoker auf einen Subtext, den er als zusätzliche, implizite Bedeutungsebene den Aktionen des Vampir-Grafen und seiner Jäger unterlegt. Eine exemplarische Analyse des Rotkäppchen-Motivkomplexes der englischen Kinderliteratur des 19. Jahrhunderts bildet die Grundlage für das Verständnis der Verführung und Tötung Lucy Westenras und der ebenfalls von Dracula missbrauchten Mina Harker sowie der Jagd auf Dracula und seiner endgültigen Vernichtung.

 

Der transsilvanische Vampir Graf Dracula hat sich mit Jonathan Harkers Unterstützung das Anwesen Carfax in Purfleed, östlich von London, als Refugium einrichten lassen. Von hier aus will er eine Gefolgschaft von Un-Toten erzeugen und mit ihnen die Welt beherrschen. Sein erstes Opfer ist Lucy Westenra, Freundin von Harkers Verlobter Mina Murray, der er so lange das Blut aussaugt, bis sie stirbt und zum Vampir wird.

Der Vampirjäger Doktor Van Helsing kann Lucy zwar nicht retten, aber er weiß viel über den Vampirismus und nimmt mit einer Gruppe Verbündeter den Kampf gegen den Grafen auf. Zwar sorgt Stoker dafür, dass alle handelnden Personen die Texte der anderen lesen, um Missverständnisse zwischen ihnen zu vermeiden, trotzdem finden sich Beispiele für unzuverlässiges Erzählen.

 

 

Die Romanhandlung Teil 1

Der Roman beginnt mit Jonathan Harkers Reise von England nach Siebenbürgen. Als frisch examinierter Anwalt wird er von seiner Kanzlei beauftragt, Verträge mit einem gewissen Grafen Dracula zu schließen, der Immobilien in England gekauft hat. Harkers Reise führt mit dem Zug über München, Budapest und Klausenberg (Cluj) in die siebenbürgische Stadt Bistritz (Bistrița). In Bistritz wird er vor Vampiren gewarnt. Von dort fährt er per Postkutsche zum Borgo-Pass, wo er von einer Kalesche empfangen wird, deren Kutscher ihn zum Schloss seines Gastgebers bringt.

Harker wartet vor der Schlosstür, bis Dracula ihn mit „Treten Sie frei und aus eigenem Willen ein!“ und „Ich bin Dracula“ begrüßt. Sie diskutieren in mehreren Nächten Draculas Pläne für einen Umzug nach England und legen Details über sein Anwesen in Purfleet (Carfax) fest.

Dracula erzählt Harker von seiner Abstammung und erinnert sich an alte Schlachten, bei denen er seine Heimat und ganz Europa gegen türkische Invasoren verteidigt hat. Nach ein paar Tagen erkennt Harker, dass sein Klient kein gewöhnlicher Sterblicher ist. So wirft der Graf kein Spiegelbild und kriecht wie eine Fledermaus außen die Burgmauer hinunter. Bald stellt Harker zu seiner Bestürzung fest, dass er in der Burg gefangen gehalten wird, während Dracula in der Zwischenzeit Pläne verfolg, seinen Wohnsitz zu verlassen, um sich in England niederzulassen. Drei Vampirfrauen beginnen, Harker zu küssen und wollen ihm das Blut aussaugen, als der Graf mit den Worten „Dieser Mann gehört mir“ eingreift. Dann wirft er den Frauen ein Baby zum Aussaugen vor.

Dracula erlaubt Harker scheinbar, das Schloss zu verlassen, aber Wölfe halten ihn davon ab. Sie haben vorher im Auftrage des Grafen die Mutter des geraubten Säuglings zerrissen. Harker entdeckt bei einer nächtlichen Untersuchung des Schlosses, dass Dracula bewegungsunfähig in einem Sarg liegt, den er mit Erde gefüllt im Kellergewölbe des Schlosses findet. Vergeblich versucht er, den Unhold zu erschlagen. Die drei blutgierige erotische Weiber bedrohen Harkers Leben. Er plant seine Flucht und sieht, wie der Graf von Zigeunern in einem Sarg aus dem Schloss geschafft wird.

Harkers Verlobte Mina Murray verbringt die Sommerferien bei ihrer Freundin Lucy Westenra, die mit ihrer Mutter in Whitby zur Sommerfrische weilt. Lucy erhält drei Heiratsanträge von Dr. John Seward, einem Irrenarzt, von Quincey Morris, einem Amerikanischen Abenteurer und und von dessen Freund Arthur Holmwood, dem Sohn von Lord Godalming. Lucy nimmt Holmwoods Antrag an und weist Seward und Morris ab, aber alle bleiben Freunde. Dr. Sewards behandelt in der von ihm geleiteten Anstalt den Patient Renfield, einen wahnsinnigen Mann, der Insekten, Spinnen und Vögel isst, um ihre Lebenskraft einzusaugen. Renfield ist in der Lage, Draculas Anwesenheit zu erkennen und liefert dementsprechende Hinweise, die von Dr. Seward zunächst aber nicht verstanden werden.

In Whitby treffen Lucy und Mina auf einen alten Matrosen namens Mr. Swales, der den christlichen Glauben verspottet, der physische Körper werde nach dem Tod auferstehen. Im Irrenhaus züchtet Renfield Fliegen und Spinnen. Mina ist besorgt, denn sie hat nichts von Jonathan gehört, während Lucy ihre alte Gewohnheit aus Kindertagen, das Schlafwandeln, verstärkt wieder aufgenommen hat.

Dracula wird im Hafen von Varna in seiner Kiste mit 49 weiteren, die Erde enthalten, auf den russischen Schoner Demeter verladen. Das Schiff läuft nach stürmischer Fahrt im Hafen von Whitby im Nordosten Englands auf Grund. Das Logbuch des Kapitäns berichtet vom allmählichen Verschwinden der gesamten Besatzung, bis der Kapitän sich selbst an das Ruder bindet, um Kurs zu halten. Ein Tier, das einem großen Hund ähnelt, wird dabei beobachtet, wie es an Land springt. Später erfährt man, dass Dracula erfolgreich mehrere Ländereien in London unter dem Pseudonym Count De Ville erworben und dort die mit der Heimaterde gefüllten Kisten verteilt hat.

Lucy fällt – von den anderen unbemerkt – Dracula zum Opfer und zeigt danach Anzeichen zunehmender Schwäche. Dr. Seward kann ihre Krankheit nicht diagnostizieren und bittet seinen ehemaligen Professor und Mentor Dr. Abraham Van Helsing aus Amsterdam um Hilfe, einem Spezialisten für seltene Blutkrankheiten. Doch trotz der Bemühungen der Männer (alle vier spenden Blut für das kranke Opfer) wird Lucy schwächer und stirbt schließlich.

Van Helsing versucht, Lucy mit Knoblauch zu schützen, aber Lucys Mutter entfernt den Knoblauch aus ihrem Zimmer. Während beide Ärzte abwesend sind, werden Lucy und ihre Mutter von einem Wolf angegriffen und Frau Westenra, die an einer Herzerkrankung leidet, stirbt vor Entsetzen. Die Ärzte finden zwei kleine Einstiche an Lucys Hals, die Dr. Seward nicht erklären kann. Nachdem auch Lucy gestorben ist, legt Van Helsing ein goldenes Kruzifix über ihren Mund, um Lucys vampirische Verwandlung zu verzögern oder zu verhindern. Draculas Biss hat jedoch dafür gesorgt, dass sie eine „Un-Tote“ wird und ihr Grabmal verlässt, um kleine Kinder auszusagen. Van Helsing, der weiß, dass Lucy ein Vampir geworden ist, vertraut sich Arthur, Seward und Morris an und führt die Männer in ihr Grab, wo sie ihre vampirische Existenz beenden, indem sie einen hölzernen Pfahl durch ihr Herz bohren.

 

 

II. Kann Dracula sich in einen Wolf verwandeln?

 

Den Name Berserker für einen Wolf verwendet Graf Dracula bereits gegenüber Jonathan Harker in seiner autobiographischen Selbst-Charakterisierung; darin erwähnt er auch Werwölfe:

“We Szekelys1 have a right to be proud, for in our veins flows the blood of many brave races who fought as the lion fights, for lordship. Here, in the whirlpool of European races, the Ugric tribe2 bore down from Iceland the fighting spirit which Thor3 and Wodin4 gave them, which their Berserkers5 displayed to such fell intent on the seaboards of Europe, ay, and of Asia and Africa too, till the peoples thought that the were-wolves6 themselves had come.

„Wir Szekler haben ein Recht darauf, stolz zu sein, denn in unseren Adern fließt das Blut von vielen tapferen Rassen, die wie die Löwen um die Herrschaft gekämpft haben. Aus Island hierher, in den Strudel der europäischen Rassen, trug der ugrische Volksstamm seinen Kampfgeist, den er von Thor und Wodin empfangen hat, und den ihre Berserker mit grausam Entschlossen-heit an den Küsten von Europa, ja sogar von Asien und Afrika bewiesen haben. So sehr, dass die Leute meinten, die Werwölfe selber seinen gekommen.

Chapter III

1 Die Szekler sind eine Bevölkerungsgruppe im Osten Siebenbürgens im Zentrum Rumäniens. Ihre angebliche awarische, hunnische, gepidische oder rumänische Herkunft ist umstritten. Seit dem späten Mittelalter sind Szekler in den Aufgeboten der ungarischen Könige und siebenbürgischen Fürsten vertreten. Die Rechtsgemeinschaft der Szekler besaß in vielen Lebensbereichen eine mit den Siebenbürger Sachsen vergleichbare Autonomie. Bis ins frühe 18. Jahrhundert fungierten sie in den ihnen zugewiesenen Teilen des Königreichs Ungarn als „Grenzwächter“. Da die Szekler seit dem Mittelalter über vom ungarischen König garantierte Privilegien verfügten, betonten sie stets ihre eigene Identität.

2 Mit dem Begriff finno-ugrische Völker werden Bevölkerungen oder Menschengruppen bezeichnet, die finno-ugrische Sprachen verwenden.

3 Thor im Norden oder Donar bei den kontinentalen germanischen Völkern ist der „Donnerer“, der Gewitter- und Wettergott. In den mythologischen Schriften der Edda hatte er die Aufgabe des Beschützers von Midgard, der Welt der Menschen.

4 Odin oder südgermanisch Wōdan ist der Hauptgott in der nordischen Mythologie der eddischen Dichtung. Dort fungiert er als Göttervater, Kriegs- und Totengott, als ein Gott der Dichtung und Runen, der Magie und Ekstase mit deutlich dämonisch-schamanischen Zügen.

5 Als Berserker wird in mittelalterlichen skandinavischen Quellen ein im Rausch kämpfender Mensch bezeichnet, der keine Schmerzen oder Wunden mehr wahrnimmt und wie ein Bär oder Wolf kämpft. In den nordischen Sagas wird dies oft mit der Verwandlung von Werwölfen in Verbindung gebracht.

6 Ein Werwolf ist in Mythologie, Sage und Dichtung ein Mensch, der sich in einen Wolf verwandeln kann.

 

Im 18. Kapitel trägt Van Helsing seinen Kenntnisstand vom Wesen der Vampire den Kameraden vor:

The vampire live on, and cannot die by mere passing of the time; he can flourish when that he can fatten on the blood of the living. Even more, we have seen amongst us that he can even grow younger; that his vital faculties grow strenuous, and seem as though they refresh themselves when his special pabulum is plenty. But he cannot flourish without this diet; he eat not as others. Even friend Jonathan, who lived with him for weeks, did never see him to eat, never! He throws no shadow; he make in the mirror no reflect, as again Jonathan observe. He has the strength of many of his hand—witness again Jonathan when he shut the door against the wolfs, and when he help him from the diligence too. He can transform himself to wolf, as we gather from the ship arrival in Whitby, when he tear open the dog; he can be as bat, as Madam Mina saw him on the window at Whitby, and as friend John saw him fly from this so near house, and as my friend Quincey saw him at the window of Miss Lucy. He can come in mist which he create—that noble ship’s captain proved him of this; but, from what we know, the distance he can make this mist is limited, and it can only be round himself. He come on moonlight rays as elemental dust—as again Jonathan saw those sisters in the castle of Dracula. He become so small—we ourselves saw Miss Lucy, ere she was at peace, slip through a hairbreadth space at the tomb door. He can, when once he find his way, come out from anything or into anything, no matter how close it be bound or even fused up with fire—solder you call it. He can see in the dark—no small power this, in a world which is one half shut from the light. Ah, but hear me through. He can do all these things, yet he is not free. Nay; he is even more prisoner than the slave of the galley, than the madman in his cell. He cannot go where he lists; he who is not of nature has yet to obey some of nature's laws – why we know not. He may not enter anywhere at the first, unless there be some one of the household who bid him to come; though afterwards he can come as he please. His power ceases, as does that of all evil things, at the coming of the day. Only at certain times can he have limited freedom. 

Der Vampir stirb nicht nach einem ihm zugemessenen Zeitraum; er lebt weiter und immer weiter; ja er gedeiht prächtig, wenn er sich mit dem Blut der Lebenden mästen kann. Mehr noch, wir haben mit eigenen Augen gesehen, dass er sich sogar verjüngen kann; dass seine Lebenskräfte beängstigend gedeihen, wenn sein besonderes Nährmittel reichlich vorhanden ist. Ohne diese Diät aber kann er nicht gedeihen, denn er nimmt keine Nahrung zu sich wie andere Lebewesen. Selbst Freund Jonathan, der wochenlang bei ihm lebte, sah ihn niemals etwas essen! Er wirft keinen Schatten; er hat kein Spiegelbild, wie Jonathan ebenfalls beobachten konnte. In ihm steckt die Kraft vieler starker Männer, wie es wiederum Jonathan bezeugen kann, der sah, wie er die Haustür gegen die Wölfe verschloss und der es am eigenen Leib spürte, wie er ihm von der Kutsche herunter half. Er kann sich in einen Wolf verwandeln, wie wir von der Ankunft des Schiffes in Whitby wissen, als er einen Hund zerriss. Er kann die Gestalt einer  Fledermaus annehmen, wie Madam Mina ihn am Fenster von Whitby beobachte, was auch Johnathan und Quincey bestätigt haben, die ihn aus seinem Versteckt und bis vor das Fenster von  Miss Lucy flattern sahen. Er kann Nebel erzeugen und sich darin verhüllen, wie es der mutige Schiffskapitän bezeugte. Aber nach allem, was wir wissen, ist die Wirkung dieses Nebels nur auf seine unmittelbare Umgebung begrenzt. Er kam als elementarer Staub auf den Strahlen des Mondlichts tanzen – so hat es Jonathan bei seinen Schwestern im Schloss von Dracula gesehen. Er kann sich ganz klein machen – wir selbst sahen Miss Lucy durch einen haarbreiten Spalt an der Tür in die Gruft schlüpfen. Er kann, wenn er einmal seinen Weg gefunden hat, aus allem heraus- oder in irgendetwas hineinkommen, egal wie fest es verschlossen oder gar verlötet ist. Er kann im Dunkeln sehen – was nichts geringes in einer Welt ist, in deren einer Hälfte die Macht der Finsternis regiert. Aus alle dem schließe ich: Er kann all diese Dinge tun, aber er ist nicht frei. Nein; er ist noch gefangener als der Sklave der Galeere, als der Verrückte in seiner Zelle. Er kann nicht überall hingehen, wo er will. Obwohl er nicht Teil der natürlichen Welt ist, muss dennoch einigen Gesetzen der Natur gehorchen – wir wissen nicht warum. Er darf nirgendwo eintreten, es sei denn, jemanden aus dem Haus lädt ihn ein; danach kann er kommen, wann er will. Seine Macht endet wie alles Böse mit dem Anbruch des Tages. Nur zu bestimmten Zeiten genießt er begrenzte Freiheiten.

Chapter XVIII

 

Die Aussage „Er kann sich in einen Wolf verwandeln, wie wir von der Ankunft des Schiffes in Whitby wissen, als er einen Hund zerriss“ ist aus dem Bericht in THE DAILYGRAPH vom 9. August abgeleitet, in dem es heißt:

A good deal of interest was abroad concerning the dog which landed when the ship struck, and more than a few of the members of the S. P. C. A.1, which is very strong in Whitby, have tried to befriend the animal. To the general disappointment, however, it was not to be found; it seems to have disappeared entirely from the town. It may be that it was frightened and made its way on to the moors, where it is still hiding in terror. There are some who look with dread on such a possibility, lest later on it should in itself become a danger, for it is evidently a fierce brute. Early this morning a large dog, a half-bred mastiff belonging to a coal merchant close to Tate Hill Pier, was found dead in the roadway opposite to its master’s yard. It had been fighting, and manifestly had had a savage opponent, for its throat was torn away, and its belly was slit open as if with a savage claw. 

Ein großes Interesse galt dem Hund, der hier anlandete, als das Schiff aufsetzte, und nicht wenige aus dem Tierschutzverein, der in Whitby viele Mitglieder hat, wollten sich um das Tier kümmern. Zur allgemeinen Enttäuschung war der Hund jedoch nicht zu finden; er scheint vollständig aus der Stadt verschwunden zu sein. Es kann sein, dass er so verängstigt ist, dass er sich im Moor versteckt hat. Einige fürchten, er könne zu einer Gefahr für sie werden, da sie ihn für ein grimmiges Untier halten. Am frühen Morgen wurde ein großer Hund, eine Bulldog-Mischling eines Kohlehändlers in der Nähe des Tate Hill Pier, tot auf der Fahrbahn gegenüber dem Hof seines Herrn gefunden. Es hatte gekämpft und offensichtlich einen wilden Gegner gehabt, denn seine Kehle war aufgerissen, und sein Bauch war aufgeschlitzt wie mit einer alles zerfleischende Kralle.

Chapter VII

1Society for the Prevention of Cruelty to Animals.

 

Der Text spricht ausdrücklich von einem Hund und nicht von einem Wolf. Dass Graf Dracula Wölfen befehlen kann, zeigen zwei Textstellen. Zunächst ruft er die Wölfe in sein Schloss, um die Mutter zu beseitigen, die ihn wegen des entführten Kindes anklagt. Jonathan Harker beschreibt diese Szene folgendermaßen:

She threw herself on her knees, and raising up her hands, cried the same words in tones which wrung my heart. Then she tore her hair and beat her breast, and abandoned herself to all the violences of extravagant emotion. Finally, she threw herself forward, and, though I could not see her, I could hear the beating of her naked hands against the door.

Somewhere high overhead, probably on the tower, I heard the voice of the Count calling in his harsh, metallic whisper. His call seemed to be answered from far and wide by the howling of wolves. Before many minutes had passed a pack of them poured, like a pent-up dam when liberated, through the wide entrance into the courtyard.

There was no cry from the woman, and the howling of the wolves was but short. Before long they streamed away singly, licking their lips.

I could not pity her, for I knew now what had become of her child, and she was better dead.

What shall I do? what can I do? How can I escape from this dreadful thing of night and gloom and fear? 

Sie warf sich auf die Knie, hob ihre Hände empor und schrie in herzzerreißendem Ton immer dieselben Worte. Sie raufte sich das Haar, schlug an ihre Brust und gab sich hemmungslos dem Schmerz und der Verzweiflung hin. Schließlich sprang sie auf und verschwand aus meinem Gesichtsfeld, doch ich konnte hören, wie sie mit bloßen Händen an das Tor schlug.

Irgendwo hoch oben vom Turm, hörte ich die raue, schneidige Stimme des Grafen. Von nah und fern antwortete das Heulen der Wölfe. Kurz danach ergoss sich wie nach einem Dammbruch ein ganzes Rudel durch den weiten Eingang in den Schlosshof.

Von der Frau war kein Laut zu hören und nur die Wölfe heulten kurz auf. Kurz danach stahlen sie sich die Lefzen leckend einzeln davon.

Ich fühlte kein Mitleid, denn ich wusste jetzt, was mit ihrem Kind passiert war. Für sie bedeutete der Tod eine Erlösung.

Was soll ich machen? Was kann ich überhaupt tun? Wie kann ich diesem entsetzlichen Wirrwarr von Nacht, Trübsinn und Grauen entkommen?

Chapter IV

 

Graf Dracula erwähnt diese Untat gegenüber dem Tierwärter im Zoo, wo er sich mit ihm über Wölfe unterhält: „Eigentlich mache ich mit denen keine Geschäfte. Aber ich habe schon mal von ihnen Gebrauch gemacht.“

Bei der Verführung von Lucy Westenra benötigt der Graf ebenfalls Unterstützung. Zunächst kann er die junge Frau auf dem Kirchhof von Whitby beißen und ihr Blut aussaugen, da er direkt neben der Bank für die Nacht einen Ruheplatz im Grab eines Selbstmörders findet. Später kann er Lucys Zimmer durch das Fenster betreten, da sie ihn im Zustand der Schlafwandlerin hereinbittet. Als aber Van Helsing die Ursache von Lucys Schwäche im Vampirismus erkannt und Schutzmaßnahmen eingeleitet hat, ist dem Grafen der Zugang durch das Fenster versperrt. Deshalb sucht er Unterstützung durch einen Wolf des Zoologischen Gartens. Dracula, der ja über starke Kräfte verfügt, verbiegt die Gitterstäbe des Käfigs und befiehlt dem Berserker genannten Wolf, zum nur ca. 7 km entfernten Haus der Westenra's zu laufen und in Lucys Zimmer zu springen. Dabei wird die Scheibe zerstört und der Knoblauch beseitigt, der Dracula den Zugang zu dem Mädchen versperrt. Dies erklärt auch die Glassplitter, die der Tierpfleger nach der Rückkehr Berserkers in dessen Fell entdeckt.

 

 

III. Little Red Riding Hood und Rotkäppchen

 

Durch den Hinweis auf Rotkäppchen deutet Stoker an, wie er Motive des Märchens vor allem der englischen Tradition des 19. Jahrhunderts für die Konzeption seiner Erzählung von den Untaten des Grafen und der Jagd auf ihn verwendet hat.

Die Erzählung von Rotkäppchen und dem Wolf (englisch Little Red Riding Hood) besteht aus einer Reihe von Motiven, die 1697 erstmals von Charles Perrault unter dem Titel „Le petit chaperon rouge“ erzählt wurden. Ein kleines Mädchen, das im Englischen nach einem Cape, wie es Reiter tragen, benannt wurde, wird von ihrer Mutter zur bettlägerig kranken Großmutter geschickt, der in einem Haus im Wald wohnt, um ihr einen Korb mit Lebensmitteln zu bringen. Im Deutschen ist das Käppchen eine Kapuze und wird – etwa bei den Versionen der Brüder Grimm – im Englischen als Red-Cap übersetzt. Die Mutter warnt Rotkäppchen, es solle nicht vom Weg abgehen. Im Wald spricht sie ein Wolf an und horcht das Mädchen aus, dann läuft er zur Großmutter und frisst sie. Er legt sich in deren Nachthemd in ihr Bett und wartet auf Rotkäppchen. Das Mädchen betritt das Haus und wird vom Wolf ins Bett gelockt, wo er es verschlingt.

Die vergleichende Märchenforschung hat herausgearbeitet, dass Perraults literarisches Märchen „von den Geschichten über Wehrwölfe abgeleitet“ wurde, „die in der Touraine, wo seine Mutter aufwuchs, umgingen. Im Jahre 1598 gab es dort den sensationellen Fall des Jacques Raollet, den man in Angers (Touraine) verurteilte, weil er vorgeblich als Werwolf Kinder angegriffen und getötet hatte. Raolett wandte sich an das Parlament von Paris um Berufung und wurde für geisteskrank erklärt und im Hospital Saint Germaine des Prez untergebracht.“ (Jack Zipes: Rotkäppchens Lust und Leid. Frankfurt am Main 1985, S. 19.)

Zu den Motiven, die Perrault nicht übernommen oder veredelt hat, gehören folgende Motive der Grausamkeit, die sich in der mündlichen Tradition des ganzen 19. Jahrhunderts durchgehalten haben und sogar in einer gedruckten Fassung 1885 in Frankreich erschien:

„– das Motiv der Grausamkeit – wahrscheinlich eine Reflexion der ‚primitiven Struktur‘

– das Motiv des Bluts und Fleisches der Großmutter, die im Brotkasten sind, und die das kleine Mädchen essen soll,

– das Motiv des ‚vertrauten Tieres‘ – eine Katze oder ein Vogel (oder eine mysteriöse Stimme), die das Kind darüber informieren, was es gerade ißt;

– die Episode des ‚Entkleidungs-Rituals‘, eine Art Rotkäppchen-Striptease, das jedesmal, wenn es ein Kleidungsstück ablegt, den Wolf fragt, wohin es dies legen soll, was zu einer zweideutigen oder offen–drohenden Antwort des grausa­men Tieres führt;

– und als letztes das ‚happy end‘ einer besonderen Kategorie dieser Erzähltradition, die auf einem obszönen Nebenton basiert – der ‚Fesseln, die gelockert werden‘: das kleine Mädchen tut so, als ob es dringend aufs Klo müßte, ein Vorwand, um vor dem Monster fliehen zu können.“ (S. 20)

 

„Le Conte de la mère–grand“ ist eine Variante von Rotkäppchen, die um 1870 vom Volkskundler Achille Millien im Nivervais gesammelt und von Paul Delarue in „Le Conte populaire français“ (Maisonneuve et Larose) veröffentlicht wurde.

C'était un femme qui avait fait du pain. Elle dit à sa fille :
– Tu vas porter une époigne toute chaude et une bouteille de lait à ta grand. Voilà la petite fille partie. A la croisée de deux chemins, elle rencontra le bzou qui lui dit :
– Où vas–tu ?
– Je porte une époigne toute chaude et une bouteille de lait à ma grand.
– Quel chemin prends–tu ? dit le bzou, celui des aiguilles ou celui des épingles ?
– Celui des aiguilles, dit la petite fille.
– Eh bien ! moi, je prends celui des épingles.
La petite fille s'amusa à ramasser des aiguilles.
Et le bzou arriva chez la Mère grand, la tua, mit de sa viande dans l'arche et une bouteille de sang sur la bassie.

La petite fille arriva, frappa à la porte.
– Pousse la porte, dit le bzou. Elle est barrée avec une paille mouillée.
– Bonjour, ma grand, je vous apporte une époigne toute chaude et une bouteille de lait.
– Mets–les dans l'arche, mon enfant. Prends de la viande qui est dedans et une bouteille de vin qui est sur la bassie.

Suivant qu'elle mangeait, il y avait une petite chatte qui disait :
– Pue !... Salope !... qui mange la chair, qui boit le sang de sa grand.
– Déshabille–toi, mon enfant, dit le bzou, et viens te coucher vers moi.
– Où faut–il mettre mon tablier ?
– Jette–le au feu, mon enfant, tu n'en as plus besoin.

Et pour tous les habits, le corset, la robe, le cotillon, les chausses, elle lui demandait où les mettre. Et le loup répondait : "Jette–les au feu, mon enfant, tu n'en as plus besoin."

Quand elle fut couchée, la petite fille dit :
– Oh, ma grand, que vous êtes poilouse !
– C'est pour mieux me réchauffer, mon enfant !
– Oh ! ma grand, ces grands ongles que vous avez !
– C'est pour mieux me gratter, mon enfant !
– Oh! ma grand, ces grandes épaules que vous avez !
– C'est pour mieux porter mon fagot de bois, mon enfant !
– Oh ! ma grand, ces grandes oreilles que vous avez !
– C'est pour mieux entendre, mon enfant !
– Oh ! ma grand, ces grands trous de nez que vous avez !
– C'est pour mieux priser mon tabac, mon enfant !
– Oh! ma grand, cette grande bouche que vous avez !
– C'est pour mieux te manger, mon enfant !
– Oh! ma grand, que j'ai faim d'aller dehors !
– Fais au lit mon enfant !
– Au non, ma grand, je veux aller dehors.
– Bon, mais pas pour longtemps.

Le bzou lui attacha un fil de laine au pied et la laissa aller.
Quand la petite fut dehors, elle fixa le bout du fil à un prunier de la cour. Le bzou s'impatientait et disait : "Tu fais donc des cordes ? Tu fais donc des cordes ?"
Quand il se rendit compte que personne ne lui répondait, il se jeta à bas du lit et vit que la petite était sauvée. Il la poursuivit, mais il arriva à sa maison juste au moment où elle entrait.

Paul Delarue, Marie–Louise Ténèze (Hg.): Le conte populaire français: catalogue raisonné des versions de France et des pays de langue française d'outre–mer: Canada, Louisiane, îlots français des États–Unis, Antilles françaises, Haïti, Ile Maurice, La Réunion, Band 1. Paris:Érasme, 1957.

Es war einmal eine Frau, die Brot gebacken hatte. Sie sagte zu ihrer Tochter:
– Gehe und bring diesen warmen Brotlaib und eine Flasche Milch zu deiner Großmama. Sogleich machte sich das Mädchen auf den Weg. An einer Kreuzung sie den Werwolf Bzou, der zu ihr sagte:
– Wohin gehst du?
– Ich bringe einen warmen Brotlaib und eine Flasche Milch zu meiner Großmama.
– Welchen Weg nimmst du? fragte der Bzou, den der Nähnadeln oder den der Stecknadeln?
"Den Nähnadelweg", sagte das kleine Mädchen.
– Na gut! Dann nehme ich den Stecknadelweg.
Das kleine Mädchen vergnügte sich damit, Nähnadeln zu sammeln.
Bzou kam am Haus der Großmutter an, töteten sie, legten etwas von ihrem Fleisch in den Geschirrschrank und stellte eine Flasche Blut auf das Regal.

Das kleine Mädchen kam an und klopfte an die Tür.
– Drück die Tür auf, sagte der Bzou. Sie wird nur mit nassem Stroh gehalten.
– Guten Tag, Großmutter, ich bringe dir einen warmen Brotlaib und eine Flasche Milch.
– Leg sie in Geschirrschrank, mein Kind. Nimm dir etwas von dem Fleisch, das darinnen ist, und die Flasche Wein aus dem Regal.

Nachdem sie gegessen hatte, sagte eine kleine Katze:
– Pfui! ... Schlampe! ... die das Fleisch ihrer Großmutter frisst, die ihr Blut trinkt.
– Zieh dich aus, mein Kind, sagte der Bzou, komm und schlaf mit mir.
– Wo soll ich meine Schürze hinlegen?
– Wirf sie ins Feuer, mein Kind, du brauchst sie nicht mehr.

Und für all ihre Sachen, das Korsett, das Kleid, den Unterrock, die Hose, fragte sie ihn, wo sie sie hinlegen sollte. Und der Wolf antwortete: "Wirf sie ins Feuer, mein Kind, du brauchst sie nicht mehr."

Als sie im Bett lag, sagte das kleine Mädchen:
– Großmutter, wie behaart du bist!
– Um so besser kann ich mich mich aufzuwärmen, mein Kind!
– Großmutter, was für große Nägel du hast!
– Um mich besser zu kratzen, mein Kind!
– Großmutter, was für breite Schultern du hast!
– Um mein Feuerholz besser zu tragen, mein Kind!
– Großmutter, was für großen Ohren du hast!
– Um dich besser zu hören, mein Kind!
– Großmutter, was für große Nasenlöcher du hast!
– Um besser meinen Tabak zu schnupfen, mein Kind!
– Großmutter, was für ein großes Maul du hast!
– Um dich besser zu fressen, mein Kind!
– Großmutter, ich muss mal schnell verschwinden!
– Mach ins Bett, mein Kind!
– Nein, Großmutter, ich möchte nach draußen gehen.
– Gut, aber mach schnell.

Der Bzou band einen Wollfaden an ihren Fuß und ließ sie gehen.
Als die Kleine draußen war, befestigte sie das Ende des Fadens an einem Pflaumenbaum im Hof. Der Bzou wurde ungeduldig und sagte: "
Kackst du etwa Fäden? Kackst du etwa Fäden"
Als er merkte, dass ihm niemand antwortete, sprang er aus dem Bett und sah, dass die Kleine geflohen war. Er jagte hinterher, erreichte ihr Haus aber gerade, als sie eben eintrat.

Übersetzung: G. Eversberg

 

Zwischen 1812 und 1857 veröffentlichten die Brüder Grimm mehrere Fassungen, in denen sie die Motive änderten und ergänzten. Großmutter und Rotkäppchen werden von einem Jäger aus dem Bauch des Wolfes befreit und leben weiter. Der Wolf kommt zu Tode. In sämtlichen Varianten dominiert der Kontrast zwischen der sicheren Welt des Dorfes und den Gefahren des Waldes. „Wie allgemein bekannt, ist das Happy-End die Hauptänderung in der Rotkäppchen-Version der Brüder Grimm. Die Grimms liehen sich dabei ein Motiv des Volksmärchens ‚Der Wolf und die sieben Geißlein‘. Ein Jäger rettet Rotkäppchen und seine Großmutter, und sie schicken sich an, den Magen des Wolfs mit Steinen zu füllen. Als der Wolf versucht, aufzuspringen und zu fliehen, stirbt er an den Steinen. Aber die Grimms begnügten sich nicht damit, daß der Wolf nur einmal getötet wird. Sie fügten zusätzlich eine Anti-Klimax-Moral dazu. Einige Zeit nach dem ersten Vorfall sprach ein anderer Wolf Rotkäppchen im Wald an. Diesmal lief sie geradewegs zur Großmutter, die sie instruierte, wie sie den Wolf ertränken könnte. Die Grimms fanden Perraults Schluß ganz offensichtlich zu gräßlich und zu sexuell. Am wichtigsten ist jedoch, daß das deutsche Rotkäppchen zu einem noch naiveren, hilfloseren und niedlicheren kleinen Mädchen verändert wurde, das für seine Missetat – deutlicher hervorgehoben als Ungehorsam und als Sinnlichkeit – bestraft werden muß. Wie auch in Perraults Geschichte kann sich das Mädchen nicht selbst in Sicherheit bringen. Während Perrault es jedoch tötet, haben es die Grimms durch einen männlichen Jäger oder Wildhüter bewahrt – das zweite Mal durch eine schlaue Großmutter. Ohne deren Schutz ist Rotkäppchen verloren und nicht in der Lage, mit befremdlichen Umständen ihrer Umgebung fertig zu werden. Dennoch müssen wir noch einmal überprüfen, warum sie überhaupt erst in dieses Dilemma versetzt wurde, denn sie trifft nie zufällig auf den Wolf. Der Grund ist – um mit dem Volksmärchen zu beginnen, daß der Wolf ausgeschickt wird, um ihr und den Märchenlesern eine Lektion zu erteilen. Ihre Degradierung und Bestrafung statuieren ein Exempel. Der Wolf symbolisiert jetzt den Teufel und ist sein mächtiger Stellvertreter – während er in der Volkstradition nicht zwangsläufig dazu verwendet wurde, ‚Sünder‘ zu bestrafen. Er war mehr eine Naturgefahr, verknüpft mit Zauberei, und er war ein sozusagen organischer Naturbestandteil.“ (Jack Zipes: Rotkäppchens Lust und Leid. Frankfurt am Main 1985, S. 35.)

 

Eine frühe englische Version mit gereimten Strophen stammt aus einem Chapbook von 1810, einem beidseitig bedruckten und zweimal gefalteten Bogen. Mit seinem klaren Text, der einfache Sprache und den großen bunten Illustrationen richtet es sich an jugendliche Leser. Die Handlung orientiert sich eng an Perraults Original und ist zwei Jahre älter als die deutsche Version der Gebrüder Grimm. In späteren Versionen wird ein „happy ending“ nach dem Vorbild der Brüder Grimm hinzugefügt, bei dem Rotkäppchen und ihre Großmutter von einem Holzhauer gerettet werden.

 

     

 

     

 

     

Little Red RidingHood, Published April 6, 1810, by J. Aldis, N°. 9 Pavement, Moorfields. British Library; 12 kolorierte Kupferstiche.

 

Die Szenenfolge dieses frühen Bilderbuchs folgt dem Märchen bei Perrault:

--- Die Mutter schickt Little Ridinghood zur kranken Großmutter.

--- Der Wolf fragt das Mädchen aus.

--- Er läuft zum Hause der Großmutter und frisst sie auf.

--- Er zieht Kleider der Großmutter an und legt sich ins Bett.

--- Als Little Ridinghood ins Haus tritt, fordert er sie auf, sich auszuziehen und zu ihm ins Bett zu kommen.

--- Das Mädchen wundert sich über das Aussehen der Großmutter.

--- Der Wolf frisst sie auf.

 

Die erotische Dimension des Märchens, auf die Perrault in seinem Nachwort ja dezidiert hinweist, war den erwachsenen Lesern in England natürlich bekannt, wie diese Illustration in einer Ausgabe von 1729 zeigt:

 

HISTORIES, OR TALES of past Times; I. The Little Red Riding-hood. [...] With MORALS. By M. PERRAULT. Translated into English. LONDON: M.DCC.XXIX,  p. 1.

 

The MORAL.

FRom this short story easy we discern

What conduct all young people ought to learn.

But above all, the growing ladies fair,

Whose orient rosy Blooms begin tʼappear:

Who, Beauties in the fragrant spring of age!

With pretty airs young hearts are apt tʼengage.

Ill do they listen to all sorts of tongues,

Since some enchant and lure like Syrens songs.

No wonder therefore ʼtis if over-powerʼd.

So many of them has the Wolf devourʼd.

The Wolf, I say, for Wolves too sure there are

Of every sort, and every character.

Some of them mild and gentle-humourʼd be

Of noise and gall, and rancour wholly free;

Who tame, familiar, full of complaisance;

Ogle and leer, languish, cajole and glance;

With luring tongues, and language wondʼrous sweet,

Follow young ladies as they walk the street,

Evʼn to their very houses and bedside,

And through their true designs they artful hide;

Yet ah! these simpring Wolves, who does not see

Most dangʼrous of Wolves in fact to be?

 

MORALITÈ

On voit ici que de jeunes enfants,

Surtout de jeunes filles,

Belles, bien faites et gentilles,

Font très mal d’écouter toute sorte de gens,

Et que ce n’est pas chose étrange

S’il en est tant que le Loup mange.

Je dis le Loup, car tous les loups

Ne sont pas de la même sorte:

Il en est d’une humeur accorte,

Sans bruit, sans fiel et sans courroux,

Qui privés, complaisants et doux,

Suivent les jeunes demoiselles

Jusque dans les maisons, jusque dans les ruelles.

Mais hélas! qui ne sait que ces loups doucereux

De tous les loups sont les plus dangereux!

Nach Charles Perrault: Le Petit Chaperon rouge.
In: Les Contes de ma mère l'Oye (1697)

Moral

Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten. Ich sage „Wolf“, aber es gibt da verschiedene Arten von Wölfen. Da gibt es solche, die auf charmante, ruhige, höfliche, bescheidene, gefällige und herzliche Art jungen Frauen zu Hause und auf der Straße hinterherlaufen. Und unglück-seligerweise sind es gerade diese Wölfe, welche die gefährlichsten von allen sind.

 

Außerdem hat Gustave Doré zwei Szenen illustriert, die auch in englischen Übersetzungen von Perraults Fassung beigegeben wurde. Die erste zeigt die Begegnung Rotkäppchens mit dem Wolf im Wald, die zweite die stark erotisierte Bettszene, von der auch eine farbige Fassung existiert.

 

      

Holzstiche, gezeichnet von G. Doré, gestochen von Pannemaker, 1880; rechts: Gustave Doré: Le Petit Chaperon rouge; Öl auf Holz um 1862. National Gallery of Victoria (NGV), Melbourne, Australia

 

Eine ebenfalls nach der Fassung von Charles Perrault ausführlich erzählte und durch einen Anhang nach Motiven der Brüder Grimm ergänzte Version, in dem Großmutter und Rotkäppchen von Holzhackern (faggot maker) befreit werden, erschien 1845.

 

LITTLE RED RIDING HOOD.

IN a little thatched cottage near the forest in Hampshire, which is called the “New Forest,” there lived a hard working, industrious couple. The husband was a faggot maker, and the wife used to spend all her spare time from her household duties in spinning thread, for these good people lived a great many years ago when there were no large towns in which thread was made by steam engines.

The cottager and his wife had only one child, a little daughter, who at the time of this story, was about eight years old.

 

She was a handy little maid, and it was her wish to do every thing she could to assist her mother. She was an early riser, getting up as soon as the sun began to shine, in order to make use of the whole daylight for her work, as the family were obliged to put out their lights when they heard the curfew bell toll. She helped her mother in getting ready her father's breakfast before he went to his work. After breakfast she was busy in putting every thing tidy and orderly in the house. She would then go on short errands for her mother; sometimes to take her father his meals to him in the forest, when he was too busy to come home; sometimes to inquire after the health of a sick neighbour: sometimes to see her good old grandmother, who lived three miles off near another part of the forest.

When she had done all her errands and whatever else her mother wished, she would then try and learn to spin, and to mend and darn her father's clothes. When she had time to spare she attended to her garden, out of which she often gathered a few herbs to present to her father for his supper, when he came home from his work hungry and tired. At other times, she was at work making little presents for her playfellows, for she was a kind and thoughtful child. She was always lighthearted and happy, and thoroughly enjoyed a good hearty game of play. All her young friends were very fond of her, and were eager to do any thing to please her.

It was the child's great delight to be useful and helpful to her parents, who were very fond of her; not because she was so useful to them, but because she was generally so very good and obedient. Her parents dearly loved her, and so did all her friends and acquaintances, and no one better than her dear old grandmother.

Her grandmother, who was old, had herself made for her a little red hood, such as was then worn in riding, which she gave to her as a present on her birth-day, when she was eight years old. It was a nice comfortable little hood, and so warm and pleasant to wear, that the little girl never went out without her red hood, when the weather was wet or cold.

The little red hood always looked so bright and smart among the green trees, that it could always be seen a long way off. When the neighbours used to spy out the red hood far off among the trees, they would say to one another, “Here comes Little Red Riding Hood,” and this was said so often, that at last, the little girl got the name of “Little Red Riding Hood,” and she was seldom called by any other name. Indeed, I have never been able to learn what her other name was. But every body knew of her by this name; and so by the name of “Little Red Riding Hood” we too will call her.

Her grandmother did many other and better things for her grandchild than making her a “hood.” She taught her how to knit, to spin, to bake bread, and to make butter how to sing, so that she might join in the music in the Church how to be good natured, and kind, and charitable how to be courageous and honest, and to speak the truth at all times how to be grateful how to love and worship God and to pray for God's blessing and providence.

This good woman fell sick, and as she had no one to sit with her and attend to her, Little Red Riding Hood, was sent to her every day for this purpose by her mother.

At last the grandmother seemed to be getting well, owing, I have no doubt, to the patient nursing of her good grandchild. Still she was very weak. It was in the Autumn of the year, when honey is taken from the hives of the bees.

This year, Little Red Riding Hood's bees had made some delicious honey, and as soon as it was put into pots, her first thought was to take some to her grandmother. Having got up very early one morning she said to her mother,

“Pray, dear mother, let me take a pot of honey to grandmother this morning,”

“So you shall,” answered the mother, “and also a nice pat of fresh butter. Put on your little red hood, and get a clean cloth for the butter, and your little basket ready,”

Little Red Riding Hood was full of glee at the thoughts of going, and was ready dressed in a few minutes, with the pot of honey and pat of butter nicely packed in the basket. She did not stay for her breakfast, but started at once, intending to breakfast with her grandmother.

The morning was beautifully bright. The sun had just risen, making the dew drops on the trees glitter and sparkle like gold; and the gossamer swung from the boughs like webs of silver. The skylarks were cherrupping over her head. The air was filled with the fragrance of the wild thyme as it crunched beneath her tread. She tripped along with a heart full of joy, not thinking of the weight of her basket, which was rather heavy for such a little girl.

When she came to a part of the forest which was rather dark and overshadowed with the trees, a very large wolf suddenly stepped out. Little Red Riding Hood was startled, but continued to walk on quickly. The wolf followed her and overtook her.

Upon coming up to her he grinned maliciously, his evil eye stared. He showed his sharp white teeth and looked most cruel and frightful. He looked as if he would eat her up. The little girl began, as you may suppose, to be frightened.

Hark! what are those sounds? It is the whistle and singing of some of the faggot makers going to their work.

How different the wolf looks now! how demure! he hides his teeth! walks gently along and seems quite another animal. The wolf, who was as cunning as he was cruel, hearing that people were near, at once changed his savage look into one of as much kindness as it was possible for him to do. Presently up came the faggot makers ; and the wolf slunk by the side of the little girl as though he were afraid of them.

“Good morning, Little Red Riding Hood,” said one of the faggot makers.

“You are up betimes. Where are you going thus early?”

“To see grandmother,” replied Little Red Riding Hood.

The wolf actually came close to the child's side, and rubbed his head against her hand as though he was very fond of her and knew her.

“Why here's a wolf!” exclaimed one of the men.

“As I am alive,” cried another, “I think it must be the very wolf that stole my sheep the other night.”

“No, upon the honour of a wolf,” said the treacherous knave very quickly; which was a falsehood, for he had stolen the man's sheep.”

“Come, let us kill him,” they all exclaimed.

“No, no, don't kill him,” said Little Red Riding Hood. “Perhaps he is innocent and I don't think he can be so very savage, for he did not touch me before you came up.”

“Well, well, child, we'll let him go this once for your sake,” said they, “but we advise him to be on his good behaviour.”

So they wished the child “good morning,” and went away.

As soon as they were gone the wolf put his paw to his heart, and said, “Many thanks, dear little friend. I am very grateful to you for your protection of me, and I will not fail to remember it. I wish you a very good morning.”

So he pretended to walk off, when suddenly, however, he returned, and he said in a soft bland tone. “I think you said you were going to see your grandmother – Where does the dear creature live?”

“In a little cottage which is covered with woodbine and jessamine, not far from Copthurst Gate,” answered Little Red Riding Hood.

“How do you get in?” said the wolf.

“By tapping at the door, and Granny, if she is at home, will tell you to pull the latch, and the door will open,”

“Good bye, good bye,” said the wolf eagerly, and ran off into the forest.

As soon as he was gone, Little Red Riding Hood began to pick some sweet purple and white violets for a nosegay for her grandmother, when she thought to herself, “I wonder why the wolf asked me any questions about Granny? Being a stranger, I think I ought not to have told him.” And she began to be afraid of the wolf's mischief. Indeed, it was a fault of Little Red Riding Hood that she was sometimes too fond of talking : and when she thought upon this matter, more and more she felt that she had done wrong in telling the wolf anything. The best thing she could do, she said, will be to hasten onwards as quickly as possible.

The wolf, when he left her, darted through the forest, bounding over the furze and brambles, and ran as hard as he could until he reached the house of the grandmother. He tapped at the door, and the grandmother, who was in bed, called to him to come in, not knowing it was a wolf. The sly wolf said,

“Are you alone, madam?”

“Yes, quite alone,” was the answer.

So he rushed in and flew upon the bed, tore the grandmother out of it, and ate her up in a few minutes.

When he had finished his meal, he thought to himself, “Little Red Riding Hood will soon be here, and she will make a most delicious feast. But I must hide myself from her until she is fairly inside of the cottage.” He then went to the press in the room, and took out one of the grandmother's night gowns and night caps, and put them on as quickly as he possibly could, and jumped into the bed.

Presently the garden gate was opened, and there came a little quick footstep across the pebbled walk leading to the cottage door, and then a gentle tap, tap, tap, at the door.

It was Little Red Riding Hood. She listened, but heard no answer. Her hand went tap, tap, tap, against the door a second time.

“Who's there?” said the wolf, trying to speak like the grandmother.

“Only Little Red Riding Hood.”

“Pull down the latch, and come in, my child.”

So Little Red Riding Hood entered, but it struck her ear, that her Grandmother's voice was very hoarse this morning. As she entered, she said,

“I am afraid, dearest granny, that your cold is worse this morning.”

“Much worse, dear,” said the wolf very gruffly under the bed clothes.

“I have brought you a pot of my virgin honey, which will do your cold good; and mother has sent you a little pat of fresh butter, some of the first we have had made from our new cow's milk.”

“Put the things down, child, and come into bed to me, for I have been wretchedly cold all night.”

Little Red Riding Hood thought it rather strange that her grandmother should tell her to come into bed, instead of sitting by the side of the bed as she had been used to do. So she went to the bed side, and gently pulling aside the curtain saw a head, which though in her grandmother's night cap, did not altogether seem like that of her grandmother's. She thought it was something like the wolfs head Could it be the wolf? she asked herself. Poor thing! she could hardly help screaming out for fright, but she stopped herself, and said, “Granny, what large ears you have!”

A gruff voice said, “The better to hear with, my dear.”

It did not sound like the grandmother's voice, so she said faintly, “Granny, what large eyes you have!”

“The better to see you with, my dear,”

Her voice faltered still more, and she said,

“Granny, what a large nose you have!”

“The better to smell with, my dear.”

Little Red Riding Hood felt almost sure it was the wolf. Her tongue could hardly speak. She trembled from head to foot at last she muttered in a whisper, “Granny, what large teeth you have!”

“The better to eat you up,”

And saying this, the wolf sprang out of the bed, and in an instant devoured Little Red Riding Hood.

 

This is the traditional ending of the Tale – but it is a grievous one, which most children dislike. – And as I have heard a version related, in which poetical justice is done to the wolf, I insert it for those who prefer it:

He seized Little Red Riding Hood, and she screamed. Suddenly a loud rap was heard at the door. Again she screamed and in rushed her father and some other faggot makers, who, seeing the wolf, killed him at once, and released Little Red Riding Hood.

These were the faggot makers she had met in the wood. They, thinking she was not quite safe with a wolf, went and told her father, and they all followed her to her grandmother's house and thus saved her life.

THE Traditional Faëry Tales of Little Red Riding Hood Beauty and the Beast & Jack and the Bean Stalk. Illustrated by Eminent Modern Artists, & Edited By FELIX SUMMERLY. LONDON: Joseph Cunbdall, Old Bonmd Street. 1845, p. 7-23.

 

In dieser bis zur Unerträglichkeit moralisierenden Erzählung werden die Holzhauer hinzugefügt, zu denen auch Little Red Riding Hoods Vater zählt, die den Wolf erschlagen und das Mädchen befreien.

 

1875 erschien eine von Walter Crane illustrierte Ausgabe mit einem stark gekürzten Text, in dem der Wolf Rotkäppchen nicht frisst.

 

     

 

     

 

     

 

     

Walter Crane: Little Red Riding Hood, George Routedlge & Sons, London 1875; 8 Farbholzschnitte mit integriertem Text.

 

Diese Version folgt nur zum Teil den Brüdern Grimm: Der Wolf weist Little Red Riding Hood auf die Blumen im Walde hin und gewinnt so Zeit, als erster bei der Großmutter einzutreffen. Er frisst die alte Frau. Als er das Mädchen ebenfall verschlingen will, erschieß ihn ein Jäger und rettet – anders als bei den Grimms – so das Mädchen.

Die Illustrationen zeigen uns den Wolf, so wie ihn der Reporter im Roman beschreibt, als den „Vater aller Märchenbuchwölfe – Rotkäppchens ehemaliger Freund, als er verkleidet um ihr Vertrauen buhlte“:

And she met a great Wolf in the wood,
Who began most politely the maiden to greet,
In as tender a voice as he could.

 

 

IV. Dracula in der Rolle des bösen Wolfes

 

Graf Dracula bedient sich der Wölfe als willige Untertanen für besondere Aufgaben, und sie begleiten ihm im letzten Teil des Romans neben den Zigeunern als eine Art Leibgarde. Bei der Konzeption des Vampirs, der als „Un-Toter“ aus einer anderen Welt in das moderne England einbricht – Van Helsing nennt ihn „Relikt einer alten heidnischen Welt“ –, folgt Stoker dreimal Motiven des Rotkäppchen-Märchens, die er zum Teil übernimmt und zum Teil modifiziert: Beim Mord an der Mutter, deren Kind er seinen weiblichen Vampiren vorgeworfen hat (1), beim Tod Lucy Westenras und ihrer Mutter (2) und bei dem Versuch, Mina Harker ebenfalls in einer Vampir zu verwandeln (3). Bei allen diesen Taten erscheint Dracula immer in menschlicher Gestalt.

 

 

1. Mord an Mutter und Kind

 

Jonathan Harker erlebt als Gefangener auf Schloss Dracula, wie ihn drei Frauen angreifen und sein Blut saugen wollen. Graf Dracula verhindert dies, weil er Harker noch braucht. Er wirft den Frauen ein Bündel vor die Füße, in dem sich ein Säugling befindet.

“Are we to have nothing to-night?” said one of them, with a low laugh, as she pointed to the bag which he had thrown upon the floor, and which moved as though there were some living thing within it. For answer he nodded his head. One of the women jumped forward and opened it. If my ears did not deceive me there was a gasp and a low wail, as of a half-smothered child. The women closed round, whilst I was aghast with horror; but as I looked they disappeared, and with them the dreadful bag. There was no door near them, and they could not have passed me without my noticing. They simply seemed to fade into the rays of the moonlight and pass out through the window, for I could see outside the dim, shadowy forms for a moment before they entirely faded away. 

„Kriegen wir denn heute Abend gar nichts?“, fragte eine von ihnen mit einem leisen Lachen, als sie auf das Bündel zeigte, den er auf den Boden geworfen hatte und das zappelte, als ob etwas Lebendiges darin wäre. Er nickte. Eine der Frauen sprang vor und öffnete es. Wenn meine Ohren mich nicht täuschten, drangen daraus ein Keuchen und ein schwaches Wehklagen hervor wie von einem halb erstickten Kind. Die Frauen umringten es, während ich fassungslos vor Entsetzen war; aber als ich hinschaute, verschwanden sie und mit ihnen das schreckliche Bündel. Es gab keine Tür in ihrer Nähe, und sie wären nicht an mir vorbeigekommen, ohne dass ich es gemerkt hätte. Sie schienen einfach in den Strahlen des Mondlichts zu vergehen und durch das Fenster zu verschwinden, denn ich konnte für einen Moment die dunklen, schattenhaften Formen sehen, bevor sie völlig verblassten. 

Chapter III 

 

Am nächsten Tag beobachtet Harker eine Frau, die mit Zigeunern in den Schlosshof gelangt ist und Dracula wegen des Kindesraub anklagt.

She threw herself on her knees, and raising up her hands, cried the same words in tones which wrung my heart. Then she tore her hair and beat her breast, and abandoned herself to all the violences of extravagant emotion. Finally, she threw herself forward, and, though I could not see her, I could hear the beating of her naked hands against the door.

Somewhere high overhead, probably on the tower, I heard the voice of the Count calling in his harsh, metallic whisper. His call seemed to be answered from far and wide by the howling of wolves. Before many minutes had passed a pack of them poured, like a pent-up dam when liberated, through the wide entrance into the courtyard.

There was no cry from the woman, and the howling of the wolves was but short. Before long they streamed away singly, licking their lips.

I could not pity her, for I knew now what had become of her child, and she was better dead.

What shall I do? what can I do? How can I escape from this dreadful thing of night and gloom and fear? 

Sie warf sich auf die Knie, hob ihre Hände empor und schrie in herzzerreißendem Ton immer dieselben Worte. Sie raufte sich das Haar, schlug an ihre Brust und gab sich hemmungslos dem Schmerz und der Verzweiflung hin. Schließlich sprang sie auf und verschwand aus meinem Gesichtsfeld, doch ich konnte hören, wie sie mit bloßen Händen an das Tor schlug.

Irgendwo hoch oben vom Turm, hörte ich die raue, schneidige Stimme des Grafen. Von nah und fern antwortete das Heulen der Wölfe. Kurz danach ergoss sich wie nach einem Dammbruch ein ganzes Rudel durch den weiten Eingang in den Schlosshof.

Von der Frau war kein Laut zu hören und nur die Wölfe heulten kurz auf. Kurz danach stahlen sie sich die Lefzen leckend einzeln davon.

Ich fühlte kein Mitleid, denn ich wusste jetzt, was mit ihrem Kind passiert war. Für sie bedeutete der Tod eine Erlösung.

Was soll ich machen? Was kann ich überhaupt tun? Wie kann ich diesem entsetzlichen Wirrwarr von Nacht, Trübsinn und Grauen entkommen?  

Chapter IV

 

Das Rotkäppchen-Motiv wird nur angedeutet. Dracula stiehlt in der Rolle des Bösen Wolfs einer Mutter ihr Kind und überlässt es den drei Vampir-Frauen, die es aussaugen und dadurch töten. Den Mord an der Mutter lässt er die Wölfe ausführen.

 

 

2. Das schreckliche Schicksal der Familie Westenra

 

Der Märchen-Wolf befriedigt sein Grundbedürfnis der Nahrungsaufnahme, indem er die Großmutter und das Rotkäppchen auffrisst. Zum Plan des Grafen Dracula, sich in der Nähe von London einen Stützpunkt und Rückzugsort einzurichten, gehört auch, sich dort vom Blut junger, attraktiver Frauen zu ernähren, um so wieder zu Kräften zu kommen. Durch Harkers zum Teil erzwungene Korrespondenzen gelangt er an die Adresse von dessen Verlobter Mina Murray, die sich gerade bei ihrer Freundin Lucy Westenra aufhält. Nach seiner Landung mit dem Frachtsegler in Whitby nutzt der Graf dort die Chance, die ihm durch die Nachtwandlerin Lucy geboten wird: Er muss nicht in ihr Haus eintreten (was ihm ja zunächst verwehrt ist), sondern kann sie des nachts auf einer Bank des Friedhofs angreifen und beißen. Als die Westenras wieder in ihrem Londoner Haus zurückgekehrt sind, hat auch Dracula sein neues Quartier Carfex im Osten Londons bezogen. Von hier aus kann er in der Gestalt einer Fledermaus in das ca. 30 km entfernte Hampstead fliegen.

 

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Die Tierwärter im Londoner Zoologischen Garten haben einen von den grauen Wölfen, die der Tierhändler Jamrach aus Norwegen lieferte, „Berserker“ getauft. Damit schreiben sie ihm Eigenschaften eines im Rausch kämpfenden Menschen zu, die in nordischen Sagas mit der Verwandlung von Menschen in Werwölfe in Verbindung gebracht werden. Das entlaufene Tier besitzt solche Eigenschaften aber gar nicht, wie aus Thomas Bilders Beschreibung hervorgeht: „Sah gut aus, war gutartig, nie Grund zur Klage. War mir sicher, jedes andere Tier würd‘ ausbrechen, aber der doch nicht!“ Diese Einschätzung wird durch die Information gestützt, dass der Wolf sich nach dem Füttern hinter den Ohren kraulen lässt.

Lucie und ihrer Mutter erscheint in der Nacht „der Kopf eines großen, hageren grauen Wolfes“ im Fenster ihres Zimmers. Es ist kaum denkbar, dass ein durchschnittlicher männlicher Wolf von ca. 45 kg Gewicht und einer Schulterhöhe von vielleicht 90 cm bis zu einem Fenster im ersten Stock springt und dabei mit seiner Schnauze die Glasscheibe zerbricht.

Damit dies plausibel klingt, muss jemand das friedfertige Tier in einen Bösen Märchen-Wolf verwandeln. Nach dem Verschwinden des seltsamen Besuchers, von dem Bilder berichtet, heißt es in seiner Darstellung: „Der alte Berserker beobachtet ihn eine Weile, dann dreht er sich um und verzieht sich in eine Ecke, da wollte der den ganzen Abend nicht mehr raus“. Kurz vor Mitternacht hört Bilder die Wölfe heulen, dann entdeckt er Berserkers Verschwinden. Dem Reporter gegenüber gibt er folgende Erklärung ab:

„Ich denk‘ man so: Der Wolf lümmelt jetzt irgendwo rum. Der Gärtner, der sich auf einmal genau erinnern will, sagt, der ist schneller wie ein Pferd nach Norden galoppiert. Glaub‘ ihm nicht ganz. Denn seht mal, Sir, das kann kein Wolf und auch kein Hund nicht; die sind doch überhaupt nicht für so was gebaut. Wölfe im Märchen, ja, das sind ziemlich nette Kerle. Ich glaub‘ auch gerne, wenn sie in Rudeln kommen und alles angreifen, was noch ängstlicher ist wie sie, mit ein schreckliches Gejaule was auch immer zerreißen. Aber mein Gott, in echt ist ein Wolf ein sehr erbärmliches Geschöpf, nicht halb so schlau und mutig wie ‘n braver Hund, und nicht ein Achtel so schneidig. Dieser kann nicht kämpfen, der kann nicht mal auf sich selbst aufpassen. Wird wohl durch den Park streifen und schnüffeln und, wenn er überhaupt denkt, suchen, wo er an ein Frühstück kommt. Oder rennt irgendwo auf einen Hof und sperrt sich im Kohlenkeller ein. Mein Gott, wie wird sich die Köchin erschrecken, wenn sie herunterkommt, und dann seine grünen Augen in der Dunkelheit! Wenn er nix zu fressen kriegt, muss er sich selber kümmern; vielleicht bricht er in ‘ne Metzgerei ein. Wenn er‘s nicht schafft und im Park einen einsamen Kinderwagen findet, wo sich das Mädchen mit ihrem Soldaten vergnügt, wen wundert‘s, wenn bei der Volkszählung ein Baby fehlt. – Das ist alles.“

Und tatsächlich, dieser Wolf kehrt nach seinem Ausflug in die Gegend von Hampstead sogar freiwillig in den Zoo zurück und lässt sich von seinem Wärter und dessen Frau wie ein wohlerzogener Hund in einen Käfig bringen. Aus dem Fabelwesen, das den Frauen im Fenster erscheint, Dracula den Weg frei macht und Frau Westenra zu Tode erschreckt, ist wieder ein normales, friedfertiges Tier geworden.

Die seltsame Namensgebung „Berserker“ gehört zur Erzählstrategie Stokers, denn er verweist damit auf das Gespräch Draculas mit dem Tierpfleger am Wolfskäfig. Der kündigt seine Untat indirekt an, wenn er andeutet, von den Wölfen „Gebrauch“ zu machen. Dem Leser erschließt sich dieser Zusammenhang freilich erst, wenn er das 11. Kapitel zu Ende gelesen hat.

Dracula jedenfalls hat nun freie Bahn, die arme Lucie auszusaugen und „gedeiht“ prächtig durch das Blut der Männer, das Lucy übertragen wurde. Mit dem Tod der jungen Frau endet freilich die Mastkur für den Grafen, und er muss sich nach einem neuen Opfer umsehen.

 

Wie in der Szenenfolge des Chapbooks Little Red RidingHood von 1810 endet die Motivübernahme Stokers mit dem Tod der beiden Frauen. Graf Dracula erscheint der armen Lucy wie der Wolf in der von Walter Crane illustrierten Ausgabe Little Red Riding Hood von 1875. Er ist „most politely“ und spricht sie zu ihr „as tender a voice as he could“. Als Jonathen Harker ihm unvermittelt in London begegnet, ruft er aus: “I believe it is the Count, but he has grown young. My God, if this be so! Oh, my God! my God! If I only knew! if I only knew!” (Chapter XIII).

Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter Westenra entspricht dem von Rotkäppchen zur Großmutter; die kranke Frau Westenra sucht die körperliche Nähe im Bett ihrer Tochter. Da ihr Blut für Dracula unattraktiv ist, beseitigt er sie ganz nebenbei mit Hilfe des Wolfes. Nun ist der Weg frei zu der attraktiven Tochter. Das Auffressen von Red Riding Hood wird in das erotisch konnotierte Aussaugen Lucys transformiert.

 

 

 

Die Romanhandlung Teil 2

Jonathan ist es inzwischen gelungen, aus Schloss Dracula zu fliehen. Er konnte völlig erschöpft und verwirrt Budapest erreichen, wo er von Schwestern eines Klosters betreut wird. Mina reist zu ihm und die beiden heiraten, bevor sie nach England zurückkehren. Harker gibt seiner Frau das Tagebuch zu lesen, in dem er seine Erlebnisse und Reflexionen festgehalten hat.

In London begegnet er Graf Dracula in verjüngter Gestalt, erkennt die Zusammenhänge mit Lucys Veränderung und schließ sich der Gruppe um Van Helsing an. Harker übergibt ihm sein Tagebuch. Nach der Lektüre erläutert Van Helsing seinen Mitstreitern seine Theorie vom Vampirismus, und sie beschließen, Graf Dracula zu vernichten.

Jedes Mitglied der Gruppe wird von den anderen über ihre Erfahrungen mit dem Grafen und über alle gemeinsamen Aktionen informiert. Es beginnt eine Suche nach den Särgen mit Heimaterde, die der Graf in der Stadt verteil hat, und die er als Rückzugsort benötigt.

Die Vampirjäger halten in Dr. Sewards Irrenanstalt nächtliche Treffen ab und berichten über jede ihrer verschiedenen Aufgaben. Mina Harker entdeckt, dass jedes ihrer Tagebücher und Briefe zusammen Hinweise enthält, durch die sie Dracula aufspüren können. Sie übernimmt das Sammeln von Zeitungsausschnitten, verschriftlicht phonographische Aufnahmen und stellt alle Notizen in chronologischer Reihenfolge zusammen, so dass alle Freunde sie lesen können. Jonathan Harker spürt die Orte auf, an die Dracula seine Kisten verteilt hat.

Van Helsing studiert gemeinsam mit Dr. Seward das Verhalten ihres Patienten Renfield; ihre Analyse zeigt, dass er direkt von Dracula beeinflusst wird. Sie erforschen auch historische Ereignisse, Volksüberlieferung und Aberglauben aus verschiedenen Kulturen, um Draculas Kräfte und Schwächen zu verstehen. Van Helsing erstellt ein kriminelles Profil von Dracula, um seine Bewegungen vorherzusagen. Arthur Holmwoods Vermögen hilft bei der Finanzierung der gesamten Operation.

Die Männer spüren jedes Anwesen auf, in den Dracula seine Kisten versteckt hat. Sie platzieren darin Hostien und versiegeln die Kisten. Dadurch werden sie für Dracula völlig nutzlos, da er nicht in der Lage ist, sie zu öffnen.

Nachdem Dracula von der Verschwörung der Gruppe gegen ihn erfährt, greift er Mina dreimal an. Aus Rache an seinen Feinden vermählt er sich in einer Art Bluthochzeit mit ihr. Als sie die verräterischen Anzeichen des Vampirismus zeigt, weiß Van Helsing sofort, was geschehen ist. Durch Dracula’s Blut wurde sie verflucht, verwandelt sich aber nicht in einen Vampir.

Nach der Versiegelung der Kisten erfahren die Freunde, dass Dracula mit der fehlenden 50. Kiste zurück in sein Schloss nach Siebenbürgen geflohen ist. Sie verfolgen ihn unter der Leitung von Mina, die in eine Art Trance Draculas Umgebung und Handlungen wahrnimmt. Van Helsing ist in der Lage, sie zweimal am Tag zu hypnotisieren, um Draculas Flucht zu verfolgen. Mina hat Angst, dass Dracula durch die Verbindung mit ihr zuhören könnte, und bittet die anderen, ihr nichts mehr zu erzählen.

Sie teilen sich in Teams auf, sobald sie das Festland erreichen; Van Helsing und Mina fahren zu Draculas Schloss, während die anderen versuchen, das Schiff zu überfallen, mit dem Dracula seine Heimat erreichen will. Van Helsing vernichtet die drei weiblichen Vampire auf Schloss Dracula.

Die Freunde vereinigen sich und greifen eine Gruppe von Zigeunern an, die den Grafen mit einem Fuhrwerk in seiner Kiste zum Schloss bringen wollen. Harker durchtrennt mit einem Kukri-Messer1 Draculas Kehle, während der verletzte Quincey den Grafen mit einem Bowie-Messer ins Herz sticht. Dracula zerfällt zu Staub, und Mina wird von ihrem Fluch befreit. Kurz darauf stirbt Quincey an seinen Wunden.

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1Das Khukuri ist ein schweres, zur Schneide hin gekrümmtes Messer mit in der Mitte verbreiterter Rückenklinge, das sowohl als Waffe als auch als Werkzeug dient. Es wird nicht als Wurfwaffe, sondern ausschließlich als Hiebwaffe verwendet. Es ist die typische Blankwaffe der Gurkha im nepalesischen, indischen oder britischen Dienst.

 

 

3. Mina Harker und die Jagd auf Dracula

 

Die Retter im Rotkäppchen-Märchen sind Personen aus der Familie, dem Umfeld oder wie der Jäger bei den Brüdern Grimm mit der Großmutter befreundet.

Allen Drucken des Märchens haben die Brüder Grimm eine abweichende Fassung beigegeben, in der der böse Wolf sogar durch die List der Großmutter getötet wird, bevor der die beiden Frauen auffressen kann:

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenns nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“ „Komm,“ sagte die Großmutter, „wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus gienge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind „nimm den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug so lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfieng zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber gieng fröhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zu Leid.

Brüder Grimm: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe. 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand). Göttingen 1857, S. 143f.

It is also related that once when Red-Cap was again taking cakes to the old grandmother, another wolf spoke to her, and tried to entice her from the path. Red-Cap was, however, on her guard, and went straight forward on her way, and told her grandmother that she had met the wolf, and that he had said “good -morning” to her, but with such a wicked look in his eyes, that if they had not been on the public road she was certain he would have eaten. “Well”, said the grandmother we will shut the door, that he may not come in.” Soon afterwards the wolf knocked, and cried, “open the door, grandmother, I am little Red-Cap, and am fetching you some cakes.” But they did not speak, or open the door, so the grey -beard stole twice or thrice round the house, and at last jumped on the roof, intending to wait until Red-Cap went home in the evening, and then to steal after her and devour her in the darkness. But the grandmother saw what was in his thoughts. In front of the house was a great stone trough, so she said to the child, “Take the pail, Red-Cap; I made some sausages yesterday, so carry the water in which I boiled them to the trough.” Red-Cap carried until the 1 great trough was quite full. Then the smell of the sausages reached the wolf, and he sniffed and peeped down, and at last stretched out his neck so far that he could no longer keep his footing and began to slip, and slipped down from the roof straight into the great trough, and was drowned. But Red-Cap went joyously home, and never did anything to harm any one.

GRIMM'S HOUSEHOLD TALES. WITH THE AUTHOR'S NOTES TRANSLATED FROM THE GERMAN AND EDITED BY MARGARET HUNT. WITH AN INTRODUCTION BY ANDREW LANG , M.A. IN TWO VOLUMES. – VOL. I. LONDON: GEORGE BELL AND SONS, YORK STREET, COVENT GARDEN. 1884, p. 113f.

 

Stoker übernimmt diese Personenkonstellation und mischt sie mit einigen Motiven der abweichenden Fassung. Der Freundeskreis um Mina wird von einem professionellen Vampir-Jäger Van Helsing angeführt, Arthur Holmwood und Quincey P. Morris sind erfahrene Jäger. Im Fall der armen Lucy Westenra und ihrer Mutter orientiert sich Stoker an den Motiven der Rotkäppchen-Version von Charles Perrault. Am Ende sind beide Frauen tot.

Im weiteren Handlungsverlauf werden die Märchenmotive stark modifiziert. Mina ist das Gegenteil des naiven und folgsamen Rotkäppchens, dessen Schicksal eine Folge davon ist, dass sie vom Wege abweicht. Mina verkörpert die Idealvorstellung von einer eigenständigen Frau, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstand und einen bedeutenden Einfluss auf den Feminismus im 20. Jahrhundert hatte. Als Waise orientiert sie sich nicht an den Ratschlägen einer Mutterinstanz, sondern nimmt eine Stelle als Erzieherin an, erlernt Maschineschreiben und Kurzschrift, um mit ihrem Verlobten Jonathan, der als Rechtanwalt und Notar wirkt, nach ihrer Eheschließung gleichberechtigt leben und arbeiten zu können.

Im Kreis der Männer wird sie als emanzipiert akzeptiert und übernimmt die Koordination sämtlicher Informationen. Die Vergewaltigung durch den Grafen zwingt sie in die traditionelle Frauenrolle zurück; sie muss nun von Van Helsing beschützt werden. Allerdings dient sie durch die mythische Bindung an den Grafen als Medium; in Trance teilt sie einige der Wahrnehmungen Draculas und kann sie an ihre Freunde vermitteln. So wird es den Jägern möglich, ihre Beute auf ihrer Flucht über Land und Meer zu verfolgen. Hier folgt Stoker den Motiven der abweichenden Fassung. Das von den Brüdern Grimm eingeführte Motiv der Rettung Rotkäppchens, die aus dem vom Jäger aufgeschlitzten Bauch des Wolfes unversehrt herausspringt, erscheint in abgewandelter Form in der Erlösung Minas von einem Fluch, der sie bei der „Bluthochzeit“ mit Dracula „unrein“ gemacht hat. Erst als Jonathan Draculas Kehle mit einem Kukri-Messer durchtrennt, während Quincey den Grafen mit einem Bowie-Messer ins Herz sticht, wird sie von dem Fluch befreit.

 

 

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