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                                                                                                                Hermann von Schwindel

                                                                                  Der Jammerwoch

 

Der britischer Philologe und Lexikograf Robert Scott (1811) veröffentlichte 1872 eine deutsche Übersetzung, die sich schon vordergründig als Parodie zu erkenne gibt, weil er als deren Verfasser einen Hermann vom Schwindel erfindet. Scott gibt seine Übertragung des Jabberwocky als Quelle von Carrolls Dichtung aus und schafft damit eine stilistische Transformation wie bei Parodie oder Travestie. Einerseits ist sein Poem die Nachahmung und stilistische Umbildung eines literarischen Werkes, andererseits zieht er Carrolls Gedicht ins Lächerliche, indem  er ihm unterstellt, es handele sich um ein Plagiat, dass sein Kollege aus einer fremden Sprache einfach nur ins Englische übersetzt habe. Im Unterschied zu allen späteren Übertragungen ins Deutsche behält Scott fast alle englischen Neologismen bei, um so den Eindruck zu erzeugen, Carroll habe sich bei seiner „Übersetzung“ ins Englische bei einem Lied der antinapoleonischen Befreiungskriege von Carl Theodor Körner (1791-1813) bedient.

 

'Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe:
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.

“Beware the Jabberwock, my son!
The jaws that bite, the claws that catch!
Beware the Jubjub bird, and shun
The frumious Bandersnatch!”

He took his vorpal sword in hand:
Long time the manxome foe he sought –
So rested he by the Tumtum tree,
And stood awhile in thought.

And, as in uffish thought he stood,
The Jabberwock, with eyes of flame,
Came whiffling through the tulgey wood,
And burbled as it came!

One, two! One, two! And through and through
The vorpal blade went snicker-snack!
He left it dead, and with its head
He went galumphing back.

“And, hast thou slain the Jabberwock?
Come to my arms, my beamish boy!
O frabjous day! Callooh! Callay!”
He chortled in his joy.

'Twas brillig etc.

Es brillig war. Die schlichte Toven
Wirrten und wimmelten in Waben;
Und aller-mümsige Burggoven
Die mohmen Räth' ausgraben.

Bewahre dich* vor Jammerwoch!
Die Zähne knirschen, Krallen kratzen!
Bewahr' vor Jubjub-Vogel, vor
Frumiösen Banderschnätzchen!

Er griff sein vorpals Schwertchen zu,
Er suchte lang das manchsam' Ding;
Dann, stehend unterm** Tumtum Baum,
Er an-zu-denken-fing.

Als stand er tief in Andacht auf,
Des Jammerwochen's Augen-feuer
Durch tulgen Wald mit wiffeln kam,
Ein burbelnd Ungeheuer!

Eins, Zwei! Eins, Zwei! Und durch und durch
Sein vorpals Schwert zerschnifer-schnück.
Da blieb es todt! Er, Kopf in Hand,
Geläumsig zog zurück!

Und schlugst Du ja den Jammerwoch?
Umarme mich, mein Böhm'sches Kind!
O Freuden-Tag! O Halloo-Schlag!
Er chortelt froh-gesinnt.

Es brillig war, etc. 

                                                                                                             * doch und ** unten; Druckfehler im Original

 

Thomas Chatterton (d. i. Robert Scott): The Jabberwock. Traced to its true source. In: Macmillan's Magazine 25 (February 1872), S. 337-338. Die Abdrücke bei Gardener in allen Auflagen enthalten drei Lesefehler, die auch in die deutsche Übersetzung von Flemming (Lewis Carroll: Alles über Alice)  übernommen wurden.

Scott kommentiert seine Invention in einem Brief an den Herausgeber und deutet sie folgendermaßen:

(d. i. Robert Scott): The Jabberwock. Traced to its true source. In: Macmillan's Magazine 25 (February 1872), S. 337-338. Die Abdrücke bei Gardener in allen Auflagen enthalten drei Lesefehler, die auch in die deutsche Übersetzung von Flemming (Lewis Carroll: Alles über Alice)  übernommen wurden.

Scott kommentiert seine Invention in einem Brief an den Herausgeber und deutet sie folgendermaßen:

To the Editor of MACMILLAN’S MAGAZINE.

SIR, – I was invited by a friend, one evening last week, to a séance of Spiritualists; and having been reading “Through the Looking Glass” before I left home, I was much astonished to find that the first “communication” made to the party was on the subject of that work. How it had reached the Spirits, was not clearly made out. Among many indistinct rappings, only the word Post-Obit and Dead Letters were distinguishable.

The Spirit announced himself as Hermann vom Schwindel, – a name doubtless known to many of your readers; and he complained that the celebrated Jabberwock was taken from a German ballad by the well-known author of the Lyre (he spelt it Lyar; but this is not surprising in a German ghost using the English language) and Sword. And he proceeded, with great fluency, to rap out the following verses: – […]

On my return home, I thought the matter over, and am inclined to agree with the lamented Von Sehwindel, for various reasons, which may be summed up as follws: –

The Jabberwock is only a Jammerwoch with a cold in its head, like “the young Babood” for “the young May moon”. And this name, “the week of woe,” is a mythical expression for the Seven Years' War, and hence for other devastations of the Fatherland. Humpty Dumpty's interpretation I of course utterly repudiate. He is a mere rationalizing Euhemerist. My theory is that the ballad is the product of the war against Napoleon I.; and the Jammerwoch, of course, is “the Corsican Fiend” himself. Now, apply this to the first stanza, wich indicates the patriotic combination against him of the “Burggoven” (Burggrafen, the nobility in general); the “Räthe” (whether “Hof” or “Geheim”), the Bureaucracy; and the “schlichte Toven”, the simple coves of the lower class, neither noble nor official. And note the touch of irony with which in the end the aristos leave these in the lurch, “wirrend und wimmelnd,” and only “dig out” (ausgraben) the bureaucracy for their own purposes, keeping them “mum” (mohme) and voiceless.

There is something strikingly Teutonic in the attitude of the hero under the tree, where, after seeking for the Jammerwoch, he “took to thinking”! “Auf” also must be original, for “uffish thought” is manifestly intended as a translation of it. But who is the hero? I think that the sixth stanza will reveal this to any one possessed of a historico-critical sense. If it had been a North German who wrote the ballad, no doubt the hero would have been Scharnhörst, or Blücher, or some of the other Prussian heroes. But the language is rather Austrian (speaking of the Austrian Empire as it was at that date, without reference to nationalities); and no North German would have celebrated the “Böhm'sches Kind”, which is, not as the English copy so strangely translates it, “beamish”, nor even (which would have been happier) “my bumptious boy”, but “my young Bohemian.” And therefore I think that von Schwindel's memory must have failed him. Doubtless he was acquainted with other Lyres and other Swords as well as Körner's, and he may have confused them. We may safely identify the hero with the Archduke Charles; who (it is true) did not slay the Jammerwoch, but did his best to do it, and was a genuine hero of the Austrian Empire.

 

Übersetzung mit Erläuterungen

An den Herausgeber des  MACMILLAN’S MAGAZINE.

Geehrter Herr,
letzte Woche wurde ich eines Abends von einem Freund zu einer spiritualistischen Séance eingeladen. Da ich zuhause gerade „Through the Looking Glass“ gelesen hatte, war ich sehr erstaunt, dass sich die erste „Botschaft“ an die Teilnehmer mit diesem Thema befasste. Wie der Stoff an die Geister gelangen konnte, habe ich nicht herausgefunden. Unter vielen undeutlichen Klopfgeräuschen aus dem Jenseits war nur die Wörter Schuldschein und Levitation zu unterscheiden.

Der Geist kündigte sich als Hermann von Schwindel an – ein Name, der zweifellos vielen Ihrer Leser bekannt ist – und er beschwerte sich darüber, dass der berühmte Jabberwock aus der patriotischen Gedichtsammlung des allseits bekannten Verfassers von Leyer (er buchstabierte es Lyar, aber das überrascht nicht bei einem deutschen Geist, der die englische Sprache verwendet) und Schwerdt abgeschrieben worden sei.

Und er fuhr mit großer Geläufigkeit fort, die folgenden Verse zu klopfen: [Es folgt das Gedicht]

Bei meiner Rückkehr nach Hause dachte ich über die Angelegenheit nach und bin danach geneigt, dem beklagenswerten von Sehwindel aus verschiedenen Gründen zuzustimmen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

Der Jabberwock ist nur ein Jammerwoch, der einen Schnupfen hat, wie die Redensart „der junge Babood“ für „der junge Maimond“. Und sein Name, „schlimme Woche“, ist ein mythischer Ausdruck für den Siebenjährigen Krieg und damit für andere Verwüstungen des Vaterlandes. Humpty Dumptys Interpretation lehne ich natürlich vollkommen ab. Er ist nur ein säkularer Euhemerist. Ich vertrete die These, dass die Ballade das Produkt des Krieges gegen Napoleon I. ist. Und mit Jammerwoch ist natürlich der Korsische Unhold selbst gemeint. Wenden Sie dies nun auf die erste Strophe an, die auf die patriotische Allianze der „Burggrafen“ (des Adels insgesamt) gegen Napoleon hinweist, auf die „Räthe“ (ob „Hof-“ oder „Geheim-“), die Bürokratie und die „schlichte Toven“ und auf die einfachen Angehörigen der Unterschicht, die weder edel noch amtlich sind. Und beachten Sie den Hauch von Ironie, mit dem die Aristokraten diese letztendlich im Stich lassen, „wirrend und wimmelnd“, und nur die Bürokratie für ihre eigenen Zwecke „ausgraben“ und den anderen jede Mitsprache verweigern.

In der Haltung des Helden unter dem Baum liegt etwas auffallend Deutsches, wo er nach seiner Suche nach der Jammerwoche „zu denken“ begann! „Auf“ muss auch original sein, denn „uffish thought“ ist offenbar eine Übersetzung. Aber wer ist dieser Held? Ich glaube, dass die sechste Strophe dies jedem offenbaren kann, der einen historisch-kritischen Sinn besitzt. Hätte ein Norddeutscher die Ballade geschrieben, wäre der Held zweifellos Scharnhörst oder Blücher oder einige der anderen preußischen Helden geworden. Die Sprache ist jedoch eher österreichisch (damit meine ich das damalige Kaisertum Österreich ohne Bezug auf die Nationalitäten). Und kein Norddeutscher hätte das „Böhm'sche Kind“ gefeiert, das nicht, wie die englische Version so seltsam übersetzt, „glänzend“ ist, auch nicht (was glücklicher gewesen wäre) „mein anmaßender Junge“, sondern bloß „mein junger Böhme“.

Und deshalb nehme ich an, dass von Schwindel sein Gedächtnis in Stich gelassen haben muss. Zweifellos kannte er andere „Leiern“ und andere „Schwerter“ als die von Körner und hat sie möglicherweise durcheinander gebracht. Wir können den Helden sicher mit dem Erzherzog Charles identifizieren; der (das ist leider wahr) den Jammerwoch nicht besiegt , aber sein Bestes getan hat, um es zu versuchen, und der daher ein echter Held des österreichischen Kaiserreichs war.

 

Post-Obit (bond)] nach dem Tode einer dritten Person fälliger Schuldschein

Ded Letters] Lastheben ohne mechanische Hilfsmittel, Levitation

„the young Babood“] baboon wurde ein Inder mit oberflächlicher englischer Bildung genannt; baboon bedeutet Pavian, Affe, Gorilla

„the week of woe“] schlimme Woche

Euhemerism] Der Euhemerismus geht davon aus, dass historische Berichte zu Mythen werden, und die Entstehung von Gottesvorstellungen auf mythische Überhöhung historischer Personen zurückzuführen ist.

Seven Years' War] Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) standen sich Preußen und Großbritannien (mit Kurhannover) sowie die österreichische Habsburgermonarchie, Frankreich, Russland und das Heilige Römischen Reich gegenüber. Aus globaler Sicht ging es um das geo- und machtpolitische Gleichgewicht in Europa und um die ihm zugeordneten Kolonien, um die Einflussnahme auf die transatlantischen Seewege, um die Vorherrschaft über die außereuropäischen Stützpunkte etwa in Afrika oder Indien sowie um Handelsvorteile.

Lyre and Sword] Leyer und Schwerdt ist der Titel einer Sammlung patriotischer Gedichte von Theodor Körner (1791–1813), die zuerst 1814 posthum erschien und Gedichte aus seinem letzten Lebensjahr enthält. Körner nahm als Leutnant des Lützowschen Freikorps an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen und fiel im August 1813 bei Gadebusch.

Napoleon I.] Napoleon Bonaparte, als französischer Kaiser Napoleon I. (geb. 1769 in Ajaccio auf Korsika, gest. 1821 in Longwood House auf St. Helena im Südatlantik) wird wegen seiner militärischen Unterwerfung fast ganz Europas als „Unhold” bezeichnet.

Scharnhörst] Gerhard Johann David von Scharnhorst (1755-1813), preußischer Generalleutnant und Heeresreformer, wurde als Stabschef in der Schlacht bei Großgörschen 1813 schwer verwundet und starb an den Folgen in Prag, wo er Österreich zum Eintritt in die Koalition gegen Napoleon bewegen wollte.

Blücher] Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819), preußischer Generalfeldmarschall zur Zeit der Befreiungskriege war 1815 mit Wellington Sieger in der Schlacht von Waterloo, die den endgültigen Sturz Napoleons zur Folge hatte.

„Böhm'sches Kind”] Nach dem Scheitern des Russlandfeldzuges und der Niederlage gegen Preußen war die Vormachstellung Frankreichs in Europa nur de facto beendet. Nach gescheiterten Verhandlungen um eine Neuordnung Europas erklärte Österreich Frankreich den Krieg, Preußen, Russland und Schweden schlossen sich an. Das Königreich Böhmen war Teil der Österreichischen Monarchie.

Archduke Charles] Der Erzherzog Carl („Charles“) Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (1771-1847) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr. Er fügte Napoleon in der Schlacht bei Aspern am 21./22. Mai 1809 die erste Niederlage auf dem Schlachtfeld zu. In der Völkerschlacht bei Leipzig erlitten die Franzosen 1813 die endgültige Niederlage.

 

 

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