Mein erster Schultag

Mein erster Schultag ließ sich nicht vermeiden. Ein bisschen Lesen konnte ich bereits, das hatte ich mir mit Hilfe einiger Bücher selber beigebracht und befand mich schon seit einem halben Jahr auf der unendlichen Abenteuerreise ins Land der Fantasie.

Aber mein Opa sagte, man könne in der Schule noch mehr lernen als Lesen, denn mit dem Schreiben tat ich mich noch schwer, und dann gäbe es da noch Rechnen und andere Fächer, von denen ich mir bisher keine Vorstellung gemacht hätte. Und meine Oma sagte kategorisch: „Der Junge muss in die Schule! Basta und Punktum!“

Also wurde ich eines Morgens sauber gewaschen und gekämmt mit meinem neuen Ranzen auf den Weg geschickt. Die Schule lag nur ein paar hundert Schritte um den Block entfernt, und in der Planke, die meinen Garten vom Schulhof trennte, war sogar eine hölzerne Pforte eingelassen, die meine Oma ausnahmsweise einmal aufgeriegelt hatte. Sie war gehbehindert und konnte nicht weiter mitkommen, drückte mir aber eine große Schultüte in den Arm, die ich dann mit einiger Mühe über den grau-bekiesten Schulhof zum Eingang des alten Backstein-Gebäudes schleppte, wo ein Schwarm aufgeregter Mütter mit ihren Kindern summte, wie ich es sonst nur mit den Bienen meines Opas erlebt hatte, wenn sie an schwülen Sommertagen ausschwärmten und sich zu Tausenden im Kirschbaum niederließen.

In der wuselnden Menge erkannte ich einige Kinder, blieb aber am Rand des Geschehens stehen, wartete, bis ein alter Mann meinen Namen aufrief und gesellte mich zur Klasse 1b. Wir mussten uns in Zweierreihen aufstellen, wurden dann ins Gebäude geführt und gingen in unseren neuen Klassenraum. Vorne stand ein Pult und hinten an der Wand hingen Bilder von Stalin, Pieck und Grotewohl, die streng auf uns herabblickten.

Ich setzte mich ganz hinten in die rechte der drei Bankreihen neben Peter Hengelbrock, der auch bei seiner Oma wohnte. Wir kannten uns vom Versteck-Spielen am Dorfteich und er sagte grinsend, indem er nach hinten zeigte: „Pieck und Grotewohl/ Kloppen sich um Sauerkohl/ Sauerkohl is knapp/ Und du bis app!“ Ich antwortete: „Caterina Valente/ hat 'nen Arsch wie 'ne Ente/ Hat 'nen Maul wie 'ne Kuh/ Und aus bis du!“

Mindestens vierzig aufgeregte Mütter begluckten ihre Kinder. Meine war nicht dabei, denn sie wohnte weit weg im Westen, von wo aus sie mir gelegentlich Bananen, Schokolade und Autos schickte, auf denen „Made in Western Germany“ stand und mit denen ich vor meinen Spielkameraden mächtig angeben konnte. Meine Eltern waren mit mir ein Jahr zuvor „rüberjemacht“, hatte mir aber nach drei Monaten ein Schild um den Hals gehängt, auf dem mein Name stand und die Adresse meiner Großeltern. Seit einigen Monaten bekam ich regelmäßig von meiner Mutter das Micky-Maus-Heft geschickt und war bereits damals begeisterter Donald-Duck-Fan.

Endlich verwies der Lehrer alle Mütter des Klassenzimmers, ließ ein Mädchen ihre Schultüte hochheben und malt deren Umrisse mit langen Kreidestrichen an der Tafel nach. Dann drehte er die Zeichnung um, fügte im oberen Teil einen Querstrich hinzu und sagt: „Das ist ein A.“ Danach malte er zwei umgekehrte Schultüten links vom A und sagt: „Das ist ein M.“ Karla Braune dreht sich zu mir um und sagt: „AA“, dann streckte sie mir die Zunge raus. Wir mussten beide Buchstaben im Chor wiederholen. Danach malte der Lehrer noch drei Schultüten und las uns vor: „MAMA.“ Und wir riefen: „Mama, Mama, Mama!“ Da wurde die Tür aufgerissen, aber unser Lehrer beruhigt die herein quellenden Mütter wieder: „Ihr müsst draußen bleiben!“ – „Wie die Hunde beim Fleischer Heinecke“, grinste Udo, der am Denkmalplatz wohnte. Wir lachten, denn wir nannten unsere Mamas „Mutti“. Dann mussten wir unsere Schiefertafeln und die Griffel aus den Ranzen holen und alles von der Tafel abmalen. Als Hausaufgabe sollten wir die ganze Schiefertafel voller MAMAs malen. So lernte ich unter Stalins strengen Augen das Schreiben.

         

 

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