Erika Mann
Jan, Stoffel, Till & Co.
Neulich stieß ich im Internet auf eine Anzeige, in der ein altes Würfelspiel angeboten wurde. Der Kasten enthält ein Spielbrett, auf dem ein Zeppelin abgebildet ist. Die kreisförmigen Spielfelder stellen eine Variante des Mensch ärgere dich nicht-Spiels dar. Die Grafik erinnerte mich an Erika Manns Kinderbuch „Stoffel fliegt nach Amerika“, das ich in den 1950er Jahren gelesen habe.

Da ich mich gerade mit den Zeppelin Amerikafahrten beschäftigte, nahm ich mir das Buch noch einmal vor und war von der literarischen Qualität dieses ersten Kinderbuchs von Thomas Manns ältester Tochter überrascht.

Im Nachwort der Neuausgabe im Rowohlt-Verlag fand ich keine detaillierten Angaben über den Zeppelin und seine Reise, der Erika Mann zu ihrer Geschichte angeregt hatte, deshalb begann ich zu recherchieren und tauchte schnell in einer bunte Welt der Berichte und Dokumente über Leben und Werk der Familie Mann ein. Zusätzlich fand ich einen farbigen und spannenden Bilderreigen der deutsch-amerikanischen Beziehungen in den 1920er und 1930er Jahren, in deren Mittelpunkt eine junge Schauspielerin und Autorin agiert, die in ihren Geschichten für Kinder ein Kaleidoskop der Weimarer Republik schuf.
Was als Essay über Erika Manns erstes Kinderbuch geplant war, wuchs sich zu einem umfangreichen Kommentar aus, in dem neben Perspektiven der Technikgeschichte auch biographische Erfahrungen der jungen Schriftstellerin und ihres familiären und freundschaftlichen Umfeldes beleuchtet werden. Nicht nur die Erzählung „Stoffel“ erwies sich als literarische Entdeckung, auch das in dieser Zeit entstandene Theaterstück „Jan’s Wunderhündchen“ und der Roman „Zauberonkel Muck“ sind bedeutsame Beiträge zur Kinder- und Jugendliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Seit September 1936 lebte Erika Mann in den USA und wirkte dort zunächst als Kabarettistin und dann als Vortragsreisende und Publizistin. Mit dem Roman „A Gang of Ten“ machte sie sich dort als Kinderbuchautorin einen Namen. Zehn Kinder aus unterschiedlichen Nationen, die in einer New World School in Kalifornien leben, jagen erfolgreich einen Mister X, der im Auftrag Hitlers agiert. „A Gang of Ten“ erschien 1990 unter dem Titel “Zehn jagen Mister X“ erstmals auf Deutsch.

Erika Mann hat auch ein paar Erzählungen für Kinder veröffentlicht: Fridolin mit dem guten Herzen. In: Tempo. Berliner Abend-Zeitung vom 18.12.1930.
Marco spielt Theater. – Axi muß sich wundern. In: Das lustige Kinderbuch. Hrsg. von Erich Georgi und Hilde Peiser. Mit 70 Zeichnungen von Willy Goertzen und T. Wintergerst. Stuttgart 3. Aufl. o. J. (1935), S. 21-24 und S. 121-125.
Außerdem haben sich in ihrem Nachlass in der Münchner Stadtbibliothek zwei Typoskripte erhalten mit den Titeln Reise mit Robin und eine englische Fassung mit der Überschrift Voyage with Robin.
Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil schrieb Erika Mann weitere Kinderbücher: in den 1950er Jahren entstandenen die vier "Zugvögel"-Romane.
Im „Frühsommer“ des Jahres 1951 (Brief an den Franz Schneider Verlag vom 5. 12. 1952) schließt Erika Mann einen Vertrag über drei Buchprojekte ab. Zunächst sollen Neuauflagen der beiden schon früher veröffentlichten Bücher „Stoffel fliegt übers Meer“ (Stuttgart: Levy & Müller 1922) und „Muck, der Zauberonkel“ (Basel: Philographischer Verlag 1934) erscheinen, beide mit veränderten Titeln und leicht bearbeitet: „Unser Zauberonkel Muck“ (1952) und „Christoph fliegt nach Amerika“ (um 1953) mit einem „Nachwort“ von Erika Mann.
Das dritte Projekt unter dem Arbeitstitel „Zugvögel“ umfasste vier Bände, die von dem Jungen Till Petersen erzählen, der Mitglied in einem internationalen Knabenchor (den „Zugvögeln“) wird. Die Reihe thematisiert die Völkerverständigung und führt die jungen Leser durch Länder wie England, Holland, Schweden und Italien. Sie erscheint unter den Titeln „Wenn ich ein Zugvogel wär!“ (1953), „Till bei den Zugvögeln“ (1954), „Die Zugvögel auf Europa-Fahrt“ (1954) und „Die Zugvögel singen in Paris und Rom“ (1956).
Das Nachkriegs-Konzept des Schneider-Verlags unter Franz-Joachim Schneider (ab 1946) war für die damalige Zeit revolutionär und machte den Verlag zum Marktführer für Kinder-Taschenbücher.
Am 1. April 1913 gründete der Verlagsbuchhändler Franz Schneider (1875-1946) den Franz Schneider Verlag in Schöneberg bei Berlin. Zu den ersten Publikationen gehörten vor allem Kinder- und Märchenbücher, z. B. von Sophie Reinheimer. In den Jahren um 1922 wurde die Reihe Schneiders Bühnenführer herausgegeben, in dem meist moderne Dramatiker wie Frank Wedekind und George Bernard Shaw mit ihren Werken vorgestellt wurden. In der Reihe Luxusgrafiken erschienen Dramentexte mit Illustrationen von Grafikern.
Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahr 1933 wurden im Franz Schneider Verlag auch Titel wie Ulla, ein Hitlermädel, Kinder, was wißt ihr vom Führer? und Der Kampf um die Feldherrnhalle verlegt. Spätestens seit 1936 erschienen im Franz Schneider Verlag auch Bücher, die den Krieg verherrlichten, zum Beispiel von Albert Benary und Helmuth Koschorke.
1924 hatte Schneider in zweiter Ehe die Prokuristin Luise Stolzenhayn geb. Meier geheiratet. Sie führte nach seinem Tod 1946 den Familienbetrieb gemeinsam mit ihrem Sohn Franz-Joachim Schneider (1925-2008). Dieser leitete das Unternehmen dann von 1964 bis 1985 als Alleininhaber. 1985 verkaufte er Verlag und Marke an die dänische Unternehmensgruppe Egmont. 2020 wurde Schneiderbuch an die britische Unternehmensgruppe HarperCollins verkauft.
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Schneider erkannte früh, dass internationale Stoffe ziehen. Er sicherte sich die deutschen Rechte an Weltbestsellern wie denen von Enid Blyton, was das Rückgrat des Verlagserfolgs bildete. Gleichzeitig integrierte er renommierte Namen (wie etwa Erika Mann) in das populäre Format, um dem Programm auch eine pädagogische Note zu geben.
Erika Mann wählte bewusst die populäre Form der „Schul- oder Internatsgeschichte“ (ähnlich wie Hanni und Nanni), um politische Aufklärung und Toleranz niederschwellig an ein breites Publikum zu vermitteln.
Vom 24. Dezember 1952 bis zum 15. April 1954 wohnte die Familie Mann in einer Mietwohnung in Erlenbach bei Zürich. Nach dem Verkauf des Hauses in Pacific Palisades, Los Angeles Ende 1953 kaufte Thomas Mann Ende Januar 1954 ein Haus in Kilchberg am Zürichsee, das die Familie Mitte April bezog.
Die Zusammenarbeit mit dem Verlag lässt sich teilweise aus den Briefdurchschlägen von Erika Mann rekonstruieren, die vom 1. November 1952 bis zum 14. August 1954 in den schriftlichen Nachlässen der Familie Mann in der Monacensia der Münchner Stadtbibliothek erhalten sind.
Die ersten Briefe zeugen von einer Reihe gravierender Missverständnisse und Irritationen über die Verwirklichung der Projekte, die aber durch persönliche Gespräche zwischen Erika Mann und Luise Schneider überwunden werden konnten. Es gibt noch vertragliche Probleme bei der Verwertung der im Verlag erscheinenden Bücher für Lizenzausgaben und Übersetzungen.
Erika Mann schreibt am Manuskript für den ersten Band der „Zugvögel“-Reihe, den sie als Einleitung konzipiert. Parallel dazu werden vom Verlag der „Muck“ und der „Stoffel“ von den älteren Ausgaben neu gesetzt. Beide Bücher erhalten neue Titel und für den „Stoffel“, der jetzt „Christoph“ heißt, konzipiert Erika Mann ein Nachwort, das die jungen Leser über die Geschichte der Luftschifffahrt informieren soll.
Sie wird auch in den Herstellungsvorgang einbezogen und schreibt „eine kleine Botschaft“ (Brief vom 25. Januar 1953), bei der es sich um Werbetexte handelt, mit denen der Verlag auf weitere Bücher von Frau Mann hinweist. Sie werden ans Ende des jeweiligen Buchausgabe gestellt. Im Brief vom 25.2.2953 heißt es: „anbei, wie versprochen, die kleine „Botschaft“. Möchte sie nicht zu lang sein. Aber, wenn ich mich recht erinnere, war von „einer halben bis zu einer Schreibmaschinenseite“ die Rede. Jedenfalls habe ich einen leichten, „charmanten“ (soit disant [franz. soi-disant, angeblich, sogenannt, vermeintlich.]) Ton angeschlagen, alles „Pädagogische“ streng gemieden und bin selbst nicht eigentlich unzufrieden mit dem Machwerklein.“
„Über das Schicksal des „Stoffel“-Vorwortes bin ich noch ohne Nachricht. Mir scheint immer wieder, es wäre präferabel, es in ein Nachwort umzudichten. Obwohl auch diese Kleinarbeit mir nicht missfällt, deuchte mich jetzt entschieden, sie belaste den Leser, der (vorläufig) noch gar nichts wissen will von Luftschiffen. Hat er aber das Buch erste gelesen, so soll (und wird er hoffentlich) traurig sein, dass es „aus“ ist. Schon aus diesem Grunde musste (und wird er denk‘ ich) froh sein, noch ein paar „dazugehörige“ Seiten vor sich zu haben. Und ausserdem: nach Lektüre des Buches sollte mein Interesse an der Luftschifffahrt und ihrer Geschichte noch genug sein, um ihm meine Ausführungen nahe zu bringen.“ (Brief vom 25.1.1953)



1934 veröffentlichte Erika Mann ihr zweites Kinderbuch „Muck, der Zauberonkel“. Dieses Buch entstand in einer besonders unruhigen Lebensphase: Es fällt in die Zeit der Emigration, in der es neben der Realisierung des künstlerischen Alltags auch um die Realität des Geldverdienens ging. Erika schreibt aus dem Emigrationsort Var in Frankreich an ihre Freundin Eva Herrmann in New York in einem Brief vom 18. April 1933: „Vorweg: wir leben samt und sonders und sind nicht einmal im Gefängnis, das will viel heißen. Meine greisen Eltern sitzen flüchtig, unglücklich, ratlos in Lugano, Klaus ist in Paris, – [...]. Ich hatte ein so schönes Cabaret in München, zwei Monate lang, alles selbst gemacht, Texte von mir, [...] dann mußten wir davonhuschen, [...] hier ist stilles Landleben. Ich schreibe ein neues Kinderbuch. Wer wird es illustrieren?“ (Erika Mann: Briefe und Antworten 1, S. 40.)
Eine weitere ebenso wichtige Frage bestand darin, wer den Muck verlegen würde. Der Stuttgarter Verleger Levy & Müller wollte nach dem Erstlingserfolg des Stoffel auch den Muck möglichst schnell herausbringen. Erika schreibt in einem Brief an ihren Vater am 4. Juni 1933: „Levy & Müller kann und mag sich unter gar keinen Umständen von mir trennen. Lieber zahlt er jetzt drei Auflagen voraus, unter der Gefahr selbst, es nachher, wenn er mich verboten kriegt, zu verlieren, als daß ich wo anders hingehe mit meinem kleinen Muck.“ (Erika Mann: Briefe und Antworten 2, S. 40.) Wegen jüdischer Verlagsanteile konnte dieses Vorhaben jedoch nicht realisiert werden. Der deutschsprachige Exilverlag in Amsterdam, der Queridoverlag, war an dem Manuskript nicht interessiert; so erscheint der Muck 1934 in der Schweiz im Philographischen Verlag Basel. Der Illustrator war Fritz Wolf, eine spätere Ausgabe der Büchergilde Gutenberg illustrierte Otto Schott. Mit beiden Illustratoren scheint Erika Mann nicht ganz glücklich gewesen zu sein. In einem Briefwechsel mit dem Verleger Alfred Holz werden ihre Bemühungen deutlich, einen neuen Illustrator für eine weitere Auflage des Muck zu bekommen.
Zum Inhalt des Muck: Der Zauberonkel, ein Bruder der Mutter, kommt aus Amsterdam angefahren. (Amsterdam ist die Stadt der Emigration, in der deutsche Exilanten, wie auch Klaus Mann, ein neues Leben aufzubauen versuchten). Der Zauberer Muck besucht seine Schwester Mädi, die in einer deutschen Stadt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Ecki und Hassi lebt. Im Buch von Gundel Mattenklott Zauberkreide findet sich ein Exkurs über den Onkel in der Kinderliteratur. Hier ist auch Erika Manns Zauberonkel Muck erwähnt: "... sind diese Onkel – immer Brüder der Mutter und in einer kleinen, meist unausgesprochenen Konkurrenz zum Vater – Junggesellen und große Reisende, die mit der Aura wunderbarer Ferne und mit liebe- und humorvoller Zuwendung ihre kindlichen und jugendlichen Nichten und Neffen beglücken. Ihre Ankunft, plötzlich, unvorhersehbar oder sehnlichst erwartet, bringt die alltägliche Ordnung der Familie durcheinander. Wenn sie abreisen, hinterlassen sie den jüngeren Kindern abenteuerliche Phantasien, ins Leben der älteren greifen sie aber gern entschiedener ein, sie nehmen sie mit oder stellen zumindest die Weichen für die neue Lebensphase des Erwachsenwerdens, für Schul- oder Berufsbildung...“.
Barbara Murken: Gedanken zum Kinder- und Jugendbuchwerk von Erika Mann. Ein biographisches Puzzle. Münster 1995, S. ff.
Der Satz für die Neuausgabe des „Muck“ wurde bereits im Herbst 1951 nach der Vorlage des Erstdrucks hergestellt und die Fahnen Ende Januar 1952 zur Korrektur an Erika geschickt. Sie korrigierte den Satz parallel zur Neuausgabe des „Stoffel“ und des ersten Bandes der „Zugvogel“-Reihe. Geringfügig geändert wurde der Titel und einige stilistische Details. Am 5. Dezember 1952 schrieb sie an den Schneider-Verlag: „Die Korrekturen des „Muck“ gehen morgen als eingeschriebene Drucksache an Sie ab.“ Als erstes der sechs Bücher im Franz Schneider Verlag wurde „Unser Zauberonkel Muck“ mit einem Titelbild, einem Frontispiz und 14 Illustrationen von Trude Richter Anfang 1953 ausgeliefert und kostete 3 Mark.

Den Neusatz des „Stoffel“ stellt der Verlag von der ersten Buchausgabe her, die Erika Mann ausgeliehen hat. „Das kleine Vorwort zu „Christoph“ werde ich in den nächsten Tagen schreiben“, teilt sie dem Verlag mit und etwas später: „Anbei das Vorwort zum „Christoph“. Angesichts des enormen Materials, das ich zu durchackern hatte, um schliesslich die für unsere jungen Leser wichtigsten Punkte zu Papier zu bringen, konnte ich es kürzer nicht wohl machen. Auch scheint mir, die kleine Vorgeschichte sei nicht langweilig und enthalte nichts, was nicht zum besseren Verständnis des „Christoph“ dienlich sein könnte. Sollten Sie dennoch, der Länge wegen, Bedenken haben, so bitte ich um Strichvorschläge. Ich werde mich nicht sperren.“ (Brief vom 8.1.1953.)
Für das Vorwort verwendete sie – zusätzlich zu dem Material, das sie bei der Niederschrift ihres Romans zu Rate gezogen hatte –, vor allem zwei Bücher: Heinz Luedecke: Schiffe erobern die Luft. Berlin 1943 und Hugo Eckener: Im Zeppelin über Länder und Meere. Erlebnisse und Erinnerungen. Flensburg 1949.
Vom Verlag kommt eine Kritik, da die Luftschiffwerft im „Stoffel“ nicht mit der Geschichte des Zeppelinbaus in Friedrichshafen am Bodensee übereinstimmen, die im Vorwort geschrieben werden. Man wünscht sich eine Bearbeitung des Textes, die Erika Mann aber ablehnt.
Meinerseits hatte Ich freilich sehr absichtlich einen „Blaubergsee“, ein „Aschersried“, etc. erfunden, damit mir nicht einer kommen und sagen möchte: „Aber nie hat ein Kleiner Bub das Höhensteuer gelöst, – vielmehr hat Knud Eckener das einmal getan, auf andere Weise, übrigens, und kurz das Ganze ‚stimmt‘ weder hinten noch vorn!“ Aus eben diesen Erwägungen heraus ist der „Zeppelin“ auch nicht genannt, sondern es geht die Rede ausschliesslich von dem „grossen Luftschiff“. Der Stoffel, übrigens, ist ein dezidiert bayrisches Kind (keine Seele am Bodensee trägt Lederhosen!), und wollte man erst anfangen, das Büchlein durchweg der Zeppelin- und Bodensee-Wirklichkeit anzupassen, – die Arbeit wäre nicht nur sehr erheblich, sondern man brächte sich überdies, und wie schon vermerkt, in die Gefahr, angegriffen zu werden. Eine Geschichte scheint mir, soll entweder „wahr“ sein, oder „erfunden“. Nicht aber zur Hälfte das Eine und zur Hälfte das andere. Was nicht heissen will, dass einem nicht gestattet wäre, einer erfundenen Geschichte „wahre Modelle“ zu unterlegen (wir in diesem Falle den „Zepp“, und im Falle „Till“ die Regensburger Domspatzen“, – letztere in einigen wesentlichen Punkten verändert, aber eben doch Hauptgegenstand meines Studiums vor Beginn der Arbeit.).
Ein Gegenvorschlag, also, wie wäre, wenn wir dem Nachwort noch ein halbes Sätzchen, oder so beigeben? Ich habe die Fahnen nicht hier und kann das Ding nicht auswendig. Wohl aber weiss ich, dass es – scharf gegen Ende – ungefähr heisst: „Obwohl in unserer Geschichte der Name nicht vorkommt, merkt man doch, dass der „Glückszepp“ NZ 26 und kein anderer gemeint ist.“ Hier nun könnte man sagen, dass natürlich der Bodensee weder genannt ist und dass „ich“ den ganzen Blaubergsee mit den Bergen und all den Ortschaften drum und dran eigens erfunden habe, damit Bartels dort leben können. Denn wenn ich auch ganz ähnliche Leute wirklich gekannt habe, so hießen sie doch nicht Bartel und würden sich schönstens bedanken, wenn man in einem Buch über sie schriebe. so, – oder so ähnlich, deucht mich, wäre das am besten zu „lösen“. Sie haben carte blanche und ich bin sicher, dass Sie alles zum besten lenken werden. (Brief vom 14.5.1953)
Für die Neuausgabe von „Stoffel“ wünschte sich Erika Mann die Übernahme der Illustrationen von Richard Hallgarten und drängte ihre Verleger, Kontakt mit Richards Mutter in Kalifornien aufzunehmen. (Brief vom 5.2.1953) Auch hatte sie bereits Illustrationen zu „Till“ vorgeschlagen, die der Verlag aber ablehnte. Schließlich wurde „Christoph fliegt nach Amerika“ von Heinz Schubel illustriert, der auch die Bilder für die „Zugvögel“-Reihe zeichnete. Lediglich der Umschlagbild zum ersten Band „Wenn ich ein Zugvogel wär!“ stammt von Else von Czulik. Es zeichnet sich durch eine besondere Luftigkeit aus, da die Vorlage ein nicht fixiertes Pastell war.
„Christoph fliegt nach Amerika“ wird mit einem Nachwort und 15 Illustrationen von Heinz Schubel 1953 ausgeliefert und verkauft sich gut.

In vier Teilen erzählt Erika Mann die Geschichte vom elfjährigen Till, der in der Schule gar nicht aufpassen, sondern immer nur träumen kann. Er träumt mit offenen Augen, statt auf die Worte der Lehrer hört er auf die Töne in seinem Innern. Er ist hochmusikalisch, der kleine Till, und eines Tages darf er dem Leiter eines berühmten Knabenchores vorsingen: Er hat das absolute Gehör; keine Krankheit, wie den bestürzten Eltern sofort versichert wird, sondern eine Gabe, die nicht brachliegen dürfe. Trotz vieler Hindernisse und Widerstände geht Tills Wunsch in Erfüllung: Er tritt in den berühmten Knabenchor ein, er lebt als Sängerknabe bei den »Zugvögeln«, im Internat auf der »Lachburg«. Mit seinem Chor unternimmt Till große Reisen, ganz Europa und die gesamte europäische Musikliteratur lernt er kennen. Nach Holland und London, nach Stockholm und Paris, nach Zürich und Rom fahren die »Zugvögel«, die ihr Vorbild in den »Thomanern«, in den »Wiener Sängerknaben«, in den »Regensburger Domspatzen« haben. In den großen Metropolen, an den Fluchtpunkten ihres eigenen Exils, läßt die Autorin ihre »Zugvögel« gastieren. Sie führen ein Leben für die Musik, ein Leben im europäisch-internationalen Milieu. Gerade das hat die ehemalige Emigrantin an diesem Stoff gereizt, gerade das wollte sie ihren jugendlichen Lesern nahebringen. Till und seine Freunde sind zwar musikbegeistert, aber sie sind auch voller verrückter Einfälle, sie sind zu Streichen und Dummheiten aufgelegt wie alle Kinder, sie ärgern ihre Lehrer wie alle Schüler; aber sie leben trotz Disziplin und strenger Internatsordnung in einer freien Welt. Die »Lachburg« und die Reisen der »Zugvögel« wurden Erika Manns kindlicher und kindgerechter Gegenentwurf zur glücklich überwundenen Welt der School for Barbarians, ihr Gegenentwurf zu einer unglückselig sich etablierenden Welt des Wirtschaftswunders und der Ärmelhochkrempler. Die Zugvögel-Serie, die zwischen 1953 und 1959 im Stuttgarter Scherz Verlag noch einmal als Ganzes erschien, war ein Abschied; Erika Manns Abschied von der Politik, vom Streit, von aufreibenden Konflikten.
»Für die Erwachsenen zu schreiben ist mir längst zu blöd«, heißt es 1953 in einem Brief an Curt Bois. Elf Jahre zuvor, während der Arbeit an ihrem amerikanischen Kinderbuch A Gang of Ten, hatte sie in einem ihrer letzten Briefe an Annemarie Schwarzenbach geschrieben: »Der Abwechslung halber habe ich nunmehr begonnen, ein Kinderbuch abzufassen, ein politisches Kinderbuch [...], für Knaben und Mädchen von 9-15. In Wahrheit hoffe ich, die durch und durch Erwachsenen, die sich, was politische Einsicht angeht, noch immer in rauhen Mengen auf dem Niveau von nicht durchaus gutartigen Knaben und Mädchen tummeln, mit meinem Selbstgemachten zu erreichen. Wenn es mir nur kindisch genug gerät für die Damen und Herren.«.
Kinderbücher für Erwachsene in politischer Absicht; Kinderbücher
für Kinder und gegen die Erwachsenen als Folge enttäuschter politischer
Hoffnungen: Alles klingt nach Rückzug und nach Resignation, nach Vermeidung von
Konflikten, nach Sich-Bescheiden im Harmlosen. Es klingt so, war wohl auch so
gemeint, aber es wurde nichts daraus. Denn gerade mit den Erwachsenen kam es
zum Krach über die Kinderbücher. Der Franz Schneider Verlag wählte für den
Stoffel und den Muck Titel, die ihr nicht gefielen. Erika Mann wollte – da es
sich um Neuauflagen handelte – die alten Titel, die von 1932 und 1934; sie
wollte, was zwölf Jahre in Deutschland untergegangen war, wieder präsentieren
und nicht mit veränderten Titeln so tun, als fange jetzt alles ganz neu an. Sie
setzte sich nicht durch, mehr noch, kaum waren die ersten Bändchen des Till, der
Zugvögel-Serie erschienen, da drohte ein Prozeß wegen Plagiats. Der Augsburger
Fotograf Hans Meile hatte unter dem Titel Pennäler mit dem hohen C seine
Erinnerungen an den Dresdener Kreuzchor geschrieben und behauptete nun, Erika
habe die Idee zu ihrer Kinderbuchserie und auch Passagen »beinahe wörtlich« von
ihm übernommen. Zwar konnte die Autorin beweisen, daß sie mit Hilfe des ihr aus
Münchener Zeiten gut bekannten Organisten und Dirigenten Karl Schleifer
recherchiert und Material gesammelt hatte, auch blieb ihr nach einer
eidesstattlichen Erklärung, in der sie »die dummdreisten und ehrenrührigen
Anwürfe« zurückwies, der Prozeß erspart. Aber wieder gab es, was sie doch gar
nicht mehr wollte: Ärger mit den »blöden Erwachsenen«.
Imela von der Lühe: Erika Mann. Eine Biographie. Frankfurt am Main 1996, S.
325ff.