Jan’s Wunderhündchen

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Entstanden im Herbst 1931. Das Kinderstück galt als verschollen, bis Dirk Heißerer das vom Theaterverlag Oesterheld in Berlin 1932 vervielfältigte Stück entdeckte und anlässlich des 100. Geburtstages von Erika Mann im Jahre 2005 wieder veröffentlichte.

 

 

Das Stück wurde am 14. Dezember 1932 am Hessischen Landestheater in Darmstadt aufgeführt; Erika Mann war bei der Uraufführung anwesend.

In seinem ausführlichen und kenntnisreichen Nachwort erläutert Dirk Heißerer Hintergrund, Entstehung und Aufnahme des Stücks. Danach zeigt er, welche Personen aus der Mann-Familie und dem Freundeskreis Anregungen für das Personal gegeben haben.

Über den Schreibprozess ist wenig bekannt.

 

Erika Mann schreibt im Programmheft „Warum ich das Weihnachtsstück vom Wunderhündchen schrieb“: „Von Anfang an war mir klar, daß mein Freund Jan, nach dem das Stück hieß, sich in der Nacht vor Weihnachten auf den Wegmachen würde, um das ganz besonders schöne Wunderhündchen mit den ganz besonders netten Eigenschaften zu suchen.“

 

Programmheft im Nachlass Erika Mann, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Signatur EM M 222

 

Das Stück besteht aus sieben Bildern und wird von Musik und Gesang begleitet.

 

 

1. Bild: In der Kinderstube

Fünf Kinder: Peter, Anneliese, Jan, Puck und Muck bereiten Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern vor. Ein Peter bastelt ein Brettchen mit eingebranntem Spruch („Ohne Fleiß keinen Preiß“) für seinen Vater, Anneliese bestickt ein Deckchen für ihre Mutter, Puck und Muck bauen eine Fußbank für den Vater. Nur Jan, „der gar nichts kann“, scheitert an seinem „Hündchen aus Ton und Wolle“.

Als die anderen ihn verspotten, zeigt es auf ein Bild an der Wand, auf dem ein bunt gekleideter Mann mit einem Waldhorn auf einem Baum sitzt. Jan hat geträumt, dass er Vaduz heißt.

Onkel Thomas tritt ein und lobt die Geschenke. Dann überprüft er die Rechenkünste der Kinder und trägt ein Gedicht vor, in dem er Goethes Hexeneinmaleins parodiert.

 

Zeichnungen von Elli Büttner

Wenn zweimal viere neune wären,

Dann wär das Rechnen nicht so schwer,

Dann wär es ziemlich leicht.

Doch zweimal vier ist nun mal acht,

Wer hat das Rechnen bloß erdacht?

Ein kluger Mensch vielleicht.

Doch zwei mal vier ist nun mal acht,

Wer hat das Rechnen bloß erdacht?

Zwei weg von acht ist? Sechs!

Na, da bin ich perplex.

Dacht ich doch, sechs sind 2 und 4,

Wie geht das zu, ach sagt es mir?

Was macht denn zwei mal 3?

Auch wieder sechs; die Rechnerei

Ist also kinderleicht.

Stets wird die Sechs erreicht,

Ob man dazuzählt oder nimmt

Sag sechs

Und das Ergebnis stimmt.

Doch acht ist acht und 9 = 9

Und 9 ist groß und 1 ist klein.

10, zum Beispiel, ist nicht 4,

Jeder Rechner weiß es.

5 Maß Bier und 5 Maß Bier

Macht zusammen 10 Maß Bier,

Kaltes oder heißes.

Rechnen ist die größte Kunst,

4 von 6 = 2

Größte Kunst, blauer Dunst,

Eisen ist nicht Blei.

Eisenbahn,

Zaubermann,

5 und 6,

Rechenhex,

Niemand muß,

Schluß!!!

 

In Goethes Dichtung führt Mephisto den Faust in eine Hexenküche, um dort einen Verjüngungstrank für ihn brauen zu lassen. Unter allerlei Spektakel deklamiert die Hexe aus einem dicken Buch folgenden Zauberspruch:

 

Du mußt verstehn!

Aus Eins mach’ Zehn,

Und Zwei laß gehn,

Und Drei mach’ gleich,

So bist Du reich.

Verlier’ die Vier!

Aus Fünf und Sechs,

So sagt die Hex’,

Mach’ Sieben und Acht,

So ist’s vollbracht:

Und Neun ist Eins,

Und Zehn ist keins.

Das ist das Hexen-Einmal-Eins!“

(Faust I, 2540 bis 2552)

 

Als die Eltern erscheinen, werden alle Geschenke versteckt; in einer burlesken Szene muss Onkel Thomas vom Stuhl befreit werden, an dem er mit dem Popo festgeklebt ist. Nachdem die Kinder ins Bett geschickt wurden, verzaubert Onkel Thomas das Bild und öffnet so für Jan einen Weg ins Zauberland:

 

Lieber Mann auf grünem Baum

Wach jetzt auf aus deinem Traum,

Führe mich und sei mein Schutz,

Denn du bist mein Freund Vaduz.

 

2. Bild: Auf dem Weg ins Zauberland

Jan bittet Vaduz um Hilfe bei seiner Suche nach dem Hündchen, das er zu Weihachten seine Eltern schenken will. Der verlangt aber drei Versprechen: 1. Du darfst nicht erschrecken. 2. Du darfst nie gähnen. 3. Du darfst dich nicht umschauen. Der Grund ist die böse Offi, Vaduz‘ Großmutter, die das Zauberhündchen streng bewacht und regelmäßig quält.

 

 

Die beiden machen sich auf, das Hündchen zu befreien, aber der Weg ist sehr weit. Onkel Thomas bringt ihnen ein Pferd und einen Esel. Sie reiten los, aber die böse Offi nimmt ihnen die Reittiere fort. Jan schlägt vor, zu Onkel Thomas zu gehen, und ihn erneut um Hilfe zu bitten.

3. Bild: In der Autowerkstatt von Onkel Thomas

Fünf Monteure bauen unter der Anleitung von Onkel Thomas ein Auto, mit dem Jan und Vaduz losfahren. Die wegen des Widerstands von Pferd und Esel verunglückte Offi versucht vergeblich sie zu stoppen.

 

4. Bild: Abenteuer am Schneeberg

Am Schneeberg bleibt das Auto der beiden stecken. Sie nehmen die vier Kotflügel und machen daraus Schier. Als Jan losfährt, halten die Offiknechte den Vaduz fest und wollen ihn verhauen. Aber Onkel Thomas erscheint und befreit ihn mit Hilfe guter weißer Geister und einem Tanz-Zauber.

 

 

 

5. Bild: Auf hoher See

Jan und Vaduz schwimmen im Meer und werden von Matrosen an Bord des Schiffes gezogen, das Onkel Thomas kommandiert. Nach einer spaßigen Seefahrt angelt Jan die böse Offi, die aber von Vaduz besiegt wird. Das Schiff erreicht das Ufer und beide sind am Ziel ihrer Reise angelangt.

 

 

 

6. Bild: Die Befreiung des Hündchens

Das Hündchen Goldaug sitzt in einem goldenen Käfig und wird von einem Wächter bewacht. Er hat einen zweifachen Zauberbann um die Hütte geschlagen und wird von drei Löwen und drei Tigern unterstützt. Aber Jan und Vaduz können den Zauber brechen und je drei verwunschene Mädchen und Jungen erlösen. Jan erfährt das Zauberwort und kann das Hündchen befreien.

Um nach Hause zum Weihnachtsfest zu kommen, muss Onkel Thomas mit einem Ballon kommen, in dem Jan mit seinem Hündchen Goldaug zurückfahren kann. Vaduz bleibt in der Zauberwelt zurück; die böse Offi ist besiegt und ärgert sich.

 

7. Bild: Weihnachten wieder zu Hause

Im Kinderzimmer sitzen die Kinder und ihre Eltern und warten. Onkel Thomas erscheint und kündigt Jan an. Dessen Hündchen zaubert einen Weihnachtsbaum, und viele Geschenke herbei.

 

 

Im Programmheft erklärt Erika Mann, warum sie »das Weihnachtsstück vom Wunderhündchen« geschrieben habe. Es sei im Auftrag ihrer »kleinen Geschwister [...] Medi und Bibi« entstanden, nach ihren Wünschen und Anregungen. Tatsächlich dürfte die damals 26-jährige Erika Mann den Plan mit ihren jüngsten Geschwistern, der 13-jährigen Elisabeth, genannt Medi, und dem 12-jährigen Michael, genannt Bibi, intensiv besprochen haben. Weihnachten spielte im Haus an der Poschingerstraße eine ganz besondere Rolle, wie es zuletzt noch der Film Die Manns (2001) ausdrucksvoll dargestellt hat. Die berühmte Weihnachtsfeier in Thomas Manns Roman Buddenbrooks (1901) geht am Ende des Kinderstücks über in das Bühnenbild der »herrlichen Weihnachtslandschaft« mit großem »Christbaum, unter dem Gaben liegen, Spielzeug, Goldnüsse und Äpfel« (VII. Bild). Weihnachten blieb auch bei den Manns über Jahre und Jahrzehnte und über alle Kontinente hinweg das große Familienfest der Eltern, Kinder und Enkel. Medi und Bibi müssten sich daher auch darüber gefreut haben, dass mit dem zauberkundigen »Onkel Thomas« der eigene Vater Thomas Mann, den die Kinder bekanntlich den »Zauberer« nannten, in das Stück eingebracht wurde. Etwas versteckter war die Anspielung bei der Hexe Offi und den Offiknechten. In der Geheimsprache der Mann-Kinder war Offi der Name der Großmutter Hedwig Pringsheim; den Großvater Alfred nannten sie Ofei. Das hat Erika Mann selbst in ihrem öffentlichen Glückwunsch an den Großvater Pringsheim am l. September 1930 in den Münchner Neuesten Nachrichten kund getan. Schließlich ist hinter dem Titelhelden Jan und seinem Wunderhündchen Goldaug Erika Manns Jugendfreund und Co-Autor Ricki Hallgarten mit seinem Hündchen Wolfram erkennbar. Klaus Mann berichtet in seinen Erinnerungen Der Wendepunkt (1952): »Wolfram war ein langhaariger Terrier von niedriger Statur und langem Rücken, ein seidiges Geschöpf, sehr liebenswert, mit innig klugem Goldblick. Um den Hals trug er ein silbern Glöckchen, das mit artigem Geläut auf sein Kommen vorbereitete. Hinter ihm kam Ricki.«

Dirk Heißerer, S. 72

 

  

Weihnachtszimmer im Buddenbrookhaus in Lübeck 

 

Jan’s Wunderhündchen, Ein Kinderstück in sieben Bildern von Erika Mann und Richard Hallgarten. Berlin: Oesterheld, 1931.

Erika Mann und Richard Hallgarten: Jan’s Wunderhündchen. Ein Kinderstück in sieben Bildern. Mit einer Erklärung von Erika Mann. Hrsg. und mit einem Nachwort von Dirk Heißerer. München 2005. (Thomas Mann Schriftenreihe. Fundstücke 1.)

Erika Mann: Jans Wunderhündchen. Korrekturen zu e. Spiel. Manuskript, 16 S. Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Signatur EM M 221 (urn:nbn:de: 0302-76430).

Erika Mann: Warum ich das Weihnachtsstück vom Wunderhündchen schrieb. In: Weihnachtsmärchen. Jan’s Wunderhündchen. Programm des Hessischen Landestheaters; Text: Erika Mann; Bilder von Elli Büttner. Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Signatur EM M 222 (urn:nbn:de:0302-90159)

Klaus Mann: Ricki Hallgarten – Radikalismus des Herzens. In: K. M.: Die neuen Eltern. Aufsätze, Reden, Kritiken 1924-1933. Hrsg. von Uwe Naumann und Michael Töteberg. Reinbek 1992, S. 390-411.

Barbara Murken: Die Träume waren großartig, abenteuerlich und schön. Ricki Hallgarten und Erika Mann und ihre Kinder- Buch- Träume von einer besseren Welt. In: Aus dem Antiquariat, Heft 3 2017. S. 118-128

 

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