Stoffel fliegt übers Meer

Illustrationen

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Während ihres Aufenthalts in der Schweiz schrieb Erika am 18. April 1933 an ihre Freundin Eva Hermann: „Hier ist stilles Landleben, Ich schreibe ein neues Kinderbuch. Wer wird es illustrieren?“
Erika Mann: Briefe und Antworten. Band I: 1922-1950. Hrsg. von Anna Zanco Prestel. München 1984, S. 36.

Diese Aufgabe übernahm schon bald der gemeinsame Freund Ricki.

Richard Hallgarten, Sohn einer hochkultivierten jüdischen Familie, war ein attraktiver und besonderer Knabe. Wir kannten ihn seit frühester Kindheit, da seine Eltern auf gut-nachbarlichem Fuße mit den unseren standen. Er wirkte zugleich delikat und verwegen, wild und sensitiv. Die Fülle des dunklen, widerspenstigen Haares hing ihm in eine niedrige Stirn, die sich oft nervös verfinsterte. Die Augen, nah beieinanderliegend unter schön geschwungenen, starken Brauen, spiegelten mit rührender Aufrichtigkeit die stürmisch wechselnden Stimmungen seiner Seele. Er hatte den komplizierten, beunruhigenden Reiz eines morbiden Hirtenknaben, eines hysterischen Zigeuners. Er war witzig und naiv, unschuldig und verschlagen. Sein Gesicht war von kindlich-sinnlicher Weichheit; aber seine Hände waren hager, hart, gequält – die Hände eines sehr alten Mannes. Ricki war ein fortwährendes Problem und ein nie endendes Vergnügen. Er verabscheute die Schule und simulierte die ausgefallensten Krankheiten, um aufs Land geschickt zu werden. Er wollte nicht Lateinisch lernen; er wollte malen. Dagegen hätten seine Eltern an sich nichts einzuwenden gehabt, wenn nur seine Bilder nicht alle so traurig und makaber gewesen wären! Immer gab es Krüppel auf Rickis Bildern, blinde Greise in unheimlich verödeter Landschaft, Bucklige mit hageren Katzen, großäugige, bleiche kleine Mädchen in starrer Gruppe beieinanderstehend. Er liebte Kinder und Katzen und die Berge, und wir liebten ihn.
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Berlin 1979, S. 119.

Im Sommer 1930 schrieb er mir noch: „Ich habe von dem, was ich hier gemalt habe, vieles wieder vernichtet, weil ich im Stadium des heftigsten Experiments bin und mich vor allem um etwas grössere Lockerheit bemühe,“ Um eben diese grössere Lockerheit zu erreichen, wollte er es immer wieder mit dem Illustrieren versuchen. Er nahm sich vor, Zeichnungen zu „Mario und der Zauberer“ zu machen, brachte es über erste Versuche freilich nicht heraus. In den allerletzten Wochen aber glückten ihm die Illustrationen zu dem Kinderbuch meiner Schwester, „Stoffel fliegt übers Meer“, in denen er alles, was leicht, spielerisch, vergnügt und zärtlich in ihm war, auf die hübscheste Weise ausnutzte und reizend verwendete. Vielleicht hätte sein Talent sich, wenigstens für eine Periode, nach dieser Richtung entwickeln können. Das hätte am Ende auch die ersehnte Auflockerung seiner anspruchsvolleren Leistung mit sich gebracht.
Klaus Mann: Ricki Hallgarten - Radikalismus des Herzens. Münchner Stadtbibliothek/ Monacensia, Nachl. Klaus Mann/Manuskripte, KM M 653

Am 5. Mai begeht Ricki Hallgarten im Sommerhaus in Utting am Ammersee Selbstmord. Das Erscheinen von „Stoffel“ erlebt er nicht mehr.

 

 

Richard „Ricki“ Hallgarten (1905-1932 in Holzhausen bei Utting am Ammersee) war ein deutscher Maler und Grafiker, Kinderbuchautor und -illustrator.

Hallgarten war der Sohn des Juristen und Germanisten Robert Hallgarten und der Pazifistin und Frauenrechtlerin Constanze Hallgarten. Die protestantische Familie mit assimilierten jüdischen Vorfahren wohnte in der Nachbarschaft der Schriftstellerfamilie Mann, in der Pienzenauerstraße 15 (von 1945 bis 2008 Standort der Ukrainischen Freien Universität in München). Ricki Hallgartens ebenfalls bekannter Bruder George W. F. Hallgarten war Historiker und Politikwissenschaftler.

1919 gründete Ricki Hallgarten zusammen mit Klaus und Erika Mann sowie mit Gretel und Lotte Walter, den Töchtern des Dirigenten Bruno Walter, die Spielgruppe Laienbund Deutscher Mimiker, die abwechselnd in den elterlichen Wohnzimmern auftrat. Aus dieser Zeit erwuchs eine lebenslange Freundschaft zu Klaus und Erika Mann, die insbesondere von Klaus Mann literarisch in seinen Autobiografien Kind dieser Zeit und Der Wendepunkt verarbeitet wurde. Die Mitspieler des Laienbundes besuchten zudem gemeinsam das private Ebermayer-Institut von Ernestine und Ottilie Ebermayer in der Schraudolphstraße, den Tanten von Erich Ebermayer.

Hallgarten wanderte Ende der 1920er Jahre nach New York aus, um sich dort als Künstler zu etablieren, doch er musste sein Geld als Tellerwäscher und Blumenausträger verdienen. Erika und Klaus Mann besuchten ihn dort während ihrer Weltreise 1929. Erika Mann versuchte, Hallgarten durch seine Mitarbeit an ihren Texten und andere gemeinsame Tätigkeiten von seiner Todessehnsucht abzubringen. 1930 scheiterte er jedoch an der Illustration von Thomas Manns Mario und der Zauberer. Im Frühjahr 1931 nahm er mit Erika Mann an einem 10.000 km-Autorennen durch ganz Europa teil, das die beiden für sich entschieden.

In seinen letzten Jahren schrieb er zusammen mit Erika Mann das Weihnachtsmärchen Jans Wunderhündchen. Ein Kinderstück in sieben Bildern (1931), doch erlebte er die Uraufführung am 14. Dezember 1932 im Landestheater Darmstadt nicht mehr. Katja regte Ricky an, selbst ein Kinderbuch zu schreiben und zu illustrieren. Das 11 Mörder-Bilderbuch (wohl für Kadidja Wedekind) kam allerdings über das Originalexemplar nicht hinaus. Anschließend illustrierte er, vermutlich in Holzhausen, das erste Kinderbuch Erikas, Stoffel fliegt übers Meer (1932), das kurz nach seinem Tod erschien.

Hallgarten erschoss sich am Mittag des 5. Mai 1932 in einem gemieteten Sommerhaus, das sich im Park der Villa Gasteiger am Ammersee befand. Der Suizid erfolgte einen Tag vor einer geplanten Reise „durch Klein Asien, Persien und durch Russland“, die Hallgarten mit Annemarie Schwarzenbach und Erika und Klaus Mann unternehmen wollte. Er hinterließ einzig die lapidare Nachricht: „Sehr geehrter Herr Wachtmeister! Habe mich soeben erschossen. Bitte Frau Thomas Mann in München benachrichtigen. Ergebenst R. H.“ Nachdem die Nachlassangelegenheiten geordnet waren, brachen die Freunde Klaus Mann mit Erika, Annemarie Schwarzenbach und dem jungen Schauspieler an den Münchner Kammerspielen, Herbert Franz („Babs“), noch im Mai zu einer Fahrt nach Venedig auf.

Klaus Mann setzte seinem Freund ein literarisches Denkmal mit dem im selben Jahr geschriebenen Essay Ricki Hallgarten. Radikalismus des Herzens.

 

Ricki Hallgarten

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