Stoffel fliegt übers Meer

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Stoffel lebt mit seine Eltern am Blaubergsee. „Stoffels Vater gab sich mit den Fischen ab; er fing sie mit den Netzen und mit der großen Grundangel und verkaufte sie der «Blauen Gans». Die «Blaue Gans» ist das Gasthaus in Blaubergsee, und da Kind von der «Blauen Gans», das ist Agi, mit der Stoffel sehr befreundet ist.“ (Stoffel fliegt übers Meer, S. 9f.)

Der fiktive Blaubergsee ist aus Vorstellungen zusammengesetzt, die Erika Mann von Eindrücken und Erlebnissen ihrer vielfältigen Aufenthalten am Starnberger See und am Bodensee gewonnen hatte. Aus ihnen fügte sie den ersten Handlungsraum der Erzählung zusammen.

 

1. Der Starnberger See

 

Erika Mann war der Starnberger See recht vertraut, zunächst durch Besuche und Aufenthalte mit ihren Eltern, später auch mit ihrem Bruder Klaus und Freunden.

 

 

 

Thomas Mann kannte den See schon seit Anfang des Jahrhunderts, als er von München aus nach Starnberg geradelt war. Im Sommer 1907 logierte er mit seiner jungen Ehefrau Katia und dem ersten Kind Erika erstmals in einer Pension in Seeshaupt. Unweit davon erwarb 1911 ein Jugendfreund Katia Manns, der Maler Hermann Ebers, ein stattliches Haus, die heutige „Villa Seeschlößchen/ 1857“, und lud das Ehepaar Mann immer wieder zu Besuchen ein. Nach dem Verkauf des Landhauses in Bad Tölz 1917 und einem etwas verregneten Sommer 1918 am Tegernsee nahm Thomas Mann ab dem Frühjahr 1919 die Gelegenheit wahr, zeitweise das Landhaus „Villino“ seines Freundes Georg Martin Richter in Feldafing zu nutzen. Bis 1923 lassen sich dort zahlreiche Aufenthalte nachweisen, die für die Arbeit an dem Roman Der Zauberberg literarische und musikalische Folgen gehabt haben. Das Seeufer lud zu Spaziergängen ein und der See selbst zum Rudern.

Nach dem großen Erfolg seines Familienromans Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901) sitzt Thomas Mann seit 1906 an dem Gesellschaftsroman Königliche Hoheit und kommt nicht recht voran. Eine produktive Erholung erhofft sich der etwas verzagte Autor im Sommer 1907 vom Starnberger See. Die Wahl fällt auf das südliche Seeshaupt und die privat vermietete „Villa Hirth“ (heute Haus Eberle) an der St.-Heinricher-Straße 81. Die vierköpfige Familie bringt in die Ferien den leicht verrückten Collie Motz mit, der als „Percy“ im Roman Königliche Hoheit eine besondere Rolle spielt.

Die Einladung an den Bruder Heinrich vom 19. Juni 1907 stimmt den Ton dieser Wochen an: „Willst Du uns nicht mal besuchen? Es ist ein gutes Gasthaus nicht weit von uns. Ich bin möglichst fleißig und arbeite hier wenigstens regelmäßig, wenn auch die tägliche Kraft nicht weit reicht.“
Dirk Heißerer: Starnberger See: Thomas Mann. https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/2022/Spaziergang_ThomasMann_StarnbergerSee.pdf

Nur wenige hundert Meter entfernt, in Münsing, gibt es seit 1811 eine Fischerei mit eigenem Badestrand, der noch heute mit einem Campingplatz betrieben wird.

 

Klaus Mann berichtet in seiner Autobiographie über spätere Aufenthalte am See: „Es war eine tropisch warme Nacht Mitte August. Erika und ich spazierten an den malerischen Ufern des Starnberger Sees, nicht weit von Feldafing. Wir lebten damals mit Freunden in einem bescheidenen Hotel auf dem Land. Jede Nach fuhr Erika dort hinaus, sobald sie mit ihrer Vorstellung an den Münchener Kammerspielen fertig war.“ „Ich weiß nicht, was mit mir los ist“, klagte sie. „Alles geht nach Wunsch, aber ich habe keinen Spaß daran.“ Es gab ein Schweigen, ehe sie hinzufügte: „Der Starnberger See ist hübsch, kann so bleiben. Aber ich will nicht bleiben. München ist hübsch, und es spielt sich nett an den Kammerspielen. Aber ich wäre lieber anderswo. Zehtausend Meilen weg von hier ...“.
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Berlin 1979, S. 225f.

 

 

 

  

 

Erika Mann heiratete am 24. Juli 1926 in München Gustav Gründgens; die Hochzeitsgesellschaft aß in Feldafing am Starnberger See im Hotel „Kaiserin Elisabeth“ zu Mittag und feierte dort am Abend. Hier hatte die Familie Mann auch schon früher logiert. Erika nahm an Spaziergängen und auch Bootsfahrten teil und kannte den See genau.

 

 

Stoffel gelangt mit Hilfe des Dampfers Luitpold nach Aschersried. Den Dampfer hat es wirklich gegeben. Der Kapitän des fiktiven Salondampfers erlaubt es Stoffe, sein Ruderboot anzuhängen, und so schafft es Stoffel schnell ins fiktive Aschersried. Dieser Ort ist der Stadt Friedrichshafen am Bodensee nachgebildet.

 

Der Salondampfer Luitpold war ein Leibschiff der Wittelsbacher, das von 1890 bis 1954 als Passagierdampfer auf dem Starnberger See fuhr und Platz für 1.200 Fahrgäste bot. Die von der Würmsee-Actiengesellschaft betriebene Luitpold war nach dem Prinzregenten Luitpold benannt und luxuriös ausgestattet. Sie besaß eine elektrische Beleuchtung und war im Neo-Rokoko-Stil eingerichtet. Am Bug befand sich zunächst eine vergoldete Galionsfigur, die Triton und einen Knaben darstellte. Dazu kam eine ebenfalls vergoldete Reling in Kunstschmiedearbeit und ein bordeauxroter Rumpf. Da die Galionsfigur sich bei Anlegemanövern als hinderlich erwies, wurde sie recht bald wieder abgebaut. Weitere Änderungen waren der Einbau zweier Lüfter neben dem Kamin nach 1900 und der Bau eines geschlossenen Ruderhauses statt des ursprünglichen offenen Ruderstandes. Mit dem Ende der Monarchie wurde der Schaufelraddampfer 1918 oder 1919 in München umbenannt. Bis 1954 diente er als Passagierdampfer auf dem Starnberger See.
Wikipedia

 

 

2. Der Bodensee

 

  

 

Auch der Bodensee war den Kindern der Familie Mann vertraut. „Nach der Trauung [mit Gustaf Gründgens] vor dem Münchener Standesamt fuhr das Paar im Sommer 1926 in die Flitterwochen an den Bodensee. Ihr Ziel – das mondäne Kurgartenhotel in Friedrichshafen – galt dem Thomas Mann-Biografen Klaus Harpprecht zu Recht als »merkwürdig« – und doch fiel die Wahl kaum zufällig auf dieses Haus. Erika Mann kannte es bereits von einem gemeinsamen Besuch mit Pamela Wedekind: Die Gästeliste hatte die beiden vier Wochen zuvor als »Erika Mann, Schauspielerin« und »Herr Wedekind aus München« aufgeführt.“ Ende Juni 1926 hatten Erika Mann und Parmela Wedekind einen Abstecher ins thurgauische Uttwil auf der anderen Seeseite unternommen. Dort lebte »Mopsa Sternheim«, die Tochter des Dramatikers Carl Sternheim, die zum Freundeskreis zählte.
Manfred Bosch: Die Manns am Bodensee „Haben es ganz gut getroffen …“. Konstanz 2019, S. 39.

 

 

Der begnadete Schauspieler und die verwöhnten Dichterkinder spielten gemeinsam Theater, aber auch miteinander machten sie Theater. Gustaf Gründgens soll sich regelrecht in sie verliebt haben, weiß sein Biograph zu berichten; Erika ihrerseits heiratete ihn nur, weil sie sich Karrierevorteile davon versprach – kolportiert Curt Riess den Hamburger Bühnentratsch aus jenen Jahren. Tatsache ist, dass Gustaf Gründgens und Erika Mann am 24. Juli 1926 in München heirateten. Thomas Mann und sein Schwager Klaus Pringsheim waren die Trauzeugen. Bei strahlendem Sommerwetter, begleitet von aufmunternden Reden des Brautvaters feierte man Hochzeit am Starnberger See, im ehrwürdigen Hotel Kaiserin Elisabeth in Feldafing. Ein Foto zeigt das lächelnde Paar, er – das Glas in der Hand, aber ohne das imposante Monokel im Auge – hält sie ein wenig schulbubenhaft weit von sich entfernt im Arm; sie – die Rosen und vielleicht ein Stammbuch präsentierend – blickt nicht eben überzeugend zu ihm auf. Beiden ist offenbar nicht recht wohl in ihrer Haut.  

 

Das glückliche Paar mimten sie mehr schlecht als recht, und schnell folgten dem rauschenden Fest Schwierigkeiten und Konflikte. Erikas Liebe in diesen Jahren galt der Freundin Pamela Wedekind. Ihr hatte sie schon lange vor der Hochzeit anvertraut, dass ein gemeinsames Leben mit dem hochempfindlichen, leicht kränkbaren und zu genialisch-hysterischen Ausbrüchen neigenden Mann im Grunde unmöglich war. Auch Gustaf Gründgens soll noch vorher gegenüber seiner Schwester Marita ausgerufen haben: «Kannst du mir mal sagen, warum ich Idiot heirate?» Die Beziehung zur hochangesehenen Mann-Familie, die Sehnsucht nach dem Normalen, nach Schutz in den Normen der Bürgerlichkeit, gewiss auch die Attraktivität der «wunderschönen Iphigenie […] mit dem verdunkelten Blick», die so hinreißend lasziv mit ihm Tango tanzte, all dies wird für Gustaf Gründgens, der anders als Klaus Mann seine Homosexualität immer zu verbergen suchte, eine Rolle gespielt haben. Was Erika zu diesem Schritt veranlasste, ist schwer zu sagen. Der Großmutter Pringsheim gegenüber muss sie von «großer Liebe» gesprochen haben, an Pamela Wedekind schrieb sie während der Hochzeitsreise aus Friedrichshafen: «Und jetzt sind wir einfach im Kurgartenhotel, wo groß und klein uns frivol behandeln muß, da niemand und der Klügste nicht, den Ehestand uns glauben kann. Aber daß wir (Du und ich!) in der Kurliste des vorigen Monats stehen – ich als Schauspielerin und Du als Herr Wedekind aus München, ist mir lieb.»
Irmela von der. Erika Mann: Eine Lebensgeschichte (German Edition). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.

 

 

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