Ein blinder Passagier
Zur Orientierung hier der Inhalt des Romans in aller Kürze:
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Christoph Bartel, genannt Stoffel, hilft seiner Mutter bei der Betreuung der Badeanstalt und beim Vermieten von Ruderboten an Touristen, die den Blaubergsee besuchen. Sein Vater Simon ist Fischer und verkauft seinen Fang an das Gasthaus „Blaue Gans“. Die Familie gerät während der Weltwirtschaftskrise in Not. Da beschließt Stoffel, den reichen Onkel Sepp in Amerika zu besuchen, der ihnen aus ihrer Not helfen könnte. Er bittet seine Eltern, ihn für zehn Tage gehen zu lassen. Wohin, sagt er ihnen nicht. Stoffel weiht seine Freundin Agi in seinen Plan ein und erhält von ihr drei Mark von dem gesparten Geld. Mit seinem Ruderboot „Lissy“ hängt er sich an den Raddampfer „Luitpold“ an und erreicht so die Luftschiffhalle in Aschersried. Stoffel versteckt sich in einem Postsack, gelangt unerkannt in das Luftschiff und fährt mit dem Zeppelin Richtung New York. Der blinde Passagier wird entdeckt, kann sich aber gleich nützlich machen, indem er das verklemmte Höhensteuer in einer waghalsigen Kletteraktion von außen wieder frei machet. Dadurch rettet er das Luftschiff und seine Passagiere. Der Kapitän bedankt sich bei Stoffel, der seine ganze Geschichte erzählen muss. Dann ernennt er ihn zum „Luftkoch“. Stoffe bittet darum, das ganze Luftschiff besichtigen zu dürfen. Der Funker setzt ein Telegramm an Agi „Birngruber, Verkehrsverein Aschersried“ mit dem Text „STALL“ ab. Das hatte er so mit Agi vereinbart. Als Held und Lebensretter wird er in Amerika begrüßt. Er betritt in New York mit dem Kapitän ein Hotel und fährt mit einem Aufzug in den zweiunddreißigsten Stock, wo ein festlicher Empfang stattfindet. Dann erbittet er sich einige Zeit, um nach seinem Onkel Sepp zu suchen. Unterwegs isst er in einer modernen Cafeteria, bezahlt mit seinen drei Mark und lernt Jack, einen Zeitungsjungen in seinem Alter, kennen, der ihm bei der Suche nach seinem Onkel hilft. Mit dem Jack fährt er per Metro zum Central Park, wo er das Hochhaus findet, in dem sein Onkel arbeitet: Joseph Brewer. Dem erzählt Stoffel die ganze Geschichte, und der Onkel verspricht, der Familie zu helfen und sorg dafür, dass die beiden Jungen in einem Hotelzimmer untergebracht werden. Man telegraphiert nach Aschersried: EUER MUTIGER SOHN IST BEI MIR STOP BITTE FEIERT GROSSE FREUDE HEUTE ABEND BLAUE GANS STOP SEID GEHERZT UND GEKÜSST VON SEPP UND STOFFEL. Telefonisch kündigt der Onkel an, mit dem nächsten Schiff nach Deutschland zu fahren, wo Stoffel und er in sechs Tagen eintreffen werden.
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Zu der Idee, Stoffel als Blinden Passagier mit einem Luftschiff reisen zu lassen, wurde Erika Mann durch einen Bericht angeregt, den der Journalist Rolf Brandt nach seiner Teilnahme an der Amerikafahrt des „Graf Zeppelin“ veröffentliche.

Hugo Eckener: Die Amerikafahrt des „Graf Zeppelin“. Hrsg. von Rolf Brandt. Berlin 1928.



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In der Morgen-Ausgabe des Berliner Tageblatts vom 30. Oktober 1928 wird nun wie folgt berichtet: „Von den Passagieren des Luftschiffes sind sieben ‚Greenhorns‘, alle übrigen Veteranen. Im übrigen hat man neben 48 Postsäcken 341 Pfund Fracht mitgenommen. Das interessanteste Frachtgut dürfte neben einem sechs Wochen alten Hund und einem Quantum Bazillen für deutsche Forschungsinstitute ein blinder Passagier sein, von dem man zuerst annahm, dass es der bekannte amerikanische Sportsmann Connolly sei. Seine Freunde hatten schon allerlei Befürchtungen, dass er – für den Fall, dass ihre Vermutung zuträfe – von Dr. Eckener einfach über Bord geworfen würde. Nach Funkmeldungen von Zeppelin ist der ‚Blinde‘ jedoch ein 19-jähriger Botenjunge aus New-York. Er ist sehr freundlich aufgenommen worden, als er entdeckt wurde. Wegen dieser Tatsache haben witzige New-Yorker ihn zum ‚Monopolblinden‘ gemacht. In jedem Fall hatten die Zeitungen eine interessante ‚story‘.“
In der Morgenausgabe der Vossischen Zeitung vom 31.10.1928 findet
sich unter der Hauptüberschrift "Graf Zeppelin" auf der zweiten Weghälfte eine
verblüffende Fortführung der Geschichte: Blinder Passagier – ein neuer Sport:
„Amerikanische Blätter, die sich weiterhin intensiv mit dem jungen Terhune, der
sich als blinder Passagier an Bord des Zeppelin eingeschmuggelt hat,
beschäftigen, berichten in diesem Zusammenhang auch von seinen früheren
Abenteuern. Terhune hat es schon verschiedene Male verstanden, sich mit großer
Geschicklichkeit zu Veranstaltungen, die ihn besonders interessierten, Zutritt
zu verschaffen. So schmuggelte er sich im letzten Sommer in der Uniform eines
Platzanweisers zu dem Kampf Heeney-Tunney (= der Boxkampf Thomas Heeney gegen
Gene Tunney am 26. Juli 1928 in New York) ein. Als von San Francisco ein neuer
Dampfer zum erstenmal nach Honolulu auslief, hatte er Terhune ebenfalls als
blinden Passagier an Bord. Nur einmal hatte Terhune, der als Golfjunge von
Turnier zu Turnier ganz Amerika durchwandert hat, Pech. Als er sich auf einem
nach Alaska bestimmten Dampfer eingeschmuggelt hatte, war dieses Schiff das
letzte des Sommers gewesen, und Terhune mußte den Winter in Alaska verbringen.“
Mareike Wöhler: Mit der „Graf Zeppelin“ und einem blinden Passagier nach
Amerika. Deutsches Museum, Aus der Forschung. https://www.goethe.de/ins/sk/de/kul/bib/eri/22146653.html

Clarence Terhune bei seinem Verhör durch Hugo Eckener. https://www.deutsches-bildbandarchiv.de/Zeppelin-LZ127/Zeppelin/Zeppelin/index.html

Clarence Terhune, dem es als Erstem gelang, als blinder Passagier in einem Zeppelin den Ozean zu überfliegen, nach seiner Freilassung mit dem Reichsverkehrsminister Theodor von Guérard auf dem Balkon des Kurgarten-Hotels in Friedrichshafen; 1928. Bundesarchiv Bild 102-06783.
Für die Beschreibung Stoffels als blindem Passagier spielt die Postbeförderung durch den Zeppelin eine bedeutende Rolle.
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Post, die mit einem Zeppelin befördert wurde, gibt es seit mehr als hundert Jahren. Diese Art von Luftpost ist eigentlich „Mache“ für Sammler, denn mit den Zeppelinen wurde kaum Bedarfspost befördert, sondern Souvenirjäger, Sammler und Händler gaben Postsache auf, um sie später in ihre Sammlungen aufzunehmen oder zu verkaufen. Der Beginn der Zeppelinpost folgte dem Beginn der Luftschifffahrt um 1900, da die Luftschiffe schon bald zum Transport von Post verwendet wurden. Ab dem Jahre 1908 gab es die ersten Abwurfkarten von Zeppelinen. Nach dem Vorbild der Ballonpost wurden diese während der Fahrt abgeworfen und besaßen einen Aufdruck, der den Finder bat, sie bei der nächstgelegenen Post- oder Telegrafenstation abzugeben. Auf diese Weise konnten Informationen über den Verlauf der Fahrt rasch an Berichterstatter am Boden weitergegeben werden. Ab 1910 ließ man an Bord geschriebene Bildpostkarten in kleinen Beuteln mit einem 50-Pf-Stück und dem Hinweis abwerfen, den Fund im nächsten Postamt abzugeben. Am 17. Juli 1912 startete LZ 11 „Viktoria Luise“, das erste Luftschiff mit einer amtlichen Postbetriebsstelle an Bord. |
Postverladung in Friedrichshafen |
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Die klassische Ära der Zeppelinpost ist die Zeit des Betriebs der Luftschiffe LZ 127 und LZ 129 zwischen 1928 und 1937, da diese im regen Linienverkehr mit nord- und südamerikanischen Zielen standen und insbesondere vom offiziellen Posttransport profitierten. LZ 127 unternahm insgesamt 590 Fahrten, unter anderem die Weltfahrt 1929, die Südamerikafahrt 1930, die Polarfahrt 1931 sowie die Fahrt zur Weltausstellung 1933 in Chicago. Vor allem in Südamerika wurde LZ 127 begeistert empfangen. Nahezu für jeden Flug gab es speziell gestaltete, oft sehr schmuckvolle Flugbestätigungsstempel. Da bei Passagierflügen teilweise ein Bordpostamt eingerichtet war, gibt es auch Abschläge entsprechender Bordpoststempel auf an Bord aufgegebenen Belegen. |
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Die beiden folgenden Belege stammen von der ersten Amerika-Fahrt 1928. Es sind die Flüge, an denen der fiktive Christoph Bartel und der reale Clarence Terhune als blinde Passagiere teilnehmen.
Hinfahrt:
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Ansichtspostkarte mit einer Photographie von LZ 127, adressiert an Ian Golding| 7873 Elston ave| Chicago| Ill.| USA., frankiert mit Michel Nr. 423, Flugpostmarke Luftschiff Graf Zeppelin LZ 127 über Erdkugel, 2 Reichsmark; Kreisstempel FRIEDRICHSHAFEN/ LUFTPOST am 7.OKT28 7-8V. Violetter ovaler Bestätigungsstempel MIT LUFTSCHIFF L. Z. 127 ab Friedrichshafen und schwachem blauem Ovalstempel Mit Luftschiff LZ 127 befördert; blauer gerahmter Klebezettel MIT LUFTPOST| PAR AVION; Eingangsstempel NEW YORK N.Y. 11| OCT 16| 10.AM| 1928. |
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Rückfahrt:

Vossische Zeitung vom
22.10.1928
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USA Ganzsache Umschlag 2 Cent Aufdruck 1921, frankiert mit 1 $ Lincoln Memorial, Washington, D.C., 1923 stamp. 3 c Lincoln 1923, adressiert an: Mr Herbert Ehmann| Atlantic Hotel,| Hamburg.| Germany. Die Marken wurden entwertet mit dem Kreisstempel ENGLEWOOD ILL| OCT 20. Englewood ist ein Stadtviertel von Chicago im Bundesstaat Illinois. Links handschriftlicher Vermerk des Absenders: By German Airship| “Graf Zeppelin”| From Lakehurst,| N. J. Violetter Bestätigungsstempel FIRST FLIGHT AIR MAIL| VIA GRAF ZEPPELIN| UNITED STATES ‒ GERMANY| OCT 28 1928, rückseitig handschriftlicher Absender: 1075 Harrison Ave.| Teaneck, N<ew> J<ersey>, Kreisstempel FRIEDRICHSHAFEN a. BODENSEE| 1| NOV| 28| 7-8 V. Eingangsstempel Hotel Atlantik| 2 NOV 1928. |
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