Stoffel rettet das Luftschiff

Auch das Motiv der Rettung des Luftschiffs fand Erika Mann in dem Bericht des Journalisten Rolf Brandt. Er beschreibt nicht nur die Entdeckung des blinden Passagiers, sondern auch, wie ein Defekt am Luftschiff u. a. durch Knud Eckener, den Sohn von Hugo Eckener, repariert wurde.
Rolf Brandt: Tagebuch eines Passagiers.
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Montag, 29. Oktober 1928,
Kurzer Schlaf, dann, im ersten Morgenlicht, die Episode: der blinde Passagier.
Montag, spätvormittag.
Aber die Episode: Im Morgenlicht stand im Navigationsraum des Führerstandes ein blonder, junger Bursche, zitterte vor Kälte und sprach kein Wort. Die Wache hatte ihn zwischen den Postsäcken entdeckt. Seine dicken, weißen, samtenen Hosen zeigten die Spuren, daß er in manchen Winkeln des Schiffes herumgekrochen war. Seine, in dieser Minute kindhaften blauen Augen zeigten Trotz. Flemming machte das kurz: „Anständiger Junge redet, wenn er schon im Schiff ist! Also?“ „Aus St. Louis.“ Hat bei einem Rechtsanwalt gearbeitet, ist acht Tage gelaufen, blind gefahren bis Lakehurst. Gestern mit der Post eingeschmuggelt. Er ist im Grunde ganz unbändig glücklich und stolz.
Eckener übrigens schmunzelte, als ich ihm die Angelegenheit zuerst erzählte.
Montag nachmittag.
Die Episode, der kleine Amerikaner mit den weißen Hosen und der roten Blase, der blinde Passagier, wäscht brav Teller.
Dienstag nachmittag.
Ach, wahrscheinlich will man wissen, was mit „der Episode“ geschah? Der rot-weiße, blonde, neunzehnjährige Passagier schlief während der Nacht in der Küche auf ein paar Pappdeckeln. Er schlief so fest und tief, daß er vom Stampfen und Zittern des Schiffes, vom irrsinnigen Rasen der Elemente überhaupt nichts merkte. Es ist gut, neunzehn Jahre alt zu sein!
Mittwoch vormittag.
Gestern abend kam schließlich so etwas wie Bordstimmung auf. Die Kühle wurde mit Whisky-Soda vertrieben. Halb und halb. Der eine amerikanische Offizier erzählte reizende Seemannsgeschichten. Gegen Mitternacht kam Dr. Eckener, der eben zum ersten Male seit etwa vierzig Stunden geschlafen hatte, in den Salon, und man rechnete aus, daß man Mittwoch vormittag, wenn das Wetter so bliebe, die europäische Küste erreichen würde.
Während die Mondnacht draußen vorbeirauscht, zeigt mir Eckener
auf seinem Stammplatz ein Radio aus New York, Anerbieten an den blinden
Passagier, und zwar von einer großen amerikanischen Tageszeitschrift. Viele
hundert Dollar. „So, so! Der junge Mann kam mir gestern schon so auffallend
intelligent vor“ Schau an, schau an, so macht man Dollar!“
Hugo Eckener: Die Amerikafahrt des „Graf Zeppelin“. Hrsg. von Rolf Brandt.
Berlin 1928; S. 97-107.
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Dass Erika Mann diesen Text gelesen hat, ist durch die Erwähnung von Knud Eckener in einem ihrer Briefe an den Franz Schneider-Verlag aus dem Jahr 1953 belegt, in dem sie über ihr Vorwort zur Neuausgabe des "Stoffel" berichtet.