Stoffel fliegt übers Meer

In New York

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Endlich! Die gigantische Silhouette Manhattans taucht vor ihnen auf: »Spielte nicht ein wohlwollend sattes Lächeln um die stolzen Züge der Statue of Liberty? Aus silbernem Nebel trat sie uns entgegen, die imposante Dame mit majestätisch gerecktem Arm und mütterlichem Busen. Hinter ihr aber erschien, eine Fata Morgana von schwebender Zartheit und titanischen Dimensionen, die Silhouette der Wolkenkratzer, die vielgerühmte und doch immer wieder erstaunliche, unglaubliche, überwältigende Skyline von New York.« In Artikeln für deutsche Blätter feiert Klaus Mann hymnisch diese Stadt und ihr Flair: »Diese erschütternde Stadt ist sogar schön. Schön nicht wie die geliebten Städte Europas, wie München, Rom, Paris, Kopenhagen – schön durch ihre Ausmaße, schön durch die Energie, die sie atmet. Sie gewährt Durchblicke und Aussichten von einer neuen und strengen Erhabenheit. Man hat die Wolkenkratzer nicht umsonst Kathedralen der Arbeit genannt. [...] schön manche Perspektiven die verengten Straßen hinunter, wo ein schmaler Streifen blauen Himmels zwischen den Hochhäusern leuchtet: steile Durchblicke, gotische Perspektiven.«

 

 

Am Pier werden sie schon erwartet. Der Literaturagent Friede ist gekommen. Auch Ricki Hallgarten steht da, abgerissen, abgemagert, und nimmt die Geschwister in die Arme. Die Universität Princeton hat einen Abgesandten geschickt. Ein Foto wird nach der Ankunft geschossen, das mehr als andere das jugendliche Ungestüm, die naiv-berechnende Unternehmungslust, die Freude am Leben zum Ausdruck bringt: Erika und Klaus Mann präsentieren sich da als die Mann-Zwillinge. Sie stellen ihre Nähe und Identität mit der Kleidung zur Schau: Beide tragen die gleichen Baskenmützen kokett in die Stirn gezogen. Sie sind dicht aneinander geschmiegt, offene, neugierige Gesichter lächeln den Betrachter an. Eine Mischung aus Unschuld und Wissen um die Verderbnis: Die angebissenen Äpfel, die beide in der Hand halten, zeugen symbolisch davon.

Sie werden in das Hotel Astor am Times Square gebracht. Dessen Eigentümer Fred Muschenheim beherbergt viele Gäste aus Kreisen der europäischen Intelligenz. Bei ihm gehen Künstler und Schriftsteller ein und aus. Schnell finden auch die Geschwister Mann Anschluss. Da sind Ricki und seine etwas abgehalfterten Freunde: Studenten, griechische Eisverkäufer, Ausreißer aus Berliner Bürgerhäusern. Ricki zieht sofort in das Zimmer der Geschwister ein und füttert sich auf deren Kosten durch. Der Portier ist etwas konsterniert. »This fellow« wird alsbald für den Bruder der Manns gehalten.
Armin Strohmeyr: Klaus und Erika Mann. Eine Biographie. Leipzig 2004, S. 13f.

 

    

 

Über den Empfang der Passagiere und der Besatzung in New York finden sich ebenfalls Notizen von Rolf Brandt. Außerdem konnte Erika Mann auf ihre Erinnerungen an die gemeinsame Weltreise mit ihrem Bruder Klaus zurückgreifen (Erika und Klaus Mann: Rundherum. Berlin: S. Fischer Verlag 1929):

 

Eines Morgens – hatte man überhaupt noch daran geglaubt? – standen die Konturen der Wolkenkratzer im Grau, und vom Nebel verschönt, hob die Freiheitsstatue den Arm. Wenn uns einen Augenblick auf dieser Reise feierlich zumute war, so damals. Wir ahnten etwas: New York.

Die wundervolle Nervosität der Ankunft ergriff uns mit den ändern; die Feindschaft mit der Roten war vergessen, Herr Schofel nahte sich mit dem Blumenstrauß. Schützendorf winkte mit kostbarem braunen Handschuh, ein paar Journalisten waren trotz des warnenden Telegramms gekommen, aber wir waren viel zu aufgeregt, um englisch zu sprechen.

Am Kai erwarteten uns: der Freund Ricki, der in New York seit ein paar Monaten sein Wesen trieb, Mister Friede, Teilhaber bei Liveright, blendender junger Mann mit Schnurrbärtchen und Verführerlächeln, schließlich ein Abgesandter der Universität Princeton, dessen Qualitäten ins Auge fielen. Ricki umarmte uns, dabei weinten wir alle.

In den Zimmern des Astor-Hotels glühen grüne Lämpchen auf, wenn für den Besucher unten in der Office etwas abgegeben wird, ein Brief, eine «message», ein Telegramm. Dann kann er auf einen Klingelknopf drücken, der neben dem Lämpchen angebracht ist, und die Nachricht wird ihm gebracht.

 

 

Wenn du die Klappe zu deinem Schreibtisch aufmachst, geht auch drinnen elektrisches Licht an, eine witzige kleine Rampenbeleuchtung. Die altbewährte Schreibtischlampe täte es auch; doch so macht es mehr Spaß. «Dem Kind im Manne –»

 

 

Aber wenn du aus der Tür dieses Astor-Hotels trittst, hast du direkt den Broadway vor dir. Wenn dir pathetische Gefühle kommen bei diesem Anblick, unterdrücke sie nicht. Es war Alfred Kerr, der feststellte, er habe am Broadway oder unten in Wall Street «eine neue Schönheit» geschaut. Wenn auch du diese Empfindung hast, verkleinere sie nicht. Sei andächtig, wenn du zwischen diesen unglaublichen Gebäuden spazieren gehst, diese steilen Perspektiven hinunterschaust, die etwas von einer neuen und strengen Gotik haben: sei an­dächtig und gerührt.

Später dann, wenn du eine Zeitlang spazieren gegangen bist, sollst du natürlich zu räsonieren anfangen: über die schlechte Justiz, das Negerproblem, die Sensationspresse, die Prohibition und den primitiven Geschmack. Aber erst, wenn du ziemlich viel spazieren gegangen bist.

Unser Freund Ricki trug Blumen aus. Die deutsche Dame, bei der er angestellt war, erwies sich ihm, seiner schwarzen Glutaugen und seines Mundes wegen, als gar zu schwärmerisch zugetan; aber er verdiente ganz nett, und es war lustiger als Tellerabwaschen, das hatte er auch schon gemacht. Er brachte weiße, rote und gemusterte Sträuße zu Opernpremieren, Hochzeiten, Tees; manchmal bekam er stattliche Trinkgelder, die er gern einsteckte. – Zuweilen fand er sich mit einigen Blumentöpfen im Astor-Hotel ein und wollte Tee mit kleinen Kuchen haben. Die verantwortlichen Herren unten waren etwas betreten, wenn er so, Haar in die Stirn und keß aufgemacht, mit seinen Blumenarrangements durch die Lobby trabte. Aber sie gewöhnten sich an ihn, ließen ihn sogar in unsere Stuben, wenn wir ausgegangen waren, und meldeten uns dann, «this fellow» sei oben. Es stellte sich heraus, daß sie ihn für unsern Bruder hielten, und er war es ja wirklich bei­nahe. Sogar nahm ihr empfindliches Moralgefühl nicht einmal Anstoß daran, wenn er bei uns oben übernachtete, was öfters vorkam, da er sehr weit draußen wohnte und abends meist zu faul war, heimzugehen.

Ricki brachte uns mit seinen Freunden zusammen.

Der eine, ein sehr zartes Kind aus Berlin, war Ausläufer für eine große Firma in Wall Street. Besonders gefiel uns der kleine Student Henry, der kindisch weit aufgerissene schwarze Blitzaugen hatte, auch ein lieblich schlaues Gesicht und zudem einen jener enormen Studentenpelzmäntel, auf den er hemmungslos stolz war; dieses läßt sich verstehen, denn solche Pelze, die nur amerikanische junge Leute tragen, haben einen eigenen Charme, indem sie einerseits ein kapriziös damenhaftes, andrerseits ein rauh nordpolfahrerisches Aussehen geben. – Henry bedeutete die erste Begegnung mit dem Typ des amerikanischen Student, von dem wir nachher noch reden werden. Wir merkten gleich, daß er uns gut gefallen würde. – Dann hing Ricki sehr an einem Griechen, der irgendwo an der Stadtperipherie Limonade und Eis verkaufte. Dieser lebhafte und sentimentale Mensch hätte Ricki nötigenfalls tagelang ohne Gegenleistung ernährt, er schickte seiner Mutter wöchentlich eine Kleinigkeit nach Griechenland und hatte ein ganz unvergleichliches Mienenspiel, auch Achselzucken, skeptische und enthusiastische Handbewe­gungen wie keiner sonst.

Aber wir können die netten jungen Leute nicht alle aufzählen, ihre Zahl ist Legion. Vielleicht werden wir von dem einen oder dem ändern noch später berichten. Jedenfalls mangelte es an Umgang nicht.

Wir zogen herum: vom Negerviertel in die Italienerstadt, vom chinesischen Theater in die Metropolitan-Oper, von der Fünften Avenue ins stinkende Getto. New York ist eine der allerallerschönsten Städte (ästhetisch gewertet, abgesehen also von schlechter Justiz, Negerproblem, Sensationspresse und Prohibition). Nirgends fanden wir den Begriff der Stadt so erfüllt: alle Völker durcheinandergemischt und lauter Lichtreklamen dazwischen.

 

 

 

Sicher ist New York nicht sehr typisch amerikanisch, in gewissem Sinn ist Berlin «amerikanischer». Ein alter Schwindel ist auch, daß es ein so besonders rasendes Tempo habe; dergleichen ist nur so oft behauptet worden, bis man es glaubte. Daß es auf der Höhe von Neapel liegt, vergißt man; es hat einen südlich unseriösen Einschlag, etwas Träges, Schiebendes, Vergnügungssüchtiges; sogar der wundervolle Lichtreklamenunfug scheint oft nicht mehr dem Geschäft zu dienen, sondern spielender, eitler, großartig kindischer Selbstzweck zu sein. – Man hat die Geräusche New Yorks zu scharf und ratternd stilisiert und weitererzählt. Daß es viele Autos gibt, stimmt; aber weil es viele sind, fahren sie langsam, tuten auch gar nicht, sonst würde einem das Trommelfell springen. – Berlin rattert viel mehr, wörtlich und symbolisch genommen.

Wir essen Reis und uralte Eier im chinesischen Restaurant, verdächtig süße Konfitüren im syrischen; in den großen Cafeterias hat man sich selbst zu bedienen, man bekommt etwas fettige und widerliche Blechtabletts, aber geeiste Milch, Melonen und wundervolle, billige Austern. Manchmal speisen wir auch elegant, in französisch aufgemachten Lokalen, aber eigentlich ist es dort am wenigsten lustig.

Wir gewannen Einblick in die «falsche Boheme», der wir manchen drolligen und manchen hübschen Abend zu verdanken haben; schließlich auch manche Freundschaft, die man dauerhaft wissen möchte. – Der Begriff der «Boheme» ist ja sogar in Städten, in denen er immerhin noch Existenzberechtigung hat, etwas Antiquiertes, Abseitiges und mumienhaft Komisches. Und nun in New York erst. Hier gilt dieses Wort gar nicht mehr, ist ein verstaubtes Opernrequisit. Nur noch der Künstler hat Daseinsberechtigung, der am Leben der Nation Anteil nimmt, es pädagogisch beeinflußt, indem er seine Probleme Gestalt werden läßt. – Trotzdem macht es einer ganzen Gruppe Menschen Freude, inmitten von Wolkenkratzern «Künstlervölkchen» zu spielen, Schwabing, Montparnasse zu kopieren. Ihr Viertel heißt Greenwich Village. Der Spießer geht, wie ins Panoptikum, hin.

Unser ausgezeichneter Freund Friede, derselbe, der uns mit Verführerlächeln am Kai erwartet hatte, gehörte auch ein bißchen dazu. Er war, mit feinem Schnurrbärtchen, ovalem Gesicht und schmelzenden Augen, der allerreizvollste Typ Angelsachse, ein bißchen ästhetizistisch, Snob in irgendeiner Ecke seines Wesens, aber im übrigen von einem echten und in manchen Augenblicken sogar überwältigenden Charme – aus Gefallsucht gütig, kokett und menschenfreundlich, genießerisch und empfindsam; und Mrs. Friede mindestens ebenso anziehend.

Bei ihm gab es diese typischen New Yorker kleinen Bohemefeste, mit viel Whisky, viel Gin, nachher sahen sich Herren und Damen gemeinsam Fuchsens pikant illustrierte Sittengeschichte an. Bei solchen Festen war es, wo wir viele unserer Freunde kennenlernten.

Monsieur Galentiere singt so wunderhübsch Pariser Chansons. Er rekelt sich dabei auf dem Sofa und nähert sich kosend allem, was in seiner Nähe liegt. Später erfährt man, daß er eine sehr künstliche und geistreiche Prosa schreibt und alle europäischen Intellektuellen kennt.

 

 Münchner Stadtbibliothek/ Monacensia

Lieber Joseph Brewer

tausend Dank, das ist

so lieb von Ihnen

nun haben Sie uns das

Leben gerettet!

Ihre

Erika und Klaus.
 

 

Ihm befreundet ist der Verleger Joseph Brewer, der gerne witzige und ausgefallene Dinge herausbringt. Seine expressionistischen Geschäftslokale sind eine kleine Sehenswürdigkeit, und wen man bei Mr. Friede nicht kennengelernt hat, trifft man einen Tag später beim Empfang des Mr. Brewer.
Erika und Klaus Mann: Rundherum. Abenteuer einer Weltreise. Reinbek 1982, S. 11-15.

 

 

Joseph Brewer 1886-1966 war ein amerikanischer Verleger, den die Geschwister auf ihrer Weltreise in New York kennen gelernt hatten; er war Partner des Verlags Brewer and Warren, in dem 1930 die englische Übersetzung von Klaus Manns Alexander-Roman unter dem Titel: Alexander: A Novel of Utopia. erschien. (Translated from the German by Marion Saunders. New York: Brewer and Warren 1930.)

 

 

 

 

 

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