Textanalyse

 

Nach Storms Tode wurde das Märchen in den verschiedenen Ausgaben des Westermann- Verlags nach Druck 4 (D4) verbreitet und in Rechtschreibung sowie Zeichensetzung modernisiert. Seit dem Ablaufen der urheberrechtlichen Schutzfrist von Storms Werken im Jahre 1817 gilt auch der Text des „Häwelmann“ als gemeinfrei. Die wissenschaftliche Edition der Werke Storms von Albert Köster (Bd. 1, Leipzig 1919) Theodor Hertel (Bd 1, Leipzig 1919) sowie Alfred Biese (Leipzig 1919) folgen ebenfalls den Westermann-Reihen, also Druck 4. Von diesen Textvorlagen wurden die meisten Separatausgaben und frühen Bilderbücher abgeleitet.

Peter Goldammers Edition von Theodor Storms Sämtlichen Werke in vier Bänden (Band 1, Berlin 1956; 5. Auflage 1982) gibt ebenfalls D4 wieder und diente weiteren Ausgaben in beiden deutschen Staaten als Textgrundlage.

Der Abdruck in Theodor Storms Sämtlichen Werken in 4 Bänden, hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. („Der kleine Häwelmann“, Bd. 4 Frankfurt a.M. 1988) bietet einen Mischtext und berücksichtigt auch D3.

Heinrich Detering hat in seinem Buch Kindheitsspuren. Theodor Storm und das Ende der Romantik den Text mit Hilfe eines präzisen, allen Textdetails, Bedeutungsnuancen und sprachlichen Effekten nachspürenden Lesens (close reading) analysiert, das den Text als Objekt in den Mittelpunkt des Interesses stellt, dabei großen Wert auf das Spezielle im Vergleich zum Allgemeinen legt und genau auf einzelne Wörter, Syntax und die Reihenfolge der Sätze und Wörter achtet. Seine Ergebnisse hat er im Storm-Handbuch so zusammengefasst:

„Schon durch die Überschrift gibt sich der Text als ein Kindermärchen im strikten Sinne zu erkennen. »Häwelmann« ist die in Schleswig-Holstein zur Zeit Storms gebräuchliche Bezeichnung für ein »Hätschelkind«. Es ist also kein individueller Name, sondern meint das (hier wie in Hans Bär wieder männliche) Kleinkind schlechthin. Wie in Hans Bär, so geht es auch hier um die Allmachtsphantasien eines frühkindlichen Narzissmus – und, anders als dort, um ihr Scheitern und um ihre Bearbeitung im Modus des Geschichtenerzählens selbst. Wie in der realen Entste­hungsgeschichte, so ist das Märchen auch in der textinternen Kommunikation als mündliche Erzählung eines Vaters an das eigene Kind markiert. Im Gegensatz aber zum programmatisch monologischen Hans Bär wird dabei die monologische Erzählinstanz produktiv distanzschaffend aufgespalten.“
Heinrich Detering. In: Christian Demand/ Philipp Theisohn (Hrsg.): Storm Handbuch. Leben – Werk – Wirkungen. Stuttgart 2017, S. 94.

In den illustrierten Häwelmann-Ausgaben und Bilderbüchern, finden wir neben den Bildern, die 17 Szenen zugeordnet werden können, weitere Abbildungen, die je nach den Bestandteilen des Buches auf dem Schutzumschlag, auf vorderem und hinterem Buchdeckel, dem Buchrücken sowie den vorderen und hinteren Vorsatzpapieren und den verschiedenen Blättern der Titelei angebracht wurden. In einigen Fällen werden Szenenbilder auf dem Umschlag oder Einband wiederholt. Einige Bilderbücher verzichten auf Vorsatzpapiere, fliegende Blätter und die gesamte Titelei; der Titel ist in solchen Fällen auf dem vorderen, das Impressum auf dem hintern Buchdeckel eingedruckt.

Diese Bildbeigaben illustrieren den Text nicht nur, sondern sie interpretieren ihn auch. Durch die Text-Bildverschränkung entstehen neue Bedeutungskomplexe.

 

Raum

Zunächst findet die Handlung in der Stube statt; die Mutter schiebt Häwelmanns Bett, danach treibe Häwelmann sein Bett durch Pusten an und rollt magisch die Wand hinaus, kopfüber die Decke entlang und wieder zurück auf den Fußboden. In alter Märchentradition geschieht das dreimal.

 

Figuren

Neben dem Häwelmann agieren zu Anfang die Mutter und am Ende ein Erzähler sowie eine weitere Person, der der Text vorgelesen wird; die Illustratoren deuten diese weiteren Personen unterschiedlich.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen Sonne, Mond und Sterne. Häwelmann begegnet bei seiner Reise durch Stadt und Land bis ans Ende der Welt dem Hahn auf der Kirchturmspitze und dem Kater Hinze. Beide sprechen mit dem Jungen in elaborierter Weise.

 

Storms fiktionaler Märchentext ist das Ausgangsmedium für illustrierte Kinderbücher und für Bilderbücher, in denen eine realistische Primärwelt mit einer fantastischen Sekundärwelt kombiniert wird. Häwelmanns Reise ist zirkulär angelegt; aus der Primärwelt tritt er in eine Sekundärwelt ein, indem sein Rollbett auf einem Mondlichtstrahl durch das Schlüsselloch aus der Stube in dunkle Nahwelt hinaus rollt. Er fährt in seinem durch Pusten angetriebenen Perpetuum mobile durch eine Stadt hinaus in die Weite von Feldern, durchquert einen Wald und gelangt über die Heide bis ans Ende der Welt. Von dort erreicht eine zweite Stufe der fantastische Sekundärwelt, den Himmel. Nachdem die Sterne und sein Begleiter, der gute alte Mond, verschwunden sind, erscheint die Sonne und wirft ihn aus dem Himmel hinaus, so dass er ins Meer stürzt.

Fantastische Elemente sind der Antrieb des Rollbetts und seine Reise, die zunächst über die Wände und die Decke der Stube führt. Dann schrumpft der Mond das Gefährt, damit es durch ein Schlüsselloch passt. Häwelmann spricht nicht nur mit den personalisierten Himmelskörpern Sonne, Mond und Sternen, sondern auch mit dem Hahn auf der Kirchturmspitze und dem Kater Hinze.

Der Erzähler kommentiert einige solcher den Naturgesetzen widersprechende Vorgänge, so die Fahrt kopfüber an der Decke der Stube entlang: Es war ein großes Glück für den kleinen Häwelmann, dass es gerade Nacht war, und die Erde auf dem Kopf stand; sonst hätte er doch gar zu leicht den Hals brechen können. Oder dieFahrt durch den Wald: Der gute Mond hatte große Mühe, zwischen den vielen Bäumen durchzukommen; mitunter war er ein ganzes Stück zurück, aber er holte den kleinen Häwelmann doch immer wieder ein. Solche Kommentare hat Storm in den Märchen von Hans Christian Andersen gefunden, an dessen Erzählweise er sich orientiert.

Der Ich-Erzähler, den man als den Vater vorstellen kann, enthüllt erst ganz zum Schluss, dass der Leser sich während des Erzählvorgangs ein zweites Ich vorstellen kann: Und dann? Ja und dann? Weißt du nicht mehr? Wenn ich und du nicht gekommen wären und den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können!

Durch eine solche Vorstellung gewinnen die Kommentare einen neuen Sinn; sie sind der Teil der Kommunikation von zwei Erzählinstanzen, die die Geschichte vom Häwelmann im Medium des Erzählens vergegenwärtigen. Damit lässt sich die Erzählung mit Gerhard Kaiser als Urerlebnis eines Sohnes lesen, der nun selbst zu einem Sohn spricht. Und Heinrich Detering resümiert am Schluss seines close readings, dem präzisen, allen Textdetails, Bedeutungsnuancen und sprachlichen Effekten nachspürendes Lesen des Märchens: Das romantische Verfahren der Fiktionsbrechung wird mit dieser Verschlingung von Binnenerzählung und Erzählrahmen, erzählter Welt und Welt des Erzählvorgangs potenziert: Niemand anders als der Erzähler und sein Zuhörer(in) selbst haben den erzählten Helden gerettet! Und er schließt aus seiner Analyse weiter: Das Zuhörende und an der Rettung beteiligte Kind ist schon so groß, dass es törichte Größenideen gar nicht mehr nötig hat.