Herzensergießungen eines Mannes von 60+

 

Liebe Freunde, ihr habt euch hier versammelt, um unseren 60. Geburtstag zu feiern. Die gute Tradition will es, dass ich dazu ein paar Worte sage. Gebt also fein Acht, nehmt meine liebe Susanne und den großen Sohn in eure Mitte, und hört den Herzensergießungen eines Mannes von 60+ zu.

Es war einmal vor fünfundvierzig Jahren, als ich einem Mädchen aus der Provinz in die Großstadt nachgelaufen bin. Und alles hat ein paar Jahre vorher so begonnen, wie es im Bilderbuch steht:

Susannchen war allein zu Haus,
Die Eltern waren beide aus.
Als sie nun durch das Zimmer sprang
Mit leichtem Mut und Sing und Sang,
Da sah sie plötzlich vor sich stehn
Nen Knaben, ganz nett anzusehn.
„Ei,“ sprach sie, „ei, wie schön und fein!
Das muß ein trefflich Spielzeug sein.“

Wollt ihr wissen, was für Spiele wir damals spielten? Nein, das verrate ich euch nicht. Soviel will ich aber doch sagen, unsere Spiele hatten eine eigene Welt mit eigenem Raum, eigener Zeit und eigenen Regeln, es war ein „als ob“ und ein „nicht wirklich“. Spiel ist etwas anderes als Ernst und Ernst ist nicht Spiel. Aber unsere Spiele waren sehr wohl ernst gemeint. Ich hatte damals den Eindruck, als ob Susanne mich verhext hätte. Nicht wie die alte Hexe im Märchen, die kleine Kinder in ihr zuckerbestreutes Lebkuchenhäuschen lockt, um sie fett zu mästen und aufzufressen, sondern wie die reizende Undine der Sage, die den Knaben mit ihren Armen fest umschlungen hält. Und wer einmal in ihren Bann gerät, der kann sich ihr auch nicht mit Spottversen wie diesem entziehen:

Mit Katzen, wer da ackern will
Der spann' die Mäus' voraus,
So geht es Alles wie ein Wind,
So fängt die Katz' die Maus.“

War sie die Katze und ich die Maus? Oder hatte ich mir ein feines Mädchen eingefangen, das ich um nichts in der Welt wieder freigeben wollte? Wer will das heute noch unterscheiden? Immer wenn ich mit ihr zusammen gewesen war, fehlte sie mir jedenfalls anschließend sehr. Als wir einmal für zwei Wochen voneinander getrennt waren, schrieb ich für sie eines meiner ersten Gedichte:

In der schönen Sommernacht
Hab ich nur an Dich gedacht.
In dem kühlen Gartengrund
Fehlte mir Dein warmer Mund.

Gerne hätt' ich Dich geküsst
Wenn ich Dich nicht fern gewusst.
Alle Sterne zeigten mir
Nur ein fernes Bild von Dir.

Manchmal erscheint sie mir noch heute im Traum, genauso, wie ich sie damals gesehen habe; wir gehen dann Hand in Hand miteinander durch einen kühlen Sommerwald. Sie schaut mich nicht an und schreitet neben mir, ich habe das Gefühl, sie schwebe ganz leicht über den weichen Waldweg. Mich erfasst dann ein unbeschreibliches Glücksgefühl und alles Bedeutsame kommt mir so selbstverständlich, so leicht vor.

Wie sah Susanne überhaupt aus? Sie hatte blonde Haare, die in der Mittel des Kopfes gescheitelt waren und seitlich in einer leichten Welle nach unten ihre Ohren bedeckten. Ihr Profil war scharf geschnitten mit einer klaren Nasenlinie und leicht geschwungenen schmalen Lippen, die immer von makellos leichter Röte waren und die ich nie rau oder aufgesprungen gesehen habe. Sie hatte hellblaue Augen und lange Wimpern. Ihr sportlich durchtrainierter Körper war hoch gewachsen, die helle Haut an einige Stellen mit einem kaum sichtbaren weichen Haarflaum bedeckt und fühlte sich warm, trocken und glatt an. Sie gehört zu den Frauen, die kein Parfüm brauchen und doch gut riechen.

Das alles interessierte ihre Eltern natürlich überhaupt nicht. Wenn sie voller Stolz von ihrer Tochter sprachen, hörte sich das so an:

Susanne, die war kerngesund,
Mit blauen Augen, vollem Mund,
Sie hatte Backen rot und frisch;
Die Suppe aß sie hübsch bei Tisch.

Ihre Mutter sorgte mit dem Kochlöffel für das leibliche Wohl der Familie und verstand unter liebevoller Zuwendung allerlei Nahrhaftes, das sie unter dem Motto: Ordentlich durchessen! jedem aufnötigte, der ihr Wohlwollen gewonnen hatte. Seit Susanne aber beschlossen hatte, ihre eigenen Wege zu gehen, verfingen die alten Sprüche nicht mehr und das Mädchen lachte laut über die Verse der Alten:

Wenn die Kinder artig sind
Kommt zu ihnen das Christkind;
Wenn sie ihre Suppe essen
Und das Brot auch nicht vergessen.

Statt Schnibbelbohnen und Apelpfannkuchen begann sie Pizza zu essen, liebte alten Gauda, Paprika und Knoblauch. Auch hörte sie auf, das feine Sonntagskleid zu schonen, schnitt die Säume der langen Röcke ab, warf ihre BHs in den Müll und zog jeden Tag an, was sie gerade mochte. Bald ging sie auch nicht mehr in die Kirche. Aus war's mit frommen Beten und mit dem „Spaziergehn auf den Gassen/ Von Mama sich führen lassen“. Am Tage spielte sie Platten von Degenhardt oder Biermann und in ihren Träumen ließ sie sich von Paul McCartney küssen, nachdem John Lennon ihr von der Revolution gesungen hatte: „Well, you know/ We all want to change the world!“

Was war es, das Susanne zu etwas Besonderem machte? Bestimmt nicht die Tatsache, dass ich sie liebte und begehrte. Während der Schulzeit war sie immer der Mittelpunkt unserer Clique gewesen; die meisten meiner Klassenkameraden mochten sie, Klaus, Walter, Udo und ich weiß nicht wer noch, waren in sie verknallt. Sie tanzte gut und gern, war immer bester Laune; sie griff alle Ideen begeistert auf, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und viel Fantasie. Sie strahlte Fröhlichkeit aus, die alle ansteckte, vor allem die Jungen, während sich einige zickige Mädchen aus unserem Kreis zurückzogen, wenn sie erschien. Heute weiß ich warum.

Ich konnte nie genug von ihr kriegen. Ich war stolz darauf, dass sie mich liebte. Sie war schön und sie wusste das. Wenn ich alleine war, kam sie mir vor wie eine Speise, die nicht sättigt, und ich fragte mich ängstlich, ob sie in meinen Armen schon nach dem nächsten ausgeschaut habe. Dann sagte ich mir, das ist Unsinn, mein Bester, du bist nur auf alle Welt eifersüchtig. Trotzdem war ich unserer Liebe nicht sicher. Ich versuchte zwar, mir einzureden, dass wir beide füreinander geschaffen seien und dass unsere Liebe ewig dauern müsste. Auch schrieb ich ihr Briefe voller altkluger Lebensmaxime, aus denen meine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit spricht. Wenn ich sie dann wieder traf, verwehte ihr wirbelnder Charme alle meine Bedenken und wir lebten gemeinsam nur dem Augenblick.

Natürlich wäre ich auch ohne sie aus der Stadt weggegangen, die auf meine Fragen ans Leben schon lange keine attraktiven Antworten mehr hatte.

Wenn der Hanns zur Schule ging,
stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
schaut er aufwärts allenthalben.
Vor die eignen Füße dicht
ja, da schaut der Bursche nicht,
also dass ein jeder ruft: „Seht den Hanns Guck-in-die-Luft!“

Also raus mussten wir, das war klar, aber wohin? Ja, wohin? – Nur fort von da, das war unser Ziel. Was hatten wir in der Schule für das Leben gelernt? Diesen Gemeinplatz zum Beispiel: „Springen ist das Abschnellen des Körpers vom Boden, wobei ein oder mehr Füße eingesetzt werden, um Höhe, Weite oder Tiefe zu überwinden.“ Also sind wir einfach drauflos gesprungen. Aber – wie wir bald erfahren mussten – nicht weit genug; ja, wir sind eigentlich gar nicht richtig gesprungen, sondern haben nur so getan, als ob wir springen würden und haben bloß ein paar kleine Schritte gemacht. Wir haben dabei sogar das Kunststück geschafft, mit einem Bein stehen zu bleiben.

Ich hatte mich im fünften Semester einer Gruppe von Kommilitonen angeschlossen, die als Unabhängige für das Studentenparlament kandidierten und mich nun ebenfalls dazu durchgerungen; politisch interessiert war ich seit meiner Kindheit und hatte mich bereits in der Schule für den Politischen Arbeitskreis engagiert und Vorträge sowie Seminare organisiert. Nach der Besetzung des Germanistischen Instituts wurde ich auf einer studentischen Vollversammlung in den Institutsrat gewählt und kümmerte mich immer mehr um die Studienreform, die damals zu grundlegenden organisatorischen Veränderungen an der Hochschule führte. Susanne studierte auf einer Fachschule Englisch und Französisch, da sie Dolmetscherin werden wollte; sie war immer auf dem Sprung nach England, wo sie Freundinnen hatte, die sie während ihres Schulbesuchs in Reading kennen gelernt hatte. Die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland interessierten sie immer weniger, obwohl wir auch schon während unserer Schulzeit gemeinsam Veranstaltungen organisiert hatten; mehrfach äußerte sie den Wunsch, ganz nach England zu gehen und ihre Sprachausbildung dort fortzusetzen. Manchmal konnte ich sie dazu überreden, mich zu unseren abendlichen Treffen in den Republikanischen Klub zu begleiten, wo sie sich – meistens spät in der Nacht – als geübte Maschinenschreiberin nützlich machte und die Matrizen für unsere Flugblätter tippte, die ich dann am nächsten Vormittag auf die Abzugsmaschine spannte, um zwei- oder dreitausend Blätter herzustellen.

Als wir Anfang Juni die Kölner Uni in „Rosa-Luxemburg-Universität“ umbenannten, war sie das letzte Mal bei einem Sit-in dabei. Es ging um die Notstandsgesetze, gegen die ich im Mai die Großdemonstration im Bonner Hofgarten mitorganisiert hatte, auf der neben Politikern und Gewerkschaftlern auch Heinrich Böll redete und wo ich Günter Wallraff kennen lernte, der damals mit seiner vermeintlichen Spitzelaktion gegen den SDS die deutsche Justiz blamiert hatte. Nachdem wir symbolisch das Rektorat besetzt hatten, rief der Rektor die Polizei, die uns mit Gummiknüppeln aus dem Hauptgebäude jagte. Ich kriegte einen so kräftigen Schlag ab, dass mir die Luft wegblieb und Susanne mich stützen musste. Als wir nach draußen liefen, begann da ein neuer Tumult; ich erkannte den Byzantinistik-Professor Berthold Rubin, der mit einem Auto angebraust kam, um seinerseits gegen die Aktion der Studenten zu protestieren. Er sprang aus dem Wagen, guckte mit wirrem Blick umher, rief „Ich bin der neue Che Guevara!“ und warf Farbbeutel auf den Schriftzug über dem Haupteingang. Dabei platzte ihm ein Beutel schon in der Hand, wodurch er über und über von einer stinkenden Flüssigkeit besudelt wurde. Ein paar Spritzer trafen auch Susanne am Kopf und am Oberkörper. Wir mussten nach Hause gehen, ich schleppte mich mühsam vorwärts, Susanne schimpfte über den Gestank und die bescheuerte Politik; die Haare kriegten wir wieder sauber, aber die weiße Bluse war ruiniert. Ich habe noch mehr als eine Woche starke Schmerzen in der Nierengegend verspürt. Sie ist nie wieder mit mir zu einer Demo gegangen.

Wie bereitet man sich nach dem kleinen Schritt über den Rhein auf den großen Schritt in die weite Welt vor? Wir konnten uns keine Siebenmeilenstiefel kaufen und auch nicht wie der fliegende Robert im Regen herumplatschen und hoffen, dass der Wind den Schirm erfassen würde, um uns geschwind durch die Luft fort zu tragen, so hoch und so weit, dass wir die Schreie unserer Mütter und Väter nicht mehr hören mussten, die mit aufgerissenen Augen und Mäulern die alten Verse hinter uns herschleuderten:

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben.

Nicht bis zum Himmel wollten wir fliegen, aber weit in die Welt hinaus sollte es gehen. Zum Teufel mit der Stubenhockerei! – Damals habe ich eine Ballade geschrieben:

 

Die Ballade von Susanne und mir

Wir standen am Kölner Hauptbahnhof
Sie wollte nach London und Paris
Ich sagte zu ihr
Du bleibst besser hier
Weißt du, wir brauchen
'Ne wirkliche Chance

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Und an Londonbridge kommst du nicht ran

Ich fühlte mich plötzlich ganz elend
Und ich sagte, du weißt es genau
Wie leicht es doch ist
Einfach abzuhaun
Hin nach London und
Auch mal nach Paris

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Und an die Beatles kommst du nicht ran

Dann stieg sie in den Zug nach London
Ich dachte: Honeymoon an der Seine
Sie sagte, bald komm'
Ich wieder hier her
Dann heiraten wir
In Köllen am Dom

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Und an den Louvre kommst du nicht ran

Dann schrieb sie mir Karten aus Brighton
Drin erzählte sie dieses und das
Ich zählte mein Geld
Es reichte nicht aus
Für so ein Ticket
Nach England zu ihr

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Nicht mal an so'n Ticket kommst du ran

Sie fehlte mir sehr und ich dachte
Junge, spend' dein Zeug der Caritas
Denn wenn du krepierst
Dein Leben verlierst
Bleibst du mit deiner
Seele ganz allein

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Und an andere kommst du nicht ran

Sie schrieb mir aus Stratford on Avon
Sieh mal, alles ist einfach und klar
Ich habe dich lieb
Und du hast mich lieb
Und bald, Schatz, bin ich
Auch schon wieder da

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Und ans sie, da kommst du doch ran

Dann kam sie zurück von der Reise
War voller Ideen und Pläne
Sie liebte mich sehr
Ich sie noch viel mehr
Und wir gingen ge-
meinsam durchs Leben

Dein Leben ist wirklich nicht einfach
Du weißt doch, wie schwer es sein kann
Denn die Welt dreht sich immer weiter
Ans Beste komm' ich nur mit dir ran

 

Aus Brighton schrieb sie mir: „Wir gingen in eine Punch and Judy-Show, die ich ganz ulkig fand. Dir hätte das auch gefallen; die Puppen sind grob gemacht und geben ganz wilde Rüpelszenen. Der Punch kennt keine Moral und prügelt auf alles los, was sich ihm in den Weg stellt. Manchmal schlägt er sogar seine Frau, die Judy, tot. Aber nach jeder Szene treten alle Figuren putzmunter wieder auf. Ein Heidenspaß war das, vor allem für die Kinder. Ich habe dir den Text heute Abend aus der Erinnerung aufgeschrieben; mit deiner Marionette wirst du ihn nicht nachspielen können, aber vielleicht versuchst du es mit dem ollen Ostzonen-Kasper und den Handpuppen."

Für mich war das Anlass, mich an meine Zeit mit Kasperl Larifari zu erinnern. Ich habe diese Motive später, als ich ein paar Jahre eine Handpuppenbühne betrieb, für ein Kasperl-Stück verwendet, so wie es von englischen Puppenspielern seit Jahrhunderten in britischen Badeorten aufgeführt wurde und auch heute noch von Spielern  am Strand von Brighton am Leben erhalten wird. Ich füge hier die deutsche Fassung ein, die Teil einer längeren Sequenz geworden ist, mit der ich in den späten 1970er Jahren auf nostalgischen Jahrmärkten auftrat.

 

Punch & Judy at Brighton Beach Season
nach einer Erzählung von Susanne

Punch springt auf der Bühne herum und schreit nach Judy. Er will einen Kuss von ihr. Sie erscheint zögernd mit einem weißen Bündel im Arm und küsst ihn.

Judy: Nicht so wild, Mr. Punch, du bist ein Tier!

Punch: Wahh, Waa! Ein Baby! Puh – die Windeln müssen gewechselt werden. Puh! Puh!

Judy: Wechsel du sie doch, ich haue ab!

Punch: Kommt nicht in Frage!

Er wirft das Baby aus dem Fenster.

Judy: My Baby, my poor Love! Du Mörder, du widerlicher Kerl! Du hast unser Baby umgebracht!

Er drängt Judy zum Fenster und wirft sie hinterher.

Punch: Bye bye, Judy! – Hooray! Hooray!
Was soll's auch? Es gibt Würste zu Tee, Hooray!

Er greift nach den Würsten, die eine Kette bilden. Das Krokodil kommt und frisst die Würste auf.

Punch O bum, bum!

Er schlägt das Krokodil tot und wirft es aus dem Fenster.

Ein Constabler tritt auf.

Punch: Wer zum Teufel bist du denn?

Constabler: Kennst du mich nicht? Du sollst mich kennen lernen. Ich bin der Constabler.

Punch: Ich brauche dich nicht. Ich will keinen Constabler! Geh weg!

Constabler: Deine mörderischen Tage sind vorbei. Du hast Judy und dein Baby umgebracht.

Punch: Was geht dich das an? Wenn du hier weiter so rum stehst, dann passiert dir dasselbe! Ich haue dir den Kopf vom Rumpf!

Constabler: Ich habe einen Haftbefehl gegen dich.

Punch schlägt ihn mit dem Knüppel und wirft ihn aus dem Fenster; er singt:

It's the window for you
Green grow the rushes, Uhh!

Am Ende beginnt ein furchtbarer Kampf zwischen dem Teufel und Punch. Der letztere kriegt am Anfang ordentlich was ab, wenn er von seinem schwarzen Gegner getroffen wird, wann und wo der nur will. Endlich scheint der Teufel müde zu werden, und Punch gelingt es, mehrere schwere Schläge zu landen. Das Gleichgewicht wird wieder hergestellt, der Kampf geht für einige Zeit weiter. Dann hat Punch den entscheidenden Vorteil und treibt seinen Feind vor sich her. Der Teufel ist von wiederholten Schlägen auf den Kopf und die Hörner betäubt und fällt nach vorne auf den Boden, wo Punch seinen Sieg vollendet, indem er den Atem aus seinem Körper rausprügelt. Punch stellt dann seinen Stab auf die schwarzen Kleider des Teufels, wirbelt ihn in der Luft herum und ruft: „Huzza! huzza! der Teufel ist tot!“

Jeder von uns hatte ein Standbein, das steckte noch im provinziellen Sumpf. Ganz allmählich zog der eine und dann der andere sein Sprungbein wieder zurück und wir standen kaum zehn Jahre nach unserem ersten Fluchtversuch wieder da, wo alles angefangen hatte. Nun allerdings nicht mehr zu zweit, sondern zu dritt. Wir hatte nämlich unseren Sohn dabei, geplant zwar auf der Schäl Sick, geboren aber – wie es sich für einen echt Kölschen Jung' gehört – in Köln-Lindenthal. Und einen Struwwelpeter haben wir ihm nie geschenkt, wohl aber Legosteine, Fischertechnik und Computer. Und das hatte Folgen, wie ihr alle wisst.

So flogen die Jahre dahin mir arbeiten, studieren und arbeiten. Schon bald bereiteten wir einen neuen großen Schritt vor, zunächst natürlich wieder schön abgesichert:

Wo die Wälder noch rauschen, die Nachtigall singt,
die Berge hoch ragen, der Amboss erklingt.
Wo die Quelle noch rinnet aus moosigem Stein,
die Bächlein noch murmeln im blumigen Hain.
Wo im Schatten der Eiche die Wiege mir stand,
da ist meine Heimat, mein Bergisches Land.

So dachte und sang es Susannes Mutter, wenn sie eine sentimentale Anwandlung bekam. Aber sie konnte nicht verhindern, dass wir wieder einen Fuß ausstreckten, diesmal weit hinauf nach Norden, über den Nord-Ostsee-Kanal bis nach Schwansen. Nette Leute lernten wir da kennen, anhaltende Freundschaften wurden daraus. Und diesmal erwies sich der neue Grund als so fest und tragfähig, dass wir ein paar Jahre später den anderen Fuß tatsächlich nachzogen und uns in Theodor Storms Schimmelreiterland niederließen, wo die Leute von morgens bis abends nur „Moin, Moin“ sagen.

Als die Katzen im Bergischen Land von unserer Absicht erfuhren, erhoben sie ihre Tatzen, drohten mit den Pfoten und riefen:

Die Mutter hat's verboten!
Miau! Mio! Miau! Mio!
Lass ab! Sonst brennst du lichterloh!

Aber keine Flamme erfasste das Kleid, weder Schürze, noch Hand oder Haar brannten, denn auch Susanne stand nun mit beiden Beinen fest auf dem Grund der regionalen Tatsachen und spürte das Bedürfnis, aller Welt von den Besonderheiten des Landes zwischen den Meeren zu erzählen: „Schleswig-Holstein, meerumschlungen,/ deutscher Sitte hohe Wacht,/ wahre treu, was schwer errungen,/ bis ein schönrer Morgen tagt!“ Der schönre Morgen dämmerte kühl herauf und wir bauten dort unsere Häuser, erst die Alten, dann errichtete der Sohn seines und zwar mit eigenen fleißigen Händen. Da konnten die stolzen Eltern nur staunend fragen: „Wo hat der Junge das alles bloß her?“ Hatte der Großvater noch zwei linke Hände, die er vergeblich dem Sohn zu vermachen suchte; so vereinigten sich im dritten Glied Ideenreichtum, Zielstrebigkeit, Fleiß und Können zu harmonischer Einheit.

So sprach der Vater zum Sohn. – Zu seiner Frau aber sagt er: Manches war Mühsal und der Wind hat uns beiden oft ins Gesicht geweht. Aber einer hat den anderen immer wieder an die Hand genommen und so ging's denn leidlich, hat sogar oft Spaß gemacht, gerade wenn wir erschöpft in den Seilen hingen. Aber das wollten wir ja immer: ein verschärftes Leben hier und jetzt. Und so sind wir doch rangekommen, an die Londonbridge, den Louvre und den Eifelturm, und noch an so manchen anderen Ort haben wir es gemeinsam geschafft.

In den letzten vierzig Jahren haben wir uns beide nie gefragt: Wie verwirkliche ich mich selbst? Wir haben einfach gelebt und das aus uns gemacht, was wir glaubten, gut zu können. Zu deinem Geburtstag habe ich dir eine ganz kurze Liebeserklärung geschrieben:

Ich liebe dich nun schon fünfundvierzig Jahr'
Damals hast du mich an die Hand genommen
Und nun habe ich graue Haare bekommen
Und hab' dich noch so gern, wie das immer war.

Und zu den Gästen aus nah und fern redete er: „Viel hat sich gegenüber früher nicht geändert, wir sind immer noch die alten, nur dass ich heute die Hörgeräte einschalten muss, wenn ich sie fragen will, wo meine Brille geblieben ist.“ So gehen die Jahre wieder ins Land. Noch immer höre ich ihre Schritte, wenn sie nach Hause kommt; noch immer warte ich darauf, dass sie die Tür aufschließt. Und wenn sie einmal länger weg ist, dann stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn sie nicht wiederkäme. Das tut mir dann weh und ich bin mit meinem Mitleid ganz allein. Aber sie kommt ja immer wieder. Und ich bleibe auch immer da.