Wir fahren nach Amerika

  Das verlorene Paradies

 

„Wir fahren nach Amerika zu Vatis Eltern“, sagte eines Tages meine Mutti und bemühte sich, Hochdeutsch zu sprechen, „dann lernst du deine Großeltern kennen, Vati kriegt einen neuen Job und alles wird besser.“

Ich wusste nicht, was ein Job war, glaubte aber meiner Mutti, dass man nur dann nach Amerika  gelangen konnte, wenn man vorher nach Wernigerode zu ihren Bekannten fuhr. Aber ich wollte mein ganzes Spielzeug mitnehmen und am liebsten auch meinen Opa Fritze. Das ging nun freilich nicht und ich hatte schon Mühe genug, meine Mutti davon zu überzeugen, dass ich den Kasperl unbedingt mitnehmen müsse. Schließlich begann sie das einzusehen, denn er war ja Amerikaner und hatte nach Ansicht meiner Oma ein Recht darauf, in seine Heimat zurück zu kehren.

Es fand sich auch noch ein kleiner, quadratischer Koffer, in den ich ihn hineinlegte, nachdem ich die Fäden kurz unter dem Spielkreuz mit einem schwarzen Samtband zusammengebunden hatte, das ich mir von meiner Oma aus der großen Stoffkiste erbettelt hatte. Wie man eine Schleife bindet, hatte mir Helga schon vorher beigebracht. Dem Kasperl sagte ich, er komme nur zum Schlafen in den Koffer. Und er willigte mit einem überlegenden Lächeln ein.

An einem kalten Märzmorgen stand mein Vater mit zwei großen Koffern auf dem Hof, meine Mutti trug ihren schwarzen Pelzmantel, ich schleppte Kasperl Larifari, alle Hausbewohner nahmen bewegt Abschied und wir gingen zum Bus Richtung Eichplatz. Mein Vater wuchtete die schweren Koffer durch den hinteren Eingang, bezahlte hastig vorne beim Fahrer die Fahrscheine und dann rumpelte der schwere Dieselwagen durch die chronischen Schlaglöcher der Dorfstraße Richtung Sudenburg. Die Straßenbahnlinie 1 brachte uns bis zum Hasselbachplatz, dann stiegen wir um in die Linie 3 zum Bahnhof. Auf dem Bahnsteig  eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Mächtige Lokomotiven schnauften vorbei und stießen gewaltige Qualm- und Dampfwolken aus. Überall quietsche und pfiff es. Kaum getraute ich mich meine Augen offen zu halten, wenn so ein Ungetüm langsam an uns vorbeidonnerte, weil mir Ruß in die Augen flog und ich im dem Getöse nichts mehr hörte. Aber wir kletterten in ein Abteil und setzten uns da hin, wo es nicht dampfte und zischte.

Ich beteuerte allen Mitreisenden: „Wir fahren nach Wernigerode in die Ferien“, was Lächeln bei den fremden Leuten und unruhige Ermahnungen seitens meiner Eltern auslöste: „Nun sei doch endlich still!“ Und ich war still, als ich die Ohrfeigen sah, die sich an der linken Hand meines Vaters sammelten. Es war meine erste Fahrt mit der Eisenbahn und die Leute nickten verständnisvoll; wir stiegen aber nicht in Wernigerode aus, sondern auf einem großen Bahnhof und dort in einen Zug ohne Lokomotive. Und dann waren auf einmal riesengroße Häuser zu sehen, Trümmer, Häuser und immer mehr Häuser. Der Zug hielt mehrere Male, und endlich stiegen meine Eltern mit mir aus.

  

Die Stadt lärmte und dröhnte. So viele Autos hatte ich noch nicht gesehen. Wir stiegen in einen Doppeldeckerbus ganz nach oben. „Henne und Hahn, altes Porzellan!“, las meine Mutti mir vor und lachte. Auf der Treppe zur Straße sah ich Sie: Das sind Russen! Aber auch mein Vater lachte. „Nein, das sind doch Amerikaner, die Amis sind das! Wir sind in Berlin!“ Statt der Russen sah ich nun zum ersten Mal amerikanische Soldaten, die ihn ihren braunen Uniformen mit Jeeps durch die Stadt kurvten. Und da war auch mein Opa Fritze, plötzlich tauchte er aus dem Untergrund wie selbstverständlich auf und gab meiner Mutti einige Geldscheine. Woher er gekommen war und wohin er nach einiger Zeit wieder verschwand, habe ich damals nicht begriffen. Er muss mit der U-Bahn gefahren sein und meine Golddollars in 800 Westmark umgetauscht haben, die meinen Eltern fürs erste zu reichen hatten.

Meine Mutti erklärte mir, dass wir gar nicht nach Amerika gefahren waren, sondern zunächst einmal in den Westen. Amerika käme später, nächste Woche flögen wir nach München zur Tante Selma, einer Schwester der Oma meines Vaters. Da sollte unser neues Leben beginnen. Bei dieser Tante, so erfuhr ich später, war mein Vater gelandet, nachdem er zum Kriegsende aus dem Lazarett entlassen worden war. Dort hatte man ihm seinen kaputt geschossenen Arm repariert, und von dort aus war er mit der Eisenbahn nach Magdeburg zurückgefahren, weil sie in Deutschland plötzlich keine Soldaten mehr brauchten. Jetzt aber brauchte die Tante seine Hilfe. Ihr Mann war vor kurzer Zeit gestorben und sie musste alleine das Geschäft führen, das er ihr hinterlassen hatte. Da kam ihr der Großneffe aus der Ostzone gerade recht.

In Berlin aß ich zum ersten Mal Marzipankartoffeln, aber nur drei Stück, denn den Rest der Tüte schenkte meine Mutti einem Kind der Leute, bei denen wir auf dem Sofa schliefen. „Jetzt sind wir frei, keine Russen mehr! Frei!“ jubelte meine Mutti. Zwischen hohen Häusern standen immer wieder Ruinen, deren leere Fensterhöhlen uns angähnten. Ich staunte: Da fuhr eine Eisenbahn hoch auf einem Schienengerüst sogar mitten durch ein Haus hindurch. Es dauerte nur ein paar Tage, die wir bei Freunden meiner Eltern in einer engen Wohnung verdämmerten, bis wir uns wieder aufmachten und mit der S-Bahn zum Flugplatz Tempelhof rumpelten.

Der Flieger war eine zweimotorige Maschine, die bei dem schlechten Wetter mehrfach durchsackte und mir ein kitzliges Gefühl im Magen und danach große Übelkeit bescherte. Aber meine Mutti erklärte mir, wie toll es sei, zu fliegen und lachte mit mir, wenn es im Bauch kribbelte. Lachen musste ich über die Hosenträger, die auf den Sitzen herumlagen. Wegen der Wolken konnte ich nichts von der Landschaft sehen, die wir überflogen und auch nicht, wie wir schließlich landeten. In München regnete es in Strömen und ich fror erbärmlich, aber der Taxifahrer, der uns nach Memmingen brachte, stellte die Heizung seines Wagens auf volle Touren.

Tante Selma lebte mit ihrem kläffenden Hündchen im Bett und wollte nicht aufstehen. Daher mussten meine Eltern in dem kleinen Damenkonfektionsladen bedienen, der ihrem verstorbenen Mann gehört hatte. Kinder konnte sie nicht leiden, denn sie hatte selber keine kriegen können. Jahre später, als ich meine Oma Sudenburg ein letztes Mal besuchte, behauptete sie, ihre Schwester Selma sei eine billige Nutte gewesen, die sich bloß einen reichen Mann geangelt habe. Vielleicht erklärt das ihren rüden Umgangston, unter dem ich damals sehr litt.

In Memmingen musste ich erst einmal in einer der düsteren Kirchen getauft werden, damit meine Eltern mich in den evangelischen Kindergarten stecken konnten, und erhielt von dem ernst dreinblickenden Pastor einen Band mit Puppenspielen von Franz Pocci in die Hand gedrückt, die ich aber nicht lesen konnte, da ich das Lesen noch gar nicht gelernt hatte. Ich stand vor dem großen schwarzen Taufbecken, aus dem der Pastor mit hohler Hand kaltes Wasser schöpfte und mir über den Kopf spritze. Aus Rache für diese Gemeinheit trat ich ihn ans Schienenbein, wofür er mir eine kräftige Maulschelle gab. Das war meine erste ernsthafte Begegnung mit dem Christentum.

Die Tanten im Kindergarten konnte ich nicht verstehen, weil sie so komisch sprachen, und ich lachte darüber. Das mochten sie überhaupt nicht, weil sie nicht lachen konnten, nur singen. Auch hatten sie überhaupt keine Ahnung vom Puppenspiel und ich hatte keine Lust, Kasperl dorthin mitzunehmen. Mein Lachen verging schon am ersten Tag und ich litt unter den Singe- und Bastelstunden, machte nicht mit und klopfte nur mit dem Holzhammer auf bunten Klötzen meine Hilferufe, damit mich mein Mutti endlich wieder abholte. Die kam auch, wenn ich nur lange genug hämmerte.

Zunächst schlief ich im Bett meiner Eltern, dann aber wurde auf Betreiben meines Vaters eine Kammer für mich hergerichtet, in der ein kleines Bett stand und ein großer Schrank, der aber voller Wintersachen meiner Tante steckte und wo es nach Mottenkugeln roch. Den durften wir nicht aufmachen. Ich war froh, abends wieder für mich allein zu sein und kam auch endlich dazu, Kasperl auszupacken. Der guckte mich quietschvergnügt an, und ihm waren die Strapazen der Reise überhaupt nicht anzusehen. Als ich ihm von meinen Erlebnissen erzählte, wunderte er sich über nichts, nur das Kribbeln im Bauch habe er auch verspürt, sagte er, als wir mit dem Flugzeug von Berlin nach München flogen.

Über meine Erfahrungen in der Kirche und im Kindergarten konnte er nur lachen. Das tat mir gut und alle Traurigkeit war sofort wie weggeblasen. Ja, lachen kann er, dass es scheppert und keucht, kichert und kreischt. Mal kommt sein Lachen von ganz unten aus dem Bauch und klingt dumpf und hohl, dann wieder sitzt es ganz oben im Kehlkopf, ist spitz und meckerig wie das einer Ziege. Kasperls Lachen dröhnte, bis mir die Ohren klangen.

Und Kasperl prahlte vor mit, dem Kleinen, der ihm nun wieder Spieler und Zuschauer in eins sein musste, mit seinen Theatererfolgen: „Stell dir vor, du sitzt im Theater. Der Saal ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Ein gedämpftes Sprechen ist zu hören, du fühlst die erwartungsvolle Spannung. Dann wird das Licht gelöscht, ein Gong ertönt und der Vorhang hebt sich. Schlagartig ist alles still, Licht flutet über die Bühne und ich erscheine. Beifall, Gelächter bereits nach den ersten Gesten, den ersten Worten.“

Hier unterbrach er seine Erzählung durch ein meckerndes Lachen. „Du glaubst, Kasperls Lachen sehen zu können, so deutlich fliegt es von der Vorderseite des Saales bis hin zur letzten Reihe. Zwar weißt du, dass Kasperls Gesicht aus Holz ist, doch wirkt es gar nicht starr; obwohl er die Gesichtsmuskeln nicht anzuziehen vermag, obwohl er auf das Daumengeschick seines Spielers angewiesen ist, wenn er ihn sprechen lässt.“

Er forderte mich auf, ihn so vor den großen Spiegel des alten Schranks der Tante zu halten, dass ich, während ich ihn an den Fäden hielt, seine ganze Gestalt sehen konnte. Nach einigen Versuchen hatte ich die Sache so eingerichtet, dass ich den Kerl in seiner ganzen Größe vor mir sah. Er hatte nicht übertrieben! Sein Gesicht drückte, auch wenn er schwieg, sowohl Heiterkeit und Freundlichkeit als auch Spott und Verachtung aus, ja sein Lachen konnte noch viel mehr. Mit seiner starren Grimasse konnte Kasperl schmunzeln, grinsen, grienen, feixen, auflachen, herausplatzen, losprusten oder losbrüllen. Einmal kicherte er, dann wieder gickelte, gickste, gackerte oder wieherte sein Lachen so aus ihm heraus, dass ich mich kugeln oder krumm und schief lachen wollte, manchmal lachte ich gar Tränen.

Ich spielte nach seinen Anweisungen die eine oder andere Szene aus einem Stück, das ihm wohl vertraut war, und beobachtete ihn dabei im Spiegel. War Kasperl in großer Gefahr, dann setze erst recht sein Lachen ein, dann wurde aus dem Lächeln einen Lachsalve, ein Lachanfall und schließlich ein Lachkrampf. Kasperl wand sich am Boden und wollte sich scheckig lachen. Er tat, als könne er sich ausschütteln und lachte aus vollem Halse. Aber was schüttelt er aus: Spott, Hohn und Verachtung; ich konnte sogar die Freude, die Enttäuschung und die Wut in seinen Augen und auf seinem Gesicht erkennen, ja selbst Angst und Trauer konnte dieser Kerl zeigen, ohne seinen Mund dabei verziehen zu müssen. Ich dachte: Der lacht sich tot! Aber Kasperl lachte sich nicht tot; im Gegenteil: Kasperls Lachen rettete ihn aus aller Gefahr. Wenn er quietschend loslacht, wissen seine Gegner, dass sie verloren sind.

Kasperls Lachen scheint zunächst nur breites, dummes, verlegendes, schadenfrohes Grinsen, dann ist es fragendes, unsicheres, tastendes, suchendes Kichern und wird zum wissenden, überlegenen, spöttischen, hämischen Lachen. So besiegt Kasperls Lachen alle Feinde. All das demonstrierte der Kerl mir leibhaftig im Zimmer der bayrischen Tante, so dass ich von der Wahrheit seiner Rede völlig überzeugt war, obwohl wir uns die übrigen Mitspieler in Ermanglung eines vollständigen Marionettentheaters vorstellen mussten, was mir aber immer besser gelang. So setzte er seinen unterbrochenen Unterricht fort.

Über das Buch, das mir der Pfarrer zur Taufe geschenkt hatte, machte Kasperl sich sofort her. Er blätterte eine Weile darin herum, gickerte mal hier und lachte mal da, an einigen Stellen schüttelte er auch den Kopf, dann aber hatte er etwas gefunden, das ihm wichtig erschien. „Hör mal zu, Kleiner“, sagte er, „das handelt von mir. Ich komme da ganz groß heraus!“ Und dann las Kasperl mir vor: „Prolog zur Eröffnung des Marionetten-Theaters“.

 

 

Ich hörte gebannt zu, was er da vorlas. Und obwohl ich den fremden Dialekt nicht immer ganz verstand, gebe ich hier Wort für Wort wieder, was ich damals von seinem Spiel behalten habe:

 

Das Münchner-Kindl (tritt auf und spricht)
Verehrtes Publikum, versammelt Groß und Klein,
Willkommen seid, die Ihr hier tretet ein,
Wo eine Welt im kleinen ich erbaut,
Darin Ihr manches, wie im Spiegel schaut!
Ihr kennt mich doch? Schaut meine Tracht nur an:
Uralt bin ich, doch nur ein Kind, kein Mann,
Wie man mich seit uralter Zeit schon nennt:
Das »Münchner-Kindl« macht sein Kompliment
Und bringt Euch Märlein und Geschichten allerhand
Und Schwänke – was es immer irgend fand.
Daraus Ihr möget weidlich Nutzen zieh'n,
Zu lernen Gutes tun und Böses flieh'n.
Euch kleinen Münchnern sei's zunächst geweiht,
Wenn sich ein buntes Bild ans and're reiht.
Paßt nur hübsch auf, spannt Aug' und Ohr,
Wenn sich zum Schauspiel öffnet dieses Tor:
Bedenkt's, wenn ich im Ernste Euch belehre,
Und lacht hell auf, wenn ich den Scherz beschere.
Wie dieses Spiel zieht's Leben auch vorüber,
Bald ist der Himmel hell, bald wird er trüber,
Wie's kommt, so nehmt's, doch eines stets bedenkt,
Daß, was geschieht, von oben wird gelenkt! (ab.)

Kasperl (der schon aus den Kulissen hervorgeschaut hat). Ja, was wär' denn das? Eine Komödi und der Kasperl nit dabei? Das wär' was Neues. Sitzt das ganze Schauspielhaus voller Publikum, vorn die Kleinen, nachher die Größeren, Butzeln sind auch dabei, und da sollt' der Kasperl fehlen? Schlipperdibix! Mein altes Recht lass' ich mir nit nehmen! Wo eine Komödi ist, da muß der Wurstl auch dabei sein, damit's auch manchmal lustig hergeht, denn bisweilen muß der Mensch sein' Gspaß haben, damit er sich nicht z' Tod weint in der traurigen Welt, wo Not und Elend oft aus und ein spazieren. Also, wenn auch das Münchner-Kindl g'sagt hat, daß ihr allerhand schöne und ernsthafte Geschichten da sehen werd't, so will ich meinerseits publizieren, daß auch die Gspaß'ln nit fehlen werden. Aber eins muß ich Euch sagen: brav müßt's sein, Kinder, sonst kriegt's Schläg', und der Hanswurstl setzt sich auf die Ofenbank und weint selber, statt daß er pfeift und singt. – Punktum, so ist's, weil's der Kasperl g'sagt hat.

Münchner-Kindl. (hinter der Szene). Kasperl! Kasperl!

Kasperl. Wer ruft mir da? Ich will an Ruh haben und mein Sach' vorbringen.

Münchner-Kindl (tritt auf). Was hast denn du da heraußen zu tun, Kasperl?

Kasperl. Das geht dich nichts an! Was hast denn du da heraußen zu tun, Fratzl?

Münchner-Kindl. Ich bin der Theaterdirektor. Du hast mir zu folgen.

Kasperl. Oho, das wär' nit übel! Ich bin ja der Kasperl Larifari.

Münchner-Kindl. Wenn ich dich da heraußen brauche, werd' ich dir's schon sagen und dich am rechten Ort applizieren.

Kasperl. Was kaprizieren! Die Kaprizen verbitt' ich mir!

Münchner-Kindl. Marsch, fort, an deinen Platz. Du sollst jetzt den Vorhang aufziehen und die Lampen putzen.

Kasperl. Also die Lampen aufziehen und den Vorhang stutzen? Das kann gleich gescheh'n; aber vorher brauch' ich ein paar Bratwürstlein und eine Maß Bier.

Münchner-Kindl. Du fangst schon mit Dummheiten und Konfusionen an, da werd' ich dich nicht lange mehr brauchen können.

Kasperl. Ich hab' meiner Lebtag keine Konvulsionen g'habt und bin ein kreuzg'sunder Kerl.

Münchner-Kindl. Merk' nur auf, was ich dir sage. Ich hoffe, daß du dich gut aufführen wirst.

Kasperl. Ich kann mich nicht selber aufführen, wenn die Komödi aufgeführt wird. Kurz und gut – –

Münchner-Kindl. Kurz und gut, wenn du nicht gleich gehorchst, so werde ich dich einsperren lassen.

Kasperl. In der Kuchel oder im Keller, da lass' ich mir's gefallen!

Münchner-Kindl (droht). Kasperl! Kasperl! (Es donnert).

Kasperl (fährt zusammen). Nein, das verbitt' ich mir! Das ist kein Gspaß.

Münchner-Kindl. Es donnert, dir zur Warnung.

Kasperl. Nun, und wenn a G'witter kommt und 's fangt z' Regnen an, da wird ja mein niglnaglneu's Gwandl verdorben, weil ich kein Parapluie bei mir hab.

Münchner-Kindl. Drum folge mir und gehe heim.

Kasperl. No meinetwegen, aber lang halt' ich's drin nit aus. Juhe! Juhe! (ab.)

Münchner-Kindl. Laßt euch vom Kasperl nur nicht irremachen;
Ich brauch' ihn wohl bisweilen, sollt ihr lachen;
Doch alles in der Welt hat seine Zeit,
Das alte Sprichwort sagt: Auf Leid kommt Freud'.
Er ist ein guter Narr, doch etwas ungeschlacht;
Nehmt's ihm nicht übel, wenn er Späße macht,
Die etwas derb sind – er meint's gut
Und ist ein Bürschlein von gesundem Blut.
Und nun beginn' das Spiel, mög's euch gefallen,
Damit Ihr oft erscheint in diesen Hallen!

 

Während Kasperl mir danach weitere Puppenspiele vorlas, lernten meine Mutti unter strenger Aufsicht der Tante, die gelegentlich doch ihr Bett verließ und in einem bunten Morgenmantel wie eine Hexe durch ihr Haus strich, Kochen, Waschen und Putzen und mein Vater das Kaufmannseinmaleins: Erst das Geld und dann die Ware. Da stand mein Vater nun hinter dem Ladentisch, tat zu den fremden Leuten besonders freundlich und verkaufte ihnen Blusen, Pullover und ab und zu auch ein Paar lederne Handschuhe. Und meine Mutti musste den Frauen Schlüpfer und Unterröcke verkaufen und ihnen die Körbchengröße der Büstenhalter erklären, damit die auch passten. Vor allem aber waren Nylonstrumpfe gefragt, aber obwohl sie sehr teuer waren, kriegten sie ganz schnell Laufmaschen; da brachten die Frauen ihre kaputten Strümpfe wieder zurück in den Laden, und meine Mutti musste sie verpacken und zur Post geben, wo die Laufmaschen wieder aufgenommen wurden. Und ein paar Tage später kamen die Frauen und tauschten einen Zettel, den sie von meiner Muti erhalten hatten, gegen ihre alten Strümpfe ein, die nun wieder wie neu waren.

Als nach vier Wochen die Tante laut durchs Haus krakelte, weil plötzlich tausend Mark verschwunden waren, beschlossen meine Eltern, ihre Karriere als Geschäftsleute zu beenden, die aus ihrem Bett keifende Tante zu verlassen und ins Notaufnahmelager Gießen zu fahren. Wir fuhren in der Dritten Klasse von Memmingen nach Gießen, das beanspruchte mein Gesäß und dauerte einen ganzen Tag, aber dann durften wir und auch offiziell Zonenflüchtlinge nennen.

 

Das Barackenlager in Gießen lag auf dem Rangierbahnhof, auf dem Tag und Nacht endlose Güterzüge ein- und ausfuhren und wo hunderte der grauen Waggons verschoben wurden. Hier holte ich Kasperl erst gar nicht hervor, da wir in einem ganz kleinen Zimmer schliefen, in dem man sich am Tage nicht aufhalten konnte. Ich spielte daher mit den Lokomotiven, die zwischen den Baracken hin und her dampften und deren Schienenwege wir überqueren mussten. Da gab es noch ein paar andere Kinder, die es auch in die Baracken verschlagen hatte und mit denen ich mich schnell anfreundete.

Wir verließen schließlich das Barackenlager und fuhren mit dem Zug nach Solingen, wo uns ein Omnibus vom Bahnhof abholte und uns mit unserem wenigen Gepäck vor einem alten Gasthof ausspie, der einmal „Kaiserhof“ genannt worden war. In dem großen Festsaal hatte man kleine Verschläge aus Holzplatten errichtet, in denen je zwei Betten übereinander standen, ein Tisch und zwei Hocker. Einen Schrank gab es nicht und unseren wenigen Kleidungsstücke mussten im Koffer bleiben. Kochen konnte man in einer Gemeinschaftsküche und die übel riechenden Klos waren draußen im Garten.

An das, was in den nächsten vier Wochen geschah, kann ich mich nur erinnern, wenn Kasperl Larifari mir dabei hilft. Er war ja schließlich dabei, denn ich habe ihn oft aus seinem Koffer genommen und ihm die neuen Dinge gezeigt, die sich um mich herum zu immer höheren Bergen auftürmten, so dass ich das Gefühl hatte, kleiner und kleiner zu werden und bald überhaupt nicht mehr wusste, wo wir waren. Da half auch das rote Schuco-Auto nichts, das sie im Kreis herumsausen ließen. Dann und wann wickelte mich meine Mutti in ihren schwarzen Pelzmantel, denn ich fror oft und schluchzte dann vor mich hin. Mein Vater sollte das nicht merken, denn in ihm stauten sich so viele Ohrfeigen an, dass er immer mit wütendem Gesicht herumlief und über alles und jeden zu schimpfen begann.

Auch das Spiel mit dem Kasperl wollte nicht mehr so recht in Gang kommen. Immerhin flogen wir beide mit einem gewissen Donald Duck für ein paar Tage nach Amerika, wo wir seinen reichen Onkel Dagobert besuchten. Da war es gut, dass sich Kasperl nicht nur in Manhattan, sondern auch in Entenhausen gut auskannte. Donald musste sich für seinen Onkel Sorgen machen, der die bösen Panzerknacker fürchtete, die es auf sein Geld abgesehen hatten. Dadurch gewann der alte Geizkragen Zeit, um seine Schätze besser vor Einbrechern zu schützen. Aber der dämliche Donald war schuld daran, dass sein Onkel den eigenen Geldspeicher mit einem gewaltigen Kanonenschuss zerstörte. Sein Geld floss auf die Straße und die Panzerknacker schaufelten es eimerweise zusammen. Auch ich hob eine Handvoll Banknoten auf, aber Kasperl schüttelte nur mit dem Kopf. Leider konnten wir nämlich mit dem vielen Scheinen und Münzen, die auf der Straße lagen, nichts anfangen, weil es nur Taler und Kreuzer waren. In Westdeutschland aber brauchte man damals Westmark und kupferne Pfennige, wenn man etwas kaufen wollte.

 

Das verlorene Paradies