Vom Schnurren-Erzählen zur Weltliteratur

 

Ende September 1786 erschien zur Leipziger Michaelismesse anonym ein schmales Buch mit dem Titel Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freiherrn von Münchhausen wie er dieselben bei der Flasche im Cirkel seiner Freunde zu erzählen pflegt. Hinter dem fiktiven Verlagsort London verbarg sich der Verleger Johann Christian Dieterich, Verfasser war der Göttinger Hochschullehrer, Balladendichter und Publizist Gottfried August Bürger (1747-1794). Bürger hatte die Geschichten im Sommer 1786 aus dem Englischen übersetzt und dazu einen Text des in London lebenden deutschen Gelehrten Rudolf Erich Raspe (1736-1794) verwendet, der im Winter 1785/86 bei dem Buchhändler M. Smith in London unter dem Titel Baron Munchausen's Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia […] erschienen war.

Raspe seinerseits, der zunächst als Bibliothekar in Göttingen und später als Professor und Bibliothekar in Kassel wirkte und wegen eines Eigentumsdelikts nach England geflüchtet war, verwendete eine Reihe fantastischer Erzählungen eines Herrn von M-h-s-n im H-schen, die 1781 – ebenfalls anonym – erstmals im Vade Mecum für lustige Leute veröffentlicht worden waren. In dieser Buchreihe werden kurze humoristische Texte, Schwänke, Witze, Rätsel und Anekdoten sowie Scherze veröffentlicht. Die Teile 8 und 9 (1781/1783) enthalten insgesamt 18 M-h-s-nsche Geschichten ohne Angabe des Verfassers.

Sie lassen sich zum Teil auf mündlich erzählte Schnurren zurückführen, die der in Bodenwerder an der Weser lebende Freiherrn Hieronymus von Münchhausen (1720-1797) im Kreise seiner Jagd- und Zechkumpanen zum Besten gab. Raspe literarisierte diese kurzen Texte und bettete sie in ein Erzählkontinuum ein. Den Namen seiner aus Deutschland importierten Erzählinstanz passte er dem Englischen an und nannte ihn Munchausen.

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 in Bodenwerder geboren. Nach Ausbildung und Karriere als Offizier in den Diensten der russischen Zarin Jelisaweta Petrowna Romanowa, kehrte er 1750 nach Bodenwerder zurück und bewirtschaftete sein Gut bis zu seinem Tode am 22. Februar 1797. Bereits zu Lebzeiten kannte man ihn über die Landesgrenzen hinaus als brillanten, humorvollen Erzähler.

Man vermutet seit Ende des 19. Jahrhunderts, dass Raspe selbst der Verfasser dieser kurzen Erzählungen war, von denen er möglicherweise einige im Umfeld seines Wirkungskreises vielleicht sogar von Hieronymus von Münchhausen selbst gehört haben könnte. 17 der 18 M-h-s-nsche Geschichten übernehmen Raspe und später auch Bürger in ihren „Münchhausen“.

Der große Erfolg des Munchausen veranlasste Raspe, im Frühling 1786 eine erweiterte Fassung (A New Edition) vorzulegen, der schnell weitere, jeweils um einige Geschichten erweitert Ausgabe folgten. Die fünfte Ausgabe Gulliver Revived, containing singular Travels, Campaigns, Voyages, and Adventures in Russia, the Caspian Sea, Iceland, Turkey, Egypt, Gibraltar, up the Mediterranean, on the Atlantic Ocean and through the Centre of Mount Etna into the South Sea[…], by Baron Munchausen (1787) übertrug Bürger wiederum ins Deutsche, und sein Verleger Dieterich veröffentlichte sie 1788 erweitert und anonym erneut unter demselben Titel als Zweite vermehrte Ausgabe.

Bürger arbeitete Raspes Vorlage um und schuf so eine neue, eigenständige Erzählung. Das Buch verkaufte sich so gut, dass Dieterich bereits 1788 zweimal nachdrucken musste. Sein Neusatz der 2. Ausgabe, der viele Fehler enthält, da er nicht von Bürger Korrektur gelesen wurde, ist bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vielfach nachgedruckt worden, seit 1812 auch mit Angabe des Verfassers Gottfried August Bürger. Erst 1849 nennt eine Ausgabe auch den Autor der englischen Ur-Fassung: Zuerst gesammelt und englisch herausgegeben von R. E. Raspe.

Bürger hat die einzelnen von Raspe knapp und trocken erzählten Geschichten zum großen Teil bedeutend erweitert und Übergänge geschaffen; die Geschichten sind dadurch interessanter geworden und bekamen mehr Leben.

 

Direkt nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe kamen unautorisierte Raubdrucke auf den Markt, in denen die Texte Bürgers gekürzt, ergänzt und erweitert wurden. Daraus entwickelten sich die in der Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichen „Volksbücher“, deren Bezeichnung den irrigen Eindruck vermitteln, die Texte seien Bearbeitungen des Münchhausen-Stoffs „aus dem Volk heraus“. Sie sind aber literarische Texte individueller Autoren, die aus dem Interesse entstanden, Bücher billig auf den Markt zu bringen. Sie stellen also keine nationale Tradition dar und sind keine „deutschen“ Volksbücher, sondern bearbeitete und erweiterte Plagiate; gerade die Münchausen-Erzählungen haben seit ihrer Entstehung einen internationalen Zuschnitt. Die Bearbeitungen der von Raspe und Bürger konzipierten Erzählungen sind in gewisser Weise ein literarische Experimentierfeld: Texte wurden zusammen- und neu geschrieben, variiert und teilweise banalisiert. Aus solcher Tradition leiten sich auch die für die Jugend neu erzählten Versionen ab.

Daneben entstanden sogenannte Münchhausiaden, Erzählungen in der Art der Münchhausen-Geschichten, wie 1795 ein Lustiges Post- und Reise-Vademecum, muntern Reisenden gewidmet von Monsieur Heemkengrypern, gewesenen Kammerdiener des Herrn von Münchhausen, und herausgegeben von seinem lachenden Erben […] oder 1812: Des Freyherrn Herrn von Münchhausen des jüngern Leben, Reisen, Abentheuer und Schicksale/ zu Wasser und zu Lande, im Monde und/ in der Hölle […]. Als Verfasser stellt sich ein geheimer Appellations-Secretair vor, der sich als Hof-Stiefel-Verwalter des Freyherrn von Münchhausen präsentiert.

Später erschienen literarische ambitionierte Neufassungen des Münchausen-Stoffs: 1833 Ludwig von Alvenslebens scharfe politische Satire: Der Lügenkaiser die Erlebnisse von Münchhausen jun. und 1839 Karl Leberecht Immermanns vierbändiger Roman Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken. Der Markt wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den abenteuerlichsten Münhausiaden überschwemmt.

Unter den Nachahmungen nehmen die Bücher von Heinrich Theodor Ludwig Schnorr (1760-1835) eine besondere Stellung ein. Sie wurden von der Münchhausenforschung als unseriös bezeichnet, ohne dass eine inhaltliche oder formale Analyse stattgefunden hätte.

Der zeitgenössischen Literaturkritik galten sie als Fortsetzungen des Bürgeschen Münchhausen. 1804 merkt ein zeitgenössischer Rezensent an: „Münchhausen im dritten noch ungedruckten Theile des unsterblichen Geschichte seiner Reisen, die den Kreis des menschlichen Wissens so sehr erweitert haben, erzählt unter andern auch, er sei in eine Stadt gekommen, in welcher jede Familie sich mit Einem Kopf behelfen mußte, den immer derjenige aufgethan habe, der gerade Geschäfte fürs Haus hatte. Diese Einheit soll nun freilich mancherlei Beschwerden erregt haben, wenn es etwa dem Vater einfiel die Kinder, oder den Geschwistern, einander zu küssen, dafür aber, behauptet Münchhausen, könne es nirgend ein glücklicheres, häusliches Leben geben, als in jener Stadt: so lange sie stehe, wisse man nichts von Familienzänken. – Man glaubt gewöhnlich, diese Nachricht sey nur ein wüster Scherz ohne Zweck und Inhalt, aber man irrt: mir wenigstens scheint sie historisch wahr. Jene Stadt zwar kenn‘ ich nicht, doch sah‘ ich in vielen Städten Familien, die nur Einen Kopf besaßen. Zwar behielt ihn derjenige, der ihn einmalhatte, zeitlebens auf seinen Schultern: aber seine Verwandten und Hausgenossen trugen hohle Larven, die das ankündigten, was jener enthielt. Er hatte den Verstand, und sie thaten die weisen Blicke; er hatte das Verdienst, und sie machten die wichtigen Mienen, die dazu gehörten.“ H. Fröhlich: Miscellen. In: Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser. Berlin vom 22.03.1804, S. 232.

Ein Jahr später kommt noch ein Pendant zu Münchhausen auf den Markt: Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande und Abentheuer des Fräuleins Emilie von Bornau, verehlichte von Schmerbauch. Von ihr selbst erzählt. Frankfurt/ 1801. Der Verlag ist wieder Franzen und Grosse in Stendal. Das freizügige Buch zählt zu den Erotika und kann als eine satirischer Beitrag zur Diskussion über die Geschlechterverhältnisse im 18. Jahrhundert gelesen werden. Schnorr nimmt engagiert Partei für die Forderung nach einer vollständigen Emanzipation der Frau und für selbstbestimmte Sexualität.

1803 gab Schnorr ein weiteres Buch heraus, in dem er – wieder anonym – die Münchhausen-Erzählungen von Bürger und seine eigenen zu einer Einheit zusammenfügte: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, und/ lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche Wein im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte/ Neueste Auflage mit 25 Kupfern. Berlin, in der neuen Buchhandlung. 1803.

Der Band enthält im 1. Teil eine von Schnorr bearbeitete und etwas gekürzte Fassung von Bürgers Münchhausen der 2. Ausgabe von 1788; ab S. 117 folgt ein Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen Münchhausen. Durch das Layout wird der Eindruck erweckt, es handele sich um das Werk eines (anonymen) Verfassers. Rund 40% des Textes stammt von Bürger, 60% hat Schnorr aus seinen drei Münchhausiaden hinzugefügt. Bürgers Münchausen wurde um ca. 30% gekürzt. Schnorr hat den gesamten Text bearbeitet und Motive getilgt, die im Widerspruch zu seinen eigenen Erzählungen standen.

1810 erschienen im Verlag Peter Hammer, Köln zwei Bände, die wiederum Bürgers und Schnorrs Münchhausen-Erzählungen enthielten, diesmal wieder getrennt: Wunderbare Reisen, Feldzüge und lustige Abentheuer sowie Neue Reisen Feldzüge und lustige Abentheuer. Schnorr hat Kürzungen an Bürgers Text der Ausgabe von 1803 teilweise wieder zurückgenommen. In gleicher Aufmachung erschien zur gleichen Zeit als Zweyter Theil der Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen Münchhausen. Von dieser Separatausgabe erschien bereits 1812 eine zweite Auflage. Schnorr war sehr erfolgreich und hat im Zeitraum von 1789 und 1812 mehr Münchhausen auf den Markt gebracht, als Dieterich in Göttingen mit Bürgers Münchhausen bis 1822. Dort sind nur vier Ausgaben erschienen, Schnorr bringt es auf 10 Münchhausen-Titel.

Im Jahre 1839 brachte der Buchhändler und Verleger Johannes Scheible eine zweibändige Lügen-Chronik auf den Markt, in der er in vier Teilen Bürgers Münchhausen in verkürzter und durch drei fremde Kapitel ergänzter Form und die drei Bände Schnorrs von 1789, 1794 und 1800 noch einmal im Zusammenhang präsentierte. Der verstümmelte erste Teil mit Texten von Bürger wurde in der Neuauflage von 1854 nach Bürgers Ausgabe von 1788 wiederhergestellt.

Die Fortsetzungen und Ergänzungen Schnorrs wurden in der zeitgenössischen Rezeption als Einheit mit Bürgers Texten betrachtet, da alle Bände anonym erschienen und die Autorschaft Bürgers der Öffentlichkeit nicht bekannt war.

Am 20. August 1836 zum Beispiel meldete Das Pfennig-Magazin, die erste wöchentlich erscheinende deutsche Zeitschrift mit bis zu 100.000 gedruckten Exemplaren: „Zu den vorübergegangenen literarischen Erscheinungen, die einst viel Aufsehen machten, gehören die wunderbaren Reisen, Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, eine Sammlung von seltsamsten und ausschweifendsten Einfällen, z. B. der Überrock des Erzählers sei von einem rollen Hunde gebissen und wüthend geworden, sein Windhund habe die Beine dergestalt abgelaufen, daß er zum Dachshund geworden, sein Jagdhund habe ihm im Schlaf den Magen herausgefressen, weil er Rebhühner darin gewittert und er habe sich dafür einen Schweinemagen einnähen lassen, und andere, noch gleich weniger ergötzliche. Die Geschichte dieses Buchs ist merkwürdig genug.“ Von den erwähnten Erzählungen stammen die beiden ersten von Bürger, die dritte von Schnorr. Der Journalist schreibt diese Erzählungen alle dem historischen Freiherrn von Münchhausen in Bodenwerder zu und fährt fort: „Längst hatten diese Schwänke einen großen Theil von Deutschland durchwandet und waren aus den höhern Circeln bis zur untersten Volksclasse herabgestiegen, ohne daß Jemand daran gedacht hätte, sie zu sammeln. Ein durch widrige Schicksale nach England verschlagener deutscher Literat, Raspe, der früher zu Kassel, in Münchhausens Nähe, gelebt hatte, kam endlich auf diesen Einfall und gab sie in England und in englischer Sprache heraus. Dort fanden sie einen gedeihlichen Boden und erlebten in kurzer Zeit fünf Auflagen. Sie fanden den Weg übers Meer nach Ostindien, und Offiziere eines hannöverschen Regiments, das nach Madras geschickt wurde, trafen sie dort in den ersten Häusern, wo sie begierig gelesen wurden. Nun erst erschienen diese ursprünglich deutschen Erzeugnisse, aus dem Englischen zurückübersetzt, in Deutschland; der Dichter Bürger war es, der sich mit dieser Übersetzung befaßte, jedoch fand das Buch hier nicht den großen Beifall, wie früher in England.“

 

Bei der bibliographischen Aufnahme der frühen „Münchhausen“-Titel gibt es eine Reihe von Lücken und falsche Zuweisungen, insbesondere bei Büchern von Schnorr und seinen Bearbeitungen des Münchhausen. Zum Verständnis seines literarischen Werks, das heute weitgehend vergessen ist, muss seine fast völlig unbekannte Lebensgeschichte aufgearbeitet werden, um zu zeigen, welche intimen Kenntnisse er von dem Adelsgeschlecht des Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen besaß, was er von den Verhältnissen der Stadt Bodenwerder wusste und inwieweit diese Kenntnisse in seine Dichtung eingeflossen sind.

Heinrich Theodor Ludwig Schnorr wurde am 6. Januar 1760 als ältester Sohn des Conrad Gottlieb Schnorr (Pastor von 1758 bis 1792) in Amelunxen geboren. Das Dorf liegt 7 km südwestlich von Höxter. In Helmstedt besuchte er die 1253 gegründete lateinische Stadtschule, die 1543 in ein protestantisches Gymnasium in Form einer Partikularschule (Vorbereitung für das Studium an der Universität) umgewidmet worden war. Seit dem Wintersemester 1777/1878 studierte er an der dortigen Universität drei Jahre Theologie und Philosophie. Seit 1783 unterrichtete er als Hauslehrer bei verschiedenen Familien und begann eine schriftstellerische Tätigkeit. Nachdem sein Vater aus dem Amt geschieden war, wurde sein Sohn 1792 zum Pastor ernannt. Schnorr erteilte Unterricht an der Schule in Amelunxen und wirkte bei publizistischen Projekten an den Universitäten in Rinteln und an der Philipps-Universität Marburg mit, deren philosophische Fakultät ihm 1806 die Doktorwürde verlieh. Er veröffentlichte seinerzeit viel beachtete  philosophische und pädagogische Schriften und lieferte später naturkundliche und ökonomische Beiträge für regionale Zeitungen.

 

Die Schnorr-Texte wurden rund fünfzig Jahre im Zusammenhang mit Bürgers Münchhausen gelesen und hatten einen unverkennbaren Einfluss auf die Münchhausiaden des 19. und auch noch des 20 Jahrhundert.  Einige von ihnen gelangten bereits in den 1790er Jahren in die erste Übertragung des Münchhausen-Stoffes ins Russische und später auch ins Polnische. Einflüsse lassen sich bei vielen Autoren nachweisen, auch bei Schriftstellern wie Ludwig von Alvensleben und Karl Immermann. Sie wirkten auf die Entwicklung der so genannten Volksbücher ein und wurden auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben Bürgers Texten rezipiert. Sogar in Erich Kästners Drehbuch zum Münchhausen-Film von 1943 finden sich Elemente aus dieser Tradition.

Schnorr setzt fort, was Bürger bereits im Sommer 1786 mit Raspes Munchausen getan hatte: Er erweitert Bürgers Münchhausen (von dessen Autorschaft er wusste) und weitet ihn zu einer facettenreichen Satire aus, in der er zeitgenössische Forschungsreisen, astronomische, naturkundliche und medizinische Entdeckungen parodiert sowie massive Kritik am Adel und dem Sittenverfall Ende des 18. Jahrhunderts übt. Er entwickelt das selbstironische Spiel Bürgers mit der Renommiersucht und ihre Parodie ins Lächerliche fort und führt die von Raspe und Bürger entwickelte Erzähltechnik weiter.