Illustrationen 1

 

 

Singular Adventures relat'd in the Travels of Baron Munchausen./ Publish'd as the Act directs for MSmith, & sold at 46, in FleetStreet, April 20th. 1786./ Munchausen pinxit.

 

Die 4 Kupferstiche sind nebeneinander auf einer Falttafel angeordnet. Bildhöhe 115mm, Breite je ca. 65mm. Plattengröße 145 x 265 mm. Die Darstellungen zeigen von links nach rechts Münchhausen, sein Pferd vom Kirchturm schießend, 2. das halbierte Pferd, 3. den Hirschen mit dem Kirschbaum, 4. das Abseilen von der Mondsichel. Die Falttafel trägt das Datum des 20. April 1786 und die falsche Signatur: Munchausen pinxit. Jede dieser Darstellungen trägt am linken oberen Rand, jedoch außerhalb des Bildes, einen Hinweis auf die zugehörige Textseite. Dieser Hinweis wurde später auf der Kupferplatte gelöscht, um die Bildtafel für die folgende Ausgabe mit veränderten Seitenzahlen verwenden zu können.

Die Kupfer liegen auf handwerklich-biederem Niveau; sie passen zu dem kleinen und noch anspruchslosen Büchlein. Man möchte meinen, daß sie nicht spezifisch englischen Ursprungs sind und auf einen deutschen Inspirator hindeuten. Dies führt zu der schon öfter ausgesprochenen Vermutung, daß Raspe selbst sie entworfen hat. Es ist bekannt, daß Raspe gut zeichnen konnte. Dies beweisen noch erhaltene Zeichnungen von ihm sowie die Illustrationen seiner naturwissenschaftlichen Bücher von eigener Hand. Die falsche Signatur: Munchausen pinxit verstärkt die Annahme, es seien Raspes eigene Zeichnungen, jedoch wolle er auf solchem Gebiet nicht mit dem eigenen Namen auftreten. Vielleicht aber – und auch das ist nicht ganz unwahrscheinlich – hatte sich Raspe, während er sich mit der Gestalt und den Geschichten des Barons seit etwa 1780 beschäftigte, schon selbst mit der Gestalt des Barons weitgehend identifiziert. Wackermann 1969, S. 61f.

 

 

Rudorf Erich Raspe - der erste Illustrator des Münchhausen

 

Während wir vom historischen Baron v. Münchhausen nur ein einziges Bild kennen, gibt es eine wahre Bilderflut zu den nach ihm benannten Geschichten. Angesichts dieses immensen Materials ist es von Interesse, den Urheber der ersten visuellen Umsetzung zu kennen, der mit einer kleinen Serie von Kupferstichen sozusagen „Inbilder“ prägte, die schnell parallel zum Text ein Eigenleben zu führen begannen und noch heute führen. Derjenige, der diese ersten Bilder entwarf, von denen sich einige im Laufe von 200 Jahren fast formelhaft behauptet haben, markiert den Ausgangspunkt eines riesigen ikonographischen Feldes zu den Münchhausen-Abenteuern. Immer wieder wird Raspe als ihr Zeichner vermutet, besonders weil man weiss, dass er auch zu anderen Anlässen künstlerisch tätig war. Doch fehlte bislang die Bestätigung.

Neben der Frage nach dem Urheber der ersten Bilder steht immer auch diejenige nach der Reihenfolge des Erscheinens der einzelnen Motive und nach dem Verhältnis zwischen den Illustrationen in den ersten englischen Ausgaben und der ersten deutschen Variante. Die genaue Lektüre und Durchsicht der ältesten Drucke führt jetzt zu Antworten.

Die Resultate in Kürze:

1. Raspe ist wirklich der erste Illustrator des Munchausen.

2. Die Reihenfolge, in der die Bilder in den Ausgaben des Jahres 1786 entstehen, ist rekonstruierbar.

3. Ernst Ludwig Riepenhausen, der erste Illustrator der Bürger-Ausgabe von 1786, hat acht Bildmotive von Raspe übernommen, und nicht nur vier, wie bisher angenommen.

4. Riepenhausen hat eine andere englische Ausgabe zur Vorlage benutzt als Bürger und mit der Abwandlung seiner Vorbilder eine Domestizierung des Münchhausen in Gang gesetzt.

Die alten Ausgaben sind trotz der verbesserten Zugänglichkeit nur mit besonderem Aufwand einzusehen, und die Angaben in den Standardwerken von Schweizer und Wackermann sind nicht vollständig. Ich stelle deshalb im folgenden die Informationen, auf denen die Herleitung dieser vier Resultate beruht, teilweise in einem höheren Detailliertheitsgrad vor als bei anderen Argumentationen in diesem Beitrag. Als Zusammenfassung dient abschliessend eine Synopse.

Zu 1. „The same person“

Ist Raspe der erste Illustrator seines Buches? Des Rätsels Lösung steht im Buch selber geschrieben: „To the same person the public is also indebted for the Plates with which the book is now embellished“ 53 - Derselben Person verdankt das Publikum die Bilder, welche das Buch jetzt verschönern. So heisst es zum ersten Mal im Vorwort der Fourth Edition, der dritten Ausgabe, in der sich Illustrationen befinden, und die etwa Ende Juli 1786 im Verkauf war. Es ist bemerkenswert, dass niemand bis heute diese Passage aus den Vorworten der Fourth und auch der Fifth Edition zur Kenntnis genommen hat.

„Dieselbe Person“ ist gemäss dem Vorwort derjenige, der den zweiten Teil des Buches geschrieben hat. Der Autor unterscheidet allerdings nur bezüglich des Textes zwischen einem ersten und einem zweiten Teil. Während der erste von Münchhausen selber stamme, habe den zweiten jemand anders in der Art des Baron geschrieben. Der erste Teil besteht vor allem aus dem Stoff, der auf das Vademecum zurückzuführen ist und den man daher am ehesten dem „wirklichen“ Münchhausen in den Mund legen könnte. Der „zweite Teil“ ist aber nicht ganz gleichbedeutend mit „neu geschrieben“. Denn durch eine teilweise Umstrukturierung des Textes in der Fourth Edition befinden sich in diesem zweiten Teil Abenteuer und Bilder, die bereits in der vorausgehenden Third Edition enthalten waren. Daraus ist zu schliessen, dass the same person nicht nur für die Bilder im zweiten Teil, sondern für alle in der Fourth Edition vorkommenden Illustrationen verantwortlich ist - wie auch für diejenigen in der Fifth Edition, in welcher die Aussage wiederholt wird. Schon eine Bemerkung in der vorausgehenden New Edition stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Urheber des Textes und dem der Bilder.

Unter dieser Voraussetzung gelangt man zur Schlussfolgerung: Wenn es so ist, dass Raspe den Munchausen geschrieben hat, und zwar mindestens den Text bis und mit der Fifth Edition - was unbestritten ist - dann hat er, the same person, auch die Bilder geliefert. An der Ernsthaftigkeit der Vorworte ist dabei nicht zu zweifeln. Sie halten zwar an der Anonymität der Autorschaft konsequent fest, sind aber sonst in keiner Weise fiktiv. Es sind sachliche Texte, die zutreffend über das Geschlecht der v. Münchhausen informieren, sich differenziert über den Verkaufserfolg der je vorausgehenden Auflage äussern, Hinweise auf literarische Vorläufer wie Lukian geben und nach der Titelerweiterung zum „Gulliver Revived“ auch aus dem Gulliver zitieren. Wenn Raspe für eine neue Auflage ein älteres Vorwort übernimmt, druckt er es nie einfach ab, sondern korrigiert und modifiziert es; aus diesem Grund darf man bei der Wiederholung von the same person in der Fifth Edition auf einen bewussten Akt schliessen.

Raspes Illustrationen, die im Jahr 1786 entstehen, unterscheiden sich im Stil recht deutlich. Das ist kein Argument gegen ihre Herkunft von der einen Hand Raspes. Er ist kein hauptberuflicher Zeichner mit einer persönlichen künstlerischen Handschrift; die übrigen von ihm bekannten Bilder sind in ihrer Machart ebenfalls höchst unterschiedlich. Die Heterogenität werte ich eher als zusätzlichen Hinweis auf Raspe, der sich auch im Schreiben verschiedenster Ausdrucksweisen bedient.

Ein kleines, aber typisches Detail, welches auf die Doppelfunktion Raspes als Autor und Zeichner aufmerksam macht, mag hinzukommen: Die Stiche im Munchausen haben jeweils Hinweise auf die entsprechenden Textseiten. Das ist bei der damaligen Buchbindetechnik eine übliche Massnahme. Doch das Verweissystem wirkt auch umgekehrt: Fussnoten im Text erwähnen, wenn es ein Kupfer zur Episode gibt. Auch das ist nicht aussergewöhnlich. Aber an einer Stelle kommt eine Genauigkeit in der Verwendung beider Verweise zum Ausdruck, die nur plausibel ist, wenn man hinter Wort und Bild eine Person weiss - und wenn man weiss, dass Raspe ein grosser Freund der Fussnote ist: Wenn Münchhausen auf der oben erwähnten Fahrt nach Nordamerika mit dem Wal zusammenstösst, wird einerseits ein verunglückter Matrose von einer Seegans gerettet, schleppt andererseits der Wal das Schiff hinter sich her - den Anker im Rachen verhakt. Zu diesem Abenteuer gehört ein Bild, auf dem beides zu sehen ist - der Text hat aber kurz hintereinander zwei Fussnoten, damit sichergestellt ist, dass der Leser sowohl bei der Erwähnung der Seegans wie bei der des Ankers zum Bild blättert. 54

Zu 2. Die Reihenfolge der Illustrationen

Raspe schreibt und zeichnet mit hoher Geschwindigkeit. Das Buch wächst in seinem ersten Lebensjahr über vier Erweiterungsschritte von 49 auf 208 Seiten und von vier auf 19 Illustrationen. Raspe hat seinen Wohnsitz zu dieser Zeit in Cornwall, pendelt aber oft nach London, wo er in intensivem Kontakt mit dem Modelleur James Tassie steht. Dieser Sachverhalt könnte insofern von Bedeutung sein, als der Autor Raspe - hauptberuflich gerade im Bergwerkswesen tätig - während der Arbeit an seinem Munchausen über Tassie auch mit künstlerischen Fragen beschäftigt ist; ein ursächlicher Zusammenhang lässt sich hier allerdings (noch) nicht nachweisen. - Was den Bestand der Ausgaben an Illustrationen angeht und deren Erwähnungen im Text, so ergibt sich folgende Situation. 55

a) Die Erstausgabe hat 49 Seiten und keine Bilder, wie auch deren Nachdruck. 56 Im Text finden sich keinerlei Andeutungen, die auf allenfalls verlorengegangene Illustrationen schliessen lassen. Doch dann setzt die Illustrierung ein.

b) Die nächste Ausgabe, A New Edition, bringt eine Falttafel mit vier Illustrationen zu Landabenteuern (Das Pferd am Kirchturm. Das halbierte Pferd. Der Hirsch mit dem Kirschbaum. Abseilen vom Mond). Sie sind datiert und bezeichnet mit Munchausen pinxit. Zur Urheberschaft heisst es im Advertisement to the Second Edition, nach dem Hinweis auf die Erweiterung des Buches um die Seeabenteuer: „also embellished with four Views from his own pencil.“ 57 Auch das Titelblatt macht dazu eine Aussage: „ornamented with four Views, engraved from the Baron’s Drawings.“

c) Es folgt The Third Edition mit 13 und 16 Illustrationen. 58 Sie kündigt auf dem Titel diesmal keinen Zeichner und keine Zahl an: „ornamented with a number of Views engraved from the Original Designs.“ In dem aus der vorherigen Ausgabe übernommenen, aber an mehreren Stellen abgeänderten Vorwort heisst es nur noch: „and also embellished with plates“. Daran schliesst sich ein neuer kursiv gesetzter Zusatz zum Vorwort an; er ist, zwar nicht mit Überschrift bezeichnet, aber de facto eine Vorrede zur Third Edition. Auch dort werden die Illustrationen erwähnt: „The additions are so considerable, both with respect to the Narrative and the Plates that it may fairly be considered as a New Work.“ 59 Das Buch enthält vier Falttafeln mit insgesamt 13 Motiven. Die erste Tafel ist identisch mit derjenigen aus der New Edition, inklusive Signatur und Datum. Die zweite Tafel zeigt: Dressur auf dem Teetisch. Die Pferde im Hohlweg. Der Mandelbaum am Nil. Auf der dritten sind zu sehen: Die Kutsche in der Luft. Die Kanone am Bosporus. Der Flug mit der Seegans. Die vierte Tafel bringt: Die Befreiung aus dem Walfischbauch. Der Sprung ins Fenster. Der Papst und die Muschelverkäuferin. Die Tafeln zwei bis vier sind nicht signiert, tragen jedoch alle ein Datum. - Es ist mir nicht bekannt, welche drei zusätzlichen Motive die Druckvariante mit insgesamt 16 Illustrationen enthält. Abgesehen von der Wiederholung des Munchausen pinxit gibt die Third Edition keinen Hinweis auf den Künstler.

d) The Fourth Edition verspricht auf dem Titelblatt „Sixteen explanatory Views, engraved from Original Designs“. Tatsächlich sind es 18 Motive. Es handelt sich um die 13 Illustrationen aus der vorigen Ausgabe. Hinzu kommen eine Falttafel mit drei Szenen, von denen eine datiert ist (Der Ritt unter Wasser) und zwei ohne Datum sind (Das fliegende College. Von Calais bis Dover) sowie eine datierte Tafel mit zwei Darstellungen (Hundsmensch und Mondmensch). Im Preface to this Fourth Edition heisst es: „The second part, which commences in page 63, is the production of another pen, written in the Baron’s manner. To the same person the public is also indebted for the Plates with which the book is now embellished.“ 60 Die Divergenz zwischen der Zahl der angekündigten und der vorhandenen Illustrationen lässt sich aufgrund der Daten damit erklären, dass die letzte Doppeltafel nach dem Setzen von Titel und Vorwort ins Buch aufgenommen worden ist.

e) Zeitlich folgt nun die erste Fassung Bürgers. Das Titelblatt verspricht: „Aus dem Englischen nach der neuesten Ausgabe übersetzt, hier und da erweitert und mit noch mehr Kupfern gezieret.“ Im übersetzten Vorwort „Zur zweyten Ausgabe.“ (das ist A New Edition) steht: „... durch vier Vorstellungen von seinem eigenen Pinsel verschönert.“ 61 In seiner eigenen Vorrede erwähnt Bürger die Illustrationen mit keinem Wort; sie ist nicht datiert, doch ist bekannt, dass die Ausgabe an Michaelis, also am 29.9.1786, im Handel war. Das Buch enthält neun Kupfertafeln, fünf sind ganzseitige Bilder; vier sind hälftig unterteilt. Die insgesamt 13 Motive tragen kein Datum. Acht stammen aus den englischen Vorlagen, hinzu kommen die folgenden: Der Hund mit den kurzen Läufen. Der umgekrempelte Wolf. Die Rettung aus dem Sumpf. Der Bär auf der Deichsel. Der Ritt auf der Kanonenkugel.

f) The Fifth Edition stellt auf dem Titel in Aussicht: „... ornamented with a variety of explanatory Views, engraved from Original Designs.“ Das Vorwort, im wesentlichen das der Fourth Edition und auch als das bezeichnet, hat ein aktualisiertes Datum und macht dieselbe Aussage über den Urheber der Kupfertafeln wie d). 62 Das Buch hat 19 Illustrationen - die 18 Stiche der Vorgängerausgabe d), welche noch die alten, nun unzutreffenden Seitenverweise zum Text tragen. Neu tritt ein grosses, zweifach gefaltetes Frontispiz hinzu: Löwe und Krokodil.

g) Die erste französische Ausgabe hat weder auf dem Titelblatt noch im Vorwort einen Hinweis auf Illustrationen. Wackermann weiss in seiner Bibliographie von keinen Bildern. 63 Doch es sind heute vier Exemplare mit bis zu je drei Kupferstichen bekannt. 64 Und der Verlagsanhang in der Fifth Edition spricht gar von sechs Bildern in der französischen Ausgabe. 65 Die drei vorliegenden Kupferstiche gehen auf die Vorbilder aus England zurück, sind jedoch diesen gegenüber seitenverkehrt gestochen: Das Pferd am Kirchturm. Der Mandelbaum am Nil. Die Kutsche in der Luft.

Zu 3. Die Motive von Raspe bei Riepenhausen

Für das Verhältnis der frühesten englischen Ausgaben zur ersten deutschen Variante ergibt sich nun folgendes: Bürger hat nach einem Exemplar der New Edition übersetzt. Vom Bestand der Geschichten her käme zwar auch The Third Edition als Vorlage in Frage; doch indem bei ihm im Vorwort „Zur zweyten Ausgabe“ von „vier Vorstellungen“ die Rede ist, liegt der eindeutige Verweis auf die „four Views“ der New Edition vor. Dieser Befund ist bekannt, interessant ist nur noch seine Überprüfung an der Third Edition. Doch Wackermann, der sich auf Adolf Ellissen beruft, und alle Nachfolger schliessen daraus, dass auch Bürgers Illustrator Riepenhausen von dieser Vorlage ausgegangen sei, die vier Kupferstiche der ersten Falttafel aus der New Edition übernommen und neun zusätzliche Motive erfunden habe. 66 Die Bestandesaufnahme zeigt aber: Vier der neun neuen Motive gehen auf entsprechende Vorlagen aus der Third Edition zurück (Der Mandelbaum am Nil. Die Kanone am Bosporus. Die Befreiung aus dem Walfischbauch. Der Sprung ins Fenster). Drei Motive, welche Bürger’sche Erfindungen illustrieren, stammen sicher ursprünglich von Riepenhausen (Die Rettung aus dem Sumpf. Der Bär auf der Deichsel. Der Ritt auf der Kanonenkugel).

Es bleiben in der Bürger’schen Ausgabe zwei Illustrationen zu Geschichten, die der Autor aus dem Englischen übertragen hat, von denen nicht bekannt ist, ob sich Riepenhausen auch für sie einer Vorlage aus England bedient hat (Der Hund mit den kurzen Läufen. Der umgekrempelte Wolf). Hatte der Künstler möglicherweise die umfangreichere Variante der Third Edition mit 16 Illustration zur Verfügung, unter denen sich vielleicht diese beiden Bilder befanden?

Zu 4. Die beginnende Domestizierung des Münchhausen

Zumindest Riepenhausen muss also ein Exemplar der Third Edition gesehen haben. Und es spricht einiges dafür, dass er sie in die Hände bekam, als er die vier Stiche, die ursprünglich aus der New Edition stammen, bereits unter Benützung von Bürgers Exemplar der New Edition angefertigt hatte. Denn ein Vergleich der insgesamt acht übernommenen Sujets mit ihren jeweiligen Vorlagen zeitigt ein deutliches Resultat: Die vier Bilder der ersten Falttafel kopiert Riepenhausen sehr genau, er erlaubt sich keinerlei Änderungen. Er widmet ihnen - sowie dem Mandelbaum am Nil - je eine ganze Seite, während die übrigen Bilder paarweise auf je einer Seite kombiniert werden. In den anderen vier von Raspe aus der Third Edition übernommenen Motiven wird Riepenhausen Schritt für Schritt selbständiger und befreit sich unter Beibehaltung der grundsätzlichen Bildidee von den Vorbildern: Den Sprung ins Fenster verlegt er an ein anderes Gebäude und ergänzt ihn um drei Zuschauer; Münchhausens Befreiung aus dem Wal konzipiert er gänzlich neu, er verlegt sie vom Deck eines Schiffes an den Strand; die im Mandelbaum am Ufer des Nils gestrandeten Reisenden sind ohne ihr Boot - dafür ist ein in hohem Bogen vom Baum pinkelnder Gefährte eingefügt; und in der Szene mit der grossen Kanone am Bosporus hat Riepenhausen die Perspektive völlig umgekehrt, von der Nahsicht im Wasser zur Ansicht auf dem Land.

Die Modifikationen der Raspe’schen Bilder durch Riepenhausen sind keineswegs nur formaler Natur. Riepenhausen ist zwar der bessere Handwerker - die von ihm nachgestochenen ersten vier Illustrationen auf den ganzseitigen Tafeln sind in der Ausführung genauer und differenzierter - doch Raspes Entwürfe sind kühner. Ich möchte behaupten, dass nur wenige Monate nach Entstehung des kleinen widerborstigen Büchleins über die Stiche von Riepenhausen schon eine Domestizierung des Münchhausen einsetzt, indem Phantastisches in Wahrscheinliches umgeformt wird.

Bei Raspe zum Beispiel setzt der Baron auf seinem Pferd fliegend in das im ersten Stockwerk gelegene Fenster hinein, er ist dabei völlig allein. Pferd und Reiter sind im Verhältnis zum Gebäude sehr klein, was zur Folge hat, dass man die Springenden als durch eine enorme Höhe weit entfernte und deswegen klein erscheinende Gruppe auffasst. Bei Riepenhausen springt Münchhausen sehr naturalistisch zum Parterrefenster hinein. Er wird dabei von drei Männern beobachtet. Es handelt sich bei diesen Staffagefiguren um die seinerzeit weit verbreitete Repräsentanz der Betrachter im Bild, welche Authentizität und Glaubwürdigkeit verbürgen sollen. Riepenhausen greift damit zwar die Wahrheitsbeteuerungen des Erzählers bildlich auf, doch was die Zuschauer sehen und bestätigen sollen, ist gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Die bedrängende Nähe und Fülle des Walfischs auf dem Schiff bei der Raspe’schen Version, in welcher der Bildraum oben und unten gesprengt wird, rückt Riepenhausen in eine - dafür besser gezeichnete - normalere Ansicht. Wo Raspe den Betrachter durch die Wahl der Perspektive jäh mit dem Unglaublichen konfrontiert, überführt Riepenhausen die Szene in ein naturalistisches Genre. 67

Die Übersich

Die folgende Synopse fasst die Bestandesaufnahme zusammen. Sie gibt eine Übersicht über die Motive auf den Kupfern in den ältesten Münchhausen-Ausgaben. Sie veranschaulicht, in welch kurzer Zeit der Ausbau des Buches in Text und Bild erfolgt, und auf welche Weise die Illustrationen zusammenhängen. 68 Die Datierungen auf den Kupfern belegen nicht den Tag ihrer Entstehung, sondern entsprechende Angaben verbürgen aufgrund eines Entscheids des englischen Parlaments so etwas wie ein Copyright für den Urheber; 69 immerhin gestatten sie die Bestimmung der Reihenfolge ihrer Entstehung und zusammen mit dem Datum des Vorworts die Kenntnis des ungefähren Erscheinungsdatums einer Ausgabe.

Synopse zur Entwicklung der Illustration des Münchhausen 70

 

 

Legende:

Datum = das Motiv taucht erstmals als Illustration auf.

dito = die Illustration wird unter Angabe des ursprünglichen Datums wieder abgedruckt.

ohne Dt. = das Motiv erscheint erstmals, aber ohne Datum.

Kopie = das Motiv wird ohne Angabe des Datums und evtl. modifiziert abgedruckt.

 

Anmerkungen

53 Wackermann 3.5, iv

54 Wackermann 3.6, Fussnoten S. 69 und 70. Die auf nur 5 Seiten erzählte Geschichte hat noch drei weitere Fussnoten!

55 Da die Mikrofilme der frühen amerikanischen Ausgaben erst nach Redaktionsschluss dieser Publikation eintreffen werden, können deren Illustrationen in der Materialsammlung und der Synopse nicht berücksichtigt werden.

56 Wackermann 3.1 und 3.2 (Zu 3.2 war eine Autopsie noch nicht möglich.) Ich danke H. Scherer für die Kopie eines Mikrofilms der ersten Ausgabe aus dem Britischen Museum.

57 Wackermann 3.3, vii

58 Es gibt zwei verschiedene Drucke der Third Edition: 136 S. mit 13 Kupfern, 156 S. mit 16 Kupfern; vgl. E. Wackermann 1969 S. 161. Meine Beschreibung bezieht sich auf die erste Variante (Slg. Wiebel, Zürich, Sign. WGB 56). Eine Autopsie der anderen Variante war noch nicht möglich.

59 Wackermann 3.4, vii und viii

60 Wackermann 3.5, iv

61 Wackermann 1.2, S. 10

62 Wackermann 3.6 vi

63 Wackermann 4.1

64 SUB Göttingen, Münchh. Bibl. mit 2 Kupfern. Slg. Fleischer, Wolfsburg, Slg. Wiebel, Zürich, sowie 1998 im Handel bei H.P. Kraus, New York, je mit 3 Kupfern.

65 Wackermann 3.6 - Anhang S. XII, Slg. Wiebel, Zürich, Sign. WGB 60

66 E. Wackermann 1969, S. 65

67 Zum anspruchsvollen Gehalt der Raspe’schen Münchhausen-Illustration äussert sich mein Beitrag in der geplanten Publikation zum Symposion in Berlin: „Münchhausens halbiertes Pferd und das entzweite Jahrhundert - eine Fallstudie“.

68 Sobald eine Autopsie der Sixth und Seventh Edition sowie der ersten amerikanischen Ausgaben möglich ist, wird die Synopse unter Einbezug der zweiten Bürger’schen Ausgabe (1788) bis zu The Sequel von 1792 erweitert.

69 Vgl. H.M. Atherton 1974, S. 40 - 43

70 Bei den kurzen Beschreibungen der Bildmotive in der Synopse und in den Legenden zu den Abbildungen handelt es sich nicht um Bildtitel von Raspe oder Riepenhausen.

 

Bernhard Wiebel: Münchhausen – Raspe – Bürger: ein phantastisches Triumvirat. In: Münchhausen. Vom Jägerlatein zum Weltbestseller. Anlässlich der Ausstellung in der Pauliner Kirche. Göttingen 1989, S. 18-25.

2007 © by Bernhard Wiebel www.munchausen.org

 

 

Illustrationen der weiteren Auflagen

 

An Inhabitant of the DOG STAR. An Inhabitant of the MOON.

1. Doppelbild mit einem Bewohner des Hundssternes und einem Mondmenschen. Bildhöhe 122 mm, Bildbreite je 66 mm. Plattenhöhe 145 x 145 mm. Einfallsreiche und handwerklich gekonnte Ausführung. Die Tafel ist vom 18. July datiert und trägt den Namen von G. Kearsley. Die Tafel geht durch mehrere Ausgaben hindurch; sie ist auch, in Einzelbilder zerlegt, Bestandteil der Bilderfolge von Riepenhausen für die deutschen Originalausgaben bis 1834.

 

Flight from Margate to South America.

 

2. Der Flug auf dem Rücken des Adlers. In dem auf Tafel 5 wiedergegebenen Original nicht datiert. Bildhöhe 124mm, Bildbreite 138mm. Plattengröße145 x 150 mm. Als Falttafel beigegeben. Der dazugehörige Text erschien erstmals in der Fourth Edition'; es ist daher möglich, daß der Adlerflug dieser Ausgabe als Frontispiz gedient hat. Die besonders starke Wirkung dieses Bildes macht das auch wahrscheinlich. In der künstlerischen Auffassung eilt es den anderen Illustrationen weit voraus. Das gleiche Bild, in Details leicht verändert und an den Seiten beschnitten, ist in der englischen Ausgabe Hamburgh 1790 als Frontispiz verwendet.

 

The Defeat of the Lion and Crocodile.

 

3. Münchhausen erlegt einen Löwen und ein Krokodil; hier noch ohne Bilderklärung. Später mit versch. Schlagzeilen: The defeat of the Lion and Crocodile, oder 'Munchausen conquerst two extraordinary opponents'. Das mit dem 23. Dez. 1786 datierte Faltbild in der Größe 123 mm hoch, 151 mm breit, Plattengröße 143 x 162 mm, erschien zuerst in der 'Fifth Edition'. Die hier herausgehobenen und auch reproduzierten Bilder sind auch, wie schon angemerkt, unter den Kupfern der englischen Ausgabe Hamburgh 1790. Da Riepenhausen den Bewohner des Hundssternes seitenverkehrt gestochen hat, da ferner der Adlerflug und die Raubtier-Darstellung in den deutschen Original-Ausgaben nicht vorkommen, darf man annehmen, daß für die Illustrierung der englischen Ausgabe Hamburg 1790 englische Kupfer als Vorlage gedient haben und nachgestochen worden sind.

Von keinem der alten englischen Kupfer ist der Stecher bekannt. Daß es mehrere Stecher gewesen sein müssen, ist aus der unterschiedlichen Manier zu erkennen. […]

 

 

Illustrationen der Fith Edition, die Riepenhausen nicht als Anregungen verwendet hat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Illustrationen der Fith Edition zu Erzählungen, die Bürger nicht aufgenommen hat.

 

  

 

 

Weitere Illustrationen des Raspe'schen Munchausen, die Riepenhausen als Vorlagen gewählt hat.

 

  

 

 

Englischsprachige Ausgabe in Deutschland

Gulliver Revived:/ Or,/ The Vice Of Lying Properly Exposed;/ Containing Singular/ Travels Campaigns Voyages/ And Adventures/ By/ Baron Münchausen./ A new edition,/ Considerably enlarged, and ornamented/ with beautiful Copperplates./ HAMBURGH,/ Printed for B. G. Hoffmann. 1790.|

 

Flight from MARGATE to South AMERICA.

 

 

Conquers two extraordinary opponents.

 

A good Shot.

 

 

Shoots a Stag with Cherrystones.

 

 

An Inhabitant of the Dog-star.

An Inhabitant of the MOON.

 

 

Illustrationen in Raspes Sequel

A/ SEQUEL/ TO THE/ ADVENTURES/ OF/ BARON MUNCHAUSEN, […] HUMBLY DEDICATED TO/ Mr. BRUCE,/ THE /ABYSSINIAN TRAVELLER,/ As the Baron conceives that it may be of some service to him making another expedition into Abyssinia; but if this does not delight Mr Bruce, the Baron is willing to fight him on any terms he pleases./ LONDON./ Printed for H. D. Symonds, Pater-noster Row; and J. OWEN, opposite Bond Street, Piccadilly. MDCCXCII.| (With Twenty capital Copper-Plates, includ-/ing th BARONʼS PORTRAIT)

 

 

The Baron's Admonition to his Friends.

 

The Baron takes leave of the Royal Family.

 

The Baron on his Voyage to Africa.

 

The Baron Wrecked on an Island of Ice.

 

The Boats towing the Island of Ice on which the Baron was Wrecked.

 

Count Gosamer landed by Sphinx upon the Peak of Teneriffe.

 

The Baron Defeats a Host of Lions.

 

Interview between the Baron and the Emperor of the Interior of Africa.

 

An African Feast upon live Bulls and Kava.

 

The Bridge from Africa to Great Britain

 

The Baron in Danger of being Roasted.

 

Combat between the Baron and the Nareskin.

 

The Baron Besieges Seringapatam.

 

Combat between Baron Munchausen and Tippoo Saib.

 

Another view of the Combat between Baron Munchausen and Tippoo Saib.

 

The Baron's preparation for raising the Hull of the Royal George at Spithead.

 

The Baron raises the Hull of the Royal George.

 

The Baron Knighting the Fish-woman.