Gottfried August Bürger/ Theodor Heinrich Ludwig Schnorr

 

Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche Wein im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte

 Mit 25 Abbildungen nach der Ausgabe von 1803

 Mit einem Anhang der Mottos, Dedikationen, Vorworte und einer Beschreibung von Bodenwerder sowie ausgewählter Quellen

 Herausgegeben von Gerd Eversberg

 

Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung von Bürgers Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freiherrn von Münchhausen (1788) durch den Göttinger Verleger Johann Christian Dieterich brachte der Verlag Franzen und Grosse in Stendal einen Nachtrag zu den wunderbaren Reisen zu Wasser und Lande, und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt (1789) heraus.

Da beide Bücher anonym erschienen, mussten die Leser den Eindruck gewinnen, es handele sich um die Texte eines und desselben Verfassers. Wegen des großen Erfolgs des als Zweyter Theil bezeichneten Nachtrags legte der Verlag nach und veröffentlichte 1794 einen Dritten Theil und 1800 sogar einen Vierten Theil der Abentheuer des Freiherrn von Münchhausen.

Damit waren Anfang des 19. Jahrhunderts vier Bände der Wunderbare Reisen auf dem Markt, von denen die literarische Öffentlichkeit nicht wusste, dass sie von zwei Autoren stammten, denn die drei Fortsetzungen hat nicht Bürger, sondern der protestantischen Pfarrer und Publizist Heinrich Theodor Ludwig Schnorr (1760-1835) geschrieben.

1803 gab Schnorr ein weiteres Buch heraus, in dem er – wieder anonym – die Münchhausen-Erzählungen von Bürger und seine eigenen zu einer Einheit zusammenfügte: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, und/ lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen.

Dieser Band enthält im 1. Teil eine von Schnorr bearbeitete und etwas gekürzte Fassung von Bürgers Münchhausen der 2. Ausgabe von 1788; ab S. 117 folgt ein Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen Münchhausen. Durch das Layout wird der Eindruck erweckt, es handele sich um das Werk eines (anonymen) Verfassers.

Rund 40% des Textes stammt von Bürger, 60% hat Schnorr aus seinen drei Münchhausiaden hinzugefügt. Bürgers Münchausen wurde um ca. 30% gekürzt. Schnorr hat den gesamten Text bearbeitet und Motive getilgt, die im Widerspruch zu seinen eigenen Erzählungen standen.

Bei den Jagd- und Reise-Geschichten hat er die Erzählungen vom alten Schnapsgeneral und die Rettung mit dem gefrorenen Harnstrahl gestrichen sowie aus den Taten des Hühnerhundes Piel die Episode Hündin und Häsin werfen Junge und aus den Kriegstaten seines Hengstes die Vergnügungen des Hinterteils weggelassen.

Bei den Reiseabenteuern fehlt die Zweite Reise zum Mond ganz; aus der Reise nach Ceylon wurde der in die Luft geschleuderter Baum gestrichen, aus dem Abenteuer mit einem Walfisch der Hinweis auf den Kutscherbart in London und das mit Hintern gestopfte Leck. In den Weiteren Reisen und Abenteuer fehlen die Zeugung des Partisan, die Schleuder Davids und der Antrag der Kaiserin von Russland, in der Reise zum Ätna und in die Unterwelt die Zärtlichkeiten der Venus.

1810 erschienen im Verlag Peter Hammer, Köln zwei Bände, die wiederum Bürgers und Schnorrs Münchhausen-Erzählungen enthielten, diesmal aber in getrennten Ausgaben: Wunderbare Reisen, Feldzüge und lustige Abentheuer (Texte von Bürger) sowie Neue Reisen Feldzüge und lustige Abentheuer (Texte von Schnorr). Schnorr hat die Kürzungen an Bürgers Text der Ausgabe von 1803 teilweise wieder zurückgenommen. Für den in gleicher Aufmachung erschien und als als Zweyter Theil bezeichneten Band wurde der Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen Münchhausen weitgehend unverändert aus der Edition von 1808 übernommen. Von dieser Separatausgabe erschien bereits 1812 eine zweite Auflage.

 

Die Fortsetzungen und Ergänzungen Schnorrs wurden in der zeitgenössischen Rezeption als Einheit mit Bürgers Texten betrachtet, da ja der Öffentlichkeit weder die Autorschaft Bürgers noch die Schnorrs bekannt war.

Die Schnorr-Texte wurden rund fünfzig Jahre im Zusammenhang mit Bürgers Münchhausen gelesen und hatten einen unverkennbaren Einfluss auf die Münchhausiaden des 19. und auch noch des 20 Jahrhundert. Es scheint mir daher angemessen, die von Schnorr 1803 herausgegebene Ausgabe mit dem von ihm bearbeiteten Bürger-Texten und den Extrakten aus seinen eigenen drei Büchern als einen selbständigen und wirkmächtigen Textzeugen des Münchhausen-Komplexes zu betrachten. Dies ist von der bisherigen Münchhausen-Forschung übersehen worden.

Schnorr setzt fort, was Bürger bereits im Sommer 1786 mit Rudolf Erich Raspes (1736-1794) Munchausen getan hatte: Er plagiiert Bürgers Münchhausen (von dessen Autorschaft er wusste), bearbeitet und erweitert ihn zu einer facettenreichen Satire, in der er zeitgenössische Forschungsreisen, astronomische, naturkundliche und medizinische Entdeckungen und technischen Innovationen parodiert sowie massive Kritik am Buchmarkt sowie am Adel und dem Sittenverfall Ende des 18. Jahrhunderts übt. Er entwickelt das selbstironische Spiel Bürgers mit der Renommiersucht und ihre Parodie ins Lächerliche fort und führt die von Raspe und Bürger entwickelte Erzähltechnik weiter. In seiner fiktiven Biographie des Freiherrn von Münchhausen parodiert er Rousseaus Idee von der Vervollkommnung des Menschen durch Edukation und die Frage nach dem Zusammenhang von Freiheit, Glück und Identität.

Die folgende Neuausgabe des von Schnorr bearbeiteten Münchhausen besteht aus einem kritisch edierten Text der Ausgabe von 1803 einschließlich der 25 im Text integrierten Kupferstiche.

 

 

 

Wunderbare

Reisen

zu Wasser und zu Lande,

und

lustige Abentheuer

des

Freyherrn von Münchhausen,

wie er dieselben bei der Flasche Wein im Zirkel

seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte.

Neueste Auflage mit 25 Kupfern.

Berlin,

in der neuen Buchhandlung.

1803.|

 

 

Glaubts nur, ihr gravitätischen Herrn!

Gescheite Leute narrieren auch gern.|

 

Transkription des Exemplars der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main

Der in Fraktur gesetzte Text wurde – ohne das Inhaltsverzeichnis – zeichengetreu transkribiert; das  lange s („ſ“) am Wortanfang und im Wort wurde durch das runde s („s“) ersetzt. Die Rechtschreibung wurde bei Wahrung des Lautstandes, der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Groß- und Kleinschreibung den modernen Regeln angepasst. Geminationsstriche über m und n wurden aufgelöst, offensichtliche Druckfehler wie falsch positionierte Lettern im Bleisatz stillschweigend berichtigt und fehlende Anführungszeichen ergänzt.

 

Uneinheitliche Schreibweisen wurden vereinheitlicht

 

  darfür dafür
  darmit damit
  darzu dazu
  darzwischen dazwischen
  darvon davon
  kömmt kommt
  mögten möchten

 

|           Seitentrenner

 

Des

Freiherrn von Münchhausen

eigene

Erzählung.

 

Ich trat meine Reise nach Russland von Haus aus mitten im Winter an, weil ich ganz richtig schloss, dass Frost und Schnee die Wege durch die nördlichen Gegenden von Deutschland, Polen, Kurland und Livland, welche sonst sehr elend waren, ohne besondere Kosten hochpreislicher Landesregierungen, ausbessern müsste. Ich reisete zu Pferde, welches, wen es sonst nur gut um Gaul und Reiter steht, die bequemste Art zu reisen ist. Denn man läuft|[2] alsdann nicht Gefahr weder mit irgend einem höflichen Postmeister Verdruss zu bekommen, noch von seinem durstigen Postillion vor jede Schenke geschleppt zu werden. Ich war nur leicht bekleidet, welches ich ziemlich übel empfand, je weiter ich gegen Nordost hin kam.

Nun kann man sich einbilden, wie bei so strengem Wetter, unter dem rauesten Himmelsstriche, einem armen alten Manne zu Mute sein musste, der in Polen auf einem öden Anger, über den der Nordost hinschnitt, hilflos und schaudernd da lag, und kaum hatte, womit er seine Blöße bedecken konnte.

Der arme Teufel dauerte mich von ganzer Seele. Ob mir gleich selbst das Herz im Leibe fror, so warf ich dennoch meinen Reisemantel über ihn her. Ich ritt weiter bis Nacht und Dunkelheit mich überfielen. Nirgends war ein Dorf zu hören, noch zu sehen. Das ganze Land lag unter Schnee; und ich wusste weder Weg noch Steg.

Des Reitens müde, stieg ich endlich ab, und band mein Pferd an eine Art von spitzem Baumstacken, der über dem Schnee hervorragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pi|[3]stolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder, und tat ein so gesundes Schläfchen, dass mir die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es heller, lichter Tag war. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, dass ich mitten in einem Dorfe auf dem Kirchhofe lag! Mein Pferd war anfänglich nirgends zu sehen; doch hörte ichs bald darauf irgend wo über mir wiehern. Als ich nun empor sah, so wurde ich gewahr, dass es an den Wetterhahnen des Kirchturmes gebunden war, und von da herunter hing. Nun wusste ich sogleich, wie ich dran war. Das Dorf war nämlich die Nacht über ganz zugeschneiet gewesen; das Wetter hatte sich aus einmal umgesetzt; ich war im Schlafe nach und nach, so wie der Schnee zusammen schmolz, ganz sanft herabgesunken; und was ich in der Dunkelheit für den Gipfel eines Bäumchens, der über dem Schnee hervorragte, gehalten, und daran mein Pferd gebunden hatte, das war das Kreuz oder der Wetterhahn des Kirchturmes gewesen.

Ohne mich nun lange zu bedenken, nahm ich eine von meinen Pistolen, schoss nach dem|[4] Halfter, kam glücklich auf diese Art wieder an mein Pferd, und verfolgte meine Reise.

 

 

Hierauf ging Alles gut, bis ich nach Russland kam, wo es eben nicht Mode ist, des Winters zu Pferde zu reisen. Wie es nun immer meine Maxime ist, mich nach dem bekannten: Ländlich-sittlich, zu richten, so nahm ich dort einen kleinen Rennschlitten auf ein einzelnes Pferd, und fuhr wohlgemut auf St. Petersburg los. Nun weiß ich nicht mehr recht, ob es in Estland oder in Ingermanland war, so viel aber besinne ich mich noch wohl, es war mitten in einem fürchterlichen Walde, als ich|[5] einen entsetzlichen Wolf, mit aller Schnelligkeit des gefräßigsten Winterhungers, hinter mir ansetzen sah. Er holte mich bald ein, und es war schlechterdings unmöglich, ihm zu entkommen. Mechanisch legte ich mich platt in den Schlitten nieder, und ließ mein Pferd zu unserm beiderseitigen Besten ganz allein handeln. Was ich zwar vermutete, aber kaum zu hoffen und zu erwarten wagte, das geschah gleich nachher. Der Wolf bekümmerte sich nicht im mindesten um meine Wenigkeit, sondern sprang über mich hinweg, fiel wütend auf das Pferd, riss ab und verschlang auf einmal den ganzen Hinterteil des armen Tieres, welches vor Schrecken und Schmerzen nur desto schneller lief. Wie ich nun auf diese Art selbst so unbemerkt und gut davon gekommen war, so erhob ich ganz verstohlen mein Gesicht und nahm mit Entsetzen wahr, dass der Wolf sich beinahe über und über in das Pferd hineingefressen hatte. Kaum aber hatte er sich so hübsch hineingezwängte, so nahm ich mein Tempo wahr, und fiel ihm tüchtig mit meiner Peitsche auf das Fell. Solch ein unerwarteter Überfall in diesem Futteral verursachte ihm keinen geringen Schrecken; er strebte mit aller Macht|[6] vorwärts; der Leichnam des Pferdes fiel zu Boden, und sieh! an seiner Statt steckte mein Wolf in dem Geschirre. Ich meines Orts hörte nun noch weniger auf zu peitschen, und wir langten in vollem Galopp gesund und wohlbehalten in St. Petersburg an, ganz gegen unsere beiderseitige respektive Erwartungen, und zu nicht geringem Erstaunen aller Zuschauer.

Da es einige Zeit dauerte, ehe ich bei der Armee angestellt werden konnte, so hatte ich ein Paar Monate lang vollkommene Muße und Freiheit, meine Zeit sowohl, als auch mein Geld auf die adelichste Art von per Welt zu verjunkerieren. Manche Nacht wurde beim Spiele zugebracht, und viele bei dem Klange voller Gläser. Die Kälte des Landes und die Sitten der Nation haben der Bouteille unter den gesellschaftlichen Unterhaltungen in Russland einen viel höhern Rang angewiesen, als in unserm nüchternen Deutschlande; und ich habe daher dort häufig Leute gefunden, die in der edeln Kunst zu trinken für wahre Virtuosen gelten konnten.

Ich übergehe manche lustige Auftritte, die wir bei dergleichen Gelegenheiten hatten, weil ich Ihnen noch verschiedene Jagdgeschichten zu|[7] erzählen gedenke, die mir merkwürdiger und unterhaltender scheinen. Sie können sich leicht vorstellen, meine Herren, dass ich mich immer vorzüglich zu solchen wackern Kumpanen hielt, welche ein offenes unbeschränktes Waldrevier gehörig zu schätzen wussten. Sowohl die Abwechselung des Zeitvertreibes, welchen dieses mir darbot, als auch das außerordentliche Glück, womit mir jeder Streich gelang, gereichen mir noch immer zur angenehmsten Erinnerung.

Eines Morgens sah ich durch das Fenster meines Schlafgemachs, dass ein großer Teich, der nicht weit davon lag, mit wilden Enten gleichsam überdeckt war. Flugs nahm ich mein Gewehr aus dem Winkel, sprang zur Treppe hinab, und das so über Hals und Kopf, dass ich unvorsichtiger Weise mit dem Gesichte gegen die Türpfoste rannte. Feuer und Funken stoben mir aus den Augen; aber das hielt mich keinen Augenblick zurück. Ich kam bald zum Schusse; allein, wie ich anlegte, wurde ich zu meinem Verdruss gewahr, dass durch den so eben empfangenen heftigen Stoß sogar der Stein von dem Flintenhahne abgesprungen war. Was sollte ich nun tun? Denn Zeit war hier nicht zu verlieren.|[8] Glücklicher Weise fiel mir ein, was sich so eben mit meinen Augen zugetragen hatte. Ich riss also die Pfanne auf, legte mein Gewehr gegen das wilde Geflügel an, und ballte die Faust gegen eines von meinen Augen. Von einem derben Schlage flogen wieder Funken genug heraus, der Schuss ging los, und ich traf fünf Paar Enten, vier Rothälse, und ein Paar Wasserhühner. Gegenwart des Geistes ist die Seele mannhafter Taten. Wenn Soldaten und Seeleute öfters dadurch glücklich davon kommen, so dankt der Weidmann gleichfalls ihr nicht seltener sein gutes Glück.

So schwammen einst auf einem Landsee, an welchen ich auf einer Jagdstreiferei geriet, einige Dutzend wilder Enten allzu weit von einander zerstreut umher, als dass ich mehr denn eine einzige auf einen Schuss zu erlegen hoffen konnte; und zum Unglück hatte ich meinen letzten Schuss schon in der Flinte. Gleichwohl hätte ich sie gern alle gehabt, weil ich nächstens eine ganze Menge guter Freunde und Bekannten bei mir zu bewirten Willens war. Da besann ich mich auf ein Stückchen Schinkenspeck, welches von meinem mitgenommenen Mundvorrat in|[9] meiner Jagdtasche noch übrig geblieben war. Dieses befestigte ich an eine ziemlich lange Hundeschnur, die ich aufdrehete, und so wenigstens noch um viermal verlängerte. Nun verbarg ich mich im Schilfgesträuche am Ufer, warf meinen Speckbrocken aus, und hatte das Vergnügen zu sehen, wie die nächste Ente hurtig herbeischwamm und ihn verschlang. Der ersten folgten bald alle übrige nach; und da der glatte Brocken am Faden gar bald unverdauet hinten wieder herauskam, so verschlang ihn die nächste, und so immer weiter. Kurz der Brocken machte die Reise durch alle Enten samt und sonders hindurch, ohne von seiner Schnur loszureißen. So saßen sie dann alle daran, wie Perlen an einem Faden. Ich zog sie gar allerliebst ans Land, schlang mir die Schnur ein halbes Dutzendmal um Schultern und Leib, und ging meines Weges nach Hause zu. Da ich noch eine ziemliche Strecke davon entfernt war, und mir die Last von einer solchen Menge Enten ziemlich beschwerlich fiel, so wollte es mir fast Leid tun, ihrer allzu viele eingefangen zu haben. Da kam mir aber ein seltsamer Vorfall zu Statten, der mich Anfangs in nicht geringe Verlegenheit setzte. Die|[10] Enten waren nämlich noch alle lebendig, fingen, als sie von der ersten Bestürzung sich erholt hatten, gar mächtig an mit den Flügeln zu schlagen, und sich mit mir hoch in die Luft zu erheben. Nun wäre bei Manchem wohl guter Rat teuer gewesen. Allein, ich benutzte diesen Umstand, so gut ich konnte, zu meinem Vorteile, und ruderte mich mit meinen Rockschößen nach der Gegend meiner Behausung durch die Luft. Als ich nun gerade über meiner Wohnung angelanget war, und es darauf ankam, ohne Schaden mich herunter zu lassen, so drückte ich einer Ente nach der andern den Kopf ein, sank dadurch ganz sanft und allmählig gerade durch den Schornstein meines Hauses mitten auf den Küchenherd, auf welchem zum Glück noch kein Feuer angezündet war, zu nicht geringem Schrecken und Erstaunen meines Koches.

Einen ähnlichen Vorfall hatte ich einmal mit einer Kette Hühner. Ich war ausgegangen, um eine neue Flinte zu probieren, und hatte meinen kleinen Vorrat von Hagel ganz und gar verschossen, als wider alles Vermuten vor meinen Füßen eine Flucht Hühner aufstieg. Der Wunsch, Einige derselben Abends auf meinem|[11] Tische zu sehen, brachte mich auf einen Einfall, von dem sie, meine Herren, auf mein Wort im Falle der Not Gebrauch machen können. Sobald ich gesehen hatte, wo sich die Hühner niederließen, lud ich hurtig mein Gewehr, und setzte statt des Schrotes den Ladstock auf, den ich, so gut sich’s in der Eile tun ließ, an dem obern Ende etwas zuspitzte. Nun ging ich auf die Hühner zu, drückte, so wie sie aufflogen, ab, und hatte das Vergnügen zu sehen, dass mein Ladstock mit sieben Stücken, die sich wohl wundern mochten, so früh am Spieße vereinigt zu werden, in einiger Entfernung allmählig herunter sank. – Wie gesagt, man muss sich nur in der Welt zu helfen wissen.

Ein anderes Mal stieß mir in einem ansehnlichen Walde von Russland ein wunderschöner schwarzer Fuchs auf. Es wäre Jammerschade gewesen, seinen kostbaren Pelz mit einer Kugel, oder gar mit einem Schrotschusse zu durchlöchern. Herr Reineke stand dicht bei einem Baume. Augenblicklich zog ich meine Kugel aus dem Laufe, und dafür einen tüchtigen Brettnagel in mein Gewehr, feuerte, und traf so künstlich, dass ich seinen Schweif, nach Weidmannssprache, seine|[12] Rute oder Lunte fest an den Baum nagelte. Nun ging ich ruhig zu ihm hin, nahm mein Weidmesser, gab ihm einen Kreuzschritt übers Gesicht, griff nach meiner Peitsche, und karbatschte ihm so artig aus seinem schönen Pelze heraus, dass es eine wahre Lust und ein rechtes Wunder zu sehen war.

Zufall und gutes Glück machen oft manchen Fehler wieder gut. Davon erlebte ich bald nach diesem ein Beispiel, als ich mitten im tiefsten Walde einen wilden Frischling und eine Bache dicht hinter einander hertraben sah. Meine Kugel hatte gefehlt. Gleichwohl lief der Frischling vorn ganz allein weg, und die Bache blieb stehen, ohne Bewegung, als ob sie an den Boden fest genagelt gewesen wäre. Wie ich das Ding naher untersuchte, so fand ich, dass es eine blinde Bache war, die ihres Frischlings Schwänzlein im Rachen hielt, um von ihm aus kindlicher Pflicht weiter geleitet zu werden. Da nun meine Kugel zwischen Beiden hindurch gefahren war, so hatte sie diesen Leitzaum zerrissen, wovon die alte Bache das eine Ende noch immer kauete. Da nun ihr Leiter sie nicht weiter vorwärts gezogen hatte, so war sie stehen geblieben. Ich|[13] ergriff daher das übriggebliebene Endchen von des Frischlings Schwanze, und leitete daran das alte hilflose Tier ganz ohne Mühe und Widerstand nach Hause.

So fürchterlich diese wilden Bachen oft sind, so sind die Keiler doch weit grausamer und gefährlicher. Ich traf einst einen im Walde an, als ich unglücklicher Weise weder auf Angriff noch Verteidigung gefasst war. Mit genauer Not konnte ich noch hinter einen Baum schlüpfen, als die wütende Bestie aus Leibeskräften einen Seitenhieb nach mir tat. Dafür fuhren aber auch seine Hauer dergestalt in den Baum hinein, dass er weder im Stande war, sie sogleich wieder heraus zu ziehen, noch den Hieb zu wiederholen. – „Ha ha! dachte ich, nun wollen wir dich bald kriegen!“ – Flugs nahm ich einen Stein, hämmerte noch vollends damit drauf los, und nietete seine Hauer dergestalt um, dass er ganz und gar nicht wieder loskommen konnte. So musste er sich dann nun gedulden, bis ich vom nächsten Dorfe Karren und Stricke herbeigeholet hatte, um ihn lebendig und wohlbehalten nach Hause zu schaffen, welches auch ganz vortrefflich von Statten ging,|[14]

Einst, als ich alles mein Blei verschossen hatte , stieß mir, ganz wider mein Vermuten, der stattlichste Hirsch von der Welt auf. Er blickte mir so, mir nichts, dir nichts, ins Auge, als ob ers auswendig gewusst hätte, dass mein Kugelnbeutel leer war. Augenblicklich lud ich indessen meine Flinte mit Pulver und darüber her eine ganze Hand voll Kirschsteine, wovon ich, so hurtig sich es tun ließ, das Fleisch abgezogen hatte. Und so gab ich ihm die volle Ladung mitten auf seine Stirn zwischen das Geweihe. Der Schuss betäubte ihn zwar – er taumelte – machte sich aber doch aus dem Staube. Ein oder zwei Jahre darnach war ich in eben demselben Walde auf der Jagd; und sieh! zum Vorschein kam ein stattlicher Hirsch, mit einem vollausgewachsenen Kirschbaume, mehr als zehn Fuß hoch, zwischen seinem Geweihe. Mir fiel gleich mein voriges Abenteuer wieder ein; ich betrachtete den Hirsch als mein längst wohl erworbenes Eigentum, und legte ihn mit einem Schusse zu Boden, wodurch ich dann auf einmal zu Braten und Kirschtunke zugleich kam. Denn der Baum hing reichlich voll Früchte, die ich in meinem ganzen Leben so delikat nicht|[15] gegessen hatte. Wie sich nun aber aus meinen abgeschossenen Kirschkernen der herrliche Kirschbaum auf dem Kopfe des Hirschens entwickelt habe, lasse ich der Entscheidung jener hochweisen Herren über, welche selbst die unleugbarste Wunder aus ganz natürlichen Quellen so zuverlässig herzuleiten wissen, als wenn sie die ersten Konferenzräte der schöpferischen Mutter Natur wären.

 

 

Eben von diesen hochweisen Herren wünschte ich belehrt zu werden, warum die wildesten und gefährlichsten Bestien mich gerade alsdann angriffen, wenn ich außer Stande war, ihnen|[16] die Spitze zu bieten; gleichsam als ob ihnen der Instinkt meine Wehrlosigkeit verraten hätte. So schoss mir einst unversehens ein fürchterlicher Wolf so nahe auf den Leib, dass mir Nichts weiter übrig blieb, als ihm, dem mechanischen Instinkt zufolge, meine Faust in den offenen Rachen zu stoßen. Gerade meiner Sicherheit wegen stieß ich immer weiter und weiter, und brachte meinen Arm beinahe bis an die Schulter hinein. Was war aber nun zu tun? – Ich kann eben nicht sagen, dass mir diese unbehilfliche Situation sonderlich anstand. – Man denke nur, Stirn gegen Stirn mit einem Wolfe! – Wir äugelten uns eben nicht gar lieblich an. Hatte ich meinen Arm zurückgezogen, so wäre mir die Bestie nur desto wütender zu Leibe gesprungen. So Viel ließ sich klar und deutlich aus seinen flammenden Augen herausbuchstabieren. Kurz, ich packte ihn beim Eingeweide, kehrte sein Äußeres zu innerst, wie einen Handschuh, um, schleuderte ihn zu Boden, und ließ ihn da liegen.|[17]

 

 

Dies Stückchen hätte ich nun wieder nicht an einem tollen Hunde versuchen mögen, weicher bald darauf in einem Gässchen zu St. Peterburg gegen mich anlief. „Lauf, was du kannst!“ dachte ich. Um desto besser fortzukommen, warf ich meinen Überrock ab, und rettete mich geschwind ins Haus. Den Rock ließ ich hernach durch meinen Bedienten hereinholen, und zu den andern Kleidern in die Garderobe hängen. Tages darauf geriet ich in ein gewaltiges Schrecken durch meines Johann Geschrei: „Herr Gott, Herr Baron – ihr Überrock ist toll! Ich sprang|[18] hurtig zu ihm hinauf, und fand alle meine Kleider umher gezerret und zu Stücken zerrissen. Der Kerl hatte es auf ein Haar getroffen, dass der Überrock toll sei. Ich kam gerade noch selbst dazu, wie er über ein schönes neues Galakleid herfiel, und es auf eine gar unbarmherzige Weise zerschüttelte und umherzauste.

In allen diesen Fällen, meine Herren, wo ich freilich immer glücklich, aber doch nur immer mit genauer Not davon kam, half mir, wie ich glaube, das Ohngefähr, welches ich durch Tapferkeit und Gegenwart des Geistes zu meinem Vorteile lenkte. Alles zusammen genommen macht, wie Jedermann weiß, den glücklichen Jäger, Seemann und Soldaten aus. Der aber würde ein sehr unvorsichtiger, tadelnswerter Weidmann, Admiral und General sein, der sich überall nur auf das Ohngefähr, oder sein Gestirn verlassen wollte, ohne sich weder um die besonders erforderlichen Kunstfertigkeiten zu bekümmern, noch sich mit denjenigen Werkzeugen zu versehen, die den guten Erfolg sichern. Ein solcher Tadel trifft mich keinesweges. Denn ich bin immer berühmt gewesen, sowohl wegen der Vortrefflichkeit meiner Pferde, Hunde und Ge|[19]wehre, als auch wegen der besondern Art, das Alles zu handhaben; so, dass ich mich wohl rühmen kann, in Forst, Wiese und Feld meines Namens Gedächtnis hinlänglich gestiftet zu haben. Ich will mich nun zwar nicht auf Partikularitäten von meinen Pferden und Hundeställen, oder meiner Gewehrkammer einlassen, wie Stall- Jagd- und Hunde-Junker sonst wohl zu tun pflegen; aber Zwei von meinen Hunden zeichneten sich so sehr in meinen Diensten aus, dass ich sie nie vergessen kann, und ihrer bei dieser Gelegenheit mit Wenigem erwähnen muss. Der Eine war ein Hühnerhund, so unermüdet, so aufmerksam, so vorsichtig, dass Jeder, der ihn sah, mich darum beneidete. Tag und Nacht konnte ich ihn gebrauchen: wurde es Nacht, so hing ich ihm eine Laterne an den Schwanz, und nun jagte ich so gut, oder noch besser mit ihm als am Hellen Tage.

Einst bezeugten meine Freunde Lust auf die Jagd zu gehen. Ich ritt voran, um Etwas aufzusuchen, und es dauerte nicht lange, so stand mein Hund vor einer Kette von einigen hundert Hühnern. Ich warte immer und immer auf meine Freunde, die gleich nach mir weggeritten waren;|[20] Niemand aber war zu sehen und zu hören. Endlich werde ich unruhig, kehre um, und ungefähr auf der Hälfte des Weges höre ich ein äußerst klägliches Winseln. Es schien mir ziemlich nahe zu sein, und doch war weit und breit keine lebendige Seele zu erblicken. Ich stieg ab, legte mein Ohr auf den Boden, und nun hörte ich nicht nur, dass dies Jammern unter der Erde war, sondern erkannte auch ganz deutlich die Stimme meiner Freunde. Zugleich sah ich auch, dass nicht weit von mir die Öffnung einer Steinkohlengrube war, und es blieb mir nun leider kein Zweifel mehr, dass meine arme Begleiter da hineingestürzt waren. Ich eilte in voller Karriere nach dem nächsten Dorfe, um die Grubenleute zu holen, die endlich, nach langer höchst mühseliger Arbeit, die Verunglückten aus einem neunzig Klafter tiefen Schacht zu Tage förderten. Das Wunderbarste bei der ganzen Sache war, dass Menschen und Pferde bei diesem ungeheuren Sturze, einige Quetschungen abgerechnet, fast gar nicht beschädigt waren; desto mehr aber hatten sie durch die unaussprechliche Angst gelitten. An eine Jagd war nun, wie Sie sich leicht vorstellen können, nicht mehr zu denken, und da|[21] Sie, wie Ich fast vermute, meinen Hund während dieser Erzählung vergessen haben, so werden Sie mir es nicht übel nehmen, dass auch ich nicht mehr an ihn dachte. Mein Dienst nötigte mich, gleich den andern Morgen eine Reise anzutreten, von der ich erst nach vierzehn Tagen zurückkam. Ich war kaum einige Stunden wieder zu Hause, als ich meine Diane vermisste. Niemand hatte sich um sie bekümmert: meine Leute hatten sämtlich geglaubt, sie wäre mit mir gelaufen; und nun war sie zu meinem großen Leidwesen nirgends zu finden. – Endlich kam mir der Gedanke: sollte der Hund wohl gar noch bei den Hühnern sein? Hoffnung und Furcht jagten mich augenblicklich nach der Gegend hin; und, sieh da! zu meiner unsäglichen Freude stand mein Hund noch auf derselben Stelle, wo ich ihn vor vierzehn Tagen verlassen hatte. Piel, rief ich, und sogleich, sprang er ein, und ich bekam auf einen Schuss fünf und zwanzig Hühner. Kaum aber konnte das arme Tier noch zu mir ankriechen, so ausgehungert und abgemattet war es. Um ihn mit mir nach Hause bringen zu können, musste ich ihn auf mein Pferd nehmen, und Sie können leicht denken, dass ich|[22] mich mit der größten Freude dieser Unbequemlichkeit unterzog. Nach einer guten Pflege von wenigen Tagen war er wieder so frisch und munter als zuvor, und einige Wochen darauf machte er mir es möglich ein Rätsel aufzulösen, das mir ohne ihn wahrscheinlich ewig ungelöset hätte bleiben müssen.

Ich jagte nämlich zwei ganzer Tage hinter einem Hasen her. Mein Hund brachte ihn immer wieder herum, aber nie konnte ich zum Schüsse kommen. – An Hexerei zu glauben ist meine Sache nie gewesen, dazu habe ich zu außerordentliche Dinge erlebt; allein, hier war ich doch mit meinen fünf Sinnen am Ende. – Endlich kam mir aber doch der Hase so nahe, dass ich ihn mit meinem Gewehr erreichen konnte. Er stürzte nieder; und was meinen Sie, was ich nun fand? – Vier Läufe hatte mein Hase unter dem Leibe und viere auf dem Rücken. Waren die zwei untern Paare müde, so warf er sich wie ein geschickter Schwimmer, der auf Bauch und Rücken schwimmen kann, herum, und nun ging es auf den beiden neuen wieder mit verstärkter Geschwindigkeit fort. Nie habe ich nachher einen Hasen von der Art gefunden; und auch|[23] diesen würde ich nicht bekommen haben, wenn mein Hund nicht so ungemeine Vollkommenheiten gehabt hätte. Dieser aber Übertraf sein ganzes Geschlecht so sehr, dass ich kein Bedenken tragen würde, ihm den Beinamen des Einzigen beizulegen, wenn nicht ein Windspiel, das ich hatte, ihm diese Ehre streitig machte. Das Tierchen war minder wegen seiner Gestalt, als wegen seiner außerordentlichen Schnelligkeit merkwürdig. Hätten die Herren es gesehen, so würden sie es gewiss bewundert, und sich gar nicht verwundert haben, dass ich es so lieb hatte, und so oft mit ihm jagte. Es lief so schnell, so oft und so lange in meinem Dienste, dass es sich die Beine ganz bis dicht unterm Leibe weglief, und ich es in seiner letzten Lebenszeit nur noch als Dachssucher gebrauchen konnte, in welcher Qualität es mir dann ebenfalls noch manches liebe Jahr diente.

Ich gedenke dieses wunderbaren Hündchens mit eben dem Vergnügen, als eines vortrefflichen litauischen Pferdes, welches nicht mit Gelde zu bezahlen war. Dies bekam ich durch ein Ohngefähr, welches mir Gelegenheit gab, meine Reitkunst zu meinem nicht geringen Ruhme zu zeigen.|[24] Ich war nämlich einst auf dem prächtigen Landsitze des Grafen Przobofsky in Litauen, und blieb im Staatszimmer bei den Damen zum Tee, indessen die Herren hinunter in den Hof gingen, um ein junges Pferd vom Geblüte zu besehen, welches so eben aus der Stuterei angelangt war. Plötzlich hörten wir einen Notschrei. – Ich eilte die Treppe hinab, und fand das Pferd so wild und unbändig, dass Niemand sich getrauete sich ihm zu nähern, oder es zu besteigen. Bestürzt und verwirrt standen die entschlossensten Reiter da; Angst und Besorgnis schwebte auf allen Gesichtern, als ich mit einem einzigen Sprunge auf seinem Rücken saß, und das Pferd durch diese Überraschung nicht nur in Schrecken setzte, sondern es auch durch Anwendung meiner besten Reitkünste gänzlich zur Ruhe und zum Gehorsam brachte.|[25]

 

 

Um die den Damen noch besser zu zeigen, und ihnen alle unnötige Besorgnis zu ersparen, so zwang ich den Gaul, durch eins der offenen Fenster des Teezimmers mit mir hineinzusetzen. Hier ritt ich nun verschiedene Male, bald Schritt, bald Trott, halb Galopp herum, setzte endlich sogar auf den Teetisch, und machte da im Kleinen überaus artig die ganze Schule durch; worüber sich dann die Damen ganz ausnehmend ergötzten. Mein Rösschen machte Alles so bewundernswürdig geschickt, dass es weder Kannen noch Tassen zerbrach. Dies setzte mich bei den Damen und dem Herrn Grafen so hoch in Gunst,|[26] dass er mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit mich bat, das junge Pferd zum Geschenke von ihm anzunehmen, und auf selbigem in dem Feldzuge gegen die Türken, welcher in kurzem unter Anführung des Grafen Münnich eröffnet werden sollte, auf Sieg und Eroberung auszureiten.

Ein angenehmeres Geschenk hätte mir nun wohl nicht leicht gemacht werden können, besonders da es mir so viel Gutes von einem Feldzuge weissagte, in welchem ich mein erstes Probestück als Soldat ablegen wollte. Ein Pferd, so gefügig, so mutvoll und feurig – Lamm und Buzephal zugleich – musste mich allezeit an die Pflichten eines braven Soldaten, und an die erstaunlichen Taten erinnern, welche der junge Alexander im Felde verrichtet hatte.

Ich mache keinen besondern Anspruch an die Ehre von unsern größern Affären mit dem Feinde. Wir taten insgesamt unsre Schuldigkeit, welches in der Sprache des Patrioten, des Soldaten, und kurz des braven Mannes ein sehr Viel umfassende Ausdruck, ein Ausdruck von sehr wichtigem Inhalt und Belang ist, obgleich der große Haufen müßiger Kannengießer sich nur einen sehr geringen und ärmlichen Begriff davon ma|[27]chen mag. Da ich indessen ein Korps Husaren unter meinem Kommando hatte, so ging ich auf verschiedene Expeditionen aus, wo das Verhalten meiner eigenen Klugheit und Tapferkeit überlassen war. Den Erfolg hiervon, denke ich dann doch, kann ich mit gutem Fug auf meine eigene und die Rechnung derjenigen braven Gefährten schreiben, die ich zu Siegen und Eroberungen führte.

Einst, als wir die Türken in Okzakow hineintrieben, gings bei der Avantgarde sehr heiß her. Mein feuriger Litauer hätte mich beinahe in des Teufels Küche gebracht. Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anrücken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht gänzlich in Ungewissheit blieb. Mich in eine ähnliche Wolke von Staub einzuhüllen wäre freilich wohl ein Alltagspfiff gewesen, würde mich aber eben so wenig klüger gemacht, als überhaupt der Absicht näher gebracht haben, warum ich vorausgeschickt war. Ich ließ daher meine Flanqueurs zur Linken und Rechten auf beiden Flügeln sich zerstreuen, und so viel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn näher|[28] in Augenschein zu nehmen. Dies gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinen Flanqueurs ihn in Unordnung zurücktrieb. Nun wars Zeit tapfer über ihn herzufallen. Wir zerstreueten ihn völlig, richteten eine gewaltige Niederlage an, und trieben ihn nicht allein in seine Festung zu Loche, sondern auch durch und durch, ganz über und wider unsre blutgierigste Erwartung.

Weil nun mein Litauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, dass der Feind so hübsch zum gegenseitigen Tore wieder hinausfloh, so hielt ichs für ratsam, auf dem Marktplatze anzuhalten, und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an; aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter, noch irgend eine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. – „Sprengen sie etwa durch andere Straßen? oder was ist aus ihnen geworden?“, – dachte ich. Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern sein, und mussten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen atemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze, und ließ ihn|[29] trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißdurste, der gar nicht zu löschen war. Allein, das ging ganz natürlich zu. Denn als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint Ihr wohl, Ihr Herren, was ich da erblickte? – Der ganze Hinterteil des armen Tieres, Kreuz und Lenden waren fort, und wie rein abgeschnitten. So lief dann hinten das Wasser eben so wieder heraus, als es vorn hineingekommen war, ohne dass es dem Gaul zu gute kam, oder ihn erfrischte.

 

 

Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein völliges Rätsel, bis endlich mein Reitknecht|[30] von einer ganz entgegengesetzten Seite angejagt kam, und, unter einem Strome von treuherzigen Glückwünschen und kräftigen Flüchen, mir Folgendes zu vernehmen gab. Als ich, vermischt mit dem fliehenden Feinde, hereingedrungen wäre, hätte man plötzlich das Schutzgatter fallen lassen, und dadurch wäre der Hinterteil meines Pferdes rein abgeschlagen worden. Erst hätte besagter Hinterteil meines Pferdes unter den Feinden, die ganz blind und taub gegen das Tor angestürzet wären, durch beständiges Ausschlagen die fürchterlichste Verheerung angerichtet, und dann wäre er siegreich nach einer nahe gelegenen Weide hingewandert, wo ich ihn wahrscheinlich noch finden würde. Ich drehete sogleich um, und in einem unbegreiflich schnellen Galopp brachte mich die Hälfte meines Pferdes, die mir noch übrig war, nach der Weide hin. Zu meiner großen Freude fand ich hier die andere Hälfte gegenwärtig, und zu meiner noch größeren Verwunderung sah ich dieselbe mit einer solchen Heftigkeit noch immer hinten ausschlagen, dass ganze Wolken Staub und Feuer davon aufflogen.|[31]

Da ich so unwidersprechliche Beweise hatte, in beiden Hälften meines Pferdes Leben sei, so ließ ich sogleich unsern Kurschmid rufen. Dieser heftete, ohne sich lange zu besinnen, beide Teile mit jungen Lorbeersprösslingen, die gerade bei der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte glücklich zu; und es begab sich Etwas, dass nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. Nämlich, die Sprossen schlugen Wurzel in seinem Leibe, wuchsen empor und wölbten eine Laube über mir, so dass ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeern tun konnte.

Einer andern kleinen Ungelegenheit von dieser Affäre will ich nur beiläufig erwähnen. Ich hatte so heftig, so lange, so unermüdet auf den Feind losgehauen, dass mein Arm dadurch endlich in eine unwillkürliche Bewegung des Hauens geraten war, als der Feind schon längst über alle Berge war. Um mich nun nicht selbst, oder meine Leute, die mir zu nahe kamen, für Nichts und wieder Nichts zu prügeln, sah ich mich genötigt, meinen Arm an die acht Tage lang eben so gut in der Binde zu tragen, als ob er mir halb abgehauen gewesen wäre.|[32]

Einem Manne, meine Herren, der einen Gaul, wie mein Litauer war, zu reiten vermochte, können Sie auch wohl noch ein anderes Voltigier- und Reiterstückchen zutrauen, welches außerdem vielleicht ein wenig fabelhaft klingen möchte. Wir belagerten nämlich, ich weiß nicht mehr welche, Stadt, und dem Feldmarschall war ganz erstaunlich Viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung stünden. Es schien äußerst schwer, ja fast unmöglich durch alle Vorposten, Wachen und Festungswerke hinein zu gelangen, auch war eben kein tüchtiges Subjekt vorhanden, wodurch man so Etwas glücklich auszurichten hätte hoffen können. Vor Mut und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch, stellte ich mich neben eine der größten Kanonen, die so eben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui auf die Kugel, in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen. Als ich aber Halbweges durch die Luft geritten war, stiegen mir allerlei nicht unerhebliche Bedenklichkeiten zu Kopfe. „Hum, dachte ich, hinein kommst du nun wohl, allein wie hernach sogleich wieder heraus? Und wie kanns dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als einen Spion|[33] erkennen, und an den nächsten Galgen hangen. Ein solches Bette der Ehren wollte ich mir dann doch wohl verbitten.“ Nach diesen und ähnlichen Betrachtungen entschloss ich mich kurz, nahm die glückliche Gelegenheit wahr, als eine Kanonenkugel aus der Festung einige Schritte weit vor wir vorüber nach unserm Lager flog, sprang von der meinigen auf diese hinüber, und kam, zwar unverrichteter Sache, jedoch wohlbehalten bei den lieben Unsrigen wieder an.

 

 

So leicht und fertig ich im Springen war, so war es auch mein Pferd. Weder Graben|[34] noch hoch Zäune hielten mich jemals ab, überall den geradesten Weg zu reiten. Einst setzte ich darauf hinter einem Hasen her, der querfeldein über die Heerstraße lief. Eine Kutsche mit zwei schönen Damen fuhr diesen Weg gerade zwischen mir und dem Hasen vorbei. Mein Gaul setzte so schnell und ohne Anstoß mitten durch die Kutsche hindurch, wovon die Fenster aufgezogen waren, dass ich kaum Zeit hatte, meinen Hut abzuziehen, und die Damen wegen dieser Freiheit untertänigst um Verzeihung zu bitten.

Ein anderes Mal wollte ich über einen Morast setzen. der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größern Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz, und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meint Kniee schloss, wieder herausgezogen hätte.|[35]

Trotz aller meiner Tapferkeit und Klugheit, meiner und meines Pferdes Schnelligkeit, Gewandtheit und Stärke, gings mir in dem Türkenkriege doch nicht immer nach Wunsche. Ich hatte sogar das Unglück, durch die Menge übermannt und zum Kriegsgefangenen gemacht zu werden. Ja, was noch schlimmer war, aber doch immer unter den Türken gewöhnlich ist, ich wurde zum Sklaven verkauft. In diesem Stande der Demütigung war mein Tagewerk nicht sowohl hart und sauer, als vielmehr seltsam und verdrießlich. Ich musste nämlich des Sultans Bienen alle Morgen auf die Weide treiben, daselbst den ganzen Tag lang hüten, und dann gegen Abend wieder zurück in ihre Stöcke treiben. Eines Abends vermisste ich eine Biene, wurde aber sogleich gewahr, dass zwei Bären sie angefallen hatten, und ihres Honigs wegen zerreißen wollten. Da ich nun nichts anderes Waffenähnliches in Händen hatte, als die silberne Axt, welche das Kennzeichen der Gärtner und Landarbeiter des Sultans ist, so warf ich diese nach den beiden Räubern, bloß in der Absicht, sie Damit wegzuscheuchen. Die arme Biene setzte ich auch wirklich dadurch in Frei|[36]heit; allein, durch einen unglücklichen, allzu starken Schwung meines Armes flog die Axt in die Höhe, und hörte nicht auf zu steigen, bis sie im Monde nieder fiel. Wie sollte ich sie nun wieder kriegen? Mit welcher Leiter auf Erden sie herunterholen? Da fiel mir ein, dass die türkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen Höhe empor wüchsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich empor wuchs, und sich an Eines von des Mondes Hörnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor, wo ich auch glücklich anlangte. Es war ein ziemlich mühseliges Stückchen Arbeit, meine silberne Axt an einem Orte wieder zu finden, wo alle andere Dinge gleichfalls wie Silber glänzten. Endlich aber fand ich sie doch auf einem Haufen Strohe und Häckerling. Nun wollte ich wieder zurückkehren; aber ach! die Sonnenhitze hatte indessen meine Bohne ausgetrocknet, so dass daran schlechterdings nicht wieder herabzusteigen war. Mas war nun zu tun? – Ich flocht mir einen Strick aus dem Strohe, so lang ich ihn nur immer machen konnte. Diesen befestigte ich an Eines von des Mondes Hörnern, und|[37] ließ mich daran herunter. Mit der rechten Hand hielt ich mich fest, und in der linken führte ich meine Axt. So wie ich nun eine Strecke hinunter geglitten wir, so hieb ich immer das überflüssige Stück über mir ab, und knüpfte dasselbe unten wieder au; wodurch ich dann ziemlich weit herunter gelangte. Dieses wiederholte Abhauen und Anknüpfen machte nun freilich den Strick eben so wenig besser, als es mich völlig herab auf des Sultans Landgut brachte. Ich mochte wohl noch ein paar Meilen weit droben in den Wolken sein, als mein Strick auf einmal zerriss, und ich mit solcher Heftigkeit herab zu Gottes Erdboden fiel, dass ich ganz betäubt davon wurde. Durch die Schwere meines von einer solchen Höhe herabfallenden Körpers fiel ich ein Loch, wenigstens neun Klafter tief, in die Erde hinein. Ich erholte mich zwar endlich wieder, wusste aber nun nicht, wie ich wieder herauskommen sollte. Allein, was tut nicht die Not? Ich grub mir mit meinen Nägeln, derer Wuchs damals vierzigjährig war, eine Art von Treppe, und förderte mich dadurch glücklich zu Tage.|[38]

Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ichs nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigsstöcken stiegen, los zu werden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig, und legte wich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, kam an, und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, dass er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinaus leckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinauf geleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug, und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Über dies Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ungefähr vorbei spazierte, fast tot lachen.|[39]

 

 

Nicht lange hierauf machten die Russen mit den Türken Frieden, und ich wurde nebst andern Kriegsgefangenen wieder nach St. Petersburg ausgeliefert. Ich nahm aber nun meinen Abschied, und verließ Russland um die Zeit der großen Revolution vor etwa vierzig Jahren, da der Kaiser in der Wiege, nebst seiner Mutter und ihrem Vater, dem Herzoge von Braunschweig, dem Feldmarschall von Münnich und vielen Andern nach Sibirien geschickt wurden. Es herrschte damals über ganz Europa ein so außerordentlich strenger Winter, dass die Sonne|[40] eine Art von Frostschaden erlitten haben muss, woran sie seit der ganzen Zeit her bis auf den heutigen Tag gesiecht hat. Ich empfand daher auf der Rückreise in mein Vaterland weit größeres Ungemach, als ich auf meiner Hinreise nach Russland erfahren hatte.

Ich musste, weil mein Litauer in der Türkei geblieben war, mit der Post reisen. Als sichs nun fügte, dass wir an einen engen hohlen Weg zwischen hohen Dornhecken kamen, so erinnerte ich den Postillion, mit seinem Horne ein Zeichen zu geben, damit wir uns in diesem engen Passe nicht etwa gegen ein anderes entgegenkommendes Fuhrwerk festfahren möchten. Mein Kerl setzte an, und blies aus Leibeskräften in das Horn, aber alle seine Bemühungen waren umsonst. Nicht ein einziger Ton kam heraus, welches uns ganz unerklärlich, ja in der Tat für ein rechtes Unglück zu achten war, indem bald eine andere uns entgegenkommende Kutsche auf uns stieß, vor welcher nun schlechterdings nicht vorbei zu kommen war. Nichts desto weniger sprang ich aus meinem Wagen, und spannte zuvörderst die Pferde aus. Hierauf nahm ich den Wagen nebst den vier Rädern und allen Päckereien aus meine Schul|[41]tern, und sprang Damit über Ufer und , Hecke, ungefähr neun Fuß hoch, welches in  Rücksicht auf die Schwere der Kutsche eben keine Kleinigkeit war, auf das Feld hinüber. Durch einen andern Rücksprung gelangte ich, die fremde Kutsche vorüber, wieder in den Weg. Darauf eilte ich zurück zu unseren Pferden, nahm unter jeden Arm Eins, und holte sie auf die vorige nämlich durch erneu zweimaligen Sprung hinüber und herüber, gleichfalls herbei, ließ wieder anspannen, und gelangte glücklich am Ende der Station zur Herberge. Noch hätte ich anführen sollen, dass Eins von den Pferden, welches sehr mutig und nicht über vier Jahr alt war, ziemlichen Unfug machen wollte. Denn als ich meinen zweiten Sprung über die Hecke tat, so verriet es durch sein Schnauben und Trampeln ein großes Missbehagen an dieser heftigen Bewegung. Dies verwehrte ich ihm aber gar bald, indem ich seine Hinterbeine in meine Rocktasche steckte. In der Herberge erholten wir uns wieder von unserm Abenteuer. Der Postillion hängte sein Horn an einen Nagel beim Küchenfeuer, und ich setzte mich ihm gegen über.|[42]

Nun höret, ihr Herren, was geschah! auf einmal gings: vereng! Tereng! Tereng! teng! teng! Wir machten große Augen, und fanden nun auf einmal die Ursache aus, warum der Postillion sein Horn nicht hatte blasen können. Die Töne waren in dem Horne fest gefroren und kamen nun, sowie sie nach und nach auftaueten, hell und klar, zu nicht geringer Ehre des Fuhrmanns, heraus. Denn die ehrliche Haut unterhielt uns nun eine ziemliche Zeit lang mir der herrlichsten Modulation, ohne den Mund an das Horn m bringen. Da hörten wir den preußischen Marsch – Ohne Lieb’ und ohne Wein – Als ich auf meiner Bleiche – Gestern Abend war Vetter Michel da – nebst noch vielen andern Stückchen, auch sogar das Abendlied: Nun ruhen alle Wälder – Mit diesem letzten endigte sich dann dieser Tauspaß, so wie ich hiermit meine Russische Reisegeschichte.

 

* * *

 

Manche Reisende sind bisweilen im Stande, Mehr zu behaupten, als, genau genommen, wahr sein mag. Daher ist es dann kein Wun|[43]der , wenn Leser oder Zuhörer ein wenig zum Unglauben geneigt werden. Sollten indessen Einige von der Gesellschaft an meiner Wahrhaftigkeit zweifeln, so muss ich sie wegen ihrer Ungläubigkeit herzlich bemitleiden, und sie bitten, sich lieber zu entfernen, ehe ich meine Schiffsabenteuer beginne, die zwar fast noch wunderbarer, aber doch eben so authentisch sind.

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[44]Des

Freiherrn von Münchhausen

Seeabenteuer.

 

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Erstes Seeabenteuer.

 

Gleich die erste Reise, die Ich in meinem Leben machte, geraume Zeit vor der Russischen, von der ich eben einige Merkwürdigkeiten erzählt habe, war eine Reise zur See.

Ich stand, wie mein Onkle, der schwarzbärtigste Husarenoberste, den ich je gesehen habe, mir oft zu zuschnurren pflegte, noch mit den Gänsen im Prozesse, und man hielt es noch für unentschieden, ob der weiße Flaum an meinem Kinne Keim von Dunen oder von einem Barte wäre, als schon Reisen das einzige Dichten und Trachten meines Herzens war. Da|[45] mein Vater teils selbst einen ehrlichen Teil seiner früheren Jahre mit Reisen zugebracht hatte, teils manchen Winterabend durch die aufrichtige und ungeschminkte Erzählung seiner Abenteuer verkürzte, von denen ich Ihnen vielleicht in der Folge noch einige zum Besten gebe, so kann man jene Neigung bei mir wohl mit eben so gutem Grunde für angeboren, als für eingeflöset halten. Genug! ich ergriff jede Gelegenheit, die sich anbot, oder nicht anbot, meiner unüberwindlichen Begierde, die Welt zu sehen, Befriedigung zu erbetteln oder zu ertrotzen; allein, vergebens. Gelang es mir auch einmal, bei meinem Vater eine kleine Bresche zu machen, so taten Mama und Tante desto heftigern Widerstand, und in wenigen Augenblicken war Alles, was ich durch die überlegtesten Angriffe gewonnen hatte, wieder verloren. Endlich fügte sich’s, dass Einer meiner mütterlichen Verwandten uns besuchte. Ich wurde bald sein Liebling; er sagte mir oft, ich wäre ein hübscher, munterer Junge, und er wolle alles Mögliche tun, mir zur Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches behilflich zu sein. Seine Beredsamkeit war wirksamer als die meinige, und nach vielen Vorstellungen und|[46] Gegenvorstellungen, Einwendungen und Widerlegungen wurde endlich zu meiner unaussprechlichen Freude beschlossen, dass ich ihn auf einer Reise nach Ceylon, wo sein Onkle viele Jahre Gouverneur gewesen war, begleiten sollte.

Wir segelten mit wichtigen Aufträgen Ihrer Hochmögenden, der Staaten von Holland, von Amsterdam ab. Unsre Reise hatte nichts Besonderes; wir kamen nach sechs Wochen glücklich zu Ceylon an.

Es mochten ungefähr vierzehn Tage seit unsrer Ankunft verstrichen sein, als Mir der älteste Sohn des Gouverneurs den Vorschlag tat, mit ihm auf die Jagd zu gehen, den ich auch herzlich gern annahm. Mein Freund war ein großer, starker Mann, und an die Hitze jenes Klima’s gewöhnt; ich aber wurde in kurzer Zeit und bei ganz mäßiger Bewegung so matt, dass ich, als wir in den Wald gekommen waren, weit hinter ihm zurückblieb.

Ich wollte mich eben an dem Ufer eines reißenden Stromes, der schon einige Zeit meine Aufmerksamkeit beschäftigt hatte, niedersetzen, um ein wenig auszuruhen, als ich auf einmal auf dem Wege, den ich gekommen war, ein|[47] Geräusch hörte. Ich sah zurück, und wurde fast versteinert, als ich einen ungeheueren Löwen erblickte, der gerade auf mich zu kam, und mir nicht undeutlich merken ließ, dass er gnädigst geruhe, meinen armen Leichnam zu seinem Frühstücke zu machen, ohne sich nur meine Einwilligung auszubitten. Meine Flinte war bloß mit Hasenschrot geladen. Langes Besinnen erlaubte mir weder die Zeit noch meine Verwirrung. Doch entschloss ich mich auf die Bestie zu feuern, in der Hoffnung, sie zu schrecken, vielleicht auch zu verwunden. Allein, da ich in der Angst nicht einmal wartete, bis mir der Löwe zum Schüsse kam, so wurde er dadurch wütend gemacht, und kam nun mit aller Heftigkeit auf mich los. Mehr aus Instinkt, als aus vernünftiger Überlegung, versuchte ich eine Unmöglichkeit – zu entfliehen. Ich kehrte mich um, und – mir läuft noch, so oft ich daran gedenke, ein kalter Schauder über den Leib – wenige Schritte vor mir steht ein scheußlicher Krokodil, der schon fürchterlich seinen Rachen aufsperrte, um mich zu verschlingen.

Stellen sie sich, meine Herren, das Schreckliche meiner Lage vor! Hinter mir der Löwe,|[48] vor mir der Krokodil, zu meiner Linken ein reißender Strom, zu meiner Rechten ein Abgrund, in dem, wie ich nachher hörte, die giftigsten Schlangen sich aufhielten.

Betäubt – und das war einem Herkules in dieser Lage nicht übel zu nehmen – stürze ich zu Boden. Jeder Gedanke, den meine Seele noch vermochte, war die schreckliche Erwartung, jetzt die Zähne oder Klauen des wütenden Raubtiers zu fühlen, oder in dem Rachen des Krokodils zu stecken. Doch in wenigen Sekunden hörte ich einen starken, aber durchaus fremden Laut. Ich wage es endlich, meinen Kopf aufzuheben, und mich umzuschauen, und, – was meinen sie? – zu meiner unaussprechlichen Freude finde ich, dass der Löwe in der Hitze, in der er auf mich los schoss, in eben dem Augenblicke, in dem ich niederstürzte, über mich weg in den Rachen des Krokodils gesprungen war. Der Kopf des Einen steckte nun in dem Schlunde des Andern, und sie strebten mit aller Macht, sich von einander los zu machen. Gerade noch zu rechter Zeit sprang ich auf, zog meinen Hirschfänger, und mit einem Streiche hieb ich den Kopf des Löwen ab, so dass der Rumpf zu|[49] meinen Füßen zuckte. Darauf stieß ich mit dem untern Ende meiner Flinte den Kopf noch tiefer in den Rachen des Krokodils, das nun jämmerlich ersticken musste.

Bald, nachdem ich diesen vollkommenen Sieg über zwei so fürchterliche Feinde erfochten hatte, kam mein Freund, um zu sehen, was die Ursache meines Zurückbleibens wäre. Nach gegenseitigen Glückwünschen maßen wir den Krokodil, und fanden ihn genau vierzig pariser Fuß, sieben Zoll lang.

Sobald wir dem Gouverneur dieses außerordentliche Abenteuer erzählet hatten, schickte er einen Wagen mir einigen Leuten aus, und ließ die beiden Tiere nach seinem Hause holen. Aus dem Felle des Löwen musste mir ein dortiger Kirschner Tobacksbeutel verfertigen, von denen ich einige meinen Bekannten zu Ceylon verehrte. Mit den übrigen machte ich, bei unsrer Rückkunft nach Holland, Geschenke an die Bürgermeister, die mir dagegen ein Geschenk von tausend Dukaten machen wollten, das ich nur mit vieler Mühe ablehnen konnte.

Die Haut des Krokodils wurde auf die gewöhnliche Art ausgestopft, und macht nun Eine|[50] der größten Merkwürdigkeiten in dem Museum zu Amsterdam aus wo der Vorzeiger die ganze Geschichte Jedem, den er herumführet, erzählt. Dabei macht er dann freilich immer einige Zusätze, von denen verschiedene Wahrheit und Wahrscheinlichkeit in hohem Grade beleidigen. So pflegt er, zum Beispiel, zu sagen, dass der Löwe durch den Krokodil hindurch gesprungen sei, und eben bei der Hintertür habe entwischen wollen, als der weltberühmte Baron, wie er mich zu nennen beliebt, den Kopf, so wie er herauskam, und mit dem Kopfe drei Fuß von dem Schwanze des Krokodils abgehauen hätte. Der Krokodil, fährt der Kerl bisweilen fort, blieb bei dem Verluste seines Schwanzes nicht gleichgiltig, drehete sich um, riss dem Baron den Hirschfänger aus der Hand, und verschlang ihn mit solcher Hitze, dass er mitten durch das Herz des Ungeheuers fuhr, und es auf der Stelle sein Leben verlor.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, meine  Herren, wie unangenehm mir die Unverschämtheit dieses Schurken sein muss. Leute, die mich nicht kennen, werden durch dergleichen handgreifliche Lügen in unserm zweifelsüchtigen Zeitalter|[51] leicht veranlasst selbst in die Wahrheit meiner wirklichen Taten ein Misstrauen zu setzen, was einen Kavalier von Ehre im höchsten Grade kränkt und beleidigt.

 

 

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Zweites Seeabenteuer.

 

Im Jahr 1776 schiffte ich Mich zu Portsmuth auf einem englischen Kriegsschiffe vom ersten Range, mit hundert Kanonen und vierzehnhundert Mann, nach Nordamerika ein.

Es begegnete uns nichts Merkwürdiges, bis wir ungefähr noch dreihundert Meilen von dem St. Lorenzflusse entfernt waren. Hier stieß das Schiff mit erstaunlicher Gewalt gegen Etwas an, das uns wie ein Fels vorkam. Gleichwohl konnten wir, als wir das Senkblei auswarfen mit fünfhundert Klaftern noch keinen Grund finden. Was diesen Vorfall noch wunderbarer und beinahe Unbegreiflich machte, war, dass wir unser Steuerruder verloren, das Bogspriet mitten entzwei brachs und alle unsere Masten von oben bis|[52] unten aus zersplitterten, wovon auch zwei über Bord stoben. Ein armer Teufel, welcher gerade oben das Hauptsegel beilegte, flog wenigstens drei Meilen weit vom Schiffe weg, ehe er ins Wasser fiel. Allein, er rettete doch dadurch glücklich sein Leben, dass er, während er in der Luft flog, den Schwanz einer Rotgans ergriff, welches nicht nur seinen Sturz in das Wasser milderte, sondern ihm auch Gelegenheit gab, auf ihrem Rücken, oder vielmehr zwischen Hals und Fittigen, so lange nach zu schwimmen, bis er endlich an Bord genommen werden konnte.

Ein anderer Beweis von der Gewalt des Stoßes war dieser, dass alles Volk zwischen den Verdecken empor gegen die Kopfdecke geschnellt wurde. Mein Kopf war ganz dadurch in den Magen hinabgepufft, und es dauerte wohl einige Monate, ehe er seine natürliche Stellung wieder bekam. Noch befanden wir uns insgesamt in einem Zustande des Erstaunens und einer allgemeinen unbeschreiblichen Verwirrung, als sich auf einmal Alles durch Erscheinung eines großen Walfisches aufklärte, welcher an der Oberfläche des Wassers, sich sommernd, eingeschlafen war. Dies Ungeheuer war so übel|[53] damit zufrieden, dass wir es mit unserm Schiffe gestört hatten, dass es nicht nur mit seinem Schwänze die Galerie und einen Teil! des Oberlofs einschlug, sondern auch zu gleicher Zeit den Hauptanker, welcher, wie gewöhnlich, am Steuer aufgewunden war, zwischen seine Zahne packte, und wenigstens sechzig Meilen weit, sechs Meilen auf eine Stunde gerechnet, mit unserm Schiffe davon eilte. Gott weiß, wohin wir gezogen worden sein würden, wenn nicht noch glücklicher Weise das Ankertau zerrissen wäre, wodurch der Walfisch unser Schiff, wir aber auch zugleich unsern Anker verloren. Als wir aber sechs Monate hierauf wieder nach Europa zurücksegelten, so fanden wir eben denselben Walfisch, in einer Entfernung weniger Meilen von eben der Stelle, tot auf dem Wasser schwimmen, und er maß, ungelogen, der Länge nach wenigstens eine halbe Meile. Da wir nun von einem so ungeheuern Tiere nur Wenig an Bord nehmen konnten, so setzten wir unsere Boote aus, schnitten ihm mit großer Mühe den Kopf ab, und fanden zu unsrer großen Freude nicht nur unsern Anker, sondern auch über vierzig Klafter Tau, welches auf der linken Seite seines Ra|[54]chens in einem hohlen Zahne steckte. Dies war der einzige besondere Umstand, der sich auf dieser Reise zutrug.

 

 

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Drittes Seeabenteuer.

 

Einst war Ich in großer Gefahr Im mittelländischen Meere umzukommen. Ich badete mich nämlich an einem Sommernachmittage, unweit Marseille, in der angenehmen See, als ich einen großen Fisch, mit weit aufgesperrtem Rachen, in der größten Geschwindigkeit auf mich daher schießen sah. Zeit war hier schlechterdings nicht zu verlieren, auch war es durchaus unmöglich, ihm zu entkommen. Unverzüglich drückte ich mich so klein zusammen, als möglich, indem ich meine Füße heraufzog, und die Arme dicht an den Leib schloss. In dieser Stellung schlüpfte ich dann gerade, zwischen seinen Kiefern hindurch, bis in den Magen hinab. Hier brachte ich, wie man leicht denken kann, einige Zeit in gänzlicher Finsternis aber doch in einer nicht un|[55]behaglichen Wärme zu. Da ich ihm nach und nach Magendrücken verursachen mochte, so wäre er mich wohl gern wieder los gewesen. Weil es mir gar nicht an Raume fehlte, so spielte ich ihm durch Tritt und Schritt, durch Hopp und He, gar manchen Possen. Nichts schien ihn aber mehr zu beunruhigen, als die schnelle Bewegung meiner Füße, da ichs versuchte, einen schottischen Triller zu tanzen. Ganz entsetzlich schrie er auf, und erhob sich fast senkrecht mit seinem halben Leibe aus dem Wasser. Hierdurch ward er aber von dem Volke eines vorbeisegelnden italienischen Kauffahrteischiffes entdeckt, und in wenig Minuten mit Harpunen erlegt. Sobald er an Bord gebracht war, hörte ich das Volk sich beratschlagen, wie sie ihn aufschneiden wollten, um die größte Quantität Öl von ihm zu gewinnen. Da ich nun Italienisch verstand, so geriet ich in die schrecklichste Angst, dass ihre Messer auch mich bei dieser Gelegenheit mit aufschneiden möchten. Daher stellte ich mich so viel möglich in die Mitte des Magens, worin für mehr als ein Dutzend Mann hinlänglich Platz war, weil ich mir wohl einbilden konnte, dass sie mit den Extremitäten den Anfang machen würden.|[56] Meine Furcht verschwand indessen bald, da sie mit Eröffnung des Unterleibes anfingen. Sebald ich nun nur ein wenig Licht schimmern sah, schrie ich ihnen aus voller Lunge entgegen, wie angenehm es mir sei, die Herren zu sehen, und durch sie aus einer Lage erlöset zu werden, in welcher ich beinahe erstickt wäre. Unmöglich lässt sich das Erstaunen auf allen Gesichtern lebhaft genug schildern, als sie eine Menschenstimme aus einem Fische heraus vernahmen. Dies wuchs natürlicher Weise noch mehr, als sie lang und breit einen nackenden Menschen herausspazieren sahen. Kurz, meine Herren, ich erzählte meinen Befreiern die ganze Begebenheit, so wie ich sie Ihnen jetzt erzählt habe, worüber sie sich dann alle fast zu Tode verwundern wollten.|[57]

 

 

Nachdem ich einige Erfrischungen zu mir genommen hatte und in die See gesprungen war, um mich abzuspülen, schwamm ich nach meinen Kleidern, welche ich auch am Ufer eben so wieder fand, als ich sie gelassen hatte. So viel ich rechnen konnte, war ich ungefähr drittehalb Stunden in dem Magen dieser Bestie eingekerkert gewesen.

 

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Viertes Seeabenteuer.

 

Als ich noch in türkischen Diensten war, belustigte ich mich öfters in einer Lustbarke auf dem Mare di Marmora, von wo aus man die herrlichste Aussicht auf ganz Konstantinopel beherrschet. Eines Morgens, als ich die Schönheit und Heiterkeit des Himmels betrachtete, bemerkte ich ein rundes Ding, ungefähr wie eine Billardkugel groß, in der Luft, von welchem noch etwas Anderes herunter hing. Ich griff sogleich nach meiner besten und längsten Vogelflinte, ohne welche, wenn es je die Umstände erlauben, ich niemals ausgehe, oder ausreise, lud sie mit einer Kugel, und feuerte nach dem runden Dinge in der Luft; allein, umsonst. Ich wiederholte den Schuss mit zwei Kugeln, richtete aber noch Nichts aus. Erst der dritte Schuss, mit vier oder fünf Kugeln, machte an einer Seite ein Loch, und brachte das Ding herab. Stellen Sie sich meine Verwunderung vor, als ein niedlich vergoldeter Wagen, hängend an einem ungeheuern Ballon, größer als die größte Turm|[59]kuppel im Umfange, ungefähr zwei Klafter weit von meiner Barke herunter sank. In dem Wagen befand sich ein Mann und ein halbes Schaf, welches gebraten zu sein schien. Sobald sich mein erstes Erstaunen gelegt hatte, schloss ich mit meinen Leuten um diese seltsame Gruppe einen dichten Kreis.

Dem Manne, der wie ein Franzose aussah, welches er denn auch war, hingen aus jeder Tasche ein paar prächtige Uhrketten mit Berlocken, worauf, wie mich dünkt, große Herren und Damen abgemalt waren. Aus jedem Knopfloche hing ihm eine goldene Medaille wenigstens hundert Dukaten am Wert, und an jeglichem seiner Finger steckte ein kostbarer Ring mit Brillanten. Seine Rocktaschen waren mit vollen Geldbörsen beschwert, die ihn fast zur Erde zogen. Mein Gott, dachte ich, der Mann muss dem menschlichen Geschlechte außerordentlich wichtige Dienste geleistet haben, dass die großen Herren und Damen, ihn so mit Geschenken, die sein schienen, beschweren konnten. Bei allem Dem befand er sich dann doch gegenwärtig von dem Falle so übel, dass er kaum im Stands war, ein Wort hervorzubringen. Nach einiger|[60] Zeit erholte er sich wieder, und stattete folgenden Bericht ab. „Dieses Luftfuhrwerk selbst zu erfinden, hatte ich zwar nicht Kopf und Wissenschaft genug, dennoch aber mehr als überflüssige Luftspringer- und Seiltänzerwaghalsigkeit, es zu besteigen, und darauf mehrmalen in die Luft empor zu fahren. Vor ungefähr sieben oder acht Tagen – denn ich habe meine Rechnung verloren – erhob ich mich Damit auf der Landspitze von Cornwall in England, und nahm ein Schaf mit, um von Oben herab vor den Augen vieler tausend Nachgaffer Kunststücke Damit zu machen. Unglücklicher Weise drehete sich der Wind innerhalb zehn Minuten nach meinem Hinaufsteigen; und anstatt mich nach Exeter zu treiben, wo ich wieder zu landen gedachte, ward ich hinaus nach der See getrieben, über welcher ich auch vermutlich die ganze Zeit her in der unermesslichsten Höhe geschwebet habe.

Es war gut, dass ich zu meinem Kunststückchen mit dem Schafe nicht hatte gelangen können. Denn am dritten Tage meiner Luftfahrt, wurde mein Hunger so groß, dass ich mich genötigt sah, das Schaf zu schlachten. Als ich nun damals unendlich hoch über dem Monde war,|[61] und nach einer sechzehnstündigen noch weitern Auffahrt endlich der Sonne so nahe kam, dass ich mir die Augenbraunen versengte, so legte ich das tote Schaf, nachdem ich es vorher abgehäutet, an denjenigen Ort im Wagen, wo die Sonne die meiste Kraft hatte, oder mit andern Worten, wo der Ballon keinen Schatten hinwarf, auf welche Weise es dann in ungefähr drei Viertel Stunden völlig gar briet. Von diesem Braten habe ich die ganze Zeit her gelebt.“ – Hier hielt mein Mann ein, und schien in Betrachtung der Gegenstände um ihn her zu vertiefen. Als ich ihm sagte, dass die Gebäude da vor uns das Seraglio des Großherrn Zu Konstantinopel waren, so schien er außerordentlich bestürzt, indem er sich ganz wo anders zu befinden geglaubt hatte. „Die Ursache meines langen Fluges, fügte er endlich hinzu, war, dass mir ein Faden zerriss, der an einer Klappe in dem Luftballe saß, und dazu diente, die brennbare Luft herauszulassen. Wäre nun nicht auf den Ball gefeuert und derselbe dadurch aufgerissen worden, so möchte er wohl, wie Mahomet, den jüngsten Tag zwischen Himmel und Erde geschwebt haben.“ Den Wagen schenkte|[62] er hierauf großmütig meinem Bootsmanne, der hinten am Steuer stand. Den Hammelsbraten warf er ins Meer. Was aber den Luftball anlangte, so war der von dem Schaden, welchen ich ihm zugefügt hatte, im Herabfallen vollends ganz und gar in Stücken zerrissen.

 

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Fünftes Seeabenteuer.

 

Da wir doch Zeit haben, meine Herren, eine frische Flasche auszutrinken, so will ich Ihnen noch eine andere sehr seltsame Begebenheit erzählen, die mir wenige Monate vor meiner letzten Rückreise nach Europa begegnete.

Der Großherr, welchem ich durch die römisch- und russisch-kaiserlichen, wie auch französischen Botschafter vorgestellet worden war, bediente sich meiner Person, ein Geschäft von großer Wichtigkeit zu Großkairo zu betreiben, weiches zugleich so beschaffen war, dass es immer und ewig ein Geheimnis bleiben musste.

Ich reisete mit großem Pompe in einem sehr zahlreichen Gefolge zu Lande ab. Unterweges|[63] hatte ich Gelegenheit, meine Dienerschaft mit einigen sehr brauchbaren Subjekten zu vermehren. Denn als ich kaum einige Meilen weit von Konstantinopel entfernt sein mochte, sah ich einen kleinlichen, schmächtigen Menschen mit großer Schnelligkeit querfeldein daher laufen, und gleichwohl trug das Männchen an jedem Beine ein bleiernes Gewicht, bei fünfzig Pfund schwer. Verwunderungsvoll über diesen Anblick, rief ich ihn an, und fragte: Wohin, wohin so schnell, mein Freund? Und warum erschwerst du dir deinen Lauf durch eine solche Last? – „Ich lief, versetzte der Läufer, seit einer halben Stunde aus Wien, wo ich bisher bei einer vornehmen Herrschaft in Diensten stand, und heute meinen Abschied nahm. Ich gedenke nach Konstantinoper, um daselbst wieder unterzukommen. Durch die Gewichte an meinen Beinen habe ich meine Schnelligkeit, die jetzt nicht nötig ist, ein wenig mindern wollen.“ – Dieser Asahel gefiel mir nicht übel; ich fragte ihn, ob er bei mir in Dienste treten wollte; und er war dazu bereit.

Wir zogen hierauf weiter durch manche Stadt, durch manches Land. Nicht fern vom Wege auf einem schönen Grashügel lag Mäuschen still ein|[64] Kerl, als ob er schliefe. Allein, das tat er nicht. Er hielt vielmehr sein Ohr so aufmerksam zur Erde, als hätte er die Einwohner der untersten Hölle behorchen wollen. – „Was horchst du da, mein Freund?“ – „Ich horche da zum Zeitvertreibe auf das Gras, und höre, wie es wachst.“ – „Und kannst. du das?“ – „O Kleinigkeit!“ – „So tritt in meine Dienste, Freund! wer weiß, was es bisweilen nicht zu horchen geben kann.“ – Mein Kerl sprang auf und folgte mir.

Nicht weit davon auf einem andern Hügel stand mit angelegtem Gewehre ein Jäger und knallte in die blaue leere Luft. – – „Glück zu, Glück zu, Herr Weidmann! Doch wonach schießest du? Ich sehe Nichts als blaue leere Luft.“ – „O ich versuche nur dies neue Kuschenreutersche Gewehr. Dort auf der Spitze des Münsters zu Straßburg saß ein Sperling, den schoss ich eben jetzt herab.“ Wer meine Passion für das edle Weid- und Schützenwerk kennt, den wird es nicht Wunder nehmen, dass ich dem vortrefflichen Schützen sogleich um den Hals fiel. Da ich Nichts sparte, auch ihn in meine Dienste zu ziehen, versteht sich von selbst.|[65]

Unsre Reise führte uns darauf weiter durch manche Stadt, durch manches Land, und wir kamen endlich an dem Berge Libanon vorbei. Daselbst vor einem großen Zedernwalde stand ein derber, untersetzter Kerl, und zog an einem Stricke, her um den ganzen Wald herum geschlungen war. „Was ziehst du da, mein Freund?“ fragte ich den Kerl. – „O ich soll Bauholz holen, und habe meine Axt zu Hause vergessen. Nun muss ich mir so gut helfen, als es angehen will.“ Mit diesen Worten zog er in einem Ruck den ganzen Wald, bei einer Quadratmeile groß, wie einen Schilfbusch vor meinen Augen nieder. Was ich tat, das lässt sich erraten. Ich hätte den Kerl nicht fahren lassen, und hätte mir meinen ganzen Ambassadeurgehalt gekostet.

Als ich hierauf fürbass und endlich auf ägyptischen Grund und Boden kam, erhob sich ein so ungeheuerer Sturm, dass ich mit allen meinen Wagen, Pferden und Gefolge schier umgerissen . und in die Luft davon geführt zu werden fürchtete. Zur linken Seite unsers Weges standen sieben Windmühlen in einer Reihe, derer Flügel so schnell um ihre Achsen schwirrten, als ein Rockenspindel der schnellsten Spinnerin. Nicht|[66] weit davon zur Rechten stund ein Kerl, von Sir John Fallstafs Korpulenz, und hielt sein rechtes Nasenloch mit seinem Zeigefinger zu. Sobald der Kerl unsre Not und uns so kümmerlich in diesem Sturme haspeln sah, drehete er sich halb um, machte Fronte gegen uns, und zog ehrerbietig, wie ein Musquetier vor seinem Obersten den Hut vor mir ab. Auf einmal regte sich kein Lüftchen mehr, und alle sieben Windmühlen standen plötzlich still. Erstaunt über diesen Vorfall, der nicht natürlich zu zugehen schien, schrie ich dem Unholde zu: „Kerl! was ist das? Sitzt dir der Teufel im Leibe, oder bist du der Teufel selbst?“ Um Vergebung, Euer Excellenz! antwortete mir der Mensch; „ich mache da nur meinem Herren, dem Windmüller, ein wenig Wind. Um nun die sieben Windmühlen nicht ganz und gar umzublasen, musste ich mir wohl das eine Nasenloch zuhalten.“ Ei, ein vortreffliches Subjekt! dachte ich in meinem stillen Sinne. Der Kerl lässt sich gebrauchen, wenn du dereinst zu Hause kommst, und dirs an Atem fehlt, alle die Wunderdinge zu erzählen, die dir auf deinen Reisen zu Lande und Wasser aufgestoßen sink Wir wurden daher bald des Handels eins. Der|[67] Windmacher ließ seine Mühlen stehen, und folgte mir.

Nach gerade wars nun Zeit in Großkairo anzulangen. Sobald ich daselbst meinen Auftrag ach Wunsch ausgerichtet hatte, gefiel es mir, mein ganzes unnützes Gesandtengefolge, außer meinen neuangenommenen nützlichern Subjekten zu verabschieden, und mit diesen als ein bloßer Privatmann zurück zu reisen. Da nun das Wetter gar herrlich und der berufene Nilstrom über alle Beschreibung reizend war, so geriet ich in Versuchung eine Barke zu mieten, und bis Alexandrien zu Wasser zu reisen. Das ging nun ganz vortrefflich, bis an den dritten Tag.

Sie haben, meine Herren, vermutlich schon mehrmals von den jährlichen Überschwemmungen des Nils gehört. Am dritten Tage, wie gesagt, fing der Nil ganz unbändig an zu schwellen, und am folgenden Tage war links und rechts das ganze Land viele Meilen weit und breit überschwemmet. Am fünften Tage nach Sonnenuntergange verwickelte sich meine Barke auf einmal in Etwas, das ich für Ranken und Strauchwerk hielt. Sobald es aber am nächsten Morgen heller ward, fand ich mich überall von Mandeln|[68] umgeben, welche vollkommen reif und ganz vortrefflich waren. Als wir das Senkblei auswarfen, fand es sich, dass wir wenigstens sechzig Fuß hoch über dem Boden schwebten, und schlechterdings weder vor noch rückwärts konnten.

Ungefähr gegen acht oder neun Uhr, soviel ich aus der Höhe der Sonne abnehmen konnte, erhob sich ein plötzlicher Wind, der unsre Barke ganz auf eine Seite umlegte. Hierdurch schöpfte sie Wasser, sank unter, und ich hörte und sah in langer Zeit Nichts wieder davon, wie Sie gleich vernehmen werden. Glücklicher Weise retteten wir uns insgesamt, nämlich acht Männer und zwei Knaben, indem wir uns an den Bäumen festhielten, derer Zweige zwar für uns, allein nicht für die Last unsrer Barke hinreichten. In dieser Situation verblieben wir drei Tage, und lebten ganz allein von Mandeln. Dass es am Trunke nicht fehlte, versteht sich von selbst. Am zwei und zwanzigsten Tage unsers Unsterns fiel das Wasser wieder eben so schnell, als es gestiegen war; und am sechs und zwanzigsten konnten wir wieder auf festem Lande fußen.

Unsre Barke war der erste angenehme Gegenstand, den wir erblickten. Sie lag unge|[69]fähr zweihundert Klafter weit von dem Orte, wo sie gesunken war. Nachdem wir nun Alles, was uns nötig und nützlich war, an der Sonne getrocknet hatten, so versahen wir uns mir den Notwendigkeiten aus unserm Schiffsvorrat, und machten uns auf, unsre verlorne Straße wieder zu gewinnen. Nach der genausten Berechnung fand sich’s, dass wir an die hundert und fünfzig Meilen weit über Gartenwände und mancherlei Gehege hinweggetrieben waren. In sieben Tagen erreichten wir den Fluss, der nun wieder in seinem Bette strömte, und erzählten unsere Abenteuer einem Bei. Liebreich half dieser allen unseren Bedürfnissen ab, und sendete uns in einer von seinen eigenen Barken weiter. In ungefähr sechs Tagen langten wir zu Alexandrien an, allwo wir uns nach Konstantinopel einschifften. Ich wurde von dem Großherrn überaus gnädig empfangen, und erhielt die schmeichelhaftesten Versicherungen feiner allerhöchsten Huld.

 

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[70] Sechstes Seeabenteuer.

 

Bei dem Großsultan galt ich seit meiner ägyptischen Reise Alles in Allem. Seine Hoheit konnten gar ohne mich nicht leben, und luden mich jeden Mittag und Abend zu sich zum Essen. Ich muss bekennen, meine Herren, dass der: türkische Kaiser unter allen Potentaten auf Erden den delikatesten Tisch führet. Jedoch ist dies nur von den Speisen, nicht aber von dem Getränke zu verstehen, da, wie Sie wissen werden, Mahomets Gesetz seinen Anhängern den Wein verbietet. Auf ein gutes Glas Wein muss man also an öffentlichen türkischen Tafeln Verzicht tun. Was indessen gleich nicht öffentlich geschieht, das geschieht doch nicht selten heimlich; und des Verbots ungeachtet, weiß mancher Türk so gut, als der beste deutsche Bachusbruder, wie ein gutes Glas Wein schmeckt. Das war nun auch der Fall mit Seiner türkischen Hoheit. Bei der öffentlichen Tafel, an welcher gewöhnlich der Mufti mitspeisete, wurde des Weines auch nicht mit einer einzigen Silbe gedacht.|[71] Nach aufgehobener Tafel aber wartete auf Seine Hoheit gemeiniglich ein gutes Fläschchen im Kabinette.

Einst gab der Großsultan mir einen verstohlenen freundlichen Wink, ihm in sein Kabinet zu folgen. Als wir nun uns daselbst eingeschlossen hatten, holte er aus einem Schränkchen eine Flasche hervor, und sprach: „Münchhausen, ich weiß, ihr Christen verstehet euch auf ein gutes Glas Wein. Da hab’ ich noch ein einziges Fläschchen Tokajer. So delikat müsst ihr ihn in eurem Leben nicht getrunken haben.“ Hierauf schenkten Seine Hoheit sowohl mir als sich eins ein, und stießen mit mir an.“ „– Nun, was sagt ihr? Gelt! es ist was Extrafeines?“ – „Das Weinchen ist gut, Ihro Hoheit, erwiderte ich; allein, mit Ihrem Wohlnehmen muss ich doch sagen, dass ich ihn in Wien beim hochseligen Kaiser Karl dem Sechsten weit besser getrunken habe. Potz Stern! den sollten Ihro Hoheit einmal versuchen.“ „Freund Münchhausen, euer Wort in Ehren! Allein, es ist unmöglich, dass irgend ein Tokajer besser sei. Denn ich bekam einst nur dies einzige Fläschchen von einem ungarischen Kavalier, und er tat ganz verzweifelt|[72] rar Damit.“ „– Possen, Ihro Hoheit! Tokajer und Tokajer ist ein großmächtiger Unterschied. Was gilt die Wette, so schaffe ich Ihnen in Zeit einer Stunde gerades Weges und unmittelbar aus dem kaiserlichen Keller eine Flasche Tokajer, die aus ganz andern Auges sehen soll?“ – „Münchhausen, ich glaube, ihr faselt.“ – „Ich fasele nicht. Gerades Weges aus dem kaiserlichen Keller in Wien schaffe ich Ihnen in Zeit von einer Stunde eine Flasche Tokajer von einer ganz andern Nummer, als dieser Krätzer hier.“ – „Münchhausen, Münchhausen! Ihr wollet mich zum Besten haben; und das verbitte ich mir. Ich kenne euch zwar sonst kleinen überaus wahrhaften Manu, allein – jetzt sollte ich doch fast denken, Ihr flunkertet.“ – „Ei nun, Ihro Hoheit! es kommt ja auf die Probe an. Erfülle ich nicht mein Wort – denn von allen Aufschneidereien bin ich der abgesagteste Feind – so lassen Ihro Hoheit mir den Kopf abschlagen. Allein, mein Kopf ist kein Pappenstiel. Was setzen Sie mir dagegen?“ – „Topp! ich halte euch beim Worte. Ist auf den Schlag Vier nicht die Flasche Tokajer hier, so kostets euch ohne Barmherzigkeit den|73] Kopf. Denn foppen lasse ich mich auch von meinen besten Freunden nicht. Besteht ihr aber, wie Ihr versprecht, so könnet ihr aus meiner Schatzkammer so Viel an Gold, Silber, Perlen und Edelgesteinen nehmen, als der stärkste Kerl davon zu schleppen vermag.“ – „Das lässt sich hören!“ antwortete ich, bat mir gleich Feder und Tinte aus, und schrieb an die Kaiserin er, Königin, Maria Theresia, folgendes Billet:

 

„Ihre Majestät haben unstreitig als Universalerbin auch Ihres höchstseligen Herrn Vaters Keller mitgeerbt. Dürfte ich mir wohl durch Vorzeigen dieses eine Flasche von dem Tokajer ausbitten, wie ich ihn bei Ihrem Herrn Vater oft getrunken habe? Allein, von dem Besten! Denn es gilt eine Wette. Ich diene gern dafür wieder, wo ich kann, und beharre übrigens u. s. w.“

 

Dies Billet gab ich, weil es schon fünf Minuten über drei Uhr war, nur sogleich offen meinem Läufer, der seine Gewichte abschnallen, und sich unverzüglich auf die Beine nach Wien machen musste. Hierauf tranken wir, der Groß|[74]sultan und ich, den Rest von seiner Flasche in Erwartung des bessern vollends aus. Es schlug ein Viertel, es schlug Halb, es schlug drei Viertel auf Vier, und noch war kein Läufer zu hören und zu sehen. Nach gerade, gestehe ich, fing mir an ein wenig schwül zu werden; denn es kam mir vor, als blickten Seine Hoheit schon bisweilen nach der Glockenschnur, um dem Scharfrichter zu klingeln. Noch erhielt ich zwar Erlaubnis, einen Gang hinaus in den Garten zu tun, um frische Luft zu schöpfen; allein, es folgten wir auch schon ein Paar dienstbare Geister nach, die mich nicht aus den Augen ließen.

In dieser Angst, und als der Zeiger schon auf fünf und fünfzig Minuten stand, schickte ich noch geschwind nach meinem Horcher und Schützen. Sie kamen unverzüglich an, und der Horcher musste sich platt auf die Erde niederlegen, um zu hören, ob nicht mein Laufet endlich ankäme. Zu meinem nicht geringen Schrecken meldete er mir, dass der Schlingel irgendwo, allein weit weg von hier, im tiefsten Schlafe läge, und aus Leibeskräften schnarchte. Dies hatte mein braver Schütze nicht sobald gehört,|[75] als er auf eine etwas hohe Terrasse lief, und, nachdem er sich auf seine Zehen noch mehr empor gereckt hatte, hastig ausrief: „Bei meiner armen Seele! da liegt der Faulenzer unter einer Eiche bei Belgrad und die Flasche neben ihm. Wart! ich will dich aufkitzeln.“ – Und hier mit legte er unverzüglich seine Kuchenreutersche Flinte an den Kopf, und schoss die volle Ladung oben in den Wipfel des Baumes. Ein Hagel von Eicheln, Zweigen und Blättern fiel herab auf den Schläfer, erweckte, und brachte ihn, da er selbst fürchtete, die Zeit beinahe verschlafen zu haben, dermaßen geschwind auf die Beine, dass er mit seiner Flasche, und einem eigenhändigen Billet von Maria Theresia, um 59 ½ Minuten auf vier Uhr vor des Sultans Kabinette anlangte.

Das war ein Gaudium! Ei, wie schlürfte das großherrliche Leckermaul! – „Münchhausen, sprach er, Ihr müsst es mir nicht übel nehmen, wenn ich diese Flasche für mich allein behalte. Ihr steht in Wien besser als ich; Ihr werdet schon an noch mehr zu kommen wissen.“ – Hiermit schloss er die Flasche in sein Schränkchen, steckte den Schlüssel in die Hosentasche, und klingelte|[76] nach dem Schatzmeister. – O welch ein angenehmer Silberton meinen Ohren! – „Ich muss euch nun die Wette bezahlen. – Hier! – sprach er zum Schatzmeister, der ins Zimmer trat, lasset meinem Freunde Münchhausen so Viel aus der Schatzkammer verabfolgen, als der stärkste Kerl wegzutragen vermag. „Der Schatzmeister neigte sich vor feinem Herrn zur Erde, mir aber schüttelte der Großsultan ganz treuherzig die Hand, und so ließ er uns Beide gehen.

Ich säumte nun, wie Sie denken können, meine Herren, keinen Augenblick, die erhaltene Assignation geltend zu machen, ließ meinen Starken mit seinem langen hänfenen Stricke kommen, und verfügte mich in die Schatzkammer. Was da mein Starker, nachdem er sein Bündel geschnürt hatte, übrig ließ, das werden Sie wohl schwerlich holen wollen. Ich eilte mit meiner Beute gerades Weges nach dem Hafen, nahm dort das größte Lastschiff, das zu bekommen war, in Beschlag, und ging, wohlbepackt, mit meiner ganzen Dienerschaft unter Segel, um meinen Fang in Sicherheit zu bringen, ehe was Widriges dazwischen käme.|[77]

Was Ich befürchtet hatte, das geschah. Der Schatzmeister hatte Tür und Tor von der Schatzkammer offen gelassen – und freilich wars nicht groß mehr nötig, sie zu verschließen – war über Hals und Kopf zum Großsultan gelaufen, und hatte ihm Bericht abgestattet, wie vollkommen ich seine Assignation genutzt hätte. Das war dann nun dem Großsultan nicht wenig vor den Kopf gefahren. Die Reue über seine Übereilung konnte nicht lange ausbleiben Er hatte daher gleich dem Großadmiral befohlen, mit der ganzen Flotte hinter mir herzueilen, und mir zu insinuieren, dass wir so nicht gewettet hätten. Als ich daher noch nicht zwei Meilen weit in die See war, so sah ich schon die ganze türkische Kriegsflotte mit vollen Segeln hinter mir herkommen, und ich muss gestehen, dass mein Kopf, der kaum wieder fest geworden war, nicht wenig von neuem anfing zu wackeln.

Allein, nun war mein Windmacher bei der Hand und sprach: „Lassen sich Euer Exzellenz nicht bange sein!“ Er trat hierauf auf das Hinterverdeck meines Schiffes, so dass Eines seiner Nasenlöcher nach der türkischen Flotte, das An|[78]dere aber auf unsere Segel gerichtet war, und blies eine so hinlängliche Portion Wind, dass die Flotte, an Masten, Segels und Tauwerk gar übel zugerichtet, nicht nur bis in den Hafen zurückgetrieben, sondern auch mein Schiff in wenig Stunden glücklich nach Italien getrieben ward.

Von meinem Schatze kam mir jedoch Wenig zu gute. Denn in Italien ist, trotz der Ehrenrettung des Herrn Bibliothekar Jagemann in Weimar, Armut und Bettelei so groß, und die Polizei so schlecht, dass ich, erstlich, weil ich vielleicht eine allzu gutwillige Seele bin, den größten Teil an die Straßenbettler ausspenden musste. Der Rest aber wurde mir auf meiner Reise nach Rom durch eine Bande Straßenräuber abgenommen.

Nun aber, meine Herren, ist mein Schlafstündchen da. Ruhen Sie wohl!

 

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[79] Siebentes Seeabenteuer,

nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, der nach der Entfernung des Barons als Sprecher auftritt.

 

Nach Endigung des vorigen Abenteuers, ließ sich der Baron nicht länger halten, sondern brach wirklich in sein Schlafzimmer auf, und verließ die Gesellschaft in der besten Laune. Doch versprach er erst die Abenteuer seines Vaters, auf die seine Zuhörer noch immer spannten, ihnen nebst manchen andern merkwürdigen Anekdoten bei der ersten besten Gelegenheit zu erzählen.

Als sich nun Jedermann nach seiner Weise über die Unterhaltung herausließ, die er so eben verschafft hatte, so bemerkte Einer von der Gesellschaft, ein Partisan des Barons, der ihn auf seiner Reise in die Türkei begleitet hatte, dass unweit Konstantinopel ein ungeheuer großes Geschütz befindlich gewesen sei, dessen der Baron Tott in seinen Denkwürdigkeiten ganz besonders erwähnet. Was er davon meldet, ist, so viel ich mich erinnere, Folgendes:|[80]

„Die Türken hatten unweit der Stadt übet der Zitadelle, an dem Ufer des berühmten Flusses Simois, ein ungeheueres Geschütz aufgepflanzt. Dasselbe war ganz aus Kupfer gegossen, und schoss eine Marmorkugel wenigstens eilfhundert Pfund am Gewichte. Ich hatte große Lust, sagt Tott, es abzufeueren, um erst aus seiner Wirkung gehörig zu urteilen. Alles Volk um mich her zitterte und bebte, weil es sich versichert hielt, dass Schloss und Stadt davon übern Haufen stürzen würden. Endlich ließ doch die Furcht ein wenig nach, und ich bekam Erlaubnis, das Geschütz abzufeuern. Es wurden nicht weniger, als dreihundert und dreißig Pfund Pulver dazu erfordert, und die Kugel wog, wie ich vorhin sagte, eilfhundert Pfund. Als der Kanonier mit dem Zünder ankam, zog sich der Haufen, der mich umgab, so wett zurück, als er konnte. Mit genauer Not überredete ich den Bassa, der aus Besorgnis herzukam, dass keine Gefahr zu besorgen sei. Selbst dem Kanonier, der es nach meiner Anweisung abfeuern sollte, klopfte vor Angst das Herz. Ich nahm meinen Platz in einer Mauerschanze hinter dem Geschütze, gab das Zeichen, und fühlte einen Stoß wie von einem|[81] Erdbeben. In einer Entfernung von dreihundert Klaftern zersprang die Kugel in drei Stücke; diese flogen über die Meerenge, prallten von dem Wasser empor an die gegenseitigen Berge, und setzten den ganzen Kanal, so breit er war, in einen Schaum.“

Dies, meine Herren, ist, soviel ich mich erinnere, Baron Totts Nachricht von der größten Kanone in der bekannten Welt. Als nun der Herr von Münchhausen und ich jene Gegend besuchten, wurde die Abfeuerung dieses ungeheueren Geschützes durch den Baron Tott uns als ein Beispiel der außerordentlichen Herzhaftigkeit dieses Herrn erzählt.

Mein Gönner, der es durchaus nicht vertragen konnte, dass ein Franzose ihm Etwas zuvorgetan haben sollte, nahm eben dieses Geschütz auf seine Schulter, sprang, als ers in seine eigentliche waagrechte Lage gebracht hatte, gerades Weges ins Meer, und schwamm Damit an die gegenseitige Küste. Don dort aus versuchte er unglücklicher Weise die Kanone auf ihre vorige Stelle zurück zu werfen. Ich sage, unglücklicher Weise! denn sie glitt ihm ein wenig zu frühe aus der Hand, gerade als er zum Wurfe|[82] ausholte. Hierdurch geschah es dann, dass sie mitten in den Kanal fiel, wo sie nun noch liegt und wahrscheinlich bin an den jüngsten Tag liegen bleiben wird.

 

 

Dies, meine Herren, war es eigentlich, womit es der Herr Baron bei dem Großsultan ganz und gar verdarb. Die Schatzhistorie, der er vorhin seine Ungnade beimaß, war längst vergessen. Denn der Großsultan hat ja genug einzunehmen, und konnte seine Schatzkammer bald wieder füllen. Auch befand der Herr Baron, auf eine eigenhändige Wiedereinladung des Großsultans, sich erst jetzt zum letzten Male in der Türkei; und wäre vielleicht wohl noch da[83]| wenn der Verlust dieses berüchtigten Geschützes, den grausamen Türken nicht so aufgebracht hätte, dass er nun unwiderruflich den Befehl gab, dem Baron den Kopf abzuschlagen. Doch er erhielt unverzüglich von diesem blutgierigen Vorhaben Nachricht, und verbarg sich so lange in seinem eigenen Gemache, als der Offizier, dem die Exekution aufgetragen war, mit seinen Helfershelfern nach ihm suchte. In der nächstfolgenden Nacht flüchteten wir an den Bord eines nach Venedig bestimmten Schiffes, welches gerade im Begriffe war unter Segel zu gehen, und kamen glücklich davon.

Dieser Begebenheit erwähnt der Baron nicht gern, weil ihm da sein Versuch misslang und er noch dazu bei einem Haare sein Leben oben drein verloren hätte. Da sie gleichwohl ganz und gar nicht zu seiner Schande gereicht, so pflege ich sie wohl bisweilen hinter seinem Rücken zu erzählen. Mit größerm Vergnügen erinnert er sich folgender, die ich Ihnen das mit seinen eigenen Worten vortrage:

Während der letzten Belagerung von Gibraltar pflegt er zu erzählen, segelte ich mit einer Proviantflotte unter Lord Rodney’s Kommando nach dieser Festung, um meinen alten Freund, den General|[84] Elliot, zu besuchen, der durch die ausgezeichnete Verteidigung dieses Platzes sich Lorbeern erworben hat, die nie verwelken können. Sobald die erste Hitze der Freude, die immer mit dem Wiedersehen alter Freunde verbunden ist, sich etwas abgekühlt hatte, ging ich in Begleitung des Generals in der Festung umher, um den Zustand der Besatzung und die Anstalten des Feindes kennen zu lernen. Ich hatte aus London ein sehr vortreffliches Spiegelteleskop, das ich von Dolland gekauft hatte, mitgebracht. Durch Hilfe desselben fand ich, dass der Feind gerade im Begriffe war, einen Sechs und dreißigpfünder auf den Fleck abzufeuern, auf dem wir standen. Ich sagte dies dem General; er sah auch durch das Perspektiv, und fand meine Mutmaßung richtig. Auf seine Erlaubnis ließ ich sogleich einen Acht und vierzigpfünder von der nächsten Batterie bringen, und richtete ihn – denn was Artillerie betrifft, habe ich, ohne mich zu rühmen, meinen Meister noch nicht gefunden – so genau, dass ich meines Zieles vollkommen gewiss war.

Nun beobachtete ich die Feinde auf das schärfste, bis ich sah, dass sie die Zündrute an|[85] das Zündloch ihres Stückes legten; und in demselben Augenblicke gab ich das Zeichen, dass unsre Kanone gleichfalls abgefeuert werden sollte. Ungefähr auf der Mitte des Weges schlugen die beiden Kugeln mit fürchterlicher Stärke gegen einander, und die Wirkung davon war erstaunend. Die feindliche Kugel prallte mit solcher Heftigkeit zurück, dass sie nicht nur dem Manne, der sie abgeschossen hatte, rein den Kopf wegnahm, sondern auch noch sechzehn andere Köpfe vom Rumpfe schnellte, die ihr auf ihrem Fluge nach der afrikanischen Küste im Wege standen. Ehe sie aber nach der Barbarei kam, fuhr sie durch die Hauptmaste von drei Schiffen die eben in einer Linie hintereinander im Hafen lagen; und dann flog sie noch gegen zweihundert englische Meilen in das Land hinein.

Unsre Kugel tat inzwischen, bis sie zum Sinken kam, noch mehrere vortreffliche Dienste. Sie trieb nicht nur die andere auf die eben beschriebene Weise zurück, sondern setzte auch, meiner Absicht gemäß, ihren Weg fort, hob dieselbe Kanone, die gerade gegen uns gebraucht worden war, von der Lafette, und warf sie mit solcher Heftigkeit in den Kielraum eines Schiffes, dass|[86] sie sogleich den Boden desselben durchschlug. Das Schiff schöpfte Wasser, und sank mit tausend spanischen Matrosen und einer beträchtlichen Anzahl Soldaten, die sich auf demselben befanden, unter. – Dies war gewiss eine höchst außerordentliche Tat. Ich verlange indes keines Weges sie ganz auf die Rechnung meines Verdienstes zu setzen. Meiner Klugheit kommt freilich die Ehre der ersten Erfindung zu, aber der Zufall unterstützte sie einigermaßen. Ich fand nämlich nachher, dass unser Acht und vierzigpfünder durch ein Versehen auf eine doppelte Portion Pulver gesetzt war, wodurch allein seine unerwartete Wirkung, vorzüglich in Absicht der zurückworfenen feindlichen Kugel, begreiflich wird.

General Elliot bot mir für diesen ausnehmenden Dienst eine Offizierstelle an; ich lehnte aber Alles ab, und begnügte mich mit seinem Danke, den er mir denselben Abend an der Tafel in Gegenwart aller Offiziere auf die ehrenvolleste Weise abstattete.

Da ich sehr für die Engländer eingenommen bin, weil sie unstreitig ein vorzüglich braves Volk sind, so machte ich mir es zum Gesetze, die Festung nicht zu verlassen, bis ich ihnen noch|[87] einen Dienst würde geleistet haben; und in ungefähr drei Wochen bot sich mir eine gute Gelegenheit dazu dar. Ich kleidete mich wie ein Priester, schlich um ein Uhr des Morgens mich aus der Festung weg, und kam glücklich durch die Linien der Feinde mitten in ihrem Lager an. Dort ging ich in das Zelt, in welchem der Graf von Artois mit dem ersten Befehlshaber und verschiedenen andern Offizieren einen Plan entwarfen, die Festung den nächsten Morgen zu stürmen. Meine Verkleidung war mein Schutz. Niemand wies mich zurück, und ich konnte ungestört Alles anhören, was vorging. Endlich begaben sie sich zu Bette; und nun fand ich das ganze Lager, selbst die Schildwachen, in dem tiefsten Schlafe begraben.

Sogleich fing ich meine Arbeit an, hob alle ihre Kanonen, über dreihundert Stücke, von den Acht und vierzigpfündern bis zu den Vier und zwanzigpfündern von den Lafetten herunter, und warf sie drei Meilen weit in die See hinaus. Da ich ganz und gar keine Hilfe hatte, so war dies da schwerste Stück Arbeit, das ich je unternommen hatte; eines etwa ausgenommen, das, wie ich höre, ihnen neulich in meiner Abwesenheit Einer|[88] meiner Bekannten zu erzählen für gut fand, da ich nämlich mit dem ungeheuern, von dem Baron von Tott beschriebenen türkischen Geschütze an das gegenseitige Ufer des Meeres schwamm.

Sobald ich Damit fertig war, schleppte ich alle Lafetten und Karren in die Mitte des Lagers, und damit das Rasseln der Räder kein Geräusch machen möchte, so trug ich sie paarweise unter den Armen zusammen. – Ein herrlicher Haufe war es, wenigstens so hoch als der Felsen von Gibraltar. – Dann schlug ich mit dem abgebrochenen Stücke eines eisernen Acht und vierzigpfünders an einen Kiesel, der zwanzig Fuß unter der Erde in einer noch von den Arabern gebauten Mauer steckte, Feuer, zündete eine Lunte an, und setzte den ganzen Haufen in Brand. Ich vergaß Ihnen zu sagen, dass ich erst noch oben auf alle Kriegsvorratwagen geworfen hatte.

Was am brennbarsten war, hatte ich klüglich unten hingelegt, und so war nun in einem Augenblicke Alles eine lichterlohe Flamme. Um allem Verdachte zu entgehen, war ich Einer der Ersten der Lärmen machte. Das ganze Lager geriet, wie Sie sich vorstellen können, in das schrecklichste Erstaunen, und der allgemeine Schluss|[89] war, dass die Schildwachen bestochen, und sieben oder acht Regimenter aus der Festung zu dieser grässlichen Zerstörung ihrer Artillerie gebrauche worden wären. Herr Drinkwater erwähnt, in seiner Geschichte dieser berühmten Belagerung, eines großen Verlustes, den die Feinde durch einen im Lager entstandenen Brand erlitten hätten, weiß aber im geringsten nicht die Ursache desselben anzugeben. Und das konnte er auch nicht: denn ich entdeckte die Sache noch keinem Menschen (obgleich ich allein durch die Arbeit dieser Nacht Gibraltar rettete) selbst dem General Elliot nicht.

Etwa zwei Monate, nachdem ich den Belagerten diesen Dienst getan hatte, saß ich eines Morgens mit dem General Elliot beim Frühstücke, als auf einmal eine Bombe (denn ich hatte nicht Zeit, ihre Mörser ihren Kanonen nachzuschicken) in das Zimmer flog, und auf den Tisch nieder fiel; ich nahm die Bombe, ehe sie sprang, und trug sie auf die Spitze des Felsen. Von hieraus sah ich auf einem Hügel der Seeküste, unweit des feindlichen Lagers, eine ziemliche Menge Leute, konnte aber mit bloßen Augen nicht entdecken, was sie vorhatten. Ich nahm|[90] also mein Teleskop zu Hilfe, und fand nun, dass Zwei von unseren Offizieren, Einer ein General, und der Andere ein Oberster, die noch den vorigen Abend mit mir zugebracht, und sich um Mitternacht als Spione in das spanische Lager geschlichen hatten, dem Feinde in die Hände gefallen waren, und eben gehängt werden sollten.

Die Entfernung war zu groß, als dass ich die Bombe aus freier Hand hätte hinwerfen können. Glücklicher Weise fiel mir bei, dass ich eine Schleuder in der Tasche hatte. Ich legte meine Bombe hinein, und schleuderte sie sogleich mitten in den Kreis. So wie sie niederfiel, sprang sie auch, und tötete alle Umstehende, ausgenommen die beiden englischen Offiziere, die zu ihrem Glücke gerade in die Höhe gezogen worden waren. Ein Stück der Bombe flog indessen gegen den Fuß des Galgens, der dadurch sogleich umfiel. Unsere beide Freunde fühlten kaum festes Land, als sie sich nach dem Grunde dieser unerwarteten Katastrophe umsahen; und da sie fanden, dass Wache, Henker und Alles den Einfall gekriegt hatte, zuerst zu sterben, so machten sie einander von ihren unbehaglichen Stricken los,|[91] liefen nach dem Seeufer, sprangen in ein spanisches Boot und nötigten die beiden Leute, die darin waren, sie nach einem unserer Schiffe zu rudern. Einige Minuten nachher, da ich gerade dem General Elliot die Sache erklärte, kamen sie glücklich an, und nach gegenseitigen Erklärungen und Glückwünschen, feierten wir diesen merkwürdigen Tag auf die froheste Art von der Welt.

 

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Achtes Seeabenteuer.

 

Ohne Zweifel haben sie von der letzten nördlichen Entdeckungsreise des Kapitän Phipp’s – gegenwärtigen Lord Mulgrave – gehört. Ich begleitete den Kapitän – nicht als Offizier, sondern als Freund. – Da wir unter einen ziemlich hohen Grad nördlicher Breite gekommen waren, nahm ich mein Teleskop, mit dem ich Sie bei der Geschichte meiner Reise nach Gibraltar schon bekannt gemacht habe, und betrachtete die Gegenstände, die ich nun um mich hatte. – Denn, im Vorbeigehen gesagt, ich halte es|[92] immer für gut, sich von Zeit zu Zeit einmal umzusehen, vorzüglich auf Reisen.

Ungefähr eine halbe Meile von uns schwamm ein Eisgebirge, das weit höher als unsere Maste war, und auf demselben sah ich zwei weiße Bären, die meiner Meinung nach in einem hitzigen Zweikampfe begriffen waren. Ich hing sogleich mein Gewehr um, und machte mich zu dem Eise hin, fand aber, als ich erst auf den Gipfel desselben gekommen war, einen unaussprechlich mühsamen und gefahrvollen Weg. Oft musste ich über schreckliche Abgründe springen; und an andern Stellen war die Oberfläche so glatt wie ein Spiegel, so, dass meine Bewegung ein beständiges Fallen und Aufstehen war. Doch endlich kam ich so weit, dass ich die Bären erreichen konnte, und zugleich sah ich auch, dass sie nicht miteinander kämpften, sondern nur spielten.

Ich überrechnete schon den Wert ihrer Felle – denn jeder war wenigstens so groß als ein gut gemästeter Ochse – allein, indem ich eben mein Gewehr anlegen wollte, glitschte ich mit dem rechten Fuße aus, fiel rückwärts nieder, und verlor durch dir Heftigkeit des Schlages, den ich tat, auf eine kleine halbe Stunde|[93] alles Bewusstsein. Stellen Sie sich mein Erstaunen vor, als ich erwachte, und fand, dass Eines von den eben genannten Ungeheuern mich herum auf mein Gesicht gedrehet hatte, und gerade den Bund meiner neuen ledernen Hose packte. Der obere Teil meines Leibes steckte unter seinem Bauche, und meine Beine standen voraus. Gott weiß, wohin mich die Bestie geschleppt hätte; aber ich kriegte mein Taschenmesser heraus – dasselbe, das Sie hier sehen – hackte in seinen linken Hinterfuß, und schnitt ihm drei von seinen Zehen ab. Nun ließ er mich sogleich fallen, und brüllte fürchterlich. Ich nahm mein Gewehr, feuerte auf ihn, so wie er weglief, und plötzlich fiel er nieder.

Mein Schuss hatte nun zwar eines von diesen blutdürstigen Tieren auf ewig eingeschläfert; aber mehrere Tausende, die in dem Umkreis von einer halben Meile auf dem Eise lagen, und schliefen, aufgeweckt. Alle mit einander kämen spornstreichs angelaufen. Zeit war nicht zu verlieren. Ich aber war verloren, oder ein schneller Einfall musste mich retten. – Er kam. – Etwa in der Hälfte der Zeit, die ein geübter Jäger braucht, um einem Hasen den Balg ab|[94]zustreifen, zog ich dem toten Bären seinen Rock aus, wickelte mich darein, und steckte meinen Kopf gerade unter den seinigen. Kaum war ich fertig, so versammelte sich die ganze Herde um mich herum. Mir wurde heiß und kalt unter meinem Pelze, Indes meine List gelang mir vortrefflich. Sie kamen, einer nach dem andern, berochen mich, und hielten mich augenscheinlich für einen Bruder Petz. Es fehlte mir auch nichts als die Größe, um ihnen vollkommen gleich zu sehen; und verschiedene Junge unter ihnen waren nicht viel größer als ich, Als sie alle mich und den Leichnam ihres verschiedenen Gefährten berochen hatten, schienen sie sehr gesellig zu werden; auch konnte ich alle ihre Handlungen so ziemlich nachmachen; nur im Brummen, Brüllen und Balgen waren sie meine Meister. So sehr ich aber wie ein Bar aussah, so war ich doch noch Mensch – ich fing an zu überlegen, wie ich dir Vertraulichkeit, die zwischen mir und diesen Tieren sich erzeugt hatte, wohl auf das vorteilhafteste nützen könnte.

Ich hatte ehedem von einem alten Feldarzte gehört, dass eine Wunde im Rückgrade augen|[95]blicklich tödlich sei. Hierüber beschloss ich nun einen Versuch anzustellen. Ich nahm mein Messer wieder zur Hand, und stieß es dem größten Bären nahe bei den Schultern in den Nacken. Allerdings war dies ein sehr gewagter Streich, und es war mir auch nicht wenig bange. Denn Das war ausgemacht; überlebte die Bestie den Stoß, so war ich in Stücke zerrissen. Allein, mein Versuch gelang glücklich; der Bär fiel tot zu meinen Füßen nieder, ohne einmal zu mucksen. Nun nahm ich mir vor, allen übrigen auf eben die Art den Rest zu geben; und dies wurde mir auch gar nicht schwer: denn, ob sie gleich ihre Brüder zur Rechten und zur Linken fallen sahen, so hatten sie doch kein Arg daraus. Sie dachten weder an die Ursache, noch an die Wirkung des Niedersinkens und das war ein Glück für sie, und für mich. – Als ich sie alle tot vor mir liegen sah, kam ich mir vor wie Simson, als er die Tausende geschlagen hatte.

Die Sache kurz zu machen, ich ging nach dem Schiffe zurück und bat mir drei Teile des Volkes aus, die mir helfen mussten, die Felle abzustreifen und die Schinken an Bord zu tra|[95]gen. Wir waren in wenig Stunden Damit fertig, und beluden das ganze Schiff Damit. Was übrig blieb wurde in das Wasser geworfen, ungeachtet ich nicht zweifele, dass es gehörig eingesalzen, eben so gut schmecken würde, als dir Keulen.

Sobald wir zurückkamen, schickte ich einigt Schinken, im Namen des Kapitäns, an dir Lords von der Admiralität, andere an die Lords von der Schatzkammer, etliche an den Lordmajor und den Stadtrat von London, einige wenige an die Handlungsgesellschaften, und die übrigen an meine besondere Freunde. Von allen Orten bezeugte man mir den wärmsten Dank; die City aber erwiederte mein Geschenk auf eine sehr nachdrückliche Art, nämlich durch eine Einladung, jährlich an dem Wahltage des Lordmajors auf dem Rathause zu speisen.

 

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[97] Neuntes Seeabenteuer.

 

Eine andere Seereise machte ich von England aus mit dem Kapitän Hamilton. Wir gingen Nach Ostindien. Ich hatten einen Hühnerhund bei mir, der, wie ich im eigentlichsten Sinne behaupten konnte, nicht mit Gold aufzuwiegen war: denn er betrog mich nie. Eines Tages, da wir, nach den besten Beobachtungen, die wir machen konnten, wenigstens noch dreihundert Meilen vom Lande entfernt waren, markierte mein Hund. Ich sah ihn fast eine volle Stunde mit Erstaunen an, und sagte den Umstand dem Kapitän und jedem Offizier am Bord, und behauptete, wir müssten dem Lande nahe sein, denn n ein Hund witterte Wild. Dies verursachte ein allgemeines Gelächter, durch das ich mich aber in der guten Meinung von meinem Hunde gar nicht irre machen ließ.

Nach vielem Streiten für und wider die Sache, erklärte ich endlich dem Kapitän mit der größten Festigkeit, dass ich zu der Nase meines Tray mehr Zutrauen habe, als zu den Augen aller|[98] Seeleute am Bord; und schlug ihm daher kühn eine Wette von hundert Guineen vor – der Summe, die ich für diese Reise akkordiert hatte – wir würden in der ersten halben Stunde Wild finden.

Der Kapitän – ein herzensguter Mann – fing wieder an zu lachen, und ersuchte Herrn Crawford, unsern Schiffschirurgus, mir den Puls zu fühlen. Er tat es, und berichten, ich wäre vollkommen gesund. Darauf entstand ein Geflüster zwischen Beiden, wovon ich indes das Meiste deutlich genug verstand.

,,Er ist nicht recht bei Sinnen, sagte der Kapitän, ich kann mit Ehre die Wette nicht annehmen.“

„Ich bin ganz der entgegengesetzten Meinung, erwiederte der Chirurgus. Es fehlt ihm nicht das Mindeste. Nur verlässt er sich mehr auf den Geruch seines Hundes, als auf den Verstand jedes Offiziers am Bord. – Verlieren wird er auf alle Fälle; aber er verdient es auch.“

„So eine Wette, fuhr der Kapitän fort, kann von meiner Seite niemals so ganz redlich sein. Indes, es wird desto rühmlicher für mich|[99] sein, wenn ich ihm nachher das Geld wieder zurückgebe.“

Während dieser Unterredung blieb Tray immer in derselben Stellung, und bestätigte mich noch mehr in meiner Meinung. Ich schlug die Wette zum zweiten Male vor; und sie wurde angenommen.

Kaum war Topp und Topp auf beiden Seiten gesagt, als einige Matrosen, die in dem langen Boote, das an das Hinterteil des Schiffes befestigt war, fischten, einen außerordentlich großen Hai erlegten, den sie auch sogleich an Bord brachten. Sie fingen an den Fisch aufzuschneiden, und – sieh! – da fanden wir nicht weniger als sechs Paar lebendige Rebhühner in dem Magen des Tieres.

Diese armen Geschöpfe waren schon so lange in dieser Lage gewesen, dass Eine von den Hennen auf fünf Eiern saß, wovon eines gerade ausgebrütet war, als der Hai geöffnet wurde.

Diesen jungen Vogel zogen wir nebst einem Wurfe kleiner Katzen auf, die wenige Minuten vorher zur Welt gekommen waren. Die alte Katze hatte ihn so lieb als eines ihrer vierbeinigen Kinder, und tat immer erstaunend übel,|[100] wenn das Huhn etwas zu weit wegflog, und nicht gleich wieder zurückkommen wollten – Unter den übrigen Rebhühnern hatten wir vier Hennen, von denen immer eine oder mehrere saßen, so dass wir, während unsrer ganzen Reise, beständig einen Überfluss von Wildbret auf des Kapitäns Tafel hatten. – Dem armen Tray ließ ich, zum Danke für die hundert Guineen, die ich durch ihn gewonnen hatte, täglich die Knochen geben, und bisweilen auch einen ganzen Vogel.

 

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Reise durch die Welt

nebst andern merkwürdigen Abenteuern.

 

Wenn ich Ihren Augen trauen darf, meine Herren, so möchte Ich wohl eher müde werden, Ihnen sonderbare Begebenheiten meines Lebens zu erzählen, als Sie, mich anzuhören. Ihre Gefälligkeit ist mir zu schmeichelhaft, als dass ich, wir ich mir vorgenommen hatte, meine Erzählung schließen sollte. Hören Sie also, wenn es Ihnen beliebt, noch eine Geschichte, die an|[101] Glaubwürdigkeit den vorigen gleich kommt, an Merkwürdigkeit und Wunderbarkeit sie vielleicht noch übertrifft.

Brydone’s Reisen nach Sizilien, die ich mit ungemeinem Vergnügen durchlesen habe, machten mir Luft den Berg Ätna zu besuchen. Auf meinem Wege dahin stieß mir nichts Merkwürdiges auf. Ich sage mir: denn mancher Andere hatte wohl Manches äußerst merkwürdig gefunden, und zum Ersatze der Reisekosten umständlich dem Publikum erzählt, was mir alltägliche Kleinigkeit war, womit ich keines ehrlichen Mannes Geduld ermüden mag.

Eines Morgens reisete ich früh aus einer am Fuße des Berges gelegenen Hütte ab, fest entschlossen, auch wenn es auf Kosten meines Lebens geschehen sollte, die innere Einrichtung dieser berühmten Feuerpfanne zu untersuchen und auszuforschen. Nach einem mühseligen Wege von drei Stunden befand ich mich auf der Spitze des Berges. Er tobte damals gerade, und hatte schon drei Wochen getobt. Wie er unter den Umständen aussiebt, das ist schon so oft geschildert worden, dass, wenn Schilderungen es darstellen können, ich auf alle Fälle zu spät komme;|[102] und wenn sie, wie ich aus Erfahrung sagen darf, es nicht können, so wird es am besten  getan sein, wenn nicht auch ich über dem Versuche einer Unmöglichkeit die Zeit verliere, und Sie die gute Laune.

Ich ging drei Mal um den Krater herum – den Sie sich als einen ungeheueren Trichter verstellen können – und da ich sah, dass ich dadurch weniger oder nichts klüger wurde, fasste ich kurz und gut den Entschluss, hineinzuspringen. Kaum hatte ich dies getan, so befand ich mich auch in einem verzweifelt warmen Schwitzkasten, und mein armer Leichnam wurde durch die rotglühenden Kohlen, hie beständig heraufschlugen, an mehrern Teilen, edeln und  unedeln, jämmerlich verbrannt.

So stark übrigens die Gewalt war, mit der die Kohlen herausgeschmissen wurden, so war doch die Schwere, mit der mein Körper hinunter sank, um ein Beträchtliches größer, und ich kam in kürzer Zeit glücklicher Weise auf den Grund. Das Erste, was ich gewahr wurde, war ein abscheuliches Poltern, Lärmen, Schreien und Fluchen, das rings um mich zu sein schien. – Ich schlug die Augen auf, und sieh da! ich|[103] war in der Gesellschaft Vulkans und seiner Cyclopen. Diese Herren – die ich die ich in meinem weisen Sinne längst ins Reich der Lügen verwiesen hatte – hatten sich seit drei Wochen über Ordnung und Subordination gezankt, und davon war der Unfug in der Oberwelt gekommen. Meine Erscheinung stellte auf einmal unter der ganzen Gesellschaft Frieden und Eintracht her. Vulkan hinkte sogleich nach seinem Schranke bin, und holte Pflaster und Salben, die er mir mit eigner Hand auflegte; und in wenigen Augenblicken waren meine Wunden geheilt.

Vulkan gab mir eine sehr genaue Beschreibung von dem Berge Ätna. Er sagte mir, dass derselbe Nichts als eine Aufhäufung der Asche wäre, die aus seiner Esse ausgeworfen würde; dass er häufig genötigt wäre, seine Leute zu strafen, dass er ihnen dann im Zorn rotglühende Kohlen auf den Leib wärfe, die sie oft mit großer Geschicklichkeit parierten, und in die Welt hinaus schmissen, um sie ihm aus den Händen zu bringen. Unsere Uneinigkeiten, fuhr er fort, dauern bisweilen mehrere Monate, und die Erscheinungen, die sie auf der Welt veranlassen, sind Das, was ihr Sterbliche, wie ich finde, Aus|[104]brüche nennet. Der Berg Vesuv ist gleichfalls Eine meiner Werkstätten, zu der mich ein Weg führt, der wenigstens dreihundert und fünfzig Meilen unter der See hinläuft. – Ähnliche Uneinigkeiten bringen auch dort ähnliche Ausbrüche hervor.

Ich würde vielleicht nie diese unterirdischen Paläste verlassen haben, wenn nicht einige geschäftige, schadenfrohe Schwätzer dem Vulkan einen Floh ins Ohr gesetzt und ein heftiges Zornfeuer in seinem sonst so gutmütigen Herzen angeblasen hätten. – Ohne mir vorher nur den geringsten Wink zu geben, nahm er mich eines Morgens, trug mich in ein Zimmer, das ich niemals noch gesehen hatte, hielt mich über einen tiefen Brunnen, wie es mir vorkam, und sprach: „Undankbarer Sterblicher! kehre zurück zu der Welt, von der du kamst.“ Mit diesen Worten ließ er mich, ohne mir einen Augenblick Zeit zur Verteidigung zu gehen, mitten in den Abgrund hinunterfallen.

Ich fiel, und fiel mit immer zunehmender Geschwindigkeit, bis die Angst meiner Seele mir endlich alle Besinnung nahm. Plötzlich aber wurde ich aus meiner Ohnmacht aufgeweckt, indem|[105] ich auf einmal in eine ungeheure See von Wasser kam, die durch die Strahlen der Sonne erleuchtet wurde. Ich konnte von meiner Jugend auf gut schwimmen, und alle mögliche Wasserkünste machen. Daher war ich hier, gleichwie zu Hause, und in Vergleichung mit der fürchterlichen Lage, aus der ich eben befreit worden, kam mir meine gegenwärtige wie ein Paradies vor. –

Ich sah mich auf allen Seiten um, sah aber leider auf allen Seiten Nichts als Wasser; auch unterschied sich das Klima, unter dem ich mich nun befand, sehr unbehaglich von Meister Vulkans Esse. Endlich entdeckte ich in einiger Entfernung Etwas, das wie ein erstaunlich großer Felsen aussah, und auf mich zu zukommen schien. Bald zeigte sichs, dass es Eines er schwimmenden Eisgebirge war. Nach langem Suchen fand ich endlich eine Stelle, an der ich auf dasselbe hinauf, und bis zur obersten Spitze kommen konnte. Allein, zu meiner größten Verzweiflung war es mir auch von hier aus noch unmöglich, Land zu entdecken. Endlich, kurz vor Dunkel, sah ich ein Schiff, das gegen mich zufuhr. Sobald ich nahe genug war, rief ich; man antwortete mir holländisch; ich sprang in die See,|[106] schwamm zu dem Schiffe hin, und wurde an Bord gezogen. Ich erkundigte mich, wo wir wären, und erhielt die Antwort: im Südmeere. Diese Entdeckung lösete auf einmal das ganze Rätsel. Es war nun ausgemacht, dass ich von dem Berge Ätna durch den Mittelpunkt der Erde in die Südsee gefallen war; ein Weg der auf alle Fälle kürzer ist, als der um die Welt. Noch hatte ihn Niemand versucht als ich, und mache ich ihn wieder, so werde ich gewiss sorgfältigere Beobachtungen anstellen.

Ich ließ mir einige Erfrischungen geben, und ging zu Bette. Ein grobes Volk aber ist es um die Holländer. Ich erzählte meine Abenteuer den Offizieren, eben so aufrichtig und stimmig als Ihnen, meine Herren, und Einige davon, vorzüglich der Kapitän, machten Miene, als zweifelten sie an meiner Wahrhaftigkeit. Indes sie hatten mich freundschaftlich in ihr Schiff genommen, ich musste durchaus ihrer Gnade leben, und folglich, wollte ich wohl oder übel, den Schimpf in die Tasche stecken.

Ich erkundigte mich nun, wohin ihre Reise ginge. Sie antworteten mir, sie wären auf neue Entdeckungen ausgefahren, und wenn meine|[107] Erzählung wahr wäre, so sei ihre Absicht auf alle Fälle erreicht, Wir waren nun gerade auf dem Wege, den Kapitän Cook gemacht hatte, und kamen den andern Morgen nach der Botany Bay – ein Ort, nach dem die englische Regierung wahrhaftig nicht Spitzbuben schicken sollte, um sie zu strafen, sondern verdiente Männer. um sie zu belohnen, so reichlich hat hier hie Natur ihre beste Geschenke ausgeschüttet.

Wir blieben hier nur drei Tage; den vierten nach unsrer Abreise entstand ein fürchterlicher Sturm, der in wenig Stunden alle unsere Segel zerriss, unser Bogspriet zersplitterte, und die große Bramstange umlegte, die gerade auf das Behältnis fiel, in dem unser Kompass verschlossen war, und das Kästchen und den Kompass in Stücke schlug. Jedermann, der zur See gewesen ist, weiß, von welchen traurigen Folgen ein solcher Verlust ist, Wir wussten nun weder aus noch ein. Endlich legte sich der Sturm, und es folgte ein anhaltender munterer Wind. Drei Monate waren wir gefahren, und notwendig mussten wir eine ungeheure Strecke Wegs zurückgelegt haben, als wir auf einmal an Allem, was um uns war, eine erstaunliche Verände|[108]rung bemerkten. Wir wurden so leicht und froh; unsere Nasen wurden mit den angenehmsten Balsamdüften erfüllt; auch die See hatte ihre Farbe gerändert, und war nicht mehr grün, sondern weiß. –

Bald nach dieser wundervollen Veränderung sahen wir Land, und nicht weit von uns einen Hafen, auf den wir zusegelten, und den wir sehr geräumig und tief fanden. Statt des Wassers war er mit vortrefflich schmeckender Milch angefüllt. Wir landeten, und – die ganze Insel bestand aus einem großen Käse. Wir hätten dies vielleicht gar nicht entdeckt, wenn uns nicht ein sonderbarer Umstand auf die Spur geholfen hätte. Es war nämlich aus unserm Schiffe ein Matrose, der eine natürliche Antipathie gegen den Käse hatte. Sobald dieser ans Land trat, fiel er in Ohnmacht. Als er wieder zu sich selbst kam, bat er, man möchte doch den Käse unter feinen Füßen wegnehmen, und da man zusah, fand sichs, dass er vollkommen Recht hatte; die ganze Insel war, wie gesagt. Nichts als ein ungeheuerer Käslaib. Von dem lebten auch die Einwohner größtenteils, und so Viel bei Tage verzehrt wurde, wuchs immer des Nachts wieder|[109] zu. Wir sahen eine Menge Weinstöcke, mir schönen großen Trauben, die, wenn sie gepresst wurden, Nichts als Milch gaben. Die Einwohner waren aufrecht gehende hübsche Geschöpfe, meistens neun Fuß hoch, hatten drei Beine und einen Arm, und wenn sie erwachsen waren, auf der Stirn ein Horn, das sie mit vieler Geschicklichkeit brauchten. Sie hielten auf der Oberfläche der Milch Wettläufe, und spazierten, ohne zu sinken, mit so vielem Anstande darauf herum, als wir auf einer Wiese.

 Auch wuchs auf dieser Insel, oder diesem Käslaibe, eine Menge Korn mit Ähren, die wie Erdschwämme aussahen, in denen Brote lagen, die vollkommen ausgebacken waren, und sogleich gegessen werden konnten. Auf unseren Streifereien über diesen Käse hin entdeckten wir sieben Flüsse von Milch, und zwei von Wein.

Nach einer sechszehntägigen Reise kamen wir an das Ufer, das dem, an welchem wir gelandet hatten, gegen über lag. Hier fanden wir eine ganze Strecke des angegangenen blauen Käses, aus dem die wahren Käsen Esser so viel Wesens zu machen pflegen. Anstatt dass aber Milben darin gewesen wären, wuchsen die vor|[110]trefflichsten Obstbäume darauf, als Pfirsiche, Aprikosen, und tausend andere Arten, die wir gar nicht kannten. Auf diesen Bäumen, die erstaunlich groß sind, waren eine Menge Vogelnester. Unter andern fiel uns ein Eisvogelnest in die Augen, das im Umkreise fünf Mal so groß war, als das Dach der St. Paulskirche in London. Es war künstlich aus ungeheuern Bäumen zusammen geflochten, und es lagen wenigstens – warten Sie – denn ich mag gern Alles genau bestimmen – wenigstens fünfhundert Eier darin, und jedes war ungefähr so groß als ein Oxhöft. Die Jungen darin konnten wir nicht nur sehen, sondern auch pfeifen hören. Als wir mit vieler Mühe ein solches Ei aufgemacht hatten, kam ein junges unbefiedertes Vögelchen heraus, das ein gut Teil größer war, als zwanzig ausgewachsene Geier. Wir hatten kaum das junge Tier in Freiheit gesetzt, so ließ sich der alte Eisvogel herunter, packte in Eine seiner Klauen unsern Kapitän, flog eine Meile weit mit ihm in die Höhe, schlug ihn heftig mit den Flügeln, und ließ ihn dann in die See fallen.

Die Holländer schwimmen alle wie die Ratten; er war bald wieder bei uns, und wir kehr|[111]ten nach unserm Schiffe zurück. Wir nahmen aber nicht den alten Weg, und fanden daher auch noch viele ganz neue und sonderbare Dinge. Unter andern schossen wir zwei wilde Ochsen, die nur ein Horn haben, das ihnen zwischen beiden Augen heraus wächst. Es tat uns nachher leid, dass wir sie erlegt hatten, da wir erfuhren, dass die Einwohner sie zahm machten, und, wie wir die Pferde, zum Reiten und Fahren gebrauchen. Ihr Fleisch soll, wie man uns sagte, vortrefflich schmecken, ist aber einem Volke, das bloß von Milch und Käse lebt, gänzlich überflüssig.

Als wir noch zwei Tagereisen von unserm Schiffe entfernt waren, sahen wir drei Leute, die an hohe Bäume bei den Beinen aufgehängt waren. Ich erkundigte mich, was sie begangen hätten, um eine so harte Strafe zu verdienen, und hörte, sie wären in der Fremde gewesen, und hätten bei ihrer Zurückkunft nach Hause ihre Freunde belogen, und ihnen Plätze beschrieben, die sie nie gesehen, und Dinge erzählt, die sich nie zugetragen hätten. Ich fand die Strafe sehr gerecht: denn Nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als strenge der Wahrheit anzuhängen.|[112]

Sobald wir bei unserm Schiffe angelangt waren, lichteten wir die Anker, und segelten von diesem außerordentlichen Lande ab. Alle Bäume am Ufer, unter denen einige sehr große und hohe waren, neigten sich zweimal vor uns, genau in einem Tempo, und nahmen dann ihre vorige gerade Stellung wieder an.

Als wir drei Tage umher gesegelt waren, – der Himmel weiß wo – denn wir hatten noch immer keinen Kompass – kamen wir in eine See, welche ganz schwarz aussah. Wir kosteten das vermeinte schwarze Wasser; und sieh! es war der vortrefflichste Wein. Nun hatten wir genug zu hüten, dass nicht alle Matrosen sich darin berauschten. – Allein, die Freude dauerte nicht lange. Wenige Stunden nachher fanden wir uns von Walfischen und andern unermesslich großen Tieren umgeben, unter denen Eines war, dessen Größe wir selbst mit allen Fernröhren, die wir zu Hilfe nahmen, nicht übersehen konnten. Leider! wurden wir das Ungeheuer nicht eher gewahr, als bis wir ihm ziemlich nahe waren, und auf einmal zog es unser Schiff mit stehenden Masten und vollen Segeln in seinen Rachen zwischen die Zähne, gegen die der Mast des|[113] größten Kriegsschiffes ein kleines Stöckchen ist. Nachdem wir einige Zeit in seinem Rachen gelegen hatten, öffnete es denselben ziemlich weit, schluckte eine unermessliche Menge Wasser ein, und schwemmte unser Schiff, das, wie Sie sich leicht denken können, kein kleiner Bissen war, in den Magen hinunter.

Und hier lagen wir nun so ruhig, als wenn wir bei einer toten Windstille vor Anker lägen. Die Luft war, das ist nicht zu leugnen, etwas warm und unbehaglich. – Wir fanden Anker, Taue, Boote, Barken, und eine beträchtliche Anzahl Schiffe, teils beladene, teils unbeladene, die dieses Geschöpf verschlungen hattes Allein, was wir taten, musste bei Fackeln geschehen. Für uns war keine Sonne, kein Mond und keine Planeten mehr. Gewöhnlich befanden wir uns zweimal des Tages auf hohem Wasser, und zweimal auf dem Grunde. Wenn Tier trank, so hatten wir Flut, und wenn es sein Wasser ließ, so waren wir auf dem Grunde. Nach einer mäßigen Berechnung nahm es gemeiniglich mehr Wasser zu sich, als der Genfer See hält, der doch einen Umfang von dreißig Meilen hat.|[114]

Am zweiten Tage unsrer Gefangenschaft in diesem Reiche der Nacht, wagte ich es bei der Ebbe, wie wir die Zeit nannten, wenn das Schiff auf dem Grunde saß, nebst dem Kapitän und einigen Offizieren eine kleine Streiferei zu tun. Wir hatten uns natürlich Alle mit Fackeln versehen, und trafen nun gegen zehntausend Menschen aus allen Nationen an. Sie wollten gerade eine Beratschlagung halten, wie sie wohl ihre Freiheit wieder erlangen könnten. Einige von ihnen hatten schon mehrere Jahre in dem Magen des Tieres zugebracht. Eben als der Präsident uns über die Sache unterrichten wollte, wegen der wir versammelt waren, wurde unser verfluchte Fisch durstig, und fing an zu trinken; das Wasser strömte mit solcher Heftigkeit herein, dass wir Alle uns augenblicklich nach unseren Schiffen retirieren, oder riskieren mussten zu ertrinken. Verschiedene von uns retteten sich nur mit genauer Not durch Schwimmen.

Einige Stunden nachher waren wir glücklicher. Sobald sich das Ungeheuer ausgeleert hatte, versammelten wir uns wieder. Ich wurde zum Präsidenten gewählt und tat den Vorschlag, zwei der größten Mastbäume zusammen|[115] zu fügen, diese, wenn das Ungeheuer den Rachen öffnete, dazwischen zu sperren, und so das Zuschließen ihm zu verwehren. Dieser Vorschlag würde allgemein angenommen, und hundert starke Männer zu der Ausführung desselben ausgesucht. Kaum hatten wir unsere zwei Mastbäume zu rechte gemacht, so bot sich auch eine Gelegenheit an, sie zu gebrauchen. Das Ungeheuer gähnte, und sogleich keulten wir unsere zusammengesetzte Mastbäume dazwischen, so, dass das eine Ende durch die Zunge durch, gegen den untern Gaumen, das andere gegen den obern stand; wodurch dann wirklich das Zuschließen des Rachens ganz unmöglich gemacht war, wenn unsere Maste noch viel schwächer gewesen wären.

Sobald nun Alles in dem Magen flott war; bemannten wir einige Boote, die sich und uns in die Welt ruderten. Das Licht des Tages bekam uns nach einer, soviel wir beiläufig rechnen konnten, vierzehntägigen Gefangenschaft unaussprechlich wohl – Als wir uns sämtlich aus diesem geräumigen Fischmagen beurlaubt hatten, machten wir gerade eine Flotte von fünf und dreißig Schiffen aus, von allen Nationen. Unsere Mastbäume ließen wir in dem|[116] Rachen des Ungeheuers stecken, um andere vor dem schrecklichen Unglücke zu sichern, in diesen fürchterlichen Abgrund eingesperrt zu werden. 

Unser erster Wunsch war nun, zu erfahren, in welchem Teile der Welt wir uns befänden; und anfänglich konnten wir darüber gar nicht zur Gewissheit kommen. Endlich fand ich nach vormaligen Beobachtungen, dass wir in der kaspischen See wären. Da diese See ganz mit Land umgeben ist, und keine Verbindung mit andern Gewässern hat, so war es uns ganz unbegreiflich, wie wir dahin gekommen wären. Doch Einer von den Einwohnern der Käse-Insel, denn ich mir mit gebracht hatte, gab uns einen sehr vernünftigen Aufschluss darüber. Nach seiner Meinung hatte uns nämlich das Ungeheuer, in dessen Magen wir so lange eingesperrt waren, durch irgend einen unterirdischen Weg hierher gebracht. – Genug, wir waren nun einmal da, und freueten uns, dass wir da waren, und machten, dass wir sobald als möglich ans Ufer kamen. Ich war der Erste, der landete.

Kaum hatte ich meinen Fuß auf das Trockene gesetzt, so kam ein dicker Bär gegen mich angesprungen. Ha! dacht’ ich, du kommst mir|[117] eben recht. Ich packte mit jeder Hand eine seiner Vorderpfoten, und drückte ihn erst zum Willkommen so herzlich, dass er gräulich zu heulen anfing; ich aber, ohne mich dadurch rühren zu lassen, hielt ihn so lang in dieser Stellung, bis ich ihn zu Tode gehungert hatte. Dadurch setzte ich mich bei allen Bären in Respekt, und keiner wagte sich, mir wieder in die Queere zu kommen.

Nun aber genug für heute! Ich empfehle mich, und wünsche Ihnen angenehme Ruhe.

 

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Weitere Erzählungen.

Noch war ich in Konstantinopel, noch besaß ich die höchste Huld und das unbegrenzte Zutrauen des Sultans. Seine Hoheit beschlossen daher in äußerst wichtigen Reichsangelegenheiten mich an den Hof von Marokko zu senden. Alles war schon eingerichtet, in zween Tagen sollte ich abreisen – als mir plötzlich der Gedanke einfiel, noch vorher durch eine besondere|[118] Tat mein Andenken währender Abwesenheit frisch zu erhalten.

Der Sultan hatte mir vor nicht gar langer Zeit eines seiner schönsten Pferde, den herrlichsten Läufer geschenkt. Ich hatte ihn vortrefflich dressiert. Besonders übte ich ihn darin, Sätze zu machen, Anfangs von 9, darauf von 12 Schritten, und so immer weiter, bis ich es dahin brachte, dass er auf 36 Schritte weit in einem Satze sprang. Auch ließ ich eine eigene Rennbahn machen, wo unten der Boden mit lauter sehr spitzigen Stacheln ausgeschlagen war. Auf diesen Stacheln musste er springen, um die größtmöglichste Leichtigkeit und Schnelligkeit zu bekommen. Alle diese Übungen hatte ich bei Nacht mit ihm angestellt. Als ich ihn vollkommen genug glaubte, ließ ich ein Wettrennen ausschreiben. Alle Kavaliere stellten sich ein. Alles zog in feierlichem Pompe hinaus vor das Tor von Konstantinopel. Mit meinem schönen Schnellläufer gewann ich alle Wetten von 100 bis 10000 Zechinen – und zuletzt machte ich noch einen Spaß, der Allen die Köpfe verdrehete.|[119]

 

 

Ich schnellte in die Höhe, machte Satze von 36 Schritt Länge, 36 Schritt Breite, und 36 Schritt Höhe, erst über alle Zuschauer weg, derer sich da eine Million versammlet hatten. Und nun ritt ich mit meinem leichten, schnellfüßigen Tartar über ein stundenlanges Weizenfeld in 15 Minuten hin und her, so schnell wie ein Vogel fliegt, ohne eine Ähre zu beugen, noch weniger einzuknicken. Hätten sie dies vorhergesehen, die Muselmänner würden sich für jede Wette bedankt haben. Münchhausen zog mit Sieg und Pomp, mit Sang und Klang an der Seite des Sul|[120]tans, von Neidern und Gaffern begleitet, ins Tor von Konstantinopel. – Münchhausen zu Ehren war Oper und Ball, und als man nach Hause fuhr, Alles erleuchtet und mit schönen Devisen ausgeschmückt.

Alles war zur Abreise fertig, Ich beurlaubte mich, erhielt meine Kreditive, nahm Abschied, und fuhr Tages darauf in einer prächtigen Fregatte nach Marokko.

Auf meiner Reise begegneten mir einige sonderbare Vorfälle, die meine Freunde in Erstaunen setzen werden. So fabelhaft sie scheinen so wahr sind sie doch. Denn sie sind mir wirklich begegnet, – Und einem Münchhausen kann man Alles zutrauen.

Ein junger Walfisch kam immer an Bord. Er sah recht freundlich aus. So oft ich ihn sah, fütterte ich ihn; und dies mochte die Ursache sein, dass er uns auf der ganzen Fahrt begleitete. Oft streichelte ich ihm seinen Kopf. Einst kam mir gar die Lust an, mich auf das Tier zu setzen. Es ging. Alles lobte die Wundertaten des Herrn von Münchhausen. Alles erscholl von lautem Jubel. Das Meer wiederhallete von Händeklatschen. Manche halbe Stunde bin ich zum|[121] Vergnügen der Gesellschaft neben dem Schiffe hergeritten. Aber einmal wäre es mir beinahe übel ergangen. Ich kitzelte ihn ein wenig zuviel hinter den Ohren – er tauchte mit mir unter und wollte mich sehr wahrscheinlich einmal in seiner Klause traktieren. Wäre er aber nicht gleich wieder heraufgekommen, so wäre es um Münchhausen geschehen gewesen, Ich trauete ihm nicht wieder.

Aber mit einem Haifische gings mir possierlich. Auch mit ihm hatte ich so mein Fest. Ich gab ihm zu essen, und er verstund mich einst unrecht. Er schnappte zu, und im Hui war ich in seinem Rachen. Aber mit eben der Schnelligkeit hatte ich ihm dafür hinten von inwendig seinen Schwanz gepackt. So wie ich ihm nun das Inwendige herauszog, und ihn wie einen Handschuh umkehrte – sie erinnern sich doch noch an den Wolf – so kam ich heraus. Nun konnte ich aber mich von ihm nicht losmachen, weil sein Inwendiges wie Pech festklebte. Er schluckte wieder zu, und ich fuhr hinein; so ging das immer heraus, hinein; heraus, hinein. Alle wollten sich zu Tode lachen über das seltsame Spektakel, das ich ihnen gab. Als ich ihn aber|[122] einige 10mal links gemacht hatte, fassten mich Einige von den Bootsknechten, die in den Kahn gestiegen waren, um dem Dinge zuzusehen, beim Beine, zogen mich herauf, und brachten mich so wohlbehalten samt dem Fische aufs Verdeck.

Als wir so eben mit dem Haifische zu tun hatten, der doch, ungelogen, über 2000 Pfund hatte, hörten wir eine heftige Kanonade, und sahen in demselben Augenblicke 2 Flotten, in Linien formiert, in vollem Treffen vor uns. Der Wind trieb uns, alles unsers Bemühens ungeachtet, gerad auf sie los – und dies mit einer solchen Schnelligkeit, dass wir nicht Zeit hatten, zu untersuchen, was es für Flotten waren. Die Kugeln flogen links und rechts um unsere Köpfe. Schon hatte ich 3 Stücke, von 24 Pfund jedes, aufgefangen, die mir richtig meinen Schädel zersprengt hätten. Das eine Schiff, welches mir zu nahe kam, packte ich sogleich vorn am Kiel, und schleuderte es eine Englische Meile weg. Da ich mich nun so ein wenig in Ruhe sah, dachte ich: Ehe du weiter in Gefahr kommst, sollst du dich lieber so geschwind als möglich davon machen. Ich resolvierte mich kurz und gut, nahm meinen Schnelläufer, setzte mich|[123] darauf, und so im vollen Galopp davon. Zwölf Stunden und einige Minuten war ich geritten, als ich, ohne im mindesten nur Zeichen des kleinsten Wassertropfens an mir zu haben, in Marokko ankam.

Mein Hotel wurde mir sogleich angewiesen, Ich bekam Audienz; überreichte meine Kreditive und besah alle Merkwürdigkeiten.

Als ich kaum vier Wochen hier zugebracht hatte, wurde ich mit wichtigen Aufträgen zum Gesandten an den König von Nubien nach Sennar bestimmt. Unsre Reise ging auf Kamelen vor sich.

Ich will nur bloß das Wichtigste, was sich zwischen tausend abenteuerlichen und unabenteuerlichen Geschichten während der langen Reise zutrug, erzählen, weil ich weiß, dass meinen Lesern mit dem Übrigen wenig gedient ist.

Ein Löwe, der hungrig durch die Sandwüste irrte, war das Erste, woran ich meinen Gefährten einen Beweis von meinen Verdiensten geben konnte. Er war entsetzlich grimmig, Feuer sprühete ihm aus seinen Augen, so, dass einem Sklaven die ganze Oberfläche seiner Hand, wohin ein solcher Funke gefallen, inflammiert war. Wir gingen beide mit Löwendreistigkeit und Herz|[124]haftigkeit auf einander los, stunden eine Weile, machten uns zum Angriffe gefasst; legten dann zugleich Hand an, balgeten uns erst eine Weile herum. Er warf mich hin, ich bekam aber durch den Wurf so viel Elastizität, dass ich oben auf ihm zu liegen kam, wo ich ihn erst bei der Gurgel packte, dann aber ins Maul griff, und ihn so mit beiden Händen mitten durchriss; so, dass ich in jeder Hand eine Hälfte hatte. Nun hatte man gewaltigen Respekt für mich. Alles freuete sich, von dieser Gefahr erlöset zu sein, und bejammerte Nichts mehr, als dass das schöne Löwenfell in zwei Stücke zerrissen sei. Hätte ich das gleich bedacht, ich hätte es ihm über die Ohren gezogen.

Wir kamen in Nubien – und nicht lange darnach in die Hauptstadt desselben Königreichs, Namens Sennar, wo auch der König seine Residenz hatte. Meine Geschenke, die ich dem Könige zu überbringen hatte, bestanden, wie gewöhnlich, aus schönen Sätteln, diemantenen Agraffen und andern Kostbarkeiten. Nichts war schwerer, als vor den Monarchen gelassen zu werden. Ob man sich gleich im gemeinen Leben dieser beschwerlichen Art nicht bediente, so war sie doch|[125] einmal bei öffentlichen Audienzen eingeführt. Nie anders, als singend nach gewissen Tonmodulationen, durfte man erscheinen. Gewisse Leute aus der Hofkapelle waren dazu bestimmt, die, um Geld zu verdienen, die Unterweisung besorgten, das Ding aber so schwierig machten, dass man oft Leute – aber nicht ihre Geschenke – wieder zurückschickte, weil sie die Modulation nicht hatten lernen können. Ich bat mir nur das Formular aus, und legte die Noten unter den Text, der nach der Übersetzung ungefähr so lautete:

„Großmächtigster Monarch! Sonne der Gerechtigkeit! unumstößliche Säule deines Reiches! ich, dein geringster Sklave, unterwinde mich, den Staub unter deinen Füßen zu küssen. Höre mein Flehen, welches ich dir im Namen meines Herrn überbringe. Er bittet deine Barmherzigkeit, dass du ihm wollest günstig sein, und diese Geschenke als von seiner Hand annehmen. Sie wären nur geringe Beweise seiner Huld und Güte. Langes Leben, Heil und Segen wünscht er dir aus der Fülle seines Herzens von dem Beherrscher aller Welten.“|[126]

Und alles Volk antwortete: „Amen!“

Eben so wurde von ihrer Seite dieser Gruß erwidert:

„Gütiger, vortrefflicher Mann! wir danken dir, dass du kommst, uns Beweise der Liebe deines Herrn zu bringen. Wir fallen nieder, und beten an zu den Füßen des größten Monarchen. Sage ihm unsern Gruß mit folgenden Worten: Sultan Selim entbietet dem Beherrscher aller barbarischen Staaten seinen Gruß, und versichert ihn seiner ebenmäßigen Huld und Gnade. Freude und Wonne möge lang und dauernd sein gewaltiges Reich überströmen, die Feinde des Reiches gedemütiget werden, und er noch lang in Frieden leben.“

Und alles Volk antwortete: „Amen!“

Weil ich mich hier nicht lang aufhielt, so kann ich meinen Lesern nur wenig Interessantes sagen. Ich könnte ihnen freilich von dem Lande, den Gewächsen darin, von den Eingeborenen, ihren Sitten und Gebräuchen Viel erzählen. – Allein, ich weiß, dass sie sich nicht gern mit dergleichen Dingen behelligen. Also von andern Sachen.|[127]

Ein Drache richtete große Verwüstungen in der Gegend an. Er war so ungeheuer groß und stark, dass er Alles, was ihm nahe kam, mit dem Otem tötete. Der König erzählte mir dies einst an der Mittagstafel. Ei! sagte ich, dazu ist Münchhausen noch Manns genug, gegen einen Drachen zu bestehen. – Man führte mich ungefähr in die Gegend hin, wo er war. Fürchterlich und wild sah hier Alles aus. Eine große Menge Menschenschädel und Knochen lagen um seine dampfende Höhle.

 

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Ich sah ihn auf einige hundert Schritte ziemlich genau. Sein Kopf war mit einer Krone bedeckt, die wie Gold strahlte, und seine Zunge, die er wie Feuer von sich streckte und wieder in sich schlang, schien mir über 30 Fuß lang. Ein Gebrüll ließ sich hören, als er uns witterte, dass die Erde unter unseren Füßen bebete. Ich dachte darüber nach, wie dem Ungeheuer am besten abzuhelfen, ging nach Haus, machte Kuchen von Pech mit dem stärksten Gifte durchknetet, kam wieder, stach die Kuchen auf eine Stange, die etwa 100 Fuß lang sein mochte. Kaum verschlang sie der Drache, so barst er mit einem schrecklichen Knalle mitten entzwei. Alles lief auf meinen Wink herbei und sah nun, wie das Ungeheuer elendiglich zappelte. Weil das Drachenfett zu vielen Dingen nützlich sein soll, so nahm ich eine ganze Dose voll mit. Alle wurden erfreuet, fielen vor Münchhausen nieder, trugen ihn in einem Tragsessel nach Sennar und überhäuften ihn mit vielen Geschenken, die er nicht alle annehmen konnte.

Als ich meine Geschäfte vollendet, und die Traktaten mit dem Könige geschlossen, machte ich in Gegenwart des ganzen Hofes meine Künste|[129] mit dem schnellfüßigen Hengst, den ich, wie ich beinahe vergessen hätte zu sagen, auf ein Kamel hatte packen lassen, damit er Nichts von seiner Schnelligkeit verlieren sollte – und der König ward so erstaunt darüber, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Er bot mir für mein Pferd verschiedene Beutel mit Gold, die nach unserm Wert gewiss 20000 Rthlr. ausmachten, und obendrein Sr. Majestät Leibstraußen* [Fußnote: *) Eine besondere Art Straußen mit langen Flügeln.] von ungewöhnlicher Größe und Höhe, der besonders dazu abgerichtet war, Reisen in der Luft Damit zu machen. Ich besann mich nicht lange, ging den Handel ein – mein Strauß wurde gesattelt. Ich ließ einige Proben Damit machen, machte selbst einige Versuche, und als ich meiner Sache ziemlich gewiss war, ließ ich meine Gerätschaften, mein Geld, die Geschenke an den Kaiser von Marokko ⁊c. zusammen in einen Mantelsack binden, hinten aufschnallen, und nun ich mich drauf, und so davon.

Ungewohnt dieses Tiers, war ich mehr als einmal in Gefahr, den Hals zu brechen. Zwar war es nicht unbändig, und ließ sich ziemlich regieren. Nur konnte es nicht vertragen, wenn|[130] mein Sultan, der hinten aufsaß, bellete, oder wenn ich ihm die Sporn gab. Wie der Blitz warf es sich herum, und mein Sultan – war dahin, und, wär’ ich nicht ein starker Reiter – die Herren kennen mich schon wegen der Geschichte mit dem Pferde des Grafen Przobofsky in Litauen, womit ich die Reitschule aufm Kaffeetische machte – gewiss es wäre um Münchhausen geschehen gewesen, so gut als um seinen Sultan. Viel fehlte nicht, dass ich im unvorhergesehenen Umschwünge über Hals über Kopf heruntergefallen wäre. Einst als ich mich – Wirtshäuser gibts da droben nicht – in der Gegend von Tunis herunterlassen wollte, hätte mich ums Haar ein Schütze attackieret, der nicht wusste, was für ein besonderes Geschöpf da droben in der Luft kampierte. Ich hatte zum Glücke mein Fernglas bei mir; sah wie er eben zielte. Im Hui gab ich meinem Luftpferde die Sporn, und in einem Satze war ich ihm aus den Augen. Dafür musste ich nun dem armen Tiere, das auch hungrig und durstig war, und nicht wusste, wie sehr wir in Gefahr waren, artig gute Worte geben. Der gute Scharfschütze mochte wohl nichts Weniger vermuten, als dass es Einer von|[131] den Adlern des Jupiters, oder gar Hackelnberg der Luftjäger wäre. Denn ich machte ein nicht geringes Geschrei, um meinen Straußen zu ermuntern. Nur hatte ich das Unglück zu bemerken, dass mein Mantelsack sich verloren hatte. Bei dem schnellen Umschwunge waren entweder die Bänder gerissen, oder über den glatten Federn weggeglitscht – genug, ich war darum. So nehmen Münchhausen hier die Bettler sein Geld ab, dort wird er durch Schicksale unglücklich, wenn er der reichste Mann sein könnte. Und nun, was das Schlimmste war – ich durfte mich in Marokko nicht wieder blicken lasse. Gerade um Geld – um Geschenke war es da zu tun. Ich spornte und lenkte also, so gut ich konnte, gleich über das Mittelländische Meer hin nach Venedig. Hier kannst du dein Glück machen – dacht’ ich. Nur konnte mein Vogel nicht gut fort – das Meer zog ihn auch an, vom Schwimmen verstund er Nichts. Ich sah in der Entfernung nichts Anders vor mir, als den augenscheinlichsten Tod. – Zum Glücke war eben ein Schiff gescheitert, dessen Bretter vom Wasser hin und her getrieben wurden. Mein Vogel erreichte eben ein Brett, lief es zum Ende, da war wieder eins,|[132] als das vorbei, wieder eins, und so fort. Ich konnte mir das erst nicht begreiflich machen, bis ich hinter mir zurücksah, und gewahr wurde, dass der Wind sein Spiel mit den Brettern hatte, und immer die hintersten Bretter wieder vorn hin trieb, und so immer fort bis an den Hafen von Venedig.

 

 

Von hieraus ritt ich zum Erstaunen Aller mitten über den St. Markusplatz, wo Alles mit langen Hälsen um mich herum kam, und zuerst nicht wusste, was man aus mir machen sollte; ich ging zum nächsten Wirtshause, zäumte meinen|[133] Straußen ab, aß, und ging zur Ruhe. Des andern Tages besah ich die Merkwürdigkeiten der Stadt. Lang verweilte ich bei den vortrefflichen Bildsäulen, wo Eine darunter wirklich einige Augenblicke zu leben schien, und mir zuwinkte. Auch machte ich Bekanntschaft mit dem berühmten Gorgoni, der ein herrlicher Bildhauer ist. Er war so gütig, mir Einige von seinen Meisterstücken zu verehren, die er mir auch auf meinen Befehl einst durch die Post nach Bodenwerder schickte. Jeder kann sie bei meinem Eingange ins Bosquet zu sehen bekommen, und schon Mancher wurde durch das bloße Anstaunen derselben ¼ Stunde lang zum Steine.

Um Geld zu bekommen, denn in Venedig ist teuer Pflaster, lieh ich eine kleine Kinderstrommel, ging Damit die eine Straße auf, die andern ab, und hatte einen solchen Schwarm Kinder und Pöbel hinter mir, dass zuletzt sich die Straßen so gewaltig stopften und drängten, dass an einer Seite 9 Häuser umfielen, und an die tausend Menschen erschlagen wurden. – Ich kündigte mit großem Geschrei meine erste Luftreise unter den schönklingendsten französischen Luftsprüngen an. – Des andern Tages war Alles so|[134] voll, dass es nicht zu beschreiben ist. Damit sich meine Herren aber einige Vorstellung davon machen können, so will ich ihnen kurz sagen: Ganz Venedig war da, vom Doge bis zum ärmsten Betteljungen. Ich bekam Geld die Menge. Doch endlich wurden sie des Dings auch müde. – Ich mochte noch so viele französische Tiraden hervorbringen; Alles vergebens. Als ich zum 24sten Mal meine Luftreise austrommelte, hatte ich schon kein Gefolge, und, als ich sie anfangen wollte, keinen Zuschauer mehr. Ja, man sann schon darauf, wie man mir das viele Geld wieder abnehmen, und Meiner dann los werden wollte.

Eines Tages traf ich bei Herrn Gorgoni einen Mathematiker an, der immer in einer Atmosphäre von Berechnungen saß. Er war so gelehrt, dass er mir augenblicklich von allen Planeten und andern Sternen die genaueste Weite auf Fuß und Schritte sagen konnten. Ich machte Bekanntschaft mit ihm. Da ich schon lang mit dem Projekte schwanger ging, eine Reise in den Jupiter zu machen, so erfuhr ich Alles, was, ich zu wissen nötig hatte.

Ich ließ mir also ein kleines Schiffchen von Fischbein machen, zäumte meinen Straußen,|[135] spannte ihn ein, machte erst einen Versuch, und kam auf einen ganz sonderbaren Einfall, die Direktion des Schiffchens in der Luft zu finden. Mein Schiffchen bekam nun Segel von lauter Aalshäuten. Ich ließ mir einen Blasebalg machen, vermittelst dessen ich es, wenn ich es erst in der Luft hätte, hinpusten konnte, wohin ich wollte – damit ich bald mit dem Straußen, bald mit dem Blasebalg abwechseln könnte, wenn es jenem zu sauer würde. Ich machte wieder einen Versuch, und es gelang. Mein Lakai, den ich mir hier gemietet hatte, musste pusten, und je nachdem ich das Steuer drehte, nahm es die Richtung. Ich war recht froh über diese Erfindung, worüber sich die Menschen noch lang die Köpfe zerbrechen werden.

Bloß durch einen Zufall kam ich auf diese Erfindung. Wir waren einst auf dem Mittelländischen Meere und hatten eine lange Zeit Windstille. Das Schiff ging keinen Fingerbreit aus der Stelle. Ich nahm den Blasebalg des Schiffsschmiedes, machte ihn in einer Ecke fest, blies in die Segel, und so kamen wir schneller als sonst von der Stelle.|[136]

Mit der Bekanntmachung dieser nützlichen Erfindung könnte sich Münchhausen nun einen unsterblichen Ruhm machen, große Summen verdienen – allein er ist zu uneigennützig, fürs Wohl und Beste der Welt Alles, auch seine Kenntnisse aufzuopfern. Münchhausen will nie glänzen, würde er auch verkannt.

Unter dem größten Freudengeschreie des Volks fuhr ich also von Venedig ab. Nach dem ich einige Tage gefahren hatte, merkte ich, dass es dem Straußen an Kräften gebrach – und uns fing nun auch der Magen schon an ziemlich zusammen zu schrumpfen. Ein Glück für mich, dass ich auf einen guten Einfall kam. Ich fand, da ich in allen meinen Taschen herum suchte – allen Proviant hatten wir schon rein verzehrt – noch ein Stück von einer ägyptischen Mandel. Ich teilte es unter uns Dreie, meinen Straußen, meinen Bedienten und mich, und wir genasen zusehends. Den Straußen spannte ich eine Zeit ab, und nun ließ ich den Blasebalg seine Dienste tun. Indessen ging es mit dem Straußen besser, der seine Richtung mehr in die Höhe, jener mehr in die Weite nahm,|[137]

Je weiter hinauf, je kälter. Ich fror schon so zusammen, dass ich nicht viel größer als ein mäßiger Knabe war – mein Bedienter wurde ungefähr zu der Größe einer Bratbirne. Der Strauß konnte es noch am besten aushalten. Das Pusten wollte nicht mehr gehen, weil der Johann seine Hände nicht rühren konnte, auch gar keine Kräfte mehr hatte. Wir hatten nur erst etwas Mehr als das Viertel der höchsten Höhe von 80000 Meilen erreicht, also noch etwa l5000 Meilen zu machen, ehe wir in den Atem des Mondes kamen, wo wir dann, weil uns der Mond anzog, den Straußen entbehren konnten, und wir so allmählig von selbst niederfielen. Ich konnte es nicht langer mehr aushalten, war müde, hatte in langen Nächten nicht geschlafen – meinen Pustius wickelte ich zu meinen Füssen in eine Verbrämung meines Pelzes, doch so, dass sein Kopf herausguckte, munterte ihn zum Wachen an – und so schlief ich ein. Ich hatte genau nicht über 15 ½ Minute geschlafen, und hörte eine feine Stimme: Monseignoro mio altissimo! das heißt zu Deutsch: Ihro Hochwohlgebornen Gnaden! – „He, was ist?“ – Das Tier da droben. Es macht eine|[138] so fürchterliche Stimme, als wenn es krepieren wollte. Ich musste das Dings erst ein Weilchen abspannen. Mein Pustius hatte sich unterdessen in meinem Pelz so aufgebähet, dass er wieder einige Kräfte hatte, den Blasebalg zu regieren. Aber nicht so lang, und er fror daran fest und starr. Durch Hilfe eines Bisschens von einer ägyptischen Mandel wurde der Strauß endlich wieder hergestellt. Ich gab ihm gute Worte, spannte ihn wieder an, und so gings davon, Nachdem wir so eine Weile wieder fortgesegelt waren, fühlten wir wieder Wärme, Leben – auch mein Puster erwachte zu seinem und meinem größten Erstaunen. Nicht lang, und wir waren in der Atmosphäre des Mondes. Ich spannte nun meinen Straußen aus. Wir alle quollen nun allmählig wieder auseinander, und fielen mit einem kleinen Schneegestöber auf dem Mond nieder. Wir kamen eben auf die nördliche Mondspitze, wo es so kleine Menschen gibt, als bei uns Kinder von 3 Jahren. Sie waren so elend und armselig, dass ich sie recht mit Mitleiden betrachtete. Und doch schienen sie vergnügt zu sein. Sie aßen Nichts, als was die Natur ihnen gab, elende Milch von ihren|[139] Hunden und Katzen, die größer waren, wie sie selbst, und tranken lumpichtes Wasser. – Hier ist Nichts für deinen Magen, dachte ich. Wenig Behagliches. Ich sann darauf, wie ich meine Reise weiter fortsetzen könnte. Mein Reisekompan hatte auch keine Lust, in diesem elenden Erdenklumpen länger zu hausen, wo er Nichts als schlechte Hütten, elende Milch und lumpichtes Wasser vorfand.

Meine Augen hatten während der Reise gewaltig gelitten; so, dass sie ganz verdüstert waren, und ich alle Gegenstände nicht so genau erkennen konnte. Ich stopfte mir, weil ich wirklich Langeweile hatte, eine Pfeife Toback, zündete sie an den Augen eines großen Katers an, der mir eben entgegen kam, und die ich wirklich. für Kohlen ansah – und so sollte nun unsre Reise zum Mars gehen.

Nachdem wir noch, ein wenig ausgeruhet hatten, spannte ich meinen Vogel an, lud mein Schiffchen voll Proviant, und nun gings mit doppeltem Mute. Mein Vogel hob sich, mein Johann pustete, unten stand Alles mit offenem Maule. Im Dunstkreise des Mars kamen wir; in einer abscheulichen Schneewolke festzsitzen.|[140] Es war eben im Mars auch Winter. Die Sonne saß im Steinbocke, und konnte noch herauskommen. Gut, dacht’ ich; nun können wir erst Rasttag halten. Vogel, Schiff, Alles saß fest. Zum Glücke hatte ich meinen großen Säbel bei mir, den ich einst in einer Schlacht gegen die Türken erbeutet hatte. Damit arbeitete ich, was ich konnte, im Schnee, mein Johann half; und so hatten wir in kurzer Zeit 3 völlig geräumige Zimmer, die sich allmählig durch unsre natürliche Wärme vergrößerten. Wir hatten hier Alle völlig Raum, und lebten so nach Herzenslust und verzehrten unser Mitgebrachtes, welches uns bei aller feiner Schlechtheit doch nicht übel bekam. Unsere Zimmer sahen völlig aus, wie die schönsten Edelgesteine. Als ich bemerkte, dass ihre Größe zu geschwinde zunahm, hielt ich Alles in Bereitschaft. Der Vogel saß am Schiffe in völliger Erwartung des Hinweggleiten. Ein Sturmwind trieb die ganze Schneewolke völlig Auseinander und zerstörte unser schönes Luftschiff so geschwind und heftig, dass wir glaubten zu Trümmern und zu Boden zu gehen. Schon hatte der Wind meinen Johann zwischen den Klauen – ich packte ihn aber gleich ans Bein,|[141] und zog ihn wieder ins Schiff. In dieser Wolke hatten wir doch über 2 Monate zugebracht. Der Sturm legte sich. Wir waren schon im Atem des Mars – wir brauchten nun wieder keine Segel, keine Flügel, keinen Blasbalg – nur dass wir von allen Seiten einen hässlichen Dunst witterten. Wir hielten die Nasen zu, so gut sichs tun ließ, weil wir solche Übelgerüche nicht gewohnt waren. Das Schiff ließ sich senkrecht auf einer der schönsten Fluren bei einem Dörfchen nieder.

Diese Erde, an sich betrachtet, war gut genug. Ich betrachtete sogleich einige Bäume mit ihren besondern Früchten. Ein Baum trug sehr große herunterhängende Zapfen. Ich nahm derer Einen, machte ihn auseinander, und sieh! zu meinem Erstaunen fand ich hier ein völliges Kleid mit Knöpfen, genau wie es sein musste. Mein Kleid war ziemlich abgetragen, ich schmiss es sogleich ab, und zog dieses an. Auch für meinen Johann schlug ich ein Stück herunter. Ich besah noch andre Bäume und fand eine Art Nüsse, worin statt des Kerns die schönsten Schuhe steckten. Ich hatte meine eigene Gedanken darüber, dass die Menschen hier dazu bestimmt sein|[142] müssten, Kleider und Schuhe zu tragen – und fand meine Hypothesen richtig bestätigt. Essen und den Leib pflegen war ihr Hauptbedürfnis, ihr Alles. Ihr Leben war ein beständiges Essen, Trinken, Verdauen, Schlafen. Die Natur brachte hier alle Bedürfnisse ohne sonderliche Kunst hervor.

Ich war hier kaum einige Tage gewesen, als auf einmal meinen Straußen vermissete. Man hatte ihn mir weggekapert, und ihm, wie ich nachher hörte, mit Gift vergeben. Sonderbare Menschen! sie hatten die strengsten Gesetze der Gerechtigkeit, der Ehrbarkeit, der Menschenliebe, der Keuschheit, der Mäßigkeit unter sich festgesetzt – und sie waren nachlässig genug, hieran gar mit keinem Gedanken zu denken, sondern geradezu zu handeln, wie es ihnen einfiel.

Nur ein einziger Mann war auf dem Mars der Weise, der nur einigermaßen erträglich war. Er wurde aber dafür wenig geachtet. Ich achtete ihn desto mehr. Dafür hieß ich mit ihm – der Sonderling; woran ich mich wenig oder Nichts kehrte. Dieser machte mir eine Schilderung vom Jupiter, welche mich Nichts weiter wünschen ließ, als je eher, je lieber meine Reise|[143] anzutreten. Er sagte mir, es gäbe auf dem Jupiter Menschen von besserer Gattung. Er zeigte mir auch alte Urkunden und Nachrichten davon. Nur sagte er, dass es bei dem Leben des Leibes nicht anginge, hinzukommen – die Hülle von Staub müsse erst aufgelöset sein; die Seele, die die Bessern von ihnen belebte, müsse sich erst vom schweren Körper trennen. – Ich wunderte mich über die Weisheit dieses Mannes, und unterredete mich sehr oft mit ihm über Dinge, woran ich sonst gar keinen Geschmack fand. Er wusste Alles mit einer so angenehmen und erhabenen Sprache vorzutragen, dass ich nicht umhin konnte, mit seinen Empfindungen zu sympathisieren.

Meine Reise zum Jupiter lag mir immer in Sinne. Lange zerbrach ich mir den Kopf – bis ich auf einmal einen Traum hatte, der mir Alles ins Licht setzte. Er lautete seinem Inhalte nach folgendermaßen: Nimm deinen Johann, verbrenne ihn bei hellem Feuer im Kamin, alsdann wirst du zuletzt seine Seele ungefähr so davon fliegen sehen, wie ein wenig Flachs oder Papier, wenn es verbrannt ist, in die Höhe fliegt; nimm dann diesen Augenblick wahr, und dein Projekt wird dir gelingen. Ohne mich lang zu besinnen,|[144] machte ich des andern Morgens das Kaminfeuer noch einmal so groß. – Der Johann fragte schon verschiedenemal, was das bedeuten sollte – die Hitze wurde gar arg, und ehe er sichs versah, kriegte ich ihm beim Schopf, hielt die Beine in die Flamme; er tat einen lauten Schrei – im Hui brannte er wie ein Flederwisch, und sein unverbrennbares Wesen ging sogleich mit schnellem Flug in die Höhe. Ich nahm das Tempo wahr, fasste zu; und so war ich im Jupiter, ohne zu wissen wie.

Alles, was der Weise mir erzählt hatte, war völlig richtig. Dies war ein wahres Paradies. Die Bewohner dieses glücklichen Erdballes waren nicht über 72 Schuh hoch, also I2mal so groß als wir – übrigens hatten sie einerlei Form mit uns. Wär ich einst einer so ungeheuren Maschine nicht aus dem Wege gegangen, sie hätte mich zertreten wie einen Wurm. – Wie sonderbar sichs hier essen und trinken ließ, lässt sich nicht beschreiben. Wenn ich von einem solchen Tische Etwas haben wollte, musste ich in den Knopflöchern meines Johanns, der hier ein weißes tafetnes Kleid bekommen hatte, hinaufmarschieren, um Etwas herunter zu holen, oder darauf zu|[145] setzen. Ihre Tische, ihre Gefäße, Alles war nach Verhältnis so groß, wie sie sein mussten. Füglich konnte ich auf dem Rande eines Pokals ohngefähr wie eine Fliege sitzen. Alles war Staunen für mich um und um. Solche Eintracht, solche Annehmlichkeit, solche süße Gerüche, solch kostbares Essen und Trinken gehen über alle Beschreibung.

Die Leute sprachen Viel mit mir, aber ich verstand sie nicht. Nur so Viel sah ich, dass ich bei guten lieben Menschen war, die an der ganzen Schöpfung ihr Wohlgefallen hatten; die nicht so, wie in Europa oder in Deutschland, Alles tot zu machen pflegen, was nicht so ist, wie sie, mags schädlich oder unschädlich sein. Wäre ich in gleichem Verhältnisse in Europa gewesen, und ich hätte dann, wie eine Fliege oder Mücke, aus dem Glase eines 72füßigen getrunken, oder wäre gar aus Versehen hineingepurzelt, wie das zuweilen geschah – man hätte mich aufs abscheulichste behandelt, tot getreten, am Licht verbrannt, mir ein Glied nach dem andern ausgerissen, und so am Gezappel Wohlgefallen gefunden, oder sonst sein Spiel mit mir getrieben.|[146]

Der Jupiter selbst war, wie ich von meinen Johann erfuhr, der vollkommenste Planet. Die Binden darum, wie man sie hienieden sieht, waren Wasser und Meere, die sich auf die herrlichste Art für die Bewohner, teils zum Baden, teils zu Flussschiffahrten schickten. Die hellen Streifen waren lauter vortreffliche Ebenen, zum Teil mit Lustwäldern, die alle mit dem ausgesuchtesten wohlriechenden Holz, Grotten und Lustgängen ausgeschmückt waren. – Nach einem Bosquet und einer Grotte habe ich förmlich das Model der meinigen genommen, weil sie mir so außerordentlich gefiel. – Hier konnten die Menschen die Natur mit höherem Geiste ausspähen. Alle dachten gleich, alle wahr – alle gut. Hier gabs keine Streitereien, keine Starrköpfe und Starrsinne, keine Pasquillenmacher, keine Faktionen, keine Juristen, Advokaten, Wurmdoktoren und Beutelschneider. Alles war zufrieden mit Dem, was da war, und suchte darin sein höchstes Glück, sich für diejenige Welt, in der sie lebten, immer vollkommener zu machen.

Hier fand ich auch verschiedene von meinen alten Bekannten. Unter andern den großen Euler aus Petersburg. Er hatte eine herrliche|[147] Sternwarte. Er grüßte mich freundlich, und zeigte mir unsre Erde, die grade so klein war, dass ich sie von andern kleinen Sternen nicht unterscheiden konnte; so klein, wie sich mir gewöhnlich auf unsrer Erde ein kleiner Stern darstellte. Meine noch körperliche Augen waren von den seinigen so sehr unterschieden, dass er die Menschen darauf gehen sehen konnte. Er war ein völlig schöner, kraftvoller Mann. Er prophezeiete mir Viel von großen Begebenheiten auf der Unterwelt – womit ich meine Freunde nicht beängstigen will. Das Einzige kann ich hier nicht unberührt lassen, weil es mir nach grade einzutreffen scheint: dass man sich die Luft zinsbar und unterwürfig machen würde. – Er konnte ohne Anstrengung in der Luft schweben. Er hätte es mich auch gern gelehret – aber bei meiner Schwere war es nicht möglich. Als ich ihm äußerte, dass ich gern wieder auf der Unterwelt sein möchte, gab er mir einen Fallschirm von seiner Erfindung mit, mit dem ich ganz gemächlich von Planeten zu Planeten reisen könnte: ich dürfte nur den steigenden und fallenden Druck anwenden.|[148]

Eben als ich davon Gebrauch machen wollte, begegnete mir der Oberforstmeister X. Ich hätte ihn nicht gekannt, hätte ich ihn nicht an seinen Hunden bemerkt. Er hob mich gleich in die Höhe, und setzte mich in eines von seinen obersten Westenknopflöchern, und unterredete sich recht freundschaftlich mit mir. Ich musste ihm von meinen Abenteuern erzählen. Er musste manchmal herzlich lachen, besonders über die Hundegeschichten. Er hatte alle meine geliebten Hunde bei sich, die sich alle, als er mich herunterließ, an mich anschmiegten, als wenn sie noch ihren alten Herrn röchen, und ein freudiges Geheul machten. Ich umarmte einen dem andern, wenn sie zu mir herabrochen, besonders den Stummelbeinigten, dessen sich meine Leser noch wohl zu erinnern wissen. Nur den Sultan fand ich nicht. Er musste also sehr wahrscheinlich noch leben und gut gefallen sein, wie sich auch in der Folge ergibt. Eben spielte ich mit meinem Fallschirme, und dachte nicht an die Anwendung desselben, hatte den fallenden Druck angewandt, ging also ohne Umstände fort, wie Einer der verschwindet – nicht volle 24 Stunden – und ich war schon wieder auf dem Mars.|[149]

Dies war aber nun, wir schon gesagt, mein Lieblingsort nicht. Ich nahm also, ohne mich lang zu bedenken, meinen Fallschirm, und ließ mich herunter. Aber was geschah? der Stoß, der mich zum Monde brachte, geschah etwas unsanft – ein heftiger Wind kam auch dazu – Der Fallschirm zerbrach, der Schrecken führte ihn aus meiner Hand – und anstatt auf den Mond zu kommen, ging er beim Monde weg, und ließ sich auf unsre Erde nieder nahe bei Kalais, wo er in die Hände des Luftschiffers Blanchard geriet, der sich eben mit einer Art von Luftdrachen als Knabe beschäftigte, und schon anfing, hiervon auf große Luftreifen zu abstrahieren. Er flickte ihn aus, als er größer war, machte Proben Damit, und jetzt hat er sich einen neuen der Art machen lassen, womit er, wie sie wissen, soviel Hokuspokus macht. – Allein, der steigende und fallende Druck ist mit dem Original erloschen. Nun werden sich die Herren nicht mehr wundern über die großen Erfindungen Blanchards. Sie sehen ihren Ursprung. Und könnten wir nur immer den Erfindungen und Unternehmungen der großen Gelehrten so recht auf die Fährte kommen, wir würden da zuweilen verteufelte Entdeckungen machen.|[150]

Hier saß ich nun – ich armer Wicht – auf dem Monde – Jeder wird gewiss Mitleiden mit mir haben – ohne Straußen, ohne Fallschirm, ohne Blasebalg, ohne Johann. Langt wollt’ ich hier nicht weilen, weil es eine der lumpigsten Erden ist, die ich kenne, die bald wie ein Jagdhorn zusammenschrumpft, dann wieder wie ein Fassboden wird. Und die Leute darauf kennen die Herren schon. Sie find keinen Schuss Pulver wert. Und für die Besorgung meiner Erdenkloßes war auch Wenig hier oder Nichts. Ich entschloss mich also kurz und gut, bettelte so viel Strohe und Häckerling zusammen, als möglich, sah mich besser vor, als das erstemal, schnitt ein trichterförmiges Loch in den Mond, packte mich so gut ich konnte in das Strohe und den Häckerling, schickte erst eine ganze Menge voraus, damit ich weich fiele; und nun fiel ich nach, nachdem ich mich so fest eingewickelt hatte, als möglich. Aus dem Häckerlinge wurde nun ein solcher Berg, als ich herunter kam, dass die Pferde des königlichen Marstalls in Hannover 200 Jahre daran zu fressen gehabt hätten. Ich fiel so weich und tief darein, dass ich 3 Tage zu tun hatte, ehe ich mich herausarbeitete. Es schneiete noch 8 Tage Nichts als Häckerling.|[151]

 

 

Und nun hatte ich also eine der größten Reisen, die je Sterbliche hienieden unternommen, zwar abenteuerlich genug, aber glücklich vollendet.

 

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Auf 3 Meile Weges hatte ich Allen mit meinen Häckerling überschwemmt. Ich sah allgemach die Leute, Einen nach dem Andern, sich wieder herausarbeiten. Sie waren nicht wenig erfreuet, als sie nach genauer Untersuchung auf eine lange Zeit Futter für ihr Vieh fanden, ohne die ge|[152]ringste Mühe und Arbeit. Sie waren so erstaunt, dass sie nicht wussten, was für ein wohltätiger Drache so viel Wohltätiges über sie ausgeschüttet. Ein solcher Wolkenguss war ihnen noch nie begegnet. – Ich hatte kaum den Ersten, mit dem ich mich aus dem Häckerling herausgearbeitet, gesehen, so erkannt’ ich russische Tracht und Sprache. Ich erkundigte mich, wie weit ich von Petersburg wäre, und erhielt zur Antwort: 2 Meilen. Welch eine Freude für mich! Ich eilte wie beflügelt dahin, und kam eben zu glücklicher Zeit dort an.

 

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Ihro Majestät, die Kaiserin, beliebten nämlich eben damalen eine Reise zu Schlitten nach Moskau anzustellen. Sie geruheten mich dann, wegen meiner großen Talente im Reiten und andern kavaliermäßigen Übungen, wovon ich bei Ihro Majestät die ausgezeichnetsten Proben abgelegt hatte, nebst verschiedenen Andern vom russischen Adel zur Eskorte zu wählen. Der Zug sah, wie natürlich, sehr feenmäßig aus. Der Schlitten Ihro Majestät war von ganz be|[153]sonderer Einrichtung. Man kann sich ihn am besten unter einem förmlichen kleinen Jagd- oder Sommerschlosse vorstellen – außer, dass er er nach russischer Art, und, um bequemer fortzukommen, nur 1 Stockwerk und Souterrain hatte. In letzterm befanden sich Küche, Keller, Weinkeller, Bedientenzimmer mit allen nur möglichen Bequemlichkeiten. Im Oberteile war Ihro Majestät Wohnzimmer, der Audienzsaal, das Speisezimmer, welches sehr bequem zu 100 Kouverts eingerichtet war; Ihro Majestät Schlafgemach – Schlafgemächer für die andern fürstlichen Personen – Alles aufs kostbarste mit Tischen, Stühlen, Spiegeln and allem nur möglichem Hausgeräte ausmöblieret. Und alles Dies wurde – hol mich – von 24 Pferden gezogen.

Man kann hieraus auf die vortreffliche leichte russische Bauart, und noch mehr auf die Stärke der Pferde schließen. Und dies Fuhrwerk ging so schnell, dass man das Fahren gar nicht merkte. Man konnte alles nur Mögliche im Schlitten vornehmen, ohne dass es im geringsten genierte. Man spielte, man aß, man trank, und ich wüsste mich nicht einmal zu besinnen, dass es einen kleinen Stoß gegeben hätte. Freilich war Weg|[154] sorgfältig vorher dazu bereitet. Alle 10 Werste hatten wir Relais. Die russischen Postmeister hatten ihre Pferde in einer so herrlichen Zucht, wie ich sie in Deutschland noch nie antraf. Alle 24 Pferde waren schon zusammengespannt, noch ehe der Schlitten bei dem Relais ankam. Der Postmeister selbst hielt sie aus Ehrfurcht gegen seine Monarchin an der hintersten Wage. In dem einen Augenblick waren die einen 24 vorweg, und in demselben die andern wieder vorgesteckt, ohne im Mindesten einen Stillstand oder Aufenthalt zu verursachen. Hätten sie das nicht so geschickt gekonnt, so würde, da die Schlittenbäume von purem Stahl waren, und sich der Schlitten also nicht aufhalten ließ, Alles zu Grund und Boden gegangen, und der Schlitten auch ohne Pferde wenigstens noch 4 Werste fortgesauset sein. So gings einst – und ein brummigter Postmeister musste mit seinen Pferden und Leuten einen ganzen Werst hinterherlaufen und – ein Glück für ihn! er traf noch richtig das Loch.

Unterwegs kam uns ein Wolf in die Quere. Schon war er Willens, eins unserer Pferde zu attackieren, aber ich nahm meine Peitsche, und|[155] führte einen so geschickten Hieb, dass er mir in der Peitsche hängen blieb. Ich ritt so auf den Schlitten Ihro Majestät der Kaiserin los, zeigte ihr die Bestie, und sie geruhete dies so gnädig zu nehmen, dass sie mir diesen einzigen Ritterschlag mit 10000 Rubeln bezahlen ließ.

Der Zug ging fort. Eben war ich bei Ihro Majestät im Zimmer, um mit den Andern vom Hofe die Cour zu machen – als sich auf einmal ein Geschrei erhob. Wir kamen auf einen etwas höckerigten Weg. Schon war der augenscheinlich Anschein des Umfallens da. Ich stemmte mich aber geschwind in die Ecke, wo der Schlitten am schiefsten in die Höhe stund – und er blieb dadurch in einem so bewundernswürdigen Gleichgewichte, dass die Kaiserin nicht umhin konnte, mich im Angesicht Aller zu loben und zu sagen: Münchhausen! ihr seyd ein Kerl – ihr könnt Mehr als Brot essen.

Wir reiseten weiter. Auf einmal ließ sich ein Heer wilder Gänse sehen. Eis mochten leicht 4000 Schritt’ in der Luft sein – wenigstens war ein Geometer bei uns, der es sogleich mit seinem Handwerkszeug ausmaß. Ich setzte er förmlich darauf an, sie alle zu haben, und lud|[156] in der Absicht in eine Flinte eine Kugel mit einem langen Zwirnsfaden, der mit Drachenfett’ aus Nubien beschirmt war, legte an – und die Kugel ging ganz richtig durch den Hals der ersten bis zur letzten hindurch. Sie flogen in der gradesten Linie, sonst wäre es auch nicht möglich gewesen. Sie kamen zur Verwunderung Alter sämtlich heruntergestürzt. Und dies geschah, ohne im Mindesten Halt zu machen; Alles in vollem Laufe.

Einen Beweis von der Vortrefflichkeit der russischen Truppen, von der Regelmäßigkeit und Stärke derselben kann ich doch hier nicht unberührt lassen. In einer Tiefe, wo noch obendrein ein kleiner Fluss sich befand – also wenig Schnee zu finden war, auch keine Brücks über den Fluss ging, hatten sich einige 10000 Mann zwischen die beiden Hügel hinpostiert. Dieses Heer formierte eine künstliche völlig mit Schnee bedeckte Ebene. – Ein starkes Stück! – Sie stunden, wie es nötig war, 1, 2, 3 Mann übereinander, indem die an den äußersten Enden etwa ½ Mann hoch stunden, oder nach Beschaffenheit der Umstände auf den Knien oder auf dem Bauche lagen. Als wir mit unseren Pferden und Schlitten darauf|[157] kamen, gab es auf den eisernen mit Schnee bedeckten Schilden, die sie über ihren Köpfen zusammenhielten, ein solches Getöse und Gelärme, dass die Pferde beinahe flüchtig geworden wären. Die Soldaten ließen sich aber nicht aus ihrer einmal genommenen Position bringen. Schon hatten sie 2mal 24 Stunden in dieser Lage zugebracht, und dennoch stunden sie wie Mauren. Die Schlitten gingen herrlich hinüber. Wir fuhren oben, sie schrien unten: Es lebe unsre ewig angebetete Katharine!

 

|[159(!)]

 

Die Reise ging gut von statten. Aller Orten waren Triumphbogen errichtet, und die Kaiserin hielt ihren Einzug unter dem lautesten Freudengeschrei und dem Marsche der Bürger und der Truppen.

E. E. Magistrat bewillkommte die Kaiserin auf dem Rathause – und sie geruhte daselbst ein Mittagsmahl einzunehmen. Alles war aufs prachtvolleste eingerichtet. Die herrlichsten Weine flossen, wie Wasser. Abends war Ball und Illumination – und ob ich gleich kein Freund vom Tanzen bin, so musste ich mich doch dazu bequemen, weil mich die Kaiserin aufforderte.

Ich eskortierte die ganze Schlittenfahrt wieder zurück, wo aber eben nichts Merkwürdiges vorfiel.

 

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Wie manchem Menschen die Hoffnung zu Wasser wird, davon brauche ich gewiss nicht Viel zu sagen; Jeder glaubt es mir auf mein Wort und eigene Erfahrung. Aber dass ein Mensch kann zu Wasser werden, davon ist ihnen wohl ihr Lebtag kein Beispiel aufgestoßen; und doch hab’ ich es an mir selbst erlebt: so fabelhaft es scheint, so wahr ist es.|[160]

Einst waren unser eine ganze Menge auf der Jagd. Wir waren auch so glücklich, in den Wäldern am Ladogasee recht vieles Wildpret zu schießen. Unter andern schossen wir einen Hirschen, der 144 Enden hatte. Mein Tag hatte man solch ein Tier noch nicht gefunden. Ich komme einem 72endigen auf die Fährte, laufe ihm nach, und verliere mich wirklich ganz von meiner Gesellschaft. Ich ging, hörte weder das Geschrei der Hunde und Jäger, noch den Schall des Hifthorns – und ging immer Holz ein die Kreuz, die Quere, und war nicht lm Stande mehr, den Hirsch zu verfolgen, oder zu meinen Leuten zu kommen. Die Hitze war zu groß – müde war ich auch. Was war also zu tun? – Ich setze mich hin, bin unwillig über den dummen Spaß, dass ich da allein bin – dass ich keinen Hund, keinen Jäger mitnahm – aß, weil ich hungrig war, meinen Jagdproviant rein auf, legte meinen Kopf auf meine Jägertasche, und schlief ermüdet und ermattet ein. Ich lag an einer kleinen Anhöhe. Nicht lange – und ich fange so gewaltig an zu schwitzen, dass ich völlig als im Wasser liege. Nicht lange, und es entsteht ein Bach – nicht viel länger – und es wird|[158(!)] mir, als ob ich förmlich auf einem Schiffe wäre. Meine Jägertasche schwimmt so mit mir fort, bis mich auf einmal ein starkes Schütteln weckt, ich erwache, und mein Sultan kommt grade zur rechten Zeit, packt die Jägertasche, wo ich drauf liege, und reißt sie aus dem Strome, der eben mit mir in den Ladogasee gehen wollte. Welch ein Glück! Ich sprang auf, umarmte vor Freuden meinen Sultan, den ich in so langer Zeit nicht gesehen hatte, und nahm meinen Weg mit dem Sultan gradezu nach St. Petersburg, wo ich bei einer Flasche Wein Abends mit der Kaiserin Majestät mich wieder erholte, und ihr mein Abenteuer erzählte.

 

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Bald darauf beurlaubte ich mich. Ihro Majestät schenkten mir ihr Portrait in einer Dose mit brillantener Einfassung, gaben mir noch ein ansehnliches Douceur für meint treue Dienste, und so reisete ich wohlgemut nach Liefland.

 

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Narva war mein Hauptaufenthalt. Es gefiel mir hier besonders, weil es in dieser Gegend viele|[161(!)] Wälder, und in denselben viele Füchse, Bären ⁊c. zu schießen gab. Hier war es, wo ich von den Augen eines hübschen Mädchens bezaubert wurde. Ich säumte nicht lang, mich in den Besitz ihres schönen Herzens zu setzen. Ein Paar Bären waren erlegt – und ich hatte die Gunst der Eltern und – auch des Mädchen weg.

In den Gegenden bei Narva gab es viele Kiebitze, und, wie natürlich, auch viele Moore und seichte Stellen. Meine Braut aß für ihr Leben gern Kiebitzeier. Noch stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich daran denke. Aber – was wagt man nicht, wenn man eine Braut hat? – Eines Tages verflieg ich mich also gewaltig ins Moor hinein, fand viele Nester mit Eiern, die ich dann ausleerte und in meine Jägertasche steckte. Auf einmal geriet ich in einen Sumpf, dass ich sogleich, ohne zu wissen, wie? bis an den Hals drin zu sitzen kam. Schon hatte ich mich sollen warnen lassen, als der ganze Erdboden unter meinen Füßen schwankte – aber der Gedanke an die Braut? – Und der unverzagte Münchhausen weiß sich in Fährlichkeit zu Wasser, in Fährlichkeit zu Lande, in Fährlichkeit unter Türken, in Fährlichkeit unter Moh|[162]ren, in Fährlichkeit unter den Griechen, in Fährlichkeit auf dem Monde, in Fährlichkeit  auf dem Mars, in Fährlichkeit auf dem Jupiter – kurz in allen 99 Fährlichkeiten des menschlichen Lebens zu helfen. Hätte ich aber hier nicht meinen treuen Hund gehabt, es wäre diesmal ohne Fehl um Münchhausen geschehen gewesen.

Es war Abend, es wurde Nacht – die finsterste, die sich denken lässt. Mein Hund bellete nach Osten, nach Süden, nach Westen, nach Norden – verschiedene Male nach allen 4 Gegenden zugleich, um menschliche Seelen zu Hilfe zu rufen. Ich war 3 Meilen von Narva, 2 Meilen von allen lebendigen Seelen entfernt. Ich verzweifelte beinahe ganz: denn ich stak so fest, dass ich förmlich unvermögend war, meine Hände und Arme zu rühren. Mein Hund heulte, schrie, streifte seine Lunte schon lang um mein Gesicht herum. Die eine Hand hatte ich indessen losgearbeitet. Ich wusste nicht erst, was der Hund wollte – Ich merkte es endlich, packte ihn an den Schwanz, und im Hui war ich heraus. – Wo sollt’ ich aber nun hin? Auch hieraus gerettet, wäre ich ein Kind des Todes gewesen. Es war sehr kalt, bis auf den Faden|[163] war ich nass. Wäre ich eine Minute stehen geblieben, ich wäre zu einer Säule gefroren. Kam ich nicht zu Hanse, so ließ ich meine Braut und Schwiegereltern in tausend Ängsten. Keinen Fußbreit konnte ich vor Augen sehen, nirgends war ein Weg. Wo nun hin? Hier war guter Rat teuer. Mein Hund heulte wieder, und das war allemal ein sicheres Zeichen. Ich fasste seine Lunte – und so leitete er mich, wie einen Blinden durch Nacht und Grausen im größten Galopp, damit ich mich nicht erkalten sollte, fort, und in 59 Minuten 59 Sekunden waren wir in Narva – und meinem ganzen Kleide kein Faden nass. So hatte die Hitze meines Körpers von innen, von außen die Luft alles Wasser herausgezogen. Schon hatte meine Braut die bittersten Klaglieder ausgestoßen, die heißesten Tränen geweint, meine Waghalsigkeit gewittert. – Nun aber war Freude überall, und ein herrliches Mahl für mich und den Hund machten dem mühseligen Tage ein Ende.

Schon längst hatte ich, wie billig, von mein Geburt und ersten Erziehung Meldung machen sollen, da sich hieraus mehr, als aus dem Keime eines Gewächses, schließen lässt, welche Früchte man mit der Zeit zu erwarten habe. Und wirklich|[164] zeigte ich auch gleich in den ersten Augenblicken, nachdem ich auf die Welt gekommen war, dass aus mir etwas Außerordentliches werden würde.Da man mich nämlich nach meiner Geburt ins Bad, wie sonst bei neugeboren Kindern gewöhnlich, bringen wollte, sträubte ich mich dagegen, und lief, gleich einem flüchtigen Windspiele, im ganzen Zimmer herum.Alles kreuzigte und segnete sich. Man erwischte mich endlich, und ich musste ins Bad. Darin saß ich nun eine kleine Weile, weil mir das gefiel. Ich plätscherte darin herum, machte Alles um mich her nass, wusch mich, und als ich mich lange genug darin verweilet hatte, sprang ich heraus, nahm das Badegefäß stieg auf einen Stuhl, und schüttete es zum Fenster hinaus.

Alles staunte vor Bewunderung. Man wollte mich der Gewohnheit nach in Windeln wickeln, eine Mütze aufsetzen ⁊c. Das alles ließ ich mir nicht gefallen. Ich sagte: „Was soll der Plunder? fort Damit!“

Jetzt sah man nun erst, wie man daran war. Weil ich mich nun auf diese Weise selbst entwickelte; so war Nichts natürlicher, als dass ich in vier und zwanzig Stunden mehr wuchs, als alle|[165] Übrige meines Gleichen. Ich bekam also sogleich ein Röckchen, Schuhe und Strümpfe, wie andere Kinder, die schon eins und mehrere Jahre alt waren. Papa seliger hatte mir aus Spaß ein Höschen machen lassen. Allein, dahinein wollte ich mich doch noch nicht verfügen, weil mir das zu unbequem war.

Noch nie hatte man ein Kind so begafft. Man lief viele Meilen weit, um mich, das Wunder der Natur und der ganzen Gegend, zu sehen. – Wer mir zu nahe kam, dem gab ich einen Klaps auf den Backen; und Alles kam, und hielt gutwillig her. Hatte ich nun meinen Spaß ausgeführt, so sprang ich in der Stube herum.

Je mehr ich nun auf meinem Steckenpferde ritt, mit den Jagdhunden spielte, Burzelbaum schlug, mit der Peitsche klappte; jemehr ich die Bauernjungen neckte und schlug, dass sie ach und weh schrieen, desto mehr Zuckerplätzchen und Marzipan bekam ich von meiner Mutter, und desto mehr herzte mich mein Vater seliger.

Meine gewöhnlichsten Spiele, und die, welche mir das meiste Vergnügen machten, waren in der Folge: Königspiel, Exerzieren, Jagd und Trinkgelag. Man sieht, dass das Sprüchwort|[166] wahr ist: Was ein guter Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten. Bei jedem Spiele musste ich immer die Hauptrolle haben, sonst war es nicht recht. Vorzüglich konnte ich beim Trinken die meisten Gläser Bier ausleeren.

Neun Jahre war ich alt, als ich es nicht anders wusste und dachte, als dass ein Edelmann ein ganz anderes Geschöpf wäre, als andere Menschen; dass ein Edelmann nur da wäre, um die Zeit lustig zu verleben, des Bauern Korn, Hühner und Eier zu essen, Wein zu trinken, zu befehlen, zu quälen und zu trotzen – und dass andere Menschen nur da wären, um zu arbeiten, zu geben, zu gehorchen, zu seufzen, zu dulden. Ich sah und hörte nichts Anders, und war ganz in solcher Lebensart aufgewachsen.

Ich hatte Geld, wenn Andere Nichts hatten. Wenn ich schlug, so hielten Andere geduldig her; wenn ich befahl, so gehorchte man auf den ersten Wink; wenn ich schalt, so zitterte Alles.

Jetzt dachte Vater seliger darauf, dass ich doch wohl Etwas, wenigstens Lesen und Schreiben lernen müsste. Ich ward also zu dem Prediger de- Ortes getan. Dieser wurde aber meiner geschwind müde, wert ich mich durchaus nicht bändigen|[167] lassen, und gar keine Raison annehmen wollte. Sagte mein Lehrer A, so sagte ich B, und sagte er X, so sagte ich Z. Ich war der Freiheit und des beständigen Herumschwärmens und Zeitvertreibes gewohnt; ich sah von meinen Eltern nichts Anders, also dachte ich eben so. Ich war nun einmal zu sehr davon überzeugt, ein Edelmann könne, ohne irgend Etwas zu lernen, doch ein großer Mann werden. Adel sei angeborenes Verdienst genug. Meine Geburt bürgte mir schon genugsam für das Übrige.

Es wurde nun ein Hofmeister angenommen, dem es aber zur ersten Pflicht gemacht wurde, mir allen Willen, und meinen Launen vollen Zügel schießen zu lassen. Er war wenig besser, als der Pastor, außer dass er jünger und freundlicher war, und mit mir oft auf die Jagd ging. – Mein Vater hatte mir eine schöne, leichte Flinte machen lassen. Ich schoss zum Erstenmal zween Hasen, und bekam einen Dukaten. – Nichts war mir unangenehmer, als wenn ich irgend Etwas, welches er nützlicher nannte, tun sollte. Und im Grunde war doch Alles in meinen Bugen Nichts weiter, als grenzenlose, langweilige und unaus|[168]stehliche Pedanterie; und besonders das Latein und Griechisch, und das Vokabeln- und übrige Auswendiglernen, womit er mich immer ängstigen wollte – Nichts als Menschenquälerei, erfunden – allen wahren Tätigkeitssinn, den wahren Seelenadel, allen freien Mut, alle Munterkeit und allen Frohsinn zu unterdrücken und zu ersticken.

Mein Großvater seliger wusste das auch wohl; deswegen hatte er sich auch Nichts daraus gemacht, und war doch mit Ehren durch die Welt gekommen. Er war Derjenige, wovon es bekannt ist, dass er allemal den Bedienten herunterschickten, und befehlen ließ: Alles möchte still sein im Hause, weil er seinen Namen schreiben wolle.

Mein Vater bemerkte meine zunehmende Kopfhängerei. Er kaufte mir daher ein Pferd, schon im zehnten Jahre musste ich vorreiten. Jetzt war mein Vergnügen ohne Ende, und der Hofmeister bekam täglich weniger Beschäftigung mit mir, weil Hieronymus (diesen Namen erhielt ich in der Taufe) sich nun einmal unter keines Menschen Joch beugen ließ.

Ein Glück für ihn, dass er bald Prediger wurde, sonst wäre er ohne Umstände abgedanket|[169] worden – weil er uns doch zu Nichts nutze war. Er wusste weder mit Pferden noch mit Kühen, weder mit Hunden noch mit Hühnern und Tauben umzugehen. Ich habe dem armen Mann viel Verdruss gemacht – aber ich war nun einmal nicht anders. Er sagte mir Dinge, die ich weder fassen noch begreifen konnte – und dann musste ich ihm gerade ins Gesicht lachen. Schlagen durfte er mich nun nicht, weil ihm sonst meine Mutter den Hals gebrochen hätte. Also musste er es nun gehen lassen, wie es gehen wollte – bis glücklicher Weise zu unser Beiden Freude ein günstiges Geschick uns trennte.

Nun legte ich mir auch eine Pfeife zu. Zuerst lernte ich das Rauchen in den Bedientenstuben, wo mir der Jäger und Alle so viele Annehmlichkeiten davon vorschwatzten. Ich versuchte es auch, und siehe! – trotz allen Unannehmlichkeiten, konnte ich es in acht Tagen besser als unser Jäger. Denn der Jäger konnte wohl aus den Nasenlöchern den Dampf herausgehen lassen; wenn ich aber rauchte, so ging mir der Dampf zu der Nase, zu den Ohren und zu den Augen heraus. Ja! der ganze Kopf rauchte mir, so dass sich Alles darüber wunderte.|[170]

Weil ich nun auch fleißig auf die Jagd ging, so lernte ich auch bald – und zwar wieder von unserm Jäger, einen hübschen Schnaps vertragen – und als es mein Vater merkte, war er auch gar nicht unzufrieden darüber, sondern trank mir selbst zu.

So bildete ich mich nach und nach zu Allem, wozu nur ein guter Landjunker fähig sein kann.

Vergnügter war ich nicht, als wenn ich die Bauernjungen im Dorfe brav herumholen konnte. In unserm Gehölze gab es viele Vogelnester. Gerade, wenn ich sie ausgenommen hatte, schickte ich sie hin, und sie fanden dann gewöhnlich Hirschlosung, oder Etwas dergleichen in den Nestern. Hatten sie mir ein Nest ausgenommen, so bekamen sie Prügel – auch selbst Die, welche es nicht getan hatten, oder Nichts darum wussten. Genug, ich bürdete es ihnen auf, und sie hielten gutwillig her, und ließen sich abbläuen.

Des Sonntags ging ich zum Verdrusse des Predigers nur äußerst selten zur Kirche, oder, wenn ich hineinging, war ich nicht im Stande, darin auszuhalten. Ich lief unter den Gesängen in den Stühlen, wie ein unruhiger Geist, hin|[171] und her, guckte bald aus diesem, bald aus jenem Gitter, und hatte allerlei Phantasien im Kopfe. Zum Singen hatte ich keine Lust, und auf die Predigt zu achten, war meine Sache nicht; denn das, dachte ich, ist nur für Bauern. – Ging ich nicht in die Kirche, so bemerkte ich alle die Häuser, worin Niemand war. Ich wusste mich sanft hinein zu schleichen, dass es Niemand merkte, visitierte die Kochköpfe auf dem Herde, nahm alles Fleisch, was ich darin vorfand, heraus, und gab es den Jagdhunden, die gewöhnlich mit mir liefen.

Nichts als Verwünschungen aller Art hörte man über mich und meine Späße, die ich ganz unschuldig glaubte. Ich brachte es sogar dahin, dass nicht der zehnte Teil Menschen in die Kirche mehr ging.

Mein Vater und Mutter freueten sich dann über alle diese Schwänke, die ich ihnen teils erzählen musste, oder die sie aus dem Munde Anderer hörten. Je mehr sie sich freueten, desto mehr sann und dachte ich auf Abenteuer, so dass sie immer genug wieder gut zu machen hatten.|[172]

Nichts ist mir von jeher spaßhafter gewesen, als Das. Ich verwickelte mich mit einigen Gassenjungen in Händel. Je älter ich wurde, desto mehr suchte ich mich von ihnen zu entfernen. Aber zuweilen, wenn ich eben Langweile hatte, war mir doch der Spaß mit ihnen angenehm. Regentenspiel war nun das gewöhnliche. Je mehr sie sahen, dass ich mich ihnen entzog, und sie es für eine besondere Gnade ansehen sollten, wem ich mich wir ihnen einließ, desto weniger gehorchten sie. Genug – bei einer gewissen Strafe, die ich dem Einen zuzählen ließ, für eine angebliche Bosheit, die er begangen haben sollte, bat er um Pardon, den ich kraft meiner Regentenschaft erteilen konnte. Ich tat es nicht. Er hielt zwar gutwillig aus, aber ich las es deutlich in seinem Gesichte, er sann schon bei der Übernahme der Strafe auf Rache. Das Spiel war zu Ende. Er machte sich ein wenig geschwind aus dem Staube, und wollte mir eben an der Ecke der Mauer, die neben unserm Garten war, einen Schlag versetzen, als ich, schon vorbereitet, ihm einen Backenstreich gab, der ihm sogleich den Kopf auf dem Rumpfe herumdrehete. Der Junge ging in dieser unbe|[173]quemen Stellung nach Hause, ohne anders Etwas zu tun, als das Maul jämmerlich zu verziehen.

Ich und noch verschiedene Andere, die das sahen, mussten lautes Halses lachen, und stimmten sogleich das gewöhnliche Lied an:

Sieh, wie er aussieht,

Wie er das Maul zieht u. s. w.

 

 

Kaum war ich fünf Minuten im Hause, so gab es ein grässliches Geschrei und Verklagen von den Eltern des Knaben bei meinem Vater. So sehr mich auch das Schicksal des Knaben dauerte so war|[174] mir doch Nichts lächerlicher, als die Gestalt eines Menschen, der sein Gesicht hinten hatte.

Weil ich doch nun einmal an dem Unglücke dieses Menschen schuld war, so nahm ihn mein Vater als Bedienten an, und hielt ihn sehr gut; wobei er dann seines Unglücks so ziemlich vergaß. Nur konnte er es nicht gut leiden, wenn man sich über ihn lustig machte. Und dennoch gab es keine Gesellschaft, die nicht über dies sonderbare Machwerk von meiner Erfindung lachte.

Allein, eben dieses hirnlose Lachen, welches ich für Beifall meiner Taten hielt, machte meinen Mutwillen so hoch wachsen, dass sich Alles umher gegen mich empörte, und ich des Lebens kaum mehr sicher war. Ich musste dann, da ich eben fünfzehn Jahre meines Alters zählte, von Hause. Nun irrte ich lange Zeit herum, bald hier bald dort, von einem Onkel zum andern. Alle wollten durchaus, ich müsste meine raue Lebensart ablegen, müsste ein artiger junger Herr werden, müsste auf Schulen gehen und Etwas lernen. Und – das Alles wollte mir so gar nicht in den Kopf.

In dieser Zeit meiner Abwesenheit von Hause hatte ich einst die unruhigste Nacht meines Lebens.|[175]

„Hieronymus!“ hörte Ich laut rufen mit der ängstlichsten Stimme. Es war nicht Einbildung. Ich hörte es zu deutlich. Ich war völlig wach, völlig mir selbst bewusst.“

„Rede – himmlischer oder irdischer Geist, wer du auch bist!“ antwortete ich; „ich höre.“

„Deine Mutter sendet dir hier ihren Schutzengel. Folge ihm. Sie ist bei den Seligen.

Ein Strom von Tränen quoll jetzt unaufhaltsam hervor, und machte meinem bedrängten Herzen Luft.

„Hieronymus!“ hörte ich es noch einmal rufen. Ich konnte kaum antworten. Doch suchte ich mich zu fassen, und sagte:

„Geist meiner Mutter! rede – ich höre.“

„Geh auf Schulen – ehre deinen alten Adel, und lass übrigens das Schicksal sorgen. Du wirst zwar Vieles in der Welt erleben – aber du wirst doch am Ende deines Lebens ruhige Tage haben.“

Das tönte wie ein Donner in meinen Ohren. Ein herrlicher Duft wie von tausend Blumen erfüllte das Zimmern.|[176]

Es war jetzt Morgen. Ich sprang vom Lager auf, ging auf mein Zimmer, und fand schon – den Trauerbrief auf dem Tische liegen.

Ich war untröstbar. Ohne Etwas zu sagen, packte ich meine Sachen zusammen in einen Mantelsack, sattelte ein Pferd, setzte mich darauf, und ohne von meinem Onkel Abschied zu nehmen, ohne Etwas zu verabreden, war ich schon fort, noch ehe einmal eine Seele im Hause Etwas davon erfuhr. Ich ritt immer in Einem fort, und bekümmerte mich um Nichts, bis mein Pferd vor ***, einem Städtchen, worin die berühmteste Schule ist, stille hielt.

Ich kann diesen Ort Nicht bemerklicher machen, als wenn ich meinen Lesern sage, dass mein Erstes, was mir hier – es war eine Apotheke, wo ich abstieg – präsentiert wurde, ein Glas Bindfaden war, wozu mir einige mit Honig eingemachte Heimchen (Grillen) hingesetzt wurden. Hungrig und durstig ließ ich mir Alles recht wohl schmecken. Ob man gleich dafür hält, dass es den Katzen nicht dienlich sei, wenn sie Heimchen fressen, so bekamen sie mir doch nicht übel. Ich ließ mir mehrere Portionen geben, und lachte innerlich über das sonderbare Produkt.|[177]

Ich spielte hier die artigste Rolle von der Welt. Was doch die Einbildung für eine Herrliche Sache ist! Ich gab mir ein großes Ansehen. Ich war der Einzige von Adel – daher bildete ich mir nun auch schon ein, dass mich Alles gern leiden müsse. Ich glaubte auch, Alles besser zu wissen, als Andere. Worauf meine Mitschüler Jahrelang sich beinahe zu Tode gequält hatten, das war nur Spaß für mich. Ich hatte eine erstaunlich hohe Idee von mir. In einer Zeit von einem Jahre glaubte ich, Alles gefasst zu haben. Französisch, Englisch, Lateinisch, Spanisch, war mir Alles einerlei. Alles wunderte sich über meine unnachahmliche Insolenz und doch war dies so ganz meinem Charakter gemäß.

Übrigens hatte ich hier, was ich wünschte. Mein Schrank war stets mit dem besten Essen angefüllt, und ward nie leer. Eine unsichtbare Hand deckte und besetzte den Tisch. Meine Kleider wurden nie alt, immer lagen neue zur Hand. Der Geist meiner Mutter seliger hatte für Alles gesorgt. Und nie hat es mir an irgend Etwas gefehlet.|[178]

Ging Ich in den Stall, so fand ich ein Pferd gesattelt. Ich durfte mich nur darauf setzen.

Aber nie war der Genius meiner Mutter unzufriedener, als wenn ich Geld zu allerlei Galanterien haben wollte. Dann hörte ich ein düsteres, melancholisches Geräusch, wie das Gemurmel eines Unzufriedenen.

Oft gerieten wir da nun in Kollision, und als ich einst von einer Wildbahn des Nachts spät zu Hause kam, hörte ich hinter mir her, als ich auf meine Stube ging:

„Ich werde dich auf ewig verlassen, und dann bist du der unglücklichste Mensch. Tausendmal sagte ich dir: Du solltest keine Heimchen essen – und doch sündigest du täglich. Was wird dann endlich daraus werden? Ich kann und will es nicht länger ansehen.“

„Geh zum Teufel! wenn ich immer soll von dir abhängen –“ sagte ich im unwilligsten Tone von der Welt. „Ein Edelmann muss nach „seinem Genie leben – uneingeschränkt. Wenn ich durchaus gar keine Freiheit haben soll, wenn ich jeden Schritt und Tritt abmessen, mir Zwang|[179] antun, keine Heimchen essen soll – was ist mir dann mit meinem Leben gedient? –„

„Undankbarer!“ hörte ich, „zu spät wirst du deine Torheit bereuen. „ Und damit war der Geist verschwunden. –

Jetzt erst merkte ich, was ich für einen tollen Streich begangen hatte. Jetzt erst sah ich die Folgen. Ich wollte essen – und der Tisch deckte sich nicht. Ich sah ins Schrank – und Alles war leer. Mein Geldbeutel – auch darin war Nichts zu finden. Der Stallknecht brachte mir die Hiobspost, ich möchte selbst in den Stall kommen. Ha! dachte ich, nun ist Alles dahin. Ich ging in den Stall. Und nun hätte man hören und sehen sollen. Das Pferd sang einen förmlichen Schwanengesang. Es legte sich und wälzte sich voll Entzücken. Dann sprang es auf, mir um den Hals, als wenn es von seinem zärtlichsten Freunde Abschied nehmen wollte – riss sich los – und – hin war meine Freude.

Mit Tränen im Auge ging ich aus dem Stalle, und fluchte dem Schicksale.

Was war nun zu tun? Jetzt – Das muss ich gestehen – ging die traurigste Periode meines Lebens an. Tausendmal rief ich dem Ge|[180]nius meiner Mutter, ich bat, ich flehete, ich gelobte Besserung, ich bereuete; aber Alles vergeblich – Alles zu spät.|

Ein einziger Weg blieb mir übrig – die Schule zu verlassen und nach Hause zu gehen. Mit Anbruche des Tages machte ich mich also auf, ohne einer einzigen Seele ein Wort davon zu sagen.

Aber aller Orten Nichts als Unstern. Alles sah mir so traurig aus. Selbst der Himmel über mir, der mir sonst so heiter lächelte – hatte jetzt in meinen Augen eine ganz andere Gestalt. Ich konnte jetzt keinen frohen Gedanken mehr fassen. Das Unglück verfolgte wich auf dem Fuße.

Unterwegs in einem Gehölze stieß ich auf Räuber. Ich sah ihnen schon im Voraus ihr Handwerk an, und dass sie es auf mich angelegt hatten. Bei meiner Angst war ich dennoch in der überlegtesten Fassung. Kein Gewehr, ganz allein, in einem tiefen Gehölze, im Dickicht – verirrt: denn in meinem Unmute hatte ich gar nicht auf meinen Weg gemerkt – vierzehn Tage gereiset und in diesen vierzehn Tagen keinen Ort, keine lebendige Seele angetroffen, nicht gegessen, nicht getrunken. Man denke sich nun|[181] dies Alles im Zusammenhange und wie mir zu Mute sein musste! Wir kamen einander näher. Als ich gewahr wurde, dass sie sich um meine goldne Uhr zankten, wer von Beiden sie haben sollte, nahm ich das Tempo wahr, riss mit herkulischer Stärke dem Einen den Säbel von der Seite, hackte ihn im Hui mitten durch, schlug den Andern in die Flucht und rettete mich.

Zum Glücke für mich fand ich in einem Busche etwas Lebensmittel, welches wahrscheinlich den Räubern zugehörte, woran ich mich erquickte, und meine Reise weiter fortsetzte.

Gegessen hatte ich nun – aber nun plagte mich ein Höllendurst. Wasser war hier nirgends zu hören oder zu sehen. Die ganze Gegend enthielt Nichts als Wald und Felsen. Zufälliger Weise probierte ich den Säbel, welchen ich dem Räuber abgenommen, am Felsen, um mir den Unmut aus der Seele heraus zu jagen; und es floss der klarste, schönste Wein heraus. He! dachte ich, welch eine besondere Wirkung eines Säbels! Welche große Vorteile wird er dir vielleicht noch einst gewähren! Ich dankte dem günstigen Schicksale, trank, berauschte mich dabei, und ermüdet zugleich, schlief ich ein. –

Als|[182] ich erwachte, befand ich mich auf Einmal in dem Hause meines Vaters, auf dem Bette. Nie habe ich mir jemals dieses Abenteuer erklären können.

Mein Vater kam auf meine Kammer, und sagte mir, ich wäre die vergangene Nacht zwischen eilf und zwölf Uhr in einem sehr schönen Wagen angekommen, der aber, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, sogleich wieder abgefahren wäre – wovon ich nicht eine Silbe wusste. Ich erzählte ihm das Abenteuer, worüber er sich herzlich wunderten.

Zu Hause konnte ich aber nicht lange ausdauern. Es war mir da viel zu langweilig. Ich hatte nirgends einen Augenblick Ruhe. Es war mir Alles zu enge.

Jetzt begann ich nun meine große Reise, und zwar auf die sonderbarste Art von der Welt.

Von jeher war ich ein großer Freund vom Baden. Mein Vater hatte verschiedene sehr große Fischteiche – die größten, die ich je gesehen habe. Dahin ging ich, weil es mir gar zu heiß war. Kaum war ich ins Wasser gesprungen, als ich einen sehr großen Vogel wahrnahm, der immer im Wasser nach den Fischen herumarbeitete, die sich in großer Menge in sei|[183]ner Nähe einfanden. Er schien sich wenig um mich zu kümmern, ich mich um ihn desto mehr. Denn ich hatte ein solches Tier noch nie gesehen. Es hatte einen großen fleischichten Sack am Schnabel hängen, der sich bald zusammenzog, bald verlängerte. So Viel bemerkte ich doch, dass er sich aus fernen Gegenden hierher verirrt haben mochte. Noch wehr; ich sah nun gar, dass er zahm war, denn ich spielte mit ihm, indem ich bald in seinen Sack hinein, bald wieder Herausstieg. Am Ende verstand er aber das Ding unrecht, nahm sich hoch mit mir in die Luft, und nun ging es in alle Welt. Die Reise war eben so ganz unangenehm nicht. Das Tier hatte seinen Schnabel immer offen, und so konnte ich förmlich herausschauen, und wenn mir der Hunger kam, so aß ich einige rohe Fische, die ich neben mir in meinem Beutel hatte – wollte ich trinken, so war auch Wasser da. – Das Tier hatte noch nicht vier und zwanzig Stunden geflogen, so setzte es mich nieder auf die sanfteste Weise – wo? Da würden sich die Leser zu Tode raten.|[184]

 

 

In Schiras, der Hauptstadt von Persien, gerade auf dem Schlossplatze des Königs, meines Herrn Vetters, des damals noch lebende Dschafar Chan. Der Vogel war ein Pelikan, eins von den Lieblingstieren des Königs, der schon mehr dergleichen Späße gemacht hatte. Man hatte den Vogel schon zwei Tage vermisst, und ihn durchs Fernrohr wiederkommen gesehen. Alles war in Jubel – und besonders freuete sich der König, mein Vetter, recht sehr, auf eine so sonderbare Weise den jungen Baron von Münchhausen bei sich zu sehen.|[185]

Abends nach eingenommenem Sorbet gingen wir in den herrlichen Palmenalleen in wenig spazieren. Ich musste ihm alle Abenteuer erzählen, die sich mit mir von meiner Geburt an begeben hatten, worüber er sich dann nicht wenig wunderte.|

Aber seine größte Verwunderung – das Erstaunen aller seiner neben ihm und mir gehenden Hofschranzen war: alle Palmen, vor denen wir vorübergingen, neigten sich tief. Vor wem? darüber entstand nun erst ein kleiner Streit. Ich behauptete, vor mir. Und der König wollte sich diese Ehre anmaßen, welches auch die Hofschranzen bekräftigten. Dies musste nun erst entschieden werden. Der König, mein Vetter, bat mich also, ich möchte die Allee allein hinaufgehen. Und – Alles neigte sich. Ging der König, mein Vetter, so blieb Alles in seiner graden Stellung. Des Bewunderns war nun kein Ende. Man hielt mich für einen Gott.

Noch mehr. Eines andern Tages gingen wir in einem Walde spazieren, und alles Wild, – alle Tiere kamen zu mir. Mit Löwen und Tigern spielte ich, wie mit Kindern. Wir kämen an ein Wasser, und – die Fische legten sich so|[186]gar zu meinen Füßen. Je mehrere Wunder, desto mehr Verehrung. Mir wurde ein eigener Rauchaltar gesetzt. Man gab mir köstliche königliche Kleidung, so dass man mich und den König nicht unterscheiden konnte.

Teils um mir die Zeit angenehm zu vertreiben, teils um den Charakter, die Lebensart und die Sitten der Perser kennen zu lernen, ging ich hier oft in Gesellschaft. Das muss ich zum Ruhm dieses Volks sagen: sie sind sehr gesellige Menschen – lange nicht so zirkelhaft in ihrem Betragen, als die französierten Deutschen; lange nicht so steif und pedantisch in Ansehung des Ranges; lange nicht so luxuriös in Speise, Trank und Kleidung. Sie leben sehr frugal. Man ist da ganz ungeniert.

Aber einst erlebte ich hier Etwas, sah es mit meinen Augen, so wahr ich ein armer Sünder bin! über dessen Möglichkeit oder Unmöglichkeit man sich lange Zeit gestritten hat.

Wir waren im Ton der vertrautesten Unterredung, als auf. einmal Zween aus unserm Zirkel heftige Zuckungen bekamen, und in weniger als einer Minute lagen diese Menschen, welche lebten, mit uns sprachen, bis auf wenige Überbleib|s[187]el noch, da – als Klümpchen weißer Asche. – Eine schreckliche Metamorphose! Staunen und Schrecken umgab mich. Den Andern war das gar nichts Neues. Ich, konnte aber unmöglich länger in dieser Gesellschaft bleiben, nahm Hut und Stock, und empfahl mich.

Zufälliger Weise fand ich in meiner Westentasche das Samenkorn von der Rübe, welches ich nebst andern Wunderdingen von einer Fee bekommen hatte, die mir, seit ich am persischen Hofe war, öfters erschien.

Ich glaubte, Ihro Persianischen Majestät, meinem Herrn Vetter, einen ganz besondern Gefallen Damit zu erweisen. Mir wurde also ein Stück Lands dazu eingegeben. Ich pflanzte dasselbe, nachdem es gehörig dazu vorbereitet war, hinein. Nach wenig Wochen trieb es schon ganz ungeheure Blätter. Auch muss ich noch erinnern, dass es in der Welt wohl keinen fettern Boden gibt, als in Persien, besonders in der Gegend der Hauptstadt. Nach sechs Wochen mussten schon verschiedene Gewächse ganz aus der Gegend weggenommen werden. Aus aller Welt Enden kam man, die Rübe zu besehen. Nach einem Vierteljahre hatte sie schon über tausend Fuß im Durchmesser,|[188] und sie stand über zehn Fuß aus der Erde heraus, die bloße Rübe, ohne die Blatter. Endlich konnte Se. Persische Majestät nicht länger. Sie beschlossen und gerührten, die Rübe zu ernten. Zwanzig handfeste Kerle wurden beordert, um sie auszugraben. Acht ganzer Tage hatte man schon gearbeitet. Zwei Häuser, welche in der Nähe standen, mussten weggerissen werden – und noch war nicht einmal Etwas von einer Zuründung zu sehen. Noch immer Nichts, als das Oberteil.

 

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Nach endlichen vierzehn Tagen, wo sich die Arbeiter nach und nach bis auf hundert Mann vermehrten, und diese eine Zeitlang mir Hebezeugen gearbeitet hatten, war man so weit gekommen, dass es schien, als wenn sie sich bald zu Tage fördern lassen würde. Endlich nach einem lauten Krach, und bei der größten Anstrengung der Leute, brachte man sie heraus – aber zu meinem größten Leidwesen war sie sehr beschädigt, und unten abgebrochen. Nun lag das Ungeheuer da – eine Rübe zur Konsumtion des Hofes und der ganzen Stadt für mehrere Jahre hinreichend. Der König war sehr unzufrieden, teils über die Beschädigungen mit den Hebezeugen, teils darüber, dass sie abgebrochen war.

Da habt ihr ein Meisterstück gemacht“ – sagte er zu mir, als er sie besah – „Vetter Münchhausen! habt schöne Aufsicht gehalten! das ist wahr!“ Die Ironie, mit welcher diese Worte begleitet wurden, ging mir durch alle Rippen.

Die Rübe wurde indessen zerhackt, und man kam aus ganz Persien, und holte fuderweise davon – besonders, weil sie der König preisge|[190]geben hatte. Kaum ward das Letzte weggeholt, als ich noch einmal in das Loch hinab sah, wo die Rübe gestanden hatte. Und – Ich erblickte den blauen Himmel.

Nun hören meine Leser, was ich da begann. Ich dachte bei mir selbst, der Vetter Dschafar ist ungehalten über dich; wie? wenn du dich auf eine gute Art durch dies Loch aus dem Spiele ziehen könntest? – Ich sagte Niemanden ein Wort von meiner Entdeckung; arbeitete mich hindurch, und kam des andern Morgens glücklich und wohlbehalten in meinem Geburtsort an, wo ich zu meinem Erstaunen gewahr würde, dass sich die Rübe daselbst umgenietet hatte (dass die Rübe daselbst umgewachsen), und dass dies gerade eine Stelle in meines Vaters Lande gewesen war. Mein Vater hatte den Auswuchs bemerkt, und ihn aus der Erde herausarbeiten lassen. Dieser Auswuchs hatte allein über 100 Zentner gewogen. Wir machten dreißig Ochsen Damit fett, ohne was wir verschenkten, und für unsre Küche gebrauchten.

Was ich am meisten beklagtes bei der ganzen Geschichte, war, dass ich diese Rübe nicht erst hatte Samen tragen lassen – weil die Fort|[191]pflanzung solcher Rüben ganz außerordentlichen Nutzen für geizige Pächter und Ökonomen hätte stiften können. Ich riet es dem Schach, dass er sich dadurch würde verewigen, um die ganze Welt verdient machen können – allein, er war nicht dazu zu bewegen, durch alle Vorstellungen und Gründe nicht. Wir mussten uns also nach seinem Willen fügen. Es wurde aber dennoch auf meinen Befehl, Jahr, Tag und Begebenheit in die Persische Chronik*) [Anmerkung: *) Man sehe die Chronik von Persien. Band 99. S. 777.] verzeichnet, wo man nach Gefallen das Weitere nachlesen kann.

Ich musste nun meinem Vater, und allen meinen Freunden, die nicht wussten; wo ich bis dahin in der Welt gesteckt hatte, alle meine Abenteuer erzählen, die sich dann nicht satt hören konnten.

Ein Ende haben hier meine Jünglingsreisen.

 

***

 

Hier geht nun gerade meine große Reiseperiode an, worüber meine unberufene Herren Autoren die Welt genug beschrieben, und zugleich betrogen haben, derer Geschichten und Abenteuer zum Teil echt, zum Teil verfälscht, zum Teil ganz|[192] erdichtet sind. Man hat es mir genug prophezeiet, dass es mir so gehen würde. Man hat mich genug gebeten, doch meine Muße daran zu wenden, und selbst die Geschichten, die ich zu erzählen pflegte, um die Zeit im angenehmen Zirkel bei der Weinflasche zu vertreiben, der Welt bekannt zu machen. Die Zeit muss ihnen zu lange gedauert haben; und nun haben sie, unter allem nur möglichen Vorwande der Authentizität, fast alle Begebenheiten aufs äußerste verhudelt. Dies nun wieder gut zu machen, was einmal verdorben ist, oder alle Geschichten hier noch einmal zu erzählen, die ich für Ereignisse meines Lebens erkenne, sie zu ergänzen, oder zu verbessern – was würde das wohl den Lesern frommen? Dass sie viel Übertriebenes mit untermenget haben, sieht man der Sache von selbst an; dass sie Manches nicht so stark erzählt haben, als es sich wirklich befand – ist eben so wahr. Die geduldigen Leser mögen nun selbst die Spreu von dem Weizen abzusondern wissen; mögen, was ich erzähle, mir jenem vergleichen; dann können sie selbst sehen, was wahr oder falsch ist. Ich will mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.|[193] Wo ich noch einige Merkwürdigkeiten hinzuzufügen für gut finde, werde ich es nicht unterlassen.

So ist z. B. Folgendes vergessen worden.

Als das Pferd von dem Kirchturme heruntersprang, wo ich es doch – wie sie sich erinnern – angebunden, herabschoss – zersprang es sich verschiedene Rippen – und dann bemerkte ich auch noch mehrere Stellen, wo die Haut ganz auseinander geplatzt war, so dass das helle Wasser aller Orten durchdrang. Ich besah es um und um, und dachte da bei mir selbst: hier ist guter Rat teuer. Das Tier stellte sich etwas kläglich an, schüttelte sich aber doch bald wieder zusammen. Als es sich ein wenig ausgeruhet hatte, versuchte ich, ob es auch das Reiten noch wohl aushalten möchte – und es ging ziemlich ruhig. Wir kamen vor der Schmiede des Dorfes vorbei. Das Tier ritt auf die Schmiede los, und wollte sich durch keine Gewalt davon ablenken lassen. Man war eben damit beschäftigt, verschiedene große Tonnen mit eisernen Bänden zu beschlagen. Ich glaubte zuerst, die Hufeisen wären los, fand aber alles fest. Nun kam ich auf den Gedanken, weil das Saft immer mehr durchlief, diesem guten|[194] Tiere einige eiserne Bände um den Leib schmieden zu lassen. Der Einfall gelang glücklich. Es wurde dadurch so standfest, dass ich nicht allein die ganze Kampagne damit gemacht, sondern es auch noch lange Zeit nachher, gewiss über fünfzig Jahre, gebraucht habe. Die eisernen Bände hängen noch zu einem ewigen Andenken in meinem Marstalle.

In der Gegend zwischen Petersburg und Moskau war einst die Erde mitten auseinander geborsten. Dies wurde hauptsächlich bemerkt, als die große Chaussee ausgebessert werden sollte. Man hatte verschiedentlich über diese Begebenheit gesprochen, und ich wurde von der russischen Kaiserin Majestät dazu beordert, diesen Schaden zu besehen. Das war nun ein ganz ungeheurer Schaden. Es war auch keine Säumenszeit. Denn der Schaden riss immer tiefer und weiter ein. Und wer wüsste, wenn ich nicht frühe genug dazu gekommen wäre, ob nicht die Erde in zwei Hälften geborsten wäre? Und dann wäre es doch um die Erde geschehen gewesen. Schon litten mehrere Dörfer und Städte. Es betraf eine Strecke von zwanzig und mehreren Wersten. An einer Stelle|[195] waren Felsen. Daran hielt es noch. Schon hielten so viele hundert Wagen, die teils vorwärts, teils zurück wollten, und nun nicht weiter kommen konnten. Ich hatte also die meiste Last damit. Ich nahm Wagen und Pferde, und warf sie hinüber. Endlich sprang ich selbst hinüber, unerachtet die Tiefe unabsehlich, und der Riss so sehr breit war. Ich sann darüber nach, wie dem Dinge am besten zu raten wäre – und ließ am Ende große eiserne Klammern machen, und so die Erde wieder zusammen treiben. Es glückte – und in einer Zeit von drei Wochen hatte ich diese herkulische Arbeit so weit zu Stande gebracht, dass der Riss nur noch etwa auf zehn Fuß, wo er am breitesten war, auseinander stand. Nun ließ ich diese Klammern befestigen, große Balken darüber herlegen, damit die Passage erst wieder hergestellet wurde, endlich wurde eine Brücke darüber gebauet, und also der Schade kuriert. Die eisernen Klammern sind daselbst noch zu sehen. Die Russische Kaiserin schenkte mir dafür ihr Portrait mit Brillanten reich eingefasst auf einer schönen goldnen Dose, und eine jährliche Pension von 5000 Rubeln, die ich bis zu meiner Abreise|[196] von Petersburg immer richtig ausgezahlt erhielt.

 

 

Aus den vortrefflichen Weinbergen der russischen Kaiserin erhielt ich dann doch die Erlaubnis, einige auserlesene Stöcke von den schönsten Trauben mitzunehmen. Die Trauben sind in diesem Lande so groß, dass eine Person nicht im Stande ist, eine Traube zu tragen. Gewöhnlich werden zwei dazu erfordert, die sie auf einen Stock hängen. Ich trug diese Setzer in der Tasche. Als ich zu Hause kam, nahm ich sie heraus, um|[197] sie zu pflanzen; und siehe, ein neues Wunder! die Setzer hatten die schönsten, reifsten und wohlschmeckendsten Trauben. Nur mit dem Unterschiede, dass sie nicht so groß waren.

Ich hatte das Vergnügen, dem Könige von Preußen, meinem Freunde, welcher mich besuchte, Einige davon mitzuteilen, und damit ein Jeder gleichviel bekäme, schnitt ich sie mitten durch. Wie ich es selbst bei ihm gesehen habe, so hat er Winter- und Sommer Früchte davon auf seiner Tafel.

Von Petersburg aus bereisete ich auch das äußerste Norden. Ich tat dies mit unsäglichen Mühseligkeiten, die ich alle bekämpfen musste. Die Kälte ist daselbst, je weiter hinein, desto fürchterlicher – und ich glaube, dass noch niemand so allein – denn ich reisete nur mit einem Hunde – die Gegend des Nordpols so weit bereisete, als ich. Hätte ich mich auch hier nicht dreifach in Zobelpelze eingehüllt, ich hätte gewiss Deutschland niemals wieder gesehen. Mein Hund wurde indessen der Kälte weit eher gewohnt, als ich. Ich bemerkte es, dass er sich fast die meiste Zeit im Wasser aufhielt.|[198]

Übrigens ist es hier eben nicht der Mühe wert, dass Kavaliere oder Naturkündiger diese Gegenden bereisen, weil hier wenig oder gar keine Entdeckungen zu machen sind, und weil es hier weder Kavaliere noch Hunde gibt.

Die wenigen physikalischen Entdeckungen, die ich auf dieser Reise machte, sind folgende:

1) Sah ich die Entstehung des Hagels. Auch dies ist ein sehr sonderbares Phänomen. In dem äußersten Norden sind die Eisberge häufiger, als an einem jedem andern Teile der Erde. Nun begibt es sich zuweilen, dass ein Paar Wirbelwinde einen solchen Eisberg anpacken, ihn in die Höhe schrauben, und ihn nun oben so derbe durchkarbatschen, dass er in die kleinsten Stücke zergeht. Haben die Wirbelwinde ihn nun wie Schrot zerhackt, so führen ihn die Sturmwinde aus Norden über das ganze übrige Deutschland.

2) Aber eine noch merkwürdigere Entdeckung für die Naturkündiger ist die nähere Gewissheit von der magnetischen Materie, was sie eigentlich ist. Man sollte es nicht glauben, dass die Herren Gelehrten so etwas auf ihren Studierstuben aussinnen könnten, was sich doch wirklich so befindet,|[199] wenn man es genau untersucht. Was so lange Hypothese blieb, ist jetzt Realität, und der Dank dafür gebührt – Münchhausen.

Vertieft in Gedanken über diese wichtige Materie, worüber ich verschiedenes mir hatte von Gelehrten in den Kopf setzen lassen, ging ich dem Nordpole immer näher, als ich auf einmal ein gewisses angenehmes Brausen um mich her gewahr wurde. Ich befand mich an dem Eingange einer kleinen Höhle. In voller Untersuchung ward die zuströmende Materie immer heftiger, und sie riss mich mit der größten Schnelligkeit fort, so dass ich, alles Dagegenstrebens unerachtet, durch die ganze Erde hin durch zum Südpole herausgeströmt wurde. Staunen war alles, was ich konnte, als ich mich von meiner Betäubung, die die schnelle Reise mir verursachte, erholet hatte. Kaum hatte ich mich erholt, so ward ich eben so unsanft wieder zurückgestoßen. Als ich dies so einigemal ausgehalten hatte, klammerte ich mich fest an den Gotteserdboden, und kroch auf meinen Vieren, so gut ich konnte, aus dem Strömungspunkte heraus, und kam nach manchen Mühseligkeiten wieder in St. Petersburg an.|

 

[200] Einige Seeabenteuer.

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Die schnellste Reise, die ich jemals machte, geschah per Wirbelwind. Noch jetzt stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich daran denke. Meine Haut schrumpft mir auf dem Leibe zusammen, ein Fieber überfällt mich, und ich weiß vor Angst nicht, wo ich mich hinbegeben soll, wenn ich jetzt draußen bin, und sich ein solcher Wind erbebt. Und im Hause wird mir noch ängster. Wie oft hat mich meine Frau aus einem Mäuseloche wieder herausziehen müssen!

Als ich mir einst meine Dimission genommen hatte, ritt ich in allem Frieden, und dachte gar nicht daran, dass mir noch Dies oder Jenes begegnen könnte. Der Wind wehete zwar ziemlich heftig, doch aber nicht so, dass ich für mich, oder Andere etwas Gefährliches mutmaßen konnte. Indessen wurde er doch heftiger, und heftiger – es stürmte immer mehr, und nun kamen auf Einmal zwei Winde, packten mich und mein Pferd an, schroben mich in größter Geschwindigkeit so, dass ich mich gar nicht besinnen konnte, in die Höhe, und nun ging es per Wirbelwind immer rundum.|[201]

 

 

Was sollte ich tun? Ach musste hier ganz dem Winde seinen Lauf lassen, und er führte mich unwillkürlich aus einer Landschaft in die andere. Mein Aug ging von Norden nach Osten. Ich durchreisete in kurzer Zeit ganz Niedersachsen, Obersachsen, und so kam ich an die Ostsee. An Aussruhen war gar nicht zu denken. Nun geriet ich aus den Armen des Wirbelwindes gar in eine Wasserhose. Etwas ging es hier doch erträglicher. Man kam doch einige Augenblicke zuweilen zur Besinnung. Allein, es dauerte nicht lange, so ging es wieder in vollem Galopp.|[202] Das ging aus einer See in die andere. Ein ärgeres Rauben und Plündern, als so eine Wasserhose anrichtet, kann sich kein Mensch denken. Ich habe es mit meinen Augen gesehen. Ganze Schiffe mit Mann und Maus nahmen wir weg. Manches wurde ohne alle Barmherzigkeit in Trümmer und Bisschen zersplittert. In das erste Schiff, welches ich bemerkte, sprang ich sogleich mit meinem Pferde hinein, stieg ab, so taumelnd ich auch war, und ging in die Kajüte. Ein Schuss geschah. Die Wasserhose zerplatzte, und mein Schiff ging auf der See.

Und – was denken sich meine Leser, wo ich war? Auf dem mittelländischen Meere. Das ging also aus einer See in die andere, aus der Ostsee in die Nordsee, ins Atlantische, von da durch den Kanal bei Gibraltar ins Mittelländische Meer.

Das Einzige, was ich hier bemerken will, ist, dass es sich auf diese Art gar zu nass und zu schnell reiset. Wir machten in weniger als einer Sekunde eine deutsche Meile. Nun kann man leicht erachten, wie groß die Reise sein musste, die ich machte, indem ich Tag und Nacht über drei Tage im Meere war. Dass Blitze in|[203] einer solchen Trompe sein sollen, ist ganz wahr. Wie würde ich sonst haben zur Nachtzeit sehen können? Das ganze Ding war illuminiert.

Übrigens ging es mir hier, wie es manchem Reisenden zu gehen pflegt, der zu schnell Städte und Länder durchfliegt. Solche Menschen bemerken Nichts, oder nur Das, was sie zu bemerken glauben. Auch stehe ich für die genaue Gewissheit meiner Berechnung eben so wenig, als Blanchard, wenn er sagt, wie viel Toisen hoch er in die Luft gesegelt.

Wir landeten an der Insel Zypern, von da reisete ich nach Alexandrien, besah die große Bibliothek, die Herostratus verbrannt hatte, und als ich wieder zurückkam, fand ich Briefe da, die mich eiligst nach Hause riefen.

 

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[204] 1.

Nachtrag mancherlei sonderbarer Geschichten; teils Avantüren aus seiner Jugend; teils aus seinen ältern Zeiten; teils aus der kriegerischen Laufbahn.

 

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„Herr! bleiben Sie auf der Erde. Sie möchten sonst Hals und Beine brechen!“

So sagte einst der Major v. A..., Münchhausens Partisan, als M. im vollen Ernste bei der Weinflasche, um welche sich einst nach einem Mittagsmahle eine ganze Gesellschaft guter Freunde, lustiger Brüder und Kumpane gelagert hatten, behauptete, er habe einen Hasen aus der Lust geschossen.

„Aus der Luft?“ fing B... das Wort auf. „Da hat uns doch der Herr einmal gewaltig zum Besten. Aus der Luft? Gibt’s auch Hasen in der Luft?“

Meine Behauptungen in Ansehung der Hasen, entgegnete M., sind zu bekannt. Ich darf gar deshalb nicht sein. Doch Scherz bei|[205] Seite! Exempla sunt odiosa. Aber, wer mir das im Ernste absprechen will, dass ich einen Hasen aus der Luft geschossen habe, der –

„Nun – nun – nicht gleich so..“, indem Herr v. A. dem Baron von Münchhausen den Mund zuhielt. Alles war indessen gespannt, was es mit der Hexengeschichte für einen Ausgang nehmen möchte.

Was ich mit meinen beiden Augen gesehen, was ich selbst getan habe, das kann ich behaupten, und wenn es Jemand verlangt, so will ich deshalb einen körperlichen Eid ablegen, und das kann ich mit gutem Gewissen.

„Um Gottes willen nicht, sprang eine Dame aus der Gesellschaft auf: was haben Sie dann?“

O, Münchhausen will einen Hasen aus der Luft geschossen haben!

„Ist das ein Wunder? versetzte die Dame, Was hat der Herr von M. nicht Alles getan!“

Und wenn ich auch manche Großtaten getan habe, die weltbekannt und weltberühmt sind; so ist doch dies vielleicht eine von meinen kleinsten.

„Nun, so lassen Sie hören.“|[206]

Einst war ich auf der Feldhühnerjagd. Als ich mehrere Äcker mit meinem Hunde abgesucht hatte und sich erst Nichts wollte blicken lassen, hörte ich auf einmal in der Luft: Quäk! quäk! – Nun, dachte ich bei mir selbst: Es ist doch Viel. Muss es nun gar um M. willen Hasen in der Luft geben, da doch derselben auf der Erde so viele sind? Ich sah auf, und wirklich: der Hase hatte Flügel.

Sein Partisan, der die Geschichte nicht wusste, stieß ihn an: „Herr von M. bleiben sie aus der Luft. Ich kann Ihnen sonst nicht helfen.“

Ich dächte doch, der Herr wartete die Zeit erst ab. Diesmal habe ich ihre Hilfe nicht nötig.

Was war also zu tun? Ach nahm mein Gewehr an den Kopf; und – kaum war der Schuss aus der Flinte, als auch Kopfs unters Kopfs über der Hase herabpurzelte.

Das gab ein allgemeines Gelächter.

Sie lachen? Ein Raubvogel, ein großer Geier hatte den Hasen in die Luft genommen, und ich hatte Beide so genau getroffen, dass sie ohne Barmherzigkeit ein Opfer des Todes wurden.

„Ei, sehet doch! wer hätte das gedacht?“ sagte Baron X. Bravo! erschallte von den Lip|[207]pen der Dame. Sie schlug in ihre Hände, und von ihren holdseligen Lippen ertönten die Worte: Wer das nicht glauben will, der greife es jetzt.

Des Weidmanns Glück hängt oft von einem puren Ohngefähr ab. Und deswegen möchte ich einem jeden Mann vom Handwerk die goldene Regel geben, nie ohne die Attribute, d. h. ohne Flinte oder Büchse, oder ohne Kraut und Loth auszugehen. Es trifft sich gerade dann oft am ersten, dass uns Etwas aufstößt. Und dann haben wir entweder Verdruss oder Wunder.

Eines Morgens ging ich auch, ohne eben die Absicht zu haben, Etwas zu schießen, in den Wald. Ich weiß es selbst eigentlich nicht mehr, warum ich jetzt in den Wald ging, ohne irgend Etwas von weidmännischen Sachen mitzunehmen. Hätte ich hier nur eine Flinte oder ein Weidmesser gehabt, so war ich geborgen. Aber so hatte ich auch nicht einmal einen Stock. Nichts als mein Pfeifchen Tabak, und Damit konnte ich weder schießen noch schlagen.

Ich geriet mit meinen Betrachtungen ziemlich in die Tiefe und zugleich in ein Dickicht. Ich wusste es selbst nicht, wie geschwind ich in diese Gegend kam. Dass sich zwei Rehböcke von|[208] ansehnlicher Größe hier miteinander stießen und in Heftigkeit immer auf einander losrannten, bemerkte ich nicht eher, als bis ich dicht neben ihnen stand. Sie waren so ergrimmt und erbittert auf einander, dass sie vor Wut und Gift mich nicht bemerkten. Sachte schlich ich mich hinter einen Baum, wovon ich im Voraus sah, dass sich der eine jetzt gegen den andern stemmen würde. Und – husch, erwischte ich den einen, schmiss ihn nieder, kniete auf ihn, und packte in demselben Augenblicke den andern so fest in sein Gehörn, dass der eine so wenig als der andere sich zu lösen vermochte. Beide wandten alle Kräfte an, um loszukommen, aber vergebens. Ich hatte freilich große Mühe, diese Tiere, die mit aller Macht gegen mich kämpften, zu bändigen. Allein, es gelang mir doch, nachdem ich sie müde gemacht, dadurch, dass sie ihre Kräfte abgearbeitet hatten. Jetzt stand ich auf, setzte mich auf den schönen Rehbock, der mich recht gut tragen konnte, drückte meint Knie recht fest an, und führte ihn so ab, mit dem andern neben mir her, bis zur Küche, wo sich Alle, die mich sahen, höchlich verwunderten. Meine Montierung hatte freilich sehr dabei ge|[209]litten, wie such meine Hände, die sehr blutig waren. Was tut man. aber nicht, um seinen Mut und seine Stärke zu zeigen. Tages darauf wurden sie zu einem leckern Tafelessen bereitet, wozu eine große Gesellschaft eingeladen und auf das Wohl aller wackern Weidemänner getrunken wurde, die ein solches Kunststück noch nicht kannten.

Alle diese Umstande wären aber nicht nötig gewesen, wenn ich Alles bei mir getragen hätte, was ich wünschte. Ich beschloss daher, von jetzt an, nicht wieder ohne Flinte auszugehen.

Eine höchst sonderbare Merkwürdigkeit bleibt doch die, welche ich jetzt erzählen will. Ich ging einst in eben diesen Walde mit mehreren guten Freunden. Es war ein strenger Wintertag, und der Raufrost hing überall an den Bäumen. Ich hätte nicht darauf gemerkt, wenn mich nicht Einer meiner Jagdkumpane aufmerksam darauf gemacht hätte. So Viel ist wahr, in meinen jüngern Jahren hatte ich eine äußerst hitzige Natur. Herr v. A. sagte mir:

„Sehen Sie, Herr v. M., wo Sie hingehen, weicht stets der Reif vor Ihnen, und hinter Ihnen friert es wieder zu.|[210]

Und gewiss, als ich aufblickte, ward ich überall gewahr, dass die Bäume, so weit ungefähr meine hitzige Atmosphäre reichte, und die schien eine Distanz von 20 Schritte zu halten, nicht allein von allem Reife oder Raufroste befreiet waren, sondern dass sie auch sogar anfangen wollten zu grünen. So wie wir vorwärts gingen, war aller Frost weg, und hinter uns Nichts, als weißer Reif.

So wie ich inzwischen älter wurde, so ließ auch dies Feuer nach. Wohl hundertmal habe ich nach meinem fünfzigsten Jahre darauf geachtet; aber es war fast keine Spur mehr davon übrig.

Hier kann ich auch nicht unterlassen, noch einiger Reisen zu gedenken, wovon ich immer ein großer Freund gewesen bin, auf welchen ich aber auch gewiss mehr, als irgend ein Mensch in der Welt, wie schon bekannt, mancherlei Abenteuer erlebt habe.

Man erzählt es häufig, dass es zwischen Petersburg und Riga mehrere Stellen gebe, wo es nicht allzu richtig sein soll. Mehrere glaubhafte Personen haben mir erzählt, dass sie auf dieser Distanz mehrere Monate zugebracht, Fußreisende|[211] versicherten mich, dass sie oft gegangen, dass ihnen der Schweiß vom Leibe herunter geflossen, und dass sie doch um keinen Schritt weiter gekommen. Es gibt Dinge in der Natur, dir wir nicht zu entziffern vermögen. Dahin mag dann dies auch gehören. Ich weiß es wenigstens nicht zu erklären. Viele Naturkündige habe ich über diesen Gegenstand gesprochen. Aber auch diese wussten mir Nichts darauf zu antworten.

Mein Kutscher musste mich einst in einer sehr wichtigen Angelegenheit meines Lebens, da ich eben in Petersburg war, nach Riga führen. Auf dieser Reise haben wir mehrere Monate zugebracht. Die Pferde wurden getrieben, sie galoppierten, dass ihnen der Schweiß, wie Schaum, dick auf dem Leibe stand; und wir kamen den ersten Tag, ob wir gleich sehr frühe ausgefahren waren, und bis spät in die Nacht reiseten, nicht weiter, als zwei Stunden von Petersburg, wo wir in einem kleinen Dorfe übernachten mussten. Irren konnten wir auf diesem Wege nicht: denn wer kennt nicht die schöne fahrbare Landstraße von Petersburg nach Riga?

Wenn wir eine Zeitlang die Pferde rasch hatten zugehen lassen, so befanden wir uns auf|[212] einmal in einer schönen Stadt. Ich möchte fast behaupten, es gäbe keine merkwürdige Stadt in der Welt, die ich nicht auf dieser Reise gesehen hätte. Es war offenbar nicht anders, es konnte dies nicht wohl ohne Zauberei geschehen. Kaum war ich ein wenig in meinem Reisewagen eingeschlafen, so ward ich durch das allgewaltige Rasseln auf einem Steinpflaster wieder aufgeweckt. Ich sah aus meinem Wagen, und fragte meinen Johann, wo wir uns befänden? Dieser sagte, er wisse es nicht. Er hätte mehrmals gefragt, er verstehe aber die Menschen nicht. Ich fragte, nachdem wir ein wenig Halt gemacht hatten, den ersten Neugierigen, der sich an an unsern Wagen machte, wo wir wären, und sieh! wir befanden uns – in Konstantinopel. Ich hätte auch nicht einmal nötig gehabt, zu fragen, denn selbst in dem Augenblicke, wo ich frug, bemerkte ich es nicht allein an den Türmen der Stadt, worauf der halbe Mond glänzte, sondern auch an der Kleidung der Menschen, die uns begegneten. Wir fuhren weiter, und – der Großsultan rasselte in einem prachtvollen Staatswagen daher, umgeben von einem großen Trosse, der ihn begleitete. Er ließ halten, sah|[213] zum Wagen heraus, und sagte: Beim Mahomet, unserm großen Propheten! das ist der berühmte Münchhausen, wo kommen Sie her? und wie?

Zu dienen, Ewr. Majestät! antwortete ich. Ich komme von Petersburg, und will nach Riga. Wo und wie ich hieher komme, weiß ich nicht.

„Sie lassen sich zu meinem Palaste fahren. In einer halben Stunde habe ich die Ehre, bei Ihnen zu sein.“ Und Damit rollte der Wagen weg.

Wir setzten unsern Weg auch fort, konnten aber den Palast nicht finden. Wir sahen ein großes Wirtshaus, und wir hielten. Der Kutscher stieg ab, und wollte mir aus dem Wagen helfen. Wir gingen hinein, der Wirt führte uns in ein schönes Zimmer, wo wir einen großen Tisch mit einem ganz ausgesuchten Frühstücke erblickten. Ha! dachte ich, dass wird unsern Magen wohl tun. Und – in dem Augenblicke, als ich den vortrefflichen Liqueur im Glase zum Munde bringen, als der Johann nach seinem Schnaps und einem tüchtigen Stücke Schinken greifen wollte, war Stadt, Wirtshaus, Glas, kurz, Alles wieder verschwunden, und wir befanden uns – ich im Wagen, der Kutscher auf dem Bock, auf der|[214] Landstraße zwischen Riga und Petersburg. Es begegneten uns viele Wagen, die uns stets auswichen. So lange uns die Wagen im Gesichte waren, zeigte sich uns die ganze Gegend als bekannt. Wir sahen und erkannten noch die Türme von Petersburg und den Ladogasee. Sobald sich aber die Wagen entfernt hatten, so waren wir gleich wieder vor oder in einer andern Stadt.

Wir kamen z. B. in Rom an. Im Hui wären wir vor dem Vatikan. Wir sahen die an den Wappen, an der Rotunda, an den Obelisken, an den vielen Villen, an den Altertümern. Wir wollten hier wieder Halt machen, und – Alles verschwand vor unseren Augen. So sahen wir fast alle große Städte der ganzen Welt. – Wenn dann der Abend kam, so fanden wir, wie sich das arme Vieh abgetrieben hatte, und wir oft nicht um eine Stunde weiter gekommen waren. Ein Glück, dass wir ziemlich mit Proviant versehen waren, und dass die Zauberei nur des Tages Statt fand, und wir des Abends doch jedesmal Proviant wieder einnehmen konnten: sonst hatten wir samt unseren Pferden bei dieser Neckerei offenbar verhungern können, da nicht|[215] allein ich, sondern auch mein Kutscher mit in diese Zauberei verbannt war, welche sich nicht eher lösete, als bis wir in Riga wohlbehalten ankamen, und nicht genug von unseren gehabten Fatalitäten erzählen konnten. Es war gewiss Mehr, als die Einbildungskraft, die uns diesen Streich spielte. Mein Johann konnte nie die ärgste aller Neckereien vergessen, die uns in Konstantinopel betraf, wo er schon ein großes mit Schnaps gefülltes Glas in der. Hand wähnte, und – Alles wieder verschwand.

Dass einst im Türkenkriege mein Pferd von einem feindlichen Fallgatter mitten durchgeschlagen wurde, und ich demungeachtet auf der Hälfte desselben zu einem Brunnen ritt, ohne es zu wissen – diese Geschichte ist bekannt genug. Allein, dies will noch Nichts sagen. In größeres Erstaunen werden die Menschen geraten, wenn ich ihnen sage, dass mir einst bei einer sehr hitzigen Bataille durch einen Hieb mit einer Sarazenenklinge der Kopf vom Rumpfe gehauen wurde. Aber demungeachtet kam meine Armee so wenig, als ich selbst, aus der Fassung. Frühzeitig genug bemerkte ich es, und glücklich fing ich ihn mit meinen Händen auf. Nun sollte man gesehen|[216] haben! Eben so, als in völliger Verbindung mit einem Körper, trug ich ihn vor mir her, und er kommandierte noch tapferer, als vorhin: „Marsch! hauet ein! schießet zu! bravo!!“ So ging es bis spät Abends, und die Türken wurden zusammengehauen, wie altes Eisen. Es gab eine solche Niederlage, wie seit Menschen-Gedenken nicht geschehen ist. Mehr als 50000 Türken wurden in die Pfanne gehauen und ein Frikassee daraus gemacht. Erst spät in die Nacht, als uns das Feld gänzlich geräumt war, wurden die Säbel in die Scheiden gesteckt.

 

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Aber wie ward es mit meinem Kopfe?

Ein äußerst geschickter französischer Feldscherer nähete ihn mir wieder sehr gut an. Zu mehrerer Haltung nietete er mir in die Gurgel eine blecherne Röhre, die ganz künstlich wie eine Gurgel mit lauter Schienen gemacht war, so, dass sie sich zusammenziehen und ausdehnen konnte. Und wie nur erst wieder Ader auf Ader kam, war die Heilung geschwind geschehen. In wenigen Tagen fühlte ich fast gar Nichts mehr davon. Ich aß und trank, sprach, Alles, wie vorhin. Die Narbe ist noch am ganzen Halse herum zu sehen.

Doch möchte ich mir um Alles in der Welt jetzt den Kopf nicht noch einmal abhacken lassen.

In eben diesem Kriege bedienten wir uns bei einer gewissen Gelegenheit einer großen List. Im Kriege ist das wohl erlaubt, man mag dadurch seinen Zweck erreichen, oder nicht. Es war nicht weit von Belgrad, als auf einmal ein Korps der Feinde mit einem schrecklichen Anfall und heftigen Kartätschenfeuer auf uns loskam. Ich kommandierte Alle: Auf den Tod! So wie also einigemal die Kartätschen auf uns feuerten, und schon mit verhängtem Zügel auf uns eingehauen werden sollte, fielen alle Glieder hin, und Alles|[218] lag gestreckt. Meine Soldaten waren sehr pfiffige Leute. Keiner, der sich gerührt hätte, als die Türken nahe heran kamen. Es hatte hin und wieder Blut gegeben. Mancher war abgeschlachtet; Mancher verstümmelt. Sie verwunderten sich über die totale Niederlage, legten hin und wieder Hand an, und wussten erst gar nicht, was sie daraus machen sollten; stießen Diesen und Jenen mit dem Fuße um – Alles war und blieb wie tot. Also die Türken gingen weg. Als wir merkten, dass sie weit genug fort waren, standen wir, so Viel unser waren, wieder auf, und gingen unserer Wege. Vielleicht mochten von Tausend nicht Zehn gefallen sein, und wir wären bei der zu großen Übermacht Alle ein Opfer ihrer Wut geworden.

Das war Münchhausens Auferstehung und – so muss man sich zu helfen wissen.

Eben so bei einer gewissen Affäre gegen die Türken war unsre Anzahl zu klein, als dass wir es hätten länger wagen dürfen, gegen die Übermacht zu kämpfen. Ich sah es längst ein, dass wir Alle zu Grunde gehen müssten, wo wir uns länger mit ihnen eingelassen hätten. Ich kommandierte also zu einem Rückzüge in voller Ord|[219]nung. Die Türken waren immer vor uns. Bis auf einmal, wo uns ein Wald in dem Rücken war, wollten sie es nicht weiter wagen, uns zu verfolgen. Sie machten anfangs Halt, und wollten uns umgehen, als sich, da sie beinahe ganz aus unserm Gesichte waren, zu unsrer größten Freude im Walde eine gewaltig große hohle Eiche fand, die uns in ihren Schutz nahm. Ich kommandierte, so Viel ich konnte, in die hohle Eiche. Aber wie erstaunte ich sowohl, als unsre ganze Armee, als dieselbe allgemach uns Alle zu fassen vermochte!

Die Ursache davon war, dass der Boden derselben durch die Schwere der Mannschaft, die sich darin versammelte, heruntersank. Wir befanden uns nun Alle in einer sehr geräumigen Höhle. Wir waren kaum gedeckt, als wir die Türken in vollem Galopp anrücken, ihr gewöhnliches Halla rufen und ihre Janitscharenmusik machen hörten. Allein, sie zogen Alle vorüber. Und wir machten dann auch bei völliger Stille uns wieder heraus, und so linksum.

Ich machte einst eine Reise über das große Weltmeer. Wunderbare Fata stießen mir auch hier auf. Aber da ich diesmal kein eigentliches Tagebuch hielt, so ist auch Manches davon ver|[220]gessen worden. So viel erinnere ich mich noch bei dieser Gelegenheit, dass ich einen Seehund, der häufig an unser Schiff kam, durch allerlei Lockungen von Brot und andern Speisen zahm machte. Eine ganze Zeit wich er fast nie vom Schiffe. Als ich dies bemerkte, dachte ich, ob er sich vielleicht beikommen ließe. Ich streichelte ihn sanft mehrere Tage, und sieh, er ließ sich gar einen Zaum anlegen, auch ließ er auf sich reiten; so, dass ich mehrere Seemeilen zur Verwunderung Aller mit ihm reisen konnte, ohne dass er sich im Mindesten gegen mein Spornen oder gegen mein Lenken auflehnte. Nur zuweilen, wenn ich meinen Spaß zu weit mir ihm trieb, wenn er die Schule machen sollte, ging er mit mir unter Wasser. Ich klammerte mich dann mit meinen Knien fest an, und suchte ihn durch allerlei Gaben und Liebkosungen wieder zur Raison zu bringen. Wie sehr uns dies einst zu Statten kam, will ich jetzt erzählen.

Eine räuberische Barbarengaliote nahte sich unserm Schiffe, und wollte es durchaus entern. Der Kaper, der erst nicht an uns kommen konnte, gab mehrere Lagen nacheinander auf unser Schiff, wovon ich den größten Teil der gefährlichsten Kugeln auffing. Dafür wurde beschlossen, dem|[221] Korsaren wieder einen Streich zu spielen, der ihm übel bekommen sollte – und zwar sollte er die Bezahlung in seiner eigenen Münze erhalten. Dieselben Kugeln, die ich aufgefangen hatte, machte ich geschwind auf einem Roste glühend, packte sie in dazu gehörige Kapseln, setzte mich auf meinen Seehund, ging mit meiner Ladung unter Wasser, bohrte mit einem großen Bohrer ein Loch üben der Pulverkammer, schmiss die glühenden Kugeln hinein, und – in einem Hui flog der Korsar in die Luft; unterdessen ich in pfeilschneller Geschwindigkeit wieder meinem Schiffe zueilte.

 

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„Bravo!“ erschallte von allen Seiten des Schiffes, und der Schiffskapitän lobte nicht allein meinen Eifer, indem er selbst gestand, dass er ohne mich samt seiner ganzen Ladung ein Opfer des Korsaren geworden wäre, sondern gab auch denselben Abend ein herrliches Gastmahl, wo auf mein Wohlsein recht tapfer getrunken ward.

Zur Belohnung und stetem Andenken an die Treue dieses Seehundes, der nicht von mir wich, selbst als wir schon ans Land gestiegen waren – ließ ich ihm einen Fang geben, sein Fell ausstopfen und ihn zur Rarität in mein Münzkabinett aufhängen, wo er noch zu sehen ist.

Der Winter im Jahr 1788 ist noch jetzt bei Allen, die ihn erlebten, im Andenken, und wird auch sobald noch nicht vergessen werden. Alles, alt und jung, weiß nicht genug von den Fatalitäten desselben zu erzählen. Man höre, wie es mir einst erging, als ich zu Pferde auf einer Reise nach H… war. Mir fehlte es an Nichts. Ich hatte Pelzstiefeln an und in jedem Stiefel eine Wärmflasche. Auch hatte ich einen mächtigen Mantel umgeschlagen. Aber mein Pferd – wer sollte es gedacht haben? Der Schnee ballte sich.|[223] Es war gerade ellenhoher Schnee gefallen, die Landstraßen beinahe nicht zu passieren. Es war zwischen Tau- und Frostwetter. Der Schnee ballete sich immer höher und höher. – Es stand am Ende still und konnte nicht aus der Stelle, weil so starkes Frostwetter einfiel, dass es fest fror. Ein Glück war es, dass ich einen Reitknecht bei mir hatte. Dieser ritt ein jüngeres Pferd von hitzigerer Natur. Auf selbes setzte ich mich, und ließ meines so lange stehen, bis wir nach acht Tagen wieder zurückkamen, wo eben Tauwetter einfiel, und wir es also wieder mit zurücknehmen konnten.

Dass ich in meinen jüngern Jahren bis in mein sechzigstes Jahr ganz ausgezeichnete Stärke besaß, davon gab ich mehrere Proben. Z. B. wo von der großen Kanone die Rede ist, die ich bei Konstantinopel über das Meer werfen sollte, wo ich aber zu kurz kam, die Kanone ins Meer fiel, und ich dadurch in Ungnade geriet.

Der Großsultan zweifelte gar nicht an der glücklichen Ausführung dieses Kunststücks, weil ich ihm selbst ein Beispiel von Stärke gab, welches er mir ewig nicht verdanken konnte, und doch so bald vergaß.|[224]

Er hatte die Gnade, mich mit sich ins Arsenal zu nehmen. Hier musste mir der Aufseher alles nur mögliche Sehenswürdige zeigen. Mehrere Sachen wurden mir in Gegenwart des Großherrn vorgewiesen, die voller Staub und Schmutz waren. Darüber geriets der Sultan in so große Heftigkeit, dass er nicht nur seinen Zorn in Worte ausbrechen ließ, sondern sogar auch dem Aufseher einen solchen Schlag ins Auge gab, dass ein nahestehendes des offenes Pulverfass augenblicklich zündete, und einen Teil des Arsenals zersprengte, wo ich dann zugleich die Gegenwart des Geistes hatte, als das Ganze mit uns aufflog, den Sultan meinen Herrn so fest zu fassen, und zugleich in der Luft zu behalten, dass wir nicht einmal unsanft zur Erde nieder kamen. Ein Glück für uns, dass wir auch durch keine einzige Trümmer beschädigt waren. Wir hatten auch nicht den geringsten Schaden genommen. Alles an uns war unversehrt geblieben, zum Erstaunen Aller, die unser Abenteuer erfuhren. Von dem Oberaufseher, der gerade über dem Fasse den Schlag ins Auge bekommen hatte, wovon dasselbe in Brand geraten war, hatte man, auch selbst nach vielem Nachsuchen, nicht eine Spur gefunden.|[225]

 

 

Der Großsultan beklagte mehr, als seine Lieblingskanone, die in großen Ketten unter dem Gewölbe des Arsenals aufgehangen war, welche mir als etwas ganz Außerordentliches zeigte. Er ließ sie überall suchen. Ein Bote brachte dann zu seiner Freude die Nachricht, dass sie jenseits des Meeres niedergefallen sei. Daher der Antrag, der, ich weiß nicht, durch welch ein Verhängnis so unglücklich für mich ablief.

Doch dies ist fast noch Nichts. Alle jetzt folgenden Proben von Stärke übertreffen, mehr oder weniger, alle von mir bekannte Stücke.|[226]

Es war mir ein Leichtes, noch in meinem 59sten Jahre an jedem Finger ein Gewehr, also zehn Gewehre, auf welche unten noch eine oder zwei Flinten gelegt wurden, mit steifen Armen in die Höhe zu heben.

Zwei blasende Trompeter, den einen in der linken, den andern in der rechten Hand, war ich im Stande, ohne alle Anstrengung zur Bewunderung aller Zuschauer, eine halbe Stunde außer dem Fenster zu halten.

Einst hatte ich eine kleine Reise zu Pferde gemacht. Mein Pferd hatte das eine Hufeisen verloren. Ich suchte noch hinzukommen nach Latferde, einem kleinen Orte auf der Tour nach Hameln. Ich reite daselbst vor die Schmiede, um mein Pferd beschlagen zu lassen. Mit Fleiß sagte ich dem Schmied, er möchte mir ein starkes Hufeisen machen. Er schmiedet ein sehr starkes und zeigt es mir, ob es meine Approbation erhalte. Wie erstaunt der Schmied, als er sieht. dass ich es zerbreche wie einen Pfeifenstiel! Er macht ein anderes; ich zerbreche es wieder, eben wie das vorhergehende. Er macht ein drittes. Ich mochte ihn nicht langer vexieren, sondern gab den Befehl, es nur sogleich aufzuschlagen. Als|[227] er fertig war, fragte ich, was meine Schuldigkeit wäre? Der Schmied sagte: ein Gulden. Der Schmied nahm den Gulden, und mit den Worten: er taugt Nichts, ihr Gnaden! zerbrach er ihn, wie ich das Hufeisen. Gut das! Sagte ich: ich sehe, ihr seid stark. Hier habt ihr noch einen Gulden, behaltet Beides. Aber dafür sollt ihr noch Etwas sehen, das eure Kräfte doch wohl übersteigt. Ich nahm eine Stange Nageleisen, und drehete ihm diese um den Hals zu und bat ihn. er möchte sie wieder aufdrehen. Das war er nicht im Stande. Ich erlösete ihn also von seinem Halseisen, und reisete unter Verwunderung meiner Wege.

An einem sehr schönen Frühlingstage im Mai äußerte eine lustige Gesellschaft, die gerade an diesem Tage bei mir war, den Wunsch, im Garten unter den vier ins Quadrat gepflanzten Lindenbäumen zu essen. Die Tafel für zehn Personen stand schon gedeckt im Esssaal. Die Suppe war schon in einer Terrine aufgetragen. Die Bedienten wollten sich schon mit dem Transport derselben beschäftigen. Das wollte ich nicht. Das hätte uns nicht allein zu lange vom Essen abgehalten, sondern die Suppe wären uns auch|[228] kalt geworden. Was war also zu tun? Ich fasste die. ganze Tafel, so wie sie da stand, an dem einen Fuße, ließ die Flügeltüren aufmachen, und so trug ich mit steifem Arme die ganze Tafel, mit Allem, was darauf war, in den Garten, ohne im mindesten anzustoßen, oder irgend Etwas, was auf dem Tische stand, aus der kleinsten Ordnung zu bringen, oder nur einen Tropfen Suppe zu verschütten.

Wie oft habe ich vor den Augen aller meiner guten Freunde ein ganzes Dutzend Teller zusammen und wieder auseinander gerollet; so dass alle bekennen mussten, wenn sie auch ihre Stärke versuchen wollten, solche Stärke hätte man bis jetzt so wenig in Israel als unter den Christen gefunden.

Mein bestes Reitpferd, welches mir Alters halber nicht mehr dienen konnte, und welches schon einige Jahre das Gnadenbrot genoss, wusste ich doch noch lange zu gebrauchen und auf eine eigene Art sein Andenken zu ehren. Ein treues Pferd und ein treuer Hund, Beide sind Tiere, die man nicht wohl verlassen kann. Und – wie Vieles kommt vorzüglich im Kriege auf ein braves Pferd an!|[229]

Ich ließ mir die Haut davon bringen, schickte sie zu einem Manne, der sie recht fein zu verarbeiten wusste, und überzog sie mit Federharz. Wollte ich nun eine Reise machen; so füllte ich diese Haut mit inflammabler Luft und erhob mich Damit von der Erde. Es lässt sich nicht bequemer in der Welt reisen, als mit einem Luftpferde. Man stößt nirgends an. und dann geht es auch viel geschwinder. Das Beste war, dass sich dies Tier in der Luft so gut regieren ließ, als auf der Erde. Denn es war nun einmal seinen Herrn gewohnt. Sollte es sich heruntersenken, so drückte ich es allmählig mit den Knien zusammen, Damit die inflammable Luft hinten wegging. So oft ich in ein Wirtshaus gehen wollte, oder zu guten Freunden kam, und ich mich heruntergelassen hatte, konnte ich es zusammen legen und es bequem in der Tasche tragen. Ein wahres Wundertier!

Oft machte ich dann auch den Spaß, und nahm ein Hifthorn mit auf die Reise. Da glaubten dann die Menschen, wenn sie die Jagdstücke hörten, und doch Niemanden in der Luft sahen, denn ich war oft so hoch, dass ich Nichts von der Erde sehen konnte, ein neuer Hackelnberg sei auferstanden.|[230]

Überhaupt konnten sie das Kunststück nicht recht kapieren, wenn ich mich von der Erde und zwar in solcher Schnelligkeit in die Höhe hob.

Kein Vogel in der Luft war jetzt vor mir sicher, und wenn sie auch noch so hoch stiegen. Ich schoss sie alle herunter, Trappen, wilde Gänse, Auerhähne – Alles. Ich möchte fast behaupten, es sei keine angenehmere Jagd, als in der Luft. Variatio delectat.

 

–––

 

 

2.

Münchhausens Bekenntnisse.

 

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Mein Großvater, seligen Andenkens, hatte, wie manche Großväter zu ihren Enkeln, eine unbeschreibliche Liebe zu mir. Meine erste Jugendzeit verlebte ich mehr bei ihm, als bei meinen Eltern. Er war Geschäftsmann. Ein Mann von ganz außerordentlichen Kenntnissen. Frühe hatte er sein großes Genie ausgebildet und seine Kräfte größtenteils im Dienste eines gewissen Staats verwendet.|[231] Schon hatte er sich unverwelkliche Lorbeeren des Ruhmes um seine Schläfe gewunden. Er lebte von seinen Renten sehr gemächlich, und konnte also nun, da er sein Leben so ruhig hinbrachte, auch einen Teil seiner Muße darauf verwenden, mich zu beobachten, und schon im Voraus zu sehen, was vielleicht aus mir einst werden könnte.

Er bemerkte dann in mir, ob ich gleich damals erst zwölf Jahr alt war, ein großes Genie, aber auch eben so viele Liebe zu einem gemächlichen Leben. Wie denn dies größtenteils den Genien so zu gehen pflegt, oder so eigen zu sein scheint. Sie wollen bloß die Blumen ihres eigenen Feldes anbauen, ohne sich darum zu bekümmern, ob es Disteln oder Dornen sind. Mit dieser Liebe zur Bequemlichkeit war zugleich ein Eigensinn, ein solches rechthaberisches und ruhmsüchtiges Wesen vereinbaret, dass ein Mann, wie er, der nicht allein den Geist seines Zeitalters kannte, sondern den Geist kommender Jahrhunderte mit dem Scharfsinne eines Philosophen durchblickte, gleich an mir wahrnahm, was ich ungefähr in der Folge für eine Rolle in der Welt spielen würde.

Hätte ich länger das Glück haben können, seine Aufsicht, seine Erziehung, seinen Unterricht,|[232] seinen Umgang; – kurz, seine Bildung zu genießen, so wäre es freilich wohl noch um Vieles anders mit mir geworden. Aber so, wusste er, war ich der zu große Liebling meines Vaters, einziger Sohn, und eben so der Zärtling meiner Mutter.

Mein Großvater war sieben und siebenzig Jahr alt, als er starb. Wenige Stunden vor seinem Tode – er starb an der Entkräftung des Alters, eine Krankheit, woran jetzt so viele Jünglings aus der Welt gehen – musste ich vor sein Bette kommen – – ich war erst siebenzehn Jahr alt, und er sagte mir Folgendes: „Mir winken die Schatten meiner Vorfahren. In wenigen Augenblicken muss ich der Natur ihren Tribut bezahlen; wie meine Väter, so auch ich. Höre, mein Sohn! Längst sah ich in dem Spiegel der Zukunft deinen ganzen Lebensplan. Du hast, wie der größte Teil deiner Kaste, nicht Lust zu ernsthaften Geschäften oder zum Studieren. Ich will für dein künftiges Fortkommen in der Welt sorgen. Hier hast du ein Kästchen, ein Erbstück von Mehreren meiner Vorfahren, die dieses kostbaren Schatzes, der darin enthalten ist, nicht bedurften, weil sie sich, Jeder auf besondere Art, auszuzeichnen vermochten.|[233] Weder sie noch ich haben ihn je geöffnet. Hier hast du den Schlüssel dazu. Mache aber nicht eher Gebrauch davon, als bis Du die männlichen Jahre erreicht hast. Suche dasselbe aufzubewahren, und zeige es Niemanden. Lass dir keins von diesen Stücken entwenden. Du wirst sie alle nötig haben.“ – Ich weinte, küsste mit Dankbarkeit seine Hand und seinen Mund. Er erteilte mir darauf seinen Segen nach großväterlicher Sitte, und – verschied mit einer Ruhe, mit einer Heiterkeit, die nicht ihres Gleichen hatte.

Ich nahm den Kasten, und ging. So voll Schwermut auch mein Herz über den geliebten Abgeschiedenen war, so bemächtigte sich doch ein unbeschreiblicher Frohsinn meiner Seele; ich blickte mit heiterem Lächeln auf das süße Geschenk. Was glaubte ich wohl Anders darin zu finden, als Schätze von unermesslichem Werte? Und doch dachte ich, indem ich ihm mit prüfender Hand wog – er war etwa 4 Fuß lang und einen Fuß breit – dazu ist er nicht schwer genug. Er kann also wohl keine große Summe von Goldstücken enthalten; aber vielleicht liegen Diamanten darin oder Edelsteine von großem Werte. Kurz,|[234] allerlei Mutmaßungen umgaukelten meine Seele. Die Tage. wo er auf dem Paradebette lag, und wo er völlig zur Erde bestattet, oder vielmehr in seinem Familiengewölbe beigesetzt wurde, ließ ich vorübergehen; aber sie dauerten lange, ehe ich meine Neugierde befriedigen konnte. Endlich öffnete ich ihn in einer einsamen Stunde, und fand Folgendes in demselben.

1) Einen schönen Degen mit einem vergoldeten Gefäße.

2) Einen Ring mit einem Diamant, der zwar sehr schön glänzte, aber doch nicht groß war, weil sein wahrer Wert, wie in den alten Zeiten gewöhnlich, in dem Kasten vergraben war.

3) Ein besonderes Wesen an einem Bande anhängend, welches ich noch nicht kannte. Dies schien mir gar keinen Wert zu haben.

Der Degen blitzte mir nun freilich am meisten ins Gesicht. Doch dachte ich, als ich das Alles lang genug betrachtet hatte, und der erste Eindruck vorüber war: Ist das die ganze Herrlichkeit? Wie konnte dein Großvater dich so täuschen? Eben als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte,|[235] sah ich zugleich eine Schrift in dem Kasten liegen, die zwar ziemlich altfränkisch aussah, aber doch noch immer nicht ganz unleserlich war. Ich las:

„Sterblicher! wer du auch seist, wenn Du diesen Fund gehörig anwendest, so bist du reich, glücklich, geehrt genug.“

Ich ward schon aufmerksamer. Ich las weiter:

„Mit dem Degen in der Faust kannst Du alle Schlachten gewinnen, die Du beginnest. Kein Feind kann Dir irgend eine Wunde beibringen.“

„Mit dem Ringe bist Du im Stande, so oft Du ihn am Finger trägst, und den Diamant in die Hand hineindrehst, Dich unsichtbar zu machen.“

„Mit dem Talisman, den Du als einen Gürtel am Halse tragen musst, bist Du sicher vor allen nur möglichen Unfällen des menschlichen Lebens, und hast vorzüglich dadurch die Gabe, Dich allgemein geehrt zu sehen, und erhältst zugleich eine ungeheure Einbildungskraft, durch Erzählungen von Geschichten aller Art Dich bei allen Menschen in allen Stücken beliebt zu machen.“

Was ich jetzt tat? Ich band gleich den Talisman um meinen Hals, und ich fand in meinem ganzen Wesen eine solche Zufriedenheit, einen Froh|[236]sinn, eine solche eigene Durchströmung desselben in alle Teile meines Körpers, eine solche Liebe zum Phantasieren, dass ich nicht im Stande bin, dies Gefühl zu beschreiben.

Den Ring steckte ich an meinen Finger, und kehrte die innere Seite des Diamants in die Hand hinein. – Schon war ich nicht mehr an der Stelle; ich sah mich selbst nicht. Ich drehte ihn wieder nach Außen; und ich war wieder – bei meinem Kasten. Ha! dachte ich, Damit sollst du noch Kunststücke genug machen – als er mir sogleich in Stücken vom Finger fiel. Jetzt dachte ich an die Worte meines Großvaters; an mein Gelübde, welches ich hatte tun müssen, nicht eher, als bis ich meine männliche Jahre erreicht haben würde, Gebrauch davon zu machen. Ich ließ ihn wieder zurecht machen; aber er hatte seine Wirkung verloren. Wie sehr beklagte ich das!

Ängstlich, auch das Übrige zu verlieren, machte ich meinen Kasten zu, verschloss ihn, und bewahrte ihn an einem Orte, wovon ich gewiss wusste, dass er vor neugierigen Spähern sicher ‘ war.|[237]

Aus diesen Umständen wird man es sich leicht erklären können, woher es kam, dass ich ein so vorzüglich wunderbarer Mann ward, der so viele seltsame Reisen und Abenteuer bestanden, und sich so berühmt gemacht hat.

Meine Freude über die Wirkung des Talismans war außerordentlich. Oft war ich schon als Jüngling in großen Verlegenheiten, besonders in Damengesellschaften, gewesen, wo ich durchaus aufgefordert wurde, Etwas zu erzählen, wenn sie nicht mehr wussten, was sie vor lange Weile beginnen sollten. Dann saß oder stand ich da, wie Butter an der Sonne. Jetzt, dachte ich, bist du gesichert. Ich war ein ganz anderer Mensch. Ich wartete auf den Point nicht einmal ab, wo ich dazu aufgefordert wurde, Etwas zu erzählen. Ich machte meine Gesellschaft, wie aus meinen Geschichten bekannt ist, so aufmerksam, dass Alles Nasen und Ohren, ja auch den Mund aufsperrte; worüber ich mich dann nicht wenig freuete. Nicht lange – und ich ward das Wunder meiner Zeitgenossen.

Wie beklagte ich noch oft den Ring!|[238]

Mit dem Degen in der Faust begann ich alle jene Großtaten. Wenn ich nur diesen Degen hatte, so vermochte ich Alles.

Aber ich habe auch alle diese Stücke verloren. Nur wenige Spuren von Wirkungen dieser Dinge sind mir übrig geblieben. Ein Glück für mich, dass ich sie nur dann erst verlor, als ich sie ziemlich entbehren konnte.

Ich liebe seit dieser Zeit das Landleben über Alles, und die stille Ruhe und Heiterkeit, den Umgang mit meinen Freunden und Lieben, und werde es nie vergessen. auch ohne jene Schätze, was Hölty sang:

O wunderschön ist Gottes Erde,

Und wert, darauf vergnügt zu sein!

Drum will ich, bis ich Asche werde,

Mich dieser schönen Erde freun.

 

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[239] 3.

Meine Heiratsgeschichten, Ehestandsleben u. d. gl., vom Anfange bis zu Ende.

 

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Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Dieser Gedanke trieb mich dann auch, nachdem ich schon ziemlich die Jahre erreicht hatte, zu dem Entschlüsse, ein Weib zu nehmen.

Ich sah Mädchen genug in meinem Vaterlande, große und kleine, hübsche und hässliche, die schön waren, und es nicht wussten, es auch nicht sein wollten; aber auch Närrinnen, die hässlich waren wie die Nacht, und sich doch schön dünkten und auch von Andern dafür gehalten sein wollten; reiche und arme, adeliche und bürgerliche; und keine Einzige, ob sie gleich Alle in der Stille um mich warben, oder durch Andere, durch Helfershelfer, um mich werben ließen, aus Eroberungen Tag und Nacht ausgingen, wusste mich in die goldenen Fesseln des Ehestandes zu zwängen.|[240]

Goldene Fesseln? Nun man nennt es ja in der schönen Sprache so. Warum sollte ich hier eine Ausnahme von der Regel machen? Ein Jeder weiß es am besten, was er hat. Und man könnte mit der Laterne des Diogenes am Tage vergnügte, zufriedene Ehen suchen. Ob man viele findet, lasse ich dahin gestellt sein. Mancher Ehemann scheint in seinem eisernen Joche äußerlich sehr zufrieden; und man frage ihn auf sein Gewissen. Und eben so manches Weib. Es heißt nun einmal in dieser subsolarischen Welt: Es ist Nichts vollkommen und jener Weltweise hatte Recht, wenn er sagte:

Nemo ante obitum beatus. Aber man müsste nun auch von goldenen Ehen Nicht so viel Wesens machen.

Wie sonderbar! Liefland und die Hauptstadt desselben, Riga, musste mir ein solches Wesen erziehen, womit ich den größten Teil meiner ehelichen Tage verleben sollte. Was ich vielleicht unendlich besser auf näherm Wege haben konnte, musste ich auf einem entfernten suchen – finden.

So wie in allen Stücken mein Leben abenteuerlich sein sollte, so musste es auch meine Heirat  mein ehelichen Leben sein.|[241]

Sie war ein kurzes, dickes Geschöpf – das war ihr vorzüglicher Reiz, übrigens ein eigensinniges, und, wie sie erst meine Frau war, ein in der Tat widerliches Wesen. Sie hatte solche wunderliche Launen, und wusste sich so wenig in Lage, Zeit und Ort zu schicken, daß sie mehr meine Plage, als meine Freude war. Geld brachte sie freilich genug mit – Aufwand machte sie wenig. Aber ist es denn das Geld, das die Menschen unter der Sonne glücklich macht? Der größte Teil glaubt es. Alles ringt nach Gelde, seufzt erschrecklich, wenn das Schicksal sparsam in Austeilung desselben war, arbeitet, kasteiet sich auf den Tod, um den Mammon zusammen zu scharren; und, wenn man nun bis zum Überfluss damit begabt ist, wie wenige wissen dann Reichtum so anzuwenden, wie sie sollten! Solche Menschen versagen sich dann oft die ersten Bequemlichkeiten.

Ich will zwar nicht predigen, das sei ferne. Aber es bleibt doch wahr, was der Weise von Sion *) [Fußnote *) Pred. Sal. am Ende des 5ten und zu Anfange des 6ten Kapitels.] sagt. Oft habe ich an diese goldenen Worte gedacht, weil ich sie durch die Erfahrung|[241] so ganz bewährt gefunden habe. Und ich bin ganz seiner Meinung:

„Ich sehe es für gut an, dass es fein sei, wenn man isst und trinkt und gutes Muts ist in aller Arbeit, die Einer tut unter der Sonne sein Leben lang, das ihm Gott gibt; denn das ist sein Teil.

Denn welchem Menschen Gott Reichtum und Güter und Gewalt gibt, dass er davon isst und trinkt für seinen Teil und fröhlich ist in seiner Arbeit: das ist eine Gottesgabe.

Denn er denkt dann nicht viel an das Elend des menschlichen Lebens, weil Gott sein Herz erfreuet.

Aber es ist ein Unglück, das ich unter der Sonne sah, und das so gemein bei den Menschen ist:

Einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre gegeben hat, und mangelt ihm keins, das sein Herz begehret; und Gott ihm doch nicht Macht gibt, desselben zu genießen, sondern ein Anderer verzehret es. Das ist eitel und eine böse Plage.“

Das ist ganz, wie aus meiner Seele geschrieben. Das Erstere ist mein Charakter, meine Den|[242]kungsart. So lebe ich; so habe ich gelebt, und so will ich leben, bis an mein seliges Ende – und das Letztere Denen überlassen, die Geschmack an einem solchen Leben finden. Wer kann sie bessern?

Ich kehre jetzt wieder zu der Beschreibung meines ehelichen Lebens. Wie Viele werden hierin sich selbst gezeichnet finden!

Als wir uns erst einander gewohnt waren, lebten wir einen Tag wie alle Tage. Ein ewiges Einerlei – das Grab einer vergnügten Ehe – wozu sie vorzüglich geeignet war, machte uns das Leben lang und freudenleer. Wir hatten nun einmal kein Vergnügen mehr an einander. – Tisch- und Bechergenossen fanden sich dann aller Orten. Und ich gab ihnen gern. Niemand sollte von mir sagen: M.. war nach seiner Heirat ein anderer Mann, weniger gastfrei.

Doch, als ich sie durch den Tod verlor, konnte ich sie so bald nicht vergessen, wie sie mich vielleicht vergessen haben würde. Meine Empfindungen ließ ich sogar, so ungern ich auch selbst dichte, ob ich gleich ein sehr großer Freund von guten Gedichten bin, in nachstehendem Gedichte auf ihren Tod überströmen.|

 

[244] Elegie.

 

So bist du nun dahin geschieden,

Mein allgeliebtes Weib!

Für mich gibt’s hier nun keinen Frieden

Und keinen Zeitvertreib.

 

Ich fühle lief des Schicksals Leiden,

Wie zentnerschwere Last,

Seit durch den Tod du alle Freuden

Mit weggenommen hast.

 

Weib, du musstest von mir gehen,

Von deinem alten Mann,

Der nun beinahe nicht mehr gehen

Und nicht mehr stehen kann!

 

Wer wird mich Alten nun verpflegen?

So gerne um mich sein?

Mir Tag und Nacht zurechte legen

Mein armes krankes Bein?

 

Wer wird die Schmerzen mit mir teilen,

Wenn sie zu heftig sind?

Wer wird mit Wonne zu mir eilen,

Wenn sie vorüber sind?

 

So will ich klagen, weinen immer

Um dich, geliebtes Weib!

Will einsam bleiben in dem Zimmer,

Will keinen Zeitvertreib.

 

Will stets in deine Urne weinen

Um dich, mein trautes Kind!

Will immer still und traurig scheinen –

Bis einst mein Sand verrinnt.|[245]

Nun war eine große Periode meines Lebens beendiget. Ich hätte mich sollen an so vielen Beispielen spiegeln, wo der Zuschnitt Zu einer zweiten Periode gemacht, oft so unglücklich gemacht wird. Aber ich tat es nicht. Und ich musste nun noch unglücklicher sein, als vorhin. Ihr Weiber! ihr Weiber! war seid ihr? und was könntet ihr sein? Aber, wenn nun ein alter Mann ein Geck ist? Und – das war ich.

So pflegt es dann gewöhnlich im menschlichen Leben zu gehen. Das, was man nicht hat, will man haben; man sehnt sich darnach, wie das Kind nach der Klapper. Man hat es, und man will es nicht; man wirft es weg, man mag es nicht mehr. Man kann denken und urteilen, wie groß die Leere war, die ich nach einem Monate, nach einem halben Jahre, nach einem Jahre empfand. Es war mir, als wenn ich gar kein Herz mehr in meinem Leibe hätte. Diese Leere nahm zu, so wie mein Schmachten, mein Sehnen nach einem weiblichen Gegenstande, den ich Frau nennen könnte, größer wurde. Überall kein Fleckchen auf der Welt, kein Stuhl, kein Rasen, ich dachte mich hier umgeben mit einem weiblichen Geschöpfe, das mein Alter, meine|[246] Schwachheiten, meine Leiden mit mir teilen sollte.

Die Zeit kam heran, wo alle Blumen wieder in ihrer schönsten Pracht hervorgingen, wo sich die Nachtigallen hören ließen, wo alle Vögel: „Freuet euch des Lebens!“ sangen, und dies Lied so oft in meinen Ohren wiederhallete, dass es mir jetzt wie den Gassenbuben in H... zuwider wurde. Es war einer der schönsten Abende im Mai. Ich sah ein lazurblaues Gewölk, mit Golde besäumt, sich neben meinem Tempel, wo ich in Betrachtungen über meinen einsamen Zustand den Vogelchören zuhörte, immer tiefer und tiefer niederlassen. Ein Wagen schien mir sich herabzulassen, sich mir zu nahen, und ich glaubte, ich sollte jetzt in die Herrlichkeit ausgenommen werden. Endlich sah ich es deutlicher, dass es ein Wagen im Luftgewölke war, und in demselben meine selige Frau. Sie erschien mir mit einem holdseligen Lächeln, und sagte:

„M..., Sie gehen mir in die Seele. Hat Gott genommen, so nehmen Sie wieder. Heiraten Sie.“

Ich? sollte wieder heiraten? Nehmen Sie mich lieber mit in jene Wohnungen des Frie|[247]dens. – Ich wollte eben an den Wagen fassen, und – Wagen, Frau, Gewölke, Alles verschwand mit den Worten: Ihre Stunde ist noch nicht gekommen!

 

 

Welche Gedanken bemächtigten sich jetzt meiner Phantasie! Das ganze Bild wich nicht aus meiner Seele. Auch nicht einen Augenblick war ich vermögend, einen andern Gegenstand zu fassen. Ich suchte absichtlich Zerstreuung, aber vergebens. Wie ein Traum schwebte mir die ganze Wolkengestalt, mit Wagen und Allem, vor Au|[248]gen; ich sah ihr schönes verklärtes Angesicht; ich hörte ihre sanfttönenden Worte. Ich ging zu Hause, und nachdem ich lange über den Gegenstand ihres Gesprächs, über ihren Rat nachgedacht hatte, fand ich, dass ich noch um keinen Schritt weiter gekommen war. Ich stand da, wie eine Säule; so, dass endlich mein Johann, der mich schon oft gerufen hate, mich anstieß, und zu Hause führte, wo ich dann fand, dass ich Essen und Trinken, Zeit und Alles über diese tiefe Spekulation vergessen hatte.

Der zweite Abend gab mir schon nähere Aufschlüsse. Mit derselben Pracht erschien mir die Gestalt des vorigen Abends wieder, nur nicht ganz so niedrig, dass ich sie erreichen konnte. Sie tat mir denselben Antrag. „Heiraten Sie ein Mädchen, das Ihrer würdig ist, das Sie genau kennen, das mit sympathisiert. Sehen Sie nicht auf Reichtum, sondern vielmehr auf Herzensgüte, auf eine Person, die Sie meint, und nicht bloß Ihre Güter, die in Ihrem Alter Ihre Stütze ist; und – Sie werden glücklich sein!“ Damit war sie wieder verschwunden. Gern hätte ich mich noch mehr unterrichten lassen; und – das geschah dann|[249] auch Abends darauf. Aber doch immer nicht so, wie ich wünschte.

Wieder dieselbe Erscheinung in derselben Stunde, in derselben Schönheit des Tages. Schon hatte ich meine Frage überdacht: denn mehr als eine Frage ist einem Sterblichen an einen Geist oder ein überirdisches Wesen zu tun nicht erlaubt. Meine Frage war also:

„Nenne mir, Bötin des Friedens, nenne mir diese Person!“ Die Antwort war:

„Es ist dies nicht in dem Plane der Seligen. Des Menschen Wille ist nicht gebunden. Frei muss der Mensch zum Glücke oder zum Missgeschicke wählen!“ Damit verschwand sie, und er schien mir nie wieder; so oft ich auch diesen Wunsch bei mir hegte.

Jetzt ging ich Tage, Wochen, Monate mit mir zu Rate. Langsam und träge, wie auf bleiernen Schwingen, verging mir die Zeit. Und ich fand mit allem meinem Beraten Nichts. Wenn ich Diesem oder Jenem meiner Anverwandten Etwas davon entdeckte, so fand ich stets, dass sie mir das Widerspiel hielten. Von Erscheinungen aus den Wohnungen des Friedens wollten sie Nichts wissen. Da hieß es; Wer|[250] weiß, was Ihnen geträumt hat. Sie prophezeiten mir, was man freilich voraus sehen konnte, Nichts, als Elend und traurige Tage. Es half aber doch Alles Nichts. Ich dachte darauf, wie ich die Sache auf eine ernsthafte Weise anfinge. Und – ich beschloss, einem sehr wackern Mädchen, einem Fräulein v. B., meinen Antrag zu tun. So sauer es mir auch wurde, so schrieb ich ihr doch Folgendes:

 

„Mein gutes Fräulein! Sie werden vielleicht lachen, wenn Sie den nähern Inhalt meines Briefes lesen. Ich bin ein alter Mann. Meine Frau habe ich verloren, und – ich muss wieder heiraten. Ob ich gleich alt bin, so werden Sie doch wissen, dass ich der berühmteste Mann von der Welt bin. Geld brauche ich nicht. Ich verlange nur Ihr Herz. Wollen Sie mich also heiraten, mich in meinem Alter verpflegen, so sollen Sie es gut haben. Mit dem Rückgange des Boten erwartet Ihr Ja oder Nein

                                                                                                     Ihr

                                                                                       wohlaffektionierter

                                                                             H. von Münchhausen.“

 

Sehnsuchtsvoll Erwartete ich mit jeder Stunde die Zurückkunft des Boten und die Antwort des Mädchens. Hier ist der Brief.|[251]

„Sie sind sehr gütig, gnädiger Herr! mir Ihre Hand zu bieten. Einem Manne, wie Sie, der so weltberühmt und bekannt ist, dessen Taten noch immer unnachahmlich und für Jahrhunderte interessant bleiben werden, dessen Werke in hundert Sprachen übersetzt worden sind – eine abschlägige Antwort geben, hieße denselben lästern und zum größten Zorne die nächste Veranlassung geben. Gern komme ich also Ihren Wünschen, Ihren Bitten entgegen, wenn Sie mir es aber auch gütigst nicht verargen wollen, dass ich mir einige Nachsicht von Ihnen erbitte. Ich bin jung, kaum achtzehn Jahre alt, und Sie sind schon über die siebenzig hinaus. Ich werde das Alter ehren, das versiebt sich von selbst. Ich werde in Ihnen den Mann, den Greisen, den Vater ehren; aber sie werden auch eben so gütig gegen mich denken, und mir, da ich einmal sehr viel jugendliches Feuer habe, einige anständige Freiheiten erlauben, die weder den Wohlstand beleidigen, noch mir und Ihnen nachteilig sein können. Ich bin schön. Nie bin ich ohne Anbeter gewesen, und werde es also auch in der Folge nicht bleiben. Sollten Ihnen kleine Scherze junger Mannspersonen verdächtig|[252] sein, sollten Sie darüber eifersüchtig werden, oder mir gar darüber einen Hass zuwerfen, so wäre es besser, wir blieben getrennt. Ich bin nicht reich. Aber auch Reichtum bedürfen, verlangen Sie nicht. Hierüber haben Sie Sich also zu erklären. Übrigens sein Sie versichert, dass ich im Stande bin, Ihnen Ihre alte Tage zu versüßen, und dass ich Alles anwenden werde, Ihnen gefällig zu sein. Bekomme ich morgen hierüber keine Antwort, so ist unser Bund so gut als geschlossen und ich bin schon übermorgen bei Ihnen,

Ihre

treugesinnte A. von B.“

Wenn man verliebt ist – und man will behaupten, alte Leute wären noch verliebter, als junge – so sieht und hört man nicht. Konnte ich mir aus diesem Briefe, der übrigens sehr gut abgefasst war, nicht schon meine ganze Zukunft enträtseln?

Ich tat dies nicht. Ich bewunderte den schön geschriebenen Brief, las ihn tausendmal zu Hause, im Garten, überall, und fand so viel Behaglichkeit an meinem neuen Stande, dass ich vor Freuden fast außer mir war, und ich|[253] den Tag kaum erwarten konnte, wo der Liebling meines Herzens, den ich einst in jüngern Jahren als Kind, aber jetzt seit zehn, zwölf Jahren nicht gesehen hatte, erscheinen würde.

Und sie erschien, die lang ersehnte Morgenröte des kommenden Tages, und mit ihr die Sonne, die den Tag verherrlichen sollte.

Jetzt rasselte der Wagen den Hofplatz hinauf, wie schlug mir mein Herz! Mit meinen podagrischen Beinen hinkte ich, so geschwind ich konnte zum Kutschenschlage, und – ich ward bezaubert. Eine schöne Person sah ich, die Schönste ihres Geschlechts, vom Kopfe bis zur Fußzehe ohne Tadel.

Noch an demselben Tage, nachdem die Ehestandspräliminarien in Richtigkeit gebracht waren, reisete sie mit ihren Begleitern wieder ab, und – nach wenigen Wochen war sie – meine Frau. Ich konnte diese Zeit kaum abwarten. O, dachte ich, wäre es möglich, dass eine wohltätige Fee dir den Zaubertrank reichen möchte, wodurch du auch nur um zwanzig Jahre verjüngt werden könntest!

Die Hochzeit ward dann, weil ich nicht gut Mehr reisen konnte, sehr solenn in meinem Hause|[254] vollzogen, alle gute Freunde dazu eingeladen und gezecht und geschmauset bis Mitternacht, wo ein Jeder seines Weges reisete.

Man sagt es wohl, aber es ist auch wahr: es ist wohl nichts Lächerlicheres und Unausstehlicheres, als ein alter Kerl, der verliebt ist. Warum sollte ich es nicht sagen, da es die Wahrheit ist?

Die Flitterwochen des ehelichen Lebens gingen ziemlich vergnügt vorüber. Als aber diese vorüber waren, so gingen auch meine Leiden an, und vermehrten sich mit jedem Tag und jeder Stunde. Ich war ein eingezogenes, stilles Leben gewohnt, und schätzte die häuslichen Freuden und die Ruhe des Alters über Alles. Sie hingegen fand je länger, desto weniger ein Behagen daran. Sie ging, sich ihrer Freiheit zu bedienen, aus einem Hause ins andere, in die Kaufmannshäuser, in die Apotheken; kurz, sie konnte zuweilen gerade, wie sie gestimmt war und sich eben keine Gesellschaft einfand, die nach ihrem Gout war, in Einem Nachmittage die völlige Runde machen.|[255]

Sie führte ein sehr verschwenderisches Leben. In zwei Monaten hatte sie über – – – *) [Anmerkung: *) Die Zahlen waren im Manuskript nicht deutlich genug geschrieben.] Taler ausgegeben. Das war doch sehr Viel. Aber wie konnte das anders sein? Ich war das nicht gewohnt. Denn meine selige Frau, die ich nicht einmal erwähnen durfte, machte keinen Aufwand. Sie war nun einmal nach dem feinem Geschmack in den Galanterien unseres Zeitalters erzogen. Und dazu gehört Viel. Die jungen Herren machten ihr jetzt alle Tage die Cour, schlugen Lustpartien mit ihr vor, und – mich alten Mann ließen sie zu Hause. Und das nahm gar kein Ende.

Es ging immer weiter. Jetzt wurden schön größere Lustreisen mit jungen Herren nach Hannover, Kassel u. a. gemacht; so dass ich meinen Unwillen darüber mehreremal zu erkennen gab. Aber darauf wurde nicht einmal geachtet.

Sie reisete einst mit mehreren jungen Kavaliern nach Pyrmont ohne meine Einwilligung – und von hier aus, was sollte ich Anders tun, und war würde ein jeder Andere in meiner Lage getan haben? musste sie nolens volens wieder|[256] zu ihrer Heimat zurückkehren. Ich klagte auf die Ehescheidung. Und mir – ward zuerkannt, da wir von Tisch und Bette geschieden wären, ihr jährlich eine Pension zu geben.

Meine zweite Ehestandsperiode war also wieder in so weit beendiget. Ich hatte nun wohl keine Frau, aber auch keinen so bittern täglichen Gram mehr, der mich stündlich und augenblicklich auffraß. Demunerachtet hatte doch meint Konstitution gelitten, und ich fühlte je länger, desto mehr, wie meine Kräfte abnahmen. Das Alter tat wohl Etwas, aber bei einer guten Verpflegung von den Händen eines gutmütigen Weibes, wie blühend hätte da auch der Winter meines Lebens sein können! Es gibt Jünglinge, die schon mit den Schwächen des Alters kämpfen; und Greise, die Jünglingen ähnlich sind.

 

–––|

[257] Letzte Stunden des Freiherrn von M... sein Tod und Begräbnis, samt Dem, was sich Wunderbares dabei zugetragen hat. *) [Anmerkung: *) Erzählt von dem Küster Hennige Küper zu Bodenwerder.]

 

–––

 

Schon im Anfange des Herbstes 1796 fing sich allmählig die Periode an, wo M... Kräfte zusehends abnahmen. Seine Heiterkeit, seine frohe Laune verlor sich. Seine Neigung zu Erzählungen und sich etwas erzählen zu lassen, war dahin. Er mochte nicht so oft mehr gute Freunde um sich sehen. Vorzüglich verbat er alle Tendenz zum Lustigsein. Er schien oft ganz vertieft. Tief und hohl lagen ihm seine Augen. Es war, als wenn er sich einzig und allein mit dem Gedanken an den Sensemann, an das Schattenreich, an Tod und Grab beschäftigte. Zwischen|[258]durch brachte er mehren Tage im Bette zu. Nur selten, wenn Sonnenblicke dieses Herbstes, der sich durch seine vorzügliche Güte in diesem Jahre besonders auszeichnete, nach Mittage einfielen, und er dann vergnügt aus seinem Schläfchen erwachte, ließ er sich unter die Arme fassen, und ging so mit seinem Partisan, dem Baron v. A. und mir, weil ich in dieser Zeit fast Tag und Nacht nicht von seiner Seite kam, indem er von mir rühmte, dass ihn Niemand sanfter auzufassen verstände, auch Niemand achtsamer auf seine geringste Winke wäre, als ich, hinaus, um der schönen reinen Himmelsluft zu genießen, und sich an dem Anblicke der Natur zu weiden, wovon er von jeher ein sehr großer Liebhaber war. Dann stellte er Betrachtungen über die täglich abnehmende Schönheit derselben an, wie die Blätter der Bäume ihre gelbe Farbe bekämen, und ihr Kleid von sich wärfen – und wandte dann dies Bild gar oft auf den Menschen, ganz vorzüglich auf sich selbst an.

Baron v. A. und ich suchten auf alle nur mögliche Art ihn aufzuheitern. Allein, in den letztern Tagen waren unsere Bemühungen vergebens. Er hatte oft nicht einmal gehört, was|[259] wir gesagt hatten. Seine Sinne, seine Organe wurden stumpfer und stumpfer. Er aß Wenig, oder Nichts. Er gebrauchte auch keine Ärzte. Man durfte ihm nicht einmal davon sagen. Sein Podagra, welches er schon seit langen Zeiten hatte, setzte ihm jetzt viel heftiger zu, als jemals. Er kam vierzehn Tage vor seinem Ende nur äußerst selten von seinem Bette.

„Ich werde den kommenden Frühling nicht erleben!“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme.

Ein Kranker kann nicht so krank sein, er kann wieder gesund werden; erwiderte Baron v. A.

„Und ein Gesunder nicht so gesund sein, er kann sterben.“

Lange kapitulierten Beide über diesen Gegenstand. Als der Streit anfing, ernsthaft zu werden, ging ich hinaus. Ich begriff anfangs nicht, wie beide Freunde, die sich sonst so sehr liebten, hierüber uneinig werden konnten. Ich kam wieder herein, und A... sagte:

Lassen Sie die albernen Grillen fahren, M... Man muss sich nie Sorgen vor der Zeit machen. Wie es kommt, so kommt es.|[260]

„Und ich, sagte er, fordere Sie hierdurch auf ein Paar Pistolen heraus. Sie sind Kavalier, ich auch. Ich muss meine Ehre retten.“

A... wollte zuerst nicht eingehen. Es half aber Nichts. Er kannte seinen Charakter, seine Launen. Er musste sich bequemen, so weh es ihm auch tat. Einige Viertelstunden suchte er ihn durch abweichende Gespräche auf andere Gedanken zu bringen, weil er anfangs glaubte, dass vielleicht die Hitze eines Fiebers ihn auf diese Phantasie geleitet hätte. Aber nein! es war M... völliger Ernst.

„Wir wollen diese schönen Sonnenblicke nützen. Hier sind zwei geladene Pistolen. Sie wählen. Wir gehen in den Garten, und schießen – Beide zugleich. Wer von uns Beiden fällt, der fällt. An meiner elenden Hütte ist doch so gar Viel nicht mehr gelegen.

Er hatte mit solcher Stärke, mit solchem Enthusiasmus für seine Sache gewiss in einem Vierteljahre nicht gesprochen.

Sonderbar war der Antrag. A... fand ihn gar nicht der Ordnung gemäß. Allein, es half Alles Nichts. Er schien alle seine Kräfte aufzubieten. Der lange Spaziergang im Garten|[261] wurde zu dem Platze bestimmt, wo der Zweikampf beginnen sollte; und so traten wir dann den mühseligen Weg an. Kaum, dass wir im Stande waren, so sehr er sich auch half, ihn mit aller unsrer Anstrengung hinaus zu bringen. Es hat Niemand mehr Schwere, als ein Solcher, der sich selbst nicht zu helfen weiß, und fast nicht mehr Herr von seinem Körper und von seinen Beinen ist.

Ich weinte –

„Du weinst? sagte M... Ich bin alt und lebenssatt. Wie viele Millionen meiner Brüder kommen im Kriege auf dieselbe Art um! Jene sterben auf dem Bette der Ehren. Ich war Soldat – und das will ich auch.“

Der Platz wurden nach Schritten bestimmt. Fünfzehn Schritte, und nun auf ein gegebenes Zeichen sollte ein Jeder zugleich schießen – in einem und demselben Augenblicke.

Was geschah? Münchhausen hatte das Kommando übernommen. „Eins! zwei! drei!“ die Schüsse flogen zu gleicher Zeit aus ihren Pistolen. Und – wer hätte es denken sollen? beide Kugeln trafen mitten im Laufe gegen einander, und flogen auseinander, die eine hierhin,|[262] die andere dorthin. Wäre ich nicht selbst Augenzeuge gewesen, ich hätte es nicht geglaubt. Aber so kann und darf ich es nach der glaubwürdigsten Wahrheit bekräftigen, dass es so und nicht anders zugegangen.

„Pardon!“ riefen Beide, wie aus einem Munde, da sie sahen, dass Niemand beschädigt war. Beide Freunde umarmten sich, und nun – gingen wir wieder, woher wir gekommen waren. So vergnügt und heiter war M… langer Zeit nicht gewesen, als am Abende dieses Tages. Er sprach mehrere Tage mit Heiterkeit über diesen wunderbaren Vorfall.

Doch zeigten sich bald darauf mehrere Symptome, welche befürchten ließen, dass es so ganz lange nicht mehr mit dem braven, aber sonderbaren Manne dauern würde. Alles war dann auch bereit, jeden Wink des Herrn in demselben Augenblicke zu erfüllen. Er forderte oft in einer einzigen Minute Zehnerlei, und – manchesmal rannten Bediente, Jäger und Mädchen einander um.

Er sprach jetzt häufig wie im Schlafe, oder so, dass man nur selten einige Töne vernehmen konnte. Unter andern: Jakob und mehrere Erz|[263]väter, Isaak und wie sie alle heißen, hätten noch kurz vor ihrem Tode geweissagt. Er wolle auch Einiges hinterlassen. Er befahl mir, genau zu zu hören. Fragen mochte ich nicht. Es war ihm auch Nichts unangenehmer, als wenn man zweimal fragte. So ist dann von den vielen – vielen Weissagungen: denn er redete und murmelte über vier und zwanzig Stunden ohne Aufhören – einige kleine Zwischenzeiten ausgenommen, wo er eine Tasse Tee nahm, nur dies Wenige übrig, welches ich – vielleicht auch nicht einmal ganz, wie er es dachte, verstanden habe.

Gewaltige Revolutionen würden statthaben. Sie würden ohne Ende sein und sich über die ganze Welt verbreiten. Alle Reiche würden sich zuletzt empören und über einander fallen. Im Jahre 2440 würde das Firmament unsre künftige Wohnung werden, indem dasselbe sich allmählig niedersenken und unter unsere Füße geraten, die Erde sich aber hinauf begeben werde. Die Sonne würde dann bei Nacht, und der Mond bei Tage scheinen.

Vieles wollte ich darum geben, wenn ich Alles hätte verstehen können. Ich hätte dann der Welt unzuberechnende Schätze dadurch zugewandt.|[264] Aber die bekannte Regel: ultra posse nemo obligatur, wird man mir auch hier angedeihen lassen.

Über Nichts sprach er am Ende seines Lebens Mehr, als dass man doch ja dafür Sorge tragen möchte, dass er nicht lebendig begraben würde. Er bestimmte deswegen schon im Voraus, wie Alles gleich nach seinem Tode und bei seiner Beerdigung gehalten werden sollte.

Viele Schriften hatte er gelesen über das zu frühe Beerdigen der Leichname, über Leichenhäuser und die Errichtung derselben; welche ihn auf solche Weise furchtsam gemacht hatten, seine Reise in jene Welt anzutreten. Meines Erachtens sollte man die Sache doch auch nicht zu sehr übertreiben.

Er befahl also: man sollte ihn nach seinem Tode wenigstens drei Tage auf dem Paradebette liegen lassen. Alsdann ihn offen im Sarge auf einem Leichenwagen so langsam als möglich zu seinem Erbbegräbnisse fahren. Es sollten an diesem Tage alle seine Freunde zu einem Trauerkondukt eingeladen werden, und dieser Zug Abends um neun Uhr anheben, weil dies seit langen Jahren seine gewöhnliche Zeit zu Bette zu gehen ge|[265]wesen. Übrigens sollte man es an Nichts fehlen lassen, die Gäste gehörig zu bewirten u. dgl.

Nach dieser Anordnung hatte derselbe wieder einige Stunden, wo es schien, als wenn das Lebenslämpchen noch einmal wieder Licht schöpfen wollte. Mit starkem, heroischem Mute fing er an, sich im Bette aufzurichten und eine Zeit lang aufrecht zu sitzen.

Ich bin doch ein großer Krieger gewesen. Meine Taten sind in die Tagebücher der Nachwelt verzeichnet. Es ist doch nicht kavaliermäßig, auf dem Bette seinen Geist aufgeben. „Ich muss auf dem Bette der Ehre sterben.“ Mit diesen Gedanken hatte er sich, wie schon bekannt, so lange beschäftiget, und er konnte die Grille nicht aus dem Kopfe fahren lassen. Überall verfolgte ihn diese Idee; so, dass er gar keine Ruhe finden konnte. Und eben dies war es, wie ich nachher erfuhr, worüber ihn sein Partisan so angetastet und welches M... übel genommen habe.

Er fühlte wieder einige Kräfte, oder vielmehr die Hitze des Fieberparorismus raffte nun sein letztes Endchen Lebensfaden, das kleine glimmende Docht, welches noch einmal auflodern und dann verlöschen wollte, zusammen. Er fing|[266] an, wieder mit seinem Partisan, der erst nicht einmal auf seine Idee gemerkt hatte, zu streiten. Sein Partisan ward hitzig, da er sah, dass er mit allen seinen Gründen Nichts auszurichten vermochte. Es half Nichts; M... wollte sich schlagen, und sein Partisan musste einwilligen. „Wie leicht wäre es mir, sagte Baron v. A., eine solche schwache, elende Hütte, wie sie, über den Haufen zu werfen?“

Das werden wir sehen! antwortete M...

Ich musste ihm den besten Säbel aussuchen.

Das könnten wir ja hier im Zimmer tun? tat Baron v. A, den Vorschlag.

Nein! ich will auf dem Bette der Ehre sterben.

M... wurde also wieder mit größter Mühe ich auf den vorigen Platz gebracht. Er tat einen Ausfall auf seinen Partisan – allein, sein Gegner brauchte nicht einmal zu parieren. Er sank nieder – ich griff ihn auf. Entweder die Luft, die ihn umgab, oder die Anstrengung, oder das Podagra, welches ihm in die Brust treten mochte, und wozu sich vielleicht zu gleicher Zeit der Schlag gesellete: eins oder mehrere von diesen Stücken zugleich mochte die Ursache sein, dass er seinen Wunsch nicht umsonst getan hatte, auf dem Bette der Ehre zu sterben.|[267]

Sein Gesicht hatte sich nicht verzogen. Völlige süße Heiterkeit und Ruhe war der ganze Ausdruck desselben. „Ich sterbe!“ war sein letztes Wort. Sein Partisan, der ihn so sehr liebte, und der fast beständig der Gefährte und Freund seines ganzen Lebens gewesen war, drücke ihm die Augen zu und einen Kuss auf seine kalte Lippen. Er wandte sich ums und wischte eine Träne aus seinem Auge.

So brachten wir ihn wieder zurück in sein Haus, und Alles jammerte und wehklagte um den besten Herrn.

Der Partisan und ich richteten dann Alles nach seiner Verordnung ein. Jener das Äußere, ich das Innere, das Glockenspiel, und was sonst gebräuchlich ist bei der Beerdigung großer Herren, damit auch im geringsten kein Versehen bei den Trauerzeremonien obwalten möchte. Es konnte uns auch gewiss Nichts zur Last gelegt werden.

Er wurde in Offiziersuniform, wie er es bestimmt hatte, drei Tage lang auf dem Paradebette zur Schau ausgesetzt, wo ihn dann Alt und Jung gesehen haben.

Am Vierten Nachmittags kam die ganze Trauergesellschaft zusammen. Es fehlte hier an|[268] Nichts, wie ein Jeder weiß, der derselben beigewohnt hat.

Als Marschall hatte ich denn, mit einem Stabe mit Flor umwunden, die große Ehre den Leichenkondukt anzuführen. Es nahm sich gewisse nicht übel aus, Abends um neun Uhr bei hundert blendenden großen Laternen, die den ganzen Zug begleiteten, dieser Szene zuzusehen. M. lag, wie derselbe befohlen hatte, offen im Sarge, auf einem Leichenwagen mit sechs Pferden, in langen Zügen, die Pferde, wie es gebräuchlich ist, schwarz behangen, und jedes Paar von der Dienerschaft des seligen Herrn geleitet. Vier und zwanzig Träger in langen Mänteln, mit bis auf die Erde reichenden Flören, gingen neben dem Sarge in eben so langsam feierlichen Schritten, so, dass es beinahe aussah, als käme man gar nicht erst vorwärts. So wurde er fortgeführt bis zur Kirche, wo er so offen vor dem Altare niedergesetzt, und dann erst, nach Absingung einer Kollekte, in das Erbbegräbnis gebracht werden sollte.

Aber was begab sich, mitten auf diesem Zuge! Gewiss etwas Mirakulöseres lässt sich nicht denken. Ein Jeder, der dem Leichenzuge mit beiwohnte, sowohl als die unsägliche Menge von Zuschauern|[269] roch gewiss, dass die Zeichen des Todes schon lange da waren. Und doch –

Einer von dem Kondukte, oder von dem Volke, ich weiß es nicht gewiss, ob vom Rausche oder des Etwas benebelt, rief laut aus:

Es lebe Münchhausen!

Und der Tote – Alles erschrak und entsetzte sich, die Pferde schnoben und wollten keinen Schritt aus der Stelle – richtete sich auf, sah alle Umstehenden an, und rief eben so laut:

In Ewigkeit!

Worauf er sich wieder niederlegte. Noch größer ward der Schrecken – als die hundert Laternen auf einmal mit seinem Niederlegen erloschen, und – nach einigen Augenblicken wieder heller brannten, als vorhin.

 

|[270]

 

Da man weiter keine Spuren des Lebens an ihm merkte, und man sich von dem großen Schrecken erholt hatte, setzte man den Zug in die Kirche fort. Von hieraus wurde er in das Gewölbe gebracht, und neben dem Sarge seiner seligen Frau, wie er das lange vorher bestimmt hatte, beigesetzt.

Im Zweifel, ob er auch wieder erwachen könnte oder würde, übernahm ich es, jeden Tag einigemal auf ihn zu achten. Und nach Ablauf von vierzehn Tagen deckte ich den Deckel darauf, schrob den Sarg zu und verschloss das Gewölbe.

Im Frieden ruhe die Asche des gutmütigen Biedermanns, dessen aufrichtige, liebevolle Gesinnungen gegen Jedermann, insbesondere für seine Freunde, allgemein bekannt sind; dessen feuriges, lebhaftes Temperament auch keinen Gegenstand aus der ganzen Natur für seine Phantasie ungebraucht ließ, um in frohen Lebensstunden diesen Stoff zu verarbeiten, und dessen Kunst, das Zwergfell zu erschüttern, Leben und Seele seinen Unterhaltungen zu geben, dessen ganzes Leben – über alles irdische Lob erhaben ist.

Requiescat in Pace! Und

Amen! sagen Alle, die ihn kannten und liebten.|

 

 

[271] Elegie

Auf den Tod

des

Freiherrn von Münchhausen

als ein Denkmal

von

seinen Freunden und Verehrern.

–––

 

Da liegt sie nun,

Die Hülle seiner biedern Seele –

Er ist dahin,

Er unser allerbeste Freund!

 

O klagt mit uns

Und weint in seine Todesurne,

O weint mit uns,

Ihr Alle, die ihr ihn verliert!

 

Gesegnet sei

Er noch in seiner stillen Asche,

Gesegnet sei,

Was er um uns – um uns getan.

 

Sprecht, Menschen, nur:

Er war der Gott der frechen Lügen,

Ihr kanntet ihn,

Ihr kanntet seine Seele nicht.

 

Bei ihm, bei ihm,

Wenn er in seiner frohen Laune

Sein Gläschen trank –

Bei ihm war Seligkeit und Glück.|[272]

 

Ach! wie geschwind

Floh unter seinen guten Scherzen

Die Zeit dahin,

Und wer ging freudenleer von ihm?

 

Heißt Das ein Glück

Hier in der besten Welt empfinden,

Wenn man am Tisch

Beim Kartenspiel die Zeit verträumt?

 

Wenn man da sitzt

Die langen, freudenleeren Stunden –

Um nur die Zeit

Zu töten – die doch kostbar ist?

 

Heißt Das ein Glück,

Wenn man zum bloßen Zeitvertreibe

Den besten Freund

Mit allen seinen Fehlern malt?

 

Und bessert dies

Den aufgeblasnen, stolzen Menschen,

Der sich alsdann

Von allen Fehlern ferne glaubt?

 

Auf! Moralist,

Auf! – sag es uns im freien Ton,

Auf! sag es uns,

Dass unsre Art weit besser war.

 

Und wenn du auch

Nichts sagst, und beide Achseln zuckest;

So sagt es uns

Ein frei Gewissen – unser Geist.

 

Was wir an ihm,

An unserm allerbesten Freunde,

Verloren, das

Ersetzt uns Nichts in dieser Welt.

 

Drum klag mit uns,

O wein in seine Todesurne!

Beweine ihn,

Ihn unsern allerbesten Freund.

–––|

 

[(V)] Inhalt

 

Herr von Münchhausen reiset zu Pferde nach Russland.

–––– gibt einem armen Manne seinen Reisemantel.

–––– bindet sein Pferd an einen Baumstacken.

–––– schießt dasselbe vom Kirchturme herab.

–––– peitscht einen Wolf, der sein Pferd gefressen hatte, in dessen Geschirr und fährt fort.

–––– schlägt aus seinen Augen Feuer und schießt.

–––– fängt an einer Schnur einige Dutzend Wildenten.

–––– fliegt durch ihre Beihilfe nach Haus.

–––– schießt vermittelst des Ladstockes sieben Hühner.

–––– trifft einen Fuchs mit einem Brettnagel.

–––– führt eine alte Bache ohne Mühe heim.

–––– nagelt einen Keiler an einen Baum.

–––– schießt einen Hirschen, welcher zwischen seinem Geweihe einen Kirschbaum trug.

–––– kehrt einem Wolfe das Innere auswendig.

–––– sein Überrock wird von einem tollen Hunde gebissen, und dadurch toll.|[IV]

–––– jagt mit einem Hühnerhunde zu Nachts.

–––– seine Begleiter fallen in eine Steinkohlengrube.

–––– bekommt auf einen Schuss fünf und zwanzig Hühner.

–––– schießt einen Hasen mit 8 Läufen.

–––– sein Windspiel läuft sich die Beine weg.

–––– bändigt ein wildes Pferd, und zeigt seine Reitkünste.

–––– kommandier ein Korps Husaren.

–––– zerstreut bei Okzakow die Türken.

–––– sein Pferd wird durch Herablassung des Schutzgatters in zwei Teile getrennt.

–––– und durch den Kurschmid mit jungen Lorbeersprösslingen wieder zusammengeheftet.

–––– fliegt auf einer Kanonenkugel in die Festung und wieder zurück.

–––– reitet in Eile mitten durch eine Kutsche.

–––– rettet sich durch seine Stärke aus dem Moraste.

–––– wird von den Türken gefangen und Sklav.

–––– wirft seine silberne Axt nach Bienenräubern, und diese steigt in die Höhe dem Monde zu.

–––– klettert auf einer türkischen Bohne in den Mond.

–––– fällt im Herabsteigen neun Klafter tief in ein Loch.

–––– Lockt durch Honig einen Bären an eine Deichselstange.|[V]

–––– trägt seine Reisekutsche und Pferde in einem Hohlwege auf die Seite.

–––– das eingefrorne Posthorn taut wieder auf.

–––– fährt von Amsterdam nach Ceylon ab.

–––– will einem Löwen entfliehen, und läuft einem Krokodil entgegen, besiegt aber Beide.

–––– schifft von Portsmouth nach Nordamerika.

–––– das Schiff stoßt auf einem Walfische auf, der nachher tot auf dem Wasser daherschwimmt.

–––– Badet unweit Marseille in der See, und wird von einem großen Fische verschlungen.

–––– dieser wird von einem Kauffahrteischiffe entdeckt, erlegt, und bei dessen Öffnung Hr. v. M. wieder befreit.

–––– schießt einen Ballon aus der Luft herab.

–––– reiset als türkischer Gesandter ab.

–––– nimmt einen Schnellläufer, in seine Dienste.

–––– eben so einen Horcher und Schützen.

–––– und endlich noch einen starken Kerl, wie auch einen Windmacher.

–––– gerät auf dem Nilstrome unter lauter Mandelsträuche.

–––– kommt nach mancherlei Unglück zurück nach Konstantinopel.

–––– geht mit dem türkischen Kaiser eine Wette ein.

–––– lässt durch seinen Schnellläufer eine Flasche Tokajer von Wien holen.|[VI]

–––– erfährt von dem Horcher, dass der Läufer eingeschlafen, und lässt ihn durch den Schützen aufwecken.

–––– leert durch seinen Starken die türkische Schatzkammer fast ganz aus, und reiset ab.

–––– die türkische Flotte wird ihm nachgeschickt, aber von dem Windmacher zurück geblasen.

–––– schwimmt mit einer ungeheuern Kanone durchs Meer.

–––– will sie herüber werfen; diese fällt aber ins Meer.

–––– lässt zu Gibraltar eine Kanone abfeuern, die dem Feinde erstaunlichen Schaden tat.

–––– rekognosziert als Spion das feindliche Lager.

–––– wirft alle feindliche Kanonen ins Meer, und verbrennt die Lafetten.

–––– rettet durch einen Bombenwurf zwei Offiziere.

–––– tötet auf einem Eisberge einen Bären.

–––– hüllet sich in seine Haut, und wird von den übrigen für einen Bären gehalten.

–––– durch diese List hat er Gelegenheit mehrere tausend Bären zu erlegen.

–––– geht auf seiner Reise nach Ostindien eine neue Wette mit dem Schiffskapitäne ein.

–––– findet in dem Magen eines Haifisches sechs lebendige Rebhühner.

–––– besucht auf seiner Reise den Berg Ätna.|[VII]

–––– springt in den Krater, und kommt in Vulkans Gesellschaft.

–––– wird von ihm in einen Brunnen geworfen.

–––– fällt in die Südsee, und wird von einem holländischen Schiffe aufgenommen.

–––– kommt nach Botanybay, und leidet durch Sturm.

–––– landet auf einer Käseinsel.

–––– findet darauf allerlei merkwürdige Dinge.

–––– Ihr Schiff samt Allem wird von einem Walfische verschlungen.

–––– In dessen Magen sie noch mehrere Schiffe antreffen.

–––– nach vierzehn Tagen werden sie daraus errettet.

–––– hungert einen Bären zu Tode.

–––– soll von Konstantinopel in wichtigen Aufträgen nach Marokko reisen.

–––– wird vom Sultan mit einem Pferde beschenkt, und nimmt allerlei Übungen vor.

–––– setzt damit über ein stundenlanges Weizenfeld, ohne eine Ähre niederzudrücken.

–––– reitet öfters auf einem Walfische.

–––– streitet mit einem Haifische, und besiegt ihn endlich.

–––– gerät zwischen das Feuer zweier Flotten.

–––– setzt sich auf sein Pferd, und reitet davon.

–––– kommt in Marokko an.

–––– wird zum Könige von Nubien gesandt.

–––– zerreißt unterwegs einen Löwen.|[VIII]

–––– kommt in Nubien an, und hat beim Könige Audienz.

–––– tötet einen Drachen mit einem Pechkuchen, dass er mitten entzwei berstet.

–––– vertauscht sein Pferd gegen den Leibstraußen des Königs.

–––– reiset auf dem Straußen ab und gerät dadurch in mancherlei Gefahr und Verlust.

–––– kommt auf Brettern glücklich in Venedig an.

–––– seine Begebenheiten in Venedig.

–––– lässt sich ein Schiff von Fischbein machen, und unternimmt eine Reise zum Jupiter.

–––– erfindet die Direktion des Luftschiffchens.

–––– schrumpft samt dem Bedienten gewaltig zusammen.

–––– kommt in die Atmosphäre des Mondes.

–––– steckt an den Augen eines Katers eine Pfeife Tobak an.

–––– reiset zum Mars, bleibt in einer Schneewolke sitzen, woraus ihn ein Sturm erlöset.

–––– findet Baume, die Schuhe, Strümpfe, und alle dienliche Kleidung tragen.

–––– verliert seinen Straußen durch Gift.

–––– macht Bekanntschaft mit einem Weisen, der ihn von dem Jupiter unterrichtet.

–––– seine Reise dahin.

–––– Beschaffenheit der Einwohner auf dem Jupiter.|[IX]

–––– wird mit Euler aus Petersburg bekannt, der ihm den Fallschirm gibt.

–––– eben so mit dem Oberforstmeister Xanthier, und sieht seine Hunde wieder.

–––– sein Fallschirm kommt in Blanchards Hände.

–––– schneidet ein Loch in den Mond, und kommt auf einen großen Haufen Häckerling zur Erde.

–––– eskortiert eine Schlittenfahrt Ihro Majestät her Kaiserin von Russland.

–––– fängt durch einen geschickten Hieb einen Wolf.

–––– rettet den Schlitten vom Umfallen.

–––– schießt ein Heer wilder Gänse.

–––– sieht ein Beispiel von der Regelmäßigkeit der russischen Truppen.

–––– kommt in Moskau an.

–––– verirrt sich auf der Jagd, wird zu Wasser und schwimmt auf seiner Jägertasche bis an den Ladogasee.

–––– bekommt eine Liefländerin zur Braut.

–––– sucht Kibitzeneier und gerät in den Moor,.

–––– wird von seinem Hunde daraus erlöset.

–––– erzählt die Begebenheiten seiner Kinderjahre.

–––– seine Gedanken vom Adel- und Bauernstande.

–––– wird zu einem Prediger geschickt des Lernens wegen.|[X]

–––– erhält einen Hofmeister.

–––– Anekdote von seinem Großvater.

–––– bekommt ein Pferd und lernt reiten.

–––– lernt Toback rauchen.

–––– dressiert die Bauernjungen.

–––– Beschäftigung am Sonntage.

–––– gerät mit Bauernknaben in Händel, und verkehrt Einem durch einen Schlag das Gesicht.

–––– muss von Hause weg.

–––– wird vom Geiste seiner Mutter gerufen.

–––– beginnt seine Reise auf Schulen.

–––– schildert sich selbst und seine große Progressen auf der Schule.

–––– lebt daselbst wie im Feenlande durch den Geist seiner Mutter.

–––– gerät mit ihm in Streit, worauf er ihn auf immer verlässt.

–––– erlebt davon die traurigsten Folgen.

–––– geht nach Hause, und verirrt sich unterwegs in einem Gehölze.

–––– seine Begebenheit mit 2 Räubern.

–––– schlägt mit dem Säbel an einen Felsen, aus welchem Wein heraus floss.

–––– berauscht sich, schläft ein, und befindet sich beim Erwachen zu Hause.

–––– badet, und wird von einem Pelikan fortgeführt.

–––– kommt zu Schiras in Persien auf die Erde.

–––– geht spazieren; die Palmbäume neigen sich vor ihm.

–––– spielt mit Löwen, Tigern und Fischen.

–––– sieht zwei Menschen zu Asche werden.|[XI]

–––– pflanzt das Samenkorn von einer wunderbaren Rübe.

–––– die Rübe wird geerntet.

–––– erblickt da, wo sie gestanden, den blauen Himmel, und kommt durch dieses Loch glücklich nach Haus.

–––– Findet, dass die Rübe umgewachsen sei.

–––– macht seinen unberufenen Geschichtsschreibern Vorwürfe.

–––– lässt seinem beschädigten Pferde eisene Bande um den Leib schmieden.

–––– wird non der russischen Kaiserin hingeschickt, einen großen Erdriss zu besehen.

–––– befestigt den Riss durch eisene Klammern.

–––– bekommt vortreffliche Traubenstöcke, woran in seiner Tasche Trauben wachsen.

–––– teilt einige Stöcke mit dem Könige von Preußen.

–––– reiset nach dem äußersten Norden.

–––– sieht die Entstehung des Hagels.

–––– entdeckt die nähere Gewissheit der magnetischen Materie.

–––– wird durch den Nordpol in den Südpol, und von da wieder zurück hindurchgeströmt.

–––– reiset per Wirbelwind.

–––– kommt auf der Ostsee in eine Wasserhose.

–––– wird durch ein Schiff gerettet.

–––– landet auf der Insel Cypern.

–––– schießt einen Hasen aus der Luft.

–––– erzählt, da es die Gesellschaft nicht glauben will, die ganze Begebenheit im Zusammenhange.|[XII]

–––– erteilt guten Rat für Jäger.

–––– geht ohne Gewehr m den Wald, und gerät in ein Dickicht.

–––– sieht zwei Rehböcke sich miteinander stoßen, die er beide erwischt und bezähmt.

–––– hat eine so hitzige Natur, dass der Raufrost vor ihm her verschwindet.

–––– reiset von Petersburg nach Riga, wo es mehrere unrichtige Stellen gibt.

–––– wird durch Zauberei samt dem Wagen nach Konstantinopel versetzt.

–––– hat mehrere fatale Begebenheiten.

–––– kommt auf eben dieser Reise nach Rom.

–––– sieht fast alle Städte der Welt, und kommt endlich in Riga an.

–––– verliert im Türkenkriege durch einen Hieb seinen Kopf, und fängt ihn auf.

–––– sein abgehauener Kopf kommandiert fort.

–––– sein Kopf wird ihm wieder angenähet.

–––– bedient sich bei Belgrad einer Kriegslist.

–––– muss einen Rückzug machen.

–––– geht mit seiner Armee in eine hohle Eiche.

–––– macht eine Reise über das große Weltmeer.

–––– zähmt einen Seehund, und reitet auf ihm.

–––– richtet eine räuberische Barbaren-Galiote damit zu Grunde.|[XIII]

–––– lässt den Seehund zum Andenken ausstopfen.

–––– große Fatalitäten im Winter 1788.

–––– friert mit seinem Pferde fest.

–––– besteht das Arsenal in Konstantinopel.

–––– fasst den Sultan, und hält ihn in der Luft, als das Arsenal auffliegt.

–––– seine Lieblingskanone geht dabei verloren.

–––– gibt Proben von seiner Stärke mit Gewehren.

––––      — mit blasenden Trompetern.

––––      — mit Hufeisen, die er zerbricht.

––––      — Mit Nageleisen, die er drehet.

––––      — mit einer Tafel von zehn Personen.

––––      — Mit Zusammenrollen der Teller.

–––– lässt sein Reitpferd abziehen, und richtet es zu einem Luftpferde ein.

–––– wird für einen neuen Hackelnberg gehalten.

–––– gibt Nachricht von seinem Großvater.

–––– erhält von ihm kurz vor seinem Tode ein Kästchen zu seinem künftigen Fortkommen.

–––– erzählt, was er darin gefunden.

–––– wird dadurch ein so berühmter Mann.

–––– verliert alle diese Sachen.

–––– sein Urteil über den Ehestand.

–––– holt sich ein Mädchen aus Riga.

–––– beschreibt seine erste Frau.

–––– predigt aus dem Salomo.

–––– schildert sein eheliches Leben.

–––– verliert seine Frau durch den Tod.

–––– Elegie auf ihren Tod.

–––– beschreibt diese neue Zeitperiode.|[IV]

–––– hat drei Erscheinungen von seiner Frau.

–––– Erfolge dieser Erscheinungen.

–––– schreibt an Fräulein von B**.

–––– erhält Antwort von ihr.

–––– wird von seiner Braut besucht.

–––– hält eine prächtige Hochzeit.

–––– seine Frau führt ein verschwenderisches Leben.

–––– Er lässt sich von ihr scheiden.

–––– fühlet das Ende seines Lebens annahen.

–––– hat mit dem Baron v. A. Streit.

–––– fordert denselben auf Pistolen.

–––– Beide schießen zugleich, und die Kugeln treffen aufeinander.

–––– hat Anzeigen des baldigen Scheidens.

–––– weissagt vier und zwanzig Stunden lang, ohne dass man Etwas versteht.

–––– fürchtet lebendig begraben zu werden.

–––– ordnet Alles an, wie es bei seiner Beerdigung soll gehalten werden.

–––– will auf dem Bette der Ehre sterben und auf den Säbel sich duellieren.

–––– tut einen Ausfall auf seinen Gegner, und stirbt in demselben Augenblicke.

–––– wird in Offiziersuniform drei Tage zur Schau ausgesetzt.

–––– wird prächtig begraben.

–––– besondere Begebenheit bei der(!) Begräbnis.

–––– wird neben dem Sarge seiner Frau beigesetzt.

–––– Elegie auf seinen Tod, als ein Denkmal von seinen Freunden.|

 

Das Inhaltsverzeichnis ist in dem zu dieser Edition verwendeten Buchausgabe am Schluss angebunden.