Schnorrs Münchhausiaden

 

Unter den Nachahmungen nehmen die Bücher von Heinrich Theodor Ludwig Schnorr (1760-1835) eine besondere Stellung ein.

 

Der erste Band seiner Parodie auf Bürgers Münchhausen-Bücher von 1786 und 1788 erschien bereits 1789. Das anonym herausgegebene Buch trägt den Titel Nachtrag zu den wunderbaren Reisen zu Wasser und Lande, und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. Hinter dem fiktiven Verlagsort Koppenhagen verbirgt sich der Verlag Franzen und Grosse in Stendal. Durch diesen Titel gibt sich der Druck als zweiter Band von Bürgers Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande (man beachte wie wörtlich Übernahme des Titels!) und als eine Fortsetzung der darin erzählten Jagd- und Seeabenteuer aus. Schnorr erfindet zwei Erzähler, die Brüder Jürgen und Hennige Küper, letzterer Küster an der Kirche zu Bodenwerder.

Schnorrs Münchhausen wird eine fiktive Biographie zugeschrieben, die sich zum Teil mit der Lebensgeschichte des Freiherrn Hieronymus von Münchhausen überschneidet. Schnorr muss – wohl durch persönliche Kontakte – intime Kenntnisse von der Münchhausen-Familie besessen haben.

Vor allem in den Jagd-Erzählungen parodiert Schnorr die Episoden Bürgers durch maßlose Übertreibung. Seine Sprache in schlichter als die Bürgers, er kann sich aber in der ironischen Erzählweise durchaus mit seinem Vorbild messen; im weiteren Verlauf seiner Erzählungen entwickelt er eine bisweilen bissige Ironie in seinen zeitgeschichtlichen Anspielungen.

Einige Jagdgeschichten sind mit direkten Hinweisen auf die Vorbilder versehen; Schorr erweitert auch Bürgers Parodien naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und dessen Technik des eigentümliche Herbeierzählen von Ereignissen gekonnt fort. Anders als Bürger, der über menschliche Ausscheidungen und Liebschaften eher zurückhaltend erzählt, fügt Schnorr deftige fäkalische und sexuelle Elemente ein, wie sie das Leserpublikum damals erwartete. Schließlich ergänzt er die Erzählungen durch eine Elegie auf den Tod des Freyherrn von Münchhausen, als ein Denkmal von seinen Freunden und Verehrern.

1791 heißt es in der Besprechung der Allgemeinen deutsche Bibliothek:

Wär es an der ersten Sammlung dieser Possen nicht genug gewesen? O gewiß mehr, als genug, und für den Leser von einigem Geschmack schon zu viel. Indeß diese Fortsetzung ist einmal da, und wird, das sind wir überzeugt, schon ihr Fortkommen unter den Leuten finden. Das Glück der bösen Fürsten und der schlechten Schriftsteller wird so lange blühen, als bey weitem der größeste Theil der Menschen in Trägheit und im Ungefühl seiner eignen Kräfte schmachten wird. Thäten diese Dinge nicht, wie ließe es sich denken, daß jemand Geld für Romane, Gedichte u. dergl. ausgeben sollte, die er im Nothfall eben so gut, vielleicht noch besser selbst machen könnte. Wo sollten z. B. die neuen Originalromane (bis heut dato 38 Bände!) und ihre ganze Sippschaft, deren Name Legio ist, Leser finden, wenn diese sammt und sonders zu der so simpeln Einsicht gelangten, daß der einfältigste unter ihnen klug genug wäre, mit der leichtesten Mühe eben solche Begebenheiten und Charactere selbst zu erfinden, und zu schildern: wenn sie es nicht bequemer fänden, in ihren Lehnstühlen oder Kanapees zur Beförderung der Verdauung, schlechte Romane zu lesen, als zu schreiben? Eben so würde es diesen Münchhausischen Reisen gehn. Welcher auch noch so mittelmäßige und beschränkte Kopf hat nicht Witz übrig, wenn er nur wollte, solche Abentheuer, wie sie hier aufgetischt werden, zu erdenken? Abentheuer und Fiktionen ohne die mindeste Spur von Sinn, Zweck und Wahrscheinlichkeit, Uebertreibungen, die weniger durch Zügellosigkeit überraschen, als durch Einförmigkeit ermüden: als da sind: „wie dem Reisenden sein Jagdhund, weil er Rebhühner in seinem Magen wittert, ihm im Schlafe die Rebhühner mit sammt dem Magen herausfrißt, wofür er sich einen Schweinsmagen einnähen läßt; wie er aus einen Wallfisch reitet, mit einem Hayfisch kämpft und ihn besiegt, wie er drey Kanonenkugeln von 24 Pf. mit der Hand auffängt, einen Löwen zerreißt, auf einem Strauß in den Mond reitet u. s. w. Die in der Vorrede, Dedikation und sonst hie und da vorkommenden Anspielungen und Spöttereyen, zum Theil auf hohe Personen, müßten, um verzeihlicher zu werden, wenigstens feiner seyn.“ Allgemeine deutsche Bibliothek. 98.Bd. Berlin und Stettin 1791, S. 613.

 

Der Nachtrag zu den wunderbaren Reisen verkaufte sich so gut, dass Schnorr 1794 eine Fortsetzung des Zweyten Theils wieder bei Franzen und Grosse in Stendal veröffentlichte. Diesmal nennt Schnorr als Herausgeber und Erzähler Hieronymus von Münchhausen persönlich. Mein erstes, aber damit ich denen unberufenen Herren Autoren den Spaß nicht verderbe, und weil doch auch manches von meinem Eigenthum darin enthalten ist. Als Erscheinungsort ist Bodenwerder genannt. Das Buch enthält Des Freyherrn von Münchhausen wunderbare Begebenheiten, eine Aneinanderreihung von Seeabenteuern im Stile Bürgers. Die Angabe Drittes Bändchen täuscht; es handelt sich um den zweiten Band von Schnorrs Nachtrags, da dieser als ersten Band Bürgers Münchhausen zählt.

 

Ein Jahr später brachten Franzen und Grosse eine zweite Auflage des Nachtrags heraus. Der historische Freiherr von Münchhausen ärgerte sich nach zeitgenössischen Berichten über die Bücher von Bürger und Schnorr, die noch zu seinen Lebzeiten erschienen (er starb 1797), da er sich diffamiert und seiner unverwechselbaren Fabulierkunst beraubt fühlte.

 

Fünf Jahre später bringt Schnorr einen dritten Band seiner Münchhausiaden unter dem Titel: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande/und/letzte Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen. Viertes und letztes Bändchen. Ein Opus posthumum, verfasset von Hennige Küper, Küster in Bodenwerder. Auf des Herrn von Münchhausen höchst eigenen Befehl. Bodenwerder 1800 heraus. Die Angabe Viertes und letztes Bändchen täuscht erneut; es handelt sich um den dritten Band von Schnorrs Münchhausen.

Dieser dritte Band enthält wieder einen Nachtrag mit verschiedenen Abenteuer-Geschichten, Münchhausens Bekenntnisse, seine Heirathsgeschichten, Ehestandsleben u. d. gl. sowie die Letzte Stunden des Freyherrn von M… sein Tod und Begräbniß, samt dem, was sich Wunderbares dabey zugetragen.

1804 merkt ein zeitgenössischer Rezensent an:

Münchhausen im dritten noch ungedruckten Theile des unsterblichen Geschichte seiner Reisen, die den Kreis des menschlichen Wissens so sehr erweitert haben, erzählt unter andern auch, er sei in eine Stadt gekommen, in welcher jede Familie sich mit Einem Kopf behelfen mußte, den immer derjenige aufgethan habe, der gerade Geschäfte fürs Haus hatte. Diese Einheit soll nun freilich mancherlei Beschwerden erregt haben, wenn es etwa dem Vater einfiel die Kinder, oder den Geschwistern, einander zu küssen, dafür aber, behauptet Münchhausen, könne es nirgend ein glücklicheres, häusliches Leben geben, als in jener Stadt: so lange sie stehe, wisse man nichts von Familienzänken. – Man glaubt gewöhnlich, diese Nachricht sey nur ein wüster Scherz ohne Zweck und Inhalt, aber man irrt: mir wenigstens scheint sie historisch wahr. Jene Stadt zwar kenn‘ ich nicht, doch sah‘ ich in vielen Städten Familien, die nur Einen Kopf besaßen. Zwar behielt ihn derjenige, der ihn einmalhatte, zeitlebens auf seinen Schultern: aber seine Verwandten und Hausgenossen trugen hohle Larven, die das ankündigten, was jener enthielt. Er hatte den Verstand, und sie thaten die weisen Blicke; er hatte das Verdienst, und sie machten die wichtigen Mienen, die dazu gehörten.

H. Fröhlich: Miscellen. In: Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser. Berlin vom 22.03.1804, S. 232.

   

1801 kam noch ein Pendant zu Münchhausen auf den Markt: Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande und Abentheuer des Fräuleins Emilie von Bornau, verehlichte von Schmerbauch. Von ihr selbst erzählt. Frankfurt 1801. Der Verlag ist wieder Franzen und Grosse in Stendal. Das freizügige Buch zählt zu den Erotika und kann als eine Satire auf Jean-Jacques Rousseaus Émile oder Über die Erziehung aus dem Jahr 1762 gelesen werden, der die Themen Mädchenerziehung und Sexualität verdrängte.

Eine Titelauflage mit veränderten Titelblatt und dem Druck vom Satz der Erstauflage lautet: Leben/ und seltsame/ Abentheuer/ des/ Fräuleins Emilie ***,/ einer natürlichen Tochter/ des/ Freyherrn von Münchhausen/ in Bodenwerder. Als Zugabe zu den wunderbaren/ Reisen zu Wasser und Lande./ Mit Kupfern./ Hannover, 1804.

Der Rezensent der Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek meint: „Soll ein Gegenstück zu des berühmten Münchhausens Abentheuer seyn; ist aber ein sehr verünglücktes. Über so abgeschmackte Mährchen lacht kein Mensch. Der langweilig schleppende Ton, in dem sie erzählt, und die moralische Wassersuppe, mit der sie begossen werden, machen sie übrigens zu einem trefflichen Opiat. Bey Rec. Wenigstens haben sie drey Abende hintereinander unausbleiblich den Schlaf befördert.“

Neue allgemeine deutsche Bibliothek. 84. Band, erstes Stück. Erstes bis Viertes Heft. Berlin und Stettin, 1803, S. 89.

Die Erzählung enthält eine Variation der ersten mondreise Münchhausens bei Bürger sowie eine Ehegeschichte aus der Sicht Emiliens, für die Schnorr auf seine offenbar intimen Kenntnisse der Verhältnisse auf dem Gute des Hieronymus von Münchausen in Bodenwerder zurückgegriffen hat. Sie ist nach dem Muster des 3. Abschnitts von „Des Freiherrn von Münchhausen eigene Erzählungen“ „Meine Heiratsgeschichten, Ehestandsleben u. d. gl., vom Anfange bis zu Ende“ gestaltetet (Schnorr 1800). 

  
   

1803 gab Schnorr ein weiteres Buch heraus, in dem er – wieder anonym – die Münchhausen-Erzählungen von Bürger und seine eigenen zu einer Einheit zusammenfügte: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, und/ lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche Wein im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte/ Neueste Auflage mit 25 Kupfern. Berlin, in der neuen Buchhandlung. 1803.

Der Band enthält im 1. Teil eine von Schnorr bearbeitete und etwas gekürzte Fassung von Bürgers Münchhausen der 2. Ausgabe von 1788; ab S. 117 folgt ein Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen Münchhausen. Durch das Layout wird der Eindruck erweckt, es handele sich um das Werk eines (anonymen) Verfassers.

Rund 40% des Textes stammt von Bürger, 60% hat Schnorr aus seinen drei Münchhausiaden hinzugefügt. Bürgers Münchausen wurde um ca. 30% gekürzt.

Schnorr hat den gesamten Text bearbeitet und Motive getilgt, die im Widerspruch zu seinen eigenen Erzählungen standen.

 

 

1810 erschienen im Verlag Peter Hammer, Köln zwei Bände, die wiederum Bürgers und Schnorrs Münchhausen-Erzählungen enthielten, diesmal wieder getrennt: Wunderbare Reisen, Feldzüge und lustige Abentheuer sowie Neue Reisen Feldzüge und lustige Abentheuer. Schnorr hat Kürzungen an Bürgers Text der Ausgabe von 1803 teilweise wieder zurückgenommen. In gleicher Aufmachung erschien zur gleichen Zeit als Zweyter Theil der Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen Münchhausen.

     

 

Von dieser Separatausgabe erschien bereits 1812 eine zweite Auflage. Schnorr war sehr erfolgreich und hat im Zeitraum von 1789 und 1812 mehr Münchhausen auf den Markt gebracht, als Dieterich in Göttingen mit Bürgers Münchhausen bis 1822. Dort sind nur vier Ausgaben erschienen, Schnorr bringt es auf 10 Münchhausen-Titel.

Schnorr hatte es schwerer als Bürger: mußte er doch alles selbst erfinden und ausbrüten. Kein Wunder, daß seine Erzählungen in der Fülle der Erfindungskraft mit dem Vorbild nicht ganz Schritt halten können. Trotzdem bleibt noch Interessantes genug; Schnorr kannte den Geschmack der Leser. Die Geschichten sind, nimmt man sie zusammen, etwas näher an der Wirklichkeit angesiedelt; Münchhausen, der Gutsherr, führt hier ein reales Leben, besitzt Acker und Vieh, baut eine – historisch echte – Brücke. Zur Erotik hat Schnorr eine intimere Beziehung als Bürger, der nur gelegentlich einige Fakten lapidar – untertreibend – hinwirft. Die zweite Ehe des alten Münchhausen ist für ihn ein Thema, vor dem er, aller Gewagtheit zum Trotz, nicht zurückscheut. Schnorr muß die Verhältnisse genau gekannt haben.

Erwin Wackermann (Hrsg.): Münchhausens wunderbare Reisen. Hamburg 1966, S.472f.

 

 

Im Jahre 1839 brachte der Buchhändler und Verleger J. Schäuble eine zweibändige Lügen-Chronik auf den Markt, in der er in vier Teilen Bürgers Münchhausen in verkürzter und durch drei fremde Kapitel ergänzter Form und die drei Bände Schnorrs von 1789, 1794 und 1800 noch einmal im Zusammenhang präsentierte.

Im ersten Teil mit dem Text Bürgers fehlt der letzte Abschnitt des Zehnten See-Abenteuers; es schließen sich das Eilfte, Zwölfte und Dreizehnte See-Abenteuer an. Diese Texte stammen nicht von Bürger oder Schnorr, sondern scheinen einer anderen Münchhausiade entnommen oder eigens für diese Ausgabe geschrieben zu sein.

 

Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis mit den zusätzlichen Texten

 

  

 

 

  

  

  

  

  

  

  

 

Die Fortsetzungen und Ergänzungen Schnorrs wurden in der zeitgenössischen Rezeption als Einheit mit Bürgers Texten betrachtet, da alle Bände anonym erschienen und die Autorschaft Bürgers der Öffentlichkeit nicht bekannt war.

Am 20. August 1836 zum Beispiel meldete Das Pfennig-Magazin: die erste wöchentlich erscheinende deutsche Zeitschrift mit bis zu 100.000 gedruckten Exemplaren:

Zu den vorübergegangenen literarischen Erscheinungen, die einst viel Aufsehen machten, gehören die wunderbaren Reisen, Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, eine Sammlung von seltsamsten und ausschweifendsten Einfällen, z. B. der Überrock des Erzählers sei von einem rollen Hunde gebissen und wüthend geworden, sein Windhund habe die Beine dergestalt abgelaufen, daß er zum Dachshund geworden, sein Jagdhund habe ihm im Schlaf den Magen herausgefressen, weil er Rebhühner darin gewittert und er habe sich dafür einen Schweinemagen einnähen lassen, und andere, noch gleich weniger ergötzliche. Die Geschichte dieses Buchs ist merkwürdig genug.

 

Von den erwähnten Erzählungen stammen die beiden ersten von Bürger, die dritte von Schnorr. Der Journalist schreibt diese Erzählungen alle dem historischen Freiherrn von Münchhausen in Bodenwerder zu und fährt fort:

Längst hatten diese Schwänke einen großen Theil von Deutschland durchwandet und waren aus den höhern Circeln bis zur untersten Volksclasse herabgestiegen, ohne daß Jemand daran gedacht hätte, sie zu sammeln. Ein durch widrige Schicksale nach England verschlagener deutscher Literat, Raspe, der früher zu Kassel, in Münchhausens Nähe, gelebt hatte, kam endlich auf diesen Einfall und gab sie in England und in englischer Sprache heraus. Dort fanden sie einen gedeihlichen Boden und erlebten in kurzer Zeit fünf Auflagen. Sie fanden den Weg übers Meer nach Ostindien, und Offiziere eines hannöverschen Regiments, das nach Madras geschickt wurde, trafen sie dort in den ersten Häusern, wo sie begierig gelesen wurden. Nun erst erschienen diese ursprünglich deutschen Erzeugnisse, aus dem Englischen zurückübersetzt, in Deutschland; der Dichter Bürger war es, der sich mit dieser Übersetzung befaßte, jedoch fand das Buch hier nicht den großen Beifall, wie früher in England.

 

 

1854 erschien bei Scheible eine zweite Ausgabe der Lügen-Chronik, Der verstümmelte erste Teil mit Texten von Bürger wurde in der Neuauflage nach Bürgers Ausgabe von 1788 wiederhergestellt und die drei 1839 hinzugefügten See-Abenteuer getilgt. Die beigegebenen Kupferstiche wurden neu gestochen.

  

 

Bei der bibliographischen Aufnahme der frühen „Münchhausen“-Titel gibt es eine Reihe von Lücken und falsche Zuweisungen, insbesondere bei Büchern von Schnorr und seinen Bearbeitungen des Münchhausen. Zum Verständnis seines literarischen Werks, das heute weitgehend vergessen ist, muss seine fast völlig unbekannte Lebensgeschichte aufgearbeitet werden, um zu zeigen, welche intimen Kenntnisse er von dem Adelsgeschlecht des Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen besaß, was er von den Verhältnissen der Stadt Bodenwerder wusste und inwieweit diese Kenntnisse in seine Dichtung eingeflossen sind.

 

Die Schnorr-Texte wurden rund fünfzig Jahre im Zusammenhang mit Bürgers Münchhausen gelesen und hatten einen unverkennbaren Einfluss auf die Münchhausiaden des 19. und auch noch des 20 Jahrhundert. Einflüsse lassen sich bei vielen Autoren nachweisen, auch bei seriösen Schriftstellern wie Ludwig von Alvensleben und Karl Immermann. Sie wirkten auf die Entwicklung der sogenannten Volksbücher ein und wurden auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben Bürgers Texten rezipiert. Sogar in Erich Kästners Drehbuch zum Münchhausen-Film von 1943 finden sich Elemente aus dieser Tradition.

 

Es scheint mir daher angemessen, die von Schnorr 1803 herausgegebene Ausgabe mit dem von ihm bearbeiteten Bürger-Texten und den Extrakten aus seinen eigenen drei Büchern als einen selbständigen und wirkmächtigen Textzeugen des Münchhausen-Komplexes zu betrachten. Dies ist von der bisherigen Münchhausen-Forschung übersehen worden. Schnorr setzt fort, was Bürger bereits im Sommer 1786 mit Raspes Munchausen getan hatte: Er plagiiert Bürgers Münchhausen (von dessen Autorschaft er wusste) und erweitert ihn zu einer facettenreichen Satire, in der er zeitgenössische Forschungsreisen, astronomische, naturkundliche und medizinische Entdeckungen parodiert sowie massive Kritik am Adel und dem Sittenverfall Ende des 18. Jahrhunderts übt. Er entwickelt das selbstironische Spiel Bürgers mit der Renommiersucht und ihre Parodie ins Lächerliche fort und führt die von Raspe und Bürger entwickelte Erzähltechnik weiter.

 

 

 

Inhalts-Synopse der Ausgaben mit Texten von Bürger und Schnorr

 

1786

1788 (wie 4. Ausgabe 1822)

1803

1810

1812/1813 (Werke Band 6)

 

1839

1854

Wunderbare/ Reisen/ zu/ Wasser und Lande,/ Feldzüge und lustige Abentheuer/ des/ Freyherrn von Münchhausen,/ wie er dieselben bey der Flasche im Cirkel/ seiner Freunde selbst zu erzählen/ pflegt./ Aus dem Englischen nach der neuesten Ausgabe/ übersetzt, hier und da erweitert/ und mit noch/ mehr Kupfern gezieret./ London 1786.

Wunderbare/ Reisen/ zu/ Wasser und Lande,/ Feldzüge und lustige Abentheuer/ des/ Freyherrn von Münchhausen,/ wie er dieselben bey der Flasche im Zirkel/ seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt./ Aus dem Englischen nach der neuesten Ausgabe/ übersetzt, hier und da erweitert und mit/ noch mehr Kupfern gezieret./ Zweyte vermehrte Ausgabe./ London 1788.

Wunderbare/ Reisen/ zu Wasser und zu Lande,/ und/ lustige Abentheuer/ des/ Freyherrn von Münchhausen,/ wie er dieselben bey der Flasche Wein im Zirkel/ seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte./ Neueste Auflage mit 25 Kupfern./ Berlin,/ in der neuen Buchhandlung./ 1803.

Neue/ Reisen/ Feldzüge und lustige Abentheuer/ zu/ Wasser und Lande,/ vom/ Freyherrn von Münchhausen,/ der/ wunderbaren Reisen,/ Die er bey der Flasche Wein im Zirkel seiner/ Freunde selbst zu erzählen pflegte./ Zweyter Theil./ Neueste Ausgabe mit 12 Kupfern./ Cöln, 1810./ bey Peter Hammer.

Wunderbare Reisen/ zu/ Wasser und Land,/ Feldzüge und lustige Abenteuer/ des/ Freyherrn von Münchhausen,/ wie er dieselben bey der Flasche im Zirkel seiner/ Freunde selbst zu erzählen pflegt.

In: Gottf. Aug. Bürger’s vermischte Schriften. Herausgegeben von Karl Reinhard. Vierter Theil. Wien, 1812. In Commission bey Anton Doll, S. 128-253.

In: Gottfried August Bürger’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Karl Reinhard. Sechster Band. Prosaische Schriften. Zweiter Theil. Einzig vollständige Original-Ausgabe. Hamburg, bei Gottfried Vollmer. 1813. S. 3-150.

Lügen-Chronik/ oder/ wunderbare/ Reisen zu Wasser und zu Lande,/ und lustige Abenteuer/ des/ Freiherrn v. Münchhausen,/ wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde/ selbst zu erzählen pflegt./ Vollständig/ in vier Abtheilungen./ Dritte und vierte Abtheilung./ Stuttgart:/ J. Scheible’s Buchhandlung./ 1839.

 

Lügenchronik/ oder/ wunderbare/ Reisen zu Wasser und Lande,/ und lustige Abenteuer/ des/ Freiherrn v. Münchhausen,/ wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner/ Freunde selbst zu erzählen pflegt./ Neue, durchgesehene Auflage,/ vollständig in vier Abtheilungen, mit 124 Abbildungen./ Erste und zweite Abtheilung./ Stuttgart./ J. Scheible’s Buchhandlung./ 1854.

Erste Ausgabe

Zweite Ausgabe

Wie die erste deutsche Ausgabe, zusätzlich mit einer Übersetzung der neuen Texte der fünften englischen Auflage, stark überarbeitet. Bürgers Ausgabe letzter Hand.

Der Band enthält im 1. Teil eine von Schnorr bearbeitete und etwas gekürzte Fassung von Bürgers „Münchhausen“; ab S. 117 folgt ein Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen „Münchhausen“. Durch das Layout wird der Eindruck erweckt, es handele sich um das Werk eines (anonymen) Verfassers.

Enthält den Extrakt aus allen drei Bänden des Schnorrschen „Münchhausen“ im Wortlaut der Ausgabe von 1803. Durch den Hinweis „Zweyter Theil“ wird der Eindruck erweckt, es handele sich um die Fortsetzung der Texte Bürgers, die im selben Jahr unter dem Titel „Wunderbare Reisen, Feldzuge und lustige Abentheuer/ zu Wasser und Lande, […]“ bei Peter Hammer erschienen.

Von Schnorr auf der Grundlage seiner Augabe 1803 (bearbeitet und gekürzt) nach 1788 wiederhergestellt

Hrsg. von Karl Reinhard

Die „Lügen-Chronik“ enthält Bürgers Münchhausen bis Zehntes See-Abentheuer./ Eine zweite Reise nach dem Monde. Die folgenden drei Kapitel enthalten fremde Texte. Die Teile 2, 3 und 4 enthalten die drei Bände von Schnorr mit Kürzungen.

 

Scheibles Zusammenstellung, im ersten Teil geändert

Neuer Satz; Holzstich-Tafeln nach den Lithographien der ersten Ausgabe von 1839. Der erste Theil enthält den Bürger-Text der 2. Ausgabe von 1788. Die Teile 2, 3 und 4 enthalten die drei Bände von Schnorr mit Kürzungen.

 

Vorrede zur ersten Ausgabe

Vorrede des englischen Herausgebers

 

 

Vorrede des englischen Herausgebers

 

 

Zur zweyten Ausgabe

 

 

 

 

 

 

Zur deutschen Übersetzung

Vorrede zu deutschen Übersetzung

 

 

Vorrede zu zweiten Ausgabe der Deutschen Übersetzung

 

 

Des Freyherrn von Münchhausen Eigene Erzählung

Des Freyherrn von Münchhausen Eigene Erzählung

Des Freyherrn von Münchhausen Eigene Erzählung

Des Freyherrn von Münchhausen Eigene Erzählung

Des Freiherrn von Münchhausen eigene Erzählung

Des Freiherrn von Münchhausen eigene Erzählung

Des Freiherrn von Münchhausen eigene Erzählung

Des Freyherrn von Münchhausen See-Abentheuer

Des Freyherrn von Münchhausen See-Abentheuer./ Erstes See-Abentheuer

Des Freyherrn von Münchhausen Seeabentheuer./ Erstes Seeabentheuer

Des Freyherrn von Münchhausen See-Abentheuer./ Erstes See-Abentheuer

Des Freiherrn von Münchhausen See-Abentheuer./ Erstes See-Abentheuer

Des Freiherrn von Münchhausen See-Abentheuer./ Erstes See-Abentheuer

Des Freiherrn von Münchhausen See-Abentheuer./ Erstes See-Abentheuer

Zweytes See-Abentheuer

Zweytes See-Abentheuer

Zweytes Seeabentheuer

Zweytes See-Abentheuer

Zweites See-Abentheuer

ZweitDrittes See-Abentheueres See-Abentheuer

Zweites See-Abentheuer

Drittes See-Abentheuer

Drittes See-Abentheuer

Drittes Seeabentheuer

Drittes See-Abentheuer

Drittes See-Abentheuer

Drittes See-Abentheuer

Drittes See-Abentheuer

Viertes See-Abentheuer

Viertes See-Abentheuer

Viertes Seeabentheuer

Viertes See-Abentheuer

Viertes See-Abentheuer

Viertes See-Abentheuer

Viertes See-Abentheuer

Fünftes See-Abentheuer

Fünftes See-Abentheuer

Fünftes Seeabentheuer

Fünftes See-Abentheuer

Fünftes See-Abentheuer

Fünftes See-Abentheuer

Fünftes See-Abentheuer

Sechstes und letztes See-Abentheuer

Sechstes See-Abentheuer

Sechstes Seeabentheuer

Sechstes See-Abentheuer

Sechstes See-Abentheuer

Sechstes See-Abentheuer

Sechstes See-Abentheuer

 

Siebentes See.Abentheuer,/ nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, …

Siebentes Seeabentheuer,/ nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, …

[gestrichen; die folgenden See-Abentheuer anders nummeriert]

Siebentes See.Abentheuer,/ nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, …

Siebentes See.Abentheuer,/ nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, …

Siebentes See.Abentheuer,/ nebst authentischer Lebensgeschichte eines Partisans, …

 

Fortgesetzte Erzählung des Freyherrn

 

Fortgesetzte Erzählung des Freyherrn

Fortgesetzte Erzählung des Freiherrn

Fortgesetzte Erzählung des Freiherrn

Fortgesetzte Erzählung des Freiherrn

 

Achtes See-Abentheuer

Achtes Seeabentheuer

Siebentes See.Abentheuer

Achtes See-Abentheuer

Achtes See-Abentheuer

Achtes See-Abentheuer

 

Neuntes See-Abentheuer

Neuntes Seeabentheuer

Achtes See-Abentheuer

Neuntes See-Abentheuer

Neuntes See-Abentheuer

Neuntes See-Abentheuer

 

Zehntes See-Abentheuer./ Eine zweyte Reise nach dem Monde.

 

Neuntes See-Abentheuer./ Eine zweyte Reise nach dem Monde

Zehntes See-Abentheuer./ Eine zweite Reise nach dem Monde.

Zehntes See-Abentheuer./ Eine zweite Reise nach dem Monde.

Letzter Abschitt fehlt: „Ich gestehe, diese Dinge klingen seltsam … nur wenig andere Reisende.“

Zehntes See-Abentheuer./ Eine zweite Reise nach dem Monde.

 

Reise durch die Welt, nebst andern merkwürdigen Abentheuern.

Reise durch die Welt, nebst andern merkwürdigen Abentheuern

Reise durch die Welt, nebst andern merkwürdigen Abentheuern

Reise durch die Welt, nebst andern merkwürdigen Abentheuern

 

Reise durch die Welt, nebst andern merkwürdigen Abentheuern

 

 

Schnorr-Texte

 

 

Eilftes See-Abentheuer

 

 

 

 

 

 

Zwölftes See-Abentheuer

 

 

 

 

 

 

Dreizehntes See-Abentheuer

 

 

 

 

 

 

[Texte nicht von Bürger oder Schnorr]

 

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