Drei See-Abenteuer von Unbekannt

 

 

Im Jahre 1839 brachte der Buchhändler und Verleger J. Schäuble eine zweibändige Lügen-Chronik auf den Markt, in der er in vier Teilen Bürgers Münchhausen in verkürzter und durch drei fremde Kapitel ergänzter Form und die drei Bände Schnorrs von 1789, 1794 und 1800 noch einmal im Zusammenhang präsentierte.

Im ersten Teil mit dem Text Bürgers fehlt der letzte Abschnitt des Zehnten See-Abenteuers; es schließen sich das Eilfte, Zwölfte und Dreizehnte See-Abenteuer an. Diese Texte stammen nach meinen Recherchen nicht von Bürger oder Schnorr, sondern scheinen einer anderen Münchhausiade entnommen oder eigens für diese Ausgabe geschrieben zu sein.

 

Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis zu den zusätzlichen Texten

 

 

  

[117] Eilftes See-Abenteuer.

 

Eines Tages, ich weiß nicht mehr genau, in welchem Lande, begab ich mich an Bord, um auch einmal die Insel Kreta zu besuchen, die wegen ihrer Liebhaberei zum Lügen und Essen und Trinken so berühmt ist, und hoffte dort als bloßer Anfänger und Dilettant eine günstige Aufnahme zu finden. Unser Schiff stach mit dem besten Winde von der Welt in die hohe See hinaus. Da erhob sich auf einmal ein schrecklicher Sturm; Donner und Blitze krachten um uns her, und unser Untergang schien gewiss. Ich hatte jedoch so viel Geistesgegenwart, allen Matrosen zu sagen, dass sie gegen den Wind blasen sollten, was nur aus der Lunge heraus wollte, und so viel als möglich Eisen und Magnete nach den Wolken zu werfen, um so die Blitze unschädlich zu machen. Diese Maßregel schlug trefflich an, und schon nach einer Viertelstunde hatten wir das ganze Gewitter teils entkräftet, teils in die Flucht geschlagen. Da geraten wir auf einmal auf Sandbänke, die wir glücklich mit Besen unter uns wegkehrten, aber sogleich darauf an Klippen, die ich jedoch auch teils mit einem recht scharfen Rasier|[118]messer rasierte, teils wegschoss, teils durch künstliche Handgriffe aus dem Meere heraushob und auf die Seite stellte.

Darauf aber erschien ein mächtiges Seeräuberschiff, das geradeswegs auf uns lossteuerte. Was hier zu tun? Da war guter Rat teuer. Dieses Schiff ließ mehrere hundert Kanonen gegen uns spielen. Ich sagte sogleich allen unsern Schiffsleuten und Matrosen, dass sie keinen Schuss tun, sondern nur die Hüte abnehmen, die Kugeln auffangen, und mit einer leichten Schenkung, die ich ihnen zeigte, wieder auf das Piratenschiff zurückschleudern sollten. Auf einmal flog einem von unsern Schiffsleuten ein junges wunderschönes Mädchen erst in den Hut und dann in die Arme, die sich auf eine feindliche Kanonenkugel gesetzt hatte, um in unser Schiff zu kommen, auf welchem sie zufällig gerade in die Arme ihres Geliebten geschleudert wurde. Das gab bei den Beiden eine große Freude.

Jetzt aber, als die Piraten all ihr Pulver und ihre Kugeln verschossen hatten, befahl ich, das Piratenschiff zu bombardieren. Ich selbst zerschoss es auf den ersten Schuss in zwei Hälften; aus diesen zwei Hälften machte ich auf den zweiten und dritten Schuss vier Vierteile, aus jedem Vierteil auf den vierten, fünften und sechsten Schuss – denn einer davon traf zwei dicht hintereinanderstehende Reste – acht Achtteile, worauf unsere Leute, ermutigt durch meines Beispiels Erfolg, die größte Kanone lösten, welche die übrigen Rudera des Dinges auf einmal in den Grund bohrte.| [119]

Als wir uns nun Kreta näherten, wurden wir von dem weißen Schimmer der Kreidefelsen alle auf einmal blind. Doch wusste ich gleich Rat. Ich hatte noch von alter Zeit her als Jagdliebhaber ein großes Waidmesser bei mir, mit welchem ich mir vor Allen selbst zuerst den Star stach, und dann allen Andern, gegen dreihundert, die sich auf unsern Schiffen befanden. Als wir wieder sehen konnten, da liefen wir ganz glücklich in den Hafen ein, und eilten sogleich ins erste Gasthaus, um uns dort zu regalieren.

Als wir Jeder portionweise bestellen wollten, lachte man uns aus; wir wurden aufgeklärt, als wir die Karte und die Mittagsgäste zu Gesicht bekamen. Der Saal war sehr geräumig, und jeder Gast hatte auf einem ungeheuren Teller entweder ein ganzes Kalb (manche auch zwei), einen Ochsen, ein Schock Feldhühner, gegen 30 Stück Enten oder 20 Stück Gänse u.s.w. vor sich, so dass uns, trotz unserm großen Appetit, der Mut sank, nach dieser Karte mitspeisen zu können. Ein dicker Mann hatte sogar einen ganzen marinierten Walfisch vor sich, und auf jeder Seite ein Fass Essig und Öl, welches er beides aus einem Hahn so herausließ, wie man bei uns das Bier herauslässt. Nach dem Walfisch wollte er dann noch ein Dutzend Rehe speisen.

Wir mussten zum bösen Spiel gute Miene machen, und es bestellte sich jeder von uns nur ein Kalb oder einen Ochsen; halbe Portionen wurden leider nicht abgegeben. Indess wurde ich mit mei|[120]nem Ochsen eben so gut fertig, als ich schon mit manchen andern in der Welt fertig geworden bin. Ich kaute Alles recht klar, und da ich ihn ganz hinunter hatte, trank ich ein Fass Öl aus, ging auf die Seite und gab so die ganze Geschichte mit Leichtigkeit wieder von mir. Ich aß darauf noch eine Tonne voll Heringe, und sah daraus, dass diese mir gut bekommen, dass es nur auf eine Übung ankomme, sich ans Fressen und Saufen zu gewöhnen.

Beim Dessert geriet ich in Streit mit einem kretischen Edelmann, über die Frage, wo es die meisten Ochsen gebe. Er behauptete in Kreta, und ich meinte, die Zahl der Ochsen sei in der Welt überall gleich groß. Durchaus wollte er nicht Wort haben, dass es in Deutschland mehr geben könne, als in dem allerdings viel kleinern Kreta; ich bewies es ihm aber aufs Haar; wobei ich freilich alle hoch wohlgeborne und alle hochgeborne Ochsen mit ein rechnete.

Auf einmal entstand ein schreckliches Geräusch, wie von tausend Donnern, oder so, als ob sechs bis acht Batterien abgefeuert würden. Es kam dasselbe aber von einer ganz natürlichen Ursache her, die aus Überladung des Magens folgt; ich fühlte mich von schwefligen Dämpfen ganz betäubt. Doch ein Kellner zündete sogleich eine Tonne Spiritus an, öffnete die Fenster, und die ganze Sache war vorbei.

Ich lernte in Kreta einige große Lügenkünstler kennen, doch getraue ich mir noch heute, es mit allen aufzunehmen.| [121]

Ganz gegen meinen Willen geschah es, dass unsere Schiffsleute mit den Kretensern Nachmittags Skandal anfingen. Ich rief gleich alle ins Gewehr, und wir stellten uns auf einem Kreidevorgebirge in Schlachtordnung, wobei ich allen Trompetern befahl, zu blasen aus Leibeskräften.

Weil auf diesem Berge täglich der Wind stark geht, so ließ ich dort an allen Bäumen Trompeten befestigen, welche die Feinde schreckten, die uns für tapfere Leute hielten. Wir eilten sodann nach unserm Schiff und fuhren wieder ans feste Land. Die Trompeten aber blasen noch heutiges Tages bei dem starken Winde fort Tag und Nacht, und immer noch denken die Kretenser, ohne sich an den Berg zu nah hinzuwagen, dass sich das feindliche Heer in der Nähe befinde.

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Kreta:  größte griechische Insel

 

Map of the Aegean Sea - Carte de l'Archipel Aussi Corrigee par F. Olivier Pilote Vice-Admiral au Departement de Toulon en 1746.

Lügen: Das Paradoxon des Epimenides ist die erste bekannte Vorform des Lügner-Paradoxons und lautet in der populären Version: „Epimenides der Kreter sagte: „Alle Kreter sind Lügner.“ (Wikipedia)

Kreidefelsen: Der Name Kreide ist die über viele Jahrhunderte hinweg eingedeutschte Bezeichnung der griechischen Insel Kreta. Der ursprünglich aus dem Lateinischen stammende Begriff bezieht sich auf frühe Erwähnungen von Kreidesteinen auf der Insel Kreta.

Die Lefka Ori (griechisch Λευκά Όρη, zu deutsch die Weißen Berge, griechisch auch Madares (Μαδάρες) genannt) sind das flächenmäßig größte Gebirgsmassiv auf der griechischen Insel Kreta. Ihr höchster Gipfel, der Pachnes, ist mit 2454 mit nur wenige Meter niedriger als der des Psiloritis-Massivs weiter im Osten Kretas. Die zentrale Gipfelregion der Lefka Ori zählt zu den wenigen europäischen Wüstengebieten. (Wikipedia)

den Star stach: Der Starstich (auch Skleronyxis in Bezug auf die Luxation der Linse mit der durch die Sklera eingestochenen Starnadel) als Depressio lentis (Depression der Starlinse) oder Reclinatio lentis (Couching) ist das Hinunterstoßen bzw. Hinunterdrücken der Augenlinse mit einer Nadel in den Glaskörper auf den Boden des Augapfels und war über Jahrtausende eine einfache Operationsmethode zur Behandlung des Grauen Stars, die seit dem Altertum bis ca. 1800 angewandt wurde. (Wikipedia)

 

Robert James: A cataract surgery. Kupferstich um 1746. In: Dictionnaire universel de médecine. Traduit de l'anglois par Mrs Diderot, Eidous & Toussaint. Paris 1746-1748.

regalieren: bewirten

Zwölftes See-Abenteuer.

 

Von Keta aus fuhren wir alle mit grünen Augenschirmen auf den Köpfen, um nicht von dem Anblick der Kreidefelsen nochmals blind zu werden, erst direkt nach China, dann machten wir einen kleinen Abstecher nach Chili und Peru, darauf campierten wir in Island in der Nähe des Hekla, der gerade täglich Feuer spie, daher uns nicht fror, einen ganzen Winter hindurch im offenen Felde, worauf wir Ostindien berücksichtigten, das Cap der guten Hoffnung mitnahmen, und uns auch ein wenig in Australien umsahen. Weil wir nicht recht wussten, wohin wir eigentlich sollten, so hielten wir einen großen Rat, und wurden darüber einig, unser Glück entweder in Madagaskar, oder im Feuerlande, oder in Ägypten, oder in Leipzig, oder in Schilda, oder in Buxtehude, oder in Abdera, oder in Paris, oder in Wien, oder vielmehr in London, oder vielmehr in Triest, oder vielmehr in Philadelphia, oder vielmehr in Stockholm, oder vielmehr in Tobolsk, oder vielmehr in St. Petersburg, oder vielmehr in Rom, oder vielmehr in Kopenhagen, oder vielmehr in Al|[123]gier, oder vielmehr in Astrachan, oder vielmehr in Dummsdorf, oder vielmehr in Freudenstadt, oder vielmehr in Krähwinkel, oder vielmehr in Damaskus, oder vielmehr in New-York, oder vielmehr in Hildburghausen, oder vielmehr in Madrid, oder vielmehr in Dresden, oder vielmehr in Waldheim, oder vielmehr in Weimar zu versuchen. Die allgemeine Stimme entschied sich aber, wegen Auerbachs Keller, weil wir alle einen ehrlichen Durst hatten, für Leipzig. Doch da wir sämtlich nach acht Tagen in London eintreffen mussten, um dort einige Millionen Pfund Sterling flüssig zu machen, so war hier Holland in Nöten, und es wäre Matthäi am letzten gewesen, wenn wir nur um eine Minute zu früh in London eingetroffen wären.

Unser aller Sinn stand nach Leipzig, wo gerade Messe war. Es fragte sich nur, wie wir mit unserm Schiff dort landen sollten, da bekanntlich Leipzig mitten in terra firma liegt

Doch mir fiel bald ein gutes Auskunftsmittel ein. Ich ließ alle Schiffsleute und Matrosen nach und nach das Meer aussaufen, welches hinter uns lag, dann stellte ich sie am Ufer in Schlachtordnung, und ließ sie aufs Kommando sämtlich pissen, wodurch immer wieder ein neues Meer vor uns entstand; das Ding wurde fortgesetzt, bis wir bei Leipzig landeten.

Wir stiegen sämtlich bei Pfaffendorf aus, und begaben uns sogleich in Auerbachs Keller, wo wir zu unserer großen Freude unten bei dem Italiener| [124] Herrn Joseph Sala, den Doktor Faust antrafen, den zwar bereits der Teufel geholt hat, der sich aber trotzdem, Gott sei Dank! recht wohl befand, und sich seinen Rüdesheimer und seine Austern wohl schmecken ließ. Indess, zwei große Geister vertragen sich selten wohl zusammen. Drum trank ich mit einigen guten Freunden sogleich ein paar hundert Fässer aus, und machte mich auf die Beine. Als ich auf den Markt kam, fühlte ich Appetit nach Holz und Steinen, weshalb ich sämtliche Buden, das Rathaus, die Polizei und alle an dem sogenannten Naschmarkt stehende Gebäude - hinunterschluckte. Auf einmal empfand ich Übelkeit, und musste mich brechen. Ich hatte den Polizeidirektor mit verschluckt, der wie Gift auf mich wirkte, und als dieser heraus war, war Alles wieder gut.

Da sehe ich auf einmal eine Sternschnuppe in der Luft. Augenblicklich ziehe ich mein Pistol und schieße nach ihr. Ich traf sie so gut, dass sie mir augenblicklich zu Füßen fiel.

Sie winselte im demütigsten Tone: Herr, ich bin eine gewesene Frau, die bei Lebzeiten manche Irrfahrten machte; und ich kann mich, wenn Sie es befehlen, sogleich wieder in das schönste Mädchen verwandeln.

„Tun Sie das,“ sagte ich, „und dann wollen wir weiter aus der Sache sprechen.“

Im Nu stand das allerschönste Mädchen vor mir, schöner als die, welche in Sachsen auf den Bäumen wachsen. Ob ich nun gleich in meinem ganzen Leben| [125] für Liebesabenteuer keinen rechten Sinn gehabt, so machte ich doch beute einmal eine Ausnahme. Ich wusste ein Haus in Lissabon, in welches ich das Fräulein in ein paar Minuten führte, und wo ich bei ihr übernachtete. Mir träumte in dieser Nacht von lauter Wildbret und Schießübungen.

Als ich des Morgens früh aus dem Bette steige, sehe ich mich auf einmal mitten im Tajo, der eine hohe Welle warf, und mich auf die Spitze des Chimborasso schleuderte. In einiger Ferne bemerkte ich den Vesuv, auf den ich sogleich hinübersprang. Ich fiel mitten in den Krater hinein, der mich aber, weil ich etwas unverdaulich bin, wieder auswarf bis nach Stockholm. Dort gratulierte ich dem König dazu, dass er sich so gut konserviert habe. Er nahm mir das übel, blies sich auf, und blies mich durch seinen Hauch bis an die ägyptischen Pyramiden, wo mich am Nil ein Krokodil verschlang, aber gleicherweise wieder ausspie, so dass ich bis nach Deutschland verschleudert wurde. Weil es mir aber in Deutschland nie gefiel, so kaufte ich mir ein Pferd, ritt damit erst in den Mond, dann in die Sonne, und dann in die Venus, und dann in den Jupiter, und dann in die Ceres, und dann in die Pallas, und dann in den großen und kleinen Bären, und dann in den Sirius, und dann in den Orion u.s.w. Weil es aber überall langweilig war, so ließ ich mich mit meinem Pferde, das ich fest bei der Mähne packte, wieder sanft auf das Meer nieder, und weil das Tier gut schwim|[126]men konnte, so erreichte ich glücklich das Ufer von Grönland, wo Alles eingefroren war. Um von da wegzukommen, ließ ich mir von einem geschickten grönländischen Mechanikus ein paar große Flügel für mein Pferd verfertigen, setzte mich darauf und ritt durch die Luft bis nach Hamburg, und von da nach Konstantinopel, wo ich mit dem Sultan ein Wort zu reden hatte.

Was aus meinen Schiffsleuten und Matrosen geworden ist, das kann ich nicht sagen. Aber der rechte Mensch ist überall zu Hause und überall bekannt.

Als ich mein Geschäft mit dem Sultan abgemacht hatte, trank ich in Ungarn einige tausend Fässer ungarischen Wein, sagte dem Kaiser von Österreich was ins Ohr, und machte nun die Fahrt, von welcher der nächste Abschnitt weitere Auskunft geben wird.

 

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mit grünen Augenschirmen: eine über die Augenbrauen angebrachte, 2-3 Zoll vorstehende meistgrüne Bedachung, dient dazu, bei gegen das Licht empfindlichen Augen u. bei Augenleiden das Licht überhaupt od. das zu grelle von denselben abzuhalten, od. den Lichteinfluß zu mäßigen. A-e sind nicht aus starkem, glänzend grünem Pergament u. starkem Draht zu verfertigen, sondern aus, mit grünem Taffet überzogener Spaterie, od. aus Pappe od. mit grünem glanzlosen Papier überzogenem, starkem Papier, u. mit einem Paar Bänder am Kopfe zu befestigen.

Pierer's Universal-Lexikon, Band 2. Altenburg 1857, S. 11.

Chili: Chile

Hekla: ein 1.491 m hoher Vulkan im Süden Islands

Auerbachs Keller: Gaststätte im Zentrum Leipzigs.

Holland in Nöten: Redewendung, die besagt, dass eine große Bedrängnis vorliegt

Matthäi am letzten: Rededwendung im Sinne von zu Ende gehen, kurz vor dem Ruin stehen, nicht mehr zu retten sein.

Messe:  Leipziger Messe beezeichnet die seit dem 12. Jahrhundert belegbare, mehrmals jährlich in Leipzig abgehaltene Marktveranstaltung von überregionaler Bedeutung.

terra firma: festes Land

Pfaffendorf: Das Vorwerk Pfaffendorf war ein Gutsbezirk mit einem kleinen Landgut zwischen Leipzig und dessen ehemaligem Vorort Gohlis nördlich der Einmündung der Parthe in den damaligen Lauf der Pleiße. Das Vorwerk lag nordwestlich der Halleschen Vorstadt und war von dieser nur durch den Flusslauf der Parthe getrennt. (Wikipedia)

Joseph Sala: von 1816 bis 1831 Pächter der Wirtschaft in Auerbachs Keller

Naschmarkt: Der Naschmarkt ist ein Platz in Leipzig; er entstand 1556 beim Bau des Alten Rathauses, nnd diente dem Handel mit Lebensmitteln.

 

auf den Bäumen wachsen: Sachsen, wo die schönen Mädchen an den Bäumen wachsen, ist eine Redensart, die in Hildesheim entstanden ist und ursprünglich den dortigen Mädchen gegolten hat.

Tajo: Der Tajo bzw. Tejo fließt in Ost-West-Richtung durch Spanien und Portugal und ist mit ca. 1007 km der längste Fluss auf der Iberischen Halbinsel. (Wikipedia)

Chimborasso: Der inaktive Vulkan Chimborazo, auch deutsch Tschimborasso, ist mit 6263 m Höhe über dem Meeresspiegel der höchste Berg in Ecuador.

Doktor Faust: Die Szene Auerbachs Keller in der Faustdichtung entspricht den Schwänken, wie sie auch in der Historia von D. Johann Fausten immer wieder in die eigentliche Erzählung eingefügt sind. Auerbachs Keller findet sich dort in der zweiten, 1589 erschienenen Ausgabe, die gegenüber der ersten um einige Zusatzkapitel ergänzt worden ist.

 

Dreizehntes See-Abenteuer.

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Die Zahl zwölf ist zwar eine runde Zahl, die das Dutzend gerade voll macht; aber selbst der Heiland konnte mit seinem Dutzend Aposteln nicht auskommen; er musste einen dreizehnten einsetzen. Und so geht es mir auch; ich will hier noch ein dreizehntes und letztes Sees-Abenteuer zum Besten geben.

Von Wien segelte ich auf der Donau durch mancherlei Meere immer weiter fort bis in den Mississippi in Amerika; da es uns aber dort nicht gefiel, so fassten wir den Entschluss, einmal die Nordsee zu besuchen. Wir waren bereits auf der Elbe und nicht mehr weit von Hamburg, als unser Schiff auf einmal wegen der Gegenströmung und ganz konträrem Winde stehen blieb. Ich knüpfte sogleich ein langes Seil an den Hauptmast, band mich daran fest, stürzte mich ins Wasser, und zog schwimmend das Schiff nach mir aus Leibeskräften. Aber nach einer halben Stunde waren meine Kräfte erschöpft, denn ich wurde auf einmal so müde, dass ich beinahe eingeschlafen wäre. Ich langte im Wasser nach meiner Dose, und nahm, um mich zu ermuntern,| [128] ein paar Prisen Schnupftabak; das half aber nichts; das Schiff stand abermals still. Glücklicherweise hatte ich einen Blasebalg bei mir, mit dem ich es probierte, Wind zu machen. Ich blies aber auf einmal zu stark, so dass ein mächtiger Orkan entstand, bei dem ich mich wieder in das Schiff heraufziehen zu lassen für gut befand. Ein Haifisch schnappte nach mir, als ich eben den rechten Fuß an die Treppe setzte, aber mit dem linken gab ich ihm einen solchen Tritt, dass er Reißaus nahm und wohl Zeitlebens an mich denken wird.

Als ich ins Schiff zurückkam, standen sechs Matrosen vor mir, die sagten, sie hätten keine Kraft mehr zum Rudern.

„Kerle, schrie ich, rudert gleich aus Leibeskräften, oder ich fresse euch auf der Stelle!“

Sie erwiderten: „Herr, wir können nicht mehr!“ – Was ich einmal sage oder drohe, das geschieht gewiss. Ich verschlang sie also Alle auf einmal, und trank zwei Tonnen Schnaps darauf in zwei Zügen aus, die wir ohnehin hätten über Bord werfen müssen, weil das Schiff schon längst leck war und zu sinken drohte.

Darauf fühlte ich eine ungeheure Kraft in mir. Einige hundert Blitze, die in unser Schiff einschlugen, fing ich mit meinem Degen oder Feuerstahle auf, und lenkte sie durch eine sehr rasche Wendung der Hand alle ins Wasser. Weil Blitz auf Blitz niederfiel, so war es so hell, dass ich den größten Kirchturm in Hamburg erkennen konnte. Zufälli|[129]ger- oder glücklicherweise hatten wir ein mehrere Meilen langes Seil auf unserm Schiffe; an dessen Ende knüpfte ich eine Schlinge, und die warf ich nach der Spitze des Hamburger Kirchturms aus. Die Sache fehlte sich nicht. Der Wind war zwar konträr, und wir wären ohne ein künstliches Auskunftsmittel nicht von der Stelle gekommen. Aber man muss sich nur zu helfen wissen. Ich befahl gleich zweihundert Matrosen, zehn Tonnen voll Zwiebeln zu essen, und sich dann in Reihe und Schlachtordnung gegen den konträren Wind aufzustellen. Das Mittel wirkte vortrefflich, ob es gleich mit einem pestilenzialischen Geruch verbunden war. Eine schwächere Kraft weicht immer der stärkeren. Die Matrosen drückten und pressten sich von allen Seiten, und brachten dadurch den günstigsten Wind zuwege; und da noch dazu unser Schiff am Hauptkirchturm zu Hamburg angebunden war, so gelangten wir durch dieses Manöver glücklich in den Hafen.

Ich wandte mich sogleich nach dem ersten Hotel, wo ich aber auch sogleich bei meinem Eintritt schreckliche Zahnschmerzen empfand. Da ich zufällig noch von Triest her ein Dutzend Patronen bei mir hatte, um hohle Zähne zu sprengen, so nahm ich sechs davon, ehe ich mich an der Table dʼhôte niedersetzte, und zündete sie mit Schwamm an.

Da flog dann aus jedem hohlen Zahn einer von den sechs Matrosen heraus, die ich in der Angst bei dem Gewitter klar zu kauen vergessen hatte. Sie baten mich alle um Verzeihung, dass sie sich die Frei|[130]heit genommen hätten, in meinen hohlen Zähnen ein paar Stunden zu schlafen; und weil ich gut gelaunt war, so vergab ich ihnen ihren Fehler auch, und lud sie alle im Kreis um einen runden Tisch um mich herum,. wo wir, weil wir etwas abgemattet und schläfrig waren, für diesmal nur etliche zwanzig Gerichte aßen und bloß etwa zehntausend Bouteillen Rhein-, Port-, Zypern-Wein, und darauf noch bloß ein paar hundert Flaschen Champagner tranken.

 

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Dutzend Aposteln: Matthias ist der einzige Apostel, der auf deutschem Boden begraben liegt. Er wird auch als der dreizehnte Apostel bezeichnet – wegen Judas, der Jesus verraten hatte. Am 24. Februar ist sein kirchlicher Festtag.

Viel weiß die Bibel nicht über ihn zu berichten und doch ist Matthias gerade für Christen in Deutschland ein besonderer Heiliger. Ist es doch der einzige Apostel, der nördlich der Alpen begraben ist und zwar in Trier. Auf Da Vincis berühmtem Wandgemälde "Das Abendmahl" wird man Matthias übrigens vergeblich suchen. Denn auch wenn er zu den engsten Begleitern Jesu gehörte und dem Kreis der Apostel gut bekannt war, zählte er zunächst nicht dazu.

Matthias Berufung, von der die Apostelgeschichte (Apg 1,15-26) erzählt, ist untrennbar mit dem wohl größten Verrat der Geschichte verbunden. Für ein Säckchen voller Silberlinge hatte der Apostel Judas Ischariot Jesus an die Hohepriester verkauft. Als dieser zum Tode verurteilt wurde, bereute Judas seine Tat und warf er den Hohepriestern das Geld vor die Füße. Später erhängte er sich. (MT 27, 6-8) Es blieben elf Apostel zurück.

Um den Kreis der zwölf wieder zu vervollständigen, rief Petrus nach der Himmelfahrt Christi den Apostelrat zusammen. Gemeinsam nominierten sie Joseph Barsabbas und Matthias, zwei Jünger, die zu den engsten Weggefährten Jesu zählten und beteten: "Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war." (Apg 1,24-25). Das Los fiel auf Matthias.

Warum aber wird er häufig als dreizehnter Apostel bezeichnet? Es gibt einen Streit der Gelehrten, ob Matthias nach christlicher Überlieferung tatsächlich der von Gott vorgesehene zwölfte Apostel ist oder ob Paulus von Tarsus die Gruppe vollendet hat. Paulus, der Christenverfolger, der nach einer Erscheinung Jesu zum wohl erfolgreichsten Missionar des Urchristentums wurde, nannte sich selbst Apostel der Heiden und Apostel der Völker. Und während die Paulusbriefe Bestandteil des neuen Testaments sind, taucht der Name Matthias nach seiner Wahl nicht wieder auf.

Janina Mogendorf; https://www.katholisch.de/artikel/4523-der-dreizehnte-apostel

Kirchturm in Hamburg: Die Hauptkirche St. Nikolai am Hamburger Hopfenmarkt wurde 1195 begründet. Ihren dritten Turm erhielt die Nikolaikirche 1657 nach den Plänen des Architekten Peter Marquardt aus Plauen. Das 122 Meter hohe Bauwerk prägte mit drei übereinandergestellten Hauben und einer geschlossenen sowie einer offenen Laterne knapp 200 Jahre die Stadtsilhouette.

 

HAMBVRCH EIN VORNẼLICHE HAN[SE] STAT // Hamburga, Florentissimum inferioris Saxoni⸗æ emporium, Anglorum frequẽtatione hoc tẽ⸗pore celeberrimum A° Dñi: M.D.LXXII; kolorierter Kupferstich in Braun-Hogenberg 1572.

Table dʼhôte: Begriff, der in der Gastronomie verwendet wird, um eine kleine, feste Karte zu beschreiben, die ein Menü anbietet, in dem kaum Abweichungen möglich sind. Der Preis dafür ist fix. (Wikipedia)