„Ich will keinen Negerkuß!“

 

Auf einem Pariser Flohmarkt fand ich im Sommer 2017 ein paar Schokoladen-Sammelbilder, auf denen Neger abgebildet sind. Ihr Anblick löste folgende Überlegungen aus:

 

 

 

Negerküsse? – Postkarten-Werbung der Enzym-Kugeletten Pharma

 

Was mag dieses Mädchen auf einer Werbung für ein Schokoladengebäck wohl denken? Vielleicht: „Ich will keinen Negerkuß!“ Ja, so schrieb man „Kuss“ damals, als es noch politically correct war, von Mohrenköpfen und Negerküssen zu sprechen.

 

    

links ein gewöhnlicher Negerkuß, rechts in einer politisch inkorrekten Nachbarschaft (lachschon.de)

 

Heute ist das anders; selbstgerechte Zeitgenossen haben den Negerkuß in „Schaumkuss“ umbenannt. Und zu der Konditorware darf man in Deutschland nicht mehr Mohrenkopf sagen, sonst wird man des Rassismus verdächtigt. Die Bezeichnung „Mohrenkopf“ ist eine Übersetzung des französischen Tête de Nègre und seit 1892 belegt. Es handelt sich um ein gefülltes und mit Schokolade überzogenes Biskuit-Gebäck.

 

   

Ein gewöhnlicher Mohrenkopf und eine unkorrekte (?) Karneval-Version aus Münster. Man beachte die Knochen auf der Halskrause!

 

Ein Negerkuß pardon, ein Schokokuss ist eine Süßigkeit aus weichem Schaumzucker, der auf eine Waffel dressiert und mit Schokolade oder Fettglasur überzogen wird.

Diese Umbenennung ging nicht ganz ohne Selbstironie vonstatten, wie folgender Karton belegt.

 

 

WTT (Wenner Technologies Trading) 2016 für kurze Zeit in ausgewählten Supermärkten für 3,99

 

Nach dem Grimmschen Wörterbuch wurde der Begriff „neger, m. der schwarze, der mohr, aus franz. négre (lat. niger), erst im 18. jahrh. entlehnt“. Angeblich geht das Wort nicht auf die Wahrnehmung natürlicher Unterschiede zurück, „sondern ist vor dem Hintergrund von Kolonialismus und neuzeitlicher Sklaverei entstanden“ (Wulf D. Hund: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1999). Der Begriff soll nach dieser Lesart erst in Texten des 17. Jahrhunderts begrenzt Verwendung gefunden und sich im 18. Jahrhundert gleichzeitig mit der Etablierung von Rassentheorien eingebürgert haben. Dieser These mag jeder mit der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts nur halbwegs Vertraute müde belächeln.

Wie absurd die Reinwaschung der Neger verlief, zeigt die Kontroverse um Kinderbücher, die im Stichwort „Neger“ bei Wikipedia so dargestellt wird (man kann übrigens noch ergänzen, dass auch Michael Endes „Jim Knopf“ als Negerbaby nach Lummerland geschickt wurde):

Zu Beginn des Jahres 2013 fokussierte sich die Debatte auf die Frage, ob man den Ausdruck „Neger“ in literarischen Texten (insbesondere Kinderbuchklassikern von Otfried Preußler, Erich Kästner und in deutschen Übersetzungen von Astrid Lindgren) durch andere Begriffe ersetzen solle. Anlass war die Entscheidung des Thienemann Verlags, „Neger“ und andere möglicherweise diskriminierende Wörter in Preußlers Buch Die kleine Hexe vorbeugend zu ersetzen. Der Verlag Friedrich Oetinger hatte bereits wenige Jahre zuvor in Pippi Langstrumpf „Negerkönig“ als Bezeichnung ihres Vaters als ‚König der Neger‘ in Taka-Tuka-Land durch „Südseekönig“ ersetzt.

 

Mohren und Neger haben in der Schokoladenindustrie für Werbezwecke immer eine große Rolle gespielt. Man kann rückblickend zwei Typen von Neger-Darstellungen unterscheiden, den „wilden“ Neger und den „süßen“ Mohren.

 

      

Hier drei Werbebilder der 1856 gegründeten Société Anonyme des Fabriques de Chocolat et Confiserie Klaus mit zwei Fabriken in Le Locle, Schweiz, und Morteau, Frankreich.

 

Die Sammelbilder zeigen den Typus des „Wilden“, hier dunkelhäutige Gestalten in abgerissenen Kleidern, die wohl Schausteller darstellen sollen. Es handelt sich bei solchen Abbildungen um eine beabsichtigte Diskriminierung der Neger.

 

Ganz anders wirkt die Mohren-Darstellung auf den Produkten der deutschen Schokoladenmarke Sarotti, die seit 1998 im Besitz der Stollwerck GmbH in Köln ist, die wiederum selbst 2002 von der Barry Callebaut GmbH übernommen und 2011 an die belgische Unternehmensgruppe Baronie verkauft wurde.

Heinrich Ludwig Neumann eröffnete 1852 in Berlin in der Friedrichstraße die „Confiseur-Waaren-Handlung Felix & Sarotti“ und verkaufte größtenteils importierte Konditorwaren aus Paris.

 

 

Die Wortmarke Sarotti wurde 1894 angemeldet. In den Folgejahren expandierte das Unternehmen weiter. 1918, im Jahr des 50. Firmenjubiläums, tauchte der Mohr als Markenfigur zum ersten Mal auf, und zwar auf Verpackungen in Gestalt von drei Mohren mit Tablett.

Der Sarotti-Mohr wurde in den 1960er Jahren durch Fernsehspots zu einer populären Werbefigur, mit der die Marke bis heute verbunden wird. Er wurde oft kritisiert, da manche in der Figur des Dieners rassistische Stereotype sahen. 2004 hat die Firma den Sarotti-Mohren durch einen „Sarotti-Magier der Sinne“ ersetzt. Statt eines Tabletts in der Hand wirft die Figur auf einer goldenen Mondsichel Sterne in die Luft, außerdem hat der Magier eine goldene Hautfarbe.

 

Im Jahre 2004 wurde der Mohr rein gewaschen

 

 

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