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Theodor Storm wartet auf die Eisenbahn

 

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben; wer zu spät zum Bahnhof kommt, verpasst den Zug und kann bloß noch die Schlusslaterne sehen. Wie ist es aber, wenn man zu früh kommt? Und zwar so früh, dass gar kein Zug einlaufen kann, da die Bahnlinie noch nicht gebaut ist? – Theodor Storm ist es mehrmals so ergangen.

Reisen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts recht beschwerlich. Wie es zur Postkutschenzeit zuging, hat uns Storm in einem seiner autobiographischen Texte „Aus der Jugendzeit“ (LL 4, S. 432) geschildert:

[…] nach Flensburg mahlten die Wagenräder viele Stunden lang im tiefsten Sande und ich fühle noch den träumerischen Zustand, wenn ich mit meinem Vater in der sogenannten Chaise saß, welche langsam in den knarrenden Riemen schaukelte, und der Kutscher, damit doch etwas andres hörbar sei, einmal durch die Luft klatschte und mit einem »Hopp« Jann und Liese, unsre beiden schwarzen Pferde, antrieb.

 

Ein Holsteiner Wagen mit Lederverdeck kurz vor Husum. Ölgemälde von Albert Johannsen, um 1806.

 

Aber die Zeiten ändern sich und die Verkehrswege wurden allmählich verbessert. Wenn der Jurastudent Storm in den Jahren um 1840 zu seinen Verwandten und Freunden nach Altona und Hamburg reisen wollte, brauchte er mit dem Eilpostwagen auf der neu erbauten Chaussee von Kiel über Neumünster, Bad Bramstedt und Quickborn nur noch knapp 12 Stunden und die Fahrt kostete 10 Mark und 2 Schillinge.

 

Dänische Post, Ölgemälde von Johann Wilhelm Cordes, um 1850 (Museum Behnhaus Drägerhaus, Lübeck)

 

Als am 18. September 1844 anlässlich des 58. Geburtstags des dänischen Monarchen die 105 km lange Strecke der „König Christian des Achten Ostseebahn“ eröffnet wurde, war Storm schon wieder nach Husum zurückgekehrt und konnte nicht mehr von der Neuerung profitieren. Jetzt dauerte die Fahrt von Altona nach Kiel nur noch zweieinhalb Stunden und kostete in der dritten Klasse bloß 2,50 Mark.

 

Ein Zug von Altona fährt auf die Kieler Förde zu. Kolorierter Doppeltondruck von Wilhelm Heuer, um 1855.

 

In Husum verlobte sich inzwischen ein junger Advokat mit seiner Kusine, aber die Väter beschlossen, die Liebenden sollten bis zur Trauung zwei Jahre warten. Also mussten die beiden längere Zeit getrennt voneinander leben: Theodor in Husum und Constanze in Segeberg. Eine aus heutiger Sicht geringe Entfernung, 130 km und mit dem PKW in einer Stunde und vierzig Minuten bequem zu erreichen. Aber zu Storms Zeiten sah das anders aus. Der verliebte Dichter musste zunächst mit der Kutsche ins südlich von Husum gelegene Friedrichstadt fahren, wo er ein Dampfboot besteigen konnte, das ihn die Eider aufwärts bis nach Rendsburg brachte. Wie das zuging, hat er uns in seinen Erinnerungen anschaulich beschrieben:

[…] nach dem benachbarten Friedrichstadt, der sauberen Treenestadt, wo mir ein Onkel wohnte, fuhren wir in trockner Sommerzeit auf dem Marschboden, wie auf einer ebenen Diele; in der Regenzeit und im Wintertauwetter war es um so schlimmer, statt der sonst anderthalb Stunden kam man unter vier Stunden nicht zur Stelle, Schritt für Schritt ging es, die Pferde traten tief in den durchweichten Boden und zogen schwer ihre Hufen aus der sich um dieselben ansaugenden fetten Tonerde; erzählt wurde dabei gewöhnlich, daß schon Pferde den Fuß nackt, ohne die hornene Hufbedeckung wieder heraus gezogen hätten.

 

Unbefestigte Landstraße an der Schleswig-Holsteinischen Westküste.

 

In Rendsburg wurde zumeist im Hotel „Zum Prinzen“ am Schlosspark übernachtet. Am nächsten Morgen ging es dann mit der im September 1845 eröffneten Eisenbahnlinie nach Neumünster, wo wieder die Postkutsche bestiegen werden musste, um über Rickling nach Segeberg zu gelangen.

 

König Frederik VII- Süd-Schleswigsche Eisenbahn; Fahrplan 1854.

 

Da kann man sich lebhaft vorstellen, wie sehr sich die Husumer Bürger danach sehnten, dass endlich auch die bedeutendste Stadt an der schleswig-holsteinischen Westküste an das seit den 1840er Jahren entstehende Eisenbahnnetz angeschlossen wurde. Als es dann am 4. Oktober 1854 endlich so weit war und die Eisenbahnlinie Flensburg – Ohrstedt – Husum – Tönning eröffnet wurde, lebte Storm bereits seit mehr als einem Jahr im preußischen Exil. So konnte er von der „Frederik VII. Südschleswigschen Eisenbahn“ zunächst nicht profitieren und musste damit zufrieden sein, dass ihn das neue Verkehrsmittel zumindest von seinem Wohnort Potsdam schnell und bequem in einer halben Stunde nach Berlin transportierte, wo er sich regelmäßig mit seinen Freuden vom „Tunnel über der Spree“ traf.

 

Eine Lokomotive verlässt Flensburg in Richtung Husum.

 

Seit 1856 konnte man von Ohrstedt mit dem Zug nach Rendsburg fahren und gelangte von dort über Neumünster und Elmshorn nach Altona. Damit begann auch für die Familie Storm bei Reisen von Heiligenstadt in die Heimat das Eisenbahnzeitalter. Umständlich blieb es allemal. Da Altona zum Königreich Dänemark gehörte, war dort auch das schleswig-holsteinische Eisenbahnnetz zu Ende; erst 1866 wurde die Verbindungsbahn nach Hamburg eröffnet. Allerdings hielten die von Altona kommenden Züge im Bahnhof Klostertor; Reisende konnten erst im alten Berliner Bahnhof in den Zug nach Deutschland steigen. Im Jahre 1870 ersetzte dann der Neubau des Hamburger Hauptbahnhofs die beiden alten Stationen.

Storm hat zwar keinen Eisenbahngeschichten geschrieben, aber in seinen 1873 verfassten Erinnerungen „Von heutʼ und ehedem“ (LL 4, S. 186-217) schildert er ein Ereignis, das seine Frau Constanze während einer Eisenbahnfahrt zuließ.

Bei einer solchen Heimatsreise vermochte sie einst auf einem größeren Bahnhofe das verlassene Coupé nicht wiederzufinden, und irrte, nur von einer Magd begleitet, mit ihrer Kinderschar auf dem weiten Perron umher, als ein junger Offizier sich zu ihnen fand und mit gutmütiger Höflichkeit ihr seine Hülfe anbot. Sie nahm das dankend an; als sie jedoch bemerkte, daß er sein Augenmerk nur auf die zweite Wagenklasse richtete, wandte sie sich gegen ihren höflichen Begleiter und sagte: »Wir fahren dritter Klasse!«

Auf dieses Wort hin sah sie zu ihrem Erstaunen den jungen Mann spurlos und auf Nimmerwiederkehr im Gewühl verschwinden; und erst später kam es ihr zum Bewußtsein, daß es denn doch wohl gegen die Standesehre sein müsse, im Dienste einer Frau gesehen zu werden, welche dritter Klasse fuhr.

 

Aquarell von Christian N. Schnittgar, um 1860.

 

Auch Theodor nutzte die Errungenschaften der neuen Technik mehrfach, da er ja nur deshalb aus seiner Heimat fortgezogen war, weil er nach der gescheiterten Schleswig-Holsteinischen Erhebung nicht weiter als Advokat im Dänischen Gesamtstaat arbeiten durfte. Reisen in die Heimat waren ihm dagegen nicht verwehrt. Und so konnte er nun sicher im Urlaub durch die Südermarsch schaukeln lassen, nachdem er in Husum den Zug im „Englischen Bahnhof“ bestiegen hatte:

Unser Freund, der kleine muntere Bahnhofsinspektor, ging neben mir auf dem Perron. »Besorgen Sie den Herrschaften einen guten Platz!« rief er mit einer seiner resoluten Handbewegungen; und der Schaffner, an den diese Worte gerichtet waren, schlug eine Tür des hintersten Wagens auf. »Hier«, sagte er; »es schaukelt nur ein wenig.«

 

Ansicht von Husum im Jahre 1862 von Süden. Kolorierte Federzeichnung von Julius Grelstorff.

 

Als die Storms 1864 in ihre Heimatstadt zurückkehrten, hatte der Aufbau des Eisenbahnnetzes bereits gewaltige Fortschritte gemacht und wurde 1871 nach der Gründung des Deutschen Reiches überall forciert. Nun konnten sie ihre größeren Reisen weitgehend mit der Eisenbahn unternehmen. Storm reise zum Beispiel 1865 zu Iwan Turgenjew nach Baden-Baden, 1872 nach Salzburg zu Alexander Schindler, 1884 zu Theodor Fontane nach Berlin und 1886 nach Weimar zur Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft. Diese Reisen waren immer zeitaufwändige Angelegenheiten, da der Dichter mehrere Orte besuchte und auch Abstecher unternahm.

 

Die neue Lombardsbrücke in Hamburg. Kolorierter Doppeltondruck von Wilhelm Heuer, 1867.

 

Einmal übernachtete er sogar in einem Bahnhof. Das war vom 2. auf den 3. September 1865, als er seine Fahrt nach Baden-Baden unterbrach, um die attraktive Schriftstellerin Elise Polko (1823-1899) zu besuchen. Sie war mit dem Ingenieur und Betriebsdirektor bei der Köln-Mindener Eisenbahn, Eduard Polko, verheiratet und wohnte in der ersten Etage des Mindener Hauptbahnhofs. Mehr als eine Seelenverwandtschaft, die in der gemeinsamen Liebe zur Poesie gründete, entwickelte sich in der nüchternen Atmosphäre moderner Technik zwischen den beiden allerdings nicht.

Die Eisenbahn war sogar einer der Gründe dafür, dass Storm im Jahre 1880 Husum verließ und sich mit seiner Familie in Hademarschen niederließ, wo sein Bruder Johannes einen großen Holzhandel betrieb. Denn nachdem 1877 die Strecke Heide-Neumünster eingeweiht worden war, die zwischen den Dörfern Hademarschen und Hanerau hindurchführte, erhoffte sich Storm regelmäßige Besuche von Freunden aus Mittel- und Süddeutschland, die sein neues Domizil mit der Eisenbahn bequem erreichen konnten, denn die neue Station „vor der Thür“ lag näher an Kiel und Hamburg als an Husum. Ganz begeistert schrieb er Mitte August an seinen Freund Erich Schmidt: „Ich gehe von hier mit dem Festzuge der neu eröffneten Eisenbahn, die mein Bruder wesentlich mit in’s Leben gerufen hat; eigentlich fahre ich nicht gerne so mit den ersten Zügen; es ist Alles noch nicht fest.“ (Br. Schmidt 1, S. 53)

 

Das Eisenbahnnetz in Schleswig-Holstein 1870.

 

Es blieb aber bei seltenen Stippvisiten entfernt wohnender Freunde, denn trotz des mittlerweile fortgeschrittenen Ausbaus des Eisenbahnetzes blieb das Reisen eine zeitraubende, anstrengende und teure Angelegenheit. Lediglich die Besuche bei Freunden in Heide wurden nun für die Storms einfacher. Auch konnte man mit der „Westholsteinischen Eisenbahn-Gesellschaft“ von Heide über Weddinghusen nach Carolingenkoog fahren, von wo aus seit 1886 eine Dampf-Fähre die Reisenden über die Eider setzte. In Tönning brauchten die Storms dann bloß noch in den Zug nach Husum zu steigen.

1886 entschloss sich der mittlerweile berühmte Dichter, der Einladung Erich Schmidts zu folgen, der die Leitung des Goethe-Archivs in Weimar übernommen hatte, und reiste zur ersten Jahresversammlung der neu gegründeten Goethe-Gesellschaft. An Ferdinand Tönnies, der ihn begleiten sollte, schickte er am 20. April einen detaillierten Reiseplan mit allen Zugverbindungen, die er sich aus dem aktuellen Taschenfahrplan herausgeschrieben hatte.

Und so sollte die Reise verlaufen: Die Abfahrt von Hademarschen war für Donnerstag, den 29. April nachmittags um viertel nach zwei geplant; man wollte in Hamburg übernachten und am 30. April um halb neun über Lehrte, Braunschweig, Börsum, Seesen nach Herzberg fahren, wo auf den 1. Mai noch einmal übernachtet werden musste, dann sollte es um halb zehn über Nordhausen, Sondershausen und Erfurt nach Weimar weiter gehen, wo man nachmittags um halb drei einzutreffen hoffte. Die Reise dauerte also zwei volle Tage und Storm musste mit Tönnies neunmal umsteigen. Wer heute um 13 Uhr in Hademarschen in den Bus nach Itzehoe steigt, gelangt nach dreimaligem Umsteigen noch am selben Abend kurz nach 20 Uhr an sein Ziel.

Im Frühsommer 1887 plante Storm, mit seiner Tochter Lucie nach Sylt zu reisen. Zuvor jedoch verbrachte er eine längere Zeit in Husum, wo ihn sein zweitältester Sohn mit einer Kutsche vom Bahnhof abholte. Während der nächsten Tage fand er Zeit, die Reise nach Sylt vorzubereiten, die man recht bequem mit dem Schiff unternehmen konnte. Allerdings musste man damals noch in Wyk auf Föhr übernachten.

Und noch einmal war Storm bereits da, aber die Eisenbahn ließ wegen Verzögerungen der Bauarbeiten auf sich warten. Mittlerweile hatte man nämlich die so genannte Marschbahn in Angriff genommen, mit der die gesamte Westküste der Provinzen Schleswig und Holstein für den Güter- und Personenverkehr erschlossen werden sollte, und die Husumer hofften, schon Anfang August die neue Verbindung nutzen zu können.

Die Marschbahn ging aus der Glückstadt-Elmshorner Eisenbahn-Gesellschaft hervor, die kurz nach der Inbetriebnahme der Strecke Altona-Kiel im Jahre 1844 eine Bahnlinie von Elmshorn nach Glückstadt gebaut hatte. 1857 erfolgte eine Verlängerung bis an die Stör vor Itzehoe, 1878 wurde der Fluss mittels einer Drehbrücke gequert und die Strecke bis Heide zum Bahnhof der Bahnstrecke Neumünster-Heide verlängert.

1886 begann der Weiterbau der Strecke, am 1. September wurde Lunden erreicht. Dann aber verzögerten sich die Arbeiten beim Bau der Eiderbrücke bei Friedrichstadt, so dass die Strecke bis Husum und weiter über Niebüll nach Tondern noch nicht befahren werden konnte, als Storm seine Syltreise in Angriff nahm.

 

Bahnhof Friedrichstadt an der Eider 1887.

 

Allerdings gab es bereits vor Eröffnung der neuen Strecke die Möglichkeit, in einem Tag, also ohne die lästige Übernachtung auf Föhr, Sylt zu erreichen, und zwar mit der alten Südschleswigschen Eisenbahnlinie Tönning-Flensburg, deren Streckenführung man inzwischen mehrfach verändert hatte und die nach Jütland hinauf verlängert worden war. So konnte Storm Anfang August 1887 im alten Husumer Bahnhof gemeinsam mit seiner Tochter und mit Ferdinand Tönnies ein Coupé besteigen und über Jübeck, Flensburg und Tingleff nach Tondern fahren, von wo aus die Reise nach Westerland per Kutsche und Dampfschiff fortgesetzt wurde.

Als die Marschbahn am 17. Oktober 1887 bis Bredstedt und am 15. November 1887 bis Niebüll eröffnet wurde, war der Dichter längst wieder auf dem gleichen Wege in sein Haus nach Hademarschen zurückgekehrt, wo er am 14. September seinen 70. Geburtstag feierte.

 

Eisb4

Ein Reisezug passiert die eingleisige Drehbrücke über den Husumer Hafen 1887.

 

Anfang 1888 wurde die Marschbahn von Niebüll weiter nach Norden über Tondern mit einer Anschlussbahn nach Hoyer-Schleuse (mit Fähranschluss nach Sylt) fertig gestellt, aber Storm nutzte die neue Verbindung lediglich, um zur traditionellen Winterreise von Heide nach Husum zu fahren.

Noch letztes Mal wurde der Dichter mit der Eisenbahn in seine Heimatstadt transportiert. Storm starb in Hademarschen am 4. Juli 1888. Am 7. Juli wurde sein Leichnam (nach einem Bericht seiner Tochter Gertrud) in einem mit Blumen und Tannegrün geschmückten Sarg nach Husum überführt, wo er um 4 Uhr nachmittags auf dem neuen Marschbahnhof eintraf und danach unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem St. Jürgenfriedhof in die Storm-Woldsen'sche Familiengruft hinabgesenkt wurde.

 

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