„Mit Schindlers fliegendem Gespann geht’s täglich in diese wunderbare Gegend hinaus“

 

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Hier leb ich denn wie Gott in Frankreich, nur ist mir Kost u. Wein gar zu reichlich, ich bin nicht geschaffen, mich in’s Schlaraffenland hinein zu essen; mit Schindler’s fliegendem Gespann (5 Luxuspferde stehen im Stall) geht’s täglich in die Stadt oder in diese wunderbare Gegend hinaus: zum Paß Lueg nach Gollingen zum Königssee, den wir ganz befahren haben bis zum Obersee, nach Reichenhall, nach dem alten Schlößchen „Hellbronn“, das mit seinen Wasserspielereien und Puppenmechaniken wie eine halb verschollene Sage daliegt und Gott weiß, wohin noch. Viel gesunder komme ich wohl nicht nach Haus, aber viel reicher (leider nur an Anschauungen) jedenfalls.

Theodor Storm an Sohn Ernst, Brief vom 16. 8.1872.

 

Da winkt vor Allem die Besteigung des Kapuzinerbergs. Uns lockt es weit darüber hinaus in den grünen Buchenwald, hinauf zu den herrlichen Aussichtspunkten des mauerumgürteten Bergs. Auf vorspringender Felsterasse, wohin der links abgehende Pfad uns leitet, öffnet sich die Aussicht nach Bayern. Tief unten rauscht der Fluss in schönen Curven durch den grünen Plan und um seine Ufer reihen sich die Vorstädte Mülln und Mirabell, letztere mit den rationierten Umwallungen aus der Zeit des dreißigjährigen Kriegs, erstere mit dem blitzenden Turm des Klosters der Augustiner. Villen und Gärten sind zwanglos umbergebreitet und ziehen sich bis zu dem Schienengeleise hin, das den Osten Europas mit dem meerumspülten fernen Westen verknüpft. Aber das Bild volkreichen betriebsamen Lebens reiht sich um den stillen Friedhof St. Sebastian und die Glocken der Stadt läuten darein, wir wissen nicht, weckt ihr summender Klang frohe Hoffnungen in einer Menschenbrust oder Gefühle tiefer Trauer. Über den waldigen Rücken des Mönchsbergs hin steigen die Höhen des fernen Theissenbergs bis zum Zwiesel auf, zur Rechten die Rücken des Haunsbergs und des präalpinen Vorlands. Zwischen beiden breiten sich die Walser Felder, das Terrain, wo nach dem schweren Tag von Hohenlinden das siegende Frankreich die Banner Östreichs schlug und die weiten Schneegefilde blutig färbte. Anders zeigt sich das Bild, wenn wir höher steigend dem Pfad zur Rechten folgen, der uns zur Stadtaussicht führt. Das ist eine wunderbare Scenerie, die sich hier dem Auge erschließt! Soll ich sie malen? Worte sagen immer zu viel und zu wenig. Um ihr ungelenkes dürres Gerippe schlingt die Phantasiesogleich ihre Blütenranken, und umwebt sie mit einem Gebilde, das der Wirklichkeit nicht entspricht. Sie greifen der Empfindung vor und scheinen nicht zu erfüllen, was sie versprochen, und doch bleiben sie weit hinter der Erscheinung zurück.

Adolph Bühler: Bad Reichenhall und seine Umgebungen. Reichenhall, achte Aufl. 1869, S. 103f.

 

 

In der rauschenden Salzach spiegelt sich die langen Häuserreihen der Stadt mit ihren flachen südlichen Dächern bis an die dunkle Felswand des Mönchsbergs hinan kletternd, und vielgestaltig wie der Geist der Zeit, die sie schuf, heben sich daraus die Kuppeln und Türme der geistlichen Hauptstadt gruppenweise empor, in wunderbarer Harmonie der Formen und Farben. Dahinter ragt, stolz und schön über der Felseninsel des Mönchsbergs sich aufbauend, die zinnengekrönte Akropolis auf mit ihren Türmen und Warten, im reichen Laubschmuck hundertjähriger Bäume, übergossen von violettem Duft, durch den die Sonne goldene Lichter wirft, und fern im Hintergrund der Ebene schaut das sagengekrönte Felsenhaupt des Untersbergs aus den Wolken herab, strecken der Göhl und die hohe Tänn ihre gigantischen Glieder bis hinüber in die Täler des Pinzgau, öffnet sich die Talbucht Reichenhalls im Kranz ihrer fernen hochragenden Gipfel.

 

 

Ein Weg von wenigen Minuten bringt uns von hier zum Franciscischlösschen auf die Kuppe des Bergs. Auch dort erwarten uns Aussichtspunkte, aber sie sind anders geartet. Sie führen das Auge hier in die kontemplative Einsamkeit der Berge, dort in die Wellengebilde schwellender Hügelländer und dort in das reiche Flusstal der Salzach. Erzbischof Paris scheint sich das bescheidene Waldschlösschen erbaut zu haben um manchmal den Anblick seiner geliebten Salzburger entbehren und in beschaulicher Einsamkeit Stunden ungetrübter Muße verleben zu können.

Adolph Bühler: Bad Reichenhall und seine Umgebungen. Reichenhall, achte Aufl. 1869, S. 104-106

 

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