Reichenhall

Kolorierter Holzstich
Gemeinsam mit Schindler besuchte Storm auch die traditionsreiche
Salinen- und Brunnenstadt Reichenhall. Das nach dem verheerenden Brand, der im
Jahr 1834 Reichenhall zerstörte, wieder aufgebaute Solebad zu Füßen der
Berchtesgadener Alpen, umgeben von Untersberg, Hochstaufen und Predigtstuhl,
liegt eingebettet im Flußtal der Saalach, einem der reizvollsten nordalpinen
Täler. Das junge Heilbad im Saalachtal hat der Novellist, von erinnerten
Streifzügen durch das Berchtesgadener Land im August 1872 angeregt, als
zentralen Ort der Bekenntnis-Novelle literarisiert: Die Rahmenerzählung hat
Storm auf die Brunnenstadt Reichenhall und ihre alpenländische Umgebung
konzentriert, sodass der Kurort (z. B. der Kurgarten als Forum
gesellschaftlicher Begegnung und Unterhaltung, das Kurhotel, die bürgerliche
Pension, das Logis als Privatsphäre und zentralem Erzählraum) als poetisierte
Realität authentischen Erzählens interpretiert werden kann. Die novellistisch
präsente Brunnenstadt Reichenhall ist daher als topografische Realität und
darüber hinaus als Symbol einer alpenländischen Kurstadt ästhetisch bedeutsam,
wodurch die Ästhetisierung von sozialer Empirie gewahrt bleibt, die Storms
spezifisch realistische Erzählperspektiven erst ermöglicht.
Walter Zimorski: Storms Streifzüge durch das Salzburger- und
Berchtesgadener Land im August 1872. In: Theodor Storm. Ein Bekenntnis. Text und
Materialien. Herausgegeben von Walter Zimorski. Schleswig 2004, S. 126ff.
Die Poststraße von Salzburg nach (4 St.) Reichenhall führt durch die Vorstadt Mülln über das Dörfchen Maxglan nach (2 St.) Berg, österreichische Maut; dann über den Walserberg nach Schwarzbach (links am Abhang Marzoll, das röm. Marciola, Weissbach und über St. Zeno nach Reichenhall.

Reichenhall (479m.), besuchter Badeort, nach dem Brand von 1834 neu aufgebaut, an der Saale oder Saalach, sehr malerisch nach drei Seiten von einem schönen Bergkranz umgeben, dem Untersberg (1950 m.), Lattenberg (Dreisesselkopf, 1778 m.), Müllnerhorn (1361 m.) und Hochstauffen (1813 m.), Vereinigungspunkt für die vier, durch gewaltige Soolenleitungen (10 Meilen lang) mit einander verbundenen bayrischen Salinen. Hierher wird der Überfluss der Berchtesgadener Soole geleitet, von hier werden Traunstein und Rosenheim mit Soole versorgt. Die großen Salinengebäude am Marktplatz, nach dem Brande von 1834 von Ohlm 1836-1851 neu erbaut, umfassen rechts die Administrationsgebäude, links vier Sudhäuser, gegenüber das stattliche Hauptbrunnhaus. In letzterm, 2. Tür erhält man Karten (24 kr.) zum Besuch des Quellhauses und der Sudhäuser. Die Salzquellen (14) entspringen etwa 15 m. unter der Erde. 72 Stufen führen hinab; die Soole wird durch Druckwerke heraufgepumpt; ein Teil ist so salzhaltig (24%), dass sie gleich versotten wird. Die Soole aus den 10 weniger salzreichen Quellen wird auf die Gradirhäuser geleitet und speist auch den Soolsprudel im Gradirpark. Ein ½ Stock hoher Stollen führt die süßen Grundwasser zur Saalach. Oben im Brunnhaus das colossale Rad, welches die Druckwerke treibt. 2 Treppen hoch die Kapelle im byzantinischem Stil mit neuen Glasbildern. Im Hof 2 Süßwasser-Springbrunnen mit den Statuen der Bischöfe St. Virgil und St. Rupertus.
Mittelpunkt des Badelehens ist das Kurhaus Achselmannstein; im Kurgarten täglich 6-8 Morgens und 5-7 Abends Musik (Dienstag und Freitag in Kirchberg). Von der Anhöhe hinter dem Kurgarten guter Überblick der Stadt, links das alte Schloss Gruttenstein, am westlichen Talende Schloss Karlstein u, die Pancrazcapelle.
Dem Curhaus gegenüber die Gradirhäuser, zu Inhalationszwecken benutzt; zu beiden Seiten der Gradirpark mit neuen Anlagen und dem 12m. hoch springenden Soolsprudel.
Süd-Deutschland und Österreich. Handbuch für Reisende von K. Bædeker. Coblenz 1872.

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Eines Cicerone bedarf der durchpassierende Fremde in Reichenhall nicht. Die Zahl der historischen Denkmale, archäologischen Merkwürdigkeiten und antiquarischen Kuriositäten ist nicht groß. Von allgemeinem Interessesind dagegen außer der fesselnden Landschaft, welche sich dem Beschauer von jedem Standpunkte und bei jedem Lichtwechsel in immer neuen Reizen zeigt, die Badetablissements, die Saline und die Kunstvereinsausstellung. Sollen wir dem eiligen Touristen zweckmäßige Fingerzeige geben, so verordnen wir, zunächst durch Besteigung der hinter dem Kurhause liegenden Höhen sich einen Überblicke über das Tal von Reichenhall und Gmain zu verschaffen, dann auf einem Gang durch den Kurgarten und den Gradirpark sich das Treiben der Gäste und die schöne Damenwelt zu besehen . Hierauf gehe er durch die Gewerkenstraße, wo allerlei hübsche Andenken aus Holz oder Marmor für die lieben Angehörigen daheim zu kaufen sind, auch die Inhalationssäle und der pneumatische Apparat der Mack'schen Kuranstalt besehen werden können und besuche dann den Kunstverein, dessen Ausstellungslokal (im Rathaus) während der Saison eine Sammlung vorzüglicher Schöpfungen der Münchener Kunst darbietet. Hierauf ordinieren wir die Besichtigung des Salzbrunnens, des unterirdischen Quellenbau's und eines der vier Sudhäuser. Vor Tische erscheint jedenfalls noch ein Gang nach dem nahen Molkenbauer (¼ Stunde) angezeigt, um auch das schöne Jettenbergertal kennen zu lernen, womit gesunde Beine noch eine Besteigung des Schroffen' verbinden mögen. Adolph Bühler: Bad Reichenhall und seine Umgebungen. Reichenhall, achte Aufl. 1869, S. 25f. |




Am Anfang seiner Novelle beschreibt Storm die hochsommerliche Atmosphäre der Erzählsituation: Auf der den Ort durchschneidenden Chaussee“ spaziert der Erzähler „einige tausend Schritte“ am „sprudelnden Wasserstrom“ der Saalach entlang. Im Kurgarten der Brunnenstadt begegnet der Erzähler seinem ältesten Freund, dem Gynäkologen Dr. med. Franz Jebe, der ihn in eines „der ältesten Stadthäuser“ einlädt, wo er ihm vertrauensvoll berichtet, er habe seine geliebte Ehefrau Elsi, um sie von unerträglichen Schmerzen und Todesqualen zu erlösen, durch eine erhöhte Dosis Morphium getötet: „Der Erzähler stockte. »Franz«, schrie ich, »Franz, du hast dein Weib getötet!« Er hob die Hand: »Still!« sagte er; »ich will das Wort nicht scheuen: ich habe sie getötet.« „Dr. Jebes Geständnis und seine Selbstanklage fuhren konsequent zu seinem verantwortungsethischen Urteil und Ent-schluss: Er verzichtet auf ein neues Liebesglück und engagiert sich humanitär in Ost-Afrika, „wo mehr die Unwissenheit als Krankheit und Seuche den Tod der Menschen herbeifuhrt.“ –grenzüberschreitend will er dort bis zu seinem Tod „dem Leben dienen“. Letztlich repräsentiert Dr. Jebe vor allem sozialethische Verantwortung und praktizierte allgemeine Menschenliebe, denn erst im novellistischen Schlußtableau ergänzt und kommentiert der Erzähler das facettenreich angedeutete Charakterportrait: „... daß mein Freund ein ernster und ein rechter Mann gewesen ist, daran wird Niemand zweifeln.“
In der Eingangsszene der Bekenntnis-Novelle läßt Storm den Erzähler „einige Tausend Schritte durch den Paß Lueg“ gehen, „der hier nach Tirol hinein führt“; so erzählte es der Novellist in der Textversion des Erstdrucks. In der separaten Buchausgabe (Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel 1888) hat Storm den geografischen Irrtum korrigiert (denn der Pass Lueg befindet sich bei Golling, 25 km südlich von Salzburg) – an diesem Beispiel von Storms detailrealistischer Arbeitsweise läßt sich erkennen und belegen, dass der poetische Realist die literarische Fiktion seiner Bekenntnis-Novelle durch einen realen Schauplatz topografisch konkretisiert und dadurch den Realitätsbezug authentisch dargestellt hat.

Mit seiner in der Brunnenstadt Reichenhall angesiedelten »Genesungsnovelle« hat Storm dem an realistischer Erzählliteratur interessierten Lesepublikum ein novellistisches Zeitzeichen von überhistorischer Bedeutung hinterlassen.
Walter Zimorski: Storms Streifzüge durch das Salzburger- und Berchtesgadener Land im August 1872.

Theodor Storm: EIN BEKENNTNIS
Es war zu End des Juni 1856, als ich eine Verwandte zu ihrem gewöhnlichen Sommeraufenthalt in der Brunnenstadt Reichenhall begleitet hatte, diesem zwischen Felsen eingekeilten Brutnest, von dem man sich nur wundern muß, daß die Ortsleute nicht die Brunnengäste allein dort wohnen lassen. Trotzdem - wir waren gegen Mittag angekommen - als ich nach beendigter Hoteltafel erfuhr, daß meine gute Tante sich zunächst einem Mittagsschläfchen und danach dem Auspacken ihrer hohen Koffer und der Einrichtung in dem neuen Quartiere widmen wollte, trieb mich die Langeweile ins Freie, wenn auch der Sonnenschein wie Glut herabfiel. Ich nahm den einfachsten Weg und ging auf der den Ort durchschneidenden Chaussee einige Tausend Schritte, vielleicht noch etwas weiter; aber der Tag wie der Ort waren heute zu heiß, selbst die Schatten unerträglich; ich kehrte wieder um und ging den Weg zurück. Kurz vor dem Orte durchschnitt ein strudelnder Wasserstrom den Weg; auf der Brücke, die darüber war, stand ich lange und blickte wie zur Kühlung in die unter mir sich vorüberwälzenden Wasser. Dann entschloß ich mich und ging wieder in den unerbittlichen Sonnenschein hinaus; der weiße Staub der Chaussee schimmerte und blendete, daß mir die Augen schmerzten. Als ich wieder im Orte war, bemerkte ich mir zur Rechten eine halb offene Gittertür in einer breiten Laubwand, dahinter einen weiten, mit vielen Bänken und Gartenstühlen besetzten Platz. »Ist das ein öffentlicher Garten?« frug ich einen mir entgegenschlendernden Burschen.
»Der Kurgarten«, war die Antwort.
Ich trat hinein und blickte um mich her: es schien jetzt nicht Besuchszeit hier zu sein; nur einige Kindermägde mit ihren kleinen Scharen saßen drüben im vollen Sonnenschein; was sie mit den Kindern sprachen oder sich gegenseitig zuriefen, tönte hell über den weiten Platz. Da es aber ein gut Stück über Mittag war, so hatte derselbe auch bereits seine Schattenseite, und dort weiter hinauf unter einem der umgebenden Bäume saß auch schon einer der Brunnengäste, Grau in Grau gekleidet, mit einem breitrandigen Hut von derselben Farbe; er hatte die Hände auf seinen Stock gestemmt und blickte unbeweglich in die weiße Luft, die über den Akazien an der gegenüberstehenden Seite flimmerte, als ob kein Leben in ihm wäre.
Ich hatte mich, ein paar Bänke vor ihm, unter eine breitblätterige Platane gesetzt und unwillkürlich eine Weile zu ihm hinübergesehen. Plötzlich durchfuhr es mich, und meine Augen wurden groß: die stattliche Gestalt meines liebsten Universitätsfreundes, von dem ich über ein Jahrzehnt nichts gesehen und gehört hatte, war auf einmal vor mir aufgestanden. »Franz! Franz Jebe!« rief ich unwillkürlich. Er schien es nicht gehört zu haben; es war wohl auch eine Torheit von mir gewesen; der da drüben war wohl fast ein Fünfziger, ich und mein Freund aber waren immerhin noch in den letzten Dreißigern, an denen noch ein Glanz der Jugend schimmert.