Königsee
Der Glanzpunkt des Berchtesgadener Gebiets ist der Königssee (604 m.), auch Bartholomäussee genannt, tiefgrün und klar, der schönste deutsche See, höchst sehenswert nach allen Schweizer und Oberitalischen Seen, von hohen bis zu 2500 m. fast senkrecht aufsteigenden Kalkfelswänden eingeschlossen, ¼ Stunde von Berchtesgaden. Drei Wege führen hin: 1. ein hügeliger schattiger Fahrweg am rechten Ufer der Ache am Abhang des Gebirges; 2. der am meisten benutzte ebenfalls abwechslungsreiche Fahrweg am linken Ufer über Unterstein (Wirtshaus) mit gräflichem Arco'schem Schloss und großem Park (nicht zugänglich); 3. ein etwas näherer meist schattiger Fußweg bei der königlichen Villa 1inks die Treppe hinab, an den Sudhäusern vorbei und über die Ramsauer Ache (rechts am Abhang Schloss Lustheim), weiter erst am linken, dann stets am rechten Ufer der Königsseer Ache.
Am See ein Wirtshaus mit 40 Betten, neben dem Fischmeister, der die Aufsicht über die Ruderboote führt. Er bestimmt die Anzahl der Ruderer, zur Hälfte gewöhnlich rüstige Alpenmädchen. Taxe für jeden Ruderer bis zum Kessel (Hälfte des See's) 18 kr., Bartholomä 30 kr., zum Ober-See (Salet-Alp) 42 kr.; das Fahrzeug 18 kr. für 4 bis 5 Personen, 40 kr. für 12 bis 17 Personen, l fl. für 40 Personen, für den ganzen Tag, für den halben Tag die Hälfte der Fahrzeuggebühren. Die Fahrt bis St. Bartholomä dauert je nach dem Wind l bis 1½ Stunden, bis zur Salet-Alp 1½ Stunde mehr. Morgens weht gewöhnlich Süd-, Nachmittags Nordwind. Zweimal tägl. regelmäßige Rundfahrten um den See (von 8½ Uhr Morgens bis 3 Uhr Nachmittag. und von 11 Uhr Morgens bis 6 Uhr nachmittags), mit Anlegen auf allen Stationen, zu bedeutend billigeren Preisen.

Husum, 1.9.1872
Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen (durch die Hand meiner Frau) zunächst einen Dank für Ihre beiden freundlichen Briefe abstatte, welche ich auf einer großen Reise nachgesandt erhielt, und zwar auf Schloss Leopoldskron bei Salzburg, wohin ich mich, nach oft wiederholter Einladung, endlich einmal wieder aufgemacht hatte.
Ihren letzten Brief las ich zu Schiff auf dem Königssee, den wir bei schönstem Sonnenschein passierten; dazu paßte denn vortrefflich die Beschreibung Ihres improvisierten Familienlebens auf der Bergterasse bei Meran.
Theodor Storm an Emil Kuh, Brief vom 1.9.1872.

Links auf vorspringender Landzunge die neue Villa des Baron Beust, im See die kleine Insel Christlieger oder St. Johann mit Kapelle. Das Boot fährt zwischen beiden hindurch; erst wenn es am Falkenstein vorbei ist, zur Erinnerung an ein vor 100 Jahren hier gestrandetes Wallfahrer-Schiff, erscheint der See in seiner ganzen Ausdehnung, im Hintergrund das schneebedeckte Stuhlgebirge, daneben der Schönfeldspitz (2571 m.). Am östlichen Ufer stürzt der Königsbach (häufig ohne Wasser) an der roten Felswand in den See. Etwas weiter, an der tiefsten Stelle des See's (206 m.), weckt ein Pistolenschuss, gegen die westliche Felswand abgefeuert, ein lang nachhallendes Echo, In der Nähe am östlichen Ufer kurz vor dem Kesselfall am Wasserspiegel eine Höhle, das Kuchler Loch, durch das der Wasserfall bei Küchel, der Gollinger Fall, sein Wasser erhalten soll, bei der Zerklüftung der Kalkfelsen nicht unmöglich.
An der vortretenden baumbewachsenen Landzunge östlich der Wallner-Inse, legt das Boot an; hübsche Anlagen führen hier bergan an einer künstlichen Einsiedelei vorbei, in 10 Minuten in eine enge Felsschlucht, wo der Kesselbach zwei kleine Wasserfälle bildet. Der Blick von hier beim Hinabsteigen durch den waldigen Vordergrund über den grünen See auf das jenseitige Gebirge und den Watzmann ist vortrefflich.

Fotos mit Notizen Theodor Storms
Das Boot nimmt nun seine Richtung westlich nach St. Bartholomä, ein weit in den See vortretendes grünes Vorland mit einem alten königlichen Jagdschloss, zugleich Wirtshaus. (nicht zum Übernachten). Im Vorhaus hängen Abbildungen ungewöhnlich großer „Lachs-ferche“ (Saibling, Salmo alpinus), die seit einem Jahrhundert im See gefangen wurden. Auch ein Bärenkampf, den der Fischmeister 1675 auf dem See bestanden hat. Die Capelle wird am St. Bartholomäus-Tage (24. August) von Wallfahrern viel besucht, während auf den Höhen Abends Feuer brennen. – Die Eiscapelle, 1862 eingestürzt, eine Art Gletscher in wilder Schlucht am Watzmann (l½ Stunden westlich), nur 820 m. über dem Meer, ist kaum besuchenswert (ohne Führer verboten).
Am südwestlichen Ende stürzt der wasserreiche Schrainbach aus einer Felsschlucht in den Königssee. Die Salet-Alp, eine aus moos- und grasdurchwachsenen Kalkfelstrümmern bestehende breite Landenge, trennt den Königssee von dem ½ Stunde langen einsamen, von hohen steil aufsteigenden Kalkwänden eingeschlossenen, hellgrünen 0bersee (Besuch in keinem Fall zu versäumen). Nur das Rauschen des links von der Kaunerwand herabstürzenden Wasserfalls unterbricht die erhabene Ruhe dieser wilden Einöde. Jenseit ragen die Teufelshörner hoch empor, von denen der Röthswand in silbernem Faden ein Bach 600 m. hoch hinabrinnt. Auf dem Rückweg zur Salet-Alp prächtiger Blick auf den gewaltigen Watzmann.
Süd-Deutschland und Österreich. Handbuch für Reisende von K. Bædeker. Coblenz 1872.

Königssee
Schon der Weg dahin mögen wir nun die Fahrstrasse oder die prächtig angelegten Fuß- und Reitwege durch die Schönau einschlagen, ist für sich selbst ein landschaftlicher Feiertagsgenuss. Das ist ein ununterbrochener Bilderwechsel, reich, lebensfrisch, künstlerisch schön, mit stets sich verändernden Formen. Durch den weiten Garten schlängelt sich rauschend die Achen, die smaragdklare Tochter des Königs der See'n. Hier lockt das lebhafte Grün der Ahornbestände, dort das ernste Dunkel des Tannenforsts; hier die graziösen Häusergruppen auf grünem Rasenteppich, in Busch und Au zerstreut, dort die majestätischen Riesenhäupter mit ihren wundervollen Linien, in ewiger Ruhe ihre Gipfel in den blauen Äther tauchend. Und durch die reiche Scenerie leuchtet das wechselnde Spiel des Lichts und der Farben, taucht hier die scharfen Schluchten in strahlendes Violett, dort das Felsental in tiefes Blau, bricht sich hier am grauen Fels, am urfrischen Grün des Laubwerks , und strahlt dort von der verklärten Steinwand des majestätischen Göhl in bleichem Schimmer herab.
Adolph Bühler: Bad Reichenhall und seine Umgebungen. Reichenhall, achte Aufl. 1869, S. 150