Über Prien, München und Leipzig zurück nach Hamburg

Mitte August plante Storm seine Rückreise nach Hause; an seinen Sohn Ernst schrieb er am 16. 8.1872:
Hier leb ich denn wie Gott in Frankreich, nur ist mir Kost u. Wein gar zu reichlich, ich bin nicht geschaffen, mich in’s Schlaraffenland hinein zu essen; […]. Viel gesunder komme ich wohl nicht nach Haus, aber viel reicher (leider nur an Anschauungen) jedenfalls.
Ludwig Scherff ist auch seit 4 Tagen hier; am 18t reise ich wohl nach Prien am Chiemsee zu Heyse u treffe dann 19t mit Ludwig in München zusammen. Ueber Alles andre kann ich Dir nur mündlich erzählen, der Reichthum ist zu groß. Zwei Tage werde ich bei Karl in Leipzig bleiben, dann ebenso lang wohl mit Lisbeth, die ich bei Scherffs treffen werde, in Hamburg; dann nach Haus, wo mich all das liebe kleine Gesindel, treue Liebe und – die alten Sorgen erwarten.
Auch die Rückreise plante er sorgfältig; bei Paul Heyse in München hatte er bereits zwei Tage vorher angefragt:
Schloß Leopoldskron bei Salzburg, 14.8.1872.
Paßt es Ihnen, noch einen halben Tag mit mir zu leben, so möchte ich Sie bitten, mir in Prien für die Nacht v. 18/19 Aug. ein Zimmer im Gasthof zu besorgen; ich möchte doch die Ihrigen kennen lernen.
Seien Sie so gütig, mir umgehend eine Zeile zu antworten: „Adr. Dr. Schindler, Schloß Leopoldskron, Salzburg“. Ich würde dann am 18te Vormittag 11 U. 48 M. nach Prien kommen, und möchte mich mit an Ihren Familientisch setzen, doch mit der inständigen Bitte, auch nicht um eines Haares Breite daran zu ändern oder zuzusetzen. Ich trage schwer an der üppigen Kost in Leopoldskron.
Mein Vetter geht über Regensburg und trifft dann am 19te mit mir in München zusammen. Wollen Sie mich im Voraus der Nachsicht Ihrer Frau empfehlen.
Theodor Storm an Paul Heyse, Brief vom 14.8.1872.
Heyse antwortete postwendend:
Prien a. Chiemsee. 16.8.1872
Sie finden uns zu Hause, lieber Freund. Daß die fortune du pot sich mit dem besten Willen nicht „corrigiren“ läßt, werden Sie freilich erleben müssen. In aufrichtiger Vorfreude grüßt Ihr P. H.
Paul Heyse an Theodor Storm, Brief vom 16.8.1872.
Nach seiner Rückkehr nach Husum berichtete der Vater seinem Sohn Ernst vom Abschluss seiner langen Reise:
Auf dem Rückwege, während Ludwig vorab nach München fuhr, verlebte ich in Prien am Chiemsee (es liegt auf halbem Weg von Salzburg) noch einen sehr erquicklichen Tag mit P(aul) Heyse und Familie, die in diesem traulichen Oertchen Sommerfrische hielten.
Theodor Storm an Ernst Esmarch, Brief vom 19.10.1872.
In Prien traf Storm am Mittag des 18. August ein. Mit Heyse besprach er dessen Arbeiten am „Deutschen Novellenschatz“. Er schlug dabei vor, folgende Erzählungen aufzunehmen:
– Das Märchen „Hyazinth und Rosenblüthchen“ aus den „Lehrlingen zu Sais“ von Novalis;
– „Undine“ von Friedrich de la Motte-Fouqué;
– „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adalbert von Chamisso sowie
– „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker.
Heyse folgte dem Rat seines Freundes nur bei den beiden letzten Vorschlägen.
Am nächsten Morgen fuhr Storm wie geplant nach München, traf dort wieder Ludwig Scherff und erreichte mit ihm Leipzig am 21 August.

Alter Bahnof in Leipzig
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Der Bayerische Bahnhof wurde in den Jahren 1841 bis 1844 nach Entwürfen des Leipziger Architekten Christian August Eduard Pötzsch errichtet und diente als Ausgangspunkt der Bahnstrecke Leipzig–Hof. Bereits am 18. September 1842 wurde er, noch unvollendet, zusammen mit dem ersten Streckenabschnitt nach Altenburg eröffnet. Die Vollendung des Empfangsgebäudes erfolgte erst am 19. September 1844. Westlich des Empfangsgebäudes errichtete eine Kegelmannschaft 1845 eine Gaststätte in ähnlichem Baustil und veräußerte sie anschließend an einen Gastwirt, der sie Siebenmännerhaus nannte. |
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Storm wiederholte auf der Rückreise das, was ihn auf der hinreise zu einem Zwischenstopp in Göttigen veranlssst hatte: Nun wollte er seinen dritten Sohn Karl, der am Leipziger Konservatorium Musik studierte, kontrollieren. Karl wohnte bei Pastor Dr. Valentiner am Peterstein-Weg 8. Bei dieser Gelegenheit wollte Storm auch den Gewandhauskapellmeister Karl Reinecke besuchen, den er aber nicht antraf.
Carl Reinecke (1824-1910) war ein deutscher Komponist, Pianist und Dirigent. Storm hatte ihn 1844 in Segeberg kennengelernt, wo er am dortigen Lehrerseminar als Musiklehrer arbeitete. Beide verband eine lebenslange Freundschaft.
Anfang 1871 fragte Storm bei Reinecke, der 1859 in Leipzig die Leitung des Gewandhausorchesters übernommen hatte und daneben als einflussreicher Klavier- und Kompositionslehrer am Konservatorium wirkte, um Rat, ob das Leipziger Konversatorium für die musikalische Ausbildung seines dritten Sohnes geeignet sei.
Dabei charakterisierte er den 18jährigen Schüler folgendermaßen: Es handelt sich bei meinem Sohn nicht um die Ausbildung eines besonderen Talentes, sondern um die praktische Ausbildung eines jungen Menschen, der von den geistigen Dingen zur Musik das nächste Verhältnis hat, und aus dem der Vater einen ehrsamen und soliden Organisten und nebstbei Klavierlehrer ziehen möchte. Was meinem Jungen fehlt, das ist die rasche Auffassungs- und Konzentrationsfähigkeit, eine Familiendummheit, an der wir alle leiden, er aber noch ein wenig mehr, als wir anderen.
Theodor Storm an Carl Reinecke, Brief vom 17.1.1871.
Reinecke antwortete zwei Tag später: Das Leipziger Konservatorium ist gerade etwas für Ihren Sohn, da man hier mehr das Prinzip verfolgt, tüchtige Musiker zu bilden, als Virtuosen.
Carl Reinecke an Theodor Storm, Brief vom 19.1.1871.
An Sohn Ernst schrieb der Vater über seine Erfahrungen mit dem Bruder Karl: In Leipzig war ich 2 Tage mit Karl und auch mit Lötsch (der an Ferd. Tönnies erinnert) zusammen. Des Abends machte ich eine Conservatoriums-Aufführung mit, wo ich mich von Karl dem alten schönredenden Director Schleinitz, dem alt‹en› Wenzel, Kretschmer u. Jadassari vorstellen ließ. Letzere (Paul u. Coccius waren nicht da) wunderten sich sehr, daß Karl in Leipzig sei; da sie seine Lehrer sind, so wunderte ich mich nun wieder, daß sie sich wunderten, mit einem Wort, Karl betreibt seine Sache nicht ordentlich – er ist wie Ihr alle. Nun habe ich arrangirt, da ihm 4 St. Clavier zu viel scheinen, daß er in dem Punkt sich an Kretschmer anschließt u. Coccius fallen läßt, habe an Kr. auch von Altona aus eingehend über Karl geschrieben. Außer Schleinitz schien keiner zu wissen, daß er der Sohn „des Dichters“ sei; ich suchte das Relief, das er augenscheinlich dadurch gewann, für ihn zu benutzen.
Theodor an Sohn Ernst. 1.9. 1872.
Und in dem Brief an Sohn Hans vom 1. September heißt es: Seit Freitag bin ich wieder hier, in Leipzig war ich auf der Rückreise 2 Tage mit Karl, und hoffe dort etwas Ordnung in seinen Kram gebracht zu haben; er ist wie seine Brüder – piano va sano! Einige Spornstöße sind durchaus erfoderlich.
Theodor Storm an Sohn Hans, Brief vom 1.9.1772.