Familienbesuche – Bei den Scherffs in Hamburg

Der 1844 eröffnete Bahnhof der "Königs Christian VIII. Ostseebahn".. Lithographie von Wilhelm Loeillot, um 1860.
Altona war Theodor Storm seit seiner Jugend vertraut. Hier übernachtete er schon als Student im Hause seines Onkels, des Kaufmanns Johann Heinrich Scherff (1798-1882), der mit Friederike Henriette geb. Alsen (1802-1876) verheiratet war. Sie war eine Kusine von Storms Mutter. Die Familien besuchten sich regelmäßig und während seines Studiums in Kiel fuhr Theodor häufig zu Onkel und Tante. Auch später verbrachte er gemeinsam mit seiner Frau Constanze und den Kindern Tage und Wochen im Haus in der Luzienstraße an der Elbe. Später bewogen die Scherffs eine Wohnung in Hamburg-Borgfelde in der der kleinen Wallstraße.

Wilhelm Heuer. Kolorierter Doppeltondruck, nach 1872.

Altona und Hamburg, Stadtplan von 1864
Mit dem 1839 geborenen Komponisten Ludwig Scherff, dem Sohn seines Onkels Heinrich Scherff, verband Theodor eine Freundschaft, von der er auch in seinen dichterischen Aktivitäten profitierte, denn eine Komposition von Scherf regte ihn zu seinem Gedichtzyklus „Neue Fiedellieder“ an.
Storm hielt große Stücke auf Ludwig Scherff; in ihm witterte er ein hohes künstlerisches Talent, das seinen eignen Söhnen fehlte. Schon 1860 hatte er Scherffs „Ouvertüre für Klavier zu vier Händen“ ins Programm des Heiligenstädter Singvereins aufgenommen. 1863 war Scherff in Heiligenstadt und imponierte Storm: „Es lebt sich äußerst angenehm mit ihm, und dabei hat er für alles Geistige Interesse und rasches Verständnis“ (Brief an die Eltern vom 20. 8. 1863). Das Konzert von Storms Gesangverein am 22. November 1869 wurde mit der Ouvertüre zu Scherffs Oper „Rose von Bacharach“ in einer Bearbeitung für Klavier zu acht Händen eröffnet; außerdem standen vier seiner Chorsätze auf dem Programm.

Ludwig Scherffs Oper „Die Rose von Bacharach.“ Hamburg 1875.
Die am 26. November erschienene Rezension von Hermann Uhde in den „Hamburger Nachrichten“ spricht von einem „günstigen […] durchaus verdienten Erfolg“. Zwar seien Stoff und Handlung kaum originell, aber ein „wohlthuender Hauch echter Romantik“ durchwehe das Werk: „Der deutsch-nationale Luftstrom, der dieselbe [die Oper] durchweht, ist ein äußerst sympathisches Moment für deutsche Herzen.“ Auch bei der Musik sei die Erfindung weder groß noch originell: „Es ist das specifisch Anmuthige, Liebliche, Erfreuende, das der Componist uns bietet.“ Typisch für den Anfänger seien die Unklarheit über theatralische Effekte, die Längen und Wiederholungen. Das Duett zwischen Ella und Balthasar sei „zu breit, mit seinen unzähligen Wiederholungen ermüdend.“ Rosas Arie „All mein Hoffen ist verloren“ findet er „so über flüssig und langweilig, daß ihre Streichung nicht dringend genug zu empfehlen ist“: „einzelne Strophen dreimal, andere zweimal repetiren zu hören, erschöpft jede Langmuth.“ Und dennoch seien in der Oper „Spuren eines frischen, zu Hoffnungen berechtigenden Talentes“ zu erkennen.

Signale für die Musikalische Welt, Leipzig, Nr. 54 vom 2.12.1871, S. 885.
In der Rezension von Hamel im „Hamburgischen Correspondenten. Morgenzeitung des Hamburger Börsenvereins“ vom 26. November heißt es z. B.: „Wenn wir wissen, daß Herr Scherff nicht eigentlich Musiker von Fach ist, sondern eine höhere Stellung bei einem der hiesigen größeren Bankinstitute einnimmt, so weist dieses schon den Standpukt an, von welchem aus wir seine Oper zu beurtheilen haben. Nicht mit den Ansprüchen wie man sie dem berühmten Namen eines gereiften Meisters entgegenhält, sondern mit solchen, wie sie Derjenige erfüllen kann, der der Kunst wohl alle seine Liebe, nicht aber seine ganze Zeit, sein ganzes Streben widmen kann, hat man das von ihm Gebotene zu hören. […] Es ist zu bedauern, daß Herr Scherff in der Wahl seines Stoffes nicht glücklicher war, und noch mehr, daß er denselben nicht etwas glücklicher auszubeuten verstanden hat.“ Hamel plädiert vor allem für Kürzungen. Im Gegensatz zu Uhde aber rechnet Hamel die Arie der Rosa, „All mein Hoffen ist verloren“ „ganz besonders“ zu den „gefälligen“ Teilen der Oper: hier fänden sich schöne, zusammenhängende Cantilene und gute Form glücklich zusammen.

Wilhelm Heuer: Rathausmarkt in Hamburg. Chromolithographie, um 1860.
In den frühen 70er Jahren glaubte Storm, Scherff sei im Begriff, den Durchbruch als Lieder- und Opernkomponist zu erzielen. Es gelang ihm aber nicht, den Ruf des Dilettanten abzustreifen. Nachdem er mit dem 1873er Börsenkrach viel Geld verloren hatte, emigrierte er wie sein Bruder nach Caldera (Chile), wo er bereits 1875 starb.
Bei allen diesen Freundschaften waren die Familienmitglieder einbezogen; man nahm gegenseitig an freudigen und weniger erfreulichen Ereignissen Anteil; Storm erwähnt in seinen Briefen Hochzeiten, Taufen und berufliche Erfolge. Man sorgt sich um Krankheiten und trauert mit den Hinterbliebenen. Neben dem geistigen Austausch waren die Reisen nach Hamburg auch kulturell wichtig, denn hier gehörten Opern- und Theaterbesuche dazu. So war Storm Zeuge einer Aufführung der Oper „Die Rose von Bacherach“ seines Freundes Ludwig Scherff und sah sich Mozarts „Zaubeflöte“ an.
Was Storm während der acht Tage, die er bei den Scherffs wohnte, unternommen hat, wissen wir nicht. Sicher wird er Ludwig Scherffs Eltern besucht haben, die ganz in der Nähe wohnten.

Blick über den Jungfernstieg mit dem Alsterpavillon. Photographie von Hermann Otto Priester, 1865.
Anregungen erfuhr er durch Besuche im „Kunst und Gewerbemuseum“ und im neu gegründeten Zoo im heutigen „Planten un Bloomen“. Ein Anziehungspunkt für Besucher der Stadt waren die Alsterarkaden, die nach der Zerstörung des Rathauses durch den Großen Brand von 1842 erbaut worden waren. Zur Gestaltung des Rathausmarktes am Alsterfleet entstand vor dem Stau der Schleusenbrücke ein Bassin, die Kleine Alster. Der Architekt Alexis de Chateauneuf entwarf für die Westseite einen rundbogigen Arkadengang im italienischen Stil, dessen ursprünglicher Anstrich nach neuen Befunden ockergelb war, der aber später weiß verputzt werden sollte und dieses charakteristische Aussehen bis heute bewahrt hat.
In Storm Nachlass im Husumer Storm-Archiv hat sich eine Brieftasche erhalten, in der noch ein kleines Faltkärtchen steckt, das auf einer Seite einen Stadtplan von Hamburgs Innenstadt enthält, auf der anderen Seite die Werbung eines bekannten Textilgeschäfts.

Die Firma Ladage & Oelke wurde als englisches Kleidermagazin im Jahre1845 dem großen Brand in Hamburg von den Schneidermeistern Georg Wilhelm Carl Ladage und Johann Diedrich Wilhelm Oelke in dem noch heute existierenden Ladenlokal zwischen den Alsterarkaden und dem Neuen Wall eröffnet. Zunächst als Tuchhandlung gegründet, kamen bald die Maßschneider hinzu und die erfolgreichen Geschäftsleute eröffneten Filialen in Bremen, Hongkong, Shanghai und Yokohama.
Ladage & Oelke war im Hause Neuer Wall 11 angesiedelt und konnte auch von den Arkaden aus betreten werden. Die beiden Häuser mit dem Textilgeschäft und der Buchhandlung Jud zeigen bis heute die ursprüngliche Fassadengestaltung. In der Mitte des Blocks zwischen Schleusenbrücke, Jungfernstieg, kleiner Alster und Neuem Wall entstand eine kleine Passage, die Mellin-Passage, die heute Hamburgs älteste Einkaufspassage darstellt.
Über seine Unternehmungen in Hamburg bis zur Abreise Richtung Süden hat Storm nichts berichtet; allerdings schildert er in einem Brief an seinen Sohn Ernst, wie man vom Hamburger Rathausmarkt aus zu den Scherffs (Kleine Wallstr. Nr. 12) gelangen kann:
„Willst Du sie besuchen, so steigst Du auf dem Rathhausmarkt (bei dem grünen Platz an der Börse) auf einen nach Wandsbeck roth oder Barmbeck (keinen andern) fahrenden Pferde-Eisenbahn-Omnibus (kost‹et› 2 ß) sagst, daß Du am Lübeker Thor aussteigen willst und gehst dann den ersten Weg rechts so auf die Häuserreihe (es ist nur eine) der kleinen Wallstraße los, daß Dir der große Gasometer zur Rechten bleibt. Dann ist es das erste Haus mit einem kleinen stumpfen Thurm, vielleicht mit einer Flaggenstange. Kannst ja auch d‹en› Conduct‹eur› nach der kl‹einen› Wallstr. fragen; behalt aber diesen Brief in der Tasche.“
Theodor Storm an Sohn Ernst, Brief vom 6.9.1872.

Pferdebahn auf dem Rathausmarkt. Photographie von Hermann Otto Priester, um 1872
Borgfelde ist ein Stadtteil im Bezirk Hamburg-Mitte der Freien und Hansestadt Hamburg. Er ist mit nur 0,9 Quadratkilometern einer der kleinsten Stadtteile Hamburgs. Er liegt zwischen St. Georg im Westen und Hamm im Osten. Nördlich der Eisenbahntrasse in Richtung Lübeck liegt Hohenfelde, südlich des Mittelkanals der Stadtteil Hammerbrook. Bis zum Hamburger Rathaus sind es nur etwa zwei Kilometer Luftlinie. Die in West-Ost-Richtung verlaufende Borgfelder Straße, ursprünglich Teil der Fernstraße nach Berlin, teilt den Stadtteil in das auf dem Geesthang gelegene Oben Borgfelde und das tiefer liegende Unten Borgfelde. Eine mehr als 500 Meter lange Stützmauer aus Basalt sichert den Hang. Mehrere Treppenaufgänge, von denen noch einige erhalten sind, verbanden die Straße mit dem höher gelegenen Wohnviertel.
Wikipedia

Die Kleine Wallstraße ist mit einem roten Punkt markiert
Von da bin ich am 5t hieher gereist, und in gewohnter Herzlichkeit aufgenommen. Ludwig steht in einer bedeutenden musicalischen Entwicklung, es liegt wieder ein neues Werk zum Stich bereit: drei Lieder für Chor mit Piano aus Frau Aventiure v. Scheffel; darunter „der Heini von Steier“ so wunderbar, entzückend schön, daß es mir beim Anhören (d. h. so einstimmig nur von Ludwig) immer packend über den Rücken rieselt. Wir werden sie gleich singen in Husum; wenigstens ebenso schön, aber ganz anders ist auch das „Gnade, Glast u. Wonne“. Es sind Tanzlieder.
Theodor Storm an Sohn Ernst, Brief vom 6.8.1871.
Dieter Lohmeier beschreibt die Entstehung der „Neuen Fiedel-Lieder in seinem Kommentar zum ersten Band von Storms „Sämtlichen Werken“ (Frankfurt am Main 1987):
„Als 1871 Storms entfernter Vetter Ludwig Scherff (geb. 1839), der im Hauptberuf Bankangestellter war, aber daneben auch komponierte, einen Zyklus Die Lieder jung Wener's aus S cheffei's » Trompeter von Säkkingen« für Bariton mit Begleitung des Pianoforte veröffentlichte, war Storm davon begeistert: »Man wird sie bald in ganz Deutschland singen; sie sind heiter, tief u. herzerquickend, voll Humor u. süßester Innigkeit« (an Karl Theodor Pyl, 10. 7. 1871). Storm war, wie sich einem Brief an seinen zweiten Sohn Ernst vom 24. Juni 1871 entnehmen läßt, erfreut über die Aussicht, daß Scherff nun vielleicht auch seine alten Fiedel-Lieder vertonen werde, und war zugleich überrascht davon, daß er »plötzlich gestern noch eins gemacht« hatte. Schon am 28. Juni aber schrieb er an seinen ältesten Sohn Hans:
Ich habe seit 14 Ta>g<e>n täglich diese herzerquickenden Lieder gesungen und das ganze Haus begann ordentlich davon zu lachen u. zu leben; ich selbst wurde so davon gepackt, daß ich zu meinen alten vor 30 Jahren gedichteten Fiedel-Liedern noch 3 neue, frischer u. tiefer als die alten, geschrieben habe, die ich einzeln, so wie sie fertig waren, zum Meister Ludwig hinüberfliegen ließ, der sie auch wohl komponieren wird. Am selben Tage schickte Storm dieses Manuskript an Julius Rodenberg zur Veröffentlichung im >Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft<. Am 3. Juli waren aus den sieben Liedern aber bereits acht geworden, denn an diesem Tag schrieb Storm an seinen dritten Sohn Karl im Rückblick auf die beiden vergangenen Wochen, Scherffs Lieder hätten auf ihn so anregend gewirkt, »daß ich wieder Verse gemacht habe, ein wahres Produktionsfieber überfiel mich, sogar nachts bei der Nachtlampe kritzelte ich sie hin. So liegt denn eine kleine zusammenhängende Erzählung in 8 Liedern (zusammen 36 vierzeilige Strophen, darunter 5 aus den alten >Fiedelliedern<) in 8 Tagen fertig da, und wird im Augustheft des >Salons< gedruckt« (StN). Erst Mitte Juli war die Arbeit wirklich abgeschlossen, denn am 17. 7. schrieb Rodenberg an Storm: »Es ist nun Alles in guter Ordnung; der ganze Zyklus mit seinen 11 Liedern liegt vor mir u. ich habe ihn noch einmal genau durchgelesen, so daß ich für die Korrektheit in Ihrem Sinne wohl bürgen kann.« Auch ein Brief aus Altona vom 8. August an den Sohn Ernst, als die Gedichte schon gedruckt vorlagen und Storm selbst bei Scherff und dessen Eltern zu Besuch war, spiegelt noch einmal die eigene Überraschung durch die längst nicht mehr erwartete lyrische Produktivität:
Sie sind (...) fast alle aus dem innersten Behagen heraus geschrieben; N. 6 und 9 (jetzt Nr. 5 u. 8) in einer Nacht derart, daß ich immer wieder aus dem Bett sprang u. bei der Nachtlampe eine neue Strophe hinkritzelte; die sechs Strophen von N. n (jetzt Nr. 10), doch gewiß ein hübsches u. herzliches Lied, entstanden in etwa 5 Minuten, als ich zur Erholung aus unserm Gericht in die Allee hinter den Gärten der Süderstr(aße) hinaustrat. Die glückliche heitere Stimmung, die in den Liedern ist, erfüllte auch mich damals. (. . .) Freilich sind die Lieder wohl stellenweise auch allzufrisch; ich wollte Ludwig die Freude machen, wenn ich hier sei; so hatte ich erst nur 3 mit d(er) Einleitung (an die Redaktion) eingeschickt; dann nacheinander die übrigen, buchstäblich noch naß vom Schreibtisch immer wieder in die Korrektur eingeschoben. Aber das tut nichts.
Nachdem das »Produktionsfieber« vorbei war, urteilte Storm freilich bald distanzierter über sein neues Werk, das mit dem von ihm seit der Mitte der 40er Jahre vertretenen Konzept des konzentrierten Erlebnisgedichts nichts gemein hat. Schon am 30. Juli 1871 schrieb er an Klaus Groth: »Es ist so leichte >Goldschlägerarbeit<, wie ich sie noch nie geliefert; der Hauptzweck bei der Publikation war, wie Du sehen wirst, meinem Vetter Ludwig Scherff eine wohlverdiente Freude zu machen«, und am 18. November desselben Jahres sagte er in einem Brief an Ada Christen: »Die neuen Fiedellieder< im Salon, soweit sie neu sind, sind die Verse eines alternden Menschen, der seine Anregung nur noch von außen bekommt. Ich hätte sie lieber nicht drucken lassen sollen; aber ich dachte dabei nur an meinen Vetter Ludwig.«“

Theodor Storm schreibt in der Einleitung zu „Die neuen Fiedel-Lieder“:
Und die Veranlassung, dass ich eben jetzt jener Jugendzeit gedenke? Hier liegt sie vor mir, frisch aus der Presse wie aus dem Herzen! „Die Lieder jung Werner's aus Scheffel's Trompeter von Säkkingen für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte von Ludwig Scherff. Hamburg bei G. W. Niemeyer“ – Hell und jung ist mein ganzes Haus geworden, seitdem diese herzerquickenden Lieder darin erklingen; ja dermaßen sind sie mir in die Glieder gefahren, dass ich meinen alten Fiedelbogen aus dem Staube hervorgesucht und damit gerade an der Stelle wiederum zu streichen angefangen bin, wo ich ihn vor dreißig Jahren abgesetzt hatte. Dir aber, Meister Ludwig, dem Lebenden, dessen klare Manneskraft nicht im Sande verrinnen wird, lasse ich diese frischen Blätter zufliegen. Nimm sie hin nebst jenen alten, die der tote Freund nicht mehr gebrauchen kann; und mag es gelten, ob ich Dich klingen machen kann, wie Du es mir getan hast. Und nun horch' auf, wie sie gehen!
„Zerstreute Kapitel“. Berlin 1873, S. 98.