„Ach – die silbernen Flügeln!“ – Eine zweimal erneuerte Einladung

 

 

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Theodor Storms Wohnhaus in Husum (1866 bis 1880)

 

Zunächst konnte Storm der Einladung allerdings nicht folgen, da es ihm an den erforderlichen finanziellen Mitteln mangelte. Zwar verdiente er als Preußischer Amtsrichter ein ordentliches Gehalt, aber er musste eine große Familie ernähren (neben der Ehefrau waren das 8 Kinder und das Hauspersonal). Und die drei Söhne erwiesen sich als Bummelstudenten, deren Unterhalt die Familienkasse überforderte. Storm musste daher auf Honorare aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit warten.

 

Von Schindler aus Wien (Jul‹ius› v. d. Traun) erhielt ich dieser Tage einen sehr herzlichen Brief. Er schreibt nach einer Entschuldigung über verzögerte Antwort: „Glauben Sie mir, ob ich spreche oder schweige, ich denke doch oft und oft mit herzlichster Zuneigung an meinen nordischen Freund, dessen warmes verwandtes Herz an meines rührt und dessen Antlitz ich und die Meinen, bei denen Sie in die ‚Unsrigen‘ eingereiht stehen, noch immer nicht gesehen haben. Meine arme Frau (Beziehung auf eine Aeußerung von mir) hatte es nicht nur gut mit Ihnen im Sinne, sondern sie wünscht noch immer sehnlichst den Mann zu begrüßen, dessen Werke unser vor uns hingeschwundenes Kind mit so innigem Herzen und so gerne las. – Dürfen sich denn Ihnen die Thore Leopoldskron’s nie öffnen? Ach, die silbernen Flügel! Wenn ich nur reden dürfte, wie ich es meine; das wäre kein Hinderniß!”

Theodor Storm an Sohn Ernst, Brief vom 16.5.1871.

 

Erst Mitte April 1872 entschied sich Storm, Schindlers erneute Einladung anzunehmen. In seinem Brief vom 24. April spricht Schindler dem Freund seine „innige Freude“ aus:

 

Ich hoffe, daß das aufblühende Jahr Sie wieder ganz frisch und lebenstüchtig gemacht hat. Aber gerade die erlittenen Schwankungen Ihres Nervensystems sollen Sie anspornen, ganz gewiss heuer zu uns nach Leopoldskron zu kommen, wo Sie empfinden werden, mit welcher herzlichen Neigung wir Ihnen Alle zugethan sind. Auch stärkt nichts die öfters so unliebsam zukenden oder spannenden Nerven so sehr, als frische Alpenluft und aus der fremden Welt uns liebevoll zugewendete Herzen – beides treffen Sie klar und reichlich bei uns an.

Wir bedauern herzlich das Zurückbleiben Ihrer Frau Gemahlin – wenn es noch dazu kommen sollte! Schreiben Sie mir nur wenigstens 8 Tage früher. Bleiben Sie dann, so lange Sie wollen, ich hoffe Sie werden sich zu Hause fühlen und obendrein geschieht dem Willen Ihrer Ärzte Genüge.

Julius Schindler an Theodor Storm, Brief vom 24.4.1872.

 

Während Storms gut sechsstündigen Fahrt nach Altona ist genügend Zeit, um an die Ereignisse der vergangenen sieben Jahre zurückzudenken.

 

Im März 1864 war der Dichter aus seinem Exil im Preußischen Thüringen, wo er als Kreisrichter wirkte, zurück in die Schleswig-holsteinische Heimat gekehrt und trat sein neues Amt als Landvogt in Husum an. Storm hatte sich kaum in die neuen Umstände hineingefunden, als ihn der Tod seiner Frau Constanzes jäh aus der sich anbahnenden Idylle riss; am 20. Mai 1865 starb sie an den Folgen der Geburt ihrer letzten Tochter Gertrud.

Für die Familie bedeutete dieser Verlust eine Katastrophe; der tief getroffene Mann flüchtete sich in Musik und Dichtung; es entstand der Gedichtzyklus, „Tiefe Schatten“, der zeigt, dass Storm trotz aller Trauer schnell neuen Lebensmut gewann.

Nach der stillen Beerdigung Constanzes musste zunächst eine Betreuerin für den Haushalt und die Kinder gefunden werden, deren sich nach kurzer Zeit auf Vermittlung der Familie von Wussow die Engländerin Mary Pyle annahm. Storm reiste im September auf Einladung des russischen Dichters Iwan Turgenjew (1818-1883) nach Baden Baden, wo er in dessen Hause wohnte und mit seinem alten Freund Ludwig Pietsch zusammentraf. Die weltbürgerliche Atmosphäre des mondänen Badeortes gab die rechte Kulisse ab, den Witwer von trüben Gedanken abzulenken; Gespräche mit Freunden, Spaziergänge und glänzende gesellschaftliche Ereignisse vermittelten Storm den erforderlichen Abstand zum eigenen Erleben und brachten neuen Lebensmut.

Von Baden-Baden aus reiste er über Frankfurt am Main und Köln nach Duisburg, wo er seinen Jugendfreund Peter Ohlhues besuchte, der dort als Pastor wirkte. Anschließend ging es weiter nach Arnsberg zu Alexander von Wussow, dem Freund und Kollegen aus der Heiligenstädter Zeit, wo dieser jetzt als Verwaltungsbeamter arbeitete, und schließlich nach Berlin, wo er sich einige Tage bei Ludwig Pietsch aufhielt. Storm suchte die Gespräche mit dem Freund, um sich selbst wiederzufinden und Perspektiven für seine Zukunft zu gewinnen. Auch war er auf „Brautschau“. Er besuchte die Schriftstellerin Elise Polko in Minden, die ihn herzlich verehrte und ihm brieflich intime Mitteilungen über ihre unglückliche Ehe anvertraut hatte, nahm Anteil am Debut der jungen Sängerin Aglaja Orgeni am Königlichen Opernhaus in Berlin, die er bei seinem Besuch in Baden-Baden kennengelernt hatte; sie war eine Schülerin von Pauline Viardot-García, der Freundin von Iwan Turgenjew. In Berlin besuchte er die Witwe Elisabeth Menzel, deren Mann Richard gerade gestorben war; man kannte sich durch den Freundeskreis um Theodor Fontane und den Maler Adolf Menzel. Storms Suche nach einer neuen Frau blieb auf dieser Reise allerdings erfolglos.

Nach der Rückkehr in die Heimat trat Dorothea Jensen wieder in Storms Leben; aus dem Mädchen, das vor zwanzig Jahren jene betörenden Einfluss auf den jungen Ehemann ausübte, an dem die Ehe mit Constanze fast gescheitert wäre, war nun nach Storms Zeugnis eine „verblühte Blondine“ geworden; beide beschlossen, eine „Vernunftehe“ einzugehen, aus der sich aber in den nächsten Jahren eine gute Partnerschafts- und Liebesbeziehung entwickelte, die den Kindern eine gewisse häusliche Geborgenheit vermittelte und Storm den für ihn existenziell wichtigen emotionalen Rückhalt bot. Dorothea Jensen und Theodor Storm ließen sich am 13. Juni 1866 im Hattstedter Compastorat von Pastor Herr, einem Schulfreund Storms, in aller Stille trauen.

Für Storm jedenfalls war eine der wesentlichen Voraussetzungen für seine bürgerliche und künstlerische Existenz wieder erfüllt; in der Partnerschaft zur zweiten Frau fand er ganz ähnlich wie im Verhältnis zu Constanze Rückhalt und Kraft, die es ihm erlaubten, in seinem Beruf seine Pflichten zu erfüllen und darüber hinaus seine kulturellen und künstlerischen Aktivitäten kraftvoll zu entfalten. Schon bald nach der zweiten Heirat lebten die Konzerte des Gesangvereins wieder auf und auch die Novellenproduktion kam erneut in Gang.

 

Es sind schwere Lebensschicksale, die sich in dieser Periode des Dichters in den Vordergrund drängen; an einzelnen Lebenswegen einfacher Menschen werden sie uns vorgeführt und Storm wählt dafür ihm vertraute Kulissen. Seine Handlungsräume sind Bürgerhäuser, Künstlerwerkstätten, Gutshöfe, Kirchen und Schlösser; die Menschen agieren in Städten und Dörfern, die man unschwer mit Husum und anderen Siedlungen Nordfrieslands in Verbindung bringen kann. Der Dichter literarisiert den Kulturraum zwischen Meer, Watten, Deichen, Marsch und Geest. Kein anderer der großen realistischen Erzähler hat sein Werk so sehr mit persönlichen Erfahrungen seiner Heimat verwoben und dadurch eine so enge und sinnstiftende Einheit von Mensch und Landschaft, von Individualität und kultureller Zugehörigkeit beschworen wie Theodor Storm.

Dabei erzählt er immer wieder von Problemen, die ihn und seine Zeitgenossen bewegt haben; von Geldgier und Spekulation, vom Standesdünkel und von der Erstarrung bürgerlicher Familien. Konflikte wie den Alkoholismus greift er aus seiner Lebenserfahrung auf, er formt sie aber künstlerisch und hebt sie dadurch vom konkreten Ereignis ab, so dass sie ein allgemeines, zeittypisches Gepräge erhalten.

Nach dem Deutsch-Dänischen krieg hatten sich die politischen Verhältnisse unerwartet gewandelt; der Traum von einem unabhängigen Schleswig-Holstein blieb kurze Episode; der als Befreier bejubelte Graf Bismarck verfolgte ganz andere Pläne, als es sich Storm und seine Freunde vorgestellt hatten; zunächst wurde nach dem Vertrag von Gastein (14. August 1865) die Provinzen Schleswig unter preußische und Holstein unter österreichische Verwaltung gestellt; nach dem Sieg Preußens über Österreich im Deutschen Krieg 1866 annektierte Preußen die beiden Provinzen und gliederte sie in das bestehende Königreich ein.

Die meisten nationalen Kräfte im deutschen Norden versöhnten sich rasch mit Bismarcks „Räuberpolitik“, wie Storm sie gegenüber Ludwig Pietsch nannte, und feierten ihn als Befreier. Schließlich überschwemmten die Wogen nationaler Begeisterung in der Folge des Krieges gegen Frankreich 1870 und der Reichsgründung 1871 die letzten Vorbehalte gegen das dominierende Preußentum; Storm allerdings blieb skeptisch und lehnte diese lauten Töne aus tiefstem Herzen ab. Für ihn bedeutete Heimat ein kultureller Lebensraum, der durch die gemeinsame Sprache und Geschichte begründet war; nationalistisches Gedankengut blieb dem demokratisch gesinnten Schleswig-Holsteiner Zeit seines Lebens fremd. Sein Hauptaugenmerk im Jahre 1870 betraf das Ziel, seine beiden ältesten Söhne davor zu bewahren, Soldaten werden zu müssen.

Die preußische Justizreform hatte den Landvogt 1867 vor die Alternative gestellt, das neu geschaffene Amt eines Landrats oder das des Amtsrichters zu wählen. Storm wählte das Richteramt, weil er sich so die größere Unabhängigkeit vom preußischen Staat erhoffte, in dessen Dienst er nun wieder eintreten musste. Eine drohende Gehaltskürzung veranlasste ihn, einen Umbau im Hause Wasserreihe vorzunehmen, damit der untere Wohnbereich vermietet werden konnte. Schließlich hatten aber seine Einsprüche Erfolg und der Richter Storm verdiente am Ende sogar etwas mehr als der frühere Landvogt.

In dem neuen preußischen Landrat, Graf von Reventlow, fand Storm erneut einen engen Freund adliger Herkunft; die in vielem gegensätzlichen Familien pflegten engen Umgang miteinander. Die Spannungen in der neuen Beziehung mit der zweiten Ehefrau Dorothea lösten sich nach der Geburt der Tochter Friederike.

Bezeichnend für Storms Haltung den aktuellen politischen Fragen gegenüber ist die Tatsache, dass er während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Frankreich eine Sammlung von Lyrik zusammenstellte, die 1870 unter dem Titel „Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius“ im Hamburger Verlag Mauke erschien. Für eine illustrierte Auflage arbeitete er eng mit dem Maler Hans Speckter (1848-1888) zusammen, und es gelang beiden, eine im Sinne Storms mustergültige Verknüpfung von Dichtung Illustration zu erarbeiten.

Als Herausgeber von Lyrik-Anthologien hat Storm heftige Kritik an der Flut von lyrischen Ergüssen geübt, die nach 1850 die populären Publikationsmedien überschwemmten; von dieser Massenproduktion grenzte er in allen seinen theoretischen Äußerungen zur Lyrik solche Gedichte ab, in denen er die Darstellung von etwas Allgemeinen im Besonderen zu erkennen glaubte. Er unterschied solche Texte von der „Phrase“ und bezog sich mit diesem Begriff auf die Tradition der Rhetorik und normativen Poetik des 17. Jahrhunderts, die auch das Sensuelle der Poesie dem Intellekt unterwerfen wollte. Im Unterschied zur Lyrik des von ihm sehr verehrten Eduard Mörike, dessen zumeist elegischen Gedichte der 1840er Jahre noch ganz der Tradition der Erlebnislyrik der Goethezeit verpflichtet sind und die häufig von einer Selbstvergewisserung des lyrischen Ichs bestimmt werden, versuchte Storm, seine eigene Lyrikkonzeption durch das Modell einer „reinen“ Lyrik zu legitimieren.

Nach Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges und Gründung des Deutschen Reichs entwarf Storm die „Zerstreute(n) Kapitel“ und experimentiert mit neuen Erzählmustern, in denen er autobiographische Texte mit Erinnerungsnovellen verknüpfte. Es entstanden auch die „Neuen Fiedellieder“, die er in seiner Erzähltexte einordnete und so zu einer neuen Publikationsform fand, mit der er die Tradition romantischer Erzählkunst wieder aufgriff. Mit dem Berliner Verleger Elwin Paetel verabredete er die Herausgabe von Separatausgaben seiner Novellen und wurde Mitarbeiter der literarischen Zeitschrift „Deutsche Rundschau“.

 

Der Husumer Staatsbahnhof um 1900

 

Auch auf dieser Reise begleiteten Storm familiäre Probleme und geschäftliche Angelegenheiten. Die familiäre Zufriedenheit, die sich der Dichter während seines ganzen Lebens gewünscht und für die er vieles zu leisten bereit war, wurde durch sein Verhältnis zu den drei Söhnen für viele Jahre empfindlich infrage gestellt. Ob es charakterliche Eigenschaften waren oder ob der Vater zu hohe Erwartungen an seine Söhne stellte, bleibt dahingestellt; auffällig ist jedenfalls, wie der älteste Sohn Hans sein Studium verbummelte, schließlich nur durch persönliche Interventionen des Vaters zum Examen genötigt werden konnte und als Arzt zweimal scheiterte. Er verfiel dem Alkoholismus und starb noch vor seinem Vater im Jahre 1886. Auch der zweite Sohn Ernst bereitete dem Vater viel Kummer; auch er sprach dem Alkohol zu, machte Schulden und verbummelte sein Studium; allerdings fing sich der junge Jurist nach seiner Heirat und konnte zur großen Genugtuung seines Vaters mit einigen Jahren Verspätung in Husum eine geachtete Existenz als Jurist aufbauen. Der dritte Sohn Karl versagte als Musiker, weil er den hochgesteckten Zielen seines Vaters überhaupt nicht gerecht werden konnte. Der empfindsame und antriebsschwache Mann lebte schließlich zurückgezogen als Musiklehrer in Varel und starb dort 1899 an einer unheilbaren Krankheit.

 

 

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