Göttingen

Bahnhof Göttingen
Die Stadt Göttingen war für die Familie Storms während der Heiligenstädter Zeit (1856-1864) Ausgangs- und Endpunkt der Reisen von und nach Husum. Die 40 km entfernte Stadt war nur mit der Kutsche zu erreichen. Seit 1867 verbindet die Eisenbahnstrecke von Göttingen nach Heiligenstadt das Eichsfeld mit Eisenach.
Das Storm auf dieser Reise in Göttingen Station machte, hatte mit seinen Sorgen zu tun, die ihm sein Sohn Ernst bereitete, der sein Studium zunächst verbummelte und Schulden machte.
Ein Brief Ernsts aus Husum an seinen Bruder Karl vom 3. April 1872 spiegelt seine Gefühle während der Semesterferien wider:
Meine Reise ging über Heiligenstadt, wo ich ein paar Tage blieb nach Göttingen und von da nach Haus. Onkel Otto empfing mich sehr freundlich ich habe ihm manche Flasche guten Weins ausgetrunken [...]. In Altona blieb ich nur ein paar Stunden, um Tante Scherff guten Tag zu sagen und um Beafsteak zu essen. – Meine Schulden habe ich Vater noch nicht gebeichtet und muß sehen auf welche Weise ich mich durchschlage, ich gehe nächstes Semester wieder nach Göttingen oder nach Kiel, das kommt noch auf die Repetitoria u. Practica, die ich auf den beiden Universitäten haben kann, Vater wünschte zuerst, daß ich nach Leipzig zurück gehen sollte. In Husum ist Alles ziemlich wohl, die Geschwister munter, Vater einigermaßen auf dem Damm, es wäre ihm jetzt sehr schlimm, wollte ich ihm meine Geldangelegenheiten ganz enthüllen.
Ernst ging zu Beginn des Sommersemesters wieder nach Göttingen.

Göttingen, Blick auf die Burg Plesse
Theodor Storm tröstete sich mit dem Gedanken, Ernst widme sich jetzt seinen Studien. Am 15. 5. stellte er in einem Brief an Ferdinand Tönnies stolz fest: Von Ernst habe ich wiederholte Briefe gehabt; er hat in Göttingen ein angenehmes Quartier und intelligente juristische Bekannte, die, wie er, das Examen im Augen haben, und fühlt sich dort ganz behaglich. An Karl schrieb Ernst selber am 7. Mai: In Göttingen sind wir nun drei alte Borussen bei unserer Cartellverbindung den Hildesen, welche auch meist aus lauter Leuten in hohen Semestern bestehen, unter denen mit mir 8 Juristen, was mir sehr angenehm. Ich kann Dir die Versicherung geben, daß ich hier wirklich arbeite.
Der besorgte Vater schrieb ihm am 4. Juli: und so werde ich denn im letzten Drittel d. Ms (ich denke 22 oder 23st.) die Freude haben, Dich in Göttingen zu sehen. Ludwig Scherff wird mich wahrscheinlich auf der Reise begleiten.
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Göttingen, Altes Rathaus
Storm und Scherff stiegen im „Hotel zur Krone“ ab. Beim gemeinsamen Abendessen im Weinkeller u. bei Gartenmusik muss der Vater seinem Sohn deutlich die Leviten gelesen haben. Viel genutzt scheint es nicht zu haben, den erst nach Beendigung der Reise erfuhr Storm endlich von den Schulden seines Sohnes.
Ein Brief von Dorothea Storm an Karl vom 14. September lässt Storms tiefe Enttäuschung über Ernst erkennen. Sie schreibt: [… ] jetzt hat er wohin er sieht nur Sorgen; – Ernst hat ihn jetzt erst wieder gekränkt, zu Dir gesagt‹,› durch Schuldenmachen und hat Vater das Herz gebrochen, weil er gänzlich das Vertrauen verloren hat zu ihm, u das ist etwas sehr trauriges [...] Ernsts Gedanken kreisten auch um Schulden, seine eignen und die von Karl. An letzteren schrieb er am 26. September: Das ist ja eine schlimme Geschichte; wie Du weißt, bin ich eingeheimst, bekomme auch kein Taschengeld; ich habe nämlich mit den Leipziger Schulden zusammen in Göttingen wieder 120 rt Deficit gehabt; ich bat Großvater Storm brieflich, mir die Summe zu schicken aber Nichts an Vater zu sagen; statt dessen schickt er mir nur 100 rt und erzählt die Geschichte an Vater, Du kannst denken ich stehe auch nicht mehr so gut bei Vater und Großvater (der letzere schrieb mir in seinem Brief er würde nie wieder meine Schulden bezahlen) […] ich schicke Dir einen Thaler mit, ich habe mir ihn in Erwartung meines Jahrmarktsgeldes gepumpt, Großvater hat mich nämlich zu Morgen Donnerstag eingeladen zu kommen, mir etwas zu holen; sollte es mehr sein, sollst Du das Andere auch haben. Schreibe mir doch mal, wie viel Schulden Du hast, in etwas längerer Zeit könnte ich doch vielleicht etwas auftreiben – Schulden hast Du natürlich, ebenso gut wie ich; ich kann wenigstens ohne dieselben nicht existiren. Aus Ernsts Brief an Karl vom 13. November geht hervor, wie sehr Storm versuchte, seinem Sohn einen geregelten fleißigen Tagesablauf beizubringen: „Ich muß jetzt den ganzen Tag auf der Stube sitzen und arbeiten, des Abends gehe ich mit Vater durch, was ich gelernt habe – das freie Studentenleben ist ute.“ Er konnte sich jetzt keine hohen Sprünge mehr erlauben:„[…] ich werde hier auch sehr knapp gehalten und bekomme kein Geld in die Hände […] In demselben Brief legte er es Karl ans Herz, offen seine Schulden zu beichten und fleißig zu sein: Schreibe mir doch gleich damit Du die Geldsorgen los wirst, man kann nicht gut dabei arbeiten und kommt dann durch Wirthshauslaufen immer tiefer in Schulden […] ich will dann den ersten Schauer von Betrübniß und Zorn auf mich laden, Dich zur Sparsamkeit ermahnen kann ich nicht, da ich selbst der schlimmste gewesen bin – aber sei fleißig – Vater wird alt und die Zeit könnte nicht so fern sein, wo wir auf eignen Füßen stehen müßten. Die Ermahnungen Storms an seinen Sohn setzten sich fort. Am 20. Januar 1873 schreibt Ernst an Karl darüber: […] hör ich fast kein anderes Wort von Vater und Mama; als ,nun arbeite mal tüchtig mein lieber Junge‘ oder ,mein lieber Ernst‘, wie Mama sagt, ich sag Dir ich bin wie rasend; und gehen des Abends darf ich nicht, bevor ich nicht eine selbständige Moralpredigt gehört, es ist mitunter, um aus der Haut zu fahren, aber trotzdem bleib ich drin – hab ich doch auch keine Nahrungssorgen […].
David Jackson im Kommentar zum Briewechsel Theodor Storm – Ernst Storm
Nun hatte sich Ernst wohl endgültig gefangen und konnte sein Studium erfolgreich zu Ende bringen.