Heiligenstadt
Am 7. Juli fuhren Theodor Storm und Ludwig Scherff von Göttingen nach Heiligenstadt.

Von Hamburg reisten Ludwig u. ich zuerst nach Göttingen, von wo wir andern Tags mit Ernst nach Heiligenstadt reisten – mein lieber Junge, ich konnte doch nicht vorbei kommen, ohne einzukehren. Dort blieben wir bei dem Strohwittwer Onkel Otto zwei Nächte. Als wir um 11 Uhr Abends beim Wein auf seinem Hausflur saßen, ertönte draußen plötzlich vierstimmiger Gesang; ‚Hier in weiter weiter Ferne wie's mich nach der Heimath zieht.‘
Ich ging hinaus, da standen sie mit Lichtern u. Noten, viel vom alten Heiligenstadt u. schüttelten mir die Hände; Alfred Westphal, einst mein männliches Sopran-Küken, jetzt bärtiger Student, College Reichmann u. Frau, Rosalie Stein etc. auch zur Mühlen u. Frau, bei denen ich schon gewesen. Sie waren sehr herzlich, den zweiten Abend waren wir, von ihnen eingeladen, bis fast gegen Mitternacht bei einer Bowle in Benrotts Berggarten. Ludwig machte Otti z. Mühlen die Cur, Ernst schlief zuletzt auf einer Bank. (Dieß Müdewerden in Gesellschaften, was ihm auch in Husum begegnete, will mir nicht gefallen. Was meinst Du dazu?) Clärchen Byern u. Frau Tielsch waren auch da, zuletzt kam noch Baderchen, ein seltsam trockenes Seelchen. Es war die schönste Mondnacht. – Mir war seltsam zu Muthe.
Die Begrüßung mit Tante Clärchen u. ihrer Mutter war eben so herzlich, als schmerzlich; sie bewohnen jetzt ihr altes Haus Miethweise, E. schlief die erste Nacht bei Frau Linz, die zweite dort. Einen überaus traurigen Anblick gewährt die alte Tante; blind, fast ganz taub, mit gefalteten Händen, den grauen Kopf auf die Brust gesunken, sitzt sie da wie versteinert, bis man zu ihr geht u. ihr ein paar dürftige Worte ins Ohr schreit. Sie klagte mir, daß nicht sie statt des Jungen gestorben sei.
Theodor Storm an Sohn Hans, Brief vom 11.8.1872.

Amtsgericht Heiligenstadt
Nach Heiligenstadt als Kreisrichter ins dortigen Amtsgericht war der Lebensweg, den die preußische Verwaltung im Jahre 1857 Theodor Storm vorschrieb; die kleine Stadt im thüringischen Eichsfeld, ursprünglich einmal in Mainzer Besitz, bildet eine katholische Enklave in einem sonst protestantischen Umfeld. Storm hatte sich unter anderem dorthin beworben, weil er die Stadt wegen des Schulangebots für akzeptabel hielt; selbst die geographische Abgelegenheit nahm er in Kauf, denn Alternativen hätte es bloß im Osten des ungeliebten Königreichs Preußen gegeben, den Storm auch in späteren Jahren niemals bereist hat. Es gab aber noch einen zweiten Grund, warum Storm mit dem guten Gefühl nach Heiligenstadt fahren konnte, daß es hier für ihn eine neue Heimat geben würde: Sein Bruder Otto wohnte dort und betrieb eine Gärtnerei. Damit war eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen, daß Storm erwarten konnte, sich am Ort heimisch fühlen zu können. Außer in Potsdam haben an allen Orten, in denen Storm sich längere Zeit niederließ, Brüder gewohnt; in der späteren Husumer Zeit war es Dr. Aemil Storm, der Mediziner, und am Alterssitz Hademarschen wohnte bereits seit Jahren Johannes Storm, der dort einen Holzhandel betrieb. Alle Brüder waren verheiratet und hatten Kinder; darüber hinaus war Aemil Storms Frau eine Schwester Constanzes, was die familiären Beziehungen noch enger gestaltete. Auch später ergab sich noch einmal eine ganz ähnliche Konstellation: Die Frau von Johannes Storm war die Schwester von Dorothea, der zweiten Gemahlin Theodors. Dieser mannigfaltigen familiären Verbindungen gaben den intimen Hintergrund ab, vor dem sich das Alltagsleben entfalten konnte; in ganz anderer Weise als heute bildete zu Storms Zeiten die Familie den ökonomischen aber auch den emotionalen Rückhalt, der es den Männern ermöglichte, die zum Teil das Individuum bedrohenden gesellschaftlichen Veränderungen zu ertragen, mit denen sie im beruflichen Alltag ständig konfrontiert waren.

Die Storms bezogen in Heiligenstadt zunächst ein Haus „vor dem Casseler Tor“, das Bruder Otto gehörte; bald aber erforderte der Eigenbedarf der Bruderfamilie einen Umzug in ein Haus in der Wilhelmstraße, mitten in der Stadt, wo die Familie bis zu ihrer Rückkehr nach Husum wohnte. Das Leben in der 6500 Einwohner zählenden Kleinstadt war bedeutend ruhiger als in der preußischen Residenz Potsdam. Storm konnte in seinem Amt wieder nach der ihm vertrauten Weise tätig sein und hatte daher genügend Zeit, sich seinen literarischen Ambitionen zu widmen. Sein Gehalt von zunächst 600 Talern jährlich schuf die Grundlage für ein Auskommen, da die meisten Bewohner des Eichsfelds bedeutend weniger Einnahmen hatten; Storm jedoch unterhielt einen großen Haushalt (die Töchter Lucie und Elsabe wurden in Heiligenstadt geboren) und wollte gesellschaftliche Verpflichtungen nachkommen, deshalb kam er mit seinem Gehalt nicht aus, und da die Einnahmen aus Veröffentlichungen noch spärlich flossen, mußte weiterhin sein Vater helfen. Selbst ein Tafelklavier ließ Johann Casimir Storm nach Heiligenstadt liefern, das für den Dichter eine willkommene Entspannungsmöglichkeit bot.

Das gesellschaftliche Leben entfaltete sich unter den wenigen gebildeten Familien der Stadt, unter denen die preußischen Beamten den Ton angaben. Storm fand viele Freunde, unter ihnen besonders Alexander von Wussow (1820-1889), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Von Wussow wurde 1857 zum Landrat ernannt und wirkte bis 1864 im Kreis Heiligenstadt. Gerade diese Freundschaft, in die die Familien einbezogen waren, zeigt, wie deutlich Storm zwischen seiner Abneigung dem preußischen Adel gegenüber und seinen privaten Beziehungen zu einzelnen Adligen zu unterscheiden wußte. Galt ihm der Adel als Inbegriff der veralteten preußischen Herrschaftsstrukturen, so konnte er dennoch die Persönlichkeit von Wussows schätzen und in freundschaftlicher Verbindung von dem ganz anders gearteten Mann profitieren. Die Familien trafen sich in erweitertem Kreise jeden Donnerstag zu „römischen Abenden“, auf denen gemeinsam gegessen, getrunken und vorgelesen wurde. Auch gründete Storm in Heiligenstadt einen Gesangverein und konnte auf diesem Feld ebenfalls seine kulturellen Aktivitäten fortsetzen.
Die Landschaft um die Stadt herum bot mannigfache Gelegenheiten zu Ausflügen, die Kinder wuchsen in einer gesunden Umgebung heran, und Storm fand auch wieder Muße, neue Themen literarisch anzugehen. In Heiligenstadt entstanden eine Reihe von Novellen, in denen der Autor seinen Erzählstil fand, so „Späte Rosen“, Drüben am Markt“ und „Veronika“ sowie „Auf der Universität“, „Im Schloß“ und „Unter dem Tannenbaum“; vor allem die Novelle „Auf dem Staatshof“ lässt erkennen, wie Storm nun in der Lage ist, die Fülle der Bilder durch souverän verwendete erzähltechnische Mittel zu einem geschlossenen Handlungsganzen zusammenzufügen.
Die acht Jahre in Heiligenstadt wurden für Storms Novellistik prägend; nun endlich hatte er seinen Stil gefunden, die Struktur der Rahmennovelle ermöglichte es dem Dichter, seine Themen, die er in den aktuellen gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit fand, durch eine klare Erzählperspektive realistisch darzustellen.
Sechs Novellen, die Gespenstergeschichtensammlung „Am Kamin“, die Lyrikanthologie „Deutsche Liebeslieder seit Joh. Chr. Günther“ sowie zwei Märchen entstanden in Heiligenstadt; außerdem nahm Storm eine Reihe von literarischen Anregungen mit, als er 1864 endlich nach Husum zurückkehren konnte.