München
Der Zwischenstopp in München mit einem Besuch bei Paul Heyse hatte Storm seit langem vorbereitet, wie folgender Auszug aus dem Briefwechsel zeigt.
Unjung und nicht mehr ganz gesund, wie ich es bin zu dieser Stund, folge ich dem Rath meiner Aerzte und gehe, einer jahrelang wiederholten Einladung nachkommend, auf einige Wochen zum Reichsrath Schindler, (cf. Hausbuch: Julius v. d. Traun) der den Sommer auf seinem Schlosse Leopoldskron bei Salzburg wohnt. Dabei komme ich durch München (ich denke in den letzten 5 Tagen des Juli) wo ich einen Tag zu bleiben dachte. Sind sie dann dort oder ausgeflogen; ich möchte Sie doch gern noch einmal wiedersehn; und Frau Clara, wie steht's mit der? Mögen Sie mir hierüber Nachricht geben?
Ich schrieb vor einiger Zeit an Schindler in pcto Aufnahme seines Scharfrichters und der geäußerten Backfischbedenken; er antwortete mir, daß Sie ihm bisher nicht geschrieben. Wenn Sie übrigens nicht etwa unangenehme Erfahrungen mit den, meines Erachtens, viel bedenklicheren Geschichten von Kleist u. Keller gemacht haben, so wüßte ich nicht, weshalb der Scharfrichter außen verbleiben sollte.
Mein Vetter Ludwig Scherff, dem ich im vorigen Jahre die, etwas leicht gegezimmerten „Neuen Fiedellieder“ zur Composition widmete (Salon), wird mich auf meiner Reise begleiten, da er in der glücklichen Lage ist – nein, das „da“ paßt nicht; ich wollte nur in Betreff seiner erläuternd bemerken, daß er in diesem Frühjahr seine Stellung als 2tn Beamter der norddeutschen Bank in Hamburg quittirte, um sich ganz seinem Natur-Berufe, der Musik zu widmen; eine Jugend-Oper „Die Rose von Bacherach“, worin, wie der alte Eggers sagen würde, die Romantik man so rauscht, ging diesen Winter über die Hamburger Bühne u. erregte viel pro et contra. So viel zur Orientirung, falls Sie ihn als meinen Reisegenossen treffen sollten.
Theodor Storm an Paul Heyse, Brief vom 24.6.1872.

Hauptfront des Münchner Bahnhofes in südwestlicher Richtung 1870
Sicherlich werde ich Sie um jeden Preis hier oder dort an- und hoffentlich festhalten, hier in München, wo mir's freilich gerade gegen Ende Juli wegen des Universitäts-Jubiläums1 nicht am gelegensten schiene, alter Freundschaft froh zu werden, wo ich aber gleichwohl als Festspielhelfershelfer schwerlich zu entbehren bin, oder, falls ich dennoch loskomme, halbwegs Salzburg, in unserm stillen Seewinkel, Prien geheißen (dicht vor dem Chiemsee). Hier würde ich Ihnen dann auflauern, Sie, nöthigenfalls mit Gewalt, wenn die sanftüberredende Bitte meines Weibes nicht ausreichen sollte, von der Bahn ablenken und mich einige Tage Ihrer bemächtigen. Mich dünkt, auch das Scharfrichter-Kapitel könnte bis dahin vertagt werden. Nur so Viel, daß ich zwar nicht gerade sehr dafür, Kurz aber desto mehr dagegen war. Seitdem – gerade in den letzten 8 Tagen – habe ich umsonst nach Genießbarem in den „Südfrüchten“ desselben talent- und geistvollen Mannes herumgenascht. Er ist leider von denen, die Früchte in Senf einmachen. Der Scharfrichter ist doch wenigstens in englischem Pfeffer conservirt. Aber Kurz stößt sich – mehr noch als am sogen. Anstößigen – an dem cruden Spuk, der obenein an Kasperl und Annerl erinnert.
Mehr davon mündlich. Eben erhalte ich Band IX mit der Malerarbeit, an der ich corrigendo wieder meine reine Freude gehabt habe. Das Buch wird Ihnen allernächstens zugehen.
Von Frau Clara soll ich Ihnen erzählen? Traurigstes haben wir überstanden, und wenn es jetzt gelinder geht, hoffnungslos bleibt der Zustand bei all dem. Dazu Hans in einem Elend, das über alle Beschreibung ist. Wir sind froh, nach drei qualvollen Monaten hoffen zu dürfen, daß wir die beiden theuren Menschen Anfang oder Mitte Juli ebenfalls in die Nähe des Chiemsees werden transportiren können.
Paul Heyse an Theodor Storm, Brief vom 26.6.1872.
Ich denke so am 27. d. M. nach München zu kommen: Sind Sie am Chiemsee in Prien, so halte ich mich in München nicht auf, sondern gehe sofort dahin, um dann einen Tag mit Ihnen u. den Ihrigen zu verleben; - - - - falls Sie in dieser Zeit überhaupt [für] etwas außer Universitäts-Jubiläum existiren.
Bitte schreiben Sie mir umgehend eine Zeile poste restante Nürnberg, ob Sie 26-28 d. M. in München oder Prien zu treffen sind. Ich gebe Ihnen dann zeitig nähere Nachricht; auch um Ihre genaue Adr. möchte ich bitten.
Theodor Storm an Paul Heyse, Brief vom 22.7.1872.
Am 27sten Abends komme ich in die Stadt, habe am 28sten Festspiel-Probe im Theater, bin aber den übrigen Tag frei und freue mich sehr, mir mit Ihnen, lieber Freund, ein kleines Vor- und Privat-Fest machen zu können. Hinterlassen Sie mir in meiner Wohnung Arcisstr. 9/2 wo Sie abgestiegen sind, falls Sie mich gegen Mittag dort nicht treffen sollten.
Schön, daß das schwerfällige schriftliche Verfahren endlich einmal dem mündlichen weichen soll.
Paul Heyse an Theodor Storm, Brief vom 25. 7. 1872.
Theodor Storm kündigte seinen Besuch aus Nürnberg noch einmal an: Sonntag 28 Juli 72. Lieber Heyse! Zunächst, Sie sollen sich meinetwegen keinen Zwang auflegen. Ich komme erst morgen (Montag) 1 U. 40 M. in München an und werde im Rheinischen Hof (beim Bahnhof) absteigen. Sind Sie noch in München, so finde ich dort vielleicht einen Zettel von Ihnen, ob, wann u. wo ich Sie treffen kann. Sonst kann ich vielleicht auf der Rückreise einen Tag in Prien verweilen, wenn Sie dort sind; d. h. etwa zwischen 20/23 Sept. Mit Gruß, Th Storm.

Nach dem Einchecken im Hotel Rheinischer Hof am 29. Juli trafen sich Storm und Scherff mit Heyse im Garten des Kaffee National zum Mittagessen.
Seinen Reisebegleiter hatte Storm bereits in einem Brief an Heyse bereits im November des Vorjahres vorgestellt:
Mittwoch fahre ich auf einige Tage nach Hamburg, um dort die Erstlingsoper eines nahen Verwandten „Die Rose von Bacherach“ von Ludwig Scherff, ein Werk von leuchtender jugendfrische und süßester graciöser Melodie, zu hören. – Haben Sie in München Einfluß auf musicalische Kreise, so versäumen Sie nicht, Ihnen in meinem Namen die 3 Tanzreigen aus Scheffels Fau Aventiure, die, für Chor componirt v. L. Scherff, nächstens in der Niemeyerschen Buchhandlung in Hamburg erscheinen werden. Der „Heini von Steyer“, der zuerst erscheinen wird, ist von wahrhaft bezaubernder Schönheit und an betreffender Stelle von packender Begeisterung. Ich singe ihn n bis jetzt allen Leuten Solo vor.
Theodor Storm an Paul Heyse, Brief vom 19. 11. 1871.

Paul Heyse (1830-1914) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer.
Theodor Storm und Paul Heyse haben fast 35 Jahre miteinander Briefe gewechselt. Die Korrespondenz – es ist die umfangreichste, die Storm geführt hat –- wird eröffnet mit Storms kurzem Billett vom November 1855, und sie schließt mit Heyses Schreiben vom 23, Mai 1888, gut einen Monat vor Sturms Tod, Zwar ist der Briefkontakt zwischen 1853 und I870 recht spärlich, aber seit Heyse und Storm mit der Herausgabe zweier Anthologien betaut waren – Heyse mit dem „Deutschen Novellenschatz“, den er zusammen mit Hermann Kurz besorgte, Storm mit seinem „Hausbuch aus deutschen Dichtern“ –, intensivierte sich der schriftliche Austausch zwischen München und Husum erheblich. Die Ratschläge, die sich die beiden gegenseitig erteilen, die ausgiebigen Erörterungen über deutsche Novellen und Gedichte, die es verdienten oder nicht verdienten, in eine Mustersammlung aufgenommen zu werden, tragen zur ‚Literarisierung‘ des Briefwechsels zwischen Heyse und Storm bei, und neben den vor allem auf Seiten Storms unvermeidlichen Berichten über das eigene Befinden und über das Tun und Treiben seiner Familie ist die Debatte über Literatur, über eigene Werke und diejenigen anderer Autoren für ein Vierteljahrhundert der Schwerpunkt der Korrespondenz. In diesem Zeitraum vollzieht sich die Entwicklung vom poetischen Realismus hin zum Spätrealismus, an dem Storm mit den Novellen der achtziger Jahre wesentlichen Anteil hat. Heyse dagegen macht diesen Fortschritt nicht mit; von den Novellen der fünfziger Jahre bis ins 20. Jahrhundert hinein behandelt er seine bevorzugten Themen von Liebe und Leidenschaft, von den geheimnisvollen Gemütstiefen seltener oder doch sehr entschieden ausgeprägter Individuen, wie er in der Einleitung zum „Deutschen Novellenschatz“ schreibt, über einer makellosen, glatten, aber auch unpersönlichen und über merkwürdig wenig stilistische Variationsmöglichkeiten verfügenden Sprache.
Walter Hettche: Theodor Storm und Paul Heyse. Literarische und biographische Aspekte einer Dichterfreundschaft. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 1995, S. 39-54.

Paul Heyse, Fotografie von Emilie Vogelsang, Berlin um 1880
Möglicherweise waren diesbezügliche Bemühungen Heyses in München Ursache für Scherffs Reise, denn er blieb in eigenen Angelegenheiten in der Residenzstadt und folgte Storm erst zehn Tage später nach Salzburg, wo er am 10. August eintraf.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen begaben sich die drei zur Arcisstraße 9 in Heyses Wohnung. Heyse notierte in sein Tagebuch: „Storms singt Scherffsche Lieder, reist morgen zu Schindler nach Leopoldskron.“