Hier leb ich denn wie Gott in Frankreich“ – Bei den Schindlers in Schloss Leopoldskron

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Die Fahrt zum südlich von Salzburg gelegene Schloss dauerte nur eine halbe Stunde, dann wurde Storm von Schindlers Frau herzlich empfangen.

 

Photographie aus dem Nachlass von Theodor Storm

 

Bereits in seinem Einladungsschreiben vom April hatte Schindler Storm angekündigt:

Ich werde Sie unter Menschen betten und wenn Sie die großen Schloßzimmer scheuen, so können Sie im sogenannten Verwalterhause oder kleinen Schloße schlafen, das 100 Schritte vom großen Schlosse entfernt im Garten liegt, mit den Stallungen u Mayerhofgebäude in Verbindung ist und in dem außer meinem verheirateten Verwalter, dem Gärtner und einem Dutzend Knechte, Mägde, Kutschern u dgl. eine Schaar fröhlicher Hunde und der Obersthofmeister des Erzherzogs Ludwig Viktor (der in Salzburg residirt) samt Frau, Kindern, Hofmeister, Gouvernante und Dienerschaft wohnt; denn auch dieses Gebäude enthält einige zwanzig Zimmer, von denen wir etwa die Hälfte als Winterwohnung für uns reserviert und behaglich eingerichtet haben. Jedenfalls lasse ich dort auch einen Diener neben Ihnen schlafen. Sie werden sich aber vielleicht auch mit dem großen Schlosse versöhnen, denn es ist heiter und heimlich und ich würde Ihnen ein Zimmer anweisen, das durch eine Thüre mit dem Schlafzimmer meines Sohnes und durch eine andere mit einem Vorzimmer in Verbindung steht, in das ich Ihnen einen verlässlichen Herkules deponiren will.

Julius Schindler an Theodor Storm, Brief vom 24.4.1872.

 

Der Gast beschrieb seinen Aufenthalt in mehreren Briefen an die Familie.

Sehr gut traf es sich, daß Schindler, der nach 10jähriger politischer Carriere bei der letzten Reichsrathswahl durch die ultramontane u. socialdemokratische Partei seinen Sitz im Reichsrath verloren, und nun wieder mehr seiner Poesie lebt, ein großes – äußerst interessantes – episches Gedicht „König Salomo von Ungarn“ vollendet hatte; so hatten wir im Hause eine bestimmte Beschäftigung, wenn Regenwetter war oder wenn wir nicht im Garten zu angeln standen, wobei uns die zahmen Störche, die die kleinen Weißfische bekamen, fast auf die Füße traten, oder wenn wir nicht auf dem See fuhren. Wir nahmen das ganze Gedicht zusammen durch, corrigirten u. strichen, da es zum Druck vorbereitet wurde. Stolle muß es einmal vorlesen; es eignet sich sehr dazu.

Theodor Storm an Ernst Esmarch, Brief vom 19.10.1872.

 

 

 

 Also – es ist morgens 8 U., draußen vor meinem offnen Fenster dicht am Garten liegt im Sonnenschein der kleine See mit 2 Garteninselchen, dann ein Streifen Wald, dahinter, als erhöben sie sich unmittelbar daran, in der That stundenweit entfernt, der gigantische Kranz der Alpen von zartem Duft umwebt, der Staufen, der Unterberg (worin Kaiser Karl d. Gr. sitzt), der Göll, das Tännengebirge, das steinerne Meer, weiße Wolken umschweben ihre Wipfel, der des Göll ist mit Schnee bedeckt. Auf dem See schwebt in einem Nachen Ludwig Scherff; denn auch der ist seit gestern in diesem gastfreien Hause. Er begleitete mich bis München, wo wir sehr nett mit Paul Heyse dinirten, und hat sich dann bis gestern dort u. auf der Reise hieher über Innspruck aufgehalten.

Theodor Storm an Sohn Hans, Brief vom 11.8.1872

 

Das Leben dort zu beschreiben, reicht ein Brief nicht aus. Das Schloß ist groß und hell, eine breite Treppe von polirtem Marmor führt in die beiden oberen Etagen. Aus meinem Schlafzimmer (Erste Etage) trat ich durch eine Flügelthür auf das Chor der Schloßkapelle, welche in das untere Stockwerk hinabgeht und von da in den großen Marmorsaal der die Höhe der ersten und zweiten Etagec) und nach beiden Seiten einen breiten Balcon hat, den einen mit der Aussicht auf Garten und Alleeen, den ändern über Garten und See hinweg auf die Kette der Voralpen, Hohenstaufen, Untersberg, Göll, Tännengebirg, steinernes Meer u.s.w., die oft so dicht liegen, als könnte man nach einer Viertelstunde Weges hinaufspaziren und bei jeder Tages- und Wetterveränderung in ändern Lichtern spielen, mitunter bei dicker Luft waren sie ganz fort und nur oben aus den Wolken guckte eine Felsenspitze. Die unbegrenzteste Gastfreundschaft genoß ich in diesem Hause, so daß ich während meines 3 wöchentlichen Aufenthalts nicht nur keine Gelegenheit hatte (für Wäsche z. B. oder dgl.) auch nur einen Groschen auszugeben, sondern auch, beispielsweise, die Frau Dr. Schindler, als sie hörte daß ich auf Gurtenrahmen zu Hause schliefe, die sie dort nicht kennen, mich kurz darauf durch einen solchen in meinem Bett überraschte, den sie heimlich hatte machen lassen.

Theodor Storm an Ernst Esmarch, Brief vom 19.10.1872.

 

  

 

Sonn- und Festtags waren stets der Verwalter – es sind jetzt 2 Meier-Höfe bei dem Schloß – und seine reizende Frau, sowie der behagliche Pfarrer vom Moos mit zu Tisch. Man ist dort katholisch; aber wie Paul Heyse mir von seiner Frau sagte, man „macht keinen Gebrauch davon;“ oder wie der Pfarrer von Leopoldskron-Moos von Schindler sagte: „Der Herr Doctor, der kommt in den Himmel; nit um seines Glaubens willen, aber um seines Herzens willen.“ Die Frau Verwalterin, übrigens – da die Mutter, eine Sängerin u. Gesanglehrerin, im Irrenhaus war, von Schindlers als Kind aufgenommen, war zwei Jahre in Danzig Schauspielerin gewesen und hatte dort das „Käthchen von Heilbronn“ u. dgl. gegeben, neben ihr war eine junge Freundin, die wir in gegebener Veranlassung „Irma, das unverliebte Mädchen“ tauften. Sie hieß Irma Kurzweil, ein allerliebstes Mädchen. Dann war eine verheirathete Tochter Schindler's, Frau Jeannette Schaffarck mit einem allerliebsten Mädel von 3 Jahren auf Sommerfrische da. Auch ihr Mann kam und der Sohn Alexander Schindler, „der wenigst tugendhafteste der Familie“, wie sein Vater sagte, ein wilder Bursch, der übrigens hinreißend Zitther spielt. Er u. sein Schwager haben in Wien eine Seidenhandlung en gros. Das war die Tafelrunde in Leopoldskron.

Theodor Storm an Ernst Esmarch, Brief vom 19.10.1872.

 

 

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