Briefe an Susanne                                                                   Kommentar

 

223. Gerhard E.                                                [Solingen,] 24/30.7.67

Liebe Susanne!

Heute will ich Dir auf die Anmerkungen zu meinen Gedichten antworten. Du hast recht bezüglich der letzten Zeile (Ich suche meine Judenpeitsche). Logischer heißt es jetzt

denn kein gutes Gewissen, nur ein Prügelstock

oder eine Peitsche verhilft euch zum Sündenbock

Du brauchst mir kein Plagiat vorwerfen; ich habe kein Fernsehspiel mit H. Lothar gesehen, das meinem Stück ähnlich ist. Die Übereinstimmung mag zufällig sein, ich versichere Dir, keine Absicht liegt bei mir vor.

Da habe ich ein neues Gedicht:

 

Neulich träumte mir,

es war ein eindrucksvoller Traum,

ich wanderte durch dunkle Räume.

Ein alter Gott,

gramgebeugt,

mit Furchen im Gesicht,

trat mir dort in den Weg.

Da blickte ich ihn an

und sah,

erstaunt wie nie,

die Tränen in des Alten Augen.

Du bist ein Gott und weinst,

sprach ich

und fasste seine Hand.

Er blickte endlos traurig zu mir auf

und sagte langsam nur:

Mensch, o Mensch!

Dann stürzte er,

so wie ein ausgebranntes Haus,

in sich zusammen.

Irgendetwas aber

verbot mir

ihm zu helfen.

 

So ging ich weiter,

und weil ich viele Menschen sah,

in diesem Träume noch,

so dachte alles doch in mir,

an den armen, alten Gott

und an sein schmerzlich hingehauchtes

Mensch, o Mensch!

 

Es ist ganz neu, gerade 20 Minuten alt. Was sagst Du dazu?

Da Du ja auch so leicht über Scheinmoral wütend bist wie ich, lasse ich noch’n Gedicht folgen, das ich auf Rolands Anregung hin vor 3 Wochen niedergeschrieben habe.

 

Moral

 

Eine alte Vettel schlich

und ein junges Ding auf dem Strich;

die haben Männer schlapp gemacht

und ihr Geld mit Lui durchgebracht.

 

O welch entsetzlich Tun!

Skandal!

Frau Studienrat kann nicht mehr ruhn

und wird schon vor Entrüstung fahl.

 

Frau Witwe Müller sitzt bei ihr:

Sie ist scheußlich, die Moral;

Wir haben auch die Fremdarbeiter hier,

bald wie bei Negers in dem Kral!

 

Die eine geht mit stolz erhobnem Haupte,

Frau Studienrat ist jetzt allein;

sie denkt begierig schon ans Unerlaubte

und schließt sich in ihr Zimmer ein.

 

Dann, unterm Sekretär,

in weißer Mieder-Wäsche keusch verborgen,

wühlt sie den schmutzigen Roman hervor

und liest erbebend bis zum Morgen.

 

 

Wenn Jesus wiederkommt

 

Ich sehe Zukunft

Ich sehe Menschen

Ich sehe Tod

 

Ich sehe sie arbeiten

Ich sehe sie leben

Ich sehe sie morden

 

Ich höre Arbeitslärm

Ich höre Kinder lachen

Ich höre Tote weinen

 

Wenn Jesus wiederkommt, wird auch er weinen.

 

 

Ich schlug meine Mutter tot,

Neulich, als ich heimkehrte

Aus fremdem Land.

 

Da lag sie vor mir in ihrem Blut,

Neulich, als ich Antwort begehrte

Und die leere Schwester fand.

 

Sie jammerte um ihr Leben,

Ich habe es gerade vollbracht.

Ich sah sie vor Todesangst beben,

Und habe nicht an meine Jugend gedacht.

 

Ein Gott wollte, daß ich sie schlug,

Ein großer Gott, es ist kein Trug.

Er wird mich nicht rächen, das weiß ich genau.

 

Ihr Götter schlagt Menschen mit Menschen tot.

Sie war gewiß eine schlechte Frau,

Doch ihr Blut, ihr Blut war so rot!

 

Doch nun genug der klagenden Gesänge. Du kennst doch Lysistrata? Hier die „Klage eines geilen Gatten, dem die Frau trotz intensiver Werbung das Ehegemach versperrt und die Unverschämtheit besitzt, ihn zu reizen und dabei dennoch treu bleibt“.

 

Komm zu mir, heißgeliebter Abendstern,

Verkürzerin der langen Nächte!

Wie lange willst du noch

Der Wollust Tor

Dem Gatten hier verschließen?

Siehst du nicht das Zittern,

nicht den Ausdruck aller Glieder

und des mächtig angespannten Leibes,

Der zum Kampf gerüstet ist?

 

Warum musst du mich

Reizen noch durch Tändelei?

Weh dir, führst du die Nummer nochmals vor,

Dann lauf ich zu der Barbaren Weiber,

Die mich sicher dann,

Als einen Mann von Welt,

In ihre Arme nehmen!

 

Warte, Biest, wenn ich dich fange,

Schrecklich wird das Liebesspiel!

Hundertfach werd ich dich jagen,

Über Tisch und Bänke, durch das Haus.

 

Wenn du dann um Gnade wimmerst,

lach ich nur und sage dir:

Das war erst der Anfang, holdes Kind!

 

Soweit also das. Ich entnehme Deinen Briefen, daß es Dir langsam aber sicher etwas zu viel in England wird. Mach’ Dir nichts daraus und denke immer daran, daß ich Dich in etwa 1,5 Monaten wieder hier erwarte.

Neulich war ich bei Deiner Mutter und habe ihr die Karte gebracht. Euer Hund war ganz außer sich vor Freude. Ich habe ihn erst eine Viertelstunde kraulen müssen, bevor er ruhig wurde.

Jochen hat jetzt 4 Wochen Urlaub und ist eingetroffen. Wolfgang ist auch da und Martin erwarten wir in der nächsten Woche. Dann sind wieder einige von den Banausen da und wir können Blödsinn machen. Du bist die einzige, die fehlt. Im Laubach gedenkt alles Deiner, meinem (unserem) Schicksal und Jochens Bauch.

Seit dem 25.7. arbeite ich im Arbeitsamt und verdiene ordentlich fürs Studium. Die Arbeit ist nicht scher und auch interessant. Ich habe die Vermittlungskartei von einer alten Dame übernommen, die pensioniert worden ist.

Gestern waren Reinhard, Jochen, Bulle, Günter, Jürgen W., Ecki und ich bei Ebbi und anschließend bei Männe Krüger. Du kannst Dir ja vorstellen, mit welchem Hallo wir mit 2 Autos und einem Roller durch die Stadt gebraust sind! Abends haben wir noch Minigolf gespielt und dann bei Michael Tischtennis.

Deinen letzten Brief erhielt ich gestern. Ich hoffe, daß Du bald in einer Familie bist, bei der Du dich wohler fühlst!

Im nächsten Jahr werden wir wahrscheinlich ohne Roland und Gunhild in Urlaub fahren, da Roland keine Zeit hat und sich auf die Prüfung vorbereitet. Mir ist es auch ganz lieb, wenn wir allein sind.

Heute erhielt ich Deinen Brief und kann jetzt endlich meinen an Dich abschicken.

Ich leibe Dich und sehne mich sehr nach Dir.

Liebe viele Grüße und Küsse von

Deinem Gerhard.

P.S. Felix haben wir töten lassen, da sie an einer unheilbaren Krankheit litt. Meine Mutter ist ganz geknickt.

 

[Anlage]

Detlev

Wenn es nach einem ordentlichen Regenguß schönes Wetter gab, gingen wir auf den Denkmalplatz und sahen ihm im Schatten der Robinien beim Malen zu. Er hatte einen Stock in der Hand und beugte sich über eine mehrere Quadratmeter große Fläche schwarzen Bördebodens, den er vorher sorgfältig von Blättern, Stöcken und Steinen gereinigt hatte. Dann grub er in schnellen Zügen die groben Umrisse eines Segelschiffes in die trockene Erde. Jetzt zeichnete er die Masten, die Mastkörbe und dann Segel auf Segel. Wir schauten zu und staunten; das konnte keiner von uns. Bald waren alle Segel gesetzt und das Vollschiff ging vor den Wind. Wir hatten bisher zugeguckt; nun aber wagte Erwin den ersten Angriff. Schnell sprang er vor und löschte ein Focksegel weg. Schon war er einige Meter zur Seite gelaufen und hatte sich hinter dem Denkmal versteckt. Detlev schrie auf und ließ Schaum vom Mund tropfen. Der Krieg war erklärt. Wir zogen uns einige Schritte zurück. Langsam bildeten wir einen großen Kreis. Die Wölfe umringten ihr Opfer. Detlev stand dicht neben seinem Schiff und verteidigte seine Masten und seine Segel. Wir, manchmal fünf oder sechs Jungen, selten waren auch Mädchen dabei, suchten eine Gelegenheit, anzugreifen. Sobald Detlev sich hinunterbeugte, unartikulierte Laute ausstieß und sabbernd das ausgelöschte Segel wieder flickte, sprang einer vor und löschte ein Stück Leinen aus. Detlev jaulte dann wie ein geprügelter Hund und schlug mit dem Stock. Mancheiner fing so einen schmerzhaften Hieb, aber Segel um Segel verschwand, und die Meute blieb Sieger. Bald kam Detlev mit der Schiffsreparatur nicht mehr nach, gab tierische Laute von sich und trabte die Straße hinunter zum Spittel, wo er mit seiner alten Mutter wohnte. Wir waren Sieger, das stolze Schiff wurde in Grund und Boden getrampelt und endgültig versenkt.

GE ’67