Julius Mannhardt: Erzählungen aus den Bädern von Lucca

II. Frau Venus

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Die Grenzboten. 59. Jahrgang (1900), Erstes Vierteljahr, S. 37–44 und 92–98.

 

Frau Venus

 

Es giebt Frauen, die mit allem Liebreiz und jeglicher Anmut des Geistes und Körpers geschmückt, mit stetem Frohsinn und anscheinend mit beständiger Jugend begabt und von den irdischen Mängeln gleichsam unberührt alles um sich her bezaubern – und doch immer vereinsamt und fremd im Leben stehn. Denn es fehlt ihnen, die nur um ihrer selbst und ihrer Schönheit willen da zu sein und als bloßer Schmuck und zierliche Augenweide im Leben zu stehn scheinen, die Teilnahme für andre und damit die Grundbedingung unserer christlichen, auf Pflichterfüllung und nützliches Wirken, nicht auf schöne Darstellung und Genuß gerichteten Weltanschauung. Das Mittelalter faßte ihre Gattung in den Erzählungen von der Frau Venus zusammen, der argen Teufelin, der es alle ihre Eigenschaften beilegte und damit den Anachronismus bezeichnete, woran diese schönen sinnenfrohen heidnischen Wesen in unsrer Zeit unbarmherzig zu Grunde gehn.

   Meine Erzählung handelt von einer solchen.

Erzählungen von der Frau Venus: Der Venusberg ist ein seit dem Mittelalter bekanntes Sagenmotiv, das vor allem im Zusammenhang mit dem Minnesänger Tannhäuser erscheint und neben volkstümlichen Texten zahlreiche künstlerische Bearbeitungen erfahren hat. Frau Venus, die mit Nymphen und Nixen im Inneren des nach ihr benannten Bergs luxuriös Hof hält, lockt durch ihre Schönheit Menschen zu sich herein, die dort ein dem Eros ergebenes, sündiges Leben führen und so der Verdammnis zum Opfer fallen. Ähnliche Sagenstoffe finden sich in verschiedenen Kulturen, so etwa in der Odyssee, wo Kirke und Kalypso den Odysseus verführen und mehrere Jahre bei sich behalten.

 

Der Venusberg erscheint bereits 1437/38 im Formicarius des Johannes Nider oder 1614 in Heinrich Kornmanns Mons Veneris. Intensiv wird das Motiv zusammen mit der Tannhäuser-Sage während der Romantik behandelt. Es findet sich bei Ludwig Tieck (Erzählung Der getreue Eckart und der Tannhäuser, 1799), Achim von Arnim und Clemens Brentano (Sammlung Des Knaben Wunderhorn, 1806), den Brüdern Grimm (Sammlung Deutsche Sagen, 1816), Joseph von Eichendorff (Erzählung Das Marmorbild, 1819), Ludwig Bechstein (Sammlung Die Sagen von Eisenach und der Wartburg, dem Hörselberg und Reinhardsbrunn, 1835), Heinrich Heine (Essay Elementargeister, 1837), Ludwig Uhland (Sammlung Volkslieder, 1844). Am bekanntesten ist die Umsetzung in Richard Wagners Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg von 1845. Zeitgenössisch bezeichnet Hannes Anderer den Ort einer sexuellen Initiation in einem luxuriösen Ambiente als Venusberg, in seinem Roman Begegnung mit Melusine.

 

Niklaus Manuel: Frau Venus, um 1512

 

Tannhauser ist eine Volksballade mit einem Thema aus der religiösen Überlieferung, genauer eine Legendenballade (Untergattung der Volksballade) vom Sünder, dem der Papst den Sündenablass (Vergebung) verweigert. Um eine Verwechslung mit dem historischen Minnesänger Tannhäuser (13. Jahrhundert) auszuschließen, wird die Ballade Tannhauser genannt – bei Richard Wagner sind in seiner Oper Tannhäuser mehrere Stoffe miteinander vermischt. Wie die Volksliedforschung heute die Überlieferung interpretiert, haben sie wohl nur den Namen gemeinsam.
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1. Nun will ich aber heben an,
Tannhauser zu besingen
und was er wunders hat getan
im Venusberg darinnen.

 

2. Und wie er kam vor’n Venusberg,
da klopft er an die Pforte:
„Frau Venus, lasst mich freundlich ein,
mich verlangt nach diesem Orte!“

 

3. Dort blieb er sieben Jahre lang
und lebt in Freud’ und Liebe;
ein Sünder wurde er genannt,
dem der Himmel verschlossen bliebe.

[…]

Nach: Moritaten, Balladen und gesungene Geschichten II. München 1991 (Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern); Volksmusikwochenende „Balladen in Oberbayern“, Kloster Seeon 1997.

Henri Fantin-Latour: Tannhauser – Venusberg, Lithographie 1876

 

In Heinrich Heines Epos „Vitzliputzli“ (erschienen 1851 im Gedichtband „Romanzero“) fungiert der Venusberg-Mythos als melancholischer Rückblick auf eine verlorene Epoche und als Metapher für die eigene Biografie. Heine bricht hier mit der klassisch-romantischen Darstellung, wie man sie bei Eichendorff findet, und transformiert sie in ein Bild des Rückzugs und der Ironie. Im Präludium reflektiert das lyrische Ich über seine Jugend und nennt den Venusberg explizit als einen Ort seines früheren Lebens:

Meine schönsten Lebensjahre

Die verbracht’ ich im Kyffhäuser,

Auch im Venusberg und andern

Katakomben der Romantik.

Heine nutzt den Mythos hier nicht als aktuelle Bedrohung, sondern als nostalgisches Museum oder Grabstätte („Katakomben“) für seine eigene romantische Vergangenheit. Die Venus ist keine verführerische Statue mehr, sondern Teil einer Welt, die er hinter sich gelassen hat. Während die Venus bei Eichendorff noch eine unheimliche Macht ausstrahlt, wird sie bei Heine entzaubert. Der Venusberg wird zum Sinnbild für eine ästhetische Scheinwelt, die der harten Realität des Exils und seiner Krankheit („Matratzengruft“) nicht mehr standhalten kann. Die ehemals göttliche oder dämonische Kraft wird zur bloßen literarischen Erinnerung degradiert.
Heinrich Heine: Vitzliputzli. In: Romanzero. Erstes Buch: Historien. Hamburg 1851, S 89-115.

 

Vor einigen Jahren machte ich am Strande von Viareggio die Bekanntschaft zweier Schwestern, die gleich mir einem größern gesellschaftlichen Kreise, wie der Zufall ihn unter den zeitweiligen Bewohnern eines Badeorts zusammenführt, angehörten. Es waren Russinnen, die schon seit Jahren in Florenz lebten. Die ältere, Madame Aurelia, war Witwe, eine verständige und gutmütige Frau von vornehmer Art und großer Gewandtheit in den Formen des gesellschaftlichen Lebens; sie war dadurch zur Herrscherin in unserm Kreise geworden, die zu gemeinsamer Unterhaltung die Anregung gab und den geselligen Verkehr so geschickt leitete, daß alles Störende, noch ehe es sich bemerklich machen konnte, entfernt wurde.

   Die jüngere Schwester, die Magna hieß und gewöhnlich nur die Baronesse genannt wurde, war der Stoff und der Inhalt fast aller Gespräche, die zu dieser Zeit in Viareggio geführt wurden, aber die Ansichten und Urteile, die man über sie äußern hörte, waren sehr verschieden und zumeist einander völlig widersprechend. Wer sie zum erstenmale sah, war bald, wie durch einen Zauber, gebannt, ihr ganz ergeben und vermehrte die zahlreiche Schar der Verehrer, die sie, jedes ihrer Winke harrend, umgaben. Der Zauber wirkte aber auf die meisten nicht lange, und von den eifrigsten Anbetern hörte man oft schon bald die härtesten Urteile über sie, die zumeist dahin gingen, daß sie kein Herz habe, daß sie kalt, selbstsüchtig und grenzenlos eitel sei. Ihre Verehrer sagten, sie sei großmütig, voll Bewundrung für alles Große und Schöne und hasse das Gemeine. Über ihr Wesen und über ihr Thun wurde viel geredet, sogar darüber wurde gestritten, ob sie verheiratet sei oder nicht, und welches ihr Alter sein möge. Nur darin, daß sie schön sei, waren alle einig, und auch das stand bei den meisten fest, daß sie ihre eigne Schönheit maßlos bewundre. Als die in Viareggio versammelte Gesellschaft jüngst ein Fest zu Gunsten der Hinterbliebnen eines in der See verunglückten Fischers gegeben und dazu ein Blatt hatte drucken lassen, für das jeder Teilnehmer ein Motto beisteuern sollte, hatte sie folgende dem Boccaccio entnommnen Verse geschrieben:

am Strande von Viareggio: Viareggio liegt in der ligurischen Küstenlandschaft Versilia vor dem Bergzug der Apuanischen Alpen. Die Gegend war bis ins 18. Jahrhundert ein Sumpfgebiet um den küstennahen See Lago di Massaciuccoli. Mit der Trockenlegung gewann das Gebiet an Bedeutung. An der Küste befindet sich einer der längsten Sandstrände Italiens.

Im 19. Jahrhundert begann Viareggios Aufstieg als Seebad. 1822 ließ Napoleons Schwester Paolina Borghese eine Villa errichten (Villa Paolina), in der sie ihren Lebensabend verbrachte. Nach und nach entstanden ab 1828 (zunächst nach Geschlechtern getrennt) diverse Badeanstalten am Meer. Zahlreiche Sommervillen folgten dem Beispiel Paolinas. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Viareggio eine Perle des Tyrrhenischen Meeres und ein international bekannter Badeort.

Um 1870 war der Badebetrieb in Viareggio noch in den Kinderschuhen, entwickelte sich aber dank seiner schönen Sandstrände und der Nähe zu wohlhabenden Städten wie Lucca und Florenz schnell zu einem beliebten Ziel; es entstanden die ersten „Stabilimenti Balneari“ (Badeanstalten) mit einfachen Umkleidekabinen, die den aufkommenden Tourismus bedienten und den Beginn des modernen Strandlebens markierten.

Viareggio begann, sich von einem Fischerdorf zu einem Sommerfrische-Ort für die toskanische Oberschicht zu wandeln, besonders nach der Einigung Italiens.

Anstatt einfach nur an den Sandstrand zu gehen, mietete man bald Kabinen, die als „Bagni“ bekannt waren und Privatsphäre sowie einfache Dienste boten, wie erste Strandliegen und Sonnenschirme, die Vorläufer der heutigen Strandbäder.

 

Der Strand von Viareggio Ende des neunzehnten Jahrhunderts, toskanische Archive

 

Wie viele Badeorte dieser Zeit wurde Viareggio als Ort der Heilung und Entspannung angesehen, wo das Meerwasser und die salzige Luft eine therapeutische Wirkung haben sollten.

Es gab noch keine großen Promenade-Paläste, aber die grundlegende Infrastruktur für den Strandbetrieb, wie einfache Holzkonstruktionen für Kabinen und Essensstände, wurde errichtet.

 

 

Firenze: La Cattedrale vista dalla cupola della Cappella de'Principi a S. Lorenzo, No. 10191, ca. 1870 – 1880

 

Florenz: Hauptstadt der italienischen Region Toskana. Bekannt ist Florenz vor allem für seine zahlreichen Kunst- und Architektur-Meisterwerke der Renaissance. Zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten zählt der Duomo. Diese Kathedrale hat eine mit Ziegelmauerwerk verblendete Kuppel des Baumeisters Brunelleschi und einen Glockenturm von Giotto. Die Galleria dell'Accademia zeigt Michelangelos Statue „David“. In den Uffizien sind Botticellis Gemälde „Die Geburt der Venus“ und da Vincis „Die Verkündigung“ zu sehen

 

Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus, Tempera auf Leinwand, 1485/86, Uffizien

 

Boccaccio: Giovanni Boccaccio (1313-1375) war ein italienischer Schriftsteller, Dichter und bedeutender Vertreter des frühen Renaissance-Humanismus. Sein Hauptwerk, das einhundert Novellen umfassende Decamerone, porträtiert die facettenreiche Gesellschaft des 14.

 

Statua di Giovanni Boccaccio, Firenze

 

Das Dekameron (italienisch Il Decamerone, von griechisch δέκα déka „zehn“ und ἡμέρα hēméra „Tag“) mit dem Beinamen Principe Galeotto ist eine Sammlung von 100 Novellen von Giovanni Boccaccio. Die Abfassung erfolgte aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen 1349 und 1353. Der Titel Decamerone bedeutet – in Anlehnung an das Griechische – „Zehn-Tage-Werk“. Es handelt sich um ein stilbildendes Werk der Renaissance, das zum Vorbild fast aller weiteren abendländischen Novellensammlungen wurde.

Die Rahmenhandlung verlegt Boccaccio in ein Landhaus in den Hügeln von Florenz (im Vorort Fiesole), drei Kilometer vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt. In dieses Landhaus sind sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest (Schwarzer Tod) geflüchtet, die im Frühjahr und Sommer des Jahres 1348 Florenz heimsuchte. Im Landhaus versuchen sich die Flüchtlinge gegenseitig zu unterhalten. Daher wird jeden Tag eine Königin oder ein König bestimmt, welcher einen Themenkreis vorgibt. Zu diesem Themenkreis hat sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte auszudenken und zum Besten zu geben. Jeder Tag wird mit dem Singen einer Kanzone beendet. Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die Gruppe wieder nach Florenz zurück.

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Io son si vaga della mia bellezza,
Che d’altro amor giammai
Non curerò, nè credo aver vaghezza
.

 

   Diese Worte hatten ihr vielfachen Tadel zugezogen, mir aber erschienen sie in völliger Harmonie mit ihrem ganzen Wesen zu stehn. Daß sie schön war, leugnete keiner. Ihr Körper war äußerst fein und zierlich und von vollkommnem Ebenmaß: er glich der herrlichen Gestalt des griechischen Mädchens im Vatikan, das als Danaide bekannt ist; auf einem sehr feinen Halse saß ein kleiner schmaler Kopf mit dem reinsten griechischen Profil; eine Fülle schwarzen Haares war am Hinterhaupt zu einem großen Knoten gewunden, von dem einzelne Locken auf den Nacken fielen; die Augen standen nahe zusammen und waren von starken schwarzen Augenbrauen überwölbt. Die Flügel ihrer feinen Nase waren in beständiger Bewegung und gaben von jeder Erregung ihres lebhaften Temperaments Kunde; besonders schön war der kleine Mund, wenn er lächelte: es war das Lächeln eines Kindes. Nur die tief liegenden und unruhig funkelnden dunkelgrauen Augen störten den Eindruck, den ihr Anblick hervorrief; sie gaben ihr sogar häufig einen unruhigen und unheimlichen Ausdruck. Doch war das minenspiel ihres Gesichts so wechselnd und so sehr durch die Stimmungen des Augenblicks beeinflußt, daß man, so oft man sie sah, nie den gleichen Eindruck von ihr empfing. Leider beeinträchtigte sie selbst ihre Schönheit durch das Bestreben, dieser zu Hilfe zu kommen: sie färbte Augenbrauen und Wimpern und puderte ihr Gesicht mit ebenso wenig Maßhaltung, wie sie sich auffallend und mit übertriebner Eleganz zu kleiden liebte; sogar auf ihren Badeanzug verwandte sie unendliche Sorgfalt.

   Während nun ihre Eigentümlichkeit Veranlassung gab. daß alle sich mehr oder weniger mit ihr beschäftigten, schien ihr jedermann, außer soweit er ihren Zwecken dienen konnte, völlig gleichgiltig zu sein. Die Bewundrung, die mau ihr zollte, betrachtete sie als selbstverständlich, und sie bediente sich ihrer rücksichtslos. Nichts in ihrem Thun war berechnet, sondern alles geschah aus natürlichem Antrieb: nur ihre Empfindung oder Laune bestimmte ihr Handeln, für das sie so wenig als möglich irgend eine Schranke gelten ließ. Sie war eine rein sinnliche Schmetterlingsnatur, für die Sonnenschein, Licht, Farbe und Schönheit, Freude am Leben und froher Genuß Bedingung und Zweck des Daseins waren, während der Ernst des Lebens ihr unverständlich blieb, und ein kalter Hauch sie zerstören mußte.

   Sie hatte das Bedürfnis. alles um sich her froh und glücklich zu sehen, aber freilich hatte sie eine besondre Weise, die nicht jedem gefiel, wenn sie versuch, andre fröhlich zu machen. Sie war dann unerschöpflich im Ersinnen von allerlei Schabernack und von tausend Teufeleien, durch die sie oft eine heillose Verwirrung und die ärgsten Mißverständnisse im Kreise der Bekannten erregte; war ihr dies gelungen, so kannte ihre Heiterkeit keine Grenzen, namentlich wenn sie bemerkte, daß jemand über den Scherz ungehalten war. Im Grunde konnte ihr keiner lange gram sein, denn ihre Art war so zierlich, und es fehlte so gänzlich der Wille zu verletzen, daß sie sich ungestraft vieles erlauben durfte. Begegnete sie je einer unfreundlichen Miene, so entfloh sie mit allen Zeichen des Entsetzens: le froid me chasse – pflegte sie zu sagen. In ihrem Reden wie in ihrem Thun erlaubte sich sehr weitgehende Freiheiten – wer aber darin eine Aufforderung sah, es ihr gegenüber ebenso halten, konnte schlimme Erfahrungen machen. Man erzählte sich von einer sehr kräftigen Ohrfeige, die die plötzliche Abreise eines jungen Marquis aus unserm Kreise veranlaßt haben sollte, und sicher ist, daß sie eines Tages an öffentlicher Tafel die Liebeserklärungen eines jungen Mannes vor der gesamten Gesellschaft wiederholte und die Szene so ergötzlich dramatisch vorführte, daß der Betreffende, der selbst gegenwärtig war, sofort und auf immer verschwand. Überhaupt war das Los ihrer Verehrer nicht leicht; es machte ihr Vergnügen, Unmögliches von ihnen zu fordern oder sie in komische Lagen zu bringen. So erinnere ich mich, daß lange Zeit der ganze Scharfsinn der jungen Leute darauf gerichtet war, Vorrichtungen zu erfinden, um beim Schwimmen Cigaretten und Feuerzeug in trocknem Zustande zu erhalten. Die Baronesse rauchte leidenschaftlich und war eine ausgezeichnete Schwimmerin. Wenn sie nun mit ihrem Gefolge in die See hinausschwamm, so pflegte sie von Zeit zu Zeit im Wasser aus dem Rücken liegend Cigaretten zu rauchen, und es galt, sie ihr in rauchbarem Zustande anzubieten und in Brand zu setzen, was keine leichte Aufgabe war. Ein andres mal hatte sie sich vorgesetzt, auf den Eseln, die am Strande vermietet wurden, eine Quadrille zu reiten, und eine Woche lang wurden ihre Kavaliere nicht minder als die Esel mit diesem Vorhaben gequält.

   Die ältere Schwester hatte es augenscheinlich längst aufgegeben, irgend einen Einfluß auf die Baronesse Magna auszuüben. Sie beschränkte sich darauf, mit feinem Takt die Folgen eines gar zu rücksichtslosen oder exzentrischen Benehmens zu begütigen, und überall, wo es nötig wurde, ausgleichend und entschuldigend dazwischen zu treten.

   Ich hatte, während ich sie täglich sah, mich von der unbegrenzten Bewundrung, die die meisten anfangs ergriff, fern gehalten und ihr gegenüber ein zurückhaltendes Benehmen bewahrt, ohne aber zu verbergen, daß es mir Freude machte, sie zu sehen. Dieses Vergnügen war ein rein künstlerisches: ich freute mich an ihrer schönen Erscheinung und an der unbewußten Natürlichkeit ihres Wesens, wie an einer schönen Blume, ohne eben mehr als das in ihr zu suchen. Dadurch entging ich der Gefahr, sie nachher, so wie die andern, hart und ungerecht zu beurteilen.

   Vielleicht war meine Zurückhaltung, die sie als Kälte empfand, Veranlassung, daß sie mich eine Zeit lang mit besondrer Auszeichnung behandelte und mir ihre Gunst zuzuwenden schien. Ich würde das Mißbehagen, das sie stets empfand, wenn jemand ihrem Zauber widerstand, für den einzigen Grund ihres Entgegenkommens gehalten haben, wenn mich nicht eines Tages ein Blick von ihr bedenklich gemacht hätte. Dieser Blick war so ausdrucksvoll, so durchdringend und leidenschaftlich, daß ich fortan auf meiner Hut war. Noch einigemale streifte mich derselbe Blick, doch ohne daß irgend etwas sonst in ihrem Benehmen eine entsprechende Empfindung verraten hätte, und als zu Beginn der kühlern Jahreszeit die beiden Schwestern nach Florenz zurückkehrten, wohin ich ihnen bald darauf folgte, glaubte ich, daß meine Wahrnehmung mich getäuscht habe. Ich hatte die Baronesse beinahe vergessen, als ich eines Tages in einer befreundeten Familie den beiden Schwestern wieder begegnete; die ältere forderte mich so dringend auf, sie zu besuchen, daß ich nicht umhin konnte, ihrer Einladung am nächsten Abend Folge zu leisten. Sie hatten in einem Palais am Lung' Arno eine sehr schön eingerichtete Wohnung inne, und ich fand einen großen aus den besten Elementen gebildeten geselligen Kreis um sie versammelt, worin es mir infolge der liebenswürdigen Aufmerksamkeit der Frau vom Hause sehr wohl gefiel. Die Baronesse hielt in einem andern Teile des geräumigen Salons ihren Hof und war auch hier von einem Schwarm jüngerer Männer umgeben, mit denen sie eine oft sehr lärmende Unterhaltung führte. Meine Anwesenheit schien sie völlig zu übersehen. Da ich mich gut unterhalten hatte, und Madame Aurelia mir sagte, daß ich ihr jederzeit willkommen sei, so brachte ich häufig den Abend in ihrem Hause zu, wo ich immer sicher war, eine anregende Unterhaltung zu finden. Die Baronesse hatte mich nur einige male eines flüchtigen Grußes gewürdigt.

   Es war um die Mitte des Dezembers, als ich von einem auswärtigen Freunde gebeten wurde, ihm von einem Bilde in Perugia eine Zeichnung zu verschaffen, deren er für seine Studien bedürfte. Ich entschloß mich, selbst diese Zeichnung für ihn anzufertigen, und an demselben Abend dorthin zu fahren, sodaß ich am folgenden Tage zurückkehren konnte. Seit einigen Tagen hatte eine starke Tramontana geweht, und der Arno war hie und da mit Eis belegt; doch war es am Tage warm gewesen, und ich glaubte genug zu thun, indem ich einen leichten Pelz überzog, als ich am Abend meine Wohnung verließ, um zum Bahnhof zu gehn. Als ich auf dem Lung' Arno in die Nähe von Madame Aurelias Wohnung gekommen war, schlug die Turmuhr von S. Spirito die achte Stunde. Da ich erst nach neun Uhr abreisen sollte, so glaubte ich, meine Zeit nirgend besser als bei ihr hinbringen zu können, und ich trat in ihr Haus. Der Diener berichtete, Madame Aurelia sei in die Oper gefahren, die Baronesse aber sei im Salon. Ich fand sie, auf einen Divan ausgestreckt, allein in dem weiten Raum. Sie sagte mir, sie habe Kopfschmerzen und habe deshalb die Schwester nicht begleiten mögen; sie sei froh, daß ich gekommen wäre, denn sie hätte sich gefürchtet allein zu sein. Übrigens, fügte sie hinzu, hatte ich eine bestimmte Ahnung, daß Sie kommen würden, und dabei warf sie mir einen der tiefen, heißen Blicke zu, die mir schon früher aufgefallen waren. Dies erweckte mir eine Empfindung von Unbehagen, und ich bemühte mich, eine ruhige Unterhaltung anzuknüpfen, indem ich erzählte, daß ich im Begriff sei, nach Perugia zu fahren, und das, was dort merkwürdig und sehenswert ist, schilderte. Sie hörte mich zerstreut an, dann sprang sie plötzlich auf, und nachdem sie einigemal hastig durch den Saal geschritten war, blieb sie vor mir stehn, sah mich mit einem flammenden Blicke an und sagte: Auch ich möchte Perugia kennen lernen, ich werde mit Ihnen gehn.

   Zuerst glaubte ich, daß sie nicht im Ernst rede, und versuchte über ihren Einfall zu scherzen. Sie antwortete nur, ich solle sie erwarten, und entfernte sich aus dem Zimmer, mich in äußerster Verwundrung zurücklassend. Bald kam sie, zum Ausgehn angekleidet, zurück und sagte leise und mit unbeschreiblicher Anmut: Gehn wir!

   Einen kurzen Augenblick durchzuckte mich ein Gefühl wie der Freude oder des Triumphs, doch wich es sogleich einer besonnenem Empfindung, und ich sagte in ernstem Ton: Sie werden doch nicht wirklich diese Thorheit begehn wollen und von. mir verlangen, daß ich Sie unterstütze?

   Sie erwiderte: Ich bin entschlossen, nach Perugia zu fahren, und setze bei Ihnen soviel ritterlichen Sinn voraus, daß Sie mich unter Ihren Schutz nehmen werden.

   Und was wird Ihre Schwester sagen? fragte ich.

   Sorgen Sie sich nicht darum, alles ist wohl bedacht und geordnet. Geben Sie nur Ihren Arm!  

Io son sí vaga della mia bellezza,
che d’altro amor giá mai
non curerò né credo aver vaghezza.
     Io veggio in quella, ognora ch’io mi specchio,
quel ben che fa contento lo ’ntelletto:
né accidente nuovo o pensier vecchio
mi può privar di sí caro diletto;
quale altro adunque piacevole oggetto
potrei veder giá mai
che mi mettesse in cuor nuova vaghezza?
     Non fugge questo ben, qualor disio
di rimirarlo in mia consolazione,
anzi si fa incontro al piacer mio
tanto soave a sentir, che sermone
dir nol poria né prendere intenzione
d’alcun mortal giá mai
che non ardesse di cotal vaghezza.
     Ed io, che ciascuna ora piú m’accendo,
quanto piú fisi tengo gli occhi in esso,
tutta mi dono a lui, tutta mi rendo,
gustando giá di ciò ch’el m’ha promesso;
e maggior gioia spero piú da presso,
sí fatta, che giá mai
simil non si sentí qui da vaghezza
.

 

  

 

Giovanni Boccaccio: Il Decameron. Band I, Firenze: Monnier 1857. (Giornata prima, novella decima)

 

Die zehnte Novelle des ersten Tages

 

Maestro Alberto da Bologna onestamente fa vergognare una donna, la quale lui d’esser di lei innamorato voleva far vergognare.

Maestro Alberto aus Bologna bringt eine Frau in Verlegenheit, die er eigentlich beschämen wollte, weil sie in ihn verliebt war.

 

Das Lied wird im Anschluss an die Erzählung von Maestro Alberto gesungen. Ein bedeutender alter Arzt von fast siebzig Jahren verliebt sich in die schöne Witwe Malgherida de' Ghisolieri, die ihn gemeinsam mit anderen Frauen deswegen verspottet.  

Noch nicht viele Jahre sind verstrichen, seit in Bologna ein trefflicher und fast in der ganzen Welt hochberühmter Arzt mit Namen Meister Alberto lebte, ja vielleicht lebt er heute noch. Dieser war von so edlem Geiste, daß er noch in seinem hohen Alter von fast siebzig Jahren, wo der Körper schon fast alle natürliche Wärme verloren hatte, den Flammen der Liebe den Eingang in sein Herz nicht verweigerte, als er auf einem Fest eine wunderschöne Witwe sah, die, wie einige berichten, Madonna Margherita de' Ghisolieri hieß. In dem Wohlgefallen, das er an ihr fand, nahm er jene Glut nicht anders als ein Jüngling in die betagte Brust auf, so daß er keine Nacht ruhig schlafen zu können glaubte, wenn er am Tage das anmutige und zarte Gesicht der schönen Dame nicht gesehen hatte.

Aus diesem Grunde begann er sich, je nachdem es sich fügte, bald zu Pferde und bald zu Fuß vor dem Hause der Dame sehen zu lassen. Diese sowohl als mehrere andere Frauen wurden auf solche Weise gewahr, was ihn dort so häufig vorüberzukommen veranlaßte, und oft spotteten sie miteinander, daß ein an Jahren und Erfahrungen so reicher Mann verliebt sei, als ob nach ihrer Meinung die holde Leidenschaft der Liebe allein in den törichten Herzen der Jünglinge und sonst nirgendwo Raum finden und dort verweilen könne.

Meister Alberto fuhr indes fort, vor dem Hause der Dame vorüberzugehen, und so geschah es, daß an einem Feiertage, wo sie mit anderen Frauen vor der Tür saß, sie alle miteinander sich vornahmen, den Meister Alberto, den sie schon von weitem hatten kommen sehen, zum Verweilen einzuladen und ehrenvoll aufzunehmen, dann aber ihn wegen dieser seiner Liebe zu necken. So taten sie auch wirklich. Als er kam, standen sie alle auf, luden ihn zu sich ein und führten ihn in einen kühlen Hof, wo sie ihn mit feinen Weinen und Backwerk bewirteten. Zuletzt aber befragten sie ihn mit artigen und wohlgesetzten Worten, wie er sich in diese schöne Dame habe verlieben können, da er doch wisse, von wie vielen schönen, wohlgesitteten und adeligen jungen Männern sie geliebt werde.

Als der Meister sah, daß man ihn auf feine Weise aufziehen wollte, nahm er eine heitere Miene an und entgegnete: »Madonna, daß ich liebe, kann keinen Verständigen in Verwunderung setzen, und daß ich gerade Euch zum Gegenstand dieser Liebe erwählt habe, erst recht nicht, denn Ihr verdient es. Und obgleich nach dem Naturgesetz alten Männern die Kraft zum Liebesspiel schwindet, so fehlt es ihnen darum weder am guten Willen noch an der Fähigkeit zu unterscheiden, was der Liebe würdig ist. Vielmehr weiß das reife Alter dies um so viel besser zu erkennen als die Jugend, da es diese an Einsicht übertrifft. Die Hoffnung, um derentwillen ich in meinem Alter Euch, die Ihr von vielen Jünglingen geliebt werdet, zu lieben wage, ist diese: schon öfter bin ich dabei gewesen, wenn die Damen zum Vesperbrot Wolfsbohnen mit Lauch aßen. Ob nun gleich am ganzen Lauch nichts Gutes ist, so ist doch das am wenigsten Widerwärtige und dem Munde Wohlgefälligste der Kopf. Dennoch pflegt ihr alle, von verkehrter Lust geleitet, den Kopf in der Hand zu behalten und nur die Blätter zu essen, die nicht allein wertlos sind, sondern auch abscheulich schmecken. Wäre es nun nicht möglich, Madonna, daß Ihr in der Wahl Eurer Liebhaber ebenso verfahrt? Und wenn Ihr es tätet, wähltet Ihr mich, und die andern hätten das Nachsehen.«

Die Edeldame schämte sich ein wenig, ebenso ihre Gefährtinnen. Dann aber sagte sie: »Meister, Ihr habt unser übermütiges Beginnen treffend, aber höflich gezüchtigt. Glaubt aber, die Liebe eines so verständigen und ehrenwerten Mannes, wie Ihr seid, ist mir teuer. Deshalb gebietet, soweit sich das mit meinem guten Ruf vereinbaren läßt, über mich wie über Euer Eigentum.« Der Meister und seine Begleiter erhoben sich, er dankte der Dame und ging, nachdem er sich unter Lachen und Freude empfohlen hatte.

So wurde die Dame, weil sie nicht im Auge gehabt hatte, wen sie necke, besiegt, wo sie zu siegen glaubte. Wollt ihr nun klug sein, so werdet ihr euch vor dem gleichen Fehler hüten.

[…]

Nach Tisch ließ die Königin Musikinstrumente bringen und befahl, einen Tanz zu beginnen, den Lauretta anführen und Emilia, von des Dioneo Laute unterstützt, durch ein Lied begleiten sollte. Auf diesen Befehl hin begann Lauretta einen Tanz, während Emilia mit ihrer zum Herzen dringenden Stimme folgendes Lied sang:

Von meiner Schönheit bin ich so gefangen,

Daß neue Liebe nie

Mich locken wird mit anderem Verlangen.

Wenn ich in eignes Anschaun mich versenke,

Erblick ich, was dem Geiste Ruh verspricht,

Was neu sich zuträgt, wessen ich gedenke,

Beraubt mich so geliebter Wonne nicht.

So weiß ich denn, es schaut mein Angesicht

An fremden Reizen nie,

Was mir im Herzen zündete Verlangen.

Bin ich, um solcher Seligkeit zu pflegen,

Mein hohes Glück mir anzuschaun entbrannt,

So flieht es nicht und kommt mir selbst entgegen.

In Worte wird die Süße nicht gebannt,

Die es gewährt; es faßt sie der Verstand

Sterblicher Wesen nie,

Entzündet sie nicht ähnliches Verlangen.

Ich fühle stündlich wachsend mich entbrennen,

Je mehr ich dorthin wende meinen Blick;

Drum weih ich mich nur ihm, will sein mich nennen.

Zwar kostet' ich erst das versprochne Glück;

Doch größre Lust ist, hoff ich, noch zurück,

So daß auf Erden nie

Empfunden ward so seliges Verlangen.

Dieses Tanzlied, in dessen Endreime alle fröhlich eingefallen waren, gab durch seinen Inhalt einigen aus der Gesellschaft viel zu denken.

Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 72-81.

 

Gestalt des griechischen Mädchens im Vatikan: Eine Danaide-Statue im Vatikan bezieht sich meist auf eine antike griechische Marmorstatue aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., die in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird und eine der mythologischen Töchter des Danaos darstellt, die wegen ihrer Verbrechen (dem Töten ihrer Ehemänner) in der Unterwelt mit dem ewigen Füllen durchlöcherter Krüge bestraft wurden, wobei das Original im Museum zu sehen ist, aber auch Nachbildungen existieren.

 

Skulptur einer Danaïde. Vatikanisches Museum. Galleria delle Statue. Fotographie um 1880. Wikimedia

 

le froid me chasse: franz. die Kälte vertreibt mich

in einem Palais am Lung' Arno: (oder Lungarno) bedeutet wörtlich „entlang des Arno“ und bezeichnet die Uferstraßen entlang des Flusses Arno, insbesondere in Städten wie Florenz und Pisa in Italien. Es ist ein italienischer Begriff, der sich aus „lungo“ (lang, längs) und „Arno“ (dem Fluss) zusammensetzt, und beschreibt die Promenaden oder Straßen, die direkt am Flussufer verlaufen, bekannt für ihre schönen Ausblicke und Spazierwege. Am Ufer des Arno in Florenz wurden nach 1850 eine Reihe von Hotels und Pensionen in alten Adelspalais eingerichtet.

Perugia: Hauptstadt der Region Umbrien in Italien und der Provinz Perugia. Dort befindet sich die Galleria Nazionale dell’Umbria mit Werken aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, unter anderem mit Werken von Arnolfo di Cambio, Piero della Francesca, Perugino und Pinturicchio.

Tramontana: Die Tramontana ist ein nördlicher bis nordwestlicher, kalter, oft böiger Wind in Italien.

S. Spirito: eine Renaissance-Kirche mit Augustinerkloster im Stadtteil Oltrarno in Florenz; sie trägt den Titel einer Basilica minor.

 

La basilica di Santa Maria del Santo Spirito, Firenze

 

Mannhardt orientiert sich bei seiner Gestaltung der Baroness auch an Heinrich Heines Darstellung der Signora Francesca in den Reisebildern, 3.  Kapitel „Die Bäder von Lucca“.

Noch einmal betrachtete mich Signora Francesca scharf und musternd, vom Kopf bis zum Fuße, und mit zufriedener Miene dankte sie dann dem Marchese, als sei ich ein Geschenk, das er ihr aus Artigkeit mitgebracht. Sie fand wenig daran auszusetzen: nur waren ihr meine Haare zu hellbraun, sie hätte sie dunkler gewünscht, wie die Haare des Abbate Cecco, auch meine Augen fand sie zu klein und mehr grün als blau. Zur Vergeltung, lieber Leser, sollte ich jetzt Signora Francesca ebenso mäkelnd schildern; aber ich habe wahrhaftig an dieser lieblichen, fast leichtsinnig geformten Graziengestalt nichts auszusetzen. Auch das Gesicht war ganz göttermäßig, wie man es bei griechischen Statuen findet, Stirne und Nase gaben nur eine einzige senkrecht gerade Linie, einen süßen rechten Winkel bildete damit die untere Nasenlinie, die wundersam kurz war, ebenso schmal war die Entfernung von der Nase zum Munde, dessen Lippen an beiden Enden kaum ausreichten und von einem träumerischen Lächeln ergänzt wurden; darunter wölbte sich ein liebes volles Kinn, und der Hals – Ach! frommer Leser, ich komme zu weit, und außerdem habe ich bei dieser Inauguralschilderung noch kein Recht von den zwei schweigenden Blumen zu sprechen, die wie weiße Poesie hervorleuchteten, wenn Signora die silbernen Halsknöpfe ihres schwarzseidnen Kleides enthäkelte – Lieber Leser! laß uns wieder emporsteigen zu der Schilderung des Gesichtes, wovon ich nachträglich noch zu berichten habe, daß es klar und blaßgelb wie Bernstein war, daß es von den schwarzen Haaren, die in glänzend glatten Ovalen die Schläfe bedeckten, eine kindliche Ründung empfing, und von zwei schwarzen plötzlichen Augen, wie von Zauberlicht, beleuchtet wurde.

Du siehst, lieber Leser, daß ich dir gern eine gründliche Lokalbeschreibung meines Glückes liefern möchte, und, wie andere Reisende ihren Werken noch besondere Karten von historisch wichtigen oder sonst merkwürdigen Bezirken beifügen, so möchte ich Francesca in Kupfer stechen lassen. Aber ach! was hilft die tote Kopie der äußern Umrisse bei Formen, deren göttlichster Reiz in der lebendigen Bewegung besteht. Selbst der beste Maler kann uns diesen nicht zur Anschauung bringen; denn die Malerei ist doch nur eine platte Lüge. Eher vermochte es der Bildhauer; durch wechselnde Beleuchtung können wir bei Statuen uns einigermaßen eine Bewegung der Formen denken, und die Fackel, die ihnen nur äußeres Licht zuwirft, scheint sie auch von innen zu beleben. Ja, es gibt eine Statue, die dir, lieber Leser, einen marmornen Begriff von Francescas Herrlichkeit zu geben vermöchte, und das ist die Venus des großen Canova, die du in einem der letzten Säle des Palazzo Pitti zu Florenz finden kannst. Ich denke jetzt oft an diese Statue, zuweilen träumt mir, sie läge in meinen Armen, und belebe sich allmählich und flüstere endlich mit der Stimme Francescas. Der Ton dieser Stimme war es aber, der jedem ihrer Worte die lieblichste, unendlichste Bedeutung erteilte, und wollte ich dir ihre Worte mitteilen, so gäbe es bloß ein trocknes Herbarium von Blumen, die nur durch ihren Duft den größten Wert besaßen. Auch sprang sie oft in die Höhe, und tanzte während sie sprach, und vielleicht war eben der Tanz ihre eigentliche Sprache. Mein Herz aber tanzte immer mit und exekutierte die schwierigsten Pas, und zeigte dabei so viel Tanztalent, wie ich ihm nie zugetraut hätte.
Heinrich Heine: Reisebilder. 3. Theil. Italien. Hamburg 1830, II. Die Bäder von Lucca, S. 273ff.

 

 

Bei Heine ist Signora Francesca eine der beiden vornehmen italienischen Damen, die der Erzähler zusammen mit dem Marquis Gumpelino besucht. Sie und ihre Freundin Signora Lätitia sind die Damenbekanntschaften des Marquis Gumpelino (eigentlich der Hamburger Bankier Lazarus Gumpel), die er dem Erzähler vorstellen möchte. Die beiden Damen bewohnen ein Haus auf einer Anhöhe in den Bädern von Lucca, zu dem Gumpelino und der Erzähler mühsam hinaufsteigen müssen.

Heines inszeniert Signora Francesca gezielt als ein Idealbild weiblicher Schönheit, wobei er ihre Beschreibung eng mit der Venus-Gestalt der Kunstgeschichte verknüpft. Sie ist die „schöne, oftgeküßte, schlanke, katholische Francesca“. Der Marquis Gumpelino, ihr Bewunderer, vergleicht sie explizit mit klassischen Kunstwerken. Besonders die Venus de’ Medici dient als Referenzpunkt für ihre makellose, fast statuenhafte Schönheit. Sie verkörpert die harmonischen Proportionen der antiken Göttin. Während die Venus in der Kunst unbeweglich und „kalt“ ist, wird Francesca durch Heines Sprache lebendig, bleibt aber in Gumpelinos Augen ein Kunstobjekt, das man wie eine Galeriebesichtigung bewundert.

Francesca wird als „katholische“ Venus bezeichnet. Heine vermischt hier die heidnische Liebesgöttin mit christlicher Frömmigkeit. Er behauptet, er würde für eine Nacht mit ihr katholisch werden, womit er die spirituelle Dimension des Katholizismus auf eine rein körperliche, sinnliche Ebene (die der Venus) reduziert.

Gumpelino, der sich als großer Kunstkenner geriert, nutzt den Vergleich mit der Venus, um Francesca zu nobilitieren. Heine entlarvt dies als oberflächliche Schwärmerei, indem er Francesca gleichzeitig als Frau zeigt, die oft einfache Dinge missversteht.

In der Kunstgeschichte ist die Venus de’ Medici ein Beispiel der Venus pudica (der schamhaften Venus). Francesca hingegen wird bei Heine als eine Frau dargestellt, die zwar die Formschönheit der Göttin besitzt, aber in Heines Fantasie weit weniger „pudica“ (schamhaft) ist, da er sie als Ziel seiner leidenschaftlichen, oft ironisch übersteigerten Begierde zeichnet.

 

   Ich war in der peinlichen Lage, nicht zu wissen, wie ich handeln sollte, und zögerte einen Augenblick. Dann that ich, wie sie geheißen hatte, und schritt mit ihr Treppe hinab. Als wir ins Freie traten, überraschte mich das Gefühl einer ungeöhnlichen Kälte: die Sterne funkelten heller, und jeder Ton traf das Ohr stärker als sonst. Indem wir schweigend nebeneinander gingen, bemerkte ich erst jetzt, daß die Baronesse leicht bekleidet und ganz ungenügend gegen die Kälte geschützt war. Ich machte sie darauf aufmerksam und versuchte darauf hin nochmals, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie antwortete, daß die kalte Luft ihr wohl thue, und daß es im Eisenbahnwagen heiß genug sein werde. Meinem weiteren Zureden begegnete sie mit völligem Stillschweigen, nur beschleunigte sie ihre Schritte. So gingen wir durch die Via dei Fossi und über die Piazza S. Maria Novella ohne ein Wort zu wechseln. Ich gelaugte bei mir zu dem Entschluß, auf keinen Fall abzureisen, und sagte es ihr, als wir am Bahnhofe angelangt waren. Wenn Sie so feige wären, mich nicht zu begleiten, würde ich allein reisen, entgegnete sie. Sie zwingen mich also, sagte ich; aber wenigstens erinnern Sie sich immer daß Sie es gewollt haben.

Als wir in einer Wagenabteilung saßen, in die außer uns nur ein älterer Herr gestiegen war, und der Zug sich in Bewegung setzte, kamen plötzlich die sprudelnde Lebenslust und der neckische Humor ihrer Natur in seinem vollen Übermut zum Vorschein; sie erging sich in heitern Reden und scherzhaften Betrachtungen und brachte es bald dahin, daß aller Unmut bei mir zurückgedrängt wurde, und daß ich in ihr frohes Lachen einstimmte. Auch den alten Herrn beteiligte sie an der Unterhaltung und wußte ihn so zu begeistern, daß er ihr nach Art der Toskaner die überschwenglichsten Komplimente widmete, was sie sehr belustigte. Auf der zweiten Station verließ unser Reisegefährte den Wagen, und wir blieben allein.

   Ich bemerkte, daß meine Begleiterin allmählich kleinlauter wurde, und daß Pausen in der Unterhaltung eintraten, auch daß sie ihr Mäntelchen fester um sich und daß zuweilen ein leiser Schauder sie überflog. Ich selbst fühlte, daß meine Füße erstarrt waren, und aß sich ein unangenehmes Gefühl von Kälte meiner bemächtigte. Ich bot ihr meinen Pelz an, den sie aber mit Entschiedenheit zurückwies. Es überkam mich das Bewußtsein, daß wir uns in einer sehr übeln Lage befanden. Eine Zeit lang saßen wir schweigend da; sie hatte die Füße unter sich auf den Sitz gezogen und zitterte merklich. Nach einer Weile zog ich den Pelz aus, und sie ließ es jetzt geschehen, daß ich ihn ihr anzog. Sie lag ruhig, indem sie das Gesicht gegen den Fenstervorhang drückte, sodaß ich es nicht sehen konnte, und antwortete nicht auf meine Fragen; nur zuweilen sah ich ein leises Beben durch ihren Körper gehn. Die Kälte wurde immer fühlbarer, und es war mir unmöglich, still zu sitzen; ich suchte mich durch starke Bewegung, soweit der enge Raum es gestattete, zu erwärmen, bis ich ermüdet und in dumpfer Verzweiflung auf den Sitz sank, von dem nach einiger Zeit das Gefühl bittrer Kälte mich wieder aufscheuchte. So vergingen qualvolle Stunden. Sie lag regungslos da, nur zuweilen leise wimmernd, und einigemale mußte ich nahe hinzutreten, um mich zu überzeugen, daß sie atmete. Endlich fuhren wir am Trasimenischen See hin; die niedergehende Mondsichel beleuchtete matt die weite Wasserfläche; es war ein schaurig kaltes Bild. Bald darauf erschien in der Ferne eine von vielen Lichtern strahlende Bergkuppe; es war Perugia, dem wir uns in zahlreichen Windungen der Straße näherten, und das bald rechts, bald links von uns sichtbar wurde. Mir erschien die letzte halbe Stunde wie eine Ewigkeit, denn ich fühlte, daß meine Widerstandskraft erschöpft sei. Nach ein Uhr nachts hielt endlich der Zug an der Station von Perugia, die am Fuße des Berges liegt, auf dem die Stadt erbaut ist. Meine Begleiterin rührte sich nicht, bis ich sie bat, aufzustehen; dann schwankte sie so, daß ich sie unterstützen mußte. Es war kein andres Gefährt als ein elender Omnibus am Bahnhof; zu diesem führte ich sie, und wir stiegen ein, worauf er sich in Bewegung setzte und unter vielem Geschrei der Lenker in rasender Eile bergan gezogen wurde. Eine eisige Tramontana pfiff durch die zerbrochnen Fensterscheiben, doch belebte uns die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Fahrt. Ich hatte dem Führer das Hotel bezeichnet, wohin wir gebracht zu werden wünschten, da es mir von einem frühern Aufenthalte bekannt war. Es lag auf dem höchsten Punkte Perugias, und wir mußten durch die ganze Stadt fahren, um dahin zu gelangen. Als der Wagen vor dem bezeichneten Hause anhielt, stiegen wir aus, während jener davon fuhr. Wir standen jetzt vor der verschlossenen Thür auf der Straße; die wenigen noch brennenden Gasflammen flackerten unheimlich im Winde, der uns erstarren machte. Ich klopfte mit Ingrimm an das Thor, lange vergeblich. Die Baronesse stand gegen die Mauer gelehnt, lautlos. Endlich hörte man eine Bewegung im Hause; das Thor wurde geöffnet, und es erschien ein schmutziger Kerl, der nach meinem Begehr fragte. Ich sagte ihm unwirsch, daß wir im Hotel zu übernachten wünschten, erfuhr aber, daß dieses im Zustande der Auflösung sei und keine Gäste beherbergen könne; der Wirt sei in Konkurs geraten, und Haus und Gerät sollten verkauft werden; er selbst sei zum Wächter des Hauses gesetzt.

   Es schien mir unmöglich, mich nochmals mit meiner Gefährtin auf die Wandlung zu begeben, um ein Nachtlager zu suchen; ich ließ sie also ins Haus treten und sagte dem Manne, daß wir halbtot seien vor Kälte und Erschöpfung, und daß er uns durchaus für die Nacht ein Zimmer überlassen müsse, auch würden wohl noch Betten vorhanden und ein Feuer anzumachen sein. Da ich ihm eine gute Belohnung verhieß, so ging er, kehrte nach einiger Zeit mit einer brennenden Lampe zurück und stieg dann uns voran die Treppe hinauf. Als ich der Baronesse den Arm gab, um sie zu unterstützen, machte sie einige Schritte und fiel dann ohnmächtig zusammen. Ich nahm sie sogleich auf meine Arme und trug sie vollends durch einen weiten und hohen Saal, der große Spiegel und Gemälde, aber wenig Möbel enthielt, und öffnete dann eine zweite Thür, die in ein sehr geräumiges Gemach führte, worin eine riesengroße Bettstatt ohne Bettzeug und Vorhänge stand. Der Wächter setzte die Lampe auf einen Tisch, und ich legte meine Bürde auf das Bett nieder, indem ich eine alte Decke, die über einen Tisch gebreitet lag, zusammen rollte und ihr unter den Kopf schob. Sodann zog ich ein Billet von zehn Lire hervor, gab es dem Manne und sagte ihm, daß er morgen ebenso viel erhalten würde, wenn er mit möglichster Geschwindigkeit für warme Decken, ein gutes Feuer im Kamin und für irgend ein heißes Getränk sorgen würde, und er ging, indem er seinen guten Willen beteuerte. Ich begann nun zuerst damit, der Ohnmächtigen so stark ich konnte die Hände und Füße zu reiben, und nach kurzer Zeit seufzte sie und schlug die Augen auf. Dann suchte ich sie bequemer zu lagern und hüllte sie, so gut es ging, in den Pelz und ihre Füße in die Tischdecke. Sie ließ alles geschehn, ohne ein Wort zu sagen; ich hörte nur, wie ihre Zähne leise aufeinander schlugen, und sah, daß sie unaufhörlich zitterte. Inzwischen kam der Mann zurück, unter beiden Armen Holzstücke und Reisigbündel tragend und eine alte, sehr schmutzige Decke hinter sich herzerrend. Er behauptete, es sei die einzige, deren er habhaft werden könne; vermutlich hatte er selbst darin gelegen, ehe wir ihn aus dem Schlafe störten. Auch sagte er, daß er uns kein andres Getränk als Wein verschaffen könne. Ich hieß ihn das Holz an den Kamin legen und Wein und frisches Wasser bringen, während ich mich selbst daran machte, einige Reisigbündel in Brand zu setzen und Holz darauf zu legen. Das Holz war aber feucht und wollte nicht brennen, das Reisig brannte nieder, und das Holz schwelte langsam fort und erfüllte das Zimmer mit scharfem Rauch. Indem ich mich hiermit abmühte, setzte der Mann einen Fiasko voll Wein, Wasser und Gläser auf den Tisch, und nachdem ich ihm anbefohlen hatte, sich frühzeitig am Morgen zu melden, wurde er entlassen. Ich versuchte den Wein, der aber so kalt und sauer war, daß man unmöglich davon trinken konnte.

   In unserm Gemache sah es sehr öde und unwirtlich aus. Offenbar eins der Prunkgemächer eines alten Palastes, war es in großen Verhältnissen angelegt, sehr hoch und mit großen Thür- und Fensteröffnungen; die Decke zeigte reiche Stukkaturen, Malerei und Vergoldung, die Füllungen der Thüren und Fensterläden waren zierlich bemalt, der große Kamin aus grauem Marmor nahm eine Seite des Zimmers ein. Mit dieser Pracht standen die armseligen Möbel, die verblichnen und zerrissenen Fenstervorhänge und die leere Bettstatt in schreiendem Kontrast; der steinerne Fußboden ohne Teppich, die großen Fensterhöhlen, das Fehlen von Bettvorhängen und der durch eine flackernde Öllampe notdürftig erhellte weite Raum vermehrten das Gefühl von Kälte und Unwohnlichkeit. Während zuerst die geübte Thätigkeit mich hatte die Kälte weniger empfinden lassen, fing sie jetzt aufs neue an, mich zu quälen. Ich löschte die qualmende Lampe und goß ihr Öl in den Kamin, und es gelang meinen unausgesetzten Bemühungen endlich, ein erträgliches Feuer anzufachen. Dann kauerte ich vor diesem nieder, und hie und da in halben Schlaf versinkend und dabei sorgend, daß das Feuer nicht verlösche, verbrachte ich die Nacht bis zum Morgen. Die Baronesse schien schließlich, nach ihren Atemzügen zu urteilen, in einen ruhigen Schlaf verfallen zu sein. Endlich hörte ich unsern Wächter im Vorzimmer und entsandte ihn in das nächste Kaffeehaus, warmes Getränk und Nahrung für uns herbeizuholen. Er kam auch bald zurück und brachte Kaffee und heiße Milch, wovon ich in eine Schale goß und diese der Baronesse reichte, die begierig davon trank. Es schien ihr wohlgethan zu haben, denn sie behielt die Augen geöffnet und schaute mich unverwandt an, während ich den ganzen mein Tagewerk in Angriff zu nehmen. Die Baronesse versicherte mir, daß sie sich selbst völlig genug sei, und ich verließ sie mit dem Versprechen, sie vor Mittag abzuholen, um mit ihr in einer Trattoria zu frühstücken.

Via dei Fossi: Straße in Florenz zwischen der Piazza Santa Maria Novella und der Piazza Goldoni. 

Piazza S. Maria Novella: Die Piazza Santa Maria Novella in Florenz ist ein historischer Platz direkt neben dem Hauptbahnhof (Firenze SMN), bekannt für die prächtige Basilika Santa Maria Novella mit ihrer beeindruckenden Renaissance-Fassade und reichen Kunstschätzen im Inneren, der Dom der Dominikaner, der einen wichtigen Wallfahrtsort darstellt und einst Schauplatz von Wagenrennen war, mit Sitzgelegenheiten und viel Grün in der Mitte.

 

Piazza und Kirche Santa Maria Novella, Florenz, Italien, 1882; Holzstich von Unbekannt.

 

am Bahnhofe: Der Kopfbahnhof Firenze Santa Maria Novella (kurz Firenze SMN) ist der Hauptbahnhof von Florenz, benannt nach der Kirche Santa Maria Novella. Er ersetzte den ersten Bahnhof der Stadt, die so genannte „Leopolda“, einen der ersten in ganz Italien, der außerhalb der Stadtmauern lag und 1844 von Robert Stephenson, dem Sohn des Erfinders der Eisenbahn, gebaut wurde. Der neue Bau trat an die Stelle des Bahnhofs „Maria Antonia“, der 1848 innerhalb der Stadtmauern direkt neben der Basilika Santa Maria Novella errichtet wurde.

 

Perspektivansicht des Bahnhofs Florenz der Leopolda-Bahn, an einer Ecke zwischen Levante und Tramontana, 1850.

 

Lago Trasimeno; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported (Wikimedia Commons)

 

am Trasimenischen See hin: Der Trasimenische See (lat. lacus Trasumen(n)us, ital. Lago Trasimeno, deutsch auch Trasimener See) ist mit 128 km² und einem Umfang von 54 Kilometern der größte See der Apenninhalbinsel und der viertgrößte Italiens. Er liegt in der Region Umbrien westlich von Perugia 259 Meter über dem Meeresspiegel, ist umgeben von bis zu 600 Meter hohen Bergen und bis zu 7 Meter tief.
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Station von Perugia: Der Bahnhof wurde im Dezember 1866 zusammen mit der Bahnstrecke Ellera - Ponte San Giovanni eröffnet, die das nördliche Umbrien mit Florenz verbindet.

 

 

Itlienisches Eisenbahnnetz 1870

 

Billet von zehn Lire: eine alte italienische Banknote im Wert von 10 Lire; im Jahr 1875 entsprachen zehn italienische Lire genau 8,10 Mark im Deutschen Kaiserreich. Das entsprach der heutigen Kaufkraft von mehreren hundert Euro.

 

 

Fiasko: bedeutet ursprünglich „Flasche“, speziell die bauchige, strohumhüllte Weinflasche (Chianti-Flasche)

 

 

Trattoria: Eine Trattoria ist eine kleine italienische Gaststätte, in der einfache Speisen zubereitet und angeboten werden.

 

Peruggia, Porta Urbica Etrusca o di Augusto, Postkarte

 

   In der Galerie, wo ich zu zeichnen hatte, fand ich es so kalt, daß ich meine Arbeit aufs äußerste beschleunigte, und nachdem sie beendet war, eine Stunde in der Stadt herumlief, um mich zu erwärmen. Als ich in unser Hotel zurückkam, fand ich meine Reisegefährtin vor dem Kamin auf einen Sessel ausgestreckt, ihre kleinen Füße fast in das lodernde Fener haltend, während der Hauswächter nach ihrer Anweisung neue Scheite im Kamin auftürmte. Sie streckte mir lachend die Hand entgegen und versicherte mir, daß es ihr ausgezeichnet in Perugia gefalle, daß sie entzückt sei, die Reise unternommen zu haben, wenngleich sie außer dem einen Zimmer und dem trefflichen Diener nichts davon gesehen habe, noch zu sehen gedenke; sie wollte auch bis zur Stunde der Abreise ihren Platz nicht verlassen; ich möge das Frühstück aufs Zimmer bringen lassen. Ich ging also, um die nötigen Anordnungen zu treffen, dann wurde der Tisch vor das Fener geschoben und so gut es ging das Frühstück serviert. Obgleich die Gerichte von mäßiger Zubereitung waren, aßen wir beide mit gutem Appetit, und da ich für trinkbaren Wein gesorgt hatte, stellte sich auch wieder ein Gefühl von Wärme und Behagen ein. Nach dem Essen blieben wir vor dem Kamin sitzen und sahen ins Feuer, bis die Baronesse sagte, daß sie eine unwiderstehliche Begierde nach einer Cigarette habe. Ich lief sofort, ihren Wunsch zu erfüllen, und dann blieben wir rauchend und plaudernd auf unsern Plätzen. Sie sprach von den verschiedensten Dingen in muntrer, anmutiger Weise, ohne aber mit einem Wort unsrer Reise und des überstandnen Ungemachs zu erwähnen. Um drei Uhr kam der Wagen, den ich verlangt hatte, um uns zur Station zu fahren, nachdem ich zuvor durch den Diener hatte eine wollene Decke besorgen lassen. Ich bestand darauf, daß die Baronesse den Pelz behielt, und hüllte mich selbst in diese Decke; auch fanden sich heute die Eisenbahnwagen erwärmt. Wir hatten zahlreiche Reisegesellschaft und sprachen wenig während der Fahrt, doch bemerkte ich jedesmal, wenn ich zu ihr hinübersah, daß ihre Augen auf mich gerichtet waren. Ich fühlte mich unwohl und war froh, als wir in Florenz angelangt waren. Sie bat mich, sie zu einem Wagen zu führen, verbat sich aber meine Begleitung und bestand auch darauf, mir den Pelz dort zurückzugeben. Dann reichte sie mir die Hand und fuhr nach ihrer Wohnung.

 

 

Galerie: Die Galleria Nazionale dell’Umbria ist ein italienisches Staatsmuseum, das sich im Palazzo dei Priori in Perugia befindet. Es beherbergt die größte Sammlung umbrischer Kunst und einige der bedeutendsten Kunstwerke Mittelitaliens aus dem 13. bis 19. Jahrhundert.
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   Ich suchte möglichst bald die meine zu erreichen, um mich ins Bett zu legen, das ich mehrere Wochen lang nicht verließ. Denn schon in der Nacht befiel mich als Folge der Erkältung ein heftiges Fieber, und es war am ersten Tage des neuen Jahres, daß ich zum erstenmal meine Wohnung verließ, um einige notwendige Besuche zu machen. Während der ganzen Zeit meiner Krankheit hatte ich nichts von der Baronesse gehört. Ich hatte nicht gewagt, zu ihr zu schicken und nach ihrem Befinden zu fragen, weil ich nicht wußte, ob ihre Schwester überhaupt etwas von unserer Reise erfahren hatte, und die Baronesse hatte nichts von sich hören lassen. Der Wunsch, zu erfahren, wie sie die Reise überstanden habe, trieb mich am ersten Tage zu ihr. Ich fand sie in lebhafter Unterhaltung mit andern Besuchern. Madame Aurelia sagte, daß mein Aussehen schlecht sei, und bedauerte, daß sie nichts von meiner Krankheit gewußt habe. Die Baronesse schien sich, wie ich ans dem Gespräch entnahm, vortrefflich befunden zu haben und in heiterster Laune zu sein, behandelte mich aber mit äußerster Kälte wie einen ganz Fremden und vermied jede Gelegenheit, die mir erlaubt hätte, ein Wort an sie zu richten. Der Zustand körperlicher Schwäche, worin ich mich befand, machte, daß ich dieses Benehmen stärker empfand und härter beurteilte, als es sonst der Fall gewesen wäre, da ich doch ihre Art kannte, und ich nahm mir vor, sie nicht wieder zu sehen. Als ich aufbrach, bat mich Madame Aurelia, den russischen Weihnachtsabend, der nach einigen Tagen gefeiert werden sollte, bei ihnen zuzubringen; es sei, sagte sie, der besondre Wunsch ihrer Schwester Magna, die schon allerlei Überraschungen für mich ersonnen habe. Das Gefühl der Kränkung, das mir ihr Benehmen zugefügt hatte, war aber in diesem Augenblick noch so stark, daß ich unter einem Vorwande die Einladung ablehnte.

   Nachdem ich mich den ganzen Monat fern gehalten hatte, erhielt ich ein Billet von Madame Aurelia, durch das sie mir den Wunsch ausdrückte, mich zu sprechen. Sie empfing mich mit Vorwürfen wegen meines Ausbleibens und sagte mir, daß ihre Schwester Magna den Wunsch habe, von mir gemalt zu werden. Dieser Antrag überraschte mich sehr; ich konnte nicht umhin, mein Erstaunen darüber auszudrücken, daß die Baronesse mir nicht selbst ihren Wunsch mitgeteilt habe. Ich glaube, sie fürchtet sich vor Ihnen, erwiderte Madame Aurelia, und hat mich deshalb beauftragt, sie diplomatisch zu vertreten. Ich hoffe, daß Sie meine Geschicklichkeit nicht auf eine zu harte Probe stellen werden.

   Obgleich die Aufgabe, das Porträt der Baronesse zu malen, mich künstlerisch ansprach und zur Annahme des Vorschlags reizte, so konnte ich doch die Furcht vor neuen Aufregungen und Beunruhigungen meines Gemüts nicht überwinden, die ich als unvermeidlich mit dem durch die Sitzungen nötigen häufigen Beisammensein mit der Baronesse verknüpft voraussah, und die mich zu ruhigem Schaffen unfähig gemacht hätte. Unsre Naturen waren zu verschieden, als daß wir ruhig hätten neben einander hergehn können; sie mußten sich abstoßen oder anziehn – und beides fürchtete ich. Deshalb wandte ich Mangel an Zeit und die Notwendigkeit einer Reise zur Entschuldigung ein und lehnte den Antrag ab. Jedoch ließ er mich lange nicht zur Ruhe kommen, und ich stand mehrmals im Begriff, meinen Entschluß zu ändern. Der Gedanke an die Baronesse verursachte mir ein inneres Unbehagen, dem ich zuletzt durch den Entschluß, auf einige Zeit nach Rom zu gehn, abzuhelfen suchte. Ich blieb vier Monate aus, und als ich im Juni nach Florenz zurückkam, traf ich keine Bekannten mehr dort: alle waren der Stadt entflohn. Auch ich ging bald darauf nach meiner Gewohnheit in die Bäder von Lucca.

 

 

Bäder von Lucca: Bagni di Lucca (Bäder von Lucca) ist ein historischer Kurort in der Toskana, Italien, berühmt für seine seit der Römerzeit bekannten Thermalquellen mit heilendem, mineralreichem Wasser, das Atemwege, Rheuma und Hautprobleme behandelt, und war ein beliebter Treffpunkt für europäische Adelige, Dichter und Musiker wie Heine, Paganini und Verdi.
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   Als ich nach meiner Ankunft im Hotel du Parc in Villa, wo ich zu wohnen pflegte, in den Garten hinaustrat, war das erste, was meine Augen erblickten, die Baronesse, die mit einigen Jünglingen Kroquet spielte. Als sie mich sah, unterbrach sie sofort das Spiel, kam auf mich zu, begrüßte mich sehr herzlich und versicherte mir, daß sie über mein Kommen sehr froh sei, denn sie langweile sich schauderhaft. Sogleich knüpfte sie daran eine scherzhafte Beschreibung aller Mitbewohner des Hauses. Ich erfuhr von ihr, daß sie und ihre Schwester dort im Hause wohnten, und ich ging, Madame Aurelia zu begrüßen. Die Baronesse ersuchte mich, bei Tisch den Platz neben ihr einzunehmen, und so war ich in der nächsten Zeit in beständigem und nahem Verkehr mit den beiden Schwestern. Wir machten häufig Spaziergänge zusammen und pflegten den Abend gemeinschaftlich zu verbringen. Die Baronesse zeigte sich gleichmäßig heiter und liebenswürdig; nur eines Abends, als wir zusammen ins Theater gegangen waren, wo die Somnambula mit Ausnahme der Titelrolle sehr mittelmäßig aufgeführt wurde, und als ich die ungewöhnliche Schönheit, die Haltung und den Geschmack der Kleidung der Darstellerin lobte, wie sie in der hoch erhobnen Hand ein Lämpchen haltend zur Brücke schreitet, warf sie mir einen ihrer flammenden Blicke zu, der mir ihren Zorn darüber auszudrücken schien, daß ich neben ihr eine andre schön finden konnte.

   Eines Tages hatte, ich nach meiner Gewohnheit einen weiten Spaziergang gemacht und dabei in einem der kleinen Seitenthäler des Gebirgs aufsteigend eine Schlucht von außerordentlicher Schönheit entdeckt: senkrechte Felswände schlössen das enge Thal ab, von deren Höhe ein klares Wasser in vielen Absätzen, eine Reihe von Kaskaden bildend, in die Schlucht herabfloß und dort inmitten großer Felsblöcke, die zerstreut umherlagen, ein krystallklares Wasserbecken schuf. Ein wenig abwärts traten von beiden Seiten die Felsen so weit vor, daß sie nur einen engen Eingang ließen und den obern Teil der Schlucht, eine Art Grotte, abschlossen. Dieser Eingang war durch eine Fülle von Schlingpflanzen, die von beiden Seiten herabhingen, wie durch einen Vorhang verhüllt; auch von oben her wurde in der Grotte das Licht durch überhängende Zweige, da die Felsen, wo immer ein fußbreiter Raum war, dicht überwachsen waren, gedampft. Farnkräuter, Epheuranken und Venushaar bekleideten überall das feuchte Gestein. An einer Stelle des Felsenabhangs leuchteten die brennenden Farben eines Büschels Feuerlilien aus dem Grün hervor. Als die Sonne gerade dem Eingang zur Grotte gegenüberstand, entstand eine Beleuchtung von zauberhafter Wirkung: die Kaskaden glänzten und leuchteten wie Silber, während durch die Blätter der Schlingpflanzen grünes Licht in die Grotte einzuströmen schien und glänzend grün aus dem Wasserbecken zurückstrahlte, in einem starken Kontrast zu den umliegenden tiefen Schatten.

   Ich machte bei Tische den Freundinnen eine begeisterte Schilderung von dieser Schlucht und belebte diese in meiner Darstellung mit allerlei mythischen Gestalten, nannte das Wasserbecken einen Spiegel der Venus und sagte, daß ich nicht ruhn würde, bis ich diese, oder Diana, oder wenigstens eine der Bergnymphen dort überrascht hätte, denn es sei unmöglich, daß dieser Ort nicht ein Lieblingsaufenthalt aller Göttinnen wäre. Da so die Einbildungskraft angeregt war, ergingen wir uns in allerlei heitern und ergötzlichen Vorstellungen.

   Am Abend bat mich die Baronesse Magna, ihr am nächsten Morgen die Grotte zu zeigen, und es wurde ausgemacht, daß ich sie, die auf einem Esel reiten sollte, zu der Stunde, wenn die Sonne in die Schlucht schien, dorthin zu begleiten hätte. Es war ein strahlend schöner Morgen, als wir aufbrachen, und die Baronesse war von übersprudelnder Lustigkeit und großer Ungeduld, denn sie fragte jeden Augenblick, ob wir noch nicht bald unser Ziel erreicht hätten; aber ihr Esel war sehr träge und durch den Jungen, der ihn antrieb, kaum vorwärts zu bringen. Wir mußten die Höhe zwischen Villa und Bagni caldi überklimmen und in dem jenseitigen Thal auf sehr engen und unwegsamen Pfaden aufwärts steigen, bis sich rechts die Schlucht öffnete, die wir suchten. Hier bat ich sie abzusteigen und befahl dem Knaben dort bei dem Esel zu bleiben. Dann führte ich sie, indem wir in dem schäumenden Bache von Stein zu Stein sprangen, eine Strecke aufwärts bis da, wo die Felsen näher zusammentretend den Eingang zur Grotte bildeten. Hier setzte sie sich auf einen Stein und schaute auf die Wasserfälle vor uns. Nach einer Weile sah sie mich fest an und sagte: Ich bin noch in Ihrer Schuld und will sie heute zahlen; ich verlange Ihr Wort, daß Sie, so lange wir hier sind, meinen Befehlen genaue Folge leisten. Ich erwiderte, daß es dazu ja keines Versprechens bedürfe, – Nun wohl, sagte sie, so gehen Sie hinter den Felsen dort und bleiben Sie dort ruhig, bis ich Sie rufe; dann kommen Sie bis an den Eingang, aber nicht weiter. Ich war über ihre Rede verwundert, und es durchzuckte mich ein Gedanke, den ich doch nicht festzuhalten wagte; zögernd that ich, wie sie verlangte. Kurze Zeit darauf hörte ich sie meinen Namen rufen, und als ich um den Felsen trat – da stand am Rande des Wassers sie selbst, Venus, die lieblichste der Göttinnen, in ihrer ganzen unverhüllten Schönheit: den einen Arm hatte sie auf das Haupt gelegt, den andern hielt sie vor sich und schaute ruhig in den klaren Wasserspiegel. Das durch die grünen Ranken gedämpfte Sonnenlicht beleuchtete die schöne Gestalt, um die die farbigen Lichter spielten. So sehr wirkte die überraschende Schönheit des Bildes auf meine Einbildungskraft, daß ich völlig die Wirklichkeit vergessend die Erscheinung anstarrte. Nach einer Weile wandte sich die Gestalt, kauerte nieder und nahm, mir den Rücken zuwendend, die Stellung der badenden Venus an. Ich war in einer sehr großen Aufregung, und ohne zu wissen, was ich that, stürzte ich auf die Göttin zu. Sie aber rief strenge: Zurück, ich befehle es Ihnen, und zugleich warf sie mit den Händen so viel Wasser auf mich, daß ich bestürzt zurückwich. Sie rief mir zu: Jetzt gehn Sie in Ihr Versteck zurück und kommen nicht früher, als bis man Sie ruft. Ich folgte sogleich dieser Anordnung, denn ich war verwirrt und beschämt: teils verdroß es mich, daß ich durch meine Unbesonnenheit die schöne Täuschung zerstört hatte, teils zürnte ich der Baronesse wegen des, wie mir schien, frivolen Spiels. Je länger ich warten mußte, um so verdrießlicher wurde meine Stimmung. Ich rief, erhielt aber keine Antwort. Da plötzlich sah ich auf einer Biegung des Wegs, auf dem wir gekommen waren, und die ich von meinem Standpunkt ans wahrnehmen konnte, in weiter Entfernung die Baronesse auf ihrem Esel, den sie zur größten Eile antrieb, wobei der Junge ihr behilflich war. Dieser Verrat erregte vollends meinen Zorn; ich sprang hinter der Flüchtigen her und erreichte sie völlig atemlos an einer Stelle, wo der Weg sie zu langsamerm Fortschreiten nötigte. Als sie mich erhitzt und erregt nahe herangekommen sah, sah sie mir ruhig und fest ins Auge und fragte dann: Haben Sie die Linie meines Rückens beachtet? Man hat mir immer gesagt, daß sie von vollkommner Schönheit sei. Diese Frage empörte mich und bewirkte, daß ich, alle Rücksicht vergessend, ihr harte Worte sagte. Sie wurde ganz bleich, und ohne etwas zu erwidern oder mich noch einmal anzusehen, trieb sie nur mit ängstlicher Hast ihren Esel beständig zur Eile an, wandte sich auch nicht links der Anhöhe zu, sondern blieb auf dem Wege, der thalabwärts über Bagni Caldi führt. Ich folgte ihr, einige Schritte zurückbleibend, in der unbehaglichsten Stimmung. Als wir in Ponte Serraglio, dem Hauptort der Bäder, über den Platz kamen, sprang die Baronesse plötzlich zur Erde und eilte auf einen Herrn zu, den sie mit allen Zeichen alter Bekanntschaft begrüßte, und an dessen Arm sie, mich keines Blickes würdigend, den Weg fortsetzte.

   Ich war sehr unzufrieden mit mir selbst, denn ich hatte die Empfindung, gegen die Baronesse ungerecht gewesen zu sein. Ich hatte vergessen, daß es unsre Aufgabe ist, die Menschen nach ihrer eigensten Natur zu verstehn, nicht aber sie nach dem Maßstab unsrer individuellen Bildung zu beurteilen. Und sie war doch offenbar kein unsrer modernen christlichen Zeit angehörendes Wesen, sondern eine rein heidnische Natur, eine echte Tochter des Zeus!

Hotel du Parc in Villa: Das Hotel Du Parc in Bagni di Lucca ist eine historische Villa, die in ein Hotel umgewandelt wurde, gelegen inmitten eines Parks.

Kroquet : Das Krocket oder Croquet ist eine Präzisionssportart, bei der es das Ziel ist, farblich markierte Bälle mit hammerförmigen Schlägern, genannt Mallets, in vorgegebener Reihenfolge durch Tore, in der Regel U-förmig gebogene Drahtbügel, zu stoßen.

 

Édouard Manet: Die Krocketpartie. 1873. Öl auf Leinwand, Städelsches Kunstinstitut.

die Somnambula: La sonnambula (Die Nachtwandlerin) ist eine Oper von Vincenzo Bellini, die am 6. März 1831 im Teatro Carcano in Mailand uraufgeführt wurde. Die Oper beginnt während der Vorbereitungen zur Hochzeit von Amina, einem armen Waisenmädchen, das von der Müllerin Teresa aufgezogen wurde, mit dem wohlhabenden Bauern Elvino. Alessio und die Dorfbewohner versammeln sich fröhlich auf dem Dorfplatz. Lisa, die Wirtin der Dorfschenke, ist eifersüchtig, da sie sich selber Hoffnungen auf eine Ehe mit Elvino gemacht hatte; den in sie verliebten Alessio dagegen weist sie barsch zurück.

Nach einem von den Dorfbewohnern gesungenen Ständchen erscheint Amina und bedankt sich gerührt bei ihnen für die ihr entgegengebrachte Freundschaft und bei ihrer „Mutter“ Teresa für ihre Liebe.

Elvino, der zuvor am Grabe seiner Mutter gebetet hat, trifft mit einem Notar zur standesamtlichen Trauung ein. Auf die Frage des Notars, was die Brautleute in die Ehe mitbringen, wird klar, dass Elvino ein vermögender Mann ist, während die arme Amina „nur ihr Herz“ verschenken kann. Elvino ruft gerührt: „Das Herz ist Alles, dann folgt der Heiratsritus.

Nach der bewegenden Zeremonie taucht Rodolfo auf, der Sohn des verstorbenen Feudalherrn des Ortes, der aber lange fort war und seine Identität zunächst nicht preisgibt. Er ist voller Erinnerungen und als er Amina sieht, schmeichelt er ihr und erregt damit die Eifersucht von Elvino und auch von Lisa. Da der Abend hereinbricht, beendet Teresa das Fest und die Dorfbewohner erzählen Rodolfo schaudernd von einem Gespenst, das nachts im Dorf umgehe; Rodolfo hält das für abergläubischen Unsinn.

Das Brautpaar bleibt zurück und der wütende Elvino macht Amina eine Szene. Doch diese versteht es ihrem Geliebten klarzumachen, dass seine Eifersucht völlig unbegründet ist.

Im Gasthof besucht Lisa Rodolfo in dessen Gaststube und kokettiert mit ihm, den sie längst als den jungen Grafen erkannt hat. Da taucht plötzlich die schlafwandelnde Amina auf, die nach Elvino ruft und dann auf ein Sofa sinkt. Während der verwirrte Rodolfo es für das Beste hält, Amina allein zu lassen und das Weite zu suchen, wittert die verärgerte Lisa nun ihre „Chance“ und läuft fort, um Elvino und die Dorfbewohner zu holen. Als diese eintreffen und die völlig entgeisterte und ahnungslose Amina im Zimmer des Grafen „erwischen“, nützen all deren Unschuldsbeteuerungen nichts: Der wutentbrannte Elvino glaubt sich betrogen und bläst die für den nächsten Tag geplante kirchliche Hochzeit ab.

 

 

 

in der hoch erhobnen Hand ein Lämpchen haltend zur Brücke schreitet: Die die schlafwandelnde Amina taucht auf einem Dach auf und alle werden Zeuge, wie sie im Schlaf von ihrem großen Kummer und ihrer Liebe zu Elvino spricht, dem sie aber seine Ungerechtigkeiten in einem Gebet verzeiht.

in einem der kleinen Seitenthäler des Gebirgs aufsteigend eine Schlucht: Die Orrido di Botri ist eine tiefe Kalksteinschlucht, die vom Rio Pelago geformt wurde. Das Gebiet liegt in der Gemeinde Bagni di Lucca, im oberen Fegana-Tal an den Hängen der Tre Potenze und des Monte Rondinaio.

Diana: Diana ist in der römischen Mythologie die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt, Beschützerin der Frauen und Mädchen. Ihr entspricht die Artemis in der griechischen Mythologie. Diana ist ursprünglich eine italische Gottheit. Ihr bedeutendstes Heiligtum (Dianium) befand sich in den Albaner Bergen bei Aricia am Nemisee, dem speculum Dianae, dem „Spiegel der Diana“.

eine der Bergnymphen: Bergnymphen (griechisch Oreaden) sind weibliche Naturgeister aus der griechischen Mythologie, die in Bergen, Grotten und Felsspalten leben und die Naturkräfte der Gebirge verkörpern, bekannt für das Phänomen des Echos, wobei eine berühmte Oreadin die Echo ist. Sie sind eng mit ihrer Umgebung verbunden, etwa Bäumen, und gelten als Personifikationen der Landschaft.

die Höhe zwischen Villa und Bagni caldi: „Villa und Bagni caldi“ (Heißes Bad) bezieht sich auf den historischen Kurort Bagni di Lucca in der Toskana, speziell auf den Ortsteil La Villa (Hauptort) und das Viertel Bagni Caldi, bekannt für seine natürlichen Thermalquellen und historischen Kurhäuser, die seit Jahrhunderten für ihre heilenden Eigenschaften genutzt werden, mit Attraktionen wie der Grotta Grande und Grotta Paolina. Die Kombination von „Villa“ (als Bezeichnung des Ortes) und „Bagni caldi“ (heißes Wasser) beschreibt das Herzstück dieser Thermalregion in Italien.
Wikipedia

 

Venus von Medici. Marmor, 1. Jahrhundert v. Chr. Uffizien, Florenz

 

Venus, die lieblichste der Göttinnen: Venus ist die römische Göttin der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit.

Wasserspiegel: Die Spiegelmetapher verweist auf entsprechende Venus-Darstellungen in der Bildenden Kunst.

 

Diego Velázquez: The Toilet of Venus 1644. National Galley, London, Wikipedia

 

Peter Paul Rubens: Venus vorm Spiegel, um 1615. Wikipedia

 

die Stellung der badenden Venus: Der Begriff „Badende Venus“ bezieht sich auf verschiedene bedeutende Werke der Kunst- und Kulturgeschichte. In der Kunstgeschichte ist die badende Venus ein Standardmotiv, das die Göttin in einem intimen, menschlichen Moment zeigt.

Ponte Serraglio: Ortsteil der Gemeinde Bagni di Lucca in der Toskana, Italien, der für seine historische Brücke und seine Thermalbäder bekannt ist. Er liegt am Fluss Lima und war früher ein beliebter Kurort.

Tochter des Zeus: Venus wird nach verschiedenen Mythen entweder als Tochter von Zeus und Dione (Homer) oder als aus dem Meeresschaum (entstanden aus den Genitalien des Uranus, die Cronos abschnitt) geboren.

 

Grotta del Buontalenti, terza stanza, Venere e satiri del Giambologna, Wikimedia

 

Die kauernde Venus (Lely-Venus): Eine berühmte römische Marmorkopie (2. Jh. n. Chr.) eines hellenistischen Originals. Sie zeigt die Göttin in einer hockenden Pose, wie sie beim Baden überrascht wird und versucht, ihre Blöße zu bedecken. Eine bekannte Version befindet sich im British Museum.

British Museum; Wikimedia

 

Napoli, Museo archeologico nazionale: Wikimedia

Venus Kallipygos: Wörtlich die „Venus mit dem schönen Gesäß“. Diese Statue zeigt die Göttin, wie sie ihr Gewand hebt, um sich vor dem Bad in einer Wasserfläche zu betrachten. Das Original befindet sich im Nationalen Archäologischen Museum von Neapel.

 

Inwiefern sich Mannhardt bei der Schilderung der Baronesse an Eichendorffs Beschreibung der Venus in seiner Novelle „Das Marmorbild“ orientiert hat, belegen folgende Textauszüge:

 

(1)

So in Gedanken schritt er noch lange fort, als er unerwartet bei einem großen, von hohen Bäumen rings umgebenen Weiher anlangte. Der Mond, der eben über die Wipfel trat, beleuchtete scharf ein marmornes Venusbild, das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, als wäre die Göttin soeben erst aus den Wellen aufgetaucht und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise aus dem Grunde aufblühenden Sternen widerstrahlte. Einige Schwäne beschrieben still ihre einförmigen Kreise um das Bild, ein leises Rauschen ging durch die Bäume ringsumher.

Florio stand wie eingewurzelt im Schauen, denn ihm kam jenes Bild wie eine langgesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte vor, wie eine Wunderblume, aus der Frühlingsdämmerung und träumerischen Stille seiner frühesten Jugend heraufgewachsen. Je länger er hinsah, je mehr schien es ihm, als schlüge es die seelenvollen Augen langsam auf, als wollten sich die Lippen bewegen zum Gruße, als blühe Leben wie ein lieblicher Gesang erwärmend durch die schönen Glieder herauf. Er hielt die Augen lange geschlossen vor Blendung, Wehmut und Entzücken.

Als er wieder aufblickte, schien auf einmal alles wie verwandelt. Der Mond sah seltsam zwischen Wolken hervor, ein stärkerer Wind kräuselte den Weiher in trübe Wellen, das Venusbild, so fürchterlich weiß und regungslos, sah ihn fast schreckhaft mit den steinernen Augenhöhlen aus der grenzenlosen Stille an. Ein nie gefühltes Grausen überfiel da den Jüngling. Er verließ schnell den Ort, und immer schneller und ohne auszuruhen eilte er durch die Gärten und Weinberge wieder fort, der ruhigen Stadt zu; denn auch das Rauschen der Bäume kam ihm nun wie ein verständliches, vernehmliches Geflüster vor, und die langen, gespenstischen Pappeln schienen mit ihren weitgestreckten Schatten hinter ihm dreinzulangen.

 

(2)

Florio folgte dem Gesange und kam auf einen offenen, runden Rasenplatz, in dessen Mitte ein Springbrunnen lustig mit den Funken des Mondlichts spielte. Die Griechin saß, wie eine schöne Naiade, auf dem steinernen Becken. Sie hatte die Larve abgenommen und spielte gedankenvoll mit einer Pose in dem schimmernden Wasserspiegel. Schmeichlerisch schweifte der Mondschein über den blendendweißen Nacken auf und nieder, ihr Gesicht konnte er nicht sehen, denn sie hatte ihm den Rücken zugekehrt. – Als sie die Zweige hinter sich rauschen hörte, sprang das schöne Bildchen rasch auf, steckte die Larve vor und floh, schnell wie ein aufgescheuchtes Reh, wieder zur Gesellschaft zurück.

Florio mischte sich nun auch wieder in die bunten Reihen der Spazierengehenden. Manch zierliches Liebeswort schallte da leise durch die laue Luft, der Mondschein hatte mit seinen unsichtbaren Fäden alle die Bilder wie in ein goldenes Liebesnetz verstrickt, in das nur die Masken mit ihren ungeselligen Parodien manche komische Lücke gerissen. Besonders hatte Fortunato sich diesen Abend mehreremal verkleidet und trieb fortwährend seltsam wechselnd sinnreichen Spuk, immer neu und unerkannt und oft sich selber überraschend durch die Kühnheit und tiefe Bedeutsamkeit seines Spieles, so daß er manchmal plötzlich still wurde vor Wehmut, wenn die andern sich halbtot lachen wollten.

Die schöne Griechin ließ sich indes nirgends sehen, sie schien es absichtlich zu vermeiden, dem Florio wieder zu begegnen.

Dagegen hatte ihn der Herr vom Hause recht in Beschlag genommen. Künstlich und weit ausholend befragte ihn derselbe weitläufig um sein früheres Leben, seine Reisen und seinen künftigen Lebensplan. Florio konnte dabei gar nicht vertraulich werden, denn Pietro, so hieß jener, sah fortwährend so beobachtend aus, als läge hinter allen den feinen Redensarten irgendein besonderer Anschlag auf der Lauer. Vergebens sann er hin und her, dem Grunde dieser zudringlichen Neugier auf die Spur zu kommen.

Er hatte sich soeben wieder von ihm losgemacht, als er, um den Ausgang einer Allee herumbiegend, mehreren Masken begegnete, unter denen er unerwartet die Griechin wieder erblickte. Die Masken sprachen viel und seltsam durcheinander, die eine Stimme schien ihm bekannt, doch konnte er sich nicht deutlich besinnen. Bald darauf verlor sich eine Gestalt nach der andern, bis er sich am Ende, ehe er sich dessen recht versah, allein mit dem Mädchen befand. Sie blieb zögernd stehen und sah ihn einige Augenblicke schweigend an. Die Larve war fort, aber ein kurzer, blütenweißer Schleier, mit allerlei wunderlichen, goldgestickten Figuren verziert, verdeckte das Gesichtchen. Er wunderte sich, daß die Scheue nun so allein bei ihm aushielt.

«Ihr habt mich in meinem Gesange belauscht», sagte sie endlich freundlich. Es waren die ersten lauten Worte, die er von ihr vernahm. Der melodische Klang ihrer Stimme drang ihm durch die Seele, es war, als rührte sie erinnernd an alles Liebe, Schöne und Fröhliche, was er im Leben erfahren. Er entschuldigte seine Kühnheit und sprach verwirrt von der Einsamkeit, die ihn verlockt, seiner Zerstreuung, dem Rauschen der Wasserkunst. Einige Stimmen näherten sich unterdes dem Platze. Das Mädchen blickte scheu um sich und ging rasch tiefer in die Nacht hinein. Sie schien es gern zu sehen, daß Florio ihr folgte.

Kühn und vertraulicher bat er sie nun, sich nicht länger zu verbergen oder doch ihren Namen zu sagen, damit ihre liebliche Erscheinung unter den tausend verwirrenden Bildern des Tages ihm nicht wieder verloren ginge. «Laßt das», erwiderte sie träumerisch, «nehmt die Blumen des Lebens fröhlich, wie sie der Augenblick gibt, und forscht nicht nach den Wurzeln im Grunde, denn unten ist es freudlos und still.» Florio sah sie erstaunt an; er begriff nicht, wie solche rätselhafte Worte in den Mund des heitern Mädchens kamen. Das Mondlicht fiel eben wechselnd zwischen den Bäumen auf ihre Gestalt. Da kam es ihm auch vor, als sei sie nun größer, schlanker und edler, als vorhin beim Tanze und am Springbrunnen.

Sie waren indes bis an den Ausgang des Gartens gekommen. Keine Lampe brannte mehr hier, nur manchmal hörte man noch eine Stimme in der Ferne verhallend. Draußen ruhte der weite Kreis der Gegend still und feierlich im prächtigen Mondschein. Auf einer Wiese, die vor ihnen lag, bemerkte Florio mehrere Pferde und Menschen, in dem Dämmerlichte halbkenntlich durcheinander wirrend.

Hier blieb seine Begleiterin plötzlich stehen. «Es wird mich erfreuen», sagte sie, «Euch einmal in meinem Hause zu sehen. Unser Freund wird Euch hingeleiten. – Lebt wohl!» – Bei diesen Worten schlug sie den Schleier zurück, und Florio fuhr erschrocken zusammen. – Es war die wunderbare Schöne, deren Gesang er in jenem mittagschwülen Garten belauscht. – Aber ihr Gesicht, das der Mond hell beschien, kam ihm bleich und regungslos vor, fast wie damals das Marmorbild am Weiher.

Er sah nun, wie sie über die Wiese dahinging, von mehreren reichgeschmückten Dienern empfangen wurde und in einem schnell umgeworfenen, schimmernden Jagdkleide einen schneeweißen Zelter bestieg. Wie festgebannt von Staunen, Freude und einem heimlichen Grauen, das ihn innerlichst überschlich, blieb er stehen, bis Pferde, Reiter und die ganze seltsame Erscheinung in die Nacht verschwunden war.

 

(3)

Auf den breiten, glattpolierten Stufen, die in den Garten hinabführten, trafen sie endlich auch die schöne Herrin des Palastes, die sie mit großer Anmut willkommen hieß. Sie ruhte, halb liegend, auf einem Ruhebett von köstlichen Stoffen. Das Jagdkleid hatte sie abgelegt, ein himmelblaues Gewand, von einem wunderbar zierlichen Gürtel zusammengehalten, umschloß die schönen Glieder. Ein Mädchen, neben ihr kniend, hielt ihr einen reichverzierten Spiegel vor, während mehrere andere beschäftigt waren, ihre anmutige Gebieterin mit Rosen zu schmücken. Zu ihren Füßen war ein Kreis von Jungfrauen auf dem Rasen gelagert, die sangen mit abwechselnden Stimmen zur Laute, bald hinreißend, bald leise klagend, wie Nachtigallen in warmen Sommernächten einander Antwort geben.

In dem Garten selbst sah man überall ein erfrischendes Wehen und Regen. Viele fremde Herren und Damen wandelten da zwischen den Rosengebüschen und Wasserkünsten in artigen Gesprächen auf und nieder. Reichgeschmückte Edelknaben reichten Wein und mit Blumen verdeckte Orangen und Früchte in silbernen Schalen umher. Weiter in der Ferne, wie die Lautenklänge und die Abendstrahlen über die Blumenfelder dahinglitten, erhoben sich hin und her schöne Mädchen, wie aus Mittagsträumen erwachend, aus den Blumen, schüttelten die dunkeln Locken aus der Stirn, wuschen sich die Augen in den klaren Springbrunnen und mischten sich dann auch in den fröhlichen Schwarm.

Florios Blicke schweiften wie geblendet über die bunten Bilder, immer mit neuer Trunkenheit wieder zu der schönen Herrin des Schlosses zurückkehrend. Diese ließ sich in ihrem kleinen, anmutigen Geschäft nicht stören. Bald etwas an ihrem dunkeln, duftenden Lockengeflecht verbessernd, bald wieder im Spiegel sich betrachtend, sprach sie dabei fortwährend zu dem Jüngling, mit gleichgültigen Dingen in zierlichen Worten holdselig spielend. Zuweilen wandte sie sich plötzlich um und blickte ihn unter den Rosenkränzen so unbeschreiblich lieblich an, daß es ihm durch die innerste Seele ging.

Die Nacht hatte indes schon angefangen, zwischen die fliegenden Abendlichter hinein zu dunkeln, das lustige Schallen im Garten wurde nach und nach zum leisen Liebesgeflüster, der Mondschein legte sich zauberisch über die schönen Bilder. Da erhob sich die Dame von ihrem blumigen Sitze und faßte Florio freundlich bei der Hand, um ihn in das Innere ihres Schlosses zu führen, von dem er bewundernd gesprochen. Viele von den andern folgten ihnen nach. Sie gingen einige Stufen auf und nieder, die Gesellschaft zerstreute sich inzwischen lustig, lachend und scherzend durch die vielfachen Säulengänge, auch Donati war im Schwarme verloren, und bald befand sich Florio mit der Dame allein in einem der prächtigsten Gemächer des Schlosses.

Die schöne Führerin ließ sich hier auf mehrere am Boden liegende, seidene Kissen nieder. Sie warf dabei, zierlich wechselnd, ihren weiten, blütenweißen Schleier in die mannigfaltigsten Richtungen, immer schönere Formen bald enthüllend, bald lose verbergend. Florio betrachtete sie mit flammenden Augen. Da begann auf einmal draußen in dem Garten ein wunderschöner Gesang. Es war ein altes, frommes Lied, das er in seiner Kindheit oft gehört und seitdem über den wechselnden Bildern der Reise fast vergessen hatte. Er wurde ganz zerstreut, denn es kam ihm zugleich vor, als wäre es Fortunatos Stimme. – «Kennt Ihr den Sänger?» fragte er rasch die Dame. Diese schien ordentlich erschrocken und verneinte es verwirrt. Dann saß sie lange im stummen Nachsinnen da.

Florio hatte unterdes Zeit und Freiheit, die wunderlichen Verzierungen des Gemaches genau zu betrachten. Es war nur matt durch einige Kerzen erleuchtet, die von zwei ungeheuren, aus der Wand hervorragenden Armen gehalten wurden. Hohe ausländische Blumen, die in künstlichen Krügen umherstanden, verbreiteten einen berauschenden Duft. Gegenüber stand eine Reihe marmorner Bildsäulen, über deren reizende Formen die schwankenden Lichter lüstern auf und nieder schweiften. Die übrigen Wände füllten köstliche Tapeten mit in Seide gewirkten lebensgroßen Historien von ausnehmender Frische.

Mit Verwunderung glaubte Florio, in allen den Damen, die er in diesen letzteren Schildereien erblickte, die schöne Herrin des Hauses deutlich wiederzuerkennen. Bald erschien sie, den Falken auf der Hand, wie er sie vorhin gesehen hatte, mit einem jungen Ritter auf die Jagd reitend, bald war sie in einem prächtigen Rosengarten vorgestellt, wie ein anderer schöner Edelknabe auf den Knien zu ihren Füßen lag.

Da flog es ihn plötzlich wie von den Klängen des Liedes draußen an, daß er zu Hause in früher Kindheit oftmals ein solches Bild gesehen, eine wunderschöne Dame in derselben Kleidung, einen Ritter zu ihren Füßen, hinten einen weiten Garten mit vielen Springbrunnen und künstlich geschnittenen Alleen, gerade wie vorhin der Garten draußen erschienen. Auch Abbildungen von Lucca und anderen berühmten Städten erinnerte er sich dort gesehen zu haben.

Er erzählte es nicht ohne tiefe Bewegung der Dame. «Damals», sagte er, in Erinnerung verloren, «wenn ich so an schwülen Nachmittagen in dem einsamen Lusthause unseres Gartens vor den alten Bildern stand und die wunderlichen Türme der Städte, die Brücken und Alleen betrachtete, wie da prächtige Karossen fuhren und stattliche Kavaliers einherritten, die Damen in den Wagen begrüßend – da dachte ich nicht, daß das alles einmal lebendig werden würde um mich herum. Mein Vater trat dabei oft zu mir und erzählte mir manch lustiges Abenteuer, das ihm auf seinen jugendlichen Heeresfahrten in der und jener von den abgemalten Städten begegnet. Dann pflegte er gewöhnlich lange Zeit nachdenklich in dem stillen Garten auf und ab zu gehen. – Ich aber warf mich in das tiefste Gras und sah stundenlang zu, wie Wolken über die schwüle Gegend wegzogen. Die Gräser und Blumen schwankten leise hin und her über mir, als wollten sie seltsame Träume weben, die Bienen summten dazwischen so sommerhaft und in einem fort – ach! das ist alles wie ein Meer von Stille, in dem das Herz vor Wehmut untergehen möchte!» – «Laßt nur das!» sagte hier die Dame wie in Zerstreuung, «ein jeder glaubt mich schon einmal gesehen zu haben, denn mein Bild dämmert und blüht wohl in allen Jugendträumen mit herauf.» Sie streichelte dabei beschwichtigend dem schönen Jüngling die braunen Locken aus der klaren Stirn. Florio aber stand auf, sein Herz war zu voll und tief bewegt, er trat ans offne Fenster. Da rauschten die Bäume, hin und her schlug eine Nachtigall, in der Ferne blitzte es zuweilen. Über den stillen Garten weg zog immerfort der Gesang wie ein klarer, kühler Strom, aus dem die alten Jugendträume herauftauchten. Die Gewalt dieser Töne hatte seine ganze Seele in tiefe Gedanken versenkt, er kam sich auf einmal hier so fremd und wie aus sich selber verirrt vor. Selbst die letzten Worte der Dame, die er sich nicht recht zu deuten wußte, beängstigten ihn sonderbar – da sagte er leise aus tiefstem Grunde der Seele: «Herr Gott, laß mich nicht verloren gehen in der Welt!» Kaum hatte er die Worte innerlichst ausgesprochen, als sich draußen ein trüber Wind, wie von dem herannahenden Gewitter, erhob und ihn verwirrend anwehte. Zu gleicher Zeit bemerkte er an dem Fenstergesimse Gras und einzelne Büschel von Kräutern, wie auf altem Gemäuer. Eine Schlange fuhr zischend daraus hervor und stürzte mit dem grünlich-goldenen Schweife sich ringelnd in den Abgrund hinunter.

Erschrocken verließ Florio das Fenster und kehrte zu der Dame zurück. Diese saß unbeweglich still, als lauschte sie. Dann stand sie rasch auf, ging ans Fenster und sprach mit anmutiger Stimme scheltend in die Nacht hinaus. Florio konnte aber nichts verstehen, denn der Sturm riß die Worte gleich mit sich fort. – Das Gewitter schien indes immer näher zu kommen, der Wind, zwischen dem noch immerfort einzelne Töne des Gesanges herzzerreißend heraufflogen, strich pfeifend durch das ganze Haus und drohte die wild hin und her flackernden Kerzen zu verlöschen. Ein langer Blitz erleuchtete soeben das dämmernde Gemach. Da fuhr Florio plötzlich einige Schritte zurück, denn es war ihm, als stünde die Dame starr mit geschlossenen Augen und ganz weißem Antlitz und Armen vor ihm. Mit dem flüchtigen Blitzesscheine jedoch verschwand auch das schreckliche Gesicht wieder, wie es entstanden. Die alte Dämmerung füllte wieder das Gemach, die Dame sah ihn wieder lächelnd an wie vorhin, aber stillschweigend und wehmütig, wie mit schwerverhaltenen Tränen.

Florio hatte indes, im Schreck zurücktaumelnd, eines von den steinernen Bildern, die an der Wand herumstanden, angestoßen. In demselben Augenblicke begann dasselbe sich zu rühren, die Regung teilte sich schnell den andern mit, und bald erhoben sich alle die Bilder mit furchtbarem Schweigen von ihrem Gestelle. Florio zog seinen Degen und warf einen ungewissen Blick auf die Dame. Als er aber bemerkte, daß dieselbe bei den indes immer gewaltiger verschwellenden Tönen des Gesanges im Garten immer bleicher und bleicher wurde, gleich einer versinkenden Abendröte, worin endlich auch die lieblich spielenden Augensterne unterzugehen schienen, da erfaßte ihn ein tödliches Grauen. Denn auch die hohen Blumen in den Gefäßen fingen an, sich wie buntgefleckte bäumende Schlangen gräßlich durcheinander zu winden, alle Ritter auf den Wandtapeten sahen auf einmal aus wie er und lachten ihn hämisch an; die beiden Arme, welche die Kerzen hielten, rangen und reckten sich immer länger, als wolle ein ungeheurer Mann aus der Wand sich hervorarbeiten, der Saal füllte sich mehr und mehr, die Flammen des Blitzes warfen gräßliche Scheine zwischen die Gestalten, durch deren Gewimmel Florio die steinernen Bilder mit solcher Gewalt auf sich losdringen sah, daß ihm die Haare zu Berge standen. Das Grausen überwältigte alle seine Sinne, er stürzte verworren aus dem Zimmer durch die öden widerhallenden Gemächer und Säulengänge hinab.

Unten im Garten lag seitwärts der stille Weiher, den er in jener ersten Nacht gesehen, mit dem marmornen Venusbilde. – Der Sänger Fortunato, so kam es ihm vor, fuhr abgewendet und hoch aufrecht stehend im Kahne mitten auf dem Weiher, noch einzelne Akkorde in seine Gitarre greifend. – Florio aber hielt auch diese Erscheinung für ein verwirrendes Blendwerk der Nacht und eilte fort und fort, ohne sich umzusehen, bis Weiher, Garten und Palast weit hinter ihm versunken waren. Die Stadt ruhte, hell vom Monde beschienen, vor ihm. Fernab am Horizonte verhallte nur ein leichtes Gewitter, es war eine prächtig klare Sommernacht.
Projekt Gutenberg nach Josef Freiherr von Eichendorff: „Das Marmorbild“. Zürich 1955

 

   In dieser Stimmung wollte ich der Baronesse nicht begegnen und nahm deshalb an diesem Tage nicht an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teil. Am Abend war ich im Lesezimmer des Kasinos, als ein Bekannter mit dem Herrn eintrat, den die Baronesse so freundschaftlich begrüßt hatte. Er wurde mir als ein Mitglied der russischen Gesandtschaft in Rom vorgestellt. Ich sagte, daß ich ihn schon am Morgen gesehen hätte, als er mir die Baronesse entführt habe. – Also darf ich annehmen, bemerkte er, daß Sie in den Banden der tollen Baronesse sind? – Ich kann das kaum zugeben, entgegnete ich, und am wenigsten mich eines Vorzugs rühmen. Denn als sie zwischen uns beiden zu wählen hatte, ging es ihr nicht wie Buridans Esel: sie war keinen Augenblick im Zweifel. – Wenn Sie schon mir die Ehre erweisen, mich mit einem Bündel Heu zu vergleichen, sagte der andre, so bin ich doch nicht mehr grün genug, von ihr verspeist zu werden. Wenn Sie um meinetwillen verlassen wurden, so werde ich vermutlich höhern Zwecken gedient haben, denn die Baronesse liebt es, ihre Freunde nicht als Zweck, sondern als Mittel zu behandeln.

   Ich hielt es für recht, etwas zu ihren Gunsten vorzubringen, er aber fuhr fort! Kennen Sie die Geschichte ihrer Heirat? und sagte, als ich dieses verneinte: so werde ich sie Ihnen erzählen, weil Sie daraus erkennen werden, wessen sie fähig ist. Als ich, es ist schon eine Reihe von Jahren her, bei der Gesandtschaft in Paris war, kam die Baronesse einigemale in Begleitung ihrer Mutter in geschäftlichen Angelegenheiten zu uns. Ich erfuhr, daß sie, die damals noch sehr jung war, sich mit einem französischen Vicomte zu verheiraten beabsichtige, und es handelte sich um die Beschaffung der zur Eingehung einer Ehe notwendigen Papiere aus der Heimat. Da die Damen allein standen und ganz unerfahren in Geschäften waren, so erbot ich mich, die Angelegenheit für sie zu ordnen und alles Nötige zu besorgen, und um ihnen jede Mühe zu ersparen, begab ich mich mehrfach zu geschäftlichen Mitteilungen in ihre Wohnung. Auf diese Weise lernte ich sie und auch den Bräutigam kennen. Die Baronesse Magna war schon damals so schön, so neckisch, so launenhaft und unberechenbar, wie Sie sie kennen; der Bräutigam war nicht mehr jung, ein stark gebauter Mann mit vorwärts gebeugter Haltung und kahlem Scheitel, stets nach der Mode aber ohne Geschmack gekleidet, mit wenig Geist, aber jederzeit überaus geschäftig und sehr mitteilsam. Daß er in derangierten Verhältnissen lebte und darum die Baronesse, die für reich galt, zu heiraten wünschte, war mir bald kein Geheimnis mehr, was aber sie zu diesem Schritt veranlaßte, war mir rätselhaft, denn ich bemerkte bald, daß sie keine Zuneigung zu ihm hatte. Wahrscheinlich waren es Äußerlichkeiten, die sie bestimmten: der Vicomte gehörte einer sehr großen und angesehenen Familie an.

   Als alle Förmlichkeiten erledigt waren, wurde die Hochzeit festgesetzt, und ich wurde gebeten, der Trauung als Zeuge beizuwohnen. Der Kontrakt war unterzeichnet, und wir begaben uns ans die Mairie, um den legalen Akt zu vollziehn. Der Vicomte hatte seinen Anzug unglücklich gewählt und sah in der That noch weniger vorteilhaft aus als gewöhnlich. Die Baronesse war augenscheinlich in sehr übler Laune und flüsterte mir zu: Sehen Sie seine Schuhe und Strümpfe an, wie abgeschmackt!

   Nach der Beendigung der Ziviltrauung fuhr man nach Hause, um sich umzukleiden. Es war bestimmt, daß wir später die junge Frau und deren Mutter in ihrer Wohnung abholen sollten, um zur Kirche zu fahren. Nach der kirchlichen Feierlichkeit sollte im Grand Hotel ein Frühstück stattfinden, wozu zahlreiche Einladungen ergangen waren. Als ich zwei Stunden später in die Wohnung der Baronesse kam, fand ich den Bräutigam und die Trauzeugen vor der verschlossenen Thür der Baronesse, ratlos, was zu thun sei. Man erwartete von mir eine Lösung des Rätsels, und ich nahm es auf mich, mit Zuhilfenahme der Behörde die Wohnung öffnen zu lassen: sie war leer.

   Ich überlasse es Ihnen, sich die Verwirrung, die daraus entstand, daß das Paar weder in der Kirche noch im Hotel erschien, und die Bestürzung des jungen Ehemanns auszumalen. Sicher ist, daß die Baronesse verschwunden war und blieb, trotz aller Anstrengungen, die der Vicomte mit Hilfe der Polizei machte, um eine Aufklärung herbeizuführen. Man hat mir später erzählt, daß die junge Frau, sobald sie mit der Mutter allein gewesen war, dieser auf das entschiedenste erklärt hatte, daß sie mit einem Manne, der sich so kleide, nicht leben könne und lieber sterben wollte, als ihm folgen, und daß die Mutter, die von der Baronesse völlig beherrscht wurde, um diese zu retten, sogleich die Flucht ins Werk gesetzt hatte. Wahrscheinlich haben sie sich zuerst in Paris selbst verborgen gehalten.

   Der arme Vicomte war in einer bemitleidenswerten Lage: verheiratet und doch ohne Frau, und namentlich ohne einen Teil ihres Vermögens, war ihm die einzige Möglichkeit, dem Ruin zu entgehn, eine reiche Heirat genommen. Denn die bestehenden Gesetze, das stand fest, ließen eine Scheidung, die ihm eine andre Ehe ermöglichte, nicht zu. Kein Wunder also, daß er Himmel und Erde in Bewegung setzte, um in den Besitz seiner Frau zu gelangen. Auch unsre Gesandtschaft wurde lauge Zeit von ihm bestürmt, aber alle unsre Bemühungen, etwas über sie zu erfahren, blieben vergeblich. Bei seinem heftigen Wesen und seinem Bedürfnis, sich mitzuteilen, konnte es nicht fehlen, daß er jedem sein Unglück klagte, und bald war es hergebracht, daß alle seine Bekannten, wann immer sie ihm begegneten, fragten, ob er Nachrichten von seiner Frau habe. Um dem zu entgehn und in Verzweiflung über seine Lage machte sich der Vicomte, der Paris noch nie verlassen hatte, endlich selbst auf die Reise und durchzog Europa zu Wasser und zu Lande, um seine Frau zu suchen, aber ohne den mindesten Erfolg.

   Als er zurückgekehrt war, gelang es dann dem Einfluß seiner Familie, durchzusetzen, daß die Ehe für nicht geschlossen und also für niemals bestanden erklärt wurde, weil, wie man sagte, die Trauung durch ein Mißverständnis stattgefunden habe, das durch die Unbekanntschaft der Braut und deren Mutter mit der französischen Sprache veranlaßt worden sei. Diese Entscheidung war zwar nicht einleuchtend, aber sehr glücklich für den Vicomte, der kurz darauf die Tochter eines reichen Hutfabrikanten heiratete. Im darauf folgenden Sommer kam dann auch die Baronesse, freilich nicht in Paris, sondern in Baden, in Gesellschaft ihrer Schwester, da die Mutter inzwischen gestorben war, wieder zum Vorschein. Sie hatte nichts von ihrer Munterkeit eingebüßt. –

   Diese Erzählung bestätigte nur die Ansicht, die ich mir über den Charakter der Baronesse gebildet hatte, und verminderte nicht die Reue, die ich empfand, sie verletzt zu haben. Ich suchte und fand am folgenden Tage, da sie allein im Garten war, die Gelegenheit, ihr einige entschuldigende Worte zu sagen, die ihr Freude zu machen schienen, denn sie hörte mich lächelnd an, sagte aber nichts darauf, sondern fing an, in ihrer heitern Art über andre Gegenstände zu reden; auch verkehrten wir in den nächsten Tagen in unbefangner und freundschaftlicher Weise. Dann aber trat ein Ereignis ein, das unsrer Freundschaft ein jähes Ende bereitete.

 

im Lesezimmer des Kasinos: Das Royal Casino in Ponte a Serraglio war das erste öffentliche Casino in Europa. Glücksspiel war in der Gegend bereits beliebt, und die Menschen versammelten sich in einem der Gebäude in Bagni Caldi, in dem sich heute die Thermen befinden, bis Carlo Lodovico di Borbone Giuseppe Pardini 1837 mit dem Bau des Casinos beauftragte.

Buridans Esel: ist ein philosophisches Gleichnis, das auf den persischen Philosophen Al-Ghazālī (1058–1111) zurückzuführen ist. In seinem Hauptwerk Die Inkohärenz der Philosophen schreibt er: „Wenn ein durstiger Mann auf zwei verschiedene Becher Wasser zugreifen kann, die für seine Zwecke in jeder Hinsicht gleich sind, müßte er verdursten, solange einer nicht schöner, leichter oder näher an seiner rechten Hand ist […].“

Das Buridansche Paradoxon beschreibt eine ähnliche Situation, die systemisch einen Deadlock darstellt: „Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.“
Wikipedia

mit einem französischen Vicomte: Vicomte, von lateinisch Vicecomes, ist ein europäischer Adelstitel. Ursprünglich war er ein Vizegraf, d. h. der Stellvertreter eines Grafen (französisch Comte, italienisch Conte, spanisch Conde, englisch Count).

Mairie: in Frankreich das Amt (Behörde) des Bürgermeisters.

Ziviltrauung: Eine Ziviltrauung (auch standesamtliche Trauung genannt) ist die rechtlich bindende Eheschließung vor einem staatlichen Beamten im Standesamt oder einem offiziell genehmigten Ort, die die Ehe begründet, im Gegensatz zur rein religiösen Hochzeit.

 Grand Hotel: Es gibt nicht das Pariser Grand Hotel, sondern mehrere berühmte Luxushotels in Paris, die als „Grand Hotel“ bekannt sind oder waren.

 

Toscanische Landschaft im Mondschein

 

   Ich hatte am Abend mit der Baronesse und ihrer Schwester einen Spaziergang ans dem Wege gemacht, der an der Lima abwärts führt: der Mond stand in der Höhe der gegenüberliegenden Berge und goß durch alle ihre Einschnitte und Seitenthäler Ströme glänzenden Lichts in das Thal herab, hie und da Baumgruppen und Wiesen hell erleuchtend, während der rauschende Strom unter uns, wenn der Mondstrahl ihn traf, wie flüssiges Gold erglänzte. Fern in den Bergen wurde von einer Kirche ein Fest eingeläutet, und die Glockentöne drangen vernehmlich durch die stille Luft; unser Gespräch war unter dem Eindruck, den die schöne Gegenwart auf unser Gemüt wirkte, verstummt, und wir trennten uns in einer durch den Genuß erregten Stimmung. Ich stand noch lange am offnen Fenster und sah in den Mondschein hinaus; dann schloß ich es und ging zur Ruhe. Als ich eben am Einschlafen war, wurde ich durch einen hellen Lichtschein wieder geweckt. Ich öffnete die Augen und sah in meinem Zimmer die Somnambula stehn, genau in derselben Haltung und Bekleidung, wie ich sie kürzlich im Theater gesehen hatte: der rechte Arm war hoch erhaben und trug ein rotes Lämpcheu, mit dem sie vor sich leuchtete, das ausgeloste Haar hing lang herab auf das weiße Nachtgewand, die nackten Füßcheu steckten in zierlichen goldgestickten Pantöffelchen; so stand sie und schaute mich unverwandt an. Ich brauchte ein wenig Zeit, bis ich mich soweit besinnen konnte, daß ich begriff, es sei die Baronesse, die mir in dieser Verkleidung aufs neue eine Vorstellung gebe. Eben wollte ich ihr, ärgerlich über ihren Einfall, Vorwürfe machen, als sie sich plötzlich an meinem Bette nieder warf, beide Arme um meinen Nacken schlang und ihre Lippen auf die meinen preßte.

   Ich empfand in diesem Augenblick nichts andres, als Grauen vor der Berührung mit diesem Wesen, etwas gleich der Empfindung des Tannhäuser, wenn er zur Venus sagt:

 

Dein schöner rosenroter Mund
Erfüllt mich fast mit Entsetzen –

 

   Ohne Zögern befreite ich mich aus der Umarmung, und sie zurückdrängend rief ich: Welche Thorheit! Gehn Sie! Gehn Sie!

   Sie rührte sich nicht: es blieb so still, daß ich ihren Atem nicht hörte, noch auch die leiseste Bewegung spürte. Ich wartete eine Weile; dann fühlte ich mehr, als ich es hörte, wie sie sich erhob und lautlos aus dem Zimmer glitt.

   Ich stand auf und verriegelte die Thür. Daun konnte ich nicht wieder einschlafen. Gegen Morgen kam ich zu dem Entschluß, Italien für einige Zeit zu verlassen und sofort abzureisen. Ich stand auf und machte in der Morgenfrische denselben Weg, den wir am Abend zusammen gegangen waren.

   Am Vormittag war ich beschäftigt, meine Sachen zusammenzupacken, als Beppo, der Kellner, lachend eintrat, ein ungeheures Bouquet schleppend, das nur aus weißen Lilien bestand. Er berichtete, daß die Baronesse, als sie erfahren hätte, ich sei im Begriff abzureisen, sämtliche Lilien im Garten abgepflückt, daraus diesen Strauß gebunden und ihn selbst beauftragt habe, ihn mir zu überbringen und mir glückliche Reise zu wünschen. Ich schrieb einige Worte des Abschieds an Madame Aurelia, konnte mich aber nicht überwinden, der Baronesse darin zu gedenken.

   Eine Stunde darauf hatte ich die Bäder von Lucca verlassen. Ich blieb länger als ein Jahr in Deutschland, und als ich hierher zurückkehrte, fand ich vieles verändert, auch die Baronesse und Madame Aurelia waren nicht mehr in Florenz. Ich habe sie nie wieder gesehen.

der an der Lima abwärts: Ein 42 km langer Fluss, der in den Apenninen entspringt und durch die Provinzen Pistoia und Lucca fließt, bevor er bei Bagni di Lucca in den Serchio mündet.

 

Jenny Lind als Somnambula, 1831

 

als sie sich plötzlich an meinem Bette nieder warf: Theodor Storm hat den Text hier redaktionell geändert; in seinem Brief an den Verleger Friedrich Westermann vom 31. Oktober 1884 schreibt er: „Das schöne ureigenthümliche Weib erscheint dem im Bette liegenden Erzähler im Costüm der Nachtwandlerin und legt sich neben ihn ins Bett. Ich meine, das thut nicht noth; sie könnte sich neben das Bett auf die Kniee werfen und ihn mit ihren Armen umstricken.

Tannhäuser:  Der Ritter Tannhäuser verbringt sieben Jahre im Venusberg bei der Göttin Venus in sündiger Lust.

Dein schöner rosenroter Mund
Erfüllt mich fast mit Entsetzen –
:

Die Zeile sind eine freie Adaption aus dem Gedicht „Der Tannhäuser“ von Heinrich Heine, das erstmals 1836 veröffentlicht wurde. Es handelt sich um ein langes Gedicht, das die berühmte Sage vom Minnesänger Tannhäuser aufgreift, ihn aber mit Heines typischem Witz, Sarkasmus und einer tiefen Auseinandersetzung mit Religion, Sünde und Liebe verarbeitet, wobei er die traditionelle Legende vom Sündenknecht, der nach Rom pilgert, um Vergebung zu finden, ironisch neu interpretiert und die Figur des Dichters als komplexen Menschen darstellt, der zwischen weltlicher Lust (Venusberg) und sakraler Welt (Wartburg) hin- und hergerissen ist.

 

„Komm laß uns in die Kammer gehn,
Zu spielen der heimlichen Minne;
Mein schöner liljenweißer Leib
Erheitert deine Sinne.“

 

Frau Venus, meine schöne Frau,
Dein Reiz wird ewig blühen;
Wie viele einst für dich geglüht,
So werden noch viele glühen.
 

Doch denk ich der Götter und Helden die einst
Sich zärtlich daran geweidet,
Dein schöner liljenweißer Leib,
Er wird mir schier verleidet.
 

Dein schöner liljenweißer Leib
Erfüllt mich fast mit Entsetzen,
Gedenk’ ich, wie viele werden sich
Noch späterhin dran ergetzen!
 

„Tannhäuser, edler Ritter mein,
Das sollst du mir nicht sagen,
Ich wollte lieber du schlügest mich,
Wie du mich oft geschlagen.
 

„Ich wollte lieber du schlügest mich,
Als daß du Beleidigung sprächest,
Und mir, undankbar kalter Christ,
Den Stolz im Herzen brächest.
 

„Weil ich dich geliebet gar zu sehr,
Hör’ ich nun solche Worte –
Leb wohl, ich gebe Urlaub dir,
Ich öffne dir selber die Pforte.“

 

Heinrich Heine: Der Tannhäuser. In: Neue Gedichte. Hamburg: Hoffmann und Campe 1844, S. 115f.

Lilien: weiße Lilien stehen für Reinheit. Ein Strauß weißer Lilien ist ein edles und vielseitiges Geschenk, das Reinheit, Eleganz, Würde, Schönheit, Unschuld, Wiedergeburt und Fruchtbarkeit symbolisiert; die Lilie gilt als Trauerblume und symbolisiert die Reinheit des Herzens.

 

 

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