Ballonpost

 

Solche bunten Postbelege wie dieser Brief, der im Herbst 1964 mit einem Heißluftballon befördert wurde, sind bei einigen Philatelisten sehr beliebt. Ballonpostbriefe und -karten werden frankiert und adressiert und dann ein erstes Stück per bemanntem Heißluftballon transportiert; danach werden sie am Landeort einem Postamt zur Weiterversendung übergeben mit der regulären Post weiter befördert.

Bei unserem Beispiel handelt es sich um eine Webesendung der Deutschen Hoffmann-Le-Roche AG in Grenzach. In dem an einen Apotheker in Schleswig adressierten Briefumschlag befand sich eine Werbung für Supradyn, ein Multivitaminpräparat, das ein breites Spektrum an Vitaminen und Mineralstoffen enthält und zu den Nahrungsmittelergänzungen zählt.

Der rosa Stempel auf dem blau bedruckten Umschlag belegt den Sonderstart des Freiballons D-ERGEE am 10. Oktober 1964 ZU GUNSTEN DES/ PESTALOZZI-KINDERDORFES WAHLWIES. Darunter sind Standort, Landeort, und Ballon-Name eingedruckt und die Namen der Piloten als faksimilierte Handschriften vermerkt. Dieser Heißluftballon wurde von der Firma Ergee-Textilwerke Schrems GmbH unterhalten und häufig für Werbezwecke benutzt. Unter der Bezeichnung ERGEE wurden vor allem Strümpfe vermarktet.

Der Brief ist mit der roten Marke zu 20 Pfennig frankiert, die am 10. Oktober anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Tokio (Michel-Nr. 451) verausgabt wurde, und mit einem Sonderstempel der Stadt Horb am Neckar am 11. Oktober gestempelt.

Daraus lässt sich der Weg des Briefes rekonstruieren. Der nicht lenkbare Ballon flog am 10. Oktober von Grenzach an der Deutsch-Schweizer Grenze östlich von Basel ca. 125 km bis nach Horb, von wo aus der Brief am 11. Oktober weiter per Bahn über Stuttgart, Frankfurt am Main, Hannover und Hamburg ins 680 km entfernte Schleswig transportiert wurde.

Bei aller Begeisterung für dieses Sammelgebiet muss aber doch festgestellt werden, dass solche Ballonpostbriefe von Privat für Sammelzwecke hergestellt wurden und dass es sich nicht um offizielle Ausgaben der Postanstalten handelt.

 

 

Das war einmal ganz anders. Als nämlich deutsche Truppen während des Deutsch-Französischen Krieges vom 19. September 1870 bis zum 28. Januar 1871 Paris belagerten, war die Hauptstadt Frankreichs vom Rest der Welt abgeschottet.

 

Schwere Kanonen der Firma Krupp bei der Belagerung von Paris

Da es noch keine modernen Telekommunikationsmedien gab, veranlasste die französische Postverwaltung den Aufstieg von bemannten Postballons, um den Postverkehr mit der Provinz und dem Ausland aufrecht zu erhalten. Insgesamt wurden etwa 2,5 Millionen Briefe mit einem Gesamtgewicht von 10 Tonnen verschickt.

Jacques Guiaud et Jules Didier - Départ de Gambetta en ballon place Saint-Pierre

 

Dafür wurden besondere Ballonbriefumschläge aus dünnem Papier im Format 10 cm × 7 cm gedruckt. Sie durften gefüllt ein Gewicht von vier Gramm nicht überschreiten und mussten für Frankreich einschließlich Algerien mit 20 Centimes frankiert werden. Ansonsten galt das entsprechende Auslandsporto.

 

Adressseite eines Ballonbriefes mit der Inschrift Par ballon monté

Auch Briefe ohne Vordruck waren zugelassen, die trugen dann einen handschriftlichen Vermerk.

 

Die Aufschrift lautete meistens Par ballon monté oder Par le ballon. Die offziellen Faltpostbriefe enthielten weitere Aufdrucke in französischer und in deutscher Sprache.

 

Neben diesen Faltbriefen waren auch Postkarten für die Beförderung zugelassen. Die Ballonpostkarten waren 11 × 7 cm groß und wurden ebenfalls von privater Seite hergestellt. Ihre Inschriften waren denen der Ballonpostbriefe sehr ähnlich. Innerhalb Frankreichs wurden Karten für 10 Centimes Porto befördert.

 

Unser zunächst unscheinbarer Beleg vom 20. Oktober 1870 – es handelt sich um eine Briefvorderseite – wurde am 22 Oktober mit dem Ballon „Garibaldi“ aus Paris ausgeflogen und erreichte seinen Bestimmungsart im Senegal (Französisch Westafrika),

Der Vordruck-Faltbrief PAR BALLON MONTÉ ist adressiert an Monsieur/Klipffel/ Capitaine du Génie/ à St-Louis/ Sénégal/ Par paquebot français und mit einer im August 1868 verausgabten blauen 20 Centimes Marke mit dem Bildnis Louis-Napoleon Bonaparte frankiert (Nr. 29 Typ II).

Der Brief wurde am 20. Oktober beim Post-Bureau 20 in der Rue Saint-Dominique nahe des Boulevard Saint-Germain im 7. Pariser Arrondissement aufgegeben und dort mit dem Stern-Stempel des Postamts entwertet sowie dem Zweikreisstempel versehen: PARIS/ R. ST-DOMQUE-ST-GN, 58/ 4E.| 20/OCT./ 70.

Die Taxe für einen Brief nach Senegal betrug 50 Centimes, aber der Brief trägt einen schwach erkennbaren PD-Stempel (Payè Destination), der besagt, dass die Gebühr vom Absender bis zum Wohnort des Empfängers vorausbezahlt worden war.

 

Der Brief nach Saint-Louis in der späteren französischen Kolonie Senegal wurde mit dem Ballon „Garibaldi“ aus der belagerten Stadt geflogen. Der Pilot Iglesia startete am 22. Oktober 1870 um 11:30 in den Tuilerien. An Bord befanden sich 450 kg Post. Passagier war der französische Naturforscher und Politiker Paul de Jouvencel (1817-1897). Während des Krieges, als die Republik am 4. September verkündet wurde, organisierte er die "Chasseurs de Neuilly", ein Korps von Freiwilligen, deren Oberst er war. Nach 40 Kilometer Fahrt wurde der Ballon von einem deutschen Geschoss getroffen und landete in Quincy-Segy (Seine-et-Marne) in der Nähe von Meaux, nur zwei Meilen entfernt von Jouvencels Haus; aber er entkam nach Tours, wo ihm ein neuer militärischer Auftrag erteilt wurde.

Sammelbild der Pariser Schokoladen-Fabrik Guérin-Boutron, auf dem das Schicksal der am 4. November 1870 von deutschen Truppen gefangen genommenen Besatzung des Ballons „Galilée“ dargestellt wird.

Die gesamte Post des Ballons „Garibaldi“ gelangte trotz des Abschusses zur Sammelstelle nach Tours und wurde von dort regulär weiterbefördert.

Unser Brief erreichte mit anderen im selben Ballon beförderten Postsendungen am 2. November nach Marseille, wo er auf ein Linienschiff nach St. Louis am Senegal verschifft wurde.

Durchgangsstempel MARSEILLE/ 3E| 2/NOV./70 auf einem Brief, der ebenfalls mit dem Ballon „Garibaldi“ befördert wurde.

 

Saint-Louis ist heute die Hauptstadt der gleichnamigen Region an der nordwestlichen Küste Senegals an der Mündung des Flusses Senegal. Gegründet wurde die Stadt 1659 als erste französische Siedlung in Afrika. Im 19. Jahrhundert wurde sie von Franzosen, Mestizen und muslimischen Händlern bewohnt.

Der westafrikanische Staat Senegal erstreckt sich von den Ausläufern der Sahara im Norden, wo das Land an Mauretanien grenzt, bis an den Beginn des tropischen Feuchtwaldes im Süden, wo er an Guinea und Guinea-Bissau grenzt, sowie von der kühlen Atlantikküste im Westen in die heiße Sahel-Region an der Grenze zu Mali. Französisches Militär übernahm 1844 die Kontrolle über dieses zuvor von Engländern beherrschte Gebiet. 1857 wurden afrikanische Einheiten der Kolonialarmee, die Tirailleurs sénégalais, aufgestellt. Befehligt wurden sie durch Unteroffiziere aus dem einheimischen Adel. 1870/71 kämpften diese Truppen im Deutsch-Französischen Krieg.

 

Reiseweg des Ballon-Briefes von Paris nach Saint Louis

 

Der Empfänger des Briefes, Edouard KLIPFEL, wurde am 25. Februar 1850 in Lyon geboren und diente nach einem Studium an der Ecole spéciale militaire de Saint-Cyr seit dem 12. Oktober 1870 in der französischen Marine als Capitaine du Gènie, was einem Ingenieurkapitän im Range eines Hauptmannes entsprach. Die Aufgabe solcher Ingenieure bestand in der Kartografie für vorwiegend militärische Zwecke, in der Planung von Befestigungen oder Festungen oder sonstige Wehranlagen sowie Feldbefestigungen. Aus solchen Ingenieurcorps entwickelte sich die eigenständige Truppengattung der Pioniere.

In dem fragmentarisch erhaltenen Brieftext geht es um erfolgreiche Offiziere, auf die der nicht ermittelte Briefschreiber seine Hoffnungen für eine siegreiche Kriegsführung Frankreichs gegen die eingedrungenen Truppen aus Deutschland setzt.

 

 Aufgestiegene Ballons während der Belagerung von Paris

 

Die Leistungen der französischen Post wurde nach Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges in Frankreich als heldenhafte Tat gefeiert.

Das Denkmal der Aeronauten von Frédéric-Auguste Bartholdi wurde in Paris zur Erinnerung an die Belagerung von Paris am 28. Januar 1906 eingeweiht.

 

  

Die französische Post würdigte das Ereignis mit zwei Sondermarken in den Jahren 1955 und 1971.