Postgeschichte Schleswig-Holstein  

Familienbriefwechsel Schleswig-Chemnitz (1843/43)

Die folgenden drei Briefe wurden in den Jahren 1842 und 1843 zwischen Angehörigen der aus der Stadt Schleswig stammenden Familie Wieck gewechselt.

Julia Wieck aus Schleswig an ihren Vater Friedrich Georg Wieck in Chemnitz, 14.7.1842. Herrn| Friedrich Georg Wieck| Wohlgeboren| zu| Chemnitz| frei Hamburg. Zweizeiliger Stempel Schleswig,| July 14. Kleiner Einkreisstempel HAMBURG| 15|7; mit Rötelstift 62; in roter Tinte 38, mit Rötelstift durchgestrichen; auf der Rückseite: in roter Tinte 38; in brauner Tinte 7.

Am 7. Februar 1809 wurde das Schleswig-Holsteinisches Sekretariat der Generalpostdirektion als Oberbehörde in den Herzogtümern eingerichtet. Auch außerhalb der Landesgrenzen gab es dänische Postanstalten. Das Königlich. Dänische Ober-Post-Amt in Hamburg bestand von 23. Januar 1651 bis 27. April 1848.

1841 hatte Sachsen eine Taxe, bei der für die erste Meilen 4 Pfennige und dann je Meile 1 Pfennig zu zahlen war, folglich auf 10 Meilen 13 Pfg., 30 Meilen 33 Pfg.

 

Das Briefporto wurde für jedes deutsche Postgebiet einzeln – nach der für den internen Verkehr geltenden Taxe – von Grenze zu Grenze berechnet. Die Grenzübergänge waren vertraglich vereinbart. Ging ein Brief noch durch einen oder mehrere Postgebiete, so war für jedes noch ein Transitporto zu zahlen.

 

Julia Wieck aus Schleswig an ihre Schwester Therese Wieck in Chemnitz, 19.9.1842. Dem| Fräulein Therese Wieck| Add Friedrich Georg Wieck | in| Chemnitz| frei Hamburg; rechts mit brauner Tinte durchgestrichen 91. Zweizeiliger Stempel HAMBURG| 29 SEPT; mit Rötelstift 62; in roter Tinte 38. Auf der Rückseite: Zweikreisstempel D.P.A. ALTONA| 29|9|42; mit roter Tinte 4 und 6; 6 mit brauner Tinte durchgestrichen; mit brauner Tinte 3,3.

 

 

Julia Wieck aus Chemnitz an ihre Schwester Constanze Wieck in Schleswig, 30.5.1843. Fräulein| Constanze Wieck Addresse Herrn Senator B. H. V. Wieck| Schleswig. Frei Hamburg. Spatenstempel LEIPZIG|30 MAY 43; einzeiliger Stempel FRANCO HAMBURG. Rückseite: Zweikreisstempel HAMBURG KÖN. DÄN. O.P.A.| 30|5|43; mit Rötelstift 4 Schillinge für das Porto von Hamburg nach Schleswig.

 

Friedrich Georg Wieck (1800-1860) war Sohn eines Schleswiger Kaufmanns, der mit Tuch-, Web- und Modewaren sowie schwedischen Produkten handelte. Nachdem er in seiner Geburtsstadt die Schule absolvierte, schickte ihn sein Vater 1815 zur Firma „Eisenstuck & Co.“, einem Geschäftspartner in Annaberg, zur weiteren Ausbildung. Hier lernte er als Gehilfe die manuelle Spitzenherstellung kennen. Nach einer Englandreise (1827) entwickelte er die Idee, auch in Sachsen Spitze mittels englischer Bobinetspinnmaschinen herzustellen. Zusammen mit seinem Bruder Heinrich und dem Konstrukteur Wilhelm Schönherr begann Wieck mit dem Nachbau der englischen Maschinen. Sein 1829/30 konstruierter Bobinetwebstuhl war die erste in Deutschland hergestellte Maschine dieser Art. Bobinet-Tülle sind offene, netzartige, textile Flächengebilde, im heutigen Sprachgebrauch als Tüll bekannt. Der echte Bobinet-Tüll, wie wir ihn aus den Naturfasern Seide, Baumwolle sowie heute auch aus Viskose, Polyester und Polyamid herstellen, ist ein Gewebe aus Kette und Schuss, wobei sich die Schussfäden diagonal um die senkrecht stehenden Kettfäden schlingen und dadurch ein hexagonales (sechseckiges) Loch bilden. Dieses ist gleichmäßig und klar geformt, und unter Verwendung der feinsten aller Garne und Filamente wird ein transparenter und reißfester Schleier hergestellt.

Bobinet-Maschinen, erfunden von John Heathcoat im Jahr 1808

Zur Kapitalgewinnung wandelte Wieck seine Firma 1830 in den „Aktienverein der Sächsischen Bobinett-Manufaktur“ um, die eine der ersten Aktiengesellschaften im Chemnitzer Raum war. Die Produktion lief mit 14 selbst gefertigten Maschinen an. Bald darauf vergrößerte sich die Firma und bezog die Räumlichkeiten der Bernhardschen Spinnerei in Harthau.

Hut mit einem Schleier aus Tüll

Allerdings konnten Wiecks Maschinen auf Dauer im Preis nicht mit der englischen Konkurrenz mithalten, da diese eine Reihe technischer Neuerungen an ihren Maschinen vorgenommen hatten. Nachdem die Preise für Bobinetstoffe Mitte der 1830er Jahre rapide sanken, wurde die Firma 1838 aufgelöst. Wieck versuchte noch mehrmals vergeblich wieder im Geschäftsleben Fuß zu fassen. Schließlich wandte er sich der ökonomischen und technischen Publizistik zu.

Bernhardschen Spinnerei in Harthau

In mehreren Werken beschrieb Wieck ausführlich die Manufakturen und Fabriken Sachsens. Im „Gewerbeblatt für Sachsen“ veröffentlichte er regelmäßig über technische Neuerungen und Erfindungen. Seit 1840 gab er mit dem „Erzgebirgischen Courier mit Herberge“ eine eigene Wochenzeitung heraus. Zudem machte sich Wieck als Übersetzer technischer Literatur vom Englischen ins Deutsche einen Namen. Auch dem Patentschutz für Erfindungen galt sein Interesse.

Friedrich Georg Wieck verbrachte seine letzten Lebensjahre in Leipzig. Hier verstarb er am 17. Januar 1860.