Theodor Storm: Florentiner Novelle
Julius Mannhardt hatte Storm das Manuskript seiner „Erzählungen aus den Bädern von Lucca“ bei einem Besuch in der Villa „Fernsicht“ Mitte Mai vorgelesen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Hademarschen begann Storm mit der Skizzierung „einer in Florenz spielenden Geschichte“ (Brief an Heinrich Schleiden vom 24.6.1884), „ließ sie aber als für den Sommer zu unbequem liegen“.
Am 16. Juni schrieb Storm an Paul Heyse: „Nun eine kleine Bitte: mir ist ein Stoff zugekommen, der in Florenz spielt, nicht zwischen Dortigen, sondern zwischen einem Deutschen u. einer Engländerin. Kannst Du mir nicht eine Art guide über Stadt u. Umgebung auf einige Zeit verschaffen oder nachweisen? Komme ich definitiv dazu, werde ich Dich wohl noch hie u. da damit plagen.“
Heyse schickte Storm postwendend ein Exemplar des Baedeker Italien von 1882, in dem ausführlich über Florenz und die Umgebung berichtet wird.
Folgende Exposition der geplanten „Florentiner Novelle“ hat sich erhalten:
Kurzes Vorwort. Er sieht eine junge Rothaarige. Zeitweilige Abwesenheit des Erzählers: „So will ich es erzählen, d. h. sub discretissima rosa.“
Ich hatte mich, wozu gehört nicht hieher, in der französischen Schweiz aufgehalten und wollte jetzt nach Florenz – Zeit, wo es Hauptstadt – Das neue Leben dort hatte mir den Gedanken eingegeben, mich als -arzt in der schönen Stadt zu domizilieren, Empfehlungen, bedeutende, hatte ich in der Brieftasche, meine junge Frau mit ihrem Kinde war bei meinen Eltern – Sie wissen, ich war immer ein Weltfahrer, und bin es noch, so weit die Kräfte reichen. –
Von der Wirtin war ich an eine dortige Pension ihrer Schwester gewiesen. Da ich in der Schweizer nicht zu klagen <hatte>, ging ich dorthin. Nicht viel Gäste dort, die dicke etwas schlumpige Wirtin mit ihren fetten Fingern wollte mir nicht gefallen; die Bezüge der Möbeln verschlissen<,> überall schien etwas zu fehlen; es war im Februar, trotz des Feuers im Kamin machte der Salon, wo wir uns zum Frühstück versammelten<,> einen Eindruck von Öde und Kälte. Auch nicht viele <Gäste>: ein ältrer österreichischer Oberst, eine englische Familie Pa und Mama, eine ganz und eine halbgewachsene Tochter mit einer deutschen Miss, als Gouvernante nicht zu verkennen; mir halb gegenüber beim Essen aber saß eine Dame, eine unzweifelhafte Dame; bemerkte sie zuerst, als sie ihr sauberes Batisttuch über das etwas unsaubre Tischlaken deckte, bevor sie ihren Teller darauf setzte. Da sie aufblickte, trafen sich unsre Augen, und wie eine Wolke flog ein tiefes Rot über ihr Antlitz. Es war nicht eben schön; aber von jener Zartheit, welche mit dem rötlichblonden Haar verschwistert ist; die Brauen schwach gezeichnet; wären sie dunkel gewesen, die Schönheit der darunter liegenden Augen wäre niemandem entgangen. So aber mußte man sie erst entdecken. Eine liebliche Beklommenheit lag über ihrem Wesen; sie schien ohne alle Begleitung. Zwar sprach sie mit dem Oberst und den Engländern, mit jedem in seiner Sprache und mit völliger Gewandtheit; welcher <Nation> sie selber angehörte, konnte ich nicht entdecken. Auch ich redete einige Male mit ihr, aber über allgemeine Dinge; ein Näherkommen war <es> nicht.
Es war mir einige Tage unklar, worin das so besonders Anmutende dieser Erscheinung lag; es war nicht das volle Haar, obgleich es von jenem lichtrötlichen Sonnenglanze war, es war die Anmut ihrer Bewegung, ihrer Hände, und wenn sie nur ein Salzfaß damit faßte, und endlich ihre Augen; wenn sie einen mit gutem Sinn ansah, es war doch immer, als wenn sie Gnaden austeilte.
So waren wir etwa 4 Tage zusammen gewesen; da verschwand zuerst der Oberst, dann die sämtlichen Engländer samt der deutschen Miss. Die junge Dame und ich blieben allein zurück, aber auch mir war es hier zu schlecht und ich dachte daran, mich für die nächste Zeit in einem Hotel unterzubringen. Das Wetter war eben Februarwetter, nach Tische saß ich beim Kaffee noch eine Weile am Kamin und warf dann und wann einen Scheit ins Feuer und meine Gedanken flogen bald heim zu Weib und Kind, bald musterte ich die Erfolge meiner Antrittsbesuche hier; sie saß an einem alten Klavier, das wenigstens, ich weiß nicht, ob auf ihre Veranlassung, gut gestimmt war, und spielte, nicht ohne Verständnis, bald einen Satz von Beeth<oven>, dann wieder Chopin; wenn ich umsah, erblickte ich nur das sonnige Haar, das wie ein Mantel über ihre Schultern hing. Sie spielte bald mit ganzer Leidenschaft; aber ich ließ mich gern in meinen Gedanken unterbrechen; ich folgte ihrem Spiel<.> Plötzlich fast mitten in einem Satze stand sie auf und trat zögernden Schrittes zu mir. „Verzeihen Sie!“ sagte sie leise, und in reinstem Deutsch, doch der Ton gehörte einer andern, ich konnte nicht erkennen, welcher Sprache – „es war gedankenlos!“
„Was meinen Sie Signora? doch nicht Ihr Spiel?“
„Doch; das meine ich; es soll nicht mehr geschehen; es erfüllte ja das ganze Zimmer, und das gehört nicht mir allein!“
„Das Zimmer ist leer genug sonst; wenn Sie aber nicht mehr spielen wollen“, und ich rückte den besten Sessel ihr zum Kamin – „so gönnen Sie mir die Freude der Unterhaltung.“
Sie hatte sich gesetzt; aber aus der Unterhaltung wurde nicht viel, sie glitt auf der Oberfläche hin, wir tauchten nirgends nach der Tiefe; Sie wissen<,> ich komme mit Fremden nicht leicht dazu. Sie ließ sich auch den Kaffee kommen und schlürfte ihn mit Bedacht; die Füße hatte sie auf den Kaminvorsatz gestellt und sah unverwandt in <die> kärgliche Flamme und wir sprachen von dem und jenem, was weder sie noch mich betraf: vom Wetter, vom schlechten Trinkwasser und von il re galantuomo, den sie noch nicht gesehen hatte. Da schlug die kleine Bronze-Uhr an der Wand dreimal, und ich stand auf, um noch einige Adressen abzugeben, auch um, womöglich, dieses traurige Quartier mit einem wohnlicheren zu vertauschen. Sie machte mir eine anmutige Entlassungsverbeugung, deren Schattenbild mich noch durch einige Gassen begleitete; dann ging ich; als ich von der Tür zurückblickte, saß sie wieder wie vorhin und blickte in die Kohlen. Übrigens hatten wir uns der deutschen Sprache bedient, in der ich bei ihr einen englischen Grundton zu erkennen glaubte.
So wiederholte es sich noch ein paar Tage, wir saßen uns allein
bei Tische gegenüber; danach tranken wir am Kamin unsern Kaffee, mitunter schien
sie in Gedanken zu verfallen, hob dann plötzlich den Kopf und sah mich an und
ihr wirklich schöner Mund öffnete sich, als wolle er Bedeutendes mir verkünden;
dann aber schloß er sich doch wieder und die jugendliche, nicht übergroße
Gestalt erhob sich.
Nach der Handschrift im Storm-Nachlas der
Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, Kiel. Gedruckt in Theodor Storm,
Sämtliche Werke in 4 Bänden, hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Bd.
4, Frankfurt a. M. 1988.
sub discretissima rosa: „Sub discretissima rosa“ (oder häufiger „Sub rosa“) ist ein lateinischer Ausdruck, der „unter der Rose“ bedeutet und für absolute Geheimhaltung und Vertraulichkeit steht, eine Tradition, die bis in die Antike zurückreicht, als eine Rose über dem Tisch hing, um zu signalisieren, dass das Gesagte geheim bleiben muss. Es wird oft verwendet, um eine Anweisung für eine vertrauliche Unterhaltung zu geben, die nicht weitergegeben werden darf, ähnlich wie „ganz unter uns“.
Das neue Leben dort: Die Gründung des Königreichs 1861 erfolgte im Zuge der Risorgimentobewegungen, in deren Endphase mit der Proklamation des sardischen Königs Viktor Emanuel II. zum König von Italien am 17. März 1861 in Turin der erste moderne italienische Nationalstaat unter der Herrschaft des Hauses Savoyen entstanden war. Florenz war im Königreich Italien ein wichtiger Ort, da es von 1865 bis 1871 sogar die vorübergehende Hauptstadt des vereinten Italiens war und das erste Parlament des neuen Staates beherbergte.
mich als -arzt in der schönen Stadt zu domizilieren: 1869 zog Mannhardt nach Florenz. Dort eröffnete er eine Praxis für Augenheilkunde.
il re galantuomo: (Der
ehrbare/anständige König) ist der Beiname von König Viktor Emanuel II. von
Italien (Vittorio Emanuele II.), dem ersten König des vereinten Italiens, der
für seinen Mut, seine Großzügigkeit und seine Nähe zum Volk während des
Risorgimento (italienische Einigungsbewegung) bekannt wurde. Der Name rührt von
seiner Rolle in der Einigung Italiens, seinen militärischen Führungsqualitäten
und seinem Engagement für seine Untertanen her, beispielsweise indem er seine
Paläste als Lazarette zur Verfügung stellte.
Wikipedia
In seinem Kommentar schreibt Dieter Lohmeier:
Was Storm diese Geschichte als Novellenstoff geeignet erscheinen ließ, war vermutlich zunächst einmal jene psychologisch vielschichtige Situation, die der Titel von Mannhardts Erzählung signalisiert: der »faux menage«, das scheinbar eheliche Zusammenleben, das in Wirklichkeit keines ist, sowie weiterhin die Tatsache, daß eben diese an sich unwahrscheinliche Situation auf durchaus plausible Weise zustande kommt. Weiterhin dürfte es Storm angesprochen haben, daß hier, wie in Veronica und Schweigen, die Aufhellung der Vergangenheit im vertrauensvollen Gespräch die Voraussetzung für ein erfülltes Glück schafft, jedenfalls bei Lothar, und daß das Verhalten des Beichtvaters, ähnlich wie ebenfalls in Veronica, Anlaß zur Kritik an der katholischen Kirche bot. Daß Storm den Gedanken hatte, die auf diesem Stoff aufbauende Novelle an ihrem ursprünglichen Schauplatz spielen zu lassen, ist nicht verwunderlich, denn damit war die Zwangslage Biankas und damit wiederum das Zustandekommen des »faux menage« besser zu begründen als mit einer Transponierung in die vertraute Umgebung. So konnte er wohl ohne große Vorarbeiten beginnen, die einleitenden Passagen mit den ersten Begegnungen der beiden Hauptfiguren niederzuschreiben, indem er sich recht eng an die Vorlage anlehnte. Was Storm dann aber bewogen hat, die Arbeit nicht weiterzuführen, ist unbekannt. Möglicherweise war ihm der von Heyse gesandte Baedeker denn doch zu wenig Hilfe, die konkrete Anschauung der Örtlichkeiten und die stimmigen Details zu gewinnen, die zum Realismus seiner reifen Erzählkunst gehörten. Vielleicht ist ihm aber auch bewußt geworden, daß er bei der Fortführung des Anfangs vor zwei Schwierigkeiten stehen würde, von denen er die eine selbst verursacht hatte, während die andere der Vorlage anzulasten war. Indem er nämlich die unbekannte Engländerin im Unterschied zur Vorlage nicht als auf unschickliche Weise unbefangen erscheinen ließ und dem Erzähler damit den Grund nahm, auf die Annäherung mit Reserviertheit und Unbehagen zu reagieren, und indem er den Erzähler selbst als jungen Ehemann einführte, beraubte er sich wohl von vornherein der Möglichkeit, die Geschichte des faux menage so vielschichtig anzulegen wie die Vorlage; der Erzähler wäre wohl auf die Rolle des wohlwollenden Beobachters und Beschützers reduziert worden, sein Zusammenleben mit der Engländerin wäre zwar in den Augen der Außenstehenden weiterhin anstößig geblieben, in sich selbst aber ganz unproblematisch. Die Schwäche der Vorlage selbst hingegen lag darin, daß ihr Schluß zum Novellenstoff wesentlich weniger geeignet war als der Anfang und die zentrale Situation. Eine Entwicklung der Handlung nach den Strukturgesetzen der Novelle wäre nämlich nur möglich gewesen, wenn die weibliche Hauptfigur die unerschütterliche Sicherheit ihrer Liebe zu dem unerreichbaren italienischen Geliebten verloren und dann nicht nur aus materieller Not, sondern aus enttäuschter Liebe oder gekränktem Stolz den Tod gesucht hätte, d. h.: wenn sie selbst überhaupt erst in einen inneren Konflikt geraten wäre. Anlaß und Auslöser für diesen Konflikt hätte wohl am ehesten der Erzähler sein können – aber dann hätte dieser so stark in die Entwicklung verstrickt sein müssen wie der Lothar der Vorlage; der wohlwollende Beschützer, als den Storm ihn anscheinend anlegte, hätte dazu nicht ausgereicht. (S. 777f.)
Wegen dieser Bedenken hat Storm dieses Projekt nicht weiter verfolgt.