Amerika roch nach Apfelsinen

  Kasperl Larifari

 

Es waren die ersten Apfelsinen meines Lebens und sie bevölkerten einen Pappkarton, den mein Vater bei der Post abholte, nachdem man ihn dort sorgfältig nach gefährlichen Gegenständen durchsucht hatte. Das zumindest erzählte er uns, als er an einem verschneiten Dezembertag etwas später als sonst aus der Schule nach Hause kam, weil er erst noch bei der Post vorbei schauen musste.

Mein Vater wuchtete das schwere Ding die enge Treppe zu unserer kleinen Wohnung hoch; meine Mutti stand mit mir oben auf dem Treppenabsatz, und ich drückte mein Gesicht neugierig zwischen die runden Pfosten des Geländers, von wo aus ich alles übersehen konnte und das Schnaufen meines Vaters hörte, der die steilen Holzstufen herauf polterte und dabei den Kopf einzog, damit er mit seiner Birne nicht an den Querbalken stieß, während von unten die keifende Stimme meiner Oma aus der offenen Küchentür herausdrang: „Jünter!“, rief sie, „zieh dir doch man die dreckijen Schuhe aus! Immer rennste durch'n Hausflur. Habe doch jerade frisch jeputzt! Und alles voll von Kohledreck. Die Piepers streun doch nich mit Asche, die neh'm immer den Dreck von die billije Braunkohle!“

Mein Vater verlangsamte seinen Schritt, kam aus dem Tritt, stolperte, bollerte mit seinen Schuhen zwei Stufen höher und musste sich mit dem verschnürten Pappkarton auf der oberen Treppenstufe abstützen; er wuchtete das Paket auf den Treppenabsatz, schnaufte noch einmal und richtete sich langsam auf. Dann drehte er sich wortlos um und stakste mit steifen Beinen die Treppe wieder runter, klappte vor dem Querbalken den Kopf nach vorn ab und gelangte in den unteren Hausflur, wo er sich umständlich die langen Schnürsenkel aufband, seine dreckigen Schuhe auszog und sie auf den feuchten Scheuerlappen stellte, den meine Oma unten neben der Küchentür ausgebreitet hatte. Dann schlüpfte er in seine Hausschuhe, die bei der Garderobe standen, und stürmte die Treppe wieder zu uns herauf, während ich sah, wie meine Oma sich bückte und die Schnürsenkel ordentlich in die Schuhe meines Vaters steckte. Auf der vierten Stufe schrammte er mit seinem Kopf unter dem Querbalken durch, schrie Aua! und meine Mutti sagte: „Kucke doch hin, Jünter!“

„Is' von meine Mutti aus New York!“ rief er stolz und rieb sich die angeschrammte Birne. „Is 'n Care-Paket, aber nich so'n Null-acht-fuffzehn-Ding wie all die andern, sondern eens, wasse selber jepackt hat!“ Er nahm den Karton an die Brust und drückte sich damit an mir und meiner Mutti vorbei in unsere Küche. Wir folgten ihm, und auch meine Oma war die Treppe hoch gehumpelt und stellte sich zu uns.

Die kleine Küche, die sich zwischen dem oberen Hausflur und dem Schlafzimmer meiner Eltern zwängte, hatte ein Fenster zum Hof, aus dem beobachte ich oft, wie der alte Helmecke aufs Klo zum Kacken ging. Als ich das meiner Mutti erzählte, schlug sie mir auf die Finger und herrschte mich an: „Sowat sacht man nich!“ Alle Männer gingen zum Pinkeln an den Misthaufen, aus dem die Jauche von Trenklers Schwein bis in unsere Küche stank. Meine Mutti sagte zu mir immer, wenn ich mal kacken musste: „Jeh mal aufs Häuschen und mach n' Berch!“ Und mein Vater hatte mir gezeigt, wie man sich an die Scheunenwand stellte und im Stehen pinkelt.

Als der Karton auf dem Küchentisch lag, durften wir drei beim Auspacken helfen. Ich schaute mir das Paket genauer an und staunte über seine Größe; da kamen mir Zweifel an der Behauptung meines Vaters, die Leute von der Post hätten es gründlich nach verbotenen Sachen durchsucht, denn die Verschnürung war fest und sorgfältig durch mehrere Knoten gesichert. Zunächst löste mein Vater ungeduldig die äußere Verschnürung, wollte schon mit einem Messer den Bindfaden durchschneiden, aber meine Oma hinderte ihn daran: „Lass ma janz, Jünter! Son juten Bindfaden kriejen wir in die Zone doch nicht!“. Da ließ er meine Oma die Knoten mit ihren spitzen Fingern aufknibbeln und öffnete dann eigenhändig den festen Karton.

Er hob einige Blechdosen und einen kleineren Karton heraus, von dem meine Oma mit geübtem Griff ein großer Bogen Packpapier abgestreift und danach wieder eine Schnur abknotete. Dies alles nahm sie sofort an sich, um die Knoten geschickt aufzuknüpfen und die Schnüre aufzurollen, das Papier sorgfältig zusammenzufalten und glatt zu streichen.

Während dessen ließ mein Vater den kleineren Karton links liegen und fischte weitere Dosen und Pappschachteln aus der Tiefe des Care-Pakets, was bei meiner Mutti spitze Schreie der Begeisterung auslösten: „Gucke må, Jünter, feine Seife! Gucke må, Jünter, Nylonstrümpfe! Gucke må, Jünter, echter Kaffee!“ Sie steigerten sich mit zunehmender Fülle der Dinge, die mein Vater auf dem Tisch stapelte, immer mehr zu Lustschreien: „Kucke må, Jünter! Kucke må, Jünter! Jünter! Jünter! Jünter!“ Meine Oma legte ihren Kopf zur Seite, schielte wie eines ihrer Hühner mit nur einem Auge von schräg oben auf den Tisch, sagte „Sieh mal an!“ und stellte alles sorgfältig zur Seite.

Heute frage ich mich, was alles darin gewesen sein mag. Damals kommentierte mein Vater jedes einzelne Objekt und ein gelegentliches Echo meiner Mutti bestätigte seine Erkenntnisse. Ich erinnere mich an Rindfleisch in Dosen („Wurscht, keene Elsardinen!“), Leberwurst („Bah, essichnich!“), Corned Beef, Frühstücksfleisch, Speck („Is der fett, Mann!“), Margarine, Honig („Ham wer doch selber!“), Vollmilch-Pulver, Eipulver („Die Eier vonne Hühner sind frischer!“), Kaffee, Kakao, Margarine, Schmalz („Pottsuse schmeckt besser!“), Zucker, Rosinen („Ảrbsen essich nich jerne, die kullern mich immer vons Messer!“), Zigaretten („Issen Kamel druff!“), Strümpfe („Kucke må, Jünter! Kucke må, Jünter!“) und Seife („Kucke må, Jünter! Kucke må, Jünter! Jünter! Jünter! Jünter!“), ein Pullover mit einem Lasso schwingenden Cowboy („Her damit, isfürmich!“), alles sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt, fremde Zeitungen, deren bräunliche Bilder mich sogleich zu interessieren begannen, nachdem meine Oma sie mit ihren knochigen Händen glatt gestrichen und wieder richtig zusammengelegt hatte. Ich sah Fotos, die uns eine unbekannte Welt zeigten; Bilder von hohen Häusern, die meine Oma Wolkenkratzer nannte, und mein Vater sagte: „Sind von New York. In so 'nem Haus wohnt deine Oma!“ Dann waren da noch fünf dicke Zitronen, die nach nichts rochen und mit denen ich nichts anfangen konnte.

Viel mehr interessierten mich die bunten Bilder, die in einem Briefumschlag steckten, der sich vergeblich zwischen dem großen und dem kleinen Karton versteckt hatte. Die zerrte mein Vater heraus und gab sie mir. Sie zeigten kleine Mädchen, die sich über Zitronen freuten. Zu einer der beiden, die einen Zweig hochhielt, an dem Zitronen hingen, ergriff mich eine fantastische Neigung, weil sie mich von der Seite her so verlockend ansah: Die hätte ich gerne zur Schwester gehabt! Wie sie dastand mit ihrer kurzen weißen Hose und ihren weißen Turnschuhen! Ja, so ein Schwesterchen hätte ich gerne gehabt! Die andere in ihrem Hängekleidchen konnte ich nur bedauern, denn die musste bestimmt aus dem großen Glas trinken, an das sie sich so lässig lehnte.

   

Als meine Mutti nämlich ein paar Tage später eine Zitrone durchschnitt und mich daran lecken ließ, durchschüttelte mich ein großer Widerwille. Ich konnte nicht glauben, dass Kinder in Amerika Zitronensaft trinken mussten und dann auch noch mit Eisstücken, wie wir sie gelegentlich aufsammelten, wenn der Pferdewagen von der Magdeburger Brauerei mit Eisblöcken vor der Eisdiele am Eichplatz hielt. Dann schleppte ein Mann in einer dicken Jacke und einem Sack als Kapuze über Kopf und Nacken zwei der tropfenden Eisblöcke in das Geschäft. Wenn wir daran leckten, schmeckte es nach gar nichts.

Was mich am meisten interessierte, waren zehn braune, längliche Tafeln, auf denen „Hershey's Milk Chocolate“ stand.

Obwohl ich noch nicht eingeschult war, kann ich mich daran erinnern, dass ich noch Wochen später, wenn ich mir von meiner Mutti eine halbe Tafel erbettelt hatte, „Hershey's mit Schokolade“ las. Das süße Zeug schmolz langsam in meinem Mund und schmeckte herrlich. Leider war die Schokolade immer schnell alle, und sie schmeckte nach mehr.

Und die Apfelsinen. Die runden, festen Apfelsinen, die in dem kleineren Karton steckten, den mein Vater zunächst wie achtlos zur Seite gestellt hatte, und die jede für sich in bunt bedrucktes Papier eingewickelt waren. Meine Oma packte sie aus, legte sie vorsichtig auf den Tisch und ich durfte zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, − „wie ville dat sind!“ − zwölf, dreizehn und vierzehn. Davon bekam jeder von uns eine, die er zunächst schälen musste und dann essen durfte. Meine schälte mir meine Oma; die Spalten schmeckten süß, nur die Kerne waren so bitter, dass ich sie wieder ausspuckte. Dann legte meine Oma zehn in den inzwischen leeren Karton zurück, der von meinem Vater („Her damit!“) auf den hohen Schrank gestellt wurde („Und dass de mir ja nich dran jehst!“), von wo aus sie bis zum Weihnachtsfest ihren eigentümlichen Duft ausströmten und mir verrieten, dass es da zum Fest noch etwas Besonderes geben sollte.

Der Briefumschlag, aus dem mein Vater die bunten Mädchenbilder gefischt hatte, enthielt auch eine Fotografie, die er mir mit der Erklärung zeigte, das sei meine andere Oma. Ich sah eine ältere, dickliche Frau, die vor einem Wohnzimmerschrank stand und irgendwen seltsam fremd anstarrte. Dann deutete er auf eines der frisch geglätteten Zeitungsblätter:  „In sonem Wolkenkratzer bei Riverzeit Dreif hat se ne schicke Wohnung! Wo mein Vati jetze wohnt, weeß ich nich.  Guck' se dir an. Das is deine Oma in Amerika!“

Das war gar nicht so einfach zu begreifen, denn ich hatte bereits zwei Omas, also genug für jedes Kind der Welt, und meine Omas kannte ich gut. Die zweite wohnte mit ihrem Mann in Sudenburg und beide wurden daher − zur Unterscheidung der Oma und des Opas, in deren Haus wir lebten − Oma und Opa Sudenburg genannt. Soweit war das alles in Ordnung, aber nun hatte ich ein Problem. Plötzlich bekam ich noch zwei Großeltern dazu, hatte also jetzt sechs und zwei davon lebten jenseits eines großen Teichs, wie mein Vater mir sagte. Unser Dorfteich mit seinen Stichlingen war ganz klein, aber ich kannte auch einen großen Teich, der war in Klein-Bördeleben, wohin wir gelegentlich gingen, wenn meine Mutti mit mir die Rüschs in ihrem Gartenrestaurant besuchten, wo ich immer ein Glas Brause bekam. Beim nächsten Besuch versuchte ich mein Glück, denn ich konnte um den großen Teich in geschätzten drei Minuten einmal herum laufen. Eine Uhr, um das zu überprüfen, hatte ich noch nicht. Ich lief sicherheitshalber sogar zweimal rund herum, an dem großen Weidenbaum vorbei, an der Pappel-Allee und an dem Häuschen der Bushaltestelle und dann noch ein drittes Mal, aber Amerika fand ich damals nicht.

Heute glaube ich nicht mehr, dass meine Eltern mir die Sache gleich nach dem Auspacken erzählt haben; erst nach und nach verstand ich die komplizierten Verhältnisse. Mein Vater, so erfuhr ich, war gar nicht von seinen Eltern großgezogen worden, sondern von seinen Großeltern und deshalb waren meine Oma Sudenburg und mein Opa Sudenburg eigentlich seine Oma und sein Opa. Die Eltern meines Vaters aber lebten in Amerika. Amerika war ein großes Land am anderen Ende der Welt, viel zu weit, um hinzulaufen oder mit dem Fahrrad hinzufahren. Und da war auch noch dieser wirklich große Teich, über dem man mit einem Dampfer fahren musste, und das dauerte mindestens zwei Wochen! Eigentlich war mir das alles egal, denn Omas und Opas waren für mich alte Leute, nicht ganz so alt, wie die Greise und Greisinnen, die mich immer anglotzten, wenn wir nach Sudenburg fuhren und an dem Altersheim vorbei gingen, wo sie − die meisten waren Frauen − ihre weißen Köpfe aus den Fenstern streckten, aber immerhin viel älter als meine junge Mutti, der alle Männer schöne Augen machten.

Und warum leben die Oma und der Opa in Amerika und wie sind sie dort hingekommen? − Das gehörte zu dem schwer begreiflichen Schicksal, das offenbar allen Männern zugestoßen war, die ich damals kannte. Das war vor der Zeit, in der ich zur Welt gekommen war, und wurde Krieg genannt. Was wusste ich damals davon? − Krieg, das war das, was alle Männer erlebt hatten, nur ich nicht, und der Krieg war ganz, ganz schlimm. Meinem Onkel hatte er die linke Pobacke geteilt, als er in Russland mit seiner Haubitze so sorgfältig für Ordnung sorgte, dass irgendein Adolf ihm dafür das Ritterkreuz verliehen hat. Als ich es mal sehen wollte, beteuerte er mir, er habe es auf den Misthaufen geschmissen, als die Russen '45 seinen Vater abholten und ihn nach Buchenwald brachten. Im KZ musste mein Opa hungern und wurde so verprügelt, dass ihm die Zähne aus dem Mund flogen. Meinem Vater hatte der Krieg ein Stück aus dem rechten Unterarm herausgerissen, als er sich Monte Casino näherte, wofür ihm ein Fallschirmjägergeneral (das betonte er immer wieder: „War en richtijer Jeneral!“) ein Verwundetenabzeichen angehängt hatte. Nur mein Opa Sudenburg war heil geblieben, weil er zu alt für den Krieg gewesen war. − Was hatte das aber mit meiner Oma und meinem Opa in Amerika zu tun?             

Eigentlich gar nichts, aber mein armer Vater hatte nicht nur das Schicksal erlitten, in den Krieg ziehen zu müssen, sondern auch noch, von seiner Mutter bei seinen Großeltern vergessen worden zu sein. Und das erzählte mir meine Mutti so: Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, ging es den meisten Menschen so schlecht, dass die Eltern meines Vaters riefen: „Amerika, du hast es besser!“ Darum reisten sie über den großen Teich nach Amerika, um nie wieder zurück zu kommen. Als sich dann mein Vater ankündigte, fuhr meine Oma mit ihrem dicken Bauch auf einem dicken Dampfer zurück nach Deutschland, brachte meinen Vater zur Welt, ließ ihn bei ihrer Mutter zurück und dampfte anschließend über den großen Teich wieder zu ihrem Mann nach Amerika. Und mein armer Vater musste nun ohne richtige Eltern aufwachsen.

Mein armer Vater! Ach, wie musste ich ihn bedauern. Auch krank war er gewesen und als Kind fast an Hirnhautentzündung gestorben, weil sie ihm einen Hamster geschenkt hatten, der von einem Klassenkameraden stammte, der auch an Hirnhautentzündung gestorben war. Ach, mein armer Vater! „Ein Wunder, dass aus dem noch was geworden ist“, sagte meine Oma, legte den Kopf schräg, spitzte den Mund und schaute mich durch ihre Brille an. Ich aber fürchtete mich vor seiner knochigen Hand, mit der er mich schlug.

Was sollte aus mir werden?

Alle sagten mir: „Wie dein Vater sollste werden!“ Ich wollte aber nicht so werden wie mein Vater, denn der hatte viele Ohrfeigen in der linken Hand. „Der Junge hat zweimal Hier! geschrieen, als der liebe Gott die Horchlöffel verteilt hat“, sagte mein Onkel Franz. So wie er werden, das ging gar nicht, denn der hatte so Schreckliches erlebt, mit dem musste ich doch Mitleid haben: keine Mutti, die Krankheit, der Krieg und die kaputte Hand! Ich konnte ja gar nicht so werden wie mein Vati, denn der war ein langer Kerl und klug und fleißig.

Groß sollte ich werden, sagte mein Onkel, wenn er sein sechstes Stück Kuchen aß; stark sollte ich werden, sagte Zippi, wenn er seine Hand unter das Kleid meiner Mutti steckte; reich sollte ich werden, sagte der dicke Onkel Tist, wenn er mir einen Markschein in die Hand drückte.

„Der sieht aus wie Kohlenklau“, sagte Onkel Tist und: „Mach nich sonne Glupschooren, Kåler!“ Der Kohlenklau, das war ein fetter Kerl mit Schiebermütze, der mit einem Sack über der Schulter braven Bürgern auflauerte und durch sein ungesetzliches Treiben unsere Soldaten daran gehindert hatte, den Endsieg zu erringen. Sein rechtes Auge starrte riesengroß wie ein Scheinwerfer aus dem Verbrechergesicht und spürte jedem Krümel Kohle nach. So soll ich auch ausgesehen haben; Onkel Tist rief: „Kohlenklau! Kohlenklau! Kohlenklau!“ und mein Vater fügte noch hinzu: „Segelohren hat er, sonne Segelohren! Der fliecht uns noch må bei starken Wind bis nach Måchteburch!“. Dann lachten beide und Onkel Tist spuckte dabei auf den Kuchenteller.

Ich war klein und dumm und faul, sagte mir mein Onkel. Ich machte alles falsch und stellte mich in der Werkstatt saublöd an, denn ich hatte zwei linke Hände. „Der Kåle is son richtjer Dollbräjen!“ Und Frau Helmecke, die hinten auf dem Hof wohnte, hörte ich einmal sagen: „Guck mål, der Russe! Der is ja man son kleener Russe!“ Da wurde meine Mutti bitterböse und lief mit mir ins Haus, stellte mich in den Hausflur, rannte ins Schlafzimmer und heulte in ihr Kissen. Dann wollte sie nicht einmal, dass ich mich zu ihr ins Bett legte.

Aus mir konnte also nichts Ordentliches werden und ich taugte nur dazu, Schrauben oder Nägel zu sortieren, die mein Opa in Zehn-Kilo-Eimern anschleppte und dann in die Werkstatt hinter dem Bienenhaus stellte, da wo die Hühner wohnten und den Boden unter dem Pflaumenbaum von allem Gras frei hielten. Wenn ich sie besuchte, dann kakelten sie vor sich hin und zupften die letzten Grashalme aus, die in ihrem Gehege wuchsen. Das eine oder andere kam heran, legte den Kopf schief, machte "Goooak" und guckte mich durch den Maschendraht so an, wie mich meine Oma gelegentlich durch ihre Brille anstarrte. Die Hühner legten die warmen Eier, die wir jeden Morgen einsammelten und in einem kleinen Weidenkorb in die Küche brachten. Wenn ich sie mit den fetten Engerlingen aus dem Komposthaufen fütterte, legten sie ein par Tage später Eier mit einem besonders gelben Dotter.

In der Werkstatt wurde ich schon als Sechsjähriger in die elementaren Techniken des Handwerks eingeführt, wozu nach Meinung meines Opas vor allem Sauberkeit und Ordnung gehörten, denn ich musste die Werkstatt regelmäßig fegen und, wenn ich einen Hammer, eine Zange oder eine Säge benutz hatte, alles an seinen Platz zurückräumen. Wie man mit einem Besen umging, zeigte mir mein Opa: „Du fasst hier in der Mitte den Stiel an, fegst drei-, viermal mit leichtem Druck, stößt dann den Besen kräftig auf und wiederholst das so lange, bis du den Dreck auf einem Haufen zusammengefegt hast.“ Also fegte ich den Weg zum Hühnerstall, dann den Hof bis zur Pumpe und wollte gerade auf der Schmiedestraße weiterfegen, da nahm mir mein Onkel Franz den Besen weg, weil doch Sonnabend war und die Straße richtig sauber werden musste. Dazu taugte ich nicht. „Weg da, du Kohlenklau!“

Wenn aber ein neuer Eimer mit Schrauben oder Nägeln angekommen war, galt es zu sortieren. Dazu schüttete mein Opa mir einen Haufen Schrauben auf die Hobelbank und dann ging‘s los. Bald konnte ich sie unterscheiden, die Maschinenschrauben von den Holz- und Blechschrauben, die Rechtsgewundenen von denen mit Linksgewinden und die Flachköpfigen von solchen mit Linsen- oder Senkköpfen. Muttern musste ich gesondert ablegen.

Dafür gab es eine Reihe von Blechdosen, die immer noch nach dem rochen, was früher einmal darin gewesen war. Von einer der Dosen ermunterte mich ein Prince Albert hoheitsvoll, die Muttern hineinzuwerfen. Die anderen Dosen waren halb verrostet, aber man konnte noch Reste des Aufdrucks erkennen und erahnen, was einmal drinnen gewesen war: Kakao, Kaffee, Bleistifte, Pfeifentabak, Schuhkreme, Printen, Tee, Zwieback, Nähnadeln, Maggi-Würfel und Hühneraugenpflaster. Aber das war alles längst aufgegessen oder aufgebraucht und heute steckten nur noch Schrauben, Nägel, Stifte, Ösen, Scheiben und Muttern darin, alle nach Art und Größe wohl sortiert und Gleiches zu Gleichem gelegt, so wie mein Opa mir es beigebracht hatte. Und immer, wenn ich die Werkstatt betrat, war ich stolz auf diese Ordnung. Die großen Holzschrauben rochen nach Kakao, die Linsenschrauben nach Schuhcreme, die Schlitzschrauben nach Maggi, die 5er Maschinenschrauben nach Tee, die 6er nach Zwieback und die 8er nach Nähmaschine. Größere Metallteile waren in Holzkisten verstaut, die mein Opa selber zusammengezimmert hatte. Und das Werkzeug lag entweder in Schubladen, die sich nur sehr schwer unter der Arbeitsplatte herausziehen ließen, oder sie hingen wie die Sägen an Nägeln, die mein Onkel in die Schuppenwand getrieben hatte, alle in Reih' und Glied und drei Reihen übereinander.

Mein Opa brachte mir nicht nur das Fegen und das Schraubensortieren bei, sondern er erklärte mir auch, wie die Welt um mich herum funktionierte. Dabei korrigierte er mein bisheriges Weltbild auf das Gründlichste. So glaubte ich, dass der Wind deshalb wehte, weil die Bäume sich mit ihren Blättern bewegten. Und ich hielt den Donner für ein Zeichen dafür, dass die schwarzen Regenwolken am Himmel zusammenprallten. Das sah ich immer, wenn von Südwest die Gewitterköpfe herankamen und eine große Wolke aus schwarzer Börde-Erde vor sich hertrieben.

Mein Opa aber führte mich in die Grundlagen der Naturkunde ein, erklärte mir, dass der Donner auf den Blitz folgt und lehrte mich, die Entfernung zu der Stelle auszurechnen, wo der Blitz gerade eingeschlagen war. Er begann nach einem kräftigen Blitzen langsam zu zählen: „eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs – sieben – acht – neun“ und hörte mit dem Donnerschlag auf; Bums! „Der Donner braucht für einen Kilometer drei Sekunden, für zwei Kilometer sechs Sekunden und für drei Kilometer?“ – „Neun!“, rief ich. – „Das lehrt uns, dass der Blitz da eben drei Kilometer weit weg war.“ Und er gab mir, als ich lesen gelernt hatte, das Buch mit den seltsamen Geschichten des Dr. Ulebuhle. Das nahm ich mit auf die Chaiselongue, die im Wohnzimmer meiner Großeltern stand, und fing an zu lesen.

Da las ich vom Untergang Pompejis und wie die Menschen vergeblich vor dem Ascheregen des Vesuvs zu fliehen versuchten. Dann regnete es Bimssteine und alle suchten unter den Dächern ihrer Häuser Schutz. Doch der Bimsstein blieb auf den Häusern liegen wie der Schnee bei uns im Winter, und als die ersten Dächer einstürzten, da griffen sich die Leute ihre Kopfkissen, rannten nach draußen und versuchten, sich vor den herabstürzenden Steine zu schützen. Viele wurden erschlagen, die aber, die ein Stück weit gelaufen waren, erstickten in den Dämpfen, die aus dem Vulkanschlot strömten und stürzten zu Boden, wo sie qualvoll sterben mussten. Dann wurden sie verschüttet und ihre Häuser wurden verschüttet und es türmte sich die heiße Asche meterhoch auf über der ganzen prächtigen Stadt. Die Menschen aber, die überlebt hatten, vergaßen Pompeji und alle die toten Männer, Frauen und Kinder. Sie legten neue Dörfer an und bauten andere Städte. Und als zwei Jahrtausende später ein Bauer mit seinem Pferd Töpfe, Kannen und andere Gebrauchsgegenstände aus der Erde herauspflügte, da grub man das Feld auf und fand die Stadt, die einmal Pompeji hieß. Und die Archäologen gruben die Häuser, Tempel und Paläste aus und sie fanden auch tote Hunde und die toten Menschen. Und als sie die Hohlräume, die sie in der zusammen gebackenen Tuffasche fanden, mit Gips ausgossen, da lagen die Menschen noch immer so da, wie sie vor vielen Jahrhunderten gestorben waren.

Mit den Gebrüdern Sturm tobte ich über Wüsten und Meere bis in die entfernten Gebirge, wo eine finstere Höhle bis tief in den Felsen hineinreichte. Da kam zuerst der Sandsturm, schlug seine breiten Schwingen wie einen Mantel um sich, denn er fror in der Kälte des Gebirges, kauerte sich in die Ecke und träumte von dem heißen Wüstensand, in dem sich die gelben Löwen sonnten. Dann traf der Gewittersturm ein, schüttelte Hagel und Regen aus seinen blaugrauen Flügeln, fegte in die Höhle hinein und brach in ein donnerndes Gelächter aus, als er seinen Bruder da frierend in der Höhle hocken fand. Jetzt sah ich, wie der Himmel nach Osten schwefelgelb wurde und eine schwarze Wand kam herangebraust, aus der sich ein langer Trichter wie der Rüssel eines Riesenelefanten auf die Erde herabsenkte. Das war der Tornado, der Sand und Steine mitbrachte, die krachend an die Felsenwände schlugen, so dass dröhnende Echos von den gegenüber liegenden Felsen zu mir herüberschepperten. Als er in die Höhle stob, brüllte er: „Good day, my dear brothers!“, denn er war ein echter Amerikaner und kam eben aus Kalifornien herüber. Gegen Mittag wurde es kälter und immer kälter und am Himmel bildeten sich die Federwölkchen, die aus lauter Eisnadeln bestehen. Ein undurchdringliches Schneetreiben setzte ein und kündigte den Blizzard an. Als der in die Höhle eintrat, zitterten seine Brüder vor klirrender Kälte. Dann erzählten sich die Brüder einander, was jeder von ihnen angerichtet, und welche Verwüstungen sie über die Menschen und ihre Wohnungen gebracht hatten und ich hörte atemlos zu.

Eines Nachts ließ ich mich von der Himmelsflugmaschine des Professors zum Mond bringen. Das war aber ganz anders als beim kleinen Häwelmann, von dem mir mein Lesebuch weiß machen wollte, er sei mit seinem Rollbettchen zum Himmel gefahren. Ich stieg in die gläserne Gondel eines Ballons ein und dann ging das Abenteuer los. Die Häuser wurden immer kleiner und sahen wie Spielzeug aus und die Wälder wie dunkle grüne Tücher. Dann flogen wir durch den leeren Weltraum und sahen die Erde, die sich in eine leuchtende Kugel verwandelt hatte. Als wir auf dem Mond gelandet waren, mussten wir schwere Anzüge überziehen und Helme aus Metall und Glas, wie die Taucher sie tragen, denn auf dem Mond gibt es keine Luft zum Atmen. Aber mein Anzug behinderte mich gar nicht, weil der Mond nur ein Sechstel der Anziehungskraft der Erde hat und ich ganz leicht riesige Sprünge machen konnte und immer wieder weich auf dem Mondboden landete.

Sogar dem Tod begegnete ich einmal, als er mir eine Flasche zeigte, aus der die Cholera entwich und viele arme Menschen unbarmherzig tötete. Der spindeldürre Kerl aber war mir unheimlich und ich verließ ihn schnell wieder, froh, dass er nichts weiter von mir wollte. Und ich las auch die anderen Abenteuer des Doktor Ulebuhle, erblickte das quirlige Leben in einem Wassertropfen, lernte den blitzenden Diamanten und seine Brüder kennen, tauchte mit John Dolland in die Tiefe des Meeres und hörte der Schwalbe zu, als sie ihre Weisheiten vom Telegraphendraht herunterschwatzte.

Einmal − ich hatte gerade gelesen, wie eine Fliege und eine Spinne in Bernstein eingeschlossen wurden, − versteckte ich mich hinter der Chaiselongue und konnte von da aus zuhören, was die Männer beim Schnaps beredeten. Zippi nickt mir zu und zuckt mit dem Auge, bald aber nahm mich keiner mehr wahr, denn alle waren vom Kartoffelschnaps besoffen, den mein Onkel gebraut hatte, denn er war Chemiker und verstand es, den guten Mittellauf herauszufiltern, damit keine Fuselöle das Gesöff verdarben. Ja, mein Onkel verstand sein Handwerk wirklich; von diesem Schnaps, den er heimlich aus Kartoffeln brannte, ist keiner blind geworden. Mein Opa erzählte vom ersten Gasangriff zwischen Langemarck und Ypern:

„Am 22. April wår das. Früh am Morjen zoren wir die Jrånåten ab. Die jelben Wolken flojen langsåm bei Ostwind un krochen dicht un fett zu die französischen Linjen. Dann springen die Franzosen aus die Schützenjräben, fallen åber jleich wieder um. Die wurden schwarz im Jesicht, husteten Blut un stårben. Punkt. Die Front wår offen, keene Jejenwehr. Åber wir hatten nich jenuch Menschen un Materjål, konnten alleene die festjefåhrne Front ooch nich uffrollen. Da sind die Sozis un die Kommunissen Schuld. Wenn die uns nicht in den Rücken jefallen wärn ...!“

Muddel erzählt von seinen Erlebnissen als Obergefreiter in Paris. Er verbringt viele Abende mit seinen deutschen Kameraden, die alle nach Absinth und Pastis lechzen, sie saufen flaschenweise den besten Cognac und abends geht er in die einschlägigen Etablissements im Marais, am Montmartre oder Montparnasse, genießt Champagner, Charme und feste Schenkel.

Die Sache mit dem Cognac lässt seine Frau noch durchgehen, als er aber anfängt, die Champagnergeschichten mit den französischen Mädchen zu erzählen, unterbricht ihn Erika: „Musste denn immer von diese Sauereien?“

Und Muddel bricht sichtbar unwillig ab. „Ja, Fritze, der Adolf hat das besser anjestellt!“ − „Wår doch noch vor deine Zeit!“ Die andern bedauern.

„Das holste åber beim Kejeln nächsten Donnerstach nåch!“ Und Muddel verspricht leise, dann auch von der deutschen Tippse aus dem Büro des Hauptsturmführers zu erzählen, die ihn verführt hat; er musste gar nichts tun, denn sie öffnete sein Koppel „janz von sich aus“.

Jünter soll von Italien erzählen. Zuerst will er nicht, aber der Schnaps macht alle Zungen gefügig. „Wår im Februår 44 in Monte Cassino, konnten den Anjriff von die Amis abwehrn. Wår dumm von se in Anzio un Nettuno. Hätten jråde durchmårschiern solln, un einfach Nachschubweje sperrn. Håmse åber nicht, un wir zwischenmånk håm alle Brücken un Straßen jesprengt. Danne die Bomben! Alles kurz un kleen jehaun, die Neuseeländer. Da håbe ich mich auf ‘nem Friedhof innen Dreck un die Brocken auf mich druff. Und so‘n Quatsch, hat niemand was jenützt. Dann weiter nach Rom. Håben uns ganz schön auf Trapp jebracht. Wåren Franzosen, Inder, Polen un son Jelumpe. In Rom wår was los. Wår eijentlich ‘ne freie Stadt. Wir Soldåten durften nich rinn. Håben wir åber doch jemåcht. Håbe mit einem Kåmeradn 'nen Fiat jeklaut, sind vor ‘ne Kaserne von die Italiener vorjefåhren. Die håm går nichts jemåcht, håben uns einfach rinjelassen. Na, denk mål an! Wir das Auto mit Zijaretten volljehaun, un ab durch die Mitte! Dann zu Claudio, mieses Quartier unterhalb von dem Gianicolo bei die Porta Portese. Un uffjetåkelte Weiber, tolle Weiber! Essen un Wein, alles für ‘nen paar hundert jeklaute Zijaretten. Die janze Nacht! Mensch, was wår ich blau. Dass die uns nicht einfach koppheister eins über die Rübe!“

„Aber dann hamse dich auf'm Rückwech doch noch erwischt!“, sagt Hans Töpfer und prostet meinem Vater zu.

„Das war jroße Schiete mit dem Kriech, das muss ich auch mål såren.“ − „Klar, Jünter, aber erzähl man weiter!“

„Das wår beim Rückzug, übrigens ging der janz jeordnet vor sich. Bei Peruggia håm uns Kanadier bombadiert, da håb' ich ‘nen Stein von die Kirche zwischen die Beene.“

„Zack, da warn die Eier Matsche!“, grinst Zippi. − „Lass den Jünter in Ruhe!“, warnt mein Onkel.

Aber es ist zu spät. Zippi ist voll in Fahrt. Der kleine Kerl − „Is ja nur 'nen Hemd“, sagte meine Mutti oft − legt plötzlich los: „Jetze kannste nich mehr un Almut is sauer. Ich bin für ne' Ehe zu dritt!“, lallt Zippi und legt meiner Mutti die Hand aufs Knie. „Wie schon Bormann vierunddreißig wusse, kann nur so die verstärke Fortpflanzung der Deutschen jarantiert un der charakterliche, psy-spysischen Verfall der anständijen deutschen Männer verhindert wern!“

Mein Vater steht auf und nimmt Zippi beim Kragen, zieht ihn vom Stuhl hoch: „Halt die Lawwe!“ Zippi hängt ängstlich mit schlappen Armen vor dem Tisch. „Hör auf, Jünter, war nur‘n Spaß!“ Hans und Rolf gehen dazwischen und trennen die beiden. Aber Zippi blutet aus der Nase. „Lasst mål, ist ja keener Schuld an die janze Schiete!“, sagt Erika. Meine Mutti ist ganz stumm geworden, sitzt mit blassem Gesicht da und sagt gar nichts.

 

Was ich bei solchen Anlässen hörte, verstärkte meinen Verdacht, dass da mit mir und meinem Vater irgendwas nicht stimmte, aber was das Kinderkriegen mit Eiern zu tun haben sollte, wollte mir nicht in den Sinn. Denn über das Kinderkriegen wusste ich schon früh Bescheid. Udo Roseburg hatte mir erzählt, als ich vorm Klo auf ihn warten musste, wenn er kackte, der Mann steckt Seinen in die Frau rein, so wie wir das beim Vieh und bei Hunden immer beobachtet hatten. Sein Vater, das habe er genau gesehen, macht das jedenfalls öfter bei seiner Mutti und bei Tante Elli.

Bei meinem Vater hatte ich das nie beobachten können, deshalb blieb ich skeptisch. Als aber Sabbel Köbke bestätigte, sein großer Bruder schleiche nach dem Misten manchmal heimlich in die Futterkammer und stecke Seinen in die Hilde, beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Dass Frauen anders aussehen als Männer vermutete ich schon lange, auch sah ich überall im Dorf auf Mauern Zeichnungen von Vierecken mit einem Strich in der Mitte, die Udo Roseburg und seine Freunde „Fotzen“ nannten. Doch erst Helga brachte Gewissheit.

Helga war älter als ich und wohnte ein paar Häuser weiter ganz allein in einer Kammer von Preschers Kuhstall. Dort war sie mit ihrem Bruder Robert eingewiesen worden, als die beiden im Winter 45 halb verhungert in Bördeleben strandeten. Die beiden waren, so erzählte mir später mein Onkel, die einzige Überlebende einer Großfamilie aus der kleinen mährischen Stadt Hotzenplotz an der Grenze von Oberschlesien. Kurz bevor die Rote Armee Mitte März 1945 einmarschierte, setzte ihre Mutter sie und die sechs Geschwister auf ein Pferdefuhrwerk, lud noch einige Habseligkeiten auf und versuchte, sich nach Westen durchzuschlagen. Unterwegs schlug eine Bombe ganz in der Nähe des Fuhrwerks ein und tötete die Mutter und Geschwister, nur Helga und ihr Bruder Robert überlebten wie durch ein Wunder unverletzt. Eine andere Frau setzte die beiden auf ihr unbeschädigtes Fuhrwerk und nahm sie auf ihrer Flucht mit. So gelangten die beiden über Freiberg und Chemnitz bis nach Dresden und dann in unser Dorf, wo die beiden Kinder bei einem Bauern notdürftig unterkamen. Als die Russen schon die amerikanischen Besatzer abgelöst hatten, trieb sich Robert gerne am Bahndamm bei Diesdorf rum; eines Tages war Robert verschwunden.  Ein Bauer aus Hohendodeleben, erzählte aber, ein Güterzug habe auf freier Strecke gehalten, russische Begleitsoldaten seinen herausgesprungen, hätten den Robert eingefangen und in einen Wagon gesteckt. Dann sei der Zug weitergefahren. Als der Bauer aber einen toten deutschen Soldaten dort liegen sah, wusste er, was geschehen war. Und er erzählte jedem, der es hören wollte, wie die Russen den Bengel „mit vorgehaltenen PPSh Maschinenpistolen“ den Bahndamm hochgezerrt haben: „Die Iwans håm'nen rinjezerrt und de Türe zujemacht. Dan sinse uffejesprungen un wechjefåhrn. Den' hat beim Zählåpell eener jefehlt und då håm se den Bengel enfach mitjenommen.“ Von Robert hat Helga nie wieder etwas gehört.

 

 

 

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben. –
Robert aber dachte: Nein!
Das muß draußen herrlich sein! –
Und im Felde patschet er
Mit dem Regenschirm umher.

 

 

 

Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,
Dass der Baum sich niederbeugt!
Seht! den Schirm erfasst der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.
An die Wolken stößt er schon,
Und der Hut fliegt auch davon.

 

 

 

Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja! das weiß kein Mensch zu sagen.

 

 

 

Kasperl kommt mit raschem Schritt
Bringt von Robert Kunde mit.
Seht, ihr lieben Kinder, seht,
Wie’s dem Robert weiter geht!
An dem Bahndamm landet er
Russen stehꞌn dort mit Gewehr!
Unten liegt ein toter Mann,
Der nun nicht mehr fahren kann.

 

 

 

Die Männer dort in ihrem Wagen
Nach Russland werden sie gefahren.
Ein Deutscher kam im Wagen um
Die Russen sehꞌn sich suchend um.
Dieser fehlt nun, das ist schlecht,
Da kommt der Robert ihnen recht.
Sie drohen ihm mit dem Gewehr,
Der Robert aber fürchtꞌ sich sehr.

 

 

 

 

Sie packen fest an Arm und Bein
Schon fliegt er in den Zug hinein.
Mit den andern muss er nun,
Was die Russen wollen, tun.
Wärꞌ Robert brav daheim geblieben
Hättꞌ man ihn nicht nach Orsk getrieben.

 

                                             

                                     

Der Robert muss mit Schweißestropfen
Große Steine kleiner klopfen,
Die braucht zum Aufbau jetzt das Land
Das Hitlers Männer erst verbrannt.
Aufeinmal fängt er an zu schreiꞌn:
Ich schleppe keine Steine! nein!
Ich schleppe meine Steine nicht!
Nein meine Steine schlepp ich nicht!

 

 

 

Вы должны работать быстрее!
Schneller arbeit`, He, He, He!
Doch der Robert höret nicht,
Was der Russe zu ihm spricht.
Da schießt Iwan ihn ins Bein,
Tief bis in das Blut hinein.
Robert leidet große Not
Und ist am fünften Tage tot.

 

 

 

                                  

 

Als ich einmal ganz krank war und mit keinen Kindern spielen durfte, kam Helga öfter zu uns. Die hatte schon Masern gehabt und konnte sich nicht bei mir anstecken. Helga spielte mit mir im Garten Mann und Frau und Krankenhaus. Dann musste ich mich ins Gras legen und Helga pflegte mich gesund. Sie nahm meine Hand und führte sie sachte zwischen ihre Beine. Wenn ich Helga dann langsam kribbelte und kraulte, griff sie durch das eine Bein der Leserhose, was ein warmes Gefühl erzeugte. Helga war gerade 15 und hatte kleine, feste Brüste. Die musste ich auch vorsichtig anfassen. − Von Helga weiß ich, dass mein Vater nicht mein Vater ist: „Der kann doch keine Kinder mehr machen, dem ham' se die Eier wegjeschossen. Dich ham die Russen jemacht!“

Die Russen kannte ich. Die fuhren in ihren grünen Autos manchmal durch unser Dorf und wohnten draußen in Krakau hinter einer Schranke. „Åber was håbn die mit meine Mutti jemåcht?“, fragte ich Helga. Die lag eine Weile still im Gras und sagte dann: „Darfste aber kei'm erzählen, dass ich dir das jesacht hab', verstehste!“ − „Jroßes Jeheimnis!“, versprach ich und Helga erzählte: „Wir sin damals gerade hier anjekomm‘ von Polen, verstehste? Auf die Flucht vor die Russen, wo meine Mutti un all die andern umjekommen sind! Und über die Brücke ham mers noch jeschafft, bevor die se jesprengt ham. Wumm! war se wech. Und so ville noch drübn! Zwei Tanten von mir sin noch in Polen. Dann warn 'mer in Sicherheit, weil die Amis uns jut behandelt ham. Die sin nich so wie die Russen! − Aber hier sin se dann doch wieder weckjezoren, die Amis. Das war, wie du noch nich uffe Welt warst. Dann ham alle jesacht: Die Russen komm‘! und ich hatte schon de Sachen jepackt. Wollte mit Robert weiter nach Westen. Das jing aber nich, denn ich krichte Masern, so wie du se jetze has. Und als de Russen kam'n, ham wir Mädchen und Frauen uns alle verkrochen. − Deine Mutti und Emma Knochenmuß ham se aber in euerm Hühnerstall jefund'n und mitjezerrt. Rüber zu Thomsens Scheune, da ham se sich orndlich een uff de Lampe jejossen.

Und dein Onkel hat versucht, seine Schwester mit ‘nem Liter Schnaps freizukofen, se ham ihm aber uff‘n Schädel jeschlagen und die Flasche leerjesoffen. Dann ham se jetanzt und die Männer ham jejröhlt. Wir ham Emma und deine Mutti zuerst noch schreien jehört, dann aber warn se still. Alle Mann sind se drüberjerutsch, fuffzehn oder zwanzich Mann. Die Emma haben se dabei totjemacht, deine Mutti aber hat's überstanden. Und im Jahr drauf biste uff de Welt jekomm'n. Und als deine Mutti schon 'nen dicken Bauch hatte, hat se den Piesepampel jeheiratet, damit du 'nen richtigen Vati hast, verstehste?“

Und dann musste ich die Helga noch einmal zwischen den Beinen befummeln, und sie sagte nichts mehr. Einmal hat meine Mutti uns so gesehen und danach durfte Helga nicht mehr zum Spielen kommen.

Damit, dass der Russe mein Vater sein sollte, habe ich damals gar nichts anfangen können. Aber gewurmt hat es mich doch, was der meiner Mutti angetan hatte. Der Russe soll auch Fahrräder und Uhren auf offener Straße geklaut haben, sagte meine Oma. Für den Russen hatte ich ab jetzt nichts mehr übrig. Der konnte mir gestohlen bleiben. Den Ami kannte ich noch nicht, aber das sollte sich bald ändern.

Jetzt ist aber der Moment gekommen, wo ich mit dem Erzählen innehalten muss, denn die Russengeschichte ging mir damals nicht mehr aus dem Kopf. Ich sehe mich als gerade Sechsjährigen, der noch mit Leibchen, Strickhosen und langen Strümpfen bei Wind und Wetter zwischen Hof und Garten hin und her tollt, bei schönem Wetter Äpfel aufsammelt, mit denen er sich in sein Versteck hinter dem Bienenhaus zurückzieht oder – wenn es regnet, leise durch den Alten Hausflur auf den Dachboden steigt, um dort hinter der Treppe − einen Apfel nach dem anderen kauend – darüber nachsinnt, wer denn sein Vater sein könnte.

Dabei kamen mir allerlei Möglichkeiten in den Sinn; von Onkel Tist über Zippi bis zum Dorftrottel Detlev malte ich mir aus, ob es nicht diesen oder jenen Vorteil für mich bringen würde, aber bei reiflicher Überlegung strich ich alle drei Kandidaten wieder von meiner Liste. Onkel Tist mit dem großen Geldsack war viel versprechend, denn er schenkte mir ab und zu eine Mark. Allerdings war er fett und kam nur Sonntags zu Besuch. Dann tätschelte er meiner Mutti auf Gesicht und Schultern, zog sie zum Abschied dicht an sich heran, um ihr einen Kuss zu geben − was sie immer entrüstet abwehrte −, blieb der Familie aber auf freundschaftlicher Distanz verbunden, so dass ich mir nicht näher ausmalen wollte, ihn dauernd zu Hause zu haben. Ich glaube, er stank auch nach Schweiß; meine Mutti jedenfalls mochte ihn nicht, sie atmete nämlich auf, wenn er gegangen war: „Die olle Nappsilze tut sich immer frech ranvettermicheln!“

Bei Zippi war das anders. Der wohnte gleich nebenan bei Gehrs in der ersten Etage und pfiff immer lustige Lieder. Geld gab er mir nie, aber er war fröhlich. Zippi war immer beschwingt, ansteckend aufgeräumt. Wenn Zippi zu uns ins Haus kam, war gleich was los. Nicht, dass er Witze erzählte, nein, es genügte, wenn er nur kam und irgendetwas in betont ordentlichem Deutsch sagte, wie: „Die gnädige Frau Biederitz schält die Kartoffeln aber wieder elegant heute! Papierdünn ist die Schale, wirklich papierdünn!“ Oder: „Was hat unsere Almut aber heute wieder ein hübsches Kleid an, nein, wie elegant das ist!“, und schon lachten die Frauen und so schallend, dass ich mitlachen musste. Zippi hatte immer Hunger und saß meistens auch bald vor „irgend einer klitzekleinen Schweinerei, nur für den hohlen Zahn, und ich muss auch gleich wieder!“

Wenn Zippi so am Wohnzimmertisch saß, durfte ich auf die Klaviertasten drücken, nicht zu laut, sonst guckte er missbilligend zu mir herüber, ganz zart und leise, wie er es mir vorgemacht hatte. Manchmal dreht er den Klavierhocker für mich hoch, verbeugte sich lachend und sagte: „Hoppla, Majestro!“ Dann kletterte ich auf den Hocker, setzte mich auf die aus Leder geprägte Lyra und begann vorsichtig, die schwarzen Tasten zu streicheln, bis zarte Töne das Zimmer erfüllten. Meine Oma hatte längst die Küchentür geschlossen, Zippi bediente sich ungeniert an meiner Mutti üppigen Brüsten und griff wohl auch unter ihren Rock. Manchmal hörte ich sie leise stöhnen: „Nicht vor dem Jungen, nicht vor dem Jungen!“

Da ich sonst nicht ans Klavier durfte – „Jehört Tante Resi, un die wird böse, wennes kaputt machst!“ − ließ ich die beiden am Tisch und auf der Chaiselongue gewähren, kümmerte mich wenig um das Getatsche und Gestöhne und versank ganz langsam in die Welt der sanften Töne, die ich in immer anderen Wellen aus dem schwarzen Kasten streichelte. Manchmal schlug ich auch die weißen Tasten an, aber nur ganz vorsichtig und leise, meistens aber blieb ich auf der linken Seite bei den schwarzen.

− Also Zippi, den konnte ich mir als Vater schon vorstellen, der war lustig, und wenn er kam, war meine Mutti froh und lachte, ich aber durfte ans Klavier. Eines Tages kam er nicht mehr, dann hieß es, er sei krank, sehr krank; kurze Zeit später muss er gestorben sein, an Leberzirrhose, wie ich viel später erfuhr, denn er trank.

Meinen Vater Detlev dachte ich mir immer nur aus, wenn ich mich geärgert hatte oder zornig war. Den wünschte ich meiner Mutti dann als Mann. Detlev kannten wir Kinder ganz genau. Wenn es nach einem ordentlichen Regenguss schönes Wetter gab, gingen wir auf den Denkmalplatz und sahen der blöden Dorfjacke, wie Udo ihn nannte, im Schatten der Robinien beim Malen zu. Detlev hatte immer eine rote Fresse und abstehende Ohren, konnte aber aufregend zeichnen. Er hatte einen Stock in der Hand und beugte sich über eine mehrere Quadratmeter große Fläche blanken, schwarzen Börde-Bodens, die er vorher sorgfältig von Blättern, Stöcken und Steinen gereinigt und mit seinen Quadratlatschen platt getrampelt hatte. Dann grub er mit dem Stock in schnellen Zügen die groben Umrisse eines Segelschiffs in die noch feuchte Erde. Jetzt zeichnete er die Masten, die Mastkörbe und dann − viel langsamer und bedächtiger − Segel auf Segel.

 

Wir schauten zu und staunten; das konnte keiner von uns. Bald waren alle Segel gesetzt und das Vollschiff ging vor den Wind. Wir hatten bisher zugeguckt; nun aber wagte der Mutigste von uns, Erwin, den ersten Angriff. Schnell sprang er vor und löschte ein Focksegel weg. Schon war er einige Meter zur Seite gelaufen und hatte sich hinter dem Denkmal versteckt. Detlev schrie auf, starrte wild umher, machte eine Bratschlabbe und ließ Schaum vom Mund tropfen. Der Krieg war erklärt. Wir zogen uns einige Schritte zurück. Langsam bildeten wir einen großen Kreis. Die Wölfe umringten ihr Opfer. Detlev stand dicht neben seinem Schiff und verteidigte Masten und Segel. Wir, manchmal fünf oder sechs Jungen, selten waren Mädchen dabei, suchten eine Gelegenheit anzugreifen. Sobald Detlev sich herabbeugte, unartikulierte Laute ausstieß und sabbernd das ausgelöschte Segel wieder flickte, sprang ein anderer vor und wischte rasch ein Stück Segel aus. Da hieß es schnell zurückspringen, denn Detlev hatte nur darauf gelauert, jaulte wie ein geprügelter Hund und schlug mit dem Stock um sich. Manch einer fing so einen schmerzhaften Hieb, aber Segel um Segel verschwand, und die Meute blieb Sieger. Wenn Detlev mit der Schiffsreparatur nicht mehr nachkam, wenn sein verzweifeltes Schlagen keinen abschreckenden Erfolg mehr zeigte, zerstörten wir binnen Sekunden große Teile des Kahns, an dem er eine ganze Stunde und mehr gearbeitet hatte, dann hielt Detlev mit dem Schlagen inne, dann sabberte er noch mehr als sonst, gab tierische Laute von sich, brabbelte Unverständliches und trabte schließlich mit seinem Stock zum Dorfteich, die Straße hinunter und dann nach rechts zum Spittel, wo er mit seiner alten Mutti wohnte. Wir waren Sieger, das stolze Schiff wurde in Grund und Boden getrampelt und endgültig versenkt.

Detlev war ein Vater, den ich mir wirklich manchmal wünschte, nur um meine Mutti zu ärgern. Aber schon war mir der Gedanke zuwider, denn was hatte ich von diesem Vater? Und nur, damit sich meine Mutti ärgern musste, das Opfer war mir denn doch zu groß.

Ganz egal, wer nun mein Vater war, ich wurde am 20. März geboren – knapp ein Jahr nach der Kapitulation. „An ‘nem regnerischen Tach mit richtig Schmuddelwetter“, sagte Onkel Franz. „Man konnte nichts sehen, da es Mitternacht wår“, sagte meine Oma. Und es sei sowieso vor Mitternacht gewesen, behauptete meine Mutti, weshalb sie mir, als ich groß genug war, um aufzubleiben, immer am Abend des 19. zum Geburtstag gratulierte. Aber mein Vater ließ mich ordnungsgemäß am 20. beim Standesamt von Bördeleben als Gerhard Günter Ebbinghaus registrieren. Da musste ich mich also mit dem Namen des Mannes meiner Mutti begnügen, der nicht mein Vater war, aber alle wollten, ich sollte Vati zu ihm sagen.

 

Kasperl Larifari