Viele Väter

  Kasperl Larifari

 

 

Mein Vater hatte die Angewohnheit, vor dem Essen zu singen. Wenn meine Oma den Tisch deckte und Teller neben Teller stellte, dann Messer daneben legte und die Wurstplatte, den Butterteller, das Gurkenglas, die Gemüseschale dazustellte, stieß er leise Töne aus, die immer lauter und lauter aus seinem Mund quollen. Bald lobte er in höchsten Tönen die Leberwurst, bald die Gurken, die meine Oma sauer eingelegt hatte, mal war der Schnittlauch dran und dann die Frühlingszwiebeln. Heute sang er von Radieschen, morgen von Tomaten, je nachdem, was der Garten gerade hergab. Wenn alle um den Tisch herumhockten und sich ihre Brote schmierten, sang er noch immer, tötete mit seinem Sprechgesang jedes Gespräch im Keim ab, und verdarb mir den Appetit. Nicht, dass ich meinen Vater dafür hasste, aber es schmeckte mir viel besser, wenn er einmal nicht am Tisch saß.

Einmal versteckte ich mich hinter der Chaiselongue und konnte von da aus zuhören, was die Männer beim Schnaps beredeten. Zippi nickt mir zu und zuckt mit dem Auge, bald aber nahm mich keiner mehr wahr, denn alle waren vom Kartoffelschnaps besoffen, den mein Onkel gebraut hatte. Er war nämlich der Chemiker, der es verstand, den guten Mittellauf herauszufiltern, damit keine Fuselöle das Gesöff verdarben. Ja, mein Onkel verstand sein Handwerk wirklich; von diesem Schnaps, den er heimlich aus den im Garten angebauten Kartoffeln brannte, ist keiner blind geworden.

Mein Opa erzählte vom ersten Gasangriff zwischen Langemarck und Ypern: „Am 22. April wår das. Früh am Morjen zoren wir die Jrånåten ab. Die jelben Wolken flojen langsåm bei Ostwind un krochen dicht un fett zu die französischen Linjen. Dann springen die Franzosen aus die Schützenjräben, fallen åber jleich wieder um. Die wurden schwarz im Jesicht, husteten Blut un stårben. Punkt. Die Front wår offen, keene Jejenwehr. Åber wir hatten nich jenuch Menschen un Materjål, konnten alleene die festjefåhrne Front ooch nich uffrollen. Da sind die Sozis un die Kommunissen Schuld. Wenn die uns nicht in den Rücken jefallen wärn ...!“

Muddel erzählt von seinen Erlebnissen als Obergefreiter in Paris. Er verbringt viele Abende mit seinen deutschen Kameraden, die alle nach Absinth und Pastis lechzen, sie saufen flaschenweise den besten Cognac und abends geht er in die einschlägigen Etablissements im Marais, am Montmartre oder Montparnasse, genießt Champagner, Charme und feste Schenkel.

Die Sache mit dem Cognac lässt seine Frau noch durchgehen, als er aber anfängt, die Champagnergeschichten mit den französischen Mädchen zu erzählen, unterbricht ihn Erika: „Musste denn immer von diese Sauereien?“ Und Muddel bricht sichtbar unwillig ab. „Ja, Fritz, der Adolf hat das besser anjestellt!“ − „Wår doch noch vor deine Zeit!“ Die andern bedauern.

„Das holste åber beim Kejeln nächsten Donnerstach nåch!“ Und Muddel verspricht leise, dann auch von der deutschen Tippse aus dem Büro des Hauptsturmführers zu erzählen, die ihn verführt hat; er musste gar nichts tun, denn sie öffnete sein Koppel „janz von sich aus“. Und die andern jieperten wissend.

Jünter soll von Italien erzählen. Zuerst will er nicht, aber der Schnaps macht alle Zungen gefügig. „Wår im Februår 44 in Monte Cassino, konnten den Anjriff von die Amis abwehrn. Wår dumm von se in Anzio un Nettuno. Hätten jråde durchmårschiern solln, un einfach Nachschubweje sperrn. Håmse åber nicht, un wir zwischenmånk håm alle Brücken un Straßen jesprengt. Danne die Bomben! Alles kurz un kleen jehaun, die Neuseeländer. Da håbe ich mich auf ‘nem Friedhof innen Dreck un die Brocken auf mich druff. Und so‘n Quatsch, hat niemand was jenützt. Dann weiter nach Rom. Håben uns ganz schön auf Trapp jebracht. Wåren Franzosen, Inder, Polen un son Jelumpe. In Rom wår was los. Wår eijentlich ‘ne freie Stadt. Wir Soldåten durften nich rinn. Håben wir åber doch jemåcht. Håbe mit einem Kåmeradn 'nen Fiat jeklaut, sind vor ‘ne Kaserne von die Italiener vorjefåhren. Die håm går nichts jemåcht, håben uns einfach rinjelassen. Na, denk mål an! Wir das Auto mit Zijaretten volljehaun, un ab durch die Mitte! Dann zu Claudio, mieses Quartier unterhalb von dem Gianicolo bei die Porta Portese. Un uffjetåkelte Weiber, tolle Weiber! Essen un Wein, alles für ‘nen paar hundert jeklaute Zijaretten. Die janze Nacht! Mensch, was wår ich blau. Dass die uns nicht einfach koppheister eins über die Rübe!“

„Aber dann hamse dich auf'm Rückwech doch noch erwischt!“, sagt Hans Töpfer und prostet meinem Vater zu.

„Das war jroße Schiete mit dem Kriech, das muss ich auch mål såren.“ − „Klar, Jünter, aber erzähl man weiter!“

„Das wår beim Rückzug, übrigens ging der janz jeordnet vor sich. Bei Peruggia håm uns Kanadier bombadiert, da håb' ich ‘nen Stein von die Kirche zwischen die Beene.“

„Zack, da warn die Eier Matsche!“, grinst Zippi. − „Lass den Jünter in Ruhe!“, warnt mein Onkel.

Aber es ist zu spät. Zippi ist voll in Fahrt. Der kleine Kerl − „Is ja nur 'nen Hemd“, sagte meine Mutti oft − legt plötzlich los: „Jetze kannste nich mehr un Alice is sauer. Ich bin für ne' Ehe zu dritt!“, lallt Zippi und legt meiner Mutti die Hand aufs Knie. „Wie schon Bormann vierunddreißig wusse, kann nur so die verstärke Fortpflanzung der Deutschen jarantiert un der charakterliche, psy-spysischen Verfall der anständijen deutschen Männer verhindert wern!“

Mein Vater steht auf und nimmt Zippi beim Kragen, zieht ihn vom Stuhl hoch: „Halt die Lawwe!“ Zippi hängt ängstlich mit schlappen Armen vor dem Tisch. „Hör auf, Jünter, war nur‘n Spaß!“ Hans und Rolf gehen dazwischen und trennen die beiden. Aber Zippi blutet aus der Nase. „Lasst mål, ist ja keener Schuld an die janze Schiete!“, sagt Erika. Meine Mutti ist ganz stumm geworden, sitzt mit blassem Gesicht da und sagt gar nichts.

Was ich bei solchen Anlässen hörte, verstärkte meinen Verdacht, dass da mit mir und meinem Vater irgendwas nicht stimmte, aber was das Kinderkriegen mit Eiern zu tun haben sollte, wollte mir nicht in den Sinn. Denn über das Kinderkriegen wusste ich schon früh Bescheid. Udo Roseburg hatte mir erzählt, als ich vorm Klo auf ihn warten musste, wenn er kackte: Der Mann steckt Seinen in die Frau rein, so wie wir das beim Vieh und bei Hunden immer beobachtet hatten. Sein Vater, das habe er genau gesehen, macht das jedenfalls öfter bei seiner Mutti und bei Tante Elli.

Bei meinem Vater hatte ich das nie beobachten können, deshalb blieb ich skeptisch. Als aber Sabbel Köbke bestätigte, sein großer Bruder schleiche nach dem Misten manchmal heimlich in die Futterkammer und stecke Seinen in die Hilde, beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Dass Frauen anders aussehen als Männer vermutete ich schon lange, auch sah ich überall im Dorf auf Mauern Zeichnungen von Vierecken mit einem Strich in der Mitte, die Udo Roseburg und seine Freunde „Fotzen“ nannten. Doch erst Helga brachte Gewissheit.

Helga war älter als ich und wohnte ein paar Häuser weiter ganz allein in einer Kammer von Preschers Kuhstall. Dort war sie mit ihrem Bruder Robert eingewiesen worden, als die beiden im Winter 45 halb verhungert in Bördeleben strandeten. Die beiden waren, so erzählte mir später mein Onkel, die einzige Überlebende einer Großfamilie aus der kleinen mährischen Stadt Hotzenplotz an der Grenze von Oberschlesien. Kurz bevor die Rote Armee Mitte März 1945 einmarschierte, setzte ihre Mutter sie und die sechs Geschwister auf ein Pferdefuhrwerk, lud noch einige Habseligkeiten auf und versuchte, sich nach Westen durchzuschlagen. Unterwegs schlug eine Bombe ganz in der Nähe des Fuhrwerks ein und tötete die Mutter und Geschwister, nur Helga und ihr Bruder Robert überlebten wie durch ein Wunder unverletzt. Eine andere Frau setzte die beiden auf ihr unbeschädigtes Fuhrwerk und nahm sie auf ihrer Flucht mit. So gelangten die beiden über Freiberg und Chemnitz bis nach Dresden und dann in unser Dorf, wo die beiden Kinder bei einem Bauern notdürftig unterkamen.

Als die Russen schon die amerikanischen Besatzer abgelöst hatten, trieb sich Robert gerne am Bahndamm bei Diesdorf rum, und eines Tages war er verschwunden. Ein Bauer aus Hohendodeleben, erzählte aber, ein Güterzug habe auf freier Strecke gehalten, russische Begleitsoldaten seinen herausgesprungen, hätten den Robert eingefangen und in einen Wagon gesteckt. Dann sei der Zug weitergefahren. Als der Bauer aber einen toten deutschen Soldaten dort liegen sah, konnte er sich seinen Reim darauf machen. Und er erzählte jedem, der es hören wollte, wie die Russen den Bengel „mit vorgehaltenen PPSh Maschinenpistolen“ den Bahndamm hochgejagt haben: „Die Iwans håm'nen rinjezerrt und de Türe zujemacht. Dann sinse uffejesprungen un wechjefåhrn. Den' hat beim Zählåpell eener jefehlt und då håm se den Bengel eenfach mitjenommen.“ Von Robert hat Helga nie wieder etwas gehört.

Ich aber fand in meinem „Struwwelpeter“ ein Bild von Robert, das ich später folgendermaßen besang:

 

Der fliegende Robert

 

Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben. –
Robert aber dachte: Nein!
Das muss draußen herrlich sein! –
Und im Felde patschet er
Mit dem Regenschirm umher.

 

Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,
Dass der Baum sich niederbeugt!
Seht! den Schirm erfasst der Wind,
Und der Robert fliegt geschwind
Durch die Luft so hoch, so weit;
Niemand hört ihn, wenn er schreit.
An die Wolken stößt er schon,
Und der Hut fliegt auch davon.

 

Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja! das weiß kein Mensch zu sagen.

 

Kasperl kommt mit raschem Schritt
Bringt von Robert Kunde mit.
Seht, ihr lieben Kinder, seht,
Wie’s dem Robert weiter geht!
An dem Bahndamm landet er
Russen stehꞌn dort mit Gewehr!
Unten liegt ein toter Mann,
Der nun nicht mehr fahren kann.

 

Die Männer dort in ihrem Wagen
Nach Russland werden sie gefahren.
Ein Deutscher kam im Wagen um
Die Russen sehꞌn sich suchend um.
Dieser fehlt nun, das ist schlecht,
Da kommt der Robert ihnen recht.
Sie drohen ihm mit dem Gewehr,
Der Robert aber fürchtꞌ sich sehr.

 

Sie packen fest an Arm und Bein
Schon fliegt er in den Zug hinein.
Mit den andern muss er nun,
Was die Russen wollen, tun.
Wärꞌ Robert brav daheim geblieben
Hättꞌ man ihn nicht nach Orsk getrieben.

 

Der Robert muss mit Schweißestropfen
Große Steine kleiner klopfen,
Die braucht zum Aufbau jetzt das Land
Das Hitlers Männer erst verbrannt.
Auf einmal fängt er an zu schreiꞌn:
Ich schleppe keine Steine! nein!
Ich schleppe meine Steine nicht!
Nein meine Steine schlepp ich nicht!

 

Вы должны работать быстрее
Schneller arbeit`, He, He, He!
Doch der Robert höret nicht,
Was der Russe zu ihm spricht.
Da schießt Iwan ihn ins Bein,
Tief bis in das Blut hinein.
Robert leidet große Not
Und ist am fünften Tage tot.

 

Als ich einmal ganz krank war und mit keinen Kindern spielen durfte, kam Helga öfter zu uns. Die hatte schon Masern gehabt und konnte sich nicht bei mir anstecken. Helga spielte mit mir im Garten Mann und Frau und Krankenhaus. Dann musste ich mich ins Gras legen und Helga pflegte mich gesund. Sie nahm meine Hand und führte sie sachte zwischen ihre Beine. Wenn ich Helga dann langsam kribbelte und kraulte, griff sie durch das eine Bein der Leserhose, was ein warmes Gefühl erzeugte. Helga war gerade 15 und hatte kleine, feste Brüste. Die musste ich auch vorsichtig anfassen. − Von Helga weiß ich, dass mein Vater nicht mein Vater ist: „Der kann doch keine Kinder mehr machen, dem ham' se die Eier wegjeschossen. Dich ham die Russen jemacht!“

Die Russen kannte ich. Die fuhren in ihren grünen Autos manchmal durch unser Dorf und wohnten draußen in Krakau hinter einer Schranke. „Åber was håbn die mit meine Mutti jemåcht?“, fragte ich Helga. Die lag eine Weile still im Gras und sagte dann: „Darfste aber kei'm erzählen, dass ich dir das jesacht hab', verstehste!“ − „Jroßes Jeheimnis!“, versprach ich, verschränkte Daumen mit Zeigefingern und Helga erzählte: „Wir sin damals jrade hier anjekomm‘ von Polen, verstehste? Auf die Flucht vor die Russen, wo meine Mutti un all die andern umjekommen sind! Und über die Brücke ham mers noch jeschafft, bevor die se jesprengt ham. Wumm! war se wech. Und so ville noch drübn! Zwei Tanten von mir sin noch in Polen. Dann warn 'mer in Sicherheit, weil die Amis uns jut behandelt ham. Die sin nich so wie die Russen! − Aber hier sin se dann doch wieder weckjezoren, die Amis. Das war, wie du noch nich uffe Welt warst. Dann ham alle jesacht: Die Russen komm‘! und ich hatte schon de Sachen jepackt. Wollte mit Robert weiter nach Westen. Das jing aber nich, denn ich krichte Masern, so wie du se jetze has. Und als de Russen kam'n, ham wir Mädchen und Frauen uns alle verkrochen. − Deine Mutti und Emma Knochenmuß ham se aber in euerm Hühnerstall jefund'n und mitjezerrt. Rüber zu Thomsens Scheune, da ham se sich orndlich een uff de Lampe jejossen. Und dein Onkel hat versucht, seine Schwester mit ‘nem Liter Schnaps freizukofen, se ham ihm aber uff‘n Schädel jeschlagen und die Flasche leerjesoffen. Dann ham se jetanzt und die Männer ham jejröhlt. Wir ham Emma und deine Mutti zuerst noch schreien jehört, dann aber warn se still. Alle Mann sind se drüberjerutsch, fuffzehn oder zwanzich Mann. Die Emma haben se dabei totjemacht, deine Mutti aber hat's überstanden. Und im Jahr drauf biste uff de Welt jekomm'n. Und als deine Mutti schon 'nen dicken Bauch hatte, hat se den Piesepampel jeheiratet, damit du 'nen richtigen Vati hast, verstehste?“

Und dann musste ich die Helga noch einmal zwischen den Beinen befummeln, und sie sagte nichts mehr. Einmal hat meine Mutti uns so gesehen und danach durfte Helga nicht mehr zum Spielen kommen.

Damit, dass der Russe mein Vater sein sollte, habe ich damals gar nichts anfangen können. Aber gewurmt hat es mich doch, was der meiner Mutti angetan hatte. Der Russe klaut auch Fahrräder und Uhren auf offener Straße, sagte meine Oma. Für den Russen hatte ich ab jetzt nichts mehr übrig. Der konnte mir gestohlen bleiben. Den Ami kannte ich noch nicht, aber das sollte sich bald ändern.

Jetzt ist aber der Moment gekommen, wo ich mit dem Erzählen innehalten muss, denn die Russengeschichte ging mir damals nicht mehr aus dem Kopf. Ich sehe mich als gerade Sechsjährigen, der noch mit Leibchen, Strickhosen und langen Strümpfen bei Wind und Wetter zwischen Hof und Garten hin und her tollt, bei schönem Wetter Äpfel aufsammelt, mit denen er sich in sein Versteck hinter dem Bienenhaus zurückzieht oder – wenn es regnet, leise durch den Alten Hausflur auf den Dachboden steigt, um dort hinter der Treppe − einen Apfel nach dem anderen kauend – darüber nachsinnt, wer denn sein Vater sein könnte.

Dabei kamen mir allerlei Möglichkeiten in den Sinn; von Onkel Tist über Zippi bis zum Dorftrottel Detlev malte ich mir aus, ob es nicht diesen oder jenen Vorteil für mich bringen würde, aber bei reiflicher Überlegung strich ich alle drei Kandidaten wieder von meiner Liste. Onkel Tist mit dem großen Geldsack war vielversprechend, denn er schenkte mir ab und zu eine Mark. Allerdings war er fett und kam nur Sonntags zu Besuch. Dann tätschelte er meiner Mutti auf Gesicht und Schultern, zog sie zum Abschied dicht an sich heran, um ihr einen Kuss zu geben − was sie immer entrüstet abwehrte −, blieb der Familie aber auf freundschaftlicher Distanz verbunden, so dass ich mir nicht näher ausmalen wollte, ihn dauernd zu Hause zu haben. Ich erinnerter mich auch , dass, er nach Schweiß stank; meine Mutti jedenfalls mochte ihn nicht, sie atmete nämlich tief durch, wenn er gegangen war: „Die olle Nappsilze tut sich immer frech ranvettermicheln!“

Bei Zippi war das anders. Der wohnte gleich nebenan bei Gehrs in der ersten Etage und pfiff immer lustige Lieder. Geld gab er mir nie, aber er war fröhlich. Zippi war immer beschwingt, ansteckend aufgeräumt. Wenn Zippi zu uns ins Haus kam, war gleich was los. Nicht, dass er Witze erzählte, nein, es genügte, wenn er nur kam und irgendetwas in betont ordentlichem Deutsch sagte, wie: „Die gnädige Frau Biederitz schält die Kartoffeln aber wieder elegant heute! Papierdünn ist die Schale, wirklich papierdünn!“ Oder: „Was hat unsere Alice aber heute wieder ein hübsches Kleid an, nein, wie elegant das ist!“, und schon lachten die Frauen und so schallend, dass ich mitlachen musste. Zippi hatte immer Hunger und saß meistens auch bald vor „irgend einer klitzekleinen Schweinerei, nur für den hohlen Zahn, und ich muss auch gleich wieder!“

Wenn Zippi so am Wohnzimmertisch saß, durfte ich auf die Klaviertasten drücken, nicht zu laut, sonst guckte er missbilligend zu mir herüber, ganz zart und leise, wie er es mir vorgemacht hatte. Manchmal dreht er den Klavierhocker für mich hoch, verbeugte sich lachend und sagte: „Hoppla, Majestro!“ Dann kletterte ich auf den Hocker, setzte mich auf die aus Leder geprägte Lyra und begann vorsichtig, die schwarzen Tasten zu streicheln, bis zarte Töne das Zimmer erfüllten. Meine Oma hatte längst die Küchentür geschlossen, Zippi bediente sich ungeniert an meiner Mutti üppigen Brüsten und griff wohl auch unter ihren Rock. Manchmal hörte ich sie leise stöhnen: „Nicht vor dem Jungen, nicht vor dem Jungen!“

Da ich sonst nicht ans Klavier durfte – „Jehört Tante Resi, un die wird böse, wennes kaputt machst!“ − ließ ich die beiden am Tisch und auf der Chaiselongue gewähren, kümmerte mich wenig um das Getatsche und Gestöhne und versank ganz langsam in die Welt der sanften Töne, die ich in immer anderen Wellen aus dem schwarzen Kasten streichelte. Manchmal schlug ich auch die weißen Tasten an, aber nur ganz vorsichtig und leise, meistens aber blieb ich auf der linken Seite bei den schwarzen.

− Also Zippi, den konnte ich mir als Vater schon vorstellen, der war lustig, und wenn er kam, war meine Mutti froh und lachte, ich aber durfte ans Klavier. Eines Tages kam er nicht mehr, dann hieß es, er sei krank, sehr krank; kurze Zeit später muss er gestorben sein, an Leberzirrhose, wie ich viel später erfuhr, denn er trank zuviel.

Meinen Vater Detlev dachte ich mir immer nur aus, wenn ich mich geärgert hatte oder zornig war. Den wünschte ich meiner Mutti dann als Mann. Detlev kannten wir Kinder ganz genau. Wenn es nach einem ordentlichen Regenguss schönes Wetter gab, gingen wir auf den Denkmalplatz. „Da kommt die blöde Dorfjacke un will målen,“ sagte Udo, wenn Detlev auftauchte. Dann schlichen wir uns heran und sahen ihm im Schatten der Robinien beim Malen zu.

Detlev hatte eine rote Fresse und abstehende Ohren, konnte aber aufregend zeichnen. Er hielt einen Stock in der Hand und beugte sich über eine mehrere Quadratmeter große Fläche blanken, schwarzen Börde-Bodens, die er vorher sorgfältig von Blättern, Stöcken und Steinen gereinigt und mit seinen Quadratlatschen platt getrampelt hatte. Dann grub er mit dem Stock in schnellen Zügen die groben Umrisse eines Segelschiffs in die noch feuchte Erde. Jetzt zeichnete er die Masten, die Mastkörbe und dann − viel langsamer und bedächtiger − Segel auf Segel.

Wir schauten zu und staunten; das konnte keiner von uns. Bald waren alle Segel gesetzt und das Vollschiff ging vor den Wind. Wir hatten bisher zugeguckt; nun aber wagte der Mutigste von uns, Erwin, den ersten Angriff. Schnell sprang er vor und löschte ein Focksegel weg. Schon war er einige Meter zur Seite gelaufen und hatte sich hinter dem Denkmal versteckt. Detlev schrie auf, starrte wild umher, machte eine Bratschlabbe und ließ Schaum vom Mund tropfen. Der Krieg war erklärt.

Wir zogen uns einige Schritte zurück. Langsam bildeten wir einen großen Kreis. Die Wölfe umringten ihr Opfer. Detlev stand dicht neben seinem Schiff und verteidigte Masten und Segel. Wir, manchmal fünf oder sechs Jungen – selten waren Mädchen dabei – suchten eine Gelegenheit anzugreifen. Sobald Detlev sich herabbeugte, unartikulierte Laute ausstieß und sabbernd das ausgelöschte Segel wieder flickte, sprang einer vor und wischte rasch ein Stück Segel aus. Da hieß es schnell zurückspringen, denn Detlev hatte nur darauf gelauert, jaulte wie ein geprügelter Hund und schlug mit dem Stock um sich. Manch einer fing so einen schmerzhaften Hieb, aber Segel um Segel verschwanden, und die Meute blieb Sieger.

Wenn Detlev mit der Schiffsreparatur nicht mehr nachkam, wenn sein verzweifeltes Schlagen keinen abschreckenden Erfolg mehr zeigte, zerstörten wir binnen Sekunden große Teile des Kahns, an dem er eine ganze Stunde und mehr gearbeitet hatte. Dann hielt Detlev mit dem Schlagen inne, er sabberte noch mehr als sonst, gab tierische Laute von sich, brabbelte Unverständliches und trabte schließlich mit seinem Stock zum Dorfteich, die Straße hinunter und dann nach rechts zum Spittel, wo er mit seiner alten Mutti wohnte. Wir waren Sieger, das stolze Schiff wurde in Grund und Boden getrampelt und endgültig versenkt.

Detlev war ein Vater, den ich mir wirklich manchmal wünschte, nur um meine Mutti zu ärgern. Aber schon war mir der Gedanke zuwider, denn was hatte ich von diesem Vater? Und nur, damit sich meine Mutti ärgern musste, das Opfer, dauernd mit Detlev zusammen sein zu müssen, war mir denn doch zu groß.

 

Ganz egal, wer nun mein Vater war, ich wurde am 20. März geboren – ein knappes Jahre nach der Kapitulation. „An ‘nem regnerischen Tach mit richtig Schmuddelwetter“, sagte Onkel Franz. „Man konnte nichts sehen, da es Mitternacht wår“, sagte meine Oma. Und es sei sowieso vor Mitternacht gewesen, behauptete meine Mutti, weshalb sie mir, als ich groß genug war, um aufzubleiben, immer am Abend des 19. zum Geburtstag gratulierte. Aber mein Vater ließ mich ordnungsgemäß am 20. beim Standesamt von Bördeleben mit den Vornamen Gerhard registrieren. Da musste ich mich also mit dem Namen des Mannes meiner Mutti begnügen, der drei Vornamen hatte, aber nicht mein Vater war, und auch nicht dazu bereit, mir einen davon abzugeben, wie es sein Vater bei ihm gemacht hatte. Alle aber wollten, dass ich Vati zu ihm sagte.

 

 

Kasperl Larifari