Kasperl Larifari

  Wir fahren nach Amerika

 

Kurz vor Weihnachten kam das zweite Paket aus Amerika. Diesmal packte es meine Mutti aus und gab den Inhalt meinem Vater, der jedes Detail meiner Oma zur Bewunderung weiterreichte. Es war wieder ein sehr großer Karton, den sie mit der gleichen Begeisterung und spöttischen Bewunderung durchwühlten, wie sein Vorgänger. Sein Inhalt unterschied sich kaum von dem seines Bruders, nur waren diesmal keine Südfrüchte drin, dafür aber die erwarteten Nährmittel, darunter Corned Beef, Cornflakes und Maismehl, Pudding und Kondensmilch, Zucker, Kaffee, Zigaretten und Kaugummi, deren fremdartigen Verpackungen bunt bedruckt waren und bei den Erwachsenen wieder einige Heiterkeit hervorriefen. Der Kaugummi schmeckte süß und scharf und nach einer Weile nach gar nichts mehr. Meine Oma knotete natürlich sorgfältig die Bindfäden auf, mit denen dieses Paket zugeschnürt war, und wickelte sie zu ordentlichen Ringen, die sie zusammendrückte und mit dem einen Ende verschnürte, ehe sie dies durch die obere Schlinge zog. Gerade war sie dabei, das dunkelbraune Packpapier zusammenzufalten, als meine Mutti einen weiteren recht großen Pappkasten aus dem Paket heraushob und verkündete: „Der is für Jert!“

Das erste, was das kleinere Paket herausrückte, war wie ein Ei geformt und hatte einen Reißverschluss. Als mein Vater ihn öffnete, fielen Geldstücke heraus, „Gold-Dollars“, wie er sofort erkannte „und bestimmt 'n paar hundert Ostmark wert!“, als er sie gierig wieder in das Portemonnaie schob und es schnell wegsteckte.

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Dann kam ein flacher Karton, auf dem ein stolzer Indianer seinen prächtigen Kopfschmuck aus Adlerfedern zur Schau stellte; hinter ihm malte ich mir gleich eine riesige Büffelherde aus, die auf einer endlosen Steppe vor einer wilden Felsenkulisse weidete.

Als mein Vater den Kasten öffnete, kamen hunderte von kleinen, bunt bedruckten Kartonstückchen zum Vorschein, von denen er behauptete, man könne aus ihnen genau das gleiche Bild zusammensetzen, wie es auf der Verpackung zu sehen war. Ich wollte hineingreifen, aber da wurde der Deckel wieder zugemacht. „Das is'n Pussel. Bist noch ville zu kleen für!“

Den unteren Teil des Kartons füllte ein großes Etwas, das in einem bunt bedruckten Kasten steckte. Meine Mutti stellte ihn auf den Tisch und mein Vater zog etwas heraus, das er an langen schwarzen Schnüren baumeln ließ. Die Puppe war grellbunt angezogen mit einer blauen Jacke, kariertem Hemd und gelben Hosen. Auf dem Kopf saß ein roter Hut, die Füße steckten in ebenso roten Schuhen. Auch die Brille, durch die er schielte, war rot. Seine grauen Haare und Augenbrauen zeigten sein Alter. An einer Kette, die er um den Bauch geschlungen hatte, baumelte eine Taschenuhr.

Mein Vater riss den Kerl an einem Holzkreuz in die Höhe, an dem die Schnüre in kunstvoller Art und Weise angebunden waren; die anderen Enden der Fäden waren ihm an Körper und Gliedmaßen befestigt. Er hielt ihn neben mich und ließ ihn hampeln. Die lose Kinnlade klapperte. „Über 'nen halben Meter lang!“ Ich wollte ihn auch mal halten und stieg auf den Küchenstuhl. Nach langem Drängeln gab mir mein Vater das Kreuz. „Pass åber auf, sons krichste eens an de Rübe!“

Ich hatte noch nicht richtig zugefasst, da ließ er schon los, die Puppe fiel in sich zusammen und wurde von den schwarzen Fäden und dem Holzkreuz begraben. Ich sah erschrocken in die Augen meines Vaters, die sich fast auf gleicher Höhe mit meinen eigenen befanden, sah, dass sie vor Wut erstarrten, konnte die Ohrfeigen ahnen, die langsam zu seiner linken Hand hinunterrutschten − mein Vater schlug mich nur mit seiner linken Hand, denn seine rechte war durch eine Kriegsverletzung verkrüppelt − hatte auch schon zwei oder drei eingefangen, als meine Mutti ihm in den Arm fiel. „Lassen doch, Jünter, der ist doch noch ville zu kleen!“ Er wollte die Puppe wieder aufstehen lassen, aber die machte nicht mehr mit, ließ sich einfach nicht von den Fäden befreien und lag da, ein elendes Knäuel aus Stoffen, verrenkten Gliedern und verknoteten Fäden.

Ich heulte und wurde ins Bett gesteckt; vom Inhalt des Kartons, der ja für mich bestimmt war, sah ich an den nächsten Tagen nichts mehr. Immer, wenn ich meine Mutti danach fragt, wurde ich brüsk abgewiesen: „Bis man bloß so‘n Kaks!“

Nur von der Schokolade gab mir meine Oma am Sonnabendnachmittag eine Tafel, mit der ich mich hinter die Kissen der Chaiselongue verbarrikadierte und Stück für Stück langsam auflutschte. Noch Jahre später, als ich schon im Westen lebte, und davon träumte, dass einmal vom LKW, der den Lebensmittelladen in unserer Nachbarschaft belieferte, ein ganzer Karton mit hundert Tafeln Schokolade auf die Straße fallen würde, die ich aufheben und irgendwo verstecken wollte, konnte ich nicht begreifen, wie Heidrun Schmidt eine ganze Tafel Mohrenschokolade mit einem Mal herunterwürgen konnte, nachdem sie mir pflichtgemäß eine Rippe abgegeben hatte, und dann den Rest mit gelangweiltem Blick wie ein ordinäres Butterbrot durchkaute. Denn ich lutschte nach wie vor meine Schokolade langsam und genussvoll Stück für Stück und habe diese Angewohnheit bis heute beibehalten.

Als der Weihnachtsabend nahte, begann ich vorsichtig nach den Geschenken aus Amerika zu suchen, fand im Wohnzimmerschrank meiner Oma zunächst nichts, auch nicht im Schlafzimmerschrank, wurde dann aber doch in der Werkstatt meines Großvaters fündig, stieß aber nur auf einen geschnitzten Pferdekopf, der unter der Hobelbank  notdürftig mit einem Kartoffelsack abgedeckt war. Ich erkannte auf den ersten Blick den Kindersitz von Friseur Naumann, auf den ich jeden Monat einmal mit gespreizten Beinen gesetzt wurde, um die unerträgliche Prozedur des Haarschneidens zu erleiden.

Als ich meinen Großvater am Abend wegen des Pferdekopfes zur Rede stellt, log er mir vor: Weil der so alt und abgegriffen sei, darum müsse er, Fritze Biederitz, dem Naumann einen neuen machen, denn er könne mit dem Schnitzmesser umgehen. Ich sah mir den Pferdekopf genauer an: ihm fehlten beide Ohren, die meine vielen Leidensgenossen im Laufe der Jahrzehnte voller Widerwillen gegen das erzwungene Stillhalten beim Schervorgang abgedreht hatten, denn der Friseur arbeitete mit einer Handmaschine, die er so schlecht handhabte, dass es am ganzen Kopf unangenehm ziepte.

Ich konnte damals der fadenscheinigen Erklärung meines Großvaters keinen Glauben schenken, musste aber zugeben, dass der Pferdekopf eine gute Vorlage abgab. Und so war ich auch nicht sonderlich überrascht, als bei der Bescherung am Heiligabend, zu der mich meine Mutti mit einer kleinen Glocke aus Messing herbeibimmelte, ein Schaukelpferd neben dem Tannenbaum stand, mit eben jenem Kopf, den Opa Fritze geschnitzt hatte und der dem Pferdekopf von Friseur Naumann wie ein Bruder dem anderen glich. Nur dass jener mittels einer sinnvollen Steckvorrichtung an einem Kinderstuhl mit runder Lehne befestigt war, den man wie den Hocker vor Tante Resis Klavier durch Drehen hinauf und herunterschrauben konnte. Dieser aber war ein fester Bestandteil des ganzen Pferdes und am Pferdehals mit einem Doppelgriff versehen, damit der Reiter sich auch ohne Geschirr an dem Tier festhalten konnte.

Der Baum brannte, die Kerzen spiegelten sich in den grünen, gelben, roten, blauen und silbernen Kugeln, die ganze Familie stand im Kreis und starrte mich mit lächelnd verklärten Gesichtern erwartungsvoll an. Ich spielte den Verlegenen und ließ mich auf das Pferd setzen. Dann schaukelte ich mechanisch, denn ich hatte ganz andere Dinge erhofft, erfüllte aber schließlich die Erwartungen meiner Beobachter, indem ich Begeisterung spielte, wilde Reiterkunststücke vollführte und dem emsigen Cowboy auf dem Pullover meines Vaters nacheiferte. Nur ein Lasso fehlte mir, sonst hätte ich denen gezeigt, wie man wilde Pferde lässig in vollem Galopp einfängt und mit den Beinen freihändig zu Boden drückt.

Neben allerlei nützlichen Geschenken fand ich einen Matador-Holzbaukasten, der noch von meinem Vater stammte und dessen tadelloser Zustand – „nix dran, noch wie neu, und so scheene uffjeräumt“ − mir immer wieder als Beispiel vorgehalten wurde. Für die tadellose Ordnung der Schrauben und Nägel in der Werkstatt lobte mich nicht einmal mein Opa.

Ich steckte lustlos ein paar Räder zusammen und brach gleich einen der dünnen Holzstäbe entzwei, die als Achse dienen sollten, verbarg dies aber vorsichtshalber, um nicht wieder eine Ohrfeige meines Vaters einzufangen. Dann ritt ich wohl auch ein paar Mal auf meinem Schaukelpferd bis nach Niederndodeleben und Groß-Ottersleben, konnte aber nur schwer die Enttäuschung verbergen, dass ich den Kerl im bunten Anzug nicht wieder sehen durfte. Aber so sehr ich auch suchte, von den Geschenken aus Amerika fand ich keine Spur.

An den Weihnachtstagen hatte ich wenig Ruhe, denn alle Erwachsenen liefen unruhig hin und her, und pausenlos kamen Besucher, die ich mit tiefem Diener begrüßen musste. „Halt de Labbe! Kriejst eens anne Rübe, wenne de Zunge rausbläkst!“ Meine Mutti wollte ihre Dressurerfolge demonstrieren und ich tat ihr den Gefallen, da ich so unbeobachtet das Zuckerzeug am Weihnachtsbaum plündern konnte. Onkel Tist befingerte heimlich meine Mutti, kriegte die Dollarmünzen gezeigt und lieferte bei mir seinen Markschein ab. Tante Rita kam gleich für zwei Tage und brachte ihr eigenes halbes Stück Butter mit, um ihrer Schwester, wie sie mehrfach betonte, nicht auf der Tasche zu liegen. Zippi guckte mal schnell auf einen Schnaps „Blauer Würger“ rein und fingerte ebenfalls an meiner Mutti herum. Die Rüschs kamen zu viert aus Klein-Bördeleben, wünschten fröhliche Weihnachten! und brachten klebrige Heidebier-Flaschen aus Kolbitz mit. Mein Vater war am ersten Weihnachtstag bei seinen Großeltern in Sudenburg und fehlte mir nicht.

Fremde Männer besuchten meinen Onkel Franz, der als bester Bienenkenner weit und breit galt und dessen Imkerei für alle Bienenfreunde im Umkreis von 30 Kilometern Vorbild zu sein hatte. Mein Opa verkaufte pausenlos Honiggläser, das Stück für 5 Mark. „So ville, wien Stück Butter bei Rulfs kost!“, freute sich meine Oma und vergaß Hochdeutsch zu sprechen, was bei ihr selten vorkam. Und meine Mutti besuchte Tante Emmy in der Schulgasse und nahm mich mit.

Diese Tante, die gar keine richtige Tante war, blieb auch viele Jahre nach ihrem stillen Tod in unserer Familie in Erinnerung. Gelegentlich hatte sie meiner Oma beim Entsteinen von Schattenmorellen geholfen. Immer, wenn im Winter eines der hohen Einweckgläser geöffnet wurde und wir die kalten Sauerkirschen mit viel rotem Saft aus Glasschalen löffelten, rief der, der auf einen Kirschkern biss: „Tante Emmy!“

Sie wohnte in zwei kleinen Zimmern eines windschiefen Hauses, die reichlich mit alten Möbeln und schönen Bildern ausgestattet waren, wie ich es von Zuhause nicht kannte. Da lümmelten geschnitzte Sessel auf fadenscheinigen Teppichen herum, da langweilten sich gedrechselte Stuhlbeine, kleine Tische lehnten lässig an den Wänden und feine Intarsien sprangen mir von lackierten Hölzern entgegen. Auf leichtfüßigen Kommoden hockten silberne Bilderrahmen, von denen mich längst verstorbene Familienangehörige ernst anblickten. An den Wänden hüpften Tänzerinnen auf fein gemalten Bilder in goldenen Rahmen und ein paar aufgetakelte ältere Frauen glotzten aus ihren Medaillons zu mir herab. Sogar die einfachen Gardinen hatten sich elegant um ihre Fenster drapiert. Ein Glasschrank wartete auf mich, und immer, wenn wir Tante Emmy besuchten, musste ich hineinblicken. Da sah ich Kinder in weißen Kleidern, die sich auf grünen Gläsern Bälle zuwarfen, und schöne Frauen, die ihre kurzen Porzellan-Röckchen langsam drehten. Sammeltassen prahlten mit ihrer goldenen Bemalung und chinesische Elfenbeinschnitzereien auf dunklen Holzsockeln führten mir mit durchbrochen Täfelchen eine fremde Landschaft vor: Ich sah einen Tempelberg und viele kleine Chinesen, die mit ihren Booten vor Felsen mit knorrigen Bäumen entlang ruderten.

Daneben stand eine lächelnde Figur, über deren Kopf eine Elfenbeinkugel schwebte, die außen von einem Drachen bewacht wurde, der sich zwischen Wolken um das Rund wandte und die weitere Kugeln beschützte, die mit verschiedenen Mustern bedeckt im Inneren der großen Kugel wohnten. Jahre später, als ich schon lange wieder im Westen lebte und in den Semesterferien einmal in die Börde gefahren war, kramte meine Oma in ihrem Wäscheschrank und zog den Mann und die Drachenkugel daraus hervor. „Die stammt noch von Tante Emmy und du sollst sie jetzt haben!“ Seitdem steht die Kugel auf meinem Schreibtisch und ich habe noch immer nicht begriffen, wie der Schnitzer das gemacht hat.

So schöne Sachen hatte keine der Frauen, deren Wohnungen ich damals besuchte, weder Frau Ilmer, noch Frau Trenkler, die alte Helmecke schon gar nicht, die auf unsrem Hof in der letzten Wohnung hauste, wo es in der kleinen Küche noch eine Grude gab, in der immer ein kleines Reisigfeuer glimmte. Nur Helma fand ich schön, die kleine Enkeltochter, die dann und wann zu Trenklers auf Besuch kam, mit mir dann über den Hof in den Garten tollen durfte und der ich unsere Hühner zeigte. Helma hatte dunkle Augen, schwarzes Haar, einen roten Mund und trug ein kleines blaues Mäntelchen, weil sie leicht fror. Für meine Freunde, die Abenteurer und Endecker, mit denen ich in meinem Garten interessante Reisen unternahm und spannende Abenteuer erlebte, interessierte sich sich nicht; sie schleppte immer eine Puppe mit sich herum, die ebenfalls dunkle Augen, schwarzes Haar und einen roten Mund hatte und die in einem blauen Mäntelchen steckte. Sie nannte sie „Püppi “ und achtete sehr darauf, dass sie ihr nicht in den Dreck fiel; auch hatte sie immer saubere Hände und Fingernägel, was ich überhaupt nicht begreifen konnte.

Auch bei Erwins Oma, die mit ihrem Enkel in einem umgebauten Stall bei den Roseburgs einquartiert war, sah es viel ärmliche aus. Erwin hatte noch nicht einmal Schuhe, lief im Sommer barfuß und musste sich im Winter mit Holzpantinen helfen, in denen er dicke Socken trug, die aber schnell nass wurden. Dann tropfte seine Nase und er lief schniefend durchs Dorf. Wenn er mal zu uns kam, gab ihm meine Oma immer ein dickes Butterbrot. Erwin verschlang es auf der Stelle und nahm gerne ein zweites und sogar ein drittes. Ihm war es völlig egal, was sie drauf strich, ob Butter oder Margarine, ob Leberwurst oder olle Bratwurst, die ich nicht mochte, alles verschwand blitzschnell in Erwins unermüdlichem Kaumund. Und wenn ich aus der Schule kam und meine Butterbrote nicht aufgegessen hatte, die ich auf keinen Fall wegwerfen durfte, fand ich in Erwin immer einen dankbaren Abnehmer.

Am zweiten Weihnachtstag fuhren meine Eltern mit mir schon am Vormittag nach Sudenburg zu den Urgroßeltern, was in mir zwiespältige Gefühlen weckte, weil ich die Oma Sudenburg wegen ihrer dürren Spinnenfinger fürchtete, mit Opa Sudenburg aber gerne 66 spielte, denn er ließ mich immer gewinnen. Und manchmal durfte ich auch mit der Hand über seinen Glatzkopf fahren, der immer glatt rasiert war und sich trotzdem stoppelig anfühlte. Dann saßen wir am runden Wohnzimmertisch und mein Opa rauchte eine dicke Zigarre, von der er zunächst die Spitze abschneiden musste. Dazu benutzte er eine Maschine, die er sich selber aus einer alten Granate gebastelt hatte, denn er war gelernter Schlosser und konnte gut mit Kupfer, Stahl und Messing umgehen.

Bei ihm lernte ich auch das Skat-Spielen; wir spielten zu Dritt und der Dritte war Herr Jaske, dessen Karten auf dem Tisch offen ausgelegt wurden, da er nie da war. Mein Opa bediente und reizte für diesen Herrn Jaske, den meine Oma einen schäbigen Juden nannte, weil er drei Mietshäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite besaß. Am meisten aber wurmte sie es, dass es ihr nicht gelungen war, meinen Vater an „Jaske seine Älteste“ zu verkuppeln und dass der stattdessen meine Mutti geheiratet hatte, „so‘n armes Ding vons Dorf“. Dass Herr Jaske wegen irgendeiner Endlösung seit ein paar Jahren überhaupt nicht mehr zu Besuch kommen konnte, schien meine Oma nicht zu bedauern. Und wo dessen Tochter abgeblieben war, hat sie mir auch nie erzählt. Nur eines von den drei Mietshäusern auf der anderen Straßenseite hätte sie gerne gehabt.

Oma und Opa Sudenburg lebten in einer kleinen Wohnung auf der ersten Etage, die nur aus einer schmalen Küche, dem Wohnzimmer und einer kleinen Kammer bestand. In der Küche gab es einen Herd, in dem immer ein Feuer munter vor sich hin flackerte und in der es deshalb im Winter wie im Sommer so warm war, dass meine Oma verderbliche Speisen wie Butter, Käse, Wurst und Eier in einem Kasten unterhalb der Fensterbank aufbewahrte, und der nach draußen nur mit einem Fliegengitter verschlossen war. Im Winter befestigte mein Opa einige Lumpen mit Hilfe eines Brettchens vor diesem Gitter, damit die Kälte nicht in die Wohnung eindringen konnte. In dieser Küche gab es einen Wasserhahn und ein Ausgussbecken; wenn ich aufs Klo musste, brachte mich mein Opa auf den Hof nach unten, schloss eine grüne Holztür auf und ich durfte das Becken benutzen, das sogar über eine Wasserspülung verfügte, die man mir einem Porzellangriff auslösen konnte, der an einer langen Kette baumelte. Wenn es kalt war, durfte ich auch mal in den Ausguss in der Küche pinkeln.

Dauernd gab es bei meiner Oma etwas zu essen, Kuchen und Plätzchen, Äpfel und Nüsse und mir wurde, wie immer zu Weihnachten und zu Ostern, furchtbar schlecht, so dass man mich in das Bett packte, in dem mein Vater früher geschlafen hatte. Wie ich nach Hause und in mein eigenes Bett gekommen war, wusste ich am nächsten Tag nicht mehr, aber an den Albtraum kann ich mich noch erinnern, der mich damals heimsuchte. Da hing ich an Fäden festgebunden an einem Holzkreuz und ein großer Kerl zog mit ruckartigen Bewegungen an mir herum, dass mir Hören und Sehen verging. Der Kerl war bestimmt dreimal so groß wie ich und steckte in roten Latschen, die so groß wie Elbkähne waren. Dann rief eine hohe Stimme: „Bis man bloß so‘n Kaks! Bis man bloß so‘n Kaks! Bis man bloß so‘n Kaks!“

 

Das Haus meiner Großeltern in der Schmiedestraße bestand eigentlich aus zwei Gebäuden, die durch verschiedene Ställe, Schuppen und Anbauten ein für Besucher verwirrendes, mir aber wohl vertrautes Labyrinth bildeten. Zur Straße hin war das fast einen Morgen große Grundstück durch eine hohe Mauer abgetrennt, durch die eine Tür und ein meistens verschlossenes Tor in den Hof führten. Das quer stehende alte Haus trennte den Hof vom dahinter gelegenen Garten, der nur durch den alten Hausflur zu erreichen war. Rechts stand das Haus, in dem unten meine Großeltern und mein Onkel, der Bruder meiner Mutti, wohnten, während ich mit meinen Eltern in der ersten Etage des giebellosen Gebäudes einquartiert war. Die drei Wohnungen links vom alten Hausflur waren vermietet; das Haus stammte aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts und hatte ein durchgezogenes Dach, das traufenseitig zum Hof stand. Später, als der Abriss des heruntergekommenen Baus bereits kurz bevorstand, habe ich die Kiefernbalken bewundert, die mit Flößen aus Böhmen über die Elbe nach Magdeburg geschwommen waren und die noch Spuren der Äxte aufwiesen, die fleißige Waldarbeiter geschickt geführt hatten.

Der Hof selbst war vollständig eingerahmt durch eine Reihe von Schuppen und Ställen zur Straßenseite, durch die Aschekuhle sowie die Klosettanlagen im Norden und das Wohnhaus im Osten. Im Süden schloss sich der in den 1880er Jahren errichtete Flachbau an, von dessen Front je zwei Fenster unten und oben zur Straße und auf den nach Westen sich öffnenden Denkmalplatz blickten. Das linke untere Fenster nutzte meine Oma, um sich in ihren wenigen Mußestunden einen Überblick darüber zu verschaffen, was im Dorf geschah. Dazu legte sie ein Sofakissen auf die Fensterbank und stützte sich mit den Ellenbogen darauf. Rechterhand mündete die Schmiedestraße nur hundert Meter weiter in den Eichplatz, auf dem die Omnibusse früh morgens die müden Pendler aufsaugten, die in Magdeburg arbeiteten, und die sie abends erschöpft wieder ausspieen; fast alle aber mussten auf ihren Wegen von und zu ihren Wohnungen die Schmiedestraße durchqueren und „‘Nabend, Frau Biederitz!“ sagen. Viele blieben wohl auch für ein kurzes Schwätzchen stehen, so dass mein Onkel sie gelegentlich in vorgerückter Stunde gegenüber seinen angeduselten Freunden grinsend, aber in übertriebenem Flüsterton „Reichspropagandaminister“ nannte.

Mein Vater hatte die Angewohnheit, vor dem Essen zu singen. Wenn meine Oma den Tisch deckte und Teller neben Teller stellte, dann Messer daneben legte und die Wurstplatte, den Butterteller, das Gurkenglas, die Gemüseschale dazustellte, stieß er leise Töne aus, die immer lauter und lauter aus seinem Mund quollen. Bald lobte er in höchsten Tönen die Leberwurst, bald die Gurken, die meine Oma sauer eingelegt hatte, mal war der Schnittlauch dran und dann die Frühlingszwiebeln. Heute sang er von Radieschen, morgen von Tomaten, je nachdem, was der Garten gerade hergab. Wenn alle um den Tisch herumhockten und sich ihre Brote schmierten, sang er noch immer, tötete mit seinem Sprechgesang jedes Gespräch im Keim ab, und verdarb mir den Appetit. Nicht, dass ich meinen Vater dafür hasste, aber es schmeckte mir viel besser, wenn er einmal nicht am Tisch saß.

Meine Oma sagte mir, ich könnte nie groß werden, wenn ich weiter so schlecht essen würde. Außerdem war ich böse. Nicht immer, aber ab und zu widersprach ich den Erwachsenen oder streckte älteren Jungen vom sicheren hohen Standort auf der Mauer, die den Hof von der Straße trennte, die Zunge raus. Dann schlug mich mein Vater mit seiner linken Hand und meine Mutti packte einen Koffer, um mich ins Kinderheim zu bringen. Davor hatte ich solche Angst, dass ich schrie und man mich kaum mehr beruhigen konnte, denn eine andere Tante, deren Namen ich vergessen habe, hatte mir erzählt, dass sie im Kinderheim von den bösen Schwestern einmal in einen Sack gesteckt worden war, den sie dann zugenäht hatten. Lange beschäftigte mich die Angst, eine meiner Tanten könnte Schwester in diesem Kinderheim gewesen sein, denn es gab zwei davon, die infrage kamen: Tante Rita und Tante Resi. Von denen muss später noch erzählt werden, aber ich hätte es ihnen glatt zugetraut, dass sie kleine Kinder in Säcke einnähten.

Nach dem Abendbrot mussten alle still sein, weil Tante Rita das Meisterwerk am Radio hören wollte, die Sechste von Beethoven, den Gefangenenchor aus Nabucco, die Unvollendete, Karajan und Schlusnus. „Åber nich Hindemith, den jå nich, der is Hundemist!“, keifte meine Oma. Dann wurde der NWDR angestellt, der sonst immer die Nachrichten brachte, die mein Opa vor dem Abendessen um sieben hörte, sonntags auch vor dem Mittagessen um eins. Und alle lauschten andachtsvoll.

Hinter den beiden Häusern öffnete sich der große Garten, der von drei Seiten durch Mauern eingefasst war, nur nach Süden zu Netzbands gab es ein paar Meter Maschendrahtzaun und im Norden war der mit grobem Kies belegte Schulhof der Ernst-Tille-Schule durch eine schwarze Holzplanke abgegrenzt, gegen die jeden Morgen zweimal Kieselsteine prasselten, wenn die schnellsten Schüler nach dem Klingeln in die große Pause ihr Ziel erreicht hatten, sich an die Planke warfen und „Erster“, „Zweiter!“ und „Dritter!“ schrieen. Am nordöstlichen Ende des Grundstücks lagen der Hühnerstall, das Bienenhaus und die Werkstatt, die sogar vom Haus aus mit einer Stromleitung versorgt wurde. Im Südwesten führte ein schmaler Gang zwischen dem neuen Haus und der Scheune des Nachbargrundstücks zur Schmiedestraße, der aber vorne durch eine Pforte verschlossen war. Hier lag zum Garten hin der Holzschuppen, wo zu dieser Zeit gerade Katze Mulle wohnte, mit der ich auf Kriegsfuß stand, weil das alte Vieh sich weigerte, mit mir und Helma Vati, Mutti und Kind zu spielen. Dafür fand ich aber in jedem Frühsommer im Gang zwischen den Hausmauern junge Bäume, die aus den Samen herauskeimten, die der Wind im letzten Herbst von der Straße über die hölzerne Pforte geweht hatte. Da riss ich einige aus und pflanzte sie neben das Mistbeet, wo ich mir einen kleinen Garten angelegt hatte, goss sie auch zwei oder drei Tage sorgfältig aus dem kleinen Aluminiumtöpfchen, das unter der großen Regentonne stand, wo die Männer sich nach dem Pinkeln die Hände abspülten, vergaß sie dann aber und wunderte mich, dass sie nach ein par Wochen alle verdorrt waren.

Bei gutem Wetter war der Garten mein Revier, bei schlechtem aber der Hof mit seiner eisernen Wasserpumpe, dem Misthaufen und den verschiedenen Gebäudeteilen. Da gab es einen Fahrradschuppen und einen Schweinestall, in dem Trenklers ihre Sau mit Küchenabfällen aus allen fünf Haushalten mästeten, sowie drei Regentonnen, die das Wasser sammelten, das von den beiden Hausdächern tropfte, lief oder stürzte. Der alte Hausflur verband den Hof mit dem Garten; ich musste drei Türen und die Waschküche durchqueren, um auf eine Terrasse zu gelangen, über die ich zum rechterhand gelegenen Klosett kam. Wenn ich drauf saß, ließ ich die Tür zum Garten offen und bollerte mit den Hacken so laut gegen die Holzverkleidung, dass die großen Spinnen sich an Fäden von oben abseilten und empört nachschauten, wer da so einen Lärm machte.

Im Herbst fütterte ich Erwin immer mit Äpfeln, die ich unter den Bäumen meines Gartens aufsammelte und die ich ihm mit erklärenden Worten schenkte: Berlepesch, Cox Orange, Goldparmäne, Goldrenette, Gravensteiner, Idas Liebling, Klarapfel, Morgenduft, Rote Winter-Parmäne, Schöner von Boskoop, Winterprinz und wie sie alle hießen. Die Namen hatte ich von meinem Opa Fritze gelernt, aber Erwin interessierte es gar nicht, wie der gelbe, grüne oder rot gesprenkelte Apfel hieß, er verdrückte sie alle und aß sogar das Kerngehäuse mit, wenn er hungrig war. Nur Birnen mochte er nicht.

Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, diese abgeschlossene Welt zu kontrollieren. Obwohl mir die vermieteten Wohnungen in der Regel verschlossen blieben, denn ich konnten sie samt zugehörigen Kellern und Dachböden nur auf Einladung der drei dort herrschenden Hausfrauen betreten, was nur gelegentlich vorkam, waren mir die Verhältnisse auch dort genauestens vertraut: Die Gruhde von Frau Helmecke, die mit heißer Asche gefüllt war, der Weidenkorb im Flur von Frau Trenkler, in dem sie die Kartoffelschalen für ihr Schwein sammelte und die Stube von Frau Ilmer, in der das sorgfältig geputzte Messingpendel einer bunt bemalten Wanduhr gleichmäßig pickte.

Ich durfte mich in allen anderen Bereichen frei bewegen und konnte mich leicht der Kontrolle der Erwachsenen entziehen, umso mehr als mein Onkel und mein Opa von Montag bis Sonnabend in Magdeburg arbeiteten und mein Vater zumindest den Vormittag in der Schule verbrachte und nachmittags in unserem Wohnzimmer nicht gestört werden durfte, da er dort Hefte korrigierte und in Büchern studierte, denn er war Neulehrer an der Reinhard-Delmny-Schule und musste sich immer wieder auf Prüfungen vorbereiten. Die Frauen waren den ganzen Tag im Haushalt beschäftigt, und mir blieb genügend Zeit, überall herumzustöbern und mit der gebotenen Vorsicht auch die hintersten Winkel des Hauses zu erkunden.

Vom alten Hausflur führte die hinter einer Tür verborgene Treppe in einen Gewölbekeller hinab, wo meine Oma im Sandboden Mohrrüben vergrub und auf Holzregalen Äpfel, Birnen und ihr Eingemachtes aufbewahrte; auch lagerten hier Flaschen mit saurem Apfel- und süßem Himbeersaft, sowie Weinflaschen, deren mir verbotener Inhalt aus Sauerkirschen und aus den Weinbeeren gekeltert war, die auf Spalieren über dem Hühnerstall wuchsen und an sonnigen Herbsttagen manchmal sogar reif wurden. Mein Opa nannte ihn Hummelbrumm, weil der saure Traubensaft vor dem Gären mit Honig gesüßt werden musste. Später konnte ich jedoch feststellen, dass er seinen Namen einer ganz anderen Wirkung verdankte, die ich mir als Kind noch nicht vorstellen wollte. Manchmal stellte mein Onkel im Sommer hier unten auch kleine Bienenkästen hinein, in denen sich Schwärme beruhigen mussten, die er irgendwo im Dorf eingefangen hatte, denn die Leute riefen ihn immer, wenn sie eine solchen Schwarm im Garten fanden, weil sie sich vor den Bienenstichen fürchteten.

Viel interessanter war die zweite Treppe, die aus dem alten Hausflur zum Dachboden hinauf führte. Dort warteten unter Dachziegeln neben den mit Schraubdeckeln verschlossenen Honiggläsern leere Flaschen und Einmachgläser darauf, im Sommer gefüllt und danach bis zum Winter in den Keller verbannt zu werden. Auch gab es Gerätschaften, die meine Oma nur gelegentlich benötigte, wie Waagen, Einmachkessel, irdene Honig- und Gurkentöpfe, ausrangierte Kleidungsstücke, alte Schuhe, Zeltbahnen und Körbe aller Art. Ich hatte hier Reste alten Spielzeugs entdeckt, das wohl früher meiner Mutter und ihrem Bruder gehört hatte: Fünf Wehrmachtssoldaten aus Elastolin, Teile von Puppen, mehrere Schachteln mit Zinnsoldaten und Bleifiguren von allerlei Tieren, Murmeln aus farbig bemaltem Ton, gedrechselte Holzkiesel, einen hölzernen Bauernhof mit bemalten Reifentieren, einen Leiterwagen und Zubehör wie kleine Kisten und Fässer, mit denen man den Wagen beladen konnte. Auch eine Laterna Magica mit bunten Glasbildern und eine Dampfmaschine gab es sowie eine Blecheisenbahn mit Lokomotive, Wagen und Schienen.

In einem weiß gestrichenen Schrank hingen alte Mäntel und alles, was vom Mottenkugelnebel beduselt auf die kalte Jahreszeit wartete. In ihn kletterte ich hinein und konnte durch eine Ritze in der Rückwand eine Tür erahnen, die vollständig von dem alten Möbel verdeckt wurde und die offenbar in einen mir unbekannten Raum führte. Mein Versuch, den schweren Schrank wegzuschieben, scheiterte; aber es gelang mir, mich zwischen Schrank und Wand hindurchzudrücken, so dass ich in den engen Zwischenraum vor den Türknauf gelangte, den ich, nachdem ich einen kleinen Schlüssel umgedreht hatte, nur aufzudrücken brauchte, um in das dahinter liegende Zimmer zu schlüpfen.

Und hier in dem fensterlosen Raum, der nur ein Verschlag war und durch zwei Glasziegel im Dach sein Dämmerlicht empfing, wurde ich fündig, sah eine große, verschlossene Kiste, einen alten Kinderwagen, ein Spinnrad, Teile eines Bettes, alte Bilder, zerbrochene Stühle und stand plötzlich vor dem Kerl, der an einer Dachlatte hing und mich frech angrinste. Seine Kinnlade war herabgeklappt und er zeigte mir seine rote aufgemalte Zunge. Arme und Hände ließ er in grotesken Verdrehungen vom Körper abstehen. Irgendwie sah er krank aus. Ich zupfte ihn am Ärmel, stieß ihn am Nacken, aber die Gestalt pendelte nur noch krummer an seinen Fäden, die ein Mitleidiger entwirrt haben musste, ich tippte auf meine Mutti.

„Kasperl Larifari!“, sagte ich, denn er sah so aus wie jener Kerl, den ich in einem Bilderbuch gesehen hatte, und der nach Auskunft meiner Mutti diesen Namen trug.

War es ein Zauberwort? Besaß ich magische Kräfte? Ich weiß es bis heute nicht, wusste aber damals auf dem Dachboden sofort, dass sich Leben in dem Kerl regte, denn er bewegte sich jetzt, pendelte nicht mehr, sondern streckte Arme und Füße, schüttelte den Kopf und versuchte, die Kinnlade hochziehen, was ihm nicht recht gelingen wollte, und ich hörte unartikulierte Laute, ein Gurgeln und Lallen, die mir aber keine Angst einjagten, sondern mich neugierig machten auf die Botschaft, die dieser schiefe Mund mir künden wollte.

Ich griff vorsichtig in die Fäden und fischte denjenigen heraus, der mir mit der Kinnlade verbunden schien, und zog dann kräftig. Kasperl klappte die Kinnlade zu und sein Mund blieb geschlossen, weil ich immer noch zog. Nun brabbelte er etwas durch die Zähne, das ich nicht verstand, als ich aber den Faden etwas lockerte, artikulierte er deutlicher und ich konnte Silben unterscheiden.

„Awsome!“, kam es zwischen den Zähnen hervor; „Damn the luck!“ Und er ruckte energisch mit dem Kopf: „Bring it on!“ Da begriff ich, dass ich ihn sprechen lassen musste, zog mir einen Stuhl heran, kletterte hinauf, nahm das Spielkreuz vom Haken, griff es mit der Linken und begann mit meiner Rechten vorsichtig die Fäden auszuprobieren. Als ich wieder an den einen kam, der die Kinnlade bediente, begann Kasperl tatsächlich zu sprechen: „ ... from bad to worse ... frog in the throat ... I could not bail. You don’t get burned. I make no bones about the fact that there is need for reforms!“ Ich verstand immer nur Bahnhof. Dann hörte ich ihn zum ersten Mal lachen.

Als er sein Lachen ausgeschüttet hatte, musterte er mich eine Weile, taxierte wohl meine Arme und Hände, dachte nach und sagte dann: „Killingly funny! Da hat es poor Mister Bluster from New York nach Old Germany verschlagen. Hat die fat old lady mich also nach Deutschland zu ihrem little devil geschickt. But isn't it all small stuff?

Ich verstand noch immer kein Wort und muss entsprechend dumm aus der Wäsche geguckt haben. Kasperl sah das, lachte wieder und rief: „Stupid head, never mind! Mach dir nichts draus, Kleiner. Wir beide werden schon gut miteinander auskommen. Carry on! Gut, gut, ich will lernen sprechen deutsch und auch hier begeistern das Publikum. Let’s act together to have a blast! Wie hast du mich gerade gerufen? Kasperl Larifari? Nice one, mein Sohn, gar nicht so schlecht! Do you read me? Da hast du gutes Gespür für Qualität. No doubt about that! Well, den Kasperl Larifari will ich hier in Old Germany schon geben, den Seppel aus Bayern, wenn auch nicht in Lederhosen. The straight dope. Du aber musst noch viel lernen! „Do'nt be a kill joy! Versprichst du ‘s mir? Nix Spielverderber!“ Das versprach ich ihm dann auch und er gewöhnte sich die englischen Ausdrücke langsam ab.

„Das machst du gut, Kleiner“, sagte er, als ich noch etwas ungelenk die Kinnlade zappeln ließ. „Ist es nicht schön, eine Marionette zu führen? Leicht ist es nicht, hard won, but hold on, ich will's dir schon beibringen!“ Und dann hörte ich wieder sein schepperndes, durchdringendes Lachen, das mir bis heute in den Ohren klingt, auch wenn ich den Kerl nicht an seinen Fäden führe und mich meilenweit von ihm entfernt aufhalte. Und Kasperl brachte mir bei, wie ich ihn halten musste. Zuerst den richtigen Griff am Führungskreuz „a stitch in time saves nine“, dann das Auspendeln der ganzen Konstruktion. Er lehrte mich die Fäden zu unterscheiden, zwei, die ihn an der Schulter tragen, einer, am Gesäß („my tail end, don't say bottom!“) befestigt, damit er sich verbeugen kann, zwei für die Füße, die oberhalb der Knie angebracht sind und zwei an den Händen für große und kleine Gesten; diese Fäden liefen oberhalb des Spielkreuzes zusammen. Dann die Kopffäden, die nicht nur seinen schweren Holzkopf („Don't call me a pinhead!“) tragen mussten, die ihn auch zum Schütteln und Nicken brachten dank eines kleinen Zusatzholzes, das mit dem Führungskreuz durch ein Gummiband verbunden war. Seinen besonderen Faden („my claime to fame“), der ihn, wie er stolz erzählte, von den anderen, gewöhnlichen Marionetten unterschied, kannte ich schon; er führt durch ein Loch oben in seinem Kopf zur Vorderkante der Kinnlade, wo er mit einer Krampe befestigt war. Oben lief er durch das Spielkreuz und endete in einem weißen Ring, durch den ich einen Daumen („your thumb, please!“) stecken musste, wenn ich Kasperl sprechen lassen wollte.

Und weil der ganze Unterkiefer durch ein Scharnier mit dem Kopf verbunden ist, sei er auch zum Sprechen befähigt, wie er es mir gerade demonstrierte. Zwar scheinen auch die anderen Marionetten zu sprechen, sagte er, aber das täusche, denn das bilden sich die Zuschauer nur ein („it's all in the mind“), wenn sie die Puppenspieler sprechen hören, die ihnen nicht nur die Bewegung, sondern auch ihre Stimmen liehen. Ich habe nicht alles behalten, was er mir in den vielen Stunden erzählte, die wir gemeinsam auf dem Dachboden verbrachten; manches ist mit aber noch heute präsent.

Kasperl lehrte mich, ihn zu bewegen; zuerst ließ ich ihn hin und her pendeln und langsam über den Boden schweben, dann drehte ich ihn nach rechts und nach links, er aber bremste meinen Elan und zeigte mir, wie er gehen, schreiten und springen konnte. Er erwies sich als geduldiger Lehrer, murrte nicht, wenn ich mich noch unbeholfen anstellte, den falschen Faden zog oder zu heftig alles auf einmal machen wollte. „A tree must be bent while it is young.“ Loslassen durfte ich ihn nicht, das verbot er mir unter Androhung der schlimmsten Strafe: Nicht mehr mitspielen wollte er dann, „wet blanket“, Spielverderber mit verknoteten Fäden, in die Kiste wollte er dann geworfen werden „bag of tricks“ und ewig darin bleiben, basta und Punktum! „Enough is enough!“

Wenn ich ihn an den Haken zurückhängte, ihn in seiner Kammer allein ließ und mich anderen Dingen zuwandte, murrte er nie. Aber immer, wenn ich ihn in seiner Dachwohnung besuchte, verlangte er von mir bewegt zu werden, wollte springen und tanzen („Get your ass in gear!“) und konnte sich ausschütten vor Lachen „cannot help laughing“, wenn er mich außer Puste brachte und wenn ich erschöpft innehalten musste.

    

So lernte ich, ihn gehen, laufen und tanzen zu lassen. Er konnte höflich eintreten, sich gekonnt verbeugen, interessiert zuschauen, wütend werden („in a blind fury“) und flink wegrennen. Nur fliegen durfte ich ihn nicht lassen, denn da widersprach seiner Berufsehre, wie er mehrfach betonte: „Don't you expect me to sproud wings!“ Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen tief in seinem Innern zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten ohne irgendein Zutun auf eine mechanische Weise von selbst. Er setzte hinzu, dass diese Bewegung sehr einfach wäre; dass jedes Mal, wenn der Schwerpunkt in einer graden Linie bewegt wird, die Glieder schon Kurven beschrieben; und dass oft, auf eine bloß zufällige Weise erschüttert, das Ganze schon in eine Art von rhythmischer Bewegung käme, die dem Tanz ähnlich wäre. „A giddy dance!“

Zudem, sprach er mit großem Pathos und im besten Bühnendeutsch über meinen Kopf hinweg, brauchen wir Puppen den Boden nur wie die Elfen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu ruhen und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen: ein Moment, der offenbar selber kein Tanz ist, und mit dem sich weiter nichts anfangen lässt, als ihn möglichst verschwinden zu machen.

Ich verstand damals nur wenig von dem, was er mir erzählte. Aber alles, was er mir zu tun empfahl, konnte ich nach wenigen Versuchen ordentlich ausführen und er lobte mich wegen meiner Geschicklichkeit. Erst sehr viel später habe ich herausgefunden, woher Kasperl seine damaligen Weisheiten hatte. Dennoch sind mir viele seiner Tiraden von jenem Moment an in Erinnerung geblieben, an dem ich sie aus seinem Munde das erste Mal vernahm.

Am meisten liebte er schnelle Bewegungen; er war kein Kind von Traurigkeit, prahlte gern und oft, hatte zu allem etwas zu sagen und stellte sich ständig in den Mittelpunkt. Zwischendurch, wenn ich von der anstrengenden Arbeit ausruhte, erzählte er mir von seinen Erlebnissen in den verschiedenen Theatern, in denen er engagiert war. Seine Rolle war immer etwas Besonderes. Auch wenn er nicht die Hauptperson im Stück war, so stand er doch ständig im Mittelpunkt des Geschehens. Er war die treibende Kraft, er bestimmte, was seine jeweiligen Herren zu tun und zu lassen hatten, er war der eigentliche Held auf dem Puppentheater.

Nach einigen Tagen fragte mich meine Mutti, wo ich mich denn immer versteckte, aber von Kasperl erzählte ich ihr nichts. Irgendwann muss mich mein Opa einmal beim Spiel beobachtet haben, denn er lobte mich in der Werkstatt, als ich ein paar Kilo Nägel nach ihrer Länge ordentlich sortiert und in die richtigen Fächer eines alten Setzkastens eingeordnet hatte, und fragte mich, ob der Kasperl mir das beigebrachte habe. Was er meinen Eltern davon erzählt hat, weiß ich nicht. Aber von diesem Tag an fragte niemand mehr danach, was ich auf dem Dachboden trieb, und alle ließen mich in Ruhe mit dem Kasperl spielen.

Um seinem grenzenlosen Bewegungsdrang nachzukommen, hatte ich nach Kasperls Anweisung aus zwei Stühlen mithilfe einiger Bretter einen Steg gebaut, von dem herab ich ihm am Spielkreuz in Höhe meines Bauchnabels halten und frei über den Dachboden führen konnte. So eröffnete ich ihm einen größeren Bewegungsraum, auch wenn wir auf Kulissen verzichten mussten, die er sehr vermisste und die er mir in leuchtenden Farben beschrieb. Da war mein Holzbaukasten nur ein schwacher Ersatz, wenn ich eine Fassade aus roten Mauersteinen, Säulen, Rund- und Korbbögen, Gesimsen, gelb verglasten Fenstern, Türpfosten auf Sockeln und bekrönten Türmchen aufgebaut hatte und ihn davor spazieren gehen ließ.

Kasperl erzählte von spannenden Abenteuern, die er mit Prinzen und Königssöhnen erlebt hatte, von Kämpfen mit wilden Waldbewohnern, Riesen und Drachen; ja selbst in die Hölle war er schon eingedrungen und hatte dem Teufel eigenhändig − wie er betonte und dabei sprachlich rückfällig wurde:  „my sworn enemy!“ − drei goldene Haare von Kopf gestohlen. Und war lebendig wieder hinausgelangt, wenn das keine Heldentat war!

Er demonstrierte mir, wie man hinaus in die Fremde zieht, wie man gegen wilde Eber, Bären und Löwen kämpft, aber auch, wie man sich vor Feuer speienden Drachen schützt, vor einer einmal erkannten Gefahr das Hasenpanier ergreift und schnell wegläuft.

So lernte ich allmählich meinen Helden kennen und erkannte − trotz oder gerade wegen seiner Aufschneidereien −, die sogar mir, dem beinahe Schulreifen auffielen, dass er oft einen erbärmlichen Feigling spielte. Auch dämmerte mir bereits damals auf dem Dachboden im Hause meiner Großeltern, mir, dem gerade sechsjährigen Kleinen, dass ich es war, der den Kasperl vom Haken holte, mich seiner annahm, ihm Auftritte verschaffte, wobei ich bis heute nicht zu entscheiden vermag, wer da wen im Dämmerlicht der Dachkammer beherrscht hat, aber ich hörte damals und höre es bis heute immer wieder, dass er lachen kann, lachen wie kein anderer!

 

Wir fahren nach Amerika