Alice im Wunderland

Mit der Haubitze nach Russland

 

Die ihr deutsche Kinder seid,
heißt willkommen diese Maid!
Aufenthaltserlaubnisscheine
hat sie, meines Wissens, keine;
doch ein Büchlein– eins mit Bildern –
bringt sie mit: das mag sie schildern
besser als ein Pass es kann.
Lest es durch und sagt mir dann,
ob das Kind nicht unter Euch
bleiben soll im Deutschen Reich.

              R. G. L. Barrett

 

Mein zweiter Lehrer hieß Kasperl.

„Da schau mal in die große Kiste“, sagte er. Ich öffnete den Deckel und blickte in das Durcheinander von Fotoalben, Briefumschlägen, Broschüren und rostigen Aktenordnern.

„Da gibt es noch viel zu entdecken“, meinte er. „Da finden wir nicht nur Bilder, da gibt es auch Briefe und andere Sachen. Und dann müssen wir auch einmal in dem Wandschrank da unten neben der Treppe nachsehen, wer weiß, was da noch alles drinsteckt!“

Also nannte ich mich Archivist und sammelte, was mir in die Hände fiel und von dem ich glaubte, dass es mir und Kasperl Auskunft über meine Familie geben könnte. Das klang auch viel besser als „Aktivist“, wir meine Oma den Robert Bottke immer nannte, den ollen Kommunisten. Der rannte überall im Dorf mit seiner schwarzen Aktentasche herum und belehrte jeden, der es hören wollte, über die Beschlüsse des letzten Parteitages der SED und den „demokratische Zentralismus“ als oberstes leninistisches Organisations- und Leitungsprinzip der SED, die unerlässliche Bedingung für die richtige Leitung der sozialistischen Gesellschaft und für die volle Entfaltung ihrer Vorzüge und Triebkräfte seien.  Weil meine Oma das nicht hören wollte, erteilte sie ihm Hausverbot.

Dann fand ich ein paar Jugendbücher, die einmal meiner Mutter gehört hatten. Darunter war eines, das hieß Alice im Wunderland und war von Lewis Carroll. Ich las ein paar langweilige Kapitel, legte es dann aber zur Seite, aber Kasperl fand es spannend und las mir mit gierigen Augen ein paar Abschnitte vor.

 

Alice saß neben Ihrer Schwester auf der Wiese und da sie nichts zu tun hatte, bekam sie allmählich Langeweile. Sie hatte zwar ein oder zwei Mal in das Buch, indem ihre Schwester las, hinein geguckt, aber es waren keine Bilder darin. Und was hat man, dachte sie, von einem Buche ohne Bilder?

Sie überlegte sich also, so gut sie konnte, denn an dem heißen Tage fühlte sie sich matt und schläfrig, ob das Vergnügen eine Gänseblümchenkette zu machen, der Mühe wert wäre, aufzustehen und die ganze Blümchen zu pflücken, als sie plötzlich ein weißes Kaninchen mit rosa Augen dicht an sich vorüber laufen sah.

Das war nun nicht gerade etwas besonders merkwürdiges, auch war Alice nicht sonderlich erstaunt, als Sie hörte, wie das Kaninchen zu sich sagte: „Ach Gott, ach Gott! Ich werde zu spät kommen!“ Als Sie später darüber nachdachte, wann sie das Sie sich eigentlich hätte darüber wundern müssen, aber damals erschien es ihr ganz in der Ordnung, Als aber das Kaninchen gar eine Uhr aus der Westentasche nahm, darauf blickte und dann fort eilte, sprang Alice auf. Denn es fuhr ihr durch den Sinn, dass sie doch noch nie ein Kaninchen mit einer Weste, geschweige denn eins mit einer Uhr in der Westentasche gesehen hatte. Voller Neugier lief sie ihm über die Wiese nach und kam gerade recht, um es in einem großen Kaninchenloch unter der Hecke verschwinden zu sehen.

Schon im nächsten Augenblick rutschte ihm Alice nach ohne sich auch nur im Geringsten darum zu kümmern wie sie denn wieder herauskommen würde.

 

Als Kasperl das ganze Buch ausgelesen hatte, wollte er sofort eine Aufführung auf unserer Bühne inszenieren. Aber ich hatte keine Zeit, ihm zu helfen, denn meine Oma rief mich und drückte mir einen Korb in die Hand. Damit sollte ich die Nüsse abholen, die ihr Frau Bux versprochen hatte.

 

Wenn ich Frau Bux besuchte, was freilich selten vorkam, musste ich eine steile Wendeltreppe hinaufsteigen. Der Zugang zu Frau Bux’ Wohnung befand sich auf dem Hof hinter dem Kaufhaus. Zunächst gab es keine Schwierigkeiten, denn das Tor war nur angelehnt und einen Hund wie bei Preschers gab es nicht. Dann jedoch, wenn ich mich durch die schwere Eisentür gezwängt hatte, die gleich danach wieder ins Schloss fiel, stand ich im Dunkeln. Hier konnte ich nicht darauf hoffen, dass sich meine Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnen würden, dann die wenigen Lichtstrahlen auffingen und mir den Weg zur Treppe und die Treppe hinauf wenigstens in schummrigen Umrissen andeuten würden. Wenn sich die schwere Tür geschlossen hatte, war es dunkel und blieb es dunkel. Es war die absolute Finsternis. Licht würde ich erst wieder erblicken, wenn die Tante oben die Tür öffnete und so ein wenig Dämmerlicht aus ihrer Küche in diesen lichtleeren Raum fallen würde, der einzig dazu bestimmt zu sein schien, die Wendeltreppe aufzunehmen.

Eigentlich war es eine Spindeltreppe, über deren eiserne Stufen man sich zweieinhalb Mal gegen den Uhrzeigersinn drehen musste, bis man die obere Plattform erreichte. Es waren genau dreißig Stufen, ich hatte sie immer wieder gezählt, wenn ich im Dunkeln hinaufsteigen musste. Oben war eine zweite Tür, wieder aus Eisen, die sich nur von innen öffnen ließ. Neben der Tür befand sich der Klingelknopf.

Den Weg nach oben musste ich mit den Händen ertasten. Angst verspürte ich in dem dunklen Raum keine, oder fast keine, denn die seltsame Treppe übte einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, vor allem auf dem Rückweg von Frau Bux nach Hause; dann schaute ich von der obersten Plattform mit einem langen Blick auf die steilen Stufen, die sich in den kahlen Raum hinunterschraubten und deren filigrane Metallkonstruktion keine Schatten in der Dämmerung warf. Frau Bux blieb so lange oben stehen und hielt die Küchentür auf, bis ich mich in dem schwachen Lichtschein langsam Stufe für Stufe hinuntergetastet hatte, und von unten hinauf vernehmlich „Ich bin unten!“ hinaufgerufen hatte. Sobald meine Füße festen Boden erreicht und die obere Tür wieder geschlossen war, öffnete ich die untere Tür und lief hinaus auf den Licht überfluteten Hof.

Auch diesmal war ich durch die untere Tür eingetreten, erreichte mit drei, vier raschen Schritten die Wendeltreppe, während hinter mir die Tür langsam zuging, und hielt mich mit der rechten Hand am unteren Ende des Geländers fest, um in der Dunkelheit die Orientierung nicht zu verlieren. Die Tür hatte sich geschlossen und um mich herum breitete sich eine unendliche Stille aus. Die Dunkelheit war so vollkommen, dass ich keinen Unterschied feststellen konnte, ganz gleich, ob ich die Augenlider geöffnet oder geschlossen hatte. Als ich mich Schritt für Schritt hinauftastete, dachte ich mir, wie schön es doch wäre, wenn man in diesen Treppenturm Fenster eingelassen hätte, die Licht von draußen hineinfluten ließen, und wenn ich die seltsame Treppe einmal ganz genau – und nicht nur im schemenhaften Halbdunkel beim Hinabsteigen – betrachten könnte. Ich malte mir aus, wie ich beim schnellen Hinauflaufen den Kopf nach hinten zurücklegen würde und durch die Eisenroste der Stufen über mir das Ende der Treppe näher kommen sähe. Aber in Wirklichkeit tastete ich mich Schritt für Schritt und Stufe für Stufe hinauf und ließ dabei die Innenfläche meiner rechten Hand die gleichmäßige Rundung des eisernen Handlaufs hinauf gleiten. Wieder und wieder ertastete ich, einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzend, die nächste Stufe und dann die nächste und wieder die nächste. Als ich die neunundzwanzigste Stufe gezählt hatte, erwartete ich jeden Moment, die obere Plattform zu erreichen, die mir durch das Ende des Handlaufs angekündigt wurde, der abrupt an eine senkrechte Stange stieß. Aber Stufe folgte auf Stufe, und der Handlauf endete an keiner Stange.

Jetzt hatte ich das Gefühl, mich statt der gewohnten zweimal bereits mindestens vier- oder fünfmal um die Spindel gedreht zu haben, und noch immer war der Handlauf nicht zu Ende. Zu zählen hatte ich vor Überraschung längst aufgehört; ohne innezuhalten tastete ich mich Schritt für Schritt weiter nach oben; wieder und wieder erwartete ich das Ende der Treppe, aber nach jeder Stufe konnte ich eine neue erfühlen, und so fort und so fort.

Dann hielt ich an. Eine geraume Weile dachte ich nach: Von den intensiven Vorstellungen abgelenkt, die ich mir von dem beleuchteten Treppenhaus eingebildet hatte, musste ich mich verzählt haben; sollte ich umkehren und hinuntersteigen, obwohl ich jetzt vielleicht nur eine oder zwei Stufen vor der oberen Plattform entfernt war, und die Tür nach außen öffnen, hinausgehen, mir auf dem Hof einen Stein suchen, mit seiner Hilfe die Tür in geöffnetem Zustand fixieren, damit Licht in das Treppenhaus fallen konnte, und dann erneut hinaufsteigen, nun aber mit voller Sicht auf das Ziel, die obere Plattform und die Klingel, die neben der Tür dort oben auf mich wartete?

Ich verwarf diese Möglichkeit sofort wieder, denn der Weg nach oben war ja um ein Erhebliches kürzer, als der hinunter, den ich ebenso Schritt für Schritt ertasten musste, wie ich es beim Hinaufsteigen getan hatte. Der Gedanke, diesen ganzen langen Weg noch einmal gehen zu müssen, nun aber hinunter statt hinauf, schien mir um ein Vielfaches unangenehmer, als die Vorstellung, nach einem, oder zwei, höchstens aber wenigen Schritten die Plattform erreichen zu können. Also tastete ich mich weiter hinauf. Jetzt zählte ich wieder meine Schritte. Als ich vorsichtig fünfzehn weitere Stufen hinaufgestiegen war, die allein mich nach meiner Schätzung ungefähr auf die halbe Höhe des ganzen Treppenturmes hätten bringen müssen und die zu den vorher bereits hinaufgestiegenen Stufen hinzugerechnet erheblich mehr als die zwei Etagen überwinden sollten, die jene obere Tür von der unteren trennten, blieb ich erneut stehen. Was jetzt tun? Noch ein paar Stufen hinaufsteigen, denn jede weitere Stufe musste unweigerlich die letzte sein, oder den Rückweg antreten?

Ich entschied mich, weiter hinaufzusteigen. Als ich die einunddreißigste Stufe gezählt hatte, musste ich stehen bleiben, weil mir die Beine zitterten. Mindestens sechzig Stufen hatte ich errechnet. Ein tiefer Schrecken durchfuhr mich, dass das Hinauftasten im Dunklen nie ein Ende haben würde.

Ich beschloss, hinunter zu steigen.

 

Eine Strecke lang ging das Kaninchen loch gerade aus wie ein Tunnel Dann senkte er sich Jählings hinab, so jählings, dass Alice überhaupt nicht an ein Einhalten denken könnte. Sie glaubte sich schließlich in einem sehr tiefen Brunnen zu befinden.

Entweder war der Brunnen wirklich sehr tief, oder sie fiel sehr langsam, denn sie hatte unterwegs Zeit genug um sich zu blicken und dem Kommenden mit Spannung entgegen zu sehen. Zuerst versuchte Sie, in die Tiefe zu schauen, um zu erforschen, wo sie hinkommen würde. Es war aber zu dunkel. Wohl aber ließen sich die Seitenwände des Brunnens erkennen und Alice bemerkte, dass an denselben Schränke und Bücherbretter standen. Da und dort sah Sie an Nägeln Bilder und Landkarten hängen. Alice nah im Vorbeigleiten von einem Brett ein Glas herunter. Es stand Apfel-Gelee darauf. Zu ihrer großen Enttäuschung war es aber leer. Dennoch wollte sie das Glas nicht fallen lassen, weil sie sich fürchtete, jemanden damit zu treffen, und Sie brachte es fertig, es im Vorübergleiten wieder in einen der Schränke zu stellen.

„Na“, sagte sich Alice, „nach so einem Falle ist eine Kleinigkeit eine Treppe hinunterzustürzen. Zu Hause werden sie mich für sehr tapfer halten Ich würde nicht einmal was sagen, wenn ich vom Dach herunter fiele.“ Was allerdings höchst wahrscheinlich war!

 

Ich ging langsam hinab und zählte dabei sorgfältig die Stufen. Mehr als neunundzwanzig konnten es nicht sein, das wusste ich genau, da die ganze Treppe ja nur dreißig Stufen aufwies. Als ich aber nach der dreißigsten wieder eine Stufe ertastete und danach wieder eine und noch eine und so fort, bis ich mit dem Zahlen bei hundert angekommen war, wurde ich in Angst und Schrecken versetzt.

Wieder blieb ich stehen. Sollte ich weiter hinuntersteigen? Ja, das war der vernünftigste Weg, denn selbst wenn ich bei früheren Besuchen die Länge der Treppe unterschätzt und die Zahl ihrer Stufen um ein Vielfaches zu gering angesetzt hatte: Jetzt musste ich mich mehr in der Nähe des unteren Endes als des oberen Absatzes befinden, das war gewiss. Also tastete ich mich weiter hinab. Das Zählen hatte ich längst aufgegeben, denn mein banges Herz pochte so laut, dass seine schmerzhaften Schläge im Halse alle Zählversuche übertönten.

 

Hinunter, hinunter, hinunter! Da Alice sonst nichts zu tun hatte, fing sie bald wieder zu plaudern an. „Dinah wird mich heute gewiss vermissen! (Dinah war ihre Katze.) Hoffentlich wird man heute nicht an ihr Milchnäpfchen vergessen. Dinah, mein Liebling, ich wollte, du wärest hier unten bei mir. Es gibt zwar keine Mäuse in der Luft, aber du könntest ja eine Fledermaus fangen: Die ist beinahe wie eine Maus. Aber essen eigentlich Katzen Fledermäuse?“

 

Dann rannte ich in panischer Angst nach oben und immer weiter nach oben, wie lange, weiß ich nicht mehr. Es kam mir vor, als seinen Stunden vergangen, und noch immer hatte ich die Plattform nicht gewonnen. Aber nur wenige Augenblicke später stürzte ich verzweifelt nach unten. Längst achtete ich nicht mehr darauf, ob mein nächster Schritt noch das feste Gitter der Treppenstufe betreten würde, nur hinab, hinab oder hinauf; laut tönte das Echo meiner hallenden Füße von der Decke und den Wänden zu mir zurück. Endlos und endlos lief ich hinauf und hinauf und hinab; an ein Ende dieses ungeheuren Laufs wagte ich schon nicht mehr zu denken.

Da wurde es plötzlich hell und Tante Emmys kleine Augen beugten sich über mein Gesicht. Ich lag auf der Plattform oben, ganz nahe der Tür, durch deren Spalt warmes Licht aus der dahinter liegenden Küche fiel.

„Na, mein Junge, warum hast du nicht geklingelt?“ fragte die Frau Bux. Mir aber versagte die Stimme.

 

Später füllte sie mir den Korb mit Nüssen und führte mich, wie sie es immer getan hatte, durch die Tür auf die gegitterte Plattform, wartete, bis ich mit der schweren Last die Eisenstufen hinuntergegangen war, dreißig Stufen, ich habe sie genau gezählt, und verabschiedete sich stumm von mir, als ich die untere Tür erreicht und „Ich bin unten!“ hinauf gerufen hatte, indem sie in ihre Küche zurücktrat und die obere Tür mit einem leisen Krachen in die Angel schob.

Nach meiner Rückkehr lieferte ich die Nüsse meiner Oma aus und stieg wider auf den Boden. Kasperl hing über der großen Kiste und hatte einen Haufen Bilder und Briefe herausgezogen und rings um die Kiste auf den Boden verteilt. Ich griff nach einem braunen Papier, da sah mich meine Mutter, die mich von ihrem Reichsarbeitsdienst-Pass mit energischem Blick ansah, um mir mitzuteilen, dass sie am 13. Oktober 1940 auf den Führer vereidigt und mit dem Dienstgrad Arbeitsmaid eingestellt worden war.

Kasperl, der sich schon durch eine ganze Menge der Briefe gelesen hatte, wusste Bescheid: 1938 hatte die Nationalsozialisten das Pflichtjahr im Rahmen des Reichs-Arbeits-Dienstes eingeführt. Es galt für alle Mädchen und Frauen zwischen 17 und 25 Jahren und verpflichtete sie zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft. Die Zwangsrekrutierung im Reichsarbeitsdienst erfolgte dabei nach rein willkürlichen Richtlinien, ohne Rücksicht auf Interessen, Fähigkeiten; weder der Dienstort, noch die Art der Tätigkeit standen dabei zur Auswahl. So wollte man die Mädchen und Frauen auf ihre zukünftigen Rollen als Hausfrau und Mutter vorbereiten. Darüber hinaus konnte so in vielen Haushalten die fehlende Arbeitskraft der Männer ersetzt werden, weil die als Soldaten im Krieg waren.

Meine Mutter nahm das Pflichtjahr zunächst ganz sportlich, hatte aber ganz andere Pläne. Ein Schulfreund, der später ihr Mann werden sollte, um mein Vater genannt zu werden, schenkte ihr zum gemeinsamen Abschluss auf der 5. Mittelschule zu Magdeburg das Album „Deutsche Kolonien“ vom Cigaretten-Bilderdienst Dresden, in das er eigenhändig sämtliche Farbbilder sorgfältig eingeklebt hatte.

In diesem Album war nicht nur eine Darstellung der Deutsche Kolonien vor dem Weltkriege enthalten, sondern auch ein Vorwort, in dem der Historiker Dr. Heinrich Heffter den Verlust der Kolonien beklagt. „Aber nicht nur rein wirtschaftlich ist die Rückgabe der Kolonien eine drängende Notwendigkeit. Denn das deutsche Volk braucht eine Auswirkung seines ganzen Lebensraumes. ‚Volk ohne Raum‘, das ist ja unser tragisches Schicksal, wie es der deutsche Südafrikaner Hans Grimm mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit geschildert hat. In unseren Kolonien sind Siedlungsmöglichkeiten für viele Tausende von Deutschen, zum Teil noch in Deutsch-Südwestafrika und vor allem in den fruchtbaren und klimatisch für Europäer geeigneten Hochlandsgebieten Deutsch-Ostafrikas.“

Mit diesem Album und der Bibel des Deutschtums fuhr sie im Oktober mit der Eisenbahn nach Sachsen und bezog mit elf anderen Arbeitsmaiden eine Stube im Lager 3/76 Bernstadt auf dem Eigen, einer Kleinstadt bei Görlitz in der Oberlausitz. An ihre Mutter schrieb sie:

„Inzwischen sind wir vereidigt worden. Wir stellten uns im Kreis um die Fahne auf, hissten sie, vorher sangen wir ein gemeinsames Fahnenlied, so wie üblich. Dann las unsere Führerin einen Tagesspruch und hielt uns einen kleinen Vortrag über die Ziele des R.A.D. Danach folgte die Formel auf Führer und Volk, indem wir die Hand zum Gruß erhoben und Satz für Satz nachsagten; er bezog sich größtenteils auf Gehorsam, Kameradschaft und Arbeitsverhältnis. Dann wurden wir einzeln nacheinander aufgerufen. Die Lagerführerin steckte uns mit feierlichem Gesicht die Brosche an. Wir erhielten unseren Dienstausweise, einen Händedruck – das war alles, ein gemeinsames Lied. –“

Meine Mutter wusste: Ohne den Nachweis über das abgeleistete Pflichtjahr konnte keine Lehre oder anderweitige Ausbildung begonnen werden. Deshalb akzeptierte sie auch den Tagesablauf.

5:55 Uhr Wecken. Die Tür wird aufgemacht: Morgen, Aufstehen, Frühsport – das war einmal; in dieser Dunkelheit können wir leider keinen Frühsport mehr machen, nur vor der Tür ausgetreten, ein paar tiefe Atemzüge und weggetreten. Sonst liefen wir immer durch Bernstadt und machten Freiübungen. Vorher Bettenaufreißen, Fenster auf. Dann anziehen, waschen oder duschen, Betten bauen, 7 Uhr Fahne hissen. 7:30 Uhr Kaffeetrinken. 7:30-8 Uhr Singen. Dann geht’s zum Bauern bis 3 Uhr, sonnabends bis 2 Uhr. Schuhe putzen, waschen oder duschen. ½ 4 Uhr ins Bett, bis ½ 5 Uhr Bettruhe. Dann kurzes Kaffeetrinken, entweder Sport oder Schulung: Unterricht über Behandlung von Schuhen, Fußböden, Stopfen usw. Oder Kartenkunde-Erdkunde; hierin können sich mit mir nur wenige messen. Um 19 Uhr gibt’s Abendbrot. Danach haben wir bis 8 Uhr frei – bis zum Nachrichtendienst; danach unterhalten wir uns etwas eingehend darüber, dann folgt entweder Volkstanz, Lesen oder gemeinsames Lesen. Ich habe aus „Volk ohne Raum“ vorgelesen und dabei das Album herumgehen lassen.

An Grimms Schmöker konnte sie weniger die dilettantische Innigkeit interessiert haben, die da glaubt, wenn der Schreiber ergriffen sei, müsse es auch der Leser sein, als vielmehr die Schilderungen der anständigen, gläubigen und fleißigen Handwerker oder Bauern, die sich dem Spekulanten, Großindustriellen und Profitgeier ausgeliefert sahen.

Was kann die 17 Jährige darüber hinaus von ihrem halben Pflichtjahr mitnehmen? – Bei den Bauern lernt sie Hausputz, Kleinvieh betreuen, auch einmal 20 Kühe versorgen. Junge Männer lernt sie an Kameradschaftsabenden mit Wehrmachtsangehörigen kennen, mit anderen Maiden unternimmt sie gemeinsame Ausflüge nach Zittau und Dresden.

Freier stellen sich ein und bezahlen für ein paar Tänze Kinokarten und Konditoreibesuche. Meine Mutter genießt es, wie sie von Männern hofiert wird und berichtet darüber stolz an ihre Mutter.

Aber die Arbeit bei den Bauern war ihr bald zu eintönig und sie klagte: „Wir zählen schon die Tage und dann komme ich auf dem schnellsten Weg nach Hause!“ Vom 16. bis 27. Dezember Urlaub für eine Heimfahrt von Bernstadt nach Magdeburg. Während dieses Heimaturlaubs wird die ihren Vater gedrängt haben, ihr den Besuch der Kolonialen Frauenschule zu ermöglichen. Zwischen ihren Briefen hatte Kasperl graues Heft entdeckt, in dem sich die 1927 in Rendsburg gegründete Institution auf 8 Seiten vorstellt und sich jungen Mädchen und Frauen empfiehlt, „die durch ihre Vorbildung Gewähr die Gewähr bieten, dass sie den an sie zu stellenden geistigen Anforderungen genügen“.

Im Februar erinnert sie ein Vortrag in der Volkbildungsstätte Kreis Löbau an ihr eigentliches Ziel. Der Direktor des Zoo logischen Gartens Saarbrücken, Gustav Moog, spricht über „Unser Kamerun“ und zeigt dazu Bilder.

In einem Brief nach Hause heißt es: „Ich habe es mir überlegt. Ich habe doch viel mehr, wenn ich dann gleich auf die Kolonialschule gehe. Sie rechnen mir das dann als zweites Pflicht-Halbjahr an.“

Die Antwort meiner Oma ist nicht erhalten, Aber ein Brief, den Tante Emmy an meine Mutter schrieb, bestätigte unsere Vermutung. Aus dem Besuch der Kolonialschule Rendsburg, den meine Mutter so ersehnte, sollte nichts werden, weil das Schulgeld für die bescheidenen Einkünfte meines Großvaters zu hoch war: 930 Reichsmark für den einjährigen Lehrgang. Und das bedeutete, wenn man noch Ausgaben für Reise, Kleidung, Extrakurse und ein Taschengeld hinzurechnete, eine monatliche Belastung von mindestens 100 Reichsmark.

Tante Emmy war es, die meiner Mutter dann doch zu einem Schulbesuch in Rendsburg verhalf. Sie schrieb noch vor Weihnachten: „Liebe Alice! Vielen Dank für Deinen Brief und die ausführliche Schilderung deiner interessanten Tätigkeit. Ich kann verstehen, dass du dich bei deinen Bauersleuten nicht richtig gefordert fühlst und mehr lernen willst. Gestern habe ich mit deinem Vater gesprochen und ihm gesagt, dass ich einen kleinen Beitrag für deinen geplanten Schulbesuch dazu steuern will. Ich habe nun zwar bloß meine kleine Pension, aber ich kann es schon einrichten.“

Weil ihr Bruder Franz in Russland mit Haubitzen unterwegs war und Wehrsold dafür bekam, willigte Opa Fritz schließlich ein, dass Alice die Kolonialschule besuchen durfte.

Und da der Lehrgang schon im April beginnen sollte, bewarb sich meine Mutter sofort und muss mit ihren Unterlagen Eindruck geschunden haben, denn sie wurde unter vielen Bewerberinnen für geeignet angesehen und erhielt schon im Februar eine Zusage. Ich nehme an, dass sie ihrer Bewerbung nicht nur ihr gutes Abschlusszeugnis, sondern auch eine entsprechende Empfehlung von ihren Maidenführerin beigelegt hatte.

Jetzt konnte es für Alice gar nicht mehr schnell genug gehen. Nach ihrer Entlassung aus dem Arbeitsdienst fuhr sie Mitte März 41 mit dem ersten Zug zurück nach Magdeburg. Und schon vier Wochen später begleitete Opa Fritz seine unternehmungslustige Tochter zum Magdeburger Hauptbahnhof, um sie in der D-Zug nach Hamburg zu setzen, von wo aus sie über Kiel noch am selben Tag Rendsburg erreichte.

In einer Reihe von Briefen, die Alice an ihren Vater geschickte, erzählt sie von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Kasperl las mir daraus vor und ich baute die Kulissen für unser Stück „Alice im Wunderland“ auf. Ich errichtete im Hintergrund die Schule mit Hilfe meines Holzbaukastens. Die Stadt Rendsburg lag rechts etwas außerhalb der Bühnenrückseite. Davor legte ich einen alten Schal, der musste den Kaiser-Wilhelm-Kanal geben.

In der ersten Szene zeigten wir, wie Alice und die anderen Schülerinnen kochten, wuschen und plätteten. Danach wie sie Hühner, Enten, Gänse, Hammel und Schweinen versorgten, wie man ihnen Schustern, Schlossern und Gläsern beibrachte und wie sie schließlich Reiten und Schießen lernten. Kasperl meinte, wir müssten das Stück später nicht nur in englischer und spanischer Sprache aufführen, sondern auch in der Kisuaheli- oder der Hererosprache.

In Szene 2 ließ ich ein Kriegsschiff durch den Kanal fahren, von dem die Matrosen fröhlich zu den Mädchen hinüberwinkten und Kasperl winkte stellvertretend für alle zurück. Dazu tutete eine laute Sirene.

 

„Hier! Du kannst ein wenig warten, wenn du willst,“ sagte die Herzogin und warf dabei Alice das Kind zu. „Ich muss jetzt gehen und mich umziehen. Ich bin bei der Königin zum Krocketspiel eingeladen worden.“ Und damit eilte sie davon.

 

Danach schickten wir Alice mit Holzpantinen, Gummischürze und Mistgabel in den Schweinestall. Die Schweine waren an diesem Morgen besonders ungnädig, als Alice sie aus ihrer Ruhe störte. Sie fielen über sie her, zwei zerrissen ihre Schürze in viele kleine Fetzen, ein drittes stürzte sich auf ihre Mistgabel, mit der sie sich der anderen Angreifer zu erwehren suchte. Mit einer ihr unverständlichen Kraft biß das Schwein den Stiel entzwei, während Alice mit dem oberen Stück einfach Reißaus nahm und in panischem Schrecken die Tür zuknallte. Ihr Leben hatten wir gerettet, doch was nun?

 

Alice fing das Kindlein auf – was aber keine Kleinigkeit war! Denn es war ein merkwürdig gestaltetes Geschöpfchen, das Arme und Beine nach allen Richtungen streckte.“ Gerade wie ein Seestern,“ meinte Alice. Das arme Ding prustete wie eine Lokomotive, als sie es auffing. Es krümmte und reckte sich immerzu, sodass Alice ihrer liebe Not hatte, es überhaupt im Arme zu halten.

 

Szene 4 war der dramatische Höhepunkt der Handlung. In einem Monolog sagt Alice, während ihr der Angstschweiß von der Stirn perlt:

Der Stall muss gesäubert werden.
Noch bin ich ratlos, noch bin ich ratlos,
was zu tun ist. – Doch halt! doch halt!
Jetzt zeigt sich mir plötzlich ein Weg,
plötzlich ein Weg der Rettung.
Ja, es gibt einen zweiten Stall, der nicht benutzt wird.“

 

Aber das kleine Ding grunzte wieder und Alice schaute besorgt in sein Gesicht, ob ihm etwas fehlte. Ohne Zweifel, das Frätzchen hatte eine aufgestülpte Nase, die mehr einer Schnauze als einer wirklichen Nase glich. Auch waren seine Augen ungemein winzig für ein Menschenkind. Alles in allem sagte ihr der Anblick ihres Püppchens gar nicht zu.

 

Dann spricht Alice zu den anderen Schülerinnen, die ihr zusehen: „Seht doch, beide Räume sind durch eine verschließbare Luke miteinander verbunden. Ja, so wird es gehen!“ Und sie räumt den zweiten Stall von den dort aufbewahrten Gartengeräten und treibt mit einem Besenstiel die Tiere hinein, schließt dann die Luke und säubert in aller Ruhe den ersten Stall.

 

Alice dachte gerade: “Was fange ich mit dem Würmchen an, wenn ich’s mit nach Hause nehme?“ als es wieder so heftig grunzte, dass sie sich voller Besorgnis zu ihm niederbeugte. Diesmal hatte sie nicht den Schatten eines Zweifels, Was sie da auf den Armen trug, war nicht mehr und nicht weniger als ein – Schweinchen.

 

Nun verkündet sie ihren Mitschülerinnen ihren Plan:

Dieser Ausweg ist zwar ideal,
aber ich finde es weniger schön,
durch den zweiten Stall doppelte Arbeit zu haben.
Um das zu vermeiden,
werde ich die Tiere dahin erziehen,
den ersten Stall als Fress- und Tagesraum zu benutzen,
den ich nach der Säuberung mit Stroh aufgefüllt habe,
während der zweite Stall ihren Schmutzereien dienen soll.

Die Zuschauerinnen applaudierten und riefen im Chor: „Bravo, Alice!“ und „Du schaffst es!“

Sie geht zurück in den ersten Stall und schlägt die Sauen sanft mit dem Mistgabelstiel vor die Nase, um sie so in den zweiten Stall zu treiben. Aber die Schweine spielten nicht mit. Alice geht unter dem Gelächter und Spott ihrer Freundinnen ab.

Nachdem die Bühne für einige Minuten in absoluter Dunkelheit gelegen hatte, knipste ich das Licht wieder an und hielt einen Zettel hoch, auf dem Kasperl in großen Buchstaben geschrieben hatte: Das Wunder am 4. Tag.

Alice tritt auf und inspiziert den Stall. Da kann sie ihren Mitschülerinnen stolz verkünden, dass sie heute Morgen auch nicht die Spur von Schmutz entdecken konnte.

Die Mitschülerinnen applaudieren wieder und gehen mit Alice in ihrer Mitte jubelnd ab.

 

Anfang 1942 wurde für die Naziführung erkennbar, dass eine kurzfristige Wiedergewinnung von Kolonien nicht mehr absehbar war. Daher wurde gemäß Hitlers Politik, die den deutschen Kolonialbesitz in Osteuropa als vorrangig ansah, als neues Einsatzziel der Schulabsolventinnen die dem Deutschen Reich angegliedert Ostgebiete propagiert: das Generalgouvernement sowie die Reichskommissariate Ostland und Ukraine. Und so konnte der Frauenbund der Deutschen Kolonial-Gesellschaft in Berlin, der seit langen Jahren Stellungen nach Afrika vermittelt hatte, seine diesbezügliche Tätigkeit nicht mehr wahrnehmen.

Meine Mutter begann eine kaufmännische Lehre im Landeswirtschaftsamt beim Oberpräsidenten der Provinz Sachsen.

 

Mit der Haubitze nach Russland