Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

  Mein erster Schultag

 

Wenn ich in der großen Kiste kramte und etwas herauszog, das mit Buchstaben bedruckt war, näherte sich Kasperl neugierig und blickte mir über die Schulter. Hatte er etwas gefunden, das sein Interesse weckte, dann begann er zu lesen. Er starrte mit harten Augen auf das Papier und las den Text direkt vom Blatt ab. So wie der Mann von den Stadtwerken die Wasseruhr oder den Stromzähler zu einem bestimmten Zeitpunkt abliest, so las auch Kasperl: Er verschlang die Buchstaben, die sich vom Blatt ablösten und wie durch Trichter in seine abgrundtiefen Augen eingesaugt wurden.

So ging es auch den Bildern, die ich aus der Kiste herausfischte. Kaum war Kasperls Interesse geweckt, da begann er auch schon, das Bild mit den Augen von seinem Träger abzulösen und in sich einzuverleiben. Und jedes Bild, das so seine besondere Aufmerksamkeit erweckte, blieb trotzdem erhalten und ich konnte es mir weiter anschauen, so wie ich auch die Texte noch immer lesen konnte, auch wenn sie bereits von Kasperl abgelesen worden und scheinbar in seinen Augen verschwunden waren.

Wenn wir dann gemeinsam auf der Bühne standen, wenn ich der Drahtzieher war und energisch genug an Kasperls Fäden zurrte, dann sprudelte es nicht nur aus seinem plappernden Holzmund, sondern auch ich begann, das auszusprechen, was Kasperl beim Lesen in sich aufgesaugt hatte und ich sah die Bilder, die durch seine Augen in seinen Holzkopf eingesaugt wurden. Und manchmal, wenn wir beide ganz in unser Spiel hineingetaucht waren, dann konnten wir beide sogar in diesen Bildern herumlaufen und sie veränderten sich, wenn wir den Kopf drehten und wurden schärfer, wenn wir genau hinsahen.

 

Als ich das alte Motorrad entdeckte, das sich lange Jahre vor mir im hintersten Winkel des Fahrradschuppens versteckt hatte, holte ich Kasperl vom Dachboden und zeigte ihm das olle Blechding, das langsam vor sich hin rostete. Mein Onkel hatte sich ein modernes Moped angeschafft, einen stinkenden Zweitakter, mit dem er bei jedem Wetter morgens in aller Frühe nach Bukau zu seiner Firma fuhr und auf dem er am späten Nachmittag wieder zurück tuckerte. Wenn er das Ding um halb sechs aus dem Stall holte und es nur schwer ansprang, wachte ich von dem Lärm auf, den er dabei machte.

Später hörte ich Erwin Bolt auf einer Schellackplatte von Theo Mackeben mit seinem Jazz-Orchester singen:

 

Meine Oma fährt Motorrad ohne Bremse, ohne Licht,
ihre Hupe ist gestohlen und der hint're Pneu nicht dicht.
Ihr Benzintank leckt bedenklich und der Auspuff knallt und kracht,
aber lustig fährt die Oma durch die laue Sommernacht.

 

Kasperl und ich sangen auf unserem Theater:

Meine Oma fährt Motorrad ohne Bremse, ohne Licht!
An der Ecke steht ein Schutzmann und der Esel sieht es nicht!

 

Und wir dachten uns weitere Lieder aus:

Meine Oma hat im Backenzahn
Ein Radio, ein Radio, ein Radio,
Meine Oma ist 'ne sehr patente Frau. 

 

Meine Oma hat 'nen Nachttopf mit Beleuchtung ...

Meine Oma hat 'ne Brille mit Gardinen ...

Meine Oma hat 'nen Peticoat aus Wellblech ...

Meine Oma hat im Strumpfband 'nen Revolver ...

 

 

Meine Oma Rosi heiratete den Fritze Biederitz, der ein Motorrad hatte, sie trotz ihres Leibschadens in den Beiwagen packte und sie auf seine großen Reisen durch Deutschland und die Schweiz mitnahm. Einmal fuhr er mit ihr nach Frankreich zu der Stelle bei Ypern, wo er im Gas gelegen hatte und dabei beinahe krepiert wäre; die beide schafften es sogar bis nach Paris, von wo sie ein paar Postkarten mitgebracht hatten, worauf man den Eifelturm sehen kann. Von Resi und Rita wird noch zu reden sein.

Es waren einmal drei Schwestern und eine, die Rosi hieß, heiratete Fritze und brachte zwei Kinder zur Welt, einen Jungen und ein Mädchen, und das Mädchen hieß Almut und wurde aus einer Schnapslaune von ein paar Russen zu meiner Mutti gemacht, der Junge war mein Onkel, dem andere Russen eine zweite Arschkerbe beschert hatten und der trotzdem Tante Olga aus Bessarabien heirateten durfte. Rosi aber wurde im Januar 1900 geboren, überlebte nicht nur Kaiser Wilhelm und Adolf Hitler, sondern auch den Versuch, sie im Sommer 1945 im Dorfteich zu ertränken. Da klopfte an einem frühen Morgen ein verhärmtes Weib an den hölzernen Rollladen, der nachts das Fenster verschloss, von dem aus dem meine Oma an schönen Tagen mit diesem und jenem Vorübergehenden die neusten Nachrichten austauschte, und schrie mehr als eine Stunde lang. Sie schrie und schrie, als wolle sie sich die Seele hinausschreien, bis mein Onkel endlich aus dem Hoftor kam und sie anschnauzte, dass sie doch endlich zu schreien aufhören und sich nach Hause scheren sollte. Das Weib aber schrie weiter und mein Onkel musste die Axt vom alten Helmecke aus dem Holzstall holen, womit er das schreiende Weib bedrohte. Da trollte sie sich endlich fort, aber sie ging nicht nach Hause, sondern trieb sich in der Nähe des Dorfteichs herum und lauerte meiner Oma auf. Und als die um kurz nach acht zum Kolonialwarenladen von Martha Schatz humpelte, um Bohnerwachs zu kaufen, zerrte das Weib meine hinkende Oma an ihrer Schürze die Teichstraße hinunter und entwickelte dabei so große Kräfte, dass Frau Engelberg die beiden bald an der steil abfallenden Böschung ringen sah, von wo aus die Knechte am Sonnabend ihre Pferde durch die Schwämme ritten. Da schrieen beide Frauen und da schrie auch die Engelberg und nur durch das beherzte Eingreifen der alten und der jungen Frau Hilliger, die mit anderen Badefrauen aus ihrer Anstalt stürzten, konnte das Weib daran gehindert werden, meine Oma in den Teich zu stoßen, wo sie sicher ertrunken wäre, denn sie konnte nicht schwimmen.

Was das Weib aber geschrieen hatte, wurde in der Familie nicht erzählt.  Dieter Engelberg, der damals gerade fünf Jahre alt war, versicherte mir später, das Weib habe geschrieen: „Rosi, Rosi, jib mich meine Kinder wieder!“ Aber erst mit Kasperls Hilfe war es mir möglich, auf unserer Dachbodenbühne nachzuspielen, was sich 1939 oder 40 in Bördeleben abgespielt haben könnte, wo man die Arbeitsscheuen und Obdachlosen zwangseinquartiert hatte.

Ich habe das Stück später, als ich lesen und leidlich schreiben konnte, in ein Heft notiert, das am Ende des dritten Schuljahres noch nicht voll geschrieben war.

 

Es treten auf: Rosi Biederitz als ehrenamtliche Sozialarbeiterin der NS-Frauenschaft; Erna Adamski als asoziales Subjekt

Szene: Dankmalplatz vor der Haus der Biederitzs in Bördeleben

Rosi Biederitz: Name?

Erna Adamski: Erna Adamski, jeborene Hucke.

Rosi Biederitz: Wo geboren?

Erna Adamski: 25. Februar 1912 in Hohendodellebn. Mein Vater wår der Landårbeiter Adolf Hucke, meine Mutti Erna steckte mir mit 16 ins Fürsorjeheim nåch Måchdeborch.

Rosi Biederitz: (liest aus der Akte) 1933 Ehe mit Jiri Adamski, bringt drei Söhne und eine Tochter zur Welt. Der Mann trinkt und schlägt, die Frau wird mehrfach vor dem Magdeburger Hauptbahnhof als Bettlerin und aufgegriffen. Die Kinder …

Erna Adamski: Håmse mich vorjes Jahr wegjenommen, Rosi Biederitz. Ich will meine Kinder widderhåben!

Rosi Biederitz: Ihre Kinder wurden 1938 in ein Heim eingewiesen, nachdem Sie vom Amtsgericht Magdeburg wegen Geistesschwäche entmündig wurden.

Erna Adamski: Ich hätt‘ mir åber immer jut um se jekimmert!

Rosi Biederitz: (liest aus der Akte) Die Erna Adamski wurden ins Landeskrankenhaus Uchtspringe Außenstelle Lochow' in Möckern bei Magdeburg eingewiesen.

Erna Adamski: Die håm mich vor vier Monate entlassen.

Rosi Biederitz: Erna Adamski treibt sich seit längerer Zeit in Magdeburg herum und hat wechselnden Geschlechtsverkehr. Vom Gesundheitsamt wurde eine Geschlechtskrankheit festgestellt. Die Adamski treibt ein ausschweifendes Leben, hat keinen Platz in der Volksgemeinschaft und bildet eine Gefahr für die Erhaltung der Volksgesundheit.

Erna Adamski: Ich wohne jetze bei Willy Jenander hier in Bördeläbn an die Hålbårstädter Chaussee.

Rosi Biederitz: Als asozial sind Personen anzusehen, die aufgrund einer anlagebedingten und deshalb nicht besserungsfähigen Geisteshaltung arbeitsscheu sind und den Unterhalt für sich und ihre Kinder der NSV oder dem Winterhilfswerk aufzubürden suchen.

Erna Adamski: Na, wovon soll ich denn leben, wenn meen Oller sich jedne Tach eens hinter de Binde kippt? Der kommt morjens früh nich aus de Kiste!

Rosi Biederitz: Solche Subjekte sind hemmungslos in ihren Trieben und mangels eigenem Verantwortungsbewusstseins weder in der Lage, einen geordneten Haushalt zu führen noch ihre Kinder zu brauchbaren Volksgenossen zu erziehen. Sie stellen eine Belastung der Volksgemeinschaft dar.

Erna Adamski: Nehmen se mich das doch nich vor übel, Frau Biederitz, wenn ich mål Hilfe jebrocht håbe, bei die ville Blåchen.

Rosi Biederitz: Hemmunsglos sich vermehrende Assoziale Frauen werden sterilisiert. Denn Assozialität ist vererbbar und muss deshalb rücksichtslos ausgemerzt und aus dem gesunden Volkskörper ausgeschieden werden.

Erna Adamski: Ich versteh Se nich.

Rosi Biederitz: Die Maßnahmen der NS-Frauenschaft vermochten es nicht, die Adamski  auf die Bahn eines gesitteten Lebenswandel zu bringen. Wir halten es für erforderlich, sie einer strengen Aufsicht zu unterstellen. Ihr bisheriges unsittliches Verhalten und ihre asoziale Einstellung rechtfertigen eine polizeilich verfügte Vorbeugungshaft. Nur die Unterbringung der Adamski in einem Arbeits- und Besserungslager gibt die Gewähr dafür, dass der willensschwache, sittlich und moralisch verkommene Charakter der Adamski gefestigt wird und späteres Wohlverhalten zu erwarten ist.

Erna Adamski: Ich will meine Kinder widderhåben! Ich will meine Kinder widderhåben! Ich will meine Kinder widderhåben!

 

Als meine Oma Rosi Ende Mai '45 nicht nur Kaiser Wilhelm, sondern auch den Versuch überlebt hatte, sie nach dem 227 Jahre alten Vorbild der Kindesmörderin Apollonia Solters eingesackt im Dorfteich zu ertränken; nachdem die Russen im August '45 ihrer Tochter Almut ein Kind gemacht hatten; als dann '48 die Kommunisten die DDR gegründet und die Russen zu ihren Freunden erklärt hatten; nachdem Almut in den Westen rüber gemacht war und von dort den kleinen Gerhard mit einer großen Dampflokomotive zurück zu ihrer Mutter geschickt hatte; als das alles geschehen war, da beschloss meine Oma Rosi, auch Josef Stalin zu überleben und wurde sehr alt. Sie erkrankte zwar an Zucker und litt unter offenen Beinen, aber sie überlebte auch noch Erich Honecker und Willi Brand. Nach der Wiedervereinigung weigerte sie sich, vor Ablauf ihres Jahrhunderts zu sterben, schaffte das sogar beinahe und wurde im November '99 von ihren Enkeln und Urenkeln an einem regnerischen Tage auf dem Friedhof an der Langenweddinger Chaussee zu Grabe getragen. Dort liegt Rosi nun neben Resi und Rita und auch mein Opa Fritze ist dabei, der schon 25 Jahre früher seinen Löffel abgeben musste.

Es waren einmal drei Schwestern, auf die ihre Eltern nicht nur stolz waren, sondern mit denen sie im neuen Jahrhundert auch viel vorhatten. Deshalb bekamen sie moderne Namen und wurden nicht Roswitha, Therese oder Margarethe genannt, sondern Rosi, Resi und Rita. Rosi, die älteste der drei, hatte einen Leibschaden, Resi war die Praktische und Rita wollte hoch hinaus.

 

Der Rosi hatte die Hebamme bei der Geburt ein Hüftgelenk ausgerenkt, was man erst nach einigen Jahren merkte, als das Mädchen spät Laufen gelernt hatte und nun hinkte. Da sie auch eine Herzschwäche hatte, sagten sie von ihr, ein Töpfchen mit einem Sprung halte länger.

 

Wiederholt sich alles im Leben? Oder war es nur ein Traum? Sicher ist ‒ denn ich habe es selber recherchiert ‒  als ich viele Jahre später ein Familienarchiv anlegte, dass meine Oma aus Amerika im Sommer '23 auf dem Ozeandampfer nach Magdeburg kam, um einen Jungen auf die Welt zu bringen, den sie ihrer Mutti daließ, als sie mit der „Bremen“ von Bremerhaven nach New York fuhr, um nie wieder nach Deutschland zurück zu kommen. 25 Jahre später schickte sie im Rahmen der amerikanischen Re-Edukation den Allerweltskerl Kasperl zu ihrem Enkel in die Sowjetische Besatzungszone, wo er unerkannt von den sozialistischen Staatsorganen seinen Beitrag zur antifaschistischen demokratischen Umgestaltung leistete.

Genauso sicher ist, dass meine Mutti mich am Ohligser Bahnhof mit einem Schild um den Hals, worauf mein Name und eine Adresse standen, in ein Abteil des Interzonenzuges setzte, wo ich auch bis Helmstedt sitzen blieb. Dort aber vertraute eine Grenzpolizistin der DDR mich, meinen Koffer und meinen Ballonreifenroller dem Lokomotivführer der Deutschen Reichsbahn an, der mich stolz auf seiner Schnellzuglokomotive der Baureihe 03 bis zum Magdeburger Hauptbahnhof mitfahren ließ. Unterwegs durfte ich dem Heizer beim Nachfüllen des Feuerkastens helfen, damit ich völlig verdreckt hinter der Bahnhofsperre im Magdeburger Hauptbahnhof meinem Opa Fritze übergeben werden konnte, der damals noch lebte und sich nach Kräften bemühte, seinen erstgeborenen Enkel zu einem ordentlichen Schraubensortierer zu erziehen.

Keiner von den bewaffneten Staatsorganen hatte bemerkt, was ich da in meinen kleinen Koffer für eine brisante Schmugglerware bei mir führte. Da Kasperl nicht nur ein schon einmal illegal eingereister Amerikaner, sondern jetzt sogar ein Republikflüchtling war, der zurück in die DDR wollte und über keinen Pass verfügte, musste ich ihn in zum zweiten Mal die DDR hineinschmuggeln. In den nächsten Jahren konnte er so seine Aufgabe, die ihm seine amerikanischen Landsleute und sein Präsident Roosevelt aufgetragen hatten, an mir erfüllen. „Germany is at the Crossroads“, sagte er einmal zu meinem Opa Fritze, der früher Stahlhelmer gewesen war und kein Englisch gelernt hatte, „Is your example guiding him along the right road?“ Und dann half er ihm nach Kräften, mich gegen die Ideologie der Sowjetmacht und der Arbeiterklassen in der Deutschen Demokratischen Republik zu immunisieren.

Meine Oma Rosi brachte mir bei, wie man Eier pellt. „Du nimmst hier das Ei in die linke Hand, schlägst die breite Seite vorsichtig auf den Tisch und pellst dann mit Daumen und Zeigefinder der rechten Hand die Eierschale ab. Immer über den Daumen rollen, nicht mit den Fingernägeln!“ − Sie achtete darauf, dass mein Frühstücksei hart gekocht war, und weiche Eier mag ich bis heute nicht.

Mein Vater – daran erinnere ich mich genau – aß Eier so: Er legte das Ei auf den Teller, schlug mit dem Messer die Spitze ab. Dann drückte er zwischen jeden Löffel einen Schnurz Senf hinein und löffelte sein weich gekochtes Ei schmatzend aus. Wenn die Schale leer war, nahm er sie zwischen Daumen und Zeigefinger, hielt sie hoch und sagte zu mir: „Das Ei kommt sooo aus dem Hühnerpoo!“ Dabei schürzte er die Lippen. „Sooo ist der Hühnepoo!“

So aß meine Oma Brotkanten: Sie schnitt mit gefurchtem Brotmesser in der rechten Hand dem Busenbogen folgend das Brot, das sie im linken Armwinkel an die Rippen drückte, schob  den Laib dann vor und vollendete die Rundung. Die Brotscheibe fiel in die durchbrochene Emailschüssel. Wenn der Laib dünner und schmächtiger wurde, legte meine Oma den Rest auf die Tischplatte und sägte kleinere Scheiben. Schließlich blieb der Kanten zurück, 4 bis 5 cm dick. Mit spitzem Küchenmesser schabte sie Butter vom Block und deckte die flache Seite weißgelb ein. Dann polkte sie weiche Bratwurst aus trocknem Darm und drückte den Fladen fest auf den Knust. Nun schnitt sie, frei den Kanten in die Luft haltend, sechsmal quer hinein. Sie legte das Messer in die Spülschüssel, setzte sich und aß. Dazu führte sie den Kanten quer in den Mund, biß mit den Backenzähnen fest zu und riss den Abschnitt vom Kanten. Mit offenen Lippen kaute sie den Bissen wie die Katze am Ofen, legte den Kopf dabei schief und schmatzte. Wenn sie ausgekaut hatte, schnalzte sie Luft durch die Schneidezahnlücke ein, schürzte die Lippen und führte das nächste Stück seitwärts zwischen die Zähne.

 

Meine Oma Rosi, die habe ich einmal gehasst, und das kam so: Zum Mittagessen gab es bei uns allerlei Dinge, die ich gerne mochte. Bouletten zum Beispiel und Schweineschnitzel. Auch Kartoffelpuffer mit Apfelmus aß ich gerne und die dicken Knackwürste aus Halberstadt mit Brötchen und Senf. Irgendjemand aber hatte irgendwann einmal behauptet: „Der Jert ist ein mäkliger Esser!“ Der Ursache dieses Gerüchts bin ich nie auf die Spur gekommen, auch habe ich nie herausbekommen können, wer diesen Unsinn in die Welt gesetzt hat. Manchmal vermute ich freilich, es könne Oma Sudenburg gewesen sein, die alte Hexe. Zu ihr hätte es auch gepasst, kleine Kinder zu beschuldigen, mäklige Esser zu sein. Tatsache aber ist, dass meine Oma Resi in Bördeleben spätestens ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr aus dem Westen, beschlossen hatte: „Aus dem Jungen muss etwas Ordentliches werden“. Und das hieß bei ihr: „Iss deinen Teller leer! Wasch dir die Hände vor dem Essen und nach dem Klo! Sprich ordentliches Deutsch!“

Einmal gab es Gurkensalat und Eiback. Beides mochte ich nicht besonders, vor allem wenn das Ei noch flüssig war und fetter Speck darin 'rumschwamm. Eiback wurde bei uns so gemacht:

Meine Oma stellt die Pfanne auf den Gasherd und dreht die Flamme ganz auf. Dann gießt sie Öl in die Pfanne und brät fette Speckwürfel darin an. Es zischt. In einer Schüssel stehen 10 verquirlte Eier bereit. Sie gießt die Flüssigkeit in die Pfanne und rührt mit einem Aluminiumlöffel darin herum. Die Flüssigkeit beginnt zu stocken, einzelne Eierfladen werden fest, dann wieder losgerissen und untergerührt. Sie nimmt die Pfanne von Herd und rührt weiter, die Eiermasse stockt nicht weiter und bleibt flüssig. Der Brei kommt so in eine saubere Schüssel und auf den Tisch.

Ich stocherte schon im Gurkensalat herum und zählte die Gurkenscheiben. Meine Oma sah mich streng durch ihre Brille an: Du bleibst heute so lange hier sitzen, bis du alles aufgegessen hast!

Ich esse langsam aber verbissen weiter. Die Gurken sind fast alle, da gießt sie eine Kelle Eiback über zwei Salzkartoffeln. Das zaghafte „bitte ohne Speck“ muss sie überhört haben. Ich kaue mit dicken Backen. Plötzlich wird mir übel und ich erbreche die Gurken. Das kommt so schnell, dass ich keine Zeit mehr habe, hinauszulaufen. Meine Oma ist unerbittlich. „Das isst du alles noch einmal!“

Ob ich wirklich viel davon runtergekriegt habe, weiß ich nicht mehr, nur dass ich vor Tränen nichts mehr sehen konnte. Schließlich hatte Tante Olga ein Erbarmen und schickte mich mit dem ganzen Teller zum Misthaufen. Bis heute wird mir beim Geruch von Gurken übel. Auch kann ich den Blick alter Frauen mit spitzen Nasen durch Brillen schlecht ertragen.

Aber ich habe es ihr heimgezahlt! Oma Rosi hatte die Angewohnheit, den Rest Kaffee, der am Morgen nicht ausgetrunken worden war, in ein kleines Blechtöpfchen zu füllen, das neben dem Wassereimer am Ausguss stand. Dann goss sie sich im Verlauf des Vormittags aus diesem Töpfchen nach und nach den Rest kalten Kaffees in ihre Tasse und trank ihn. Wenn ich vom Klo kam und mir die Hände waschen musste, tauchte ich diese vorher immer in Omas kalten Kaffee. Manchmal spuckte ich auch hinein. Das war meine Rache!

 

Es waren einmal drei Schwestern, die hießen Rosi, Resi und Rita, und die wollte hoch hinaus. Alle drei kamen auch hoch hinaus und fanden drei Männer, die mit ihnen Almut, Anne und Lolo zeugten. In einer Kiste, die in Kasperls Kammer stand und allerlei Familienfotos enthielt, fand ich ein Album, in dem sie alle eingeklebt waren, die Rosi, die Resi, die Rita, die Almut, die Anne und die Lolo und noch viele andere, die ich nur flüchtig oder gar nicht kannte. Nicht, dass ich damals schon meine Talente fürs Archivieren gekannt hätte. Nein, damals musste ich erst einmal mit Kasperls Hilfe meine Fähigkeiten als Puppenspieler entfalten. Aber zur gleichen Zeit, als der US-amerikanische Spaßmacher mir beibrachte, die alten Bilder zum Sprechen zu bringen, fing ich an, alles zu sammeln und aufzubewahren, was ich so beim Herumstöbern in Kisten und Schubladen fand: Briefe, Fotos, Urkunden, Spielzeugreste und manches andere, das ich interessant fand.

Mit Kasperls Hilfe begannen die Sachen zu mir zu sprechen, wenn wir uns Geschichten ausdachten, Geschichten von den Menschen, die uns von den Fotos anguckten, oder Geschichten von den Leuten, die in den alten Dokumenten erwähnt werden, die zunächst nur Kasperl lesen konnte und deren Erlebnisse er für mich auf der Bühne inszenierte, bis ich selber genug von den Buchstaben verstand. So lernte ich meine Familie kennen und wusste bald mehr über Rosi, Resi und Rita als mein Onkel, der im nüchternen Zustand nicht über früher sprechen wollte. Mit früher meinte er alles, was vor meiner Geburt passiert war.

 

Es waren einmal drei Schwestern, die eine hieß Rita und wollte hoch hinaus. Sie heiratete den Bruno Bauer, der aus einer feinen Familie stammte, und zog mit ihm in die Stadt. Da wohnten sie in einem Mietshaus, wo es ein Badezimmer gab und ein Klo mit Wasserspülung. Aber da hielt sie es nicht lange aus, nahm ihre Tochter Lolo und kam zurück in ihr Elternhaus, wo nun Rosi und Fritze lebten und wo es kein Badezimmer gab, sondern nur eine Pumpe auf dem Hof und ein Plumpsklosett im Garten. Dort blieb sie ein paar Wochen und konnte sich nicht mehr drein finden, weil sie das Bad und ein Klo mit Wasserspülung vermisste, denn sie hielt sich jetzt wegen des Bauers für eine feine Dame und spreizte den kleinen Finger ab, wenn sie die Kaffeetasse zum Mund führte, den sie immer mit dunkelrotem Lippenstift schminkte. Meine Oma Rosi schminkte sich nie und roch immer nach Uralt Lavendel.

Eines Abends lärmte es auf dem Platz vor dem Haus meiner Oma Rosi und der Bruno schrie und flehte, Rita solle doch wieder zu ihm kommen. Aber sie wollte ihn nicht sehen und ließ den Rollladen runterrasseln. Er tobte weiter und wollte wenigstens seine Tochter Lolo sehen, doch Rita ließ auch den zweiten Rollladen runter krachen. Dann hörten wir einen dritten Knall, weil sich der Bauer mit einer Pistole in den Kopf geschossen hatte. Ein paar Tage später fuhr Tante Rita nach Berlin zum Filmfritzen von Babelsberg, mit dem sie eine Affäre hatte, die ihr aber nicht die erhofften Rollen beim Film einbrachten.

Bei Blättern in Vopels Album ist mir meine Tante Rita immer mal wieder begegnet: als Mannequin in „Einer Frau muss man alles verzeih’n“, in der Rolle einer Putzfrau in „Das Schicksal der Renate Langen“, mit Willy Fritsch und Willy Forst in „Ein blonder Traum“, als sich Fritz Vopel in Lilian Harvey verknallte, als Schatten in „F. P. 1“, wo man sie im Ballsaal des Hotels Atlantic erahnen kann.

Fritz Vopel imitierte gerne Hans Albers, hatte aber trotz seiner ondulierten Haare, die er wie sein Idol nach hinten gekämmt trug, nicht dessen Raubvogelaugen, obwohl man in einschlägigen Veröffentlichungen auch von ihm behauptete, er habe viele kleine Mädchen einfach ins Bett gelegt. Mit Tante Rita hatte er leichtes Spiel, da sie auf wilde Abenteuer aus war, denn sie hatte jede Beziehung zu ihrem Ehemann schon vor mehr als einem Jahr unterbrochen und musste viel nachholen. Am Filmset richteten manche Damen ihre Augen auf die athletische Brust des Fotografen, der solche Blicke gerne erwiderte, wenn er gelegentlich eine kleine Rolle übernehmen musste. Allerdings gelang es ihm nicht, Hans Albers bei Sybille Schmitz auszustechen, dafür soll meine Tante Rita einmal auf Peter Lorres Glubschaugen reingefallen sein.

Bei den Dreharbeiten zu „Hitlerjunge Quex“ hat sie sich in Jürgen Ohlsen verliebt, aber am Set von „Ein blonder Traum“ platzen ihre Hoffnungen auf eine Rolle endgültig. Sie kehrte mit ihrem Koffer nach Bördeleben zurück, kümmerte sich wieder um ihre Tochter Lolo und erzählte gerne von ihren amourösen Abenteuern in Neubabelsberg, wenn sie ein paar Gläser selbstgemachten Johannisbeer-Likör getrunken hatte.

 

Es waren einmal drei Schwester und eine hieß Resi. Die hatte einen Halunken namens Klinkbeil geheiratet, sagte mein Vater, so einen mit einem Backpfeifengesicht, vor dem war sie bald weggelaufen und hatte ihm ihre Tochter Anne dagelassen. Als der aber zu den Soldaten und kurze Zeit später an die Westfront musste, gab er Anne bei Oma Rosi ab, kehrte aber nicht zurück, weil ihm nur wenige Tage nach dem Angriff auf Frankreich ein französischer Grenadier das Backpfeifengesicht mit einem ungezielten Schuss zerschmettert hatte. Resi soll die Nachricht ohne erkennbare Regung hingenommen haben und setzte das fort, was sie auch schon vor dem Tod ihres Mannes getan hatte, sie trieb sich mit Männern rum, wie mein Onkel sagte, vorzüglich mit Offizieren.

Wer es schließlich war, der sie dazu überredete, KZ-Aufseherin zu werden, hat niemand in der Familie je erwähnt, als ich aber Anno 55 in der großen Kiste auf dem Dachboden unseres Hauses in der Schmiedestraße auf ein Foto stieß und es Kasperl zeigte, war dem sofort alles klar. „Deine Tante versteckt sich hinter der kreischenden Frau vorne rechts“, sagte er. „Schau dir das Treiben genau an!“

Was die Tante Resi da trieb, hatte mir meine Mutti nie erzählt. Ihre Tante hatte Krankenschwester gelernt, wollte aber in diesem Beruf nicht arbeiten.  Da hatte ihr neuer Freund Traugott die Idee, sie in sein „Wirkungsfeld“ zu ziehen. Meine Mutti sagte tatsächlich „Wirkungsfeld“, wollte aber nicht näher darauf eingehen.

Mit dem Bild fand ich auch einen Brief, der uns nähere Auskunft über das „Wirkungsfeld“ meiner Tante Resi gab:

Betr.: Bewerbung als Aufseherin
Auf Grund Ihrer Bewerbung um Einstellung als Aufseherin wird Ihnen kurz mitgeteilt, mit welcher Aufgabe Sie hier betraut werden sollen.
Im Konz.-Lager Ravensbrück sitzen Frauen ein, die irgendwelche Verstöße gegen die Volksgemeimschaft begangen haben und nun, um weiteren Schaden zu verhindern, isoliert werden müssen. Diese Frauen sind bei ihrem Arbeitseinsatz innerhalb und außerhalb des Lagers zu beaufsichtigen. Sie brauchen für diese Arbeit also keine beruflichen Kenntnisse zu besitzen, da es sich ja lediglich um die Bewachung der Häftlinge handelt.
Die Aufseherinnen sind Reichsangestellte und werden nach der Tarifordnung für Angesellte besoldet. Als Eingangsstufe erhalten Sie Gruppe IX und nach einer Probedienstzeit von 3 Monaten Gruppe VIII. Eine ledige Aufseherin im Alter von 35 Jahren erhält z.B. brutto 195,68 RM und nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge Steuern, sowie sonstiger gesetzlicher Abgaben und Kosten der Verpflegung und Wohnung monatlich 115,10 RM Gehalt. Sie erhalten ferner im Lager Gemeinschaftsverpflegung (Truppenverpflegung) die mit täglich 1,20 RM berrechnet wird. Dienstbekleidung, wie Tuch- u. Drillichuniform sowie teilweise Unterwäsche wird Ihnen kostenlos gestellt. Zur Unterbringung stehen hier Häuser mit Dienstwohnungen zur Verfügung, die gut eingerichtet sind.
Bei entsprechender Eignung und Tätigkeit besteht die Möglichkeit, als Lagerführerin in einem der Außenlager des KL Ravensbrück eingesetzt zu werden und Aufrückungsmöglichkeit bis Gehaltsgruppe VI.
Ihre Tätigkeit wird als Kriegseinsatz anerkannt. Sie gehören auch zum Gefolge der Waffen-SS. Voraussetzung für die Einstellung ist daher, daß Sie unbestraft und körperlich gesund sind.

Aus den Erzählungen in unserer Familie und aus meinen späteren Recherchen konnte ich folgendes rekonstruieren: Nach vier Wochen Ausbildung, die neben weltanschaulicher Schulung auch praktische und theoretische Grundlagen im Zusammenhang mit der Lager- und Häftlingsführung umfasste, absolvierte Resi eine dreimonatige Probezeit, bis sie Aufseherinnen wurden. In der Folge wurden sie dann dem Lager Ravensbrück zugeteilt. Die graue Uniform mit der Schiffchenmütze und den Lederstiefel stand ihr gut. Ihren Schlagstock wusste sie geschickt zu handhaben, eine Schusswaffe führte sie – wie sie meinem Opa versicherte − nicht.  Als sich die Front im April 1945 dem Lager näherte, wurde das KZ von der SS geräumt und die Insassen auf einen Todesmarsch getrieben. Zurück blieben lediglich schwerkranke Häftlinge und ein paar von dem Häftlingspflegepersonal.

Am 30. April 1945 erreichten sowjetische Truppen Fürstenberg und befreiten die verbliebenen Insassen. Die Häftlinge auf dem Todesmarsch wurden bis zum 3. Mai 1945 von sowjetischen Einheiten eingeholt und ebenfalls befreit. Mitglieder des SS-Wachpersonals und Aufseherinnen wurden nach Kriegsende von den Alliierten festgenommen und von 1946 bis 1948 in den Hamburger Ravensbrück-Prozessen vor Gericht gestellt. Wo sie Tante Resi aufgegriffen haben, weiß ich nicht; sie wurde im Februar 1947 zu 10 Jahren Haft verurteilt und schon nach 5 Jahren wieder freigelassen. Sie lebte dann noch ein paar Jahre in der Nähe von Bremen und soll an einem Hirntumor gestorben sein. Ihr Klavier stand noch bis '55 im Wohnzimmer meiner Großeltern in Bördeleben und wurde dann von ihrer Tochter Anne weggeholt, was ich nicht bedauerte, weil ich nach dem Tod von Zippi nie wieder darauf gespielt hatte.

Als ich 1966 die „Ermittlung“ von Peter Weiss im Fernsehen sah, wollte ich auch ein Theaterstück schreiben, in dem meine Tante Resi und meine Oma Rosi sich in einem Prozess mit Erna Adamski auseinandersetzen sollte. Ich kam aber über einige Notizen und Pläne nicht hinaus und verwarf den Plan schon 1967, weil ich keine Möglichkeiten sah, das „Oratorium in drei Gesängen“ auf einer Marionettenbühne angemessen aufzuführen.

Und als der Krieg zu Ende war, da vergewaltigten russische Soldaten die Almut und machten ihr den Gerhard. Und die Anne ließ sich mit einem Helmut ein, der auch so ein Ohrfeigengesicht hatte wie ihr Vater, der schwängerte sie mit dem Bert und ließ sich nicht mehr sehen. Dann ließ die Lolo den Dieter in ihr Mädchenzimmer, und der zeugte mit ihr die Ute. Und einmal trafen sich Almut, Lolo und Anne im Hause von Oma Rosi und Bert und Ute wurden auf Gerhards Ballonreifenroller gestellt und fotografiert.

 

Am selben Abend fand ich zwei Bilder in der Kiste, auf denen ein schönes Mädchen zu sehen war, das ich nicht kannte. Auf dem einen Bild saß sie allein in einem Garten, auf dem anderen war sie zusammen mit meiner Mutti zu sehen. Die beiden Mädchen standen nebeneinander und hielten sich hinter den Rücken mit den Armen umschlungen. Die Köpfe hatten sie leicht gegeneinander geneigt und blickten mich an. Das Mädchen links neben meiner Mutti hatte kräftiges dunkles Haar, das über der Stirn gescheitelt und zu einem Zopf geflochten war. Um den Hals trug sei eine kurze Kette aus schwarzen Perlen. Der Zopf fiel über ihre rechte Schulter, hing zwischen den beiden Mädchen herab und bedeckte die rechte Brust mit dem leichten Sommerkleid, das meine blonde Mutti trug. Sie blickte mich forsch an und hielt in ihrem linken Arm einen Strauß mit Vergissmeinnicht. Das andere Mädchen fasste ganz zart mit ihrer rechten Hand nach den Blumen.

Auf dem anderen Bild guckte das Mädchen mich aus großen dunklen Augen traurig an, oder vielmehr, sie blickte an mir vorbei oder ihr Blick verlor sich in meine Richtung. Sie war schön, schön wie meine schöne Mutti, aber dabei ganz fremd. Nicht so blond und hell, vielmehr dunkel und rätselhaft. Auch auf diesem Foto trug sie ihre Perlenkette und ich hatte das Gefühl, als steckten in ihren großen dunklen Augen auch so schöne Perlen. Ich nahm das Foto mit dem fremden Mädchen, suchte meine Mutti, fand sie auf dem Rasenplatz im Garten und fragte, wer die Tante sei.

Meine Mutti nahm mir das Foto weg, betrachtete es nur kurz und sagte, ach! Rebecca.

Wer Rebecca sei, wollte ich wissen. ‒ Eine Schulfreundin.

Wo sie wohne. ‒ Das wisse sie nicht.

Wann sie sie zum letzten Mal gesehen habe. ‒ Das sei schon lange her.

Wo das gewesen sei. ‒ Ach, das war damals.

Wann damals? ‒ Und meine Mutti erzählte, blickte mich dabei aber nicht an.

Rebecca, sagte sie, sei ihre engste Freundin gewesen. In der Schule hätten sie zusammen in einer Bank gesessen. Und zusammen spazieren gegangen, und gegeneinander Tennis gespielt, das haben sie oft. Und dann war Rebecca verschwunden. Sie kam einfach nicht mehr in die Schule.

Und wo sie abgeblieben sei? ‒ Das habe sie nicht gewusst.

Ob sie denn niemand gefragt habe. Ihre Eltern vielleicht? ‒ Nein, das waren feine Leute, da fragte man nicht. Aber einmal habe sie sie noch gesehen. Das war in Sudenburg, da standen viele Menschen auf der Straße mit ihren Koffern. Und dabei sei auch Rebecca gewesen und ihre Eltern. Und sie habe sich gewundert, weil sie ihren Wintermantel angehabt hat, wo es doch ‒ wie jetzt ‒ Sommer gewesen war. Und sie sei hin gegangen und habe sie angesprochen: Rebecca! Aber sie habe sich weggedreht, als wolle nicht mit ihr sprechen. Ja, so seien sie gewesen, die Juden. Dabei habe sie ihr doch gar nichts getan.

Ich wollte das Bild wiederhaben, aber meine Mutti gab es mir nicht und ging ins Haus.

Am Abend holte ich das andere Foto aus der Kiste, auf dem Rebecca meine Mutti umarmte und zeigte es Kasperl. Dabei erzählte ich ihm von dem Gespräch. Er sagte lange nichts.

Dann vernahm ich seltsame Laute, wie ich sie noch nie von ihm gehört hatte. Zuerst leise, dann immer lauter drangen Worte aus ihm hervor, die ich nicht verstehen konnte.

Was für eine Sprache das sei, fragte ich, aber er antwortete mir nicht, wiegte nur seinen Kopf hin und her.

Dann sagte er: „Wir wollen tanzen. ‒ Lass uns einen Tanz aufführen.“

„Tanzen“, fragte ich, „warum denn tanzen? Hat Tante Rebecca denn gern getanzt?“

„Alle Mädchen tanzen gerne“, sagte er, „und wir wollen zu einem Pas de mort aufspielen.“

„Wer soll tanzen?“, fragte ich, „Tante Rebecca mit meiner Mutti?“

„Nein“, sagte er, „wir müssen einen Totentanz aufführen. Mach uns mal ein paar Drachen.“

„Drachen? Wie viele denn?“

„Wir brauchen viele Drachen. Die sollen unsere Zuschauer sein.“

„Und wie groß? Müssen sie richtig fliegen können?“

„Kleine Drachen reichen, so groß wie die Blätter von deinem Zeichenblock. Bühnendrachen eben. Und du kannst ihnen Gesichter malen.“

Ich faltete die Papierbögen zu doppelten Rhomben, malte ihnen Gesichter mit großen aufgerissenen Augen, damit sie besser sehen konnten, wenn wir unter ihnen tanzten, band ihnen Troddeln an als Ohren und knüpfte für jeden aus zusammen gedrehten Papierstücken einen langen Schwanz, den ich am unteren Ende befestigte.

Dann ließ Kasperl die Drachen steigen und die guckten mit ihren aufgerissenen Augen erstaunt auf unsere kleine Bühne, auf die wir allerlei Dinge gestreut hatte: Eine weiße Bluse, Haarkämme, einen Papierblumenstrauß, viele bunte Knöpfe, sieben Gänse aus Zinn, zwei Jungmädchenbücher von Spyri, hölzerne Wäscheklammern, einen alten Nylonstrupf mit trockenen Walnüssen, Gummiringe von Einweckgläsern.

Wer denn diesmal zuschauen soll, fragte ich Kasperl. „Nur Rosi, Resi und Rita“, sagte er. Ich kramte eine Zigarillokiste hinter dem Bauernhof hervor und holte die drei Puppen heraus. Die hatte mir die alte Frau Hilliger geschenkt, als ich einmal das große Puppenhaus angucken durfte, das sie auf dem Boden ihres Hauses am Dorfteich aufbewahrte. Und weil ich von der Pracht des alten Spielzeugs so fasziniert war und mich gar nicht trennen konnte, hat sie mir zum Schluss etwas in die Hand gedrückt. „Mit diese drei Puppen håm mål Rosi, Resi und Rita gespielt, als se noch Freundinnen von mir wårn“, sagte sie. „Kannste mitnehm‘n, zeig‘ se aber nich der Rosi!“ Die drei setzte ich auf unsere Zuschauergalerie.

Kasperl bat um Ruhe, ließ mich das Licht ausschalten, sagte dann in die Dunkelheit hinein: Fiat lux! Ich drehte den Lichtschalter neben der Bodentreppe und wir konnten unsere Bühne sehen und das Gerümpel rings herum.

Zuerst geschah nichts. Dann trat der Tod auf und zertrampelte mit seinen Knochenbeinen alles, was wir auf die Bühne gelegt hatten, die weiße Bluse, die Haarkämme, den Papierblumenstrauß, die vielen bunten Knöpfe, die sieben Gänse aus Zinn, zwei Jungmädchenbücher, die Wäscheklammern, den alten Nylonstrumpf mit trockenen Walnüssen und die Gummiringe. Und alles wurde zu braunem Staub auf dem Bühnenboden, zur Asche unseres Pas de mort.

Der Tod aber war ein Knochenmann, den ein schwarzer Umhang notdürftig umflatterte. Viermal kam der Tod mit der Trompete, die hatten wir aus Zeitungsblättern gerollt und er hielt sie schräg empor und blies sein schrilles Signal in die Luft. Und zweimal erschien der Tod mit Trommeln, die kündeten dumpf von seinem Kommen und von seiner Herrschaft. Einmal kam er mit einer Geige und fiedelte gar lustig, aber ich konnte keine Melodie erkennen. Und wieder kam der Tod und jetzt krönten ein Paar weiße Flügel seinen schwarzen Umhang und er spielte mit knochigen Spinnenfingern auf meiner Blockflöte das Lied: Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün. Aber der Staub auf der Bühne blieb braun und alles war verdorrt. Und noch viermal kam der Tod in schwarzem Umhang und sie traten zu dem mit den Flügeln und alle, es waren jetzt zwölf, umringten Kasperl Larifari. Und meine zwölf Drachen sahen alles mit ihren aufgerissenen Augen und sperrten vor Entsetzen ihre Mäuler auf. Und auch die drei Puppen starrten auf die Bühne und sagten nichts.  

„Mit wem tanzt der Tod?“, fragte ich Kasperl. „Mit Tante Rebecca und mit meiner Mutti?“ Und ich hielt ihr das Bild hin, das die beiden Mädchen zeigte.

„Mit der Jüdin, nur mit der Jüdin“, sagte Kasperl.

Da riss ich das Foto genau in der Mitte entzwei und der Zopf, der die rechte Brust meiner schönen Mutti bedeckte, trennte Rebecca von ihrer Freundin. Rebecca gab ich Kasperl, der als Leierkastenmann zwischen den zwölffachen Tod getreten war und an einer Orgel drehte. Es hub ein Kreischen und Brüllen an und ich konnte nichts verstehen, stellte mir aber vor, dass er „Ach, du lieber Augustin“ spielte. Er nahm das Foto und steckte es in den Leierkasten, drehte und drehte, und sein Gesicht wurde bleich und spitz, seine Finger glichen Krallen. Ich ergriff seine rechte Hand und wir tanzten den pas de Mort, ich weiß nicht mehr wie lange. Irgendwann spie der Kasten die Foto aus, Kasperl ließ mich los, gab mir den Teil, von dem mich Tante Rebecca mit ihren Perlenaugen ansah, warf den anderen Teil  mit meiner schönen Mutti zu den Drachen empor, schlug die Trommel des Todes und ich drehte mich mit Rebecca im Kreis, konnte dem Blick ihrer dunklen Perlenaugen nicht ausweichen, wollte mich in ihren unendlichen Tiefen verlieren und ich sah den Tod um uns herumtanzen, zwölffach stampften die Knochenbeine den braunen Staub auf der Bühne, da entglitt mir Rebecca, das Foto sank zu Boden und wurde zu Staub zertanzt, zu braunem Staub von stampfenden Knochenbeinen. Dann wurde es still. Kasperl aber weinte und ich weinte noch lange mit ihm.

 

 

Mein erster Schultag