Mein erster Schultag

  Vedi Napoli e poi muori!

 

Hereinspaziert! Hereinspaziert! Damen und Herren, hereinspaziert! Hier wird Ihnen was vorgelacht, aber Sie werden nicht ausgelacht. - Damen und Herren! Treten Sie ein! - Sie da! Ja, Sie mit den roten Segelohren. Kommen Sie. Hier wird Ihnen die Welt erklärt. Hier vergeht Ihnen das Lachen. Gleich am ersten Schultag wirft Ihnen der alte Helmecke sein Beil an den Kopf, aber keine Angst, ein Scheit steckt noch auf der Schneide; Sie riskieren nur einen Schneidezahn. Dann lernen Sie Lesen und Schreiben und werden von einem volkseigenen Kasper aus Sachsen mit der sozialistischen Moral bekannt gemacht. Wenn Sie dieser Versuchung widerstehen, applaudiert Ihnen ein großer Freundeskreis.

 

Vorhang auf für meinen ersten Schultag!

Mein erster Schultag ließ sich nicht vermeiden. Lesen konnte ich bereits, das hatte ich mir mit Hilfe meines Opas selber beigebracht und befand mich schon seit einem dreiviertel Jahr auf der unendlichen Abenteuerreise ins Land der Fantasie. Ich hatte mit Robinson Crusoe trotz starken Wellengangs den rettenden Strand erreicht, danach die wichtigsten Werkzeuge und Lebensmittel in letzter Minute vom Wrack gerettet und eine sichere Höhle gefunden, die wir gemeinsam wohnlich einrichteten und gegen wilde Tiere befestigten. Im Garten hinter dem Haus meiner Großeltern hatten die meisten meiner spannenden Expeditionen und Weltreisen stattgefunden; hier waren die hohen Berge Zentralasiens, auf die es zu klettern galt; die weiten Steppen Afrikas mit den wilden Löwen und den großen Elefanten; die gefährlichen Jagdgründe der nordamerikanischen Indianer, durch die man nur mit allergrößter Vorsicht reiten durfte; hier lebten auch meine Freude, die großen Abenteurer und Entdecker. Und es gab die endlosen Weltmeere, die mit Segelschiffen erobert werden mussten oder – wenn ein paar Jahre später Jules Verne mit von der Partie war – auch mit hochmodernen Dampfschiffen befahren werden konnten. Sogar im Winter, wenn alle Blätter abgefallen waren und die Bäume ihre Zweige wie Gerippe in den fahlen Himmel streckten, machte ich mich in meinem Garten auf, um an einer Reise zum Südpol teilzunehmen oder um mit der Nanga-Parbat-Expedition einen eisbedeckten Bergriesen im Himalaja zu bezwingen.

Aber mein Opa sagte, man könne in der Schule noch mehr lernen als Lesen, denn mit dem Schreiben tat ich mich noch schwer, und dann gäbe es da noch Rechnen und andere Fächer, von denen ich mir bisher keine Vorstellung gemacht hätte. Und meine Oma sagte kategorisch: „Der Junge muss in die Schule! Basta und Punktum!“

Also wurde ich eines Morgens sauber gewaschen und gekämmt mit meinem neuen Ranzen auf den Weg geschickt. Die Schule lag nur ein paar hundert Schritte um den Block entfernt, und in der Planke, die meinen Garten vom Schulhof trennte, war sogar eine hölzerne Pforte eingelassen, die meine Oma ausnahmsweise einmal aufgeriegelt hatte. Sie war gehbehindert und konnte nicht weiter mitkommen, drückte mir aber eine große Schultüte in den Arm, die ich dann mit einiger Mühe über den grau-bekiesten Schulhof zum Eingang des alten Backstein-Gebäudes schleppte, wo ein Schwarm aufgeregter Mütter mit ihren Kindern summte, wie ich es sonst nur mit den Bienen meines Opas erlebt hatte, wenn sie an schwülen Sommertagen ausschwärmten und sich zu Tausenden im Kirschbaum niederließen.

In der wuselnden Menge erkannte ich einige Kinder, blieb aber am Rand des Geschehens stehen, wartete, bis ein alter Mann meinen Namen aufrief und gesellte mich zur Klasse 1b. Wir mussten uns in Zweierreihen aufstellen, wurden dann ins Gebäude geführt und gingen in unseren neuen Klassenraum. Vorne stand ein Pult und hinten an der Wand hingen Bilder von Stalin, Pieck und Grotewohl, die streng auf uns herabblickten.

Ich setzte mich ganz hinten in die rechte der drei Bankreihen neben Peter Meinecke, der auch bei seiner Oma wohnte. Wir kannten uns vom Versteck-Spielen am Dorfteich und er sagte grinsend, indem er nach hinten zeigte: „Pieck und Grotewohl/ Kloppen sich um Sauerkohl/ Sauerkohl is knapp/ Und du bis app!“ Ich antwortete: „Caterina Valente/ hat 'nen Arsch wie 'ne Ente/ Hat 'nen Maul wie 'ne Kuh/ Und aus bis du!“

Mindestens vierzig aufgeregte Mütter begluckten ihre Kinder. Meine war nicht dabei, denn sie wohnte weit weg im Westen, von wo aus sie mir gelegentlich Bananen, Schokolade und Autos schickte, auf denen „Made in Western Germany“ stand und mit denen ich vor meinen Spielkameraden mächtig angeben konnte. Meine Eltern waren mit mir ein Jahr zuvor „rüberjemacht“, hatte mir aber nach drei Monaten ein Schild um den Hals gehängt, auf dem mein Name stand und die Adresse meiner Großeltern. Seit einigen Monaten bekam ich regelmäßig von meiner Mutti das Micky-Maus-Heft geschickt und war bereits damals begeisterter Donald-Duck-Fan.

Endlich verwies Lehrer Wastrack alle Mütter des Klassenzimmers, ließ ein Mädchen ihre Schultüte hochheben und malt deren Umrisse mit langen Kreidestrichen an der Tafel nach. Dann drehte er die Zeichnung um, fügte im oberen Teil einen Querstrich hinzu und sagt: „Das ist ein A.“ Danach malte er zwei umgekehrte Schultüten links vom A und sagt: „Das ist ein M.“ Karla Braune dreht sich zu mir um und sagt: „AA“, dann streckte sie mir die Zunge raus. Wir mussten beide Buchstaben im Chor wiederholen. Danach malte Lehrer Wastrack noch drei Schultüten und las uns vor: „MAMA.“ Und wir riefen: „Mama, Mama, Mama!“ Da wurde die Tür aufgerissen, aber unser Lehrer beruhigt die herein quellenden Mütter wieder: „Ihr müsst draußen bleiben!“ – „Wie die Hunde beim Fleischer Heynecke“, grinste Udo, der am Denkmalplatz wohnte. Wir lachten, denn wir nannten unsere Mamas „Mutti“. Dann mussten wir unsere Schiefertafeln und die Griffel aus den Ranzen holen und alles von der Tafel abmalen. Als Hausaufgabe sollten wir die ganze Schiefertafel voller MAMAs malen. So lernte ich unter Stalins strengen Augen das Schreiben.

Dann durften wir unsere Sachen einpacken und es wurde ein Klassenfoto gemacht. Ich fragte Karla: „Kommste nachher auf'n Denkmålplatz?“ Karla streckte mir die Zunge raus. Als das Foto fertig war, nahmen alle Muttis ihre Kinder wieder mit nach Hause. Sogar Peters Oma war da, nur ich trottete ohne Mutti alleine zum Haus meiner Großeltern zurück. Dort tröstete ich mich mit dem Inhalt meiner tiefen Schultüte, die mir meine Mutti aus dem Westen geschickt hatte und den ich besonders schätzte, nachdem mir Frau Helmecke auf dem Hof verraten hatte, dass in den meisten Schultüten meiner neuen Klassenkameraden unten Kartoffeln drin waren und „oben druff nur ‘nen påår Bollchen, weil Süßes inne Zone so teuer is“. In meiner fand ich feine Katzenzungen und Mandelsplitter-Schokolade.

Meine Lehrer gaben sich große Mühe, mir etwas Ordentliches beizubringen, nur meine Freunde, die großen Abenteurer und Entdecker, fand ich dort nicht. Aber wenn die Schule aus war und ich eilig meine Hausaufgaben gemacht hatte, dann vergaß ich die Lehranstalt und stürzte mich mit voller Wucht in ein neues Abenteuer. Dazu nahm ich manchmal auch Schulkameraden mit, zuerst nur Peter und Wolfgang, der schon die dritte Klasse besuchte, später auch Karla, als sie mir nicht mehr die Zunge rausstreckte.

Mein Opa hatte mich auf den Unterricht vorbereitet. „Ich habe dir erklärt“, sagte er, „dass der Engländer James Watt die Dampfmaschine erfunden hat.“ Ich nickte. „In der Schule aber wird man es dir anders beibringen. Merke dir Folgendes: Die Russen sind jetzt unsere Freunde. Sie sagen: 'Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.' Daher wird man dich unterweisen, dass die Dampfmaschine von dem Russen Wladimir Puffpuff erfunden wurde.“ Ich nickte wieder und sagte: „Die Dampfmaschine hat Wladimir Puffpuff erfunden.“ „So ist es recht“, sagte mein Opa, „denn Mitschurin hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält. Darum gibt‘s in der dritten Dekade auf die Marken statt Margarine nur Marmelade.“ Und er sang mit mir das Lied der FDJ „Jugend Erwach!“ Den Refrain konnte ich bald mitsingen:

 

Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf,
Freie Deutsche Jungend, bau auf.
Für eine bessre Zukunft
Richten wir die Heimat auf!

 

Ich habe in der Schule nichts von einem Russen Puffpuff gehört, aber ein Gedicht aus dem Lesebuch gelernt, das meine spätere Berufswahl beeinflussen sollte:

 

Mein Bruder ist ein Traktorist
in einem Dorf in Sachsen,
er leistet, was nur möglich ist,
damit die Halme wachsen. –

Er rechnet oft und überlegt:
Kann ich’s noch besser machen?
und wie er seinen Traktor pflegt –
das Herz kann einem lachen!

Er kämpft dafür, dass Frieden ist,
mit starken Eisenpferden.
Mein Bruder ist ein Aktivist!
Und ich will einer werden.

 

Ab jetzt wollte ich Aktivist werden.

Am Nachmittag spielen Erwin, Udo, Ulrich, Karla und ich Verstecken auf dem Denkmalplatz; wir zählen ab: „Ene mene mopel, wer friss‘ Popel? Süß und saftich, eene Mark und achtzich, eene Mark und zehn, und du muss‘ jeh'n!!“ Erwin versteckt sich mit mir auf unserem Hof. Der alte Helmecke ist dabei, Feuerholz zu hacken. Ihn stört es, dass wir Jungen uns hinter die Aschentonne ducken. Erwin streckt ihm die Zunge heraus. Darum wirft Helmecke mit dem Beil nach uns und trifft Erwin. Dem fehlt nun ein Schneidezahn und er muss meine Oma beruhigen, die gleich angehumpelt kommt: Am Beil steckt zum Glück noch der Holzscheit. Aber das Spiel ist aus; sie schickt Erwin nach Hause, damit ihm seine Oma das blutende Gesicht versorgen kann, und ich muss reinkommen. Als sich die Familie wieder einigermaßen beruhigt hatte und ich Kasperl abends davon erzählte, sagte er trocken: Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.

 

Zum Weihnachtsfest 1953 erschien ein anderer Kasper mit seiner Sippschaft, die meinem Kasperl aber keine ernsthafte Konkurrenz machen konnten. Als meine Bescherung an der Reihe war und meine Oma mich durch das Klingeln einer kleinen Glocke ins Wohnzimmer rief, sah ich es sofort. Ein hohes Handpuppentheater ragte neben dem brennenden Baum empor. Es waren bunt bemalte Holzlatten, die mit Karton bekleidet ein Theater darstellten. Über der Spielleiste hingen die Akteure, die schweren Köpfe nach vorn gerichtet, wurden sie nur von ihren Kostümen am Runterfallen gehindert.

Mein Opa zeigte mir, wie man es macht. Zuerst nahm er die Puppen von der Leiste und stellte sie mir vor. Kasper hieß der mit der langen Hakennase und dem frechen Grinsen. Seinen Kopf zierte eine Zipfelmütze und unterm Arm klemmte eine Pritsche. Sie war aus gespreizten Holzstäben gemacht und klatschte, wenn man damit auf etwas Festes schlug.

Dann war da das Gretel, Kaspers Freundin, die hatte einen goldenen Zopf. Beide wurden von der Großmutter beaufsichtigt, einer alten Frau, deren Gesicht mich an Oma Sudenburg erinnerte. Kaspers Freund war der Sepp, ein ziemlich dämlicher Kerl, der ihn alle Zeit begleitete. Das waren die Guten. Die Fraktion der Bösen wurde von einer Hexe, einem Räuber, dem Teufel und einem Krokodil dargestellt.

König, Königin, Prinzessin und Prinz gab es nicht. „Die werden von der Arbeiter- und Bauernmacht nicht mehr geduldet“, sagte mein Opa, denn er hatte die Puppen bei einem Holzschnitzer in Sachsen bestellt, der sich auf die neue Zeit einstellen musste. Damit die Guten in der Überzahl waren, holte mein Opa noch eine neunte Puppe hervor, das war der Volkspolizist. Er sorgte als Vertreter der Staatsmacht für Gerechtigkeit, indem er den Räuber verhaftete, während Kasper das Krokodil und die Hexe mit seiner Pritsche totschlagen durfte. Den Teufel konnte man nicht einfach totschlagen, aber ein paar heftige Streiche mit der Pritsche und das Zauberwort Perlicke - Perlacke reichten aus, um ihn so oft im Boden zu versenken, bis er sich nicht mehr herauf traute.

Die Köpfe waren grob aus Lindenholz geschnitzt, unten im Hals war ein Loch gebohrt für den Zeigefinger. Die Kleider bestanden aus Stoffschläuchen, die unten am Hals festgenagelt waren und die Löcher für Daumen und Ringfinger ließen, die in plumpen Holzfäustlingen endeten. Unten baumelten schwarze Holzfüße daran. Bei der Gretel fehlte der rechte Fuß, vielleicht war sie wie Helga bei der Demonstration gegen das SED-Regime in Leipzig von einem Querschläger verwundet worden.

Um beim Spielen verdeckt zu sein, musste ich hinter dem Theater knien und konnte dann jeweils zwei Puppen über der Spielleiste erscheinen lassen. Lange kann man sie nicht hochhalten, denn die Arme werden schnell lahm und die kniende Haltung ist sehr anstrengend. Da lobte ich mir doch mein Marionettenspiel, das viel weniger anstrengend war als diese wilde Handpuppenbande.

Das Krokodil wies eine besondere Konstruktion auf. Sein langer Unterkiefer war aus Holz geschnitzt, während der Oberkiefer nur aus Pappmaché bestand. Beide Teile wurden seitlich durch zwei Splinte zusammengehalten, denen mein Onkel nach kurzer Inspektion keine lange Lebensdauer voraussagte. Sein Körper bestand ebenfalls aus einem Stoffschlauch, war grün und mit einem gezackten roten Band benäht.

Dass Kasperl diese Bande als wirkliche Konkurrenz betrachtet hat, glaube ich kaum. Ich fand bald heraus, dass man mit Kasper & Co. auf der Spielleiste keinen Staat machen konnte. Den ganzen Weihnachtsabend hielt ich ihn und seine Leute auf Trapp, aber bereits am nächsten Morgen blieb die ganze Mannschaft kopfüber an den dafür an der Unterseite der Spielleiste eingeschlagenen Nägeln hängen und ich besuchte meinen hölzernen Freund auf dem Dachboden.

Als ich ihm von den Ereignissen des letzten Abends erzählt hatte, ermunterte er mich, ihm die Neuankömmlinge vorzustellen. Ich packte also die ganz Bande an ihren Kleidern und schleppte sie über die steile Treppe des alten Hausflurs hinauf zu unserem Boden. Dort inspizierten wir die Leute aus Sachsen und ließ sie vorsprechen. Es war erbärmlich! Ich gebe hier nur ein paar Ausschnitte:

 

Man hört dumpfe Schläge auf eine Trommel.

Kasper (tritt auf): Was wird denn nu? So eene Bumserei!

Es trommelt weiter.

Kasper: Seit ihr gleich stille, ihr dahinten! Ruhe! Ruhe! Ich verlange sofort Ruhe! Sofort auf der Stelle, ganz schnelle!

Polizist (kommt): Haha, der Kasper. Dich suche ich, und da bist du ja.

Kasper: Jawohl, da bin ich, Herr Wachtmeester. Sie komm‘ mir grade wie gerufen – grade wie bestellt. Hör’n Se sich nur mal das Gebummsere da an! Das hält doch keener aus!

Polizist: Weißt du auch, was das ist, Kasper?

Kasper: Da wird gewiss ein Schützenfest gefeiert oder es wird Feuer im Dorf sein oder gar Hochzeit!

Polizist: Nein, mein Lieber, nichts von dem! Das sind unsere Aktivisten. Die proben zum Aufmarsch.

Kasper: Warum müssen denn die den Abwasch probieren? Können se das nich von alleene?

Polizist: Ach Kasper, nicht Abwasch, sondern Aufmarsch. Auch wird die FDJ am Aufmarsch zum 1. Mai teilnehmen.

Kasper: Äffdejot? Was ist denn das nu wieder?

Polizist: Das ist doch die Freie Deutsche Jugend. Du weißt auch gar nichts.

Kasper: Achso. Aufmarsch am erschten Mai? – Das ist doch een Feiertag, an dem wir ordentlichen Braten essen und Bier trinken. Da solln doch die Großmutter und das Gretel den Abwasch einfach stehn lassen.

Polizist: Am 1. Mai wird das ganze Dorf auf den Beinen sein. Die Bauern schmücken ihre Leiterwagen mit Birkengrün und Girlanden und ziehen sie mit Traktoren zum Dorfplatz. Da hält der Bürgermeister eine Rede.

Kasper: Was red‘ der Kerl denn da?

Polizist: Er sagt: „Die Bauern helfen den Arbeitern, die Arbeiter helfen den Bauern. Arbeiter und Bauern sind gute Freunde.“

Kasper: So. − Mmmmhh. Und was sonst noch?

Polizist: Dann gibt es Kaffe und Kuchen und es wird getanzt.

Kasper: Ja, könn‘se denn nich gleich Kuchen trinken und Kaffee essen?

Polizist: Nein, Kasper. Wir alle müssen doch hinaus zum 1. Mai!

Kasper: Wir alle? Auch der Sepp, die Großmutter und die Gretel?

Polizist: Natürlich. Alle müssen mit. Das ist die neue Zeit!

Kasper: Nee, nee! Das is nix für mich. Da mach ich nicht mit, ich wees schon, was ich tue. Ich verstecke mich im Dorfkrug und trinke een paar Bembel Bier.

Polizist: Da muss ich dich verhaften!

Kasper: Was heest’n das nun schon wieder? Hier kommt doch jeden Oogenblick wieder was Neues.

Polizist: Ja, Kasper, die neue Zeit. Wenn du nicht mit willst, muss ich Gewalt anwenden. Jetzt geht es andersrum!

Kasper: Andersherum? Meinetwegen. Ich geh hierum! Leb wohl! (will ab.)

Polizist: Halt, Kasper! Oder ich schieße!

Kasper: Du − das ist doch verboten! Der Spaß kann dir teuer zu stehen kommen. Und ich bin doch ooch keen Hase und ooch keen Ziegenbock, den man so mir nischt, dir nischt wegknallt.

Polizist: Du bist aber verdächtig!

Kasper: Was heest’n das nun schon wieder?

Polizist: Du bis verdächtig, es mit den alten Kriegstreibern und Revanchisten in Westdeutschland zu halten.

Kasper: Fällt mir doch gar nicht ein mit die ollen Kerle! Wer hat denn den Quatsch uffgebracht? (singt.)

Alles, was jung is,
liebt Kaspers Hänschen
die jungen Mädchen,
die jungen Gänschen.

Polizist: Du bist angeklagt, mit deinen Späßen die Arbeiter und Bauern zu verdummen.

Kaper: Aber nee, das hat mir noch keener gesagt! Das geht über meine Verstehste!

Polizist: Die neue Regierung der Arbeiter- und Bauernmacht wird es dir schon klar machen. Also marsch – ab zum Verhör!

Das Trommeln ist lauter geworden; Großmutter, Sepp, Gretel und der Tod marschieren auf. Sie alle tragen blaue Hemden.

Kasper: Großmutter, Großmutter, du musst mir helfen!

Großmutter: Was gibt es denn, Kasperlein? Was hast du denn auf dem Herzen?

Kasper: Ach, denk mal, ich soll abgeführt werden!

Großmutter: Abgeführt werden? Das geht aber nicht, Herr Polizist!

Polizist: Und warum nicht, wenn ich fragen darf, Frau Großmutter?

Großmutter: Weil der Kasper mit hinaus zum 1. Mai muss.

Polizist: Das habe ich ihm doch die ganze Zeit schon gesagt, aber er will nicht.

Großmutter: Du willst nicht, Kasper? Ja, warum denn das nicht?

Gretel: Kasper, schau, ich habe dir etwas mitgebracht. (tritt vor.)

Kasper: Was ist das denn für eine Serviette?

Gretel: Das ist dein neues blaues Hemd. Du bist jetzt bei der Freien Deutschen Jugend und marschierst mit uns mit!

Sie hängt ihm das Hemd über.

Kasper: Ja, was machte denn da? (er würgt.) − Willst du mich denn erwürgen?

Gretel: Nein, lieber Kasperl. Ich will dich nur einreihen in die Abteilung „Perlicke – Perlacke“ der sächsischen FDJ. Freundschaft!

Alle: Freundschaft!

Kasper: Aber da soll doch der Blitz dreinschlagen! Da steht ihr alle wie Moppel und guckt dämlich aus der Wäsche.

Seppel: Die alte Ordnung ist untergegangen und wir bauen alles wieder auf. Da kannst du dich doch nicht ausschließen, Kasper!

Kasper: Auch du, mein Sohn Sepp!

Sie formieren sich um Kasper und den Polizisten, die Trommel setzt wieder ein.

Alle singen

Jugend, erwach, erhebe dich jetzt, die grausame Nacht hat ein End.
Und die Sonne schickt wieder die Strahlen hernieder vom blauen Himmelsgezelt.
Die Lerche singt frohe Lieder ins Tal, das Bächlein ermuntert uns all.
Und der Bauer bestellt wieder Acker und Feld, bald blüht es überall.

Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf,
Freie Deutsche Jugend, bau auf,
Für eine bessr'e Zukunft
richten wir die Heimat auf.

Großmutter

Wir FDJ-ler kämpfen für die Erhaltung der Einheit Deutschlands. Und wofür kämpft ihr?

Gretel

Wir FDJ-ler kämpfen für die aktive Teilnahme aller Jugendlichen beim Wiederaufbau des Vaterlandes. Und wofür kämpft ihr?

Teufel

Wir FDJ-ler kämpfen für die Gewinnung der deutschen Jugend für die großen Ideale der Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokratie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft. Und wofür kämpft ihr?

Sepp

Wir FDJ-ler kämpfen für die Schaffung eines neuen Deutschland, das der Jugend das Mitbestimmungsrecht durch aktive Teilnahme an der Verwaltung des öffentlichen Lebens einräumt. Und wofür kämpft ihr?

Räuber

Wir FDJ-ler kämpfen für die Schaffung eines neuen Deutschland, das allen Jugendlichen ohne Unterschied ihrer Herkunft, des Vermögens und des Glaubens eine gute Berufsausbildung, Zutritt zu allen Bildungs- und Kulturstätten, gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit, ausreichenden Urlaub und Erholung sichert. Und wofür kämpft ihr?

Hexe

Wir FDJ-ler kämpfen für die Förderung von jugendlichem Zusammengehörigkeitsgefühl durch die Entwicklung aller Interessengebiete des Lebens; die Bildung von Arbeits- und Interessengemeinschaften sozialer, kultureller und sportlicher Art. Und wofür kämpft ihr?

Krokodil

Wir FDJ-ler kämpfen für die Förderung des Jugendwanderns durch alle Sümpfe und Tümpel der Republik. Und wofür kämpft ihr?

Tod

Wir FDJ-ler sagen allen Revanchisten und Kapitalisten den Kampf auf Leben und Tod an. Und wofür kämpft ihr?

Alle singen

Allüberall der Hammer ertönt, die werkende Hand zu uns spricht:
Deutsche Jugend, pack an, brich dir selber die Bahn für Frieden, Freiheit und Recht.
Kein Zwang und kein Drill, der eigene Will' bestimme dein Leben fortan.
Blicke frei in das Licht, das dir niemals gebricht. Deutsche Jugend, steh deinen Mann.

Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf,
Freie Deutsche Jugend, bau auf,
für eine bessr'e Zukunft
richten wir die Heimat auf.

Kasper: Na, und ihr da unten – ihr müsst ooch mitmachen. Einer gehört zum anderen, wenn so ein neues Deutschland funktionieren soll. Also passt mal hübsch uff! Seid ihr alle da?

 

An dieser Stelle gab es heftiges Ja-Rufen von Ochse, Esel, Schafen und Kuh, nur die Schweine und die Ziege enthielten sich aller Beifallskundgebungen und der Hofhund blickt betreten zu Seite. Bär und Mi hatte schon vor dem Ende der Darbietung der Bühne gelangweilt den Rücken gekehrt. Kasperl gefiel das Spiel ganz und gar nicht und deshalb wiesen wir der ganzen Truppe zunächst die Rolle als Zuschauer an. Die neun Neuen fügten sich und bildeten gemeinsam mit den beiden Amerikanern Bär und Mi das Publikum für unsere weiteren Inszenierungen, saßen auch gerne mit den Preußischen Zinnsoldaten zusammen und wurden bald auch für kleinere Rollen engagiert.

Immer wieder drängte Kasperl mich, für mehr Zuschauer zu sorgen, denn er war der Meinung, dass unsere Bemühungen für die Umerziehung in der Sowjetischen Besatzungszone eine größere öffentliche Aufmerksamkeit verdient hätten. Dafür war ihm aber der Kreis unserer Zuschauer viel zu klein. Diesem Mangel konnte ich eines Tages abhelfen, als ich im großen Kleiderschrank eine Pappschachtel fand, die sich bisher zwischen linker Tür und Seitenwand erfolgreich vor mir versteckt hatte. Ich zog sie hervor und ein grinsender Junge mit roten Wangen, der zwischen seinen geöffneten Lippen frech eine Zigarre paffte, versprach nicht nur viel Vergnügen mit dem Gesichterspiel, sondern behauptete auch, man könne durch Umlegen der Teile sechsundvierzigtausend Varianten erzielen. Da war nun aber doch sehr übertrieben.

In der Schachtel schlummerten sechsunddreißig bunt bedruckte Puzzelteile, die zusammengesetzt je sechs Kerle en face und sechs en profil ergaben; würfelte man sie durcheinander, so warteten exakt 432 Zuschauer darauf, auf ihre Plätze geführt zu werden. Diese Menge reichte uns übrigens in den nächsten Jahren völlig aus.

Um den antimilitaristischen Charakter unseres Theaters zu betonen, wurden die Zinnsoldaten in ihre Schachteln gesteckt und die Wehrmachtssoldaten stellte ich mit den Indianern auf den großen Schrank, von wo aus sie mir kritischen Blicken unsere Theaterarbeit verfolgten, ohne dass uns ihre oft provozierenden Zwischenrufe stören konnten. Mi, Bär und die Tiere vom Bauernhof nörgelten so lange, bis wir sie auch weiter unter den Zuschauern duldeten.

Es war ein lustiger Haufen, Bürger, Handwerker, Kaufmannsgehilfen, Suitiers und Säufer aller Schattierungen. Wir beschlossen, dass jeder von diesen Schachtelbewohnern ab sofort und ohne Abonnement freien Eintritt in unser Theater haben sollte.

 

Wo issn Adolf?“ – „Ja weßte denn nich? Adolf hat mit Helja rüberjemacht!“ –„ Åber die kennen doch keenen då drime.“ − „Is doch ooch ejal. Immer noch besser als hier inne Zone bei die Kommunissn.“ – „Kann Helja denn widder loofen?“ – „Se humpelt noch was, aber das Been is wedder heile. − Wårn schon hier un håm Fråjen jestellt. Ooch bei Paule uffe Baustelle. Ham aber nichs jefundn.“

Frau Tenkler, die vor ihrer Haustür stand und mit Frau Helmecke redete, die gerade aus ihrer Klotür getreten war, winkte mir zu: „Jert, komma her, ick heb wat für dir, kannse villeich brauch'n.“

Ich folgte ihr die zwei Stufen in den Hausflur hinein, von dem sie ins Wohnzimmer trat. Es roch muffig und ungelüftet, aber ich ging mit, weil ich mir die gern Fotos ansah, die unter der Glasplatte einer Kommode steckten.

Sie nahm ein kleines Modell vom Schrank, das den Kölner Dom darstellte, wie sie mir früher einmal erklärt hatte, „wåmer må vorm Kriech då, hat Adolf mit jespielt, braucher jetze nich mehr“, sie schluchzte und weinte dann eine zeitlang in ihre Schürze, während ich mir die Fotos unter der Glasplatte anschaute. Lauter fremde Gesichter blickten mich da feierlich und bedeutsam an; die meisten trugen Kleider, die man heute nicht mehr sah. Sie standen oder saßen mit fremdartigen Frisuren in ihren Sonntagskleidern vor Säulen und Vorhängen und hielten angestrengt still.

Frau Trenkler weinte noch immer und ließ mir Zeit, mich in die Fotos zu vertiefen. Dann zog sie ein paar bunte Hefte hinter einer Schublade hervor und gab sie mir. „Sind ooch von Adolf, kannste alle håben. Pass aber uff. Nach son Zeuch suchen die vonne Stååtssicherheit!“ Die acht Hefte hießen Tarantel, wurden damals aus Westdeutschland in die Zone geschmuggelt und waren unter meinen Freunden sehr beliebt, besonders wenn sie Karikaturen vom Spitzbart enthielten. Als ich sie Kasperl zeigte, blätterte der und lachte mal hier und mal da, aber so richtig schienen ihn die Texte und Bilder nicht anzusprechen. Schließlich legte er die Hefte beiseite und sagte zu mir: „Das könne wir beide besser, viel besser.“ Und er fantasierte los was das Zeug hielt und zählte mir auf, welche Stücke er auf unsere Bühne bringen wollte. 

“Und woher wissen wir, was wir da spielen sollen?”, fragte ich.

„Da schau mal in die große Kiste“, sagte er. Ich öffnete den Deckel und blickte in das Durcheinander von Fotoalben, Briefumschlägen, Broschüren und rostigen Aktenordnern.

„Da gibt es noch viel zu entdecken“, meinte er. „Da finden wir nicht nur Bilder, da gibt es auch Briefe und andere Sachen. Und dann müssen wir auch einmal in dem Wandschrank da unten neben der Treppe nachsehen, wer weiß, was da noch alles drinsteckt!“

Also wurde ich Archivist und sammelte, was mir in die Hände fiel und von dem ich glaubte, dass es mir und Kasperl Auskunft über meine Familie geben könnte.

 

 

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