Vedi Napoli e poi muori!

Mit der Haubitze nach Russland

 

Mein Vater aber wusste nicht, was er nach Abschluss der Mittelschule machen sollte. Da überredete ihn sein Großvater, der ein fähiger Elektriker war, doch Ingenieur zu werden. Bei Polte in Magdeburg absolvierte er ein zweijähriges Praktikum mit recht gutem Erfolg; dann übernahm die Wehrmacht die weitere Ausbildung und er wurde beim Pionierbataillon 60 in Holzminden mit den Grundzügen der Kriegskunst vertraut gemacht.

Als die Alliierten im Juli '43 auf Sizilien landeten, schickte man ihn nach Neapel, wo er und seine Kameraden auf die amerikanischen Soldaten warten mussten; die Zeit vertrieben sie sich, indem sie aus italienischen Militärdepots Zigaretten stahlen und mit ihrer Beute in einem Puff den Unterricht bezahlten. Dort wurden ihnen jene Techniken beigebracht, die einen Mann dazu befähigen, nach dem Krieg einen Sohn zu zeugen. Natürlich lernte er auch Brücken zu bauen, doch sobald der Rückzug der deutschen Armeen begann, wurde das Sprengen von Straßen, Eisenbahnverbindungen und anderer Infrastruktur zu seiner Hauptbeschäftigung. Mit seiner Einheit löste er die Aufgabe, Sperren zu errichten, um ein Nachrücken der alliierten Truppen zu erschweren. Zudem unterstützen sie die deutschen Truppenbewegungen, zumal den Rückzug, indem sie beschädigte Brücken reparierten.

Aber mein Vater nutze die Zeit auch dazu, sich zu bilden. Er beschloss Italienisch zu lernen und besorgte sich dafür ein Alfabetiere degli animali da colorare per bambini delle scuole elementari. Auf seiner Sprachreise durch Italien erzielen er mit dem vokalreichen Singsang des Südens innerhalb kürzester Zeit enorme Fortschritte. Denn nirgends lernt man die Sprache besser, als dort, wo diese auch gesprochen wird.

Doch nicht nur die Sprache interessierte ihn, auch die anregende Landschaft Mittelitaliens schien ihm der idealer Ort, um sich für die Herausforderungen des 20. Jahrhunderts in einer ganz erholsamen und stressfreien Umgebung vorzubereiten. Bella Italia ist ja seit eh und je das Ziel deutscher Sehnsüchte gewesen. Wir haben es in der Schule gelernt: Während im Mittelalter die Heereszüge der nördlichen Herrscher mit ihren Landsknechten den Hauptanteil der Italienbesucher ausmachten, gefolgt von den Pilgern nach Rom oder auf der Durchreise ins Heilige Land, gesellten sich im 17. Jahrhundert die Italienreisenden dazu, bei denen bereits das Bildungserlebnis im Vordergrund stand. Und nun bot die Deutsche Wehrmacht meinem Vater und seinen Kameraden die einmalige Gelegenheit, Italiens natürliche Schönheit, seinen Reichtum und sein historisches Erbe zu erkunden, und was das Beste war:  Man transportierte sie umsonst und bezahlte sie auch noch dafür.

Zwar heißt es, alle Wege führen nach Rom, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Oberitalien hielt es jedoch zunächst für besser, meinen Vater nach Neapel zu schicken. Dort waren die Italiener nämlich besonders stolz, ihm und seinen Kameraden ihre regionalen Sehenswürdigkeiten und Spezialitäten zu zeigen, und hießen alle herzlich willkommen. Mit Charme und Offenherzigkeit begegneten ihnen die Menschen im verträumten Licht und der üppigen landschaftlichen Schönheit des Garten Europas. Mein Vater ließ sich von der kulturellen Vielfalt bezaubern, die ihm Italien offerierte und er konnte auch Italiens hübschen Mädchen nicht widerstehen, die all die jungen Männer aus Germania bezauberten.

Und Rudi Schurike sang ihnen dazu das Neapolitanisches Ständchen:

 

O mia bella Napoli, wer Dich nur einmal sah,
O mia bella Napoli, der blieb gern ewig da
Wo dunkel die Zypressen stehn. Santa Lucia!
Wo blütenschwere Düfte wehn von sanften Höhn.
O mia bella Napoli, Du Stadt am blauen Merr.
O mia bella Napoli, mein Herz ist sehnsuchtsschwer.
In mir klingt eine Melodie, wo ich auch sei.
O mia bella Napoli, Dir bleib ich treu! 
 

Als er von dem kleinen Dorf Muori bei Neapel aus begeistert aber auch etwas beklommen dem letzten Ausbruch des Vesuvs zusah, beschlossen mein Vater und sein Freund Otto nicht zu sterben und lernten in den nächsten Monaten, auch die gefährlichsten Situationen, in die sie das Schicksal führen würde, heil zu bestehen. Sie gewöhnten sich, immer wieder sterbende, gefallene oder verwundete Soldaten zu sehen. Sie hatten Stollen in die Erde getrieben und hausten dort mit unzähligen Läusen. Infolge der unhygienischen Verhältnisse litten viele unter Durchfall. Da passierte es ihnen schon mal, dass sie den Tarnanzug nicht schnell genug aufknüpfen konnten und die Sache in die Hose ging.

Mein Vater absolvierte trotz solcher Misslichkeiten in einer Kraterlandschaft von den Bäumen ragten nur noch kurze Stümpfe empor viele Meldegänge unter Feindbeschuss zur Hauptkampflinie und blieb dabei unverletzt. Aber sein Freund konnte den Vorsatz von Muori nicht einlösen. Der Stahlhelm des Feldwebels wurde von einem Geschosssplitter durchschlagen und Otto starb in der Schlacht von San Pietro im Alter von 29 Jahren den Heldentod. Die trauernden Eltern veröffentlichten in der Zeitung eine Todesanzeige, auf der zu lesen stand:


Nach dem Krieg hätten sie den Ort, an dem ihr Sohn starb, durchaus sehen können, denn der amerikanische Regisseur John Huston drehte unmittelbar nach Beendigung der Schlacht einen Dokumentarfilm, indem er den Kampf der US-Army gegen die deutschen Streitkräfte in der Umgebung der italienischen Gemeinde San Pietro realistisch zeigt.

Der tote Otto erschien meinem Vater im Traum mit seinem durchschossenen Stahlhelm, setzte sich an sein Bett und fragte, ob er nicht mit ihm kommen und das Gruseln lernen wolle. Als mein Vater bejahte, erzählte Otto, nicht weit da stände ein verwünschtes Kloster auf einem hohen Berge, worin einer wohl lernen könnte, was gruseln wäre, wenn er drei Nächte darin wachen wollte. Der Flieger-General hätte dem, der es wagen wollte, seine Tochter zur Frau versprochen und die wäre die schönste Kriegsbraut, welche die Sonne beschien. In dem Kloster steckten große Schätze von Geistern bewacht, die würden dann frei. Schon viele wären wohl hinein, aber noch keiner wieder lebendig heraus gekommen. Da stand mein Vater vor dem General stramm und sprach: „Wenn es erlaubt wäre, so wollte ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Kloster wachen.“ Der General sah ihn an und weil er ihm gefiel, sprach er: „Du darfst dir noch dreierlei ausbitten, aber von leblosen Dingen, das du mit ins Schloss nimmst.“ Da antwortete mein Vater: „So bitt ich um eine P 38, eine Granate 39 und einen Flammenwerfer 35.“

 

Der General ließ ihm das alles bei Tag in das Kloster tragen; als es Nacht werden wollte, ging mein Vater hinauf, machte es sich in einer Kammer bequem, legt die Pistole, die Handgranate und den Flammenwerfer neben sich und wartete auf das, was da kommen würde.

„Ach wenn mirs nur gruselte, sprach er, aber hier werde ichs auch nicht lernen.“ Gegen Mitternacht schrie es plötzlich aus einer Ecke: „Au, miau!“ und zwei große schwarze Katzen kamen in einem gewaltigen Sprunge herbei, setzten sich ihm zu beiden Seiten und sahen ihn mit ihren feurigen Augen ganz wild an. Über ein Weilchen sprachen sie: „Kamerad, wollen wir eins in der Karte spielen?“ „Ja“, antwortete mein Vater, „aber zeigt einmal eure Pfoten her!“ Da streckten sie die Krallen aus. „Ei“, sagte er, „was habt ihr lange Nägel! Wartet, die muss ich erst unschädlich machen.“ Damit packte er sie beim Kragen, schleuderte sie in eine Ecke, erschoss sie mit seiner Pistole und warf sie aus dem Fenster.

Als er aber die zwei zur Ruhe gebracht und sich wieder setzen wollte, da kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer mehr und mehr, die schrien gräulich, dass er sich nicht mehr bergen konnte. Das sah er ein Weilchen ruhig mit an, als es ihm aber zu arg ward, fasste er seine Handgranate, rief: „Ei, du Gesindel! fort mit dir!“ und warf sie in die Menge hinein. Er aber sprang aus der Kammer und suchte sich ein  ruhigeres Quartier für die Nacht.

Nach einiger Zeit ward er müde und hatte Lust zu schlafen. Da blickte er um sich und sah in der Ecke ein großes Bett, ging hin und legte sich hinein. Als er aber die Augen eben zutun wollte, so fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr hinaus in den Klosterhof. Dort hörte er eine Meute wilder Hunde unter seinem fliegenden Bett bellen und jaulen und sie begannen, nach ihm hochzuspringen. Da ließ er das Bett hoch hinauf in den Nachthimmel steigen, schoss so viele Salven ab, wie der Flammenwerfer hergab, und sah zu, wie die ganze Meute unter Qualen verbrennen musste.

Und dann erschien ihm sein Freund Otto wieder, der sprach: „Ich dachte nicht, dass ich dich wieder lebendig sehen würde; hast du nun gelernt, was gruseln ist?“ „Nein, sagte mein Vater, ich weiß es nicht, wenn mir's nur einer beibringen könnte!“

 

Ich vermute, dass mein Vater sich vor allem um das eigene Überleben gekümmert haben wird, so dass ihm das Leid der italienischen Zivilbevölkerung, das in Hustons Film ausführlich geschildert wird, wohl entgangen ist, denn es gab nicht nur 1000 Toten Soldaten auf beiden Seiten, sondern San Pietro wurde fast völlig zerstört. Viele Bewohner, die sich in den Ruinen ihrer Häuser versteckt hatten, wurden in den Trümmern verschüttet. Mein Vater aber hatte dem Tod zum ersten Mal ein Schnippchen geschlagen.

Im Winter '44 lagen die Pioniere an der Via Appia ganz in der Nähe der Katakomben, und mein Vater beschloss mit einigen Kameraden, nach Rom hineinzugehen, obwohl es für Soldaten verboten war, die offene Stadt zu betreten. Aber er lernte auch, Verbote zu übertreten und schlenderte an einem Grab vorbei ohne den Text „Goethe der Sohn, dem Vater vorangehend, starb vierzigjährig“ zu lesen mitten in die Stadt. Dort hofften die jungen Deutschen, in munteren Gesprächen mit den einheimischen Mädchen ihre Italienisch-Kenntnisse verbessern.

Mein Vater sah nicht, wie die Deutschen während einer Razzia eine schwangere Hausfrau niederschossen.

Mein Vater sah nicht, wie ein deutscher Offizier einen standhaften italienischen Priester abknallte, nachdem das italo-faschistische Exekutionskommando in den Sand gezielt hatte.

Mein Vater sah nicht, wie der Italiener angeschnallt in einem Folterstuhl hing, sah nicht die blutverschmierten Haare, nicht die verquollenen Augen, die zertrümmerte Nase und den zerrissenen Mund. Er sah nicht, wie die Folterknechte in SS-Uniform und mit viehischen Visagen zu Peitsche und Lötlampe griffen, um den entstellten Körper endgültig zu massakrieren. Er hörte nicht den SS-Menschen sagen, dem das Opfer ins Gesicht gespien hatte: „Das würde ja bedeuten, dass ein italienischer Sklavenmensch dem deutschen Herrenmenschen ebenbürtig wäre!“

Aber andere hatten es gesehen. Rom war 1944 von den Deutschen kaum geräumt worden, als der Regisseur Roberto Rossellini zu filmen begann und das erstes Zeugnis über den Widerstand des italienischen Volkes gegen die Deutschen schuf.

Die internationale Filmkritik urteilte: In „Rom, offene Stadt“ kämpfen die Italiener und selbst ihre Kinder – bis auf den kollaborierenden Polizeipräsidenten und seine faschistische Truppe – tapfer gegen ihre Unterdrücker; der hinterlistige Gestapo-Chef und seine skrupellose Agentin aber offenbaren außer sadistischen auch noch abartige sexuelle Züge.

Die deutschen Kinobesucher durften den 1944/45 gefertigten Film nicht sehen, weil ihn die Wiesbadener Film-Zensoren an den Grenzen der Bundesrepublik gestoppt hatten. Obwohl der Film „die historische Wahrheit, wenn auch überdreht“ zeigte, „müssen von einer öffentlichen Vorführung völkerverhetzende Wirkungen befürchtet werden, die im Interesse einer allgemeinen, besonders einer europäischen Völkerverständigung unbedingt zu vermeiden sind.“

Und selbst als ich den Film in den 1960 Jahren in der Kölner „Lupe“ sah, versicherte mir der Vorspann: „Dieser Film richtet sich nicht gegen das deutsche Volk. Er klagt nicht den deutschen Soldaten an. Er schildert den Kampf freiheitsliebender Menschen gegen Willkür und Tyrannei.“

Auf Druck der alliierten Truppen mussten sie jedoch Rom verlassen und setzten sich nach Norden ab. Mitte April erreichten sie die Pontinischen Sümpfe, und mein Vater konnte sein frisch erworbenes Wissen anwenden, indem er bei Perugia die Eisenbahnbrücke über den Tiber in die Luft jagte.

Einige kanadische Bomber versuchten die Aktivitäten der jungen Leute zu behindern, und mein Vater wurde von Steinbrocken getroffen, die aus einer zerbombten Kirche herausflogen. Da fühlte er sich, als habe es ihn mitten durchgerissen. Die Kanadier hatten ihn insofern einen guten Dienst erwiesen, als er nun drei Monate nicht an weiteren Kampfhandlungen teilnehmen musste und im sicheren Lazarett seine Beine und was dazwischen heil geblieben war wieder zusammensetzen lassen durfte.

 

Die zweite Nacht im Lazarett von Bergamo ging mein Vater im Traum wieder hinauf ins alte Kloster, sezte sich auf eine Bank und sprach: „Wenn mirs nur gruselte.“ Wie Mitternacht herankam, fing ein Lärm und Gepolter an, erst sachte, dann immer stärker, dann wars ein bisschen still, endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein herab, und fiel vor ihn hin. „Heda!“, rief mein Vater, „noch ein halber gehört dazu, das ist zu wenig.“ Da ging der Lärm von frischem an, es tobte und heulte, und fiel die andere Hälfte auch herab. Da sah mein Vater, dass die beiden Stücke zusammengefahren waren und da ein gräulicher Mann saß auf seinem Platz. „So ists nicht gemeint“, sprach er, „die Bank ist mein.“ Der Mann wollte ihn wegdrängen, aber mein Vater ließ sich nichts gefallen, schob ihn mit Gewalt weg, und setzte sich wieder auf seinen Platz. Da fielen noch mehr Männer herab, die hatten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe, setzten auf und spielten Kegel. Mein Vater bekam auch Lust und fragte: „Hört ihr, kann ich mit machen?“ „Ja, wenn du Geld hast.“ Er spielte mit und verlor etwas von seinem Geld, als aber zwölf Uhr schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden, und er legte sich nieder und schlief ruhig ein.

Am andern Morgen kam Otto und erkundigte sich: „Wie ist dirs diesmal gegangen?“ – „Ich habe gekegelt und ein paar Lire verloren.“ – „Hat dir denn nicht gegruselt?“ – „Ei was, lustig hab ich mich gemacht; wenn ich nur wüsste, was das Gruseln wäre!“

 

Meinem Vater aber verlieh der Kommandeur der 1. Flieger-Division, General Alfred Schlemm, im Namen des Führers das Eiserne Kreuz 2. Klasse wegen Tapferkeit vor dem Feind. Er hatte dem Tod erneut an der Nase herumgeführt und ein Verwundetenabzeichen erhielt er gratis dazu. Auch der Fliegergeneral - natürlich war er Ritterkreuzträger - überlebte den Krieg und  publizierte im Herrenhaus der Schlemm'schen Familienstiftung in Ahlten Aufsätze über den Krieg. Darin vertrat er die Ansicht, dass es falsch sei, das Opfer des eigenen Lebens von Soldaten als vergeblich zu bezeichnen. Soldatische Tapferkeit sei zu allen Zeiten ein unvergänglicher Wert. Noch 1969 äußert er, dass diese Opferbereitschaft der Maßstab für die Existenzberechtigung eines Volkes sei.

 

Als die Ärzte meinen an den Beinen verwundeten Vater für wieder einsatzfähig hielten, fuhr er zurück zu seiner Einheit, die nun von Genua nach Cuneo verlegt wurde, wo es wieder einmal darum ging, eine Eisenbahnbrücke zu zerstören. In dieser Kunst hatte er mittlerweile eine große Fertigkeit erworben, so dass er den Viaduc de Saorge mit Leichtigkeit zerstören konnte. Damit wurde der Bahnverkehr auf dieser außergewöhnlichen normalspurigen Eisenbahnstrecke durch die Alpen erneut behindert, nur dass diesmal nicht die historischen Brücke gesprengt werden musste – das hatten die Italiener bereits nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im Jahre 1943 besorgt. Die Verbindung zwischen der italienische Stadt Turin über Cuneo mit dem französischen Nizza war durch den Bau einer Behelfsbrücke durch eine andere Pioniereinheit bereits wiederhergestellt worden. Daher musste mein Vater nun das Ergebnis geschickter deutscher Pionierarbeit wieder zerstören.

Als er auch diese Aufgabe mit Bravour erfüllte, wurde mein Vater Zeuge von einem der vielen erfolgreichen Einsätze der deutschen SS gegen die der italienischen Partisanen. In einem kleinen Bergdorf sah er dabei zu, wie 13 Männer erschossen wurden. Einer von konnte allerdings zum Erstaunen meines Vaters aufspringen und fortlaufend, und da ihn keiner der auf ihn abgefeuerten Schüsse traf, entkam er sogar. Ob mein Vater ihn heimlich zu dieser Leistung beglückwünscht hat, bezweifele ich, denn er wusste, dass sie die Bewohner der umliegenden Siedlungen bereits in den nächsten Stunden unter Führung derselben SS Einheit mit Handgranaten und Flammenwerfern töten würden. Bei solchen Heldentaten waren in Norditalien auch Wehrmachtssoldaten beteiligt. Augenzeugen gaben zu Protokoll, dass SS-Männer während des deutsche Rückzuges an der Riviera di Levante 72 Menschen auf grausamste Weise niedermetzelten. 15 Frauen und Kinder sperrten sie in der Schule ein, die sie anschließend mit Flammenwerfern in Brand setzten. Die Angst- und Todesschreie der hilflosen Menschen waren noch zu hören, als ihre Mörder bereits den Rückweg angetreten hatten. Währen der Kriegsverbrecher-Prozesse hieß es sowohl vor italienischen als auch vor deutschen Gerichten, niemand von den immer ehrenhaft kämpfenden Soldaten der deutschen Wehrmacht vermochte die bedauernswerten Kreaturen zu retten, sie verbrannten leider bei lebendigem Leib. Ein Kommandant der Widerstandskämpfer berichtete sogar von einem ihm bekannten „Mädchen, dem die SS eine Brust abgeschnitten hatte“: auch dies bei lebendigem Leibe.

 

In der Nacht nach dem Massaker hörte mein Vater sich im Traum ganz verdrießlich sprechen: „wenn es mir nur gruselte!“ Als es spät war, kamen sechs Soldaten und brachten eine Totenlade herein getragen. Da sprach er: „Ha ha! das ist gewiss mein Freund Otto, das erst vor ein paar Tagen gefallen ist“, winkte mit dem Finger und rief: „Komm, Kamerad, komm!“ Sie stellten den Sarg auf die Erde, er aber ging hinzu und nahm den Deckel ab, da lag ein toter Mann darin; er fühlte ihn ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. „Warte“, sprach er, „ich will dich ein bisschen wärmen“, und legte sich zu ihn in den Sarg. Über ein Weilchen ward auch der Tote warm und fing an, sich zu regen. Da sprach mein Vater: „Siehst du, Otto, hätt ich dich nicht gewärmt!“ Der Tote aber rief: „Genug gegruselt, jetzt will ich dich erschießen!“, und fuchtelte ihm mit seiner Pistole vor der Nase her. – „Was“, sagte mein Vater, „ist das mein Dank? Nun sollst du wieder in deinen Sarg!“ Dann machte den Deckel zu. Da kamen die sechs Soldaten und trugen ihn wieder fort. „Es will mir nicht gruseln“, sagte er, „hier lerne ichs mein Lebtag nicht.“

Nachdem Teile des Pionierbataillons 60 gefallen und viele in amerikanische Gefangenschaft geraten waren, wurden der Rest mit Eisenbahnzügen nach Holzminden zurücktransportiert, wo sie im Oktober 44 zu einer Ersatztruppe aufgestellt wurden. Die drei Monate in der Etappe bescherten meinem Vater nur traumlose Nächte.

Ende Januar 45 wurde die neue Einheit nach Küstrin verfrachtet, wo sie gerade rechtzeitig eintraf, bevor am 31. Januar Vorausabteilungen der russischen 5. Stoßarmee 15km nördlich von Küstrin bei Kienitz einen ersten Brückenkopf an der Oder errichteten. Teile des ersten mechanisierten Gardekorps drangen mit 20 Panzern und Begleitinfanterie bis zum „Stern“ vor, wo mein Vater einen Panzer abschießen konnte, ohne dafür besonders belobigt zu werden, denn für einen Orden musste man Anfang ’45 schon weitaus größere Heldentaten vollbringen. Immerhin war es ein britischer Valentinepanzer, der im Rahmen alliierter Militärhilfe an die Sowjetunion geliefert worden war.

Die Angreifer zogen sich daraufhin vor die Stadt zurück. Küstrin wurde, wie viel andere Städte auch, zur Festung erklärt, doch war die Stadt auf einen Angriff in keiner Weise vorbereitet. Die Stadt war bereits vollständig eingeschlossen, als der zum Festungskommandanten ernannte Generalleutnant der Waffen-SS Heinz Reinefahrt, dessen Einheiten sich bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes durch äußerste Brutalität und Verrohung ausgezeichnet hatten und der trotz seiner Kriegsverbrechen unbehelligt von 1951 bis 1964 Bürgermeister der Stadt Westerland auf der Nordseeinsel Sylt war, am 2. Februar eintraf. Mein Vater half ihm bei der Anlage von Schützengräben und blockierte die Ausfallstraßen durch Panzersperren. Bei einem Flächenbeschuss mit sowjetischen Raketenwerfern konnte er sich rechtzeitig in einem Keller in Sicherheit bringen. Was ihn am meisten wunderte, war die Beobachtung, dass die Straßen in Küstrin genau so aussahen wie die in Sudenburg, wo er mit seinen Großeltern wohnte, und die von alliierten Bombenangriffen fest gänzlich verschont blieb. Am 18. Februar wurde die Straßenbrücke über der Warthe durch Artilleriefeuer beschädigt, wodurch auch die Hauptwasserleitung zerstört wurde. Die Altstadt konnte seitdem nur noch durch Brunnen mit Wasser versorgt werden. Einen Tag später erfolgte die Evakuierung der Zivilbevölkerung entlang der Versorgungsstraße, ohne durch sowjetische Truppen gestört zu werden.

Am 28. Februar wehrte mein Vater in Küstrin-Kietz hinter einer im Bodenkampf eingesetzten 8,8cm Flak angreifende russische Panzerverbände ab. Dann aber schlugen wieder Geschosse von Raketenwerfern ein und ein Splitter traf ihn am linken Arm. Als der Oberarzt am zentralen Verbandplatz schon die Knochensäge ansetzte, erbot sich ein junger Assistenzarzt, sein Glück zu versuchen und bastelte die Knochen, Sehnen und Muskelfetzen soweit wieder zusammen, dass man einen Verband anlegen konnte. Mein Vater wurde sofort mit einem Verwundetentransport Richtung Bayern ausgefahren und war dem Tod ein drittes Mal entkommen.

 

Trotz der Schmerzen schlief er viel und es träumte ihn von einem Mann, der war größer, als alle andere und sah fürchterlich aus, doch war er schon alt und hatte einen langen, weißen Bart, und sprach: „O du Wicht, nun sollst du bald lernen was gruseln ist, denn ich muss dir den Arm absägen.“ „Nicht so schnell“, schrie mein Vater, „da muss ich auch dabei sein.“ Sprach der Mann. „Dich will ich schon packen!“ – „Nun sachte, mach dich nicht gar zu breit, so stark wie du bist bin ich auch, und wohl noch stärker.“ – „Das will ich sehn“, sprach der Alte, „bist du stärker als ich, so will ich dich lassen, komm, wir wollen es versuchen.“ Da führte er ihn durch dunkle Gänge zu einem Schmiedefeuer, dort legte er seinen linken Arm auf einen Amboss und rief: „Nun hab ich dich; jetzt ist das Sterben an dir!“ Doch dann kam einer junger Schmiedegeselle, stieß den Alten beiseite und begann, den Arm mit seinem Hammer neu zu schmieden. Und auch die Hand, die beinahe abgefallen wäre, konnte er wieder befestigen. Freund Otto stand dabei, lachte und rief: „So hast du das Gruseln doch noch gelernt und brauchst nun nicht zu sterben!“

 

Im März geriet mein Vater in amerikanische Gefangenschaft, was für ihn ein großes Glück bedeutete, denn nun bekam er ordentlich zu Essen, so dass die Reste seines linken Armes und die Hand schnell wieder zusammenwuchsen. Über eine weitere Verwundung, die er in Italien erlitten hatte, wollte er nach dem Krieg nie sprechen. Am 22. August entließ ihn ein amerikanischer Offizier aus der Gefangenschaft in Weiden, und er konnte mit dem ordentlich ausgezahlten Wehrsold für Juli und August mit einem Fahrschein in eine ungewisse Zukunft fahren. Für einen Daumenabdruck gab man ihm auch noch Brot für eine Woche mit auf den Weg.

 

Mit der Haubitze nach Russland