Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

  Rosi, Resi, Rita

 

 

Einmal kamen sie mit dem Karussell aus Wolmirstedt. Sie fuhren mit zwei Wagen von der Halberstädter Chaussee aus bis zum Denkmalplatz, wo sie die vier Pferde ausschirrten und bei Roseburgs im Stall unterstellten.

Der eine Wagen war ihr Wohnhaus, der andere enthielt alle Teile, aus denen das Pferde-Karussell zusammengesetzt wurde. Da gab es Bodenbretter, die auf Rädern im Kreis liefen, und einen großen Schirm, von dem uns bunt bemalte Schilder herbei riefen. In der Mitte aber leuchteten vier senkrechte Stangen, die mit bunten Glühbirnen bestickt waren. Die Pferde, immer zu zweit aufgebockt, ließen sich leicht besteigen. Wer beim Aufbauen half, kriegte fünf Freikarten. Eine Fahrt kostete zehn Pfennig. Dann setzten wir uns auf eines der Pferde und das Karussell fuhr immer rundherum für das hochverehrte Publikum. Mit geschlossenen Augen wurde mir sogar schwindlig.

Sie kamen an einem Dienstag und blieben mehr als eine Woche; von nachmittags um zwei bis abends gegen acht sang Hans Arno Simon immer wieder „Anneliese, ach Anneliese, warum bist Du böse auf mich? – Anneliese, ach Anneliese, Du weißt doch, ich liebe nur Dich. Doch ich kann es gar nicht fassen, dass Du mich hast sitzen lassen. Wo ich von dem letzten Geld die Blumen hab‘ für Dich bestellt. Und weil Du nicht bist gekommen, hab‘ ich sie vor Wut genommen, ihre Köpfe abgerissen und dann in den Fluss g’schmissen.“ Wir brüllten da immer: „Und dann in den Fluss geschissen!“ – „Anneliese, ach Anneliese, nachher tat es mir wieder leid. Anneliese, ach Anneliese, wann wirst Du nun endlich gescheit?“

Als ich diesen seltsamen weißen Stein fand, wusste ich nicht, was ich da in der Hand hielt. Er bildete eine Halbkugel, die mit gleichmäßig geformten Rillen überzogen war, und fühlte sich an, als striche man mit den Fingern über eine grobe Raspel.

Ich zeigte den Stein meinem Opa und der erkannte die Koralle. Dann erklärte er mir mit Hilfe seines Lexikons: Korallen sind vielgestaltige Hohltiere, die seit fünfhundert Millionen Jahren bekannt sind. Viele Korallen besitzen ein Skelett, das aus horizontalen und vertikalen Elementen besteht. Letztere sind charakteristisch radial angeordnete Scheidewände aus Kalk. Die Ausscheidung des Karbonats erfolgt in Form von winzigen, nadeligen Kristallen, die zu Kristallaggregaten verschmelzen. Korallen leben ausschließlich im Meer; sie bevorzugen warme Bereiche mit klarem Wasser und Tiefen nicht über 90 m. Wenn sie absterben, bilden ihre Skelette Korallenriffe. Eine Koralleninsel entsteht durch langfristige Veränderungen des Wasserstandes. Da das Korallenriff bis zur Wasseroberfläche wachsen kann, bildet sich nach späterem Absenken des Meeresspiegels oder Anheben des Bodens eine Insel oder eine Reihe von Inseln, oft in Form eines Atolls.

Wie die Koralle in unser Dorf gelangt war, blieb uns beiden ein Rätsel. Ich landete aber bei meinen Südseeabenteuern oft auf Korallenriffen und freute mich, wenn darauf Kokospalmen wuchsen.

Dann kam der Circus Renz in unser Dorf und baute sein kleines Zelt auf. Der Zirkus bestand aus nur wenigen Wagen, die recht heruntergekommen aussahen. Ich aber freute mich über die Eintrittskarte, die mir mein Opa geschenkt hatte, denn es war der erste Zirkus meines Lebens.

An Kamele, Zebras und Rinder kann ich mich erinnern, und sie zeigten eine Pferdedressur, die mich sehr beeindruckte. Die Pferde hatten sie mit bunten Bändern geschmückt und einmal ritt eine Frau stehen um die Manege. Jongleure warfen mit Bällen und ließen allerlei Gegenstände durch die Luft fliegen, ohne dass sie zu Boden fielen.

Die Höhepunkte der Vorstellungen waren ein Hochseil, auf dem eine ganze Familie mit langen Balancierstangen entlanglief und die Trapeze, von denen die schillernden Artisten hoch unter dem Zeltdach hin- und herflogen.

Auch mehrere Clowns traten auf und bespritzten sich mit Wasser; einer konnte gut auf seinen Instrumenten spielen, die anderen waren dumme Auguste und flogen dauernd auf die Fresse.

Später sah ich den Film „Feuerwerk“ und hörte Lili Palmer singen

O mein Papa
War eine wunderbare Clown.
O mein Papa
War eine große Kinstler.
Hoch auf die Seil,
Wie war er herrlich anzuschau´n!
O mein Papa
War eine schöne Mann!

Wie, wie er lacht,
Sein Mund sie sein so breit, so rot
Und seine Aug'
Wie Diamanten strahlen.
O mein Papa
War eine wunderbare Clown.
O mein Papa
War eine große Kinstler!
Hoch auf die Seil,
Wie war er herrlich anzuschau'n!
O mein Papa
War eine schöne Mann!
Ein schöner Mann!
Ein schöner Mann!

Einen Clown als Vater? Nein Danke! Wenn mein Vater seine Faxen machte, reichte mir das schon voll und ganz. Das Feuerwerk, das am Ende des Films abbrannte, imponierte mir aber doch.

 

Wenn ich in der großen Kiste kramte und etwas herauszog, das mit Buchstaben bedruckt war, näherte sich Kasperl neugierig und blickte mir über die Schulter. Hatte er etwas gefunden, das sein Interesse weckte, dann begann er zu lesen. Er starrte mit harten Augen auf das Papier und las den Text direkt vom Blatt ab. So wie der Mann von den Stadtwerken die Wasseruhr oder den Stromzähler zu einem bestimmten Zeitpunkt abliest, so las auch Kasperl: Er verschlang die Buchstaben, die sich vom Blatt ablösten und wie durch Trichter in seine abgrundtiefen Augen eingesaugt wurden.

So ging es auch den Bildern, die ich aus der Kiste herausfischte. Kaum war Kasperls Interesse geweckt, da begann er auch schon, das Bild mit den Augen von seinem Träger abzulösen und in sich einzuverleiben. Und jedes Bild, das so seiner besonderen Aufmerksamkeit erweckte, blieb trotzdem erhalten und ich konnte es mir weiter anschauen, so wie ich auch die Texte noch immer lesen konnte, auch wenn sie bereits von Kasperl abgelesen worden und in seinen Augen verschwunden waren.

Wenn wir dann gemeinsam auf der Bühne standen, wenn ich der Drahtzieher war und energisch genug an Kasperls Fäden zurrte, dann sprudelte es nicht nur aus seinem klappernden Holzmund, sondern auch ich begann, das auszusprechen, was Kasperl beim Lesen in sich aufgesaugt hatte und ich sah die Bilder, die durch seine Augen in seinen Holzkopf geschlüpft waren. Und manchmal, wenn wir beide ganz in unser Spiel hineingetaucht waren, dann konnten wir beide sogar in diesen Bildern herumlaufen und sie veränderten sich, wenn wir den Kopf drehten und wurden schärfer, wenn wir genau hinsahen.

 

Als ich das alte Motorrad entdeckte, das sich lange Jahre vor mir im hintersten Winkel des Fahrradschuppens versteckt hatte, holte ich Kasperl vom Dachboden und zeigte ihm das olle Blechding, das langsam vor sich hinrostete. Mein Onkel hatte sich ein modernes Moped angeschafft, einen stinkenden Zweitakter, mit dem er bei fast jedem Wetter morgens in aller Frühe nach Bukau zu seiner Firma fuhr und auf dem er am späten Nachmittag wieder zurück tuckerte. Wenn er das Ding um halb sechs aus dem Stall holte und es nur schwer ansprang, wachte ich von dem Lärm auf, den er dabei machte.

 

Später hörte ich Erwin Bolt auf einer Schellackplatte von Theo Mackeben mit seinem Jazz-Orchester singen:

 

Meine Oma fährt Motorrad ohne Bremse, ohne Licht,
ihre Hupe ist gestohlen und der hint're Pneu nicht dicht.
Ihr Benzintank leckt bedenklich und der Auspuff knallt und kracht,
aber lustig fährt die Oma durch die laue Sommernacht.

 

Kasperl und ich sangen auf unserem Theater:

Oma Rosi fährt Motorrad ohne Bremse, ohne Licht!
An der Ecke steht ein Schutzmann und der Esel sieht es nicht!

Und wir dachten uns weitere Lieder aus:

Oma Rosi hat im Backenzahn
Ein Radio, ein Radio, ein Radio,
Oma Rosi ist 'ne sehr patente Frau. 

 

Oma Rosi hat 'nen Nachttopf mit Beleuchtung ...
Oma Rosi hat 'ne Brille mit Gardinen ...
Oma Rosi hat 'nen Petticoat aus Wellblech ...
Oma Rosi hat im Strumpfband 'nen Revolver ...

 

Es waren einmal drei Schwestern, auf die ihre Eltern nicht nur stolz waren, sondern mit denen sie im neuen Jahrhundert auch viel vorhatten. Deshalb bekamen sie moderne Namen und wurden nicht Roswitha, Therese oder Margarethe genannt, sondern Rosi, Resi und Rita. Rosi, die älteste der drei, hatte einen Leibschaden, Resi war die Praktische und Rita wollte hoch hinaus.

Im Februar des Jahres 1900 hatte die Hebamme der Rosi bei der Geburt ein Hüftgelenk ausgerenkt, was man erst nach einigen Jahren merkte, als das Mädchen spät Laufen gelernt hatte und nun hinkte. Da sie auch eine Herzschwäche hatte, sagten sie von ihr, ein Töpfchen mit einem Sprung halte länger. Rosi heiratete zwanzig Jahre später den Fritz Biederitz, der ein Motorrad hatte, sie trotz ihres Leibschadens in den Beiwagen packte und sie auf seine großen Reisen durch Deutschland und die Schweiz mitnahm. Einmal fuhr er mit ihr nach Frankreich zu der Stelle bei Ypern, wo er im Gas gelegen hatte und dabei beinahe krepiert wäre; die beide schafften es sogar bis nach Paris, von wo sie ein paar Postkarten mitgebracht hatten, worauf man den Eifelturm sehen kann. Von Resi und Rita wird noch zu reden sein.

 

Es waren einmal drei Schwestern und eine, die Rosi hieß, heiratete Fritz und brachte zwei Kinder zur Welt, einen Jungen und ein Mädchen, und das Mädchen hieß Alice und wurde aus einer Schnapslaune von ein paar Russen zu meiner Mutti gemacht, der Junge war mein Onkel, dem andere Russen eine zweite Arschkerbe beschert hatten und der trotzdem seine Frieda heirateten und mit ihr ein Kind zeugen durfte. Rosi aber wurde im Januar 1900 geboren, überlebte nicht nur Kaiser Wilhelm und Adolf Hitler, sondern auch den Versuch, sie im Sommer 1945 im Dorfteich zu ertränken. Da klopfte an einem frühen Morgen ein verhärmtes Weib an den hölzernen Rollladen, der nachts das Fenster verschloss, von dem aus dem meine Oma an schönen Tagen mit diesem und jenem Vorübergehenden die neusten Nachrichten austauschte, und schrie mehr als eine Stunde lang. Sie schrie und schrie, als wolle sie sich die Seele hinausschreien, bis mein Onkel endlich aus dem Hoftor kam und sie anschnauzte, dass sie doch endlich zu schreien aufhören und sich nach Hause scheren sollte. Das Weib aber schrie weiter und mein Onkel musste die Axt vom alten Helmecke aus dem Holzstall holen, womit er das schreiende Weib bedrohte. Da trollte sie sich endlich fort, aber sie ging nicht nach Hause, sondern trieb sich in der Nähe des Dorfteichs herum und lauerte meiner Oma auf. Und als die um kurz nach acht zum Kolonialwarenladen von Martha Schatz humpelte, um Bohnerwachs zu kaufen, zerrte das Weib meine hinkende Oma an ihrer Schürze die Teichstraße hinunter und entwickelte dabei so große Kräfte, dass Frau Engelberg die beiden bald an der steil abfallenden Böschung ringen sah, von wo aus die Knechte am Sonnabend ihre Pferde durch die Schwämme ritten. Da schrien beide Frauen und da schrie auch die Engelberg und nur durch das beherzte Eingreifen der alten und der jungen Frau Hilliger, die mit anderen Badefrauen aus ihrer Anstalt stürzten, konnte das Weib daran gehindert werden, meine Oma in den Teich zu stoßen, wo sie sicher ertrunken wäre, denn sie konnte nicht schwimmen.

Was das Weib aber geschrien hatte, wurde in der Familie nicht erzählt. Dieter Engelberg, der damals gerade fünf Jahre alt war, versicherte mir später, das Weib habe geschrien: „Rosi, Rosi, jib mich meine Kinder wieder!“ Aber erst mit Kasperls Hilfe war es mir möglich, auf unserer Dachbodenbühne nachzuspielen, was sich 1939 oder 40 in Bördeleben abgespielt haben könnte, wo man die Arbeitsscheuen und Obdachlosen zwangseinquartiert hatte.

Ich habe das Stück später, als ich lesen und leidlich schreiben konnte, in ein Heft notiert, das am Ende des dritten Schuljahres noch nicht voll geschrieben war.

 

Es treten auf: Rosi Biederitz als ehrenamtliche Sozialarbeiterin der NS-Frauenschaft; Erna Adamski als asoziales Subjekt

Szene: Dankmalplatz vor dem Haus der Biederitzs in Bördeleben

Rosi Biederitz: Name?

Erna Adamski: Erna Adamski, jeborene Hucke.

Rosi Biederitz: Wo geboren?

Erna Adamski: 25. Februar 1912 in Hohendodellebn. Mein Vater wår der Landårbeiter Adolf Hucke, meine Mutti Erna steckte mir mit 16 ins Fürsorjeheim nåch Måchdeborch.

Rosi Biederitz: (liest aus der Akte) 1933 Ehe mit Jiri Adamski, bringt drei Söhne und eine Tochter zur Welt. Der Mann trinkt und schlägt, die Frau wird mehrfach vor dem Magdeburger Hauptbahnhof als Bettlerin und aufgegriffen. Die Kinder …

Erna Adamski: Håmse mich vorjes Jahr wegjenommen, Rosi Biederitz. Ich will meine Kinder widderhåben!

Rosi Biederitz: Ihre Kinder wurden 1938 in ein Heim eingewiesen, nachdem Sie vom Amtsgericht Magdeburg wegen Geistesschwäche entmündig wurden.

Erna Adamski: Ich hätt‘ mir åber immer jut um se jekimmert!

Rosi Biederitz: (liest aus der Akte) Die Erna Adamski wurden ins Landeskrankenhaus Uchtspringe Außenstelle Lochow' in Möckern bei Magdeburg eingewiesen.

Erna Adamski: Die håm mich vor vier Monate entlassen.

Rosi Biederitz: Erna Adamski treibt sich seit längerer Zeit in Magdeburg herum und hat wechselnden Geschlechtsverkehr. Vom Gesundheitsamt wurde eine Geschlechtskrankheit festgestellt. Die Adamski treibt ein ausschweifendes Leben, hat keinen Platz in der Volksgemeinschaft und bildet eine Gefahr für die Erhaltung der Volksgesundheit.

Erna Adamski: Ich wohne jetze bei Willy Jenander hier in Bördeläbn an die Hålbårstädter Chaussee.

Rosi Biederitz: Als asozial sind Personen anzusehen, die aufgrund einer anlagebedingten und deshalb nicht besserungsfähigen Geisteshaltung arbeitsscheu sind und den Unterhalt für sich und ihre Kinder der NSV oder dem Winterhilfswerk aufzubürden suchen.

Erna Adamski: Na, wovon soll ich denn leben, wenn meen Oller sich jedne Tach eens hinter de Binde kippt? Der kommt morjens früh nich aus de Kiste!

Rosi Biederitz: Solche Subjekte sind hemmungslos in ihren Trieben und mangels eigenem Verantwortungsbewusstseins weder in der Lage, einen geordneten Haushalt zu führen noch ihre Kinder zu brauchbaren Volksgenossen zu erziehen. Sie stellen eine Belastung der Volksgemeinschaft dar.

Erna Adamski: Nehmen se mich das doch nich vor übel, Frau Biederitz, wenn ich mål Hilfe jebrocht håbe, bei die ville Blåchen.

Rosi Biederitz: Hemmunsglos sich vermehrende Assoziale Frauen werden sterilisiert. Denn Assozialität ist vererbbar und muss deshalb rücksichtslos ausgemerzt und aus dem gesunden Volkskörper ausgeschieden werden.

Erna Adamski: Ich versteh Se nich.

Rosi Biederitz: Die Maßnahmen der NS-Frauenschaft vermochten es nicht, die Adamski auf die Bahn eines gesitteten Lebenswandel zu bringen. Wir halten es für erforderlich, sie einer strengen Aufsicht zu unterstellen. Ihr bisheriges unsittliches Verhalten und ihre asoziale Einstellung rechtfertigen eine polizeilich verfügte Vorbeugungshaft. Nur die Unterbringung der Adamski in einem Arbeits- und Besserungslager gibt die Gewähr dafür, dass der willensschwache, sittlich und moralisch verkommene Charakter der Adamski gefestigt wird und späteres Wohlverhalten zu erwarten ist.

Erna Adamski: Ich will meine Kinder widderhåben! Ich will meine Kinder widderhåben! Ich will meine Kinder widderhåben!

 

Als meine Oma Rosi Ende Mai '45 nicht nur Kaiser Wilhelm, sondern auch den Versuch überlebt hatte, sie nach dem 227 Jahre alten Vorbild der Kindesmörderin Apollonia Solters eingesackt im Dorfteich zu ertränken; nachdem die Russen im August '45 ihrer Tochter Alice ein Kind gemacht hatten; als dann '49 die Kommunisten die DDR gegründet und die Russen zu ihren Freunden erklärt hatten; nachdem Alice in den Westen rüber gemacht war und von dort den kleinen Gerhard mit einer großen Dampflokomotive zurück zu ihrer Mutter geschickt hatte; als das alles geschehen war, da beschloss meine Oma Rosi, auch Josef Stalin zu überleben und wurde sehr alt. Sie erkrankte zwar an Zucker und litt unter offenen Beinen, aber sie überlebte auch noch Erich Honecker und Willi Brand. Nach der Wiedervereinigung weigerte sie sich, vor Ablauf ihres Jahrhunderts zu sterben, schaffte das sogar beinahe und wurde im November '99 von ihren Enkeln und Urenkeln an einem regnerischen Tage auf dem Friedhof an der Langenweddinger Chaussee zu Grabe getragen. Dort liegt Rosi nun neben Resi und Rita und auch mein Opa Fritz ist dabei, der schon 25 Jahre früher seinen Löffel abgeben musste.

 

Wiederholt sich alles im Leben? Oder war es nur ein Traum? Sicher ist ‒ denn ich habe es selber recherchiert als ich viele Jahre später ein Familienarchiv anlegte, dass meine Oma aus Amerika im Sommer 23 auf dem Ozeandampfer nach Magdeburg kam, um einen Jungen auf die Welt zu bringen, den sie ihrer Mutti daließ, als sie am 21. Februar 1925 mit der „Bremen“ von Bremerhaven nach New York fuhr, um nie wieder nach Deutschland zurück zu kommen. 25 Jahre später schickte sie im Rahmen der amerikanischen Re-Edukation den Allerweltskerl Kasperl zu ihrem Enkel in die Sowjetische Besatzungszone, wo er unerkannt von den sozialistischen Staatsorganen seinen Beitrag zur antifaschistischen demokratischen Umgestaltung leistete.

Genauso sicher ist, dass meine Mutti mich am 12. August 1952 am Ohligser Bahnhof mit einem Schild um den Hals, worauf mein Name und eine Adresse standen, in ein Abteil des Interzonenzuges setzte, wo ich auch bis Helmstedt sitzen blieb. Dort aber vertraute ein Grenzpolizist der DDR mich, meinen Koffer und meinen Ballonreifenroller dem Lokomotivführer der Deutschen Reichsbahn an, der mich stolz auf seiner Schnellzuglokomotive der Baureihe 03 bis zum Magdeburger Hauptbahnhof mitfahren ließ. Unterwegs durfte ich dem Heizer beim Nachfüllen des Feuerkastens helfen, damit ich völlig verdreckt hinter der Bahnhofsperre im Magdeburger Hauptbahnhof meinem Opa Fritz übergeben werden konnte, der damals noch lebte und sich nach Kräften bemühte, seinen erstgeborenen Enkel zu einem ordentlichen Schraubensortierer zu erziehen.

Keiner von den bewaffneten Staatsorganen hatte bemerkt, was ich da in meinen kleinen Koffer für eine brisante Schmugglerware bei mir führte. Da Kasperl nicht nur ein schon einmal illegal eingereister Amerikaner, sondern jetzt sogar ein Republikflüchtling war, der zurück in die DDR wollte und über keinen Pass verfügte, musste ich ihn in zum zweiten Mal die DDR hineinschmuggeln. In den nächsten Jahren konnte er so seine Aufgabe, die ihm seine amerikanischen Landsleute und sein Präsident Roosevelt aufgetragen hatten, an mir erfüllen. „Germany is at the Crossroads“, sagte er einmal zu meinem Opa Fritz, der früher Stahlhelmer gewesen war und kein Englisch gelernt hatte, „Is your example guiding him along the right road?“ Und dann half er ihm nach Kräften, mich gegen die Ideologie der Sowjetmacht und der Arbeiterklassen in der Deutschen Demokratischen Republik zu immunisieren.

 

Meine Oma Rosi brachte mir bei, wie man Eier pellt. „Du nimmst hier das Ei in die linke Hand, schlägst die breite Seite vorsichtig auf den Tisch und hebst dann mit Daumen und Zeigefinder der rechten Hand die Eierschale ab. Immer über den Daumen rollen, nicht mit den Fingernägeln!“ − Sie achtete darauf, dass mein Frühstücksei hart gekocht war, und weiche Eier mag ich bis heute nicht.

Mein Vater – daran erinnere ich mich genau – aß Eier so: Er legte das Ei auf den Teller, schlug mit dem Messer die Spitze ab. Dann drückte er zwischen jeden Löffel einen Schnurz Senf hinein und löffelte sein weich gekochtes Ei schmatzend aus. Wenn die Schale leer war, nahm er sie zwischen Daumen und Zeigefinger, hielt sie hoch und sagte zu mir: „Das Ei kommt sooo aus dem Hühnerpoo!“ Dabei schürzte er die Lippen. „Sooo ist der Hühnepoo!“

So aß meine Oma Brotkanten: Sie schnitt mit gefurchtem Brotmesser in der rechten Hand dem Busenbogen folgend das Brot, das sie im linken Armwinkel an die Rippen drückte, schob  den Laib dann vor und vollendete die Rundung. Die Brotscheibe fiel in die durchbrochene Emailschüssel. Wenn der Laib dünner und schmächtiger wurde, legte meine Oma den Rest auf die Tischplatte und sägte kleinere Scheiben. Schließlich blieb der Kanten zurück, 4 bis 5 cm dick. Mit spitzem Küchenmesser schabte sie Butter vom Block und deckte die flache Seite weißgelb ein. Dann polkte sie weiche Bratwurst aus trocknem Darm und drückte den Fladen fest auf den Knust. Nun schnitt sie, frei den Kanten in die Luft haltend, sechsmal quer hinein. Sie legte das Messer in die Spülschüssel, setzte sich und aß. Dazu führte sie den Kanten quer in den Mund, biß mit den Backenzähnen fest zu und riss den Abschnitt vom Kanten. Mit offenen Lippen kaute sie den Bissen wie die Katze am Ofen, legte den Kopf dabei schief und schmatzte. Wenn sie ausgekaut hatte, schnalzte sie Luft durch die Schneidezahnlücke ein, schürzte die Lippen und führte das nächste Stück seitwärts zwischen die Zähne.

Meine Oma Rosi, die habe ich einmal gehasst, und das kam so: Zum Mittagessen gab es bei uns allerlei Dinge, die ich gerne mochte. Bouletten zum Beispiel und Schweineschnitzel. Auch Kartoffelpuffer mit Apfelmus aß ich gerne und die dicken Knackwürste aus Halberstadt mit Brötchen und Senf. Irgendjemand aber hatte irgendwann einmal behauptet: „Der Jert ist ein mäkliger Esser!“ Der Ursache dieses Gerüchts bin ich nie auf die Spur gekommen, auch habe ich nie herausbekommen können, wer diesen Unsinn in die Welt gesetzt hat. Manchmal vermute ich freilich, es könne Oma Sudenburg gewesen sein, die alte Hexe. Zu ihr hätte es auch gepasst, kleine Kinder zu beschuldigen, mäklige Esser zu sein. Tatsache aber ist, dass meine Oma Resi in Bördeleben spätestens ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr aus dem Westen, beschlossen hatte: „Aus dem Jungen muss etwas Ordentliches werden“. Und das hieß bei ihr: „Iss deinen Teller leer! Wasch dir die Hände vor dem Essen und nach dem Klo! Sprich ordentliches Deutsch!“

Einmal gab es Gurkensalat und Eiback. Beides mochte ich nicht besonders, vor allem wenn das Ei noch flüssig war und fetter Speck darin 'rumschwamm. Eiback wurde bei uns so gemacht:

Meine Oma stellt die Pfanne auf den Gasherd und dreht die Flamme ganz auf. Dann gießt sie Öl in die Pfanne und brät fette Speckwürfel darin an. Es zischt. In einer Schüssel stehen 10 verquirlte Eier bereit. Sie gießt die Flüssigkeit in die Pfanne und rührt mit einem Aluminiumlöffel darin herum. Die Flüssigkeit beginnt zu stocken, einzelne Eierfladen werden fest, dann wieder losgerissen und untergerührt. Sie nimmt die Pfanne von Herd und rührt weiter, die Eiermasse stockt nicht weiter und bleibt flüssig. Der Brei kommt so in eine saubere Schüssel und auf den Tisch.

Ich stocherte schon im Gurkensalat herum und zählte die Gurkenscheiben. Meine Oma sah mich streng durch ihre Brille an: Du bleibst heute so lange hier sitzen, bis du alles aufgegessen hast! Ich esse langsam aber verbissen weiter. Die Gurken sind fast alle, da gießt sie eine Kelle Eiback über zwei Salzkartoffeln. Das zaghafte „bitte ohne Speck“ muss sie überhört haben. Ich kaue mit dicken Backen. Plötzlich wird mir übel und ich erbreche die Gurken. Das kommt so schnell, dass ich keine Zeit mehr habe, hinauszulaufen. Meine Oma ist unerbittlich. „Das isst du alles noch einmal!“

Ob ich wirklich viel davon runtergekriegt habe, weiß ich nicht mehr, nur dass ich vor Tränen nichts mehr sehen konnte. Schließlich hatte sie ein Erbarmen und schickte mich mit dem ganzen Teller zum Misthaufen. Bis heute wird mir beim Geruch von Gurken übel. Auch kann ich den Blick alter Frauen mit spitzen Nasen durch Brillen schlecht ertragen.

Aber ich habe es ihr heimgezahlt! Oma Rosi hatte die Angewohnheit, den Rest Kaffee, der am Morgen nicht ausgetrunken worden war, in ein kleines Blechtöpfchen zu füllen, das neben dem Wassereimer am Ausguss stand. Dann goss sie sich im Verlauf des Vormittags aus diesem Töpfchen nach und nach den Rest kalten Kaffees in ihre Tasse und trank ihn. Wenn ich vom Klo kam und mir die Hände waschen musste, tauchte ich diese vorher immer in Omas kalten Kaffee. Manchmal spuckte ich auch hinein. Das war meine Rache!

 

 

Rosi, Resi, Rita