Das Grab einer Heldin

 

In einem schlichten Gräberfeld um die Gedenkstätte der seliggesprochenen Schwester Maria Euthymia liegt das unscheinbare Grab der Clemensschwester Laudeberta (Johanna van Hal, 1887-1971). Ihre Informationen über die „Euthanasie“-Aktion der Nationalsozialisten, bei der mehr von 1940-1941 als 70.000 Patienten von Heil- und Pflegeanstalten ermordet wurden, veranlassten den Bischof Clemens August Graf von Galen zu seiner anklagenden Predigt vom 3. August 1941 in der St.-Lamberti-Kirche. Daraufhin wurde die Aktion gestoppt.

Schwester Laudeberta war eine Ordensschwester der Barmherzigen Schwester von der Allerseeligsten Jungfrau und schmerzhaften Mutter Maria (Clemensschwestern) in Münster. In der westfälischen Provinzheilanstalt Marienthal auf dem Gelände der heutigen LWL-Klinik Münster, deren Vorsteherin sie sieben Jahre lang war, wirkten seit 1900 rund 100 Clemensschwestern in der Krankenpflege und den Wirtschaftsbetrieben. In dieser Klinik wurde – wie auch in andren Einrichtungen – im Rahmen des Euthanasieprogramms im Jahre 1941 Listen von Patienten zusammengestellt, die in Vernichtungslager transportiert werden sollten. Dieses Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten lief unter dem Namen Aktion T4, Euthanasie bedeutet ursprünglich „der gute Tod“, wurde aber von den Nationalsozialisten als Bezeichnung für die Vernichtung der in ihren Augen „lebensunwerten“ Menschen verwendet. Damit bezeichneten sie Juden, Menschen anderer Hautfarbe, Menschen anderer politischer Ansichten sowie körperlich und geistig Behinderte.

»Die persönliche Situation der Schwester Laudeberta war eine sehr schwierige: Sie musste sich in einem inneren Zwiespalt befunden haben. Täglich musste sie mitansehen, wie den Patienten gegen jeden ethischen, moralischen und christlichen Grundsatz an Ort und Stelle langsam, aber stetig in den Tod getrieben wurden oder deportiert wurden, im Wissen, dass der Transport in den Tod führte. Auf der einen Seite wollten die Schwestern auf der einen Seite ihren christlichen Grundsätzen von Nächstenliebe folgen, doch auf der anderen Seite waren sie Untertanen einer Diktatur, die bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Staat verlangte.

Doch Schwester Laudeberta beschloss, nicht untätig zu bleiben und etwas gegen die menschenverachtenden Zustände in Marienthal zu unternehmen, auch wenn sie nur in der niedrigen Position der Ordensschwester war und ihr Leben für die Patienten riskierte. So handelte sie bereits, als sie vom ersten Krankentransport erfuhr: Sie ging zu dem damaligen Bischof von Galen und erzählte ihm davon. Dies soll zu seiner ersten Predigt vom 13. Juli 1941 geführt haben. Sie versorgte den Bischof über das Jahr 1941 immer weiter mit Materialien über die Geschehnisse in Marienthal. Im Schutz der Dunkelheit besuchte sie den Bischof, denn jedes Ein- und Ausgehen wurde von Pförtnern registriert. Gemeinsam mit einer anderen Ordensschwester namens Recordata ging sie ebenfalls am Vorabend der dritten Predigt von Galens zum Bischof und setzte ihn in Kenntnis über weitere Deportationsmaßnahmen. Diese veranlassten ihn, seine berühmte „Euthanasie“-Predigt vom 3. August 1941 zu verfassen und zu halten. Seine Predigt zeigte Wirkung: Der öffentliche Protest des Bischofs führte in der Bevölkerung zu erheblicher Unruhe. Wenige Wochen später beschloss das NS-Regime, die Maßnahmen der Aktion T4 offiziell einzustellen; inoffiziell wurden sie allerdings fortgeführt. Letztendlich kann der Protest des Bischofs gegen die Aktion T4 als Folge des „stillen Widerstandes“ der Schwester Laudeberta gesehen werden. Die Ordensschwester beließ es jedoch nicht nur bei diesem „passiven“ Widerstand, sondern ging auch in Marienthal „aktiv“ gegen die Maßnahmen der Nationalsozialisten vor. Die weltliche Schwester Else arbeitete als Reinigungskraft für einen Arzt, der für die Deportationslisten zuständig war. Bei der Arbeit fiel ihr die Deportationsliste in die Hände, auf der jene verzeichnet waren, denen ein Todestransport bevorstand. Sie schrieb die Liste ab und händigte sie Schwester Laudeberta aus, die umgehend handelte: Denjenigen Verwandten, die ihre Angehörigen besuchten, legte sie nahe, den Patienten wieder mit heim zu nehmen, anstatt ihn in der Anstalt zu lassen. Diesmal riskierte sie ihr Dasein nicht im Schutz der Dunkelheit im Schutz des Bischofs, sondern am helllichten Tage, möglicherweise unter Beobachtung brauner Spitzel.«
http://wiki.muenster.org/index.php/Schwester_Laudeberta

 

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