Auf Freiersfüßen nach Minden.

Theodor Storm besucht Elise Polko

 

Als Theodor Storm am Morgen des 2. September 1865 im Mindener Bahnhof aus dem Zug stieg, kannte er nur ein Ziel, die Frau des Eisenbahningenieurs Eduard Polko, die mit ihrem Mann und einem Sohn in der ersten Etage des Bahnhofsgebäudes wohnte, die Sängerin und Dichterin Elise Polko.[1]

 

Der Mindener Bahnhof; Fotografie 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Der Dichter kam aus Husum, wo er seit eineinhalb Jahren als Landvogt wirkte, nachdem er im Frühjahr 1864 noch vor Beendigung des preußisch-dänischen Krieges in seine Vaterstadt zurückgekehrt war. Vor etwas mehr als einem Vierteljahr war dort seine Frau Constanze im Kindbett gestorben und nun suchte der verzweifelte Vater von 7 Kindern eine Frau, die ihm den Haushalt führen konnte und die ihm darüber hinaus die tief geliebte Lebensgefährtin ersetzen sollte.

Man kannte sich bereits seit dem Jahreswechsel 1862/63, als Elise Polko einen begeisterten Brief an den damals noch in Heiligenstadt wohnenden Dichter geschrieben hatte. Anlass war ihre Lektüre von Storms Novelle „Auf der Universität“, die mit der Jahreszahl 1863 vom Verlag Brunn in Münster bereits zum Weihnachtsgeschäft 1862 ausgeliefert worden war. Aus dieser Erzählung las Elise Polko eine innige Seelenverwandtschaft mit dem ihr auch als Lyriker bereits bekannten Dichter heraus und schickte ihm ihre zwischen 1861 und 1863 in Leipzig erschienenen „Neuen Novellen“ mit der Bitte um Besprechung.[2] Über eine Fotografie, die Frau Polko als ca. Dreißigjährige zeigt, notierte Storm: „Nach dem Bilde muß diese Schriftstellerin ausnahmsweise hübsch und elegant sein. Demgemäß habe ich geantwortet.“[3] Storm bestärkte die Autorin in ihrem Lob, indem er  ihrer Prosa ungewöhnlich begeistert „eine hinreißende Lyrik“ nannte und von der „Hingebung an jene berauschende Naturgewalt der Liebe“ schwärmte. Und er steigert sein Lob in eine kaum verschlüsselten Liebeserklärung, wie wir sie in keinem anderen Brief des Dichters an seine vielen Verehrerinnen finden[4]:

Aber es ist nun nicht die Hand des epischen Dichters, die wir zu fassen glauben, der uns sicher, wenn auch selbst bewegt, über Klippen und Abgründe führt; es ist die Hand einer Frau, die wir selbst schützend in unsre Arme schließen und der wir zuflüstern möchten: „Sei ruhig, ich will dich tragen!“

Erst sieben Monate später, im August 1863, antwortet Elise Polko auf diesen persönlichen Brief, entschuldigt sich mit ihrer Krankheit, schreibt über ihren Seelenzustand und beschwört das „tiefe warme Vertrauen der Freundschaft.“ Zu Weihnachten 1863 schickt Storm ihr einen Gedichtband und Fotos von der Familie.

Ein Jahr nach dem ersten Kontakt wurde die Korrespondenz wieder aufgenommen. Storm war im Februar 1864 nach Husum zurückgekehrt und berichtete darüber auch an die Polko. Außerdem schickte er ihr seine Novelle „Von Jenseit des Meeres“ sowie die ihm Frühjahr gerade erschienene erweiterte Neuauflage seiner Gedichte in einem blauen Prachtumschlag.[5]

 

        

Bücher Theodor Storms im Besitz von Elise Polko

 

In einem sehr intimen Dankesbrief schildert Elise Polko ihre gegenwärtige Situation, bezeichnet sich als unverstandene Frau, beschreibt ihren Mann als „kalt“ und bezeichnet ihre Ehe als leidenschaftslos. Dann bittet sie ihren Dichterfreund um Rat. Dieser antwortet, sie möge sich von allen Banden lösen, die sie von ihrem Glück zurückhalten und sich von ihrem Mann doch scheiden lassen. Im Mai 1864 antwortet Elise in einem langen Brief, in dem sie die Beziehung zu ihrem Mann noch einmal darstellt. Ihr fehlt allerdings der „Muth“, in einem Brief das offen auszusprechen „was sich eben nur Auge zu Auge in halben Worten sagt“ und bezweifelt, ob Storm als Mann auch „eine gewisse Glücksberechtigung (in meinem Sinne) für die Frau“ gelten lassen würde. Sie begründet schließlich ihre Entscheidung, ihren Mann nicht zu verlassen, mit dem Wunsch, den gemeinsamen Sohn nicht zu verlieren. Der Brief schließt: „Grüßen Sie tausendmal Ihre liebe, liebe Frau, und teilen Sie mit ihr den innigen warmen Händedruck von Elise Polko.“[6]

 

  

     Elise Polko, Fotografie um 1860

Elise Polko wurde als Tochter des Pädagogen Karl Christoph Vogel in der Nähe von Dresden geboren; ihr Bruder war der Afrika-Forscher Eduard Vogel (1829-1856). Nach einer Gesangsausbildung, die sie auf Anraten von Felix Mendelssohn auch nach Paris zu dem berühmten Gesangspädagogen Manuel Garcia führte, begann sie eine Solistenkarriere, bis sie nach der Heirat mit dem Eisenbahningenieur Eduard Polko (1820-1887) ihren Beruf aufgab und sich der Schriftstellerei widmete. Seit 1851 wohnte die Familie in Minden. Mit Märchen, Novellen und biographischen Skizzen sowie Romanen und Kinderbüchern wurde sie zu einer der meistgelesenen Autorinnen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  

Die Poesie ist ein innig blühender Zaubergarten, dessen goldene Pforte uns zur Rettung zu jeder Stunde offensteht.

Ihre zahlreichen Lyrik-Anthologien erreichten hohe Auflagen; am literarischen Markt war Elise Polko erfolgreicher als Theodor Storm, der sich nach seinem Jura-Studium in Kiel und Berlin zunächst als Lyriker einen Namen gemacht hatte und der neben seiner Berufstätigkeit als Rechtsanwalt und Richter seit den späten 1850er Jahren bedeutende Novellen des poetischen Realismus schrieb.

Knapp ein Jahr später, am 17.3.1865[7], wirft Elise ein paar persönliche Sätze aufs Papier, die nur als verzweifelter Hilferuf einer verschmähten Frau gelesen werden können; „es ist nur ein tiefes Atemholen aus dem Herzen“ schreibt sie in einer Nachbemerkung, nachdem sie das „Blättchen“ in ein „rosa Couvert“ gesteckt hat, auf dem sie mehrmals ihren Wunsch nach körperlicher Nähe ausspricht. Eine Antwort Storms ist nicht bekannt.

Nur zwei Monate später, am 20. Mai 1865, starb Constanze Storm. Auf die entsprechende Nachricht antwortet Elise Polko bereits am 26. Mai mit einem ergreifenden Kondolenzbrief. Unter anderem schreibt sie „Und die Kinder?!! – Haben Sie ein kleines Mädchen das ich Ihnen abnehmen, hegen, pflegen und groß ziehen könnte! – […] In Kurzem schreibe ich was über mich beschlossen und wo wir uns vielleicht sehen könnten, […].“[8]

Storm überwand seine tiefe Erschütterung nur allmählich; die Trauerarbeit dauerte fast ein ganzes Jahr. Eine wichtige Rolle spielte dabei sein Gedichtzyklus „Tiefe Schatten“, den er bereits wenige Tage nach Constanzes Tod niederschrieb und in den folgenden Wochen an einige seiner Freunde schickte, darunter auch an Elise Polko, die in einem Brief vom August 1865 aus einem der Gedichte zitiert[9]: „Ihre kleinen Gedichte – – Ihr Sehnsuchtsseufzer – mit Thränen gelesen. – Wohl dem, der so herbeigesehnt wird! –“.

 Das 5. Gedicht des Zyklus‘ lautet[10]:

 

Der Geier Schmerz flog nun davon,

Die Stätte, wo er saß, ist leer;

Nur unten tief in meiner Brust

Regt sich noch etwas, dumpf und schwer.

 

Das ist die Sehnsucht, die mit Qual

Um deine holde Nähe wirbt;

Doch, eh' sie noch das Herz erreicht,

Mutlos die Flügel senkt und stirbt.

 

Im Juli plante Storm eine Reise, um Abstand von den Ereignissen in Husum zu gewinnen und „wo möglich neue Fäden ins Leben spinnen.“[11] Im August 1865 verabredete er mit seinem Berliner Freund Ludwig Pietsch einen Besuch in Baden-Baden, wohin ihn der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew eingeladen hatte und fragte bei Elise Polko an, ob er bei ihr auf seiner Reise vorsprechen dürfe. Offenbar plagten ihn Bedenken, dabei auch auf ihren Mann zu treffen. Elise aber antwortete: „Unsinn, liebster Freund! Sie kommen eben so gut zu meinem Mann wie zu mir, wir freuen uns gemeinschaftlich auf sie.“[12]

Storm fuhr am 1. September in Husum ab und erreichte Minden am nächsten Morgen. Hier mietete er sich im Bahnhofshotel ein und ging sogleich zu den Polkos. Den zweitägigen Besuch hat er ausführlich in einem Brief an die Familie beschrieben[13]:

Ich kam um 9 Uhr morgens in Minden an, wo ich im Bahnhofshotel abstieg. Ich begab mich dann gleich zum Betriebsinspektor Polko, der in dem großen Bahnhofsgebäude eine wunderschöne Wohnung hat. Zwischen den vorspringenden Ecken des Hauses läuft ein großer Balkon, von dem man in nicht zu weiter Ferne durch die bewaldete Porta Westphalica in das weite Land hinaussieht. Im Hause ist der größte Komfort. Mann und Frau sind sehr verschieden: er der stramme, kluge Geschäftsmann, der am liebsten über öffentliche Dinge spricht, sie ganz in dem Interesse für Musik und Poesie aufgehend. Zwischen beiden ein vierzehnjähriger, netter Junge. Von beiden wurde ich äußerst herzlich aufgenommen. Elise Polko ist vielleicht eine Frau von Constanzes Alter, aber viel verblühter, als Constanze war. Wenn sie recht im Schatten saß – sie verträgt kein helles Licht –, sah ich, wie schön sie einst gewesen sein muß. Ich war viel mit ihr allein. Obgleich sie wegen eines Herz- und leider auch Halsleidens eigentlich nicht singen darf, so sang sie mir doch einige Lieder, auch das Eichendorffsche „Lorelei" von Schumann, mit einer wahrhaft dämonischen Kraft, so daß ich bei mir selbst dachte, die singst du nicht nieder. Nachher freilich hatte sie dafür zu leiden. Am Sonntagmorgen war ich frühzeitig in der Stadt und besah mir den alten Dom, den Tag verlebte ich dann im Polko‘schen Hause.

Von Elise Polko haben wir nur eine knappe Beschreibung dieser Begegnung: „Und dem unvergeßlichen Theodor Storm habe ich die stille Schönheit der Porta gezeigt – wie empfänglich für den Reiz der Natur war dies Dichterauge, diese Dichterseele.[14]

Trotz der körperlichen Nähe („Ich war viel mit ihr allein“) scheint aber aus der Seelenverwandtschaft auf Seiten von Storm keine Liebe erwachsen zu sein, denn Elise beschwert sich in ihrem Weihnachtsbrief darüber, dass er auf seiner Rückreise von Baden-Baden nicht noch einmal bei ihr vorgesprochen hatte[15]: „Wie weh es mit that, Sie nicht noch einmal bei mir zu haben, kann ich gar nicht sagen, lieber theurer Freund. Ich rechnete so fest darauf! – Wer weiß wann man sich nun einmal wiedersieht! – Wie geht es den Kindern? Wer ist bei Ihnen? – Wie sieht es in Ihrem Herzen aus? Ach ich möchte so viel wissen und fragen!“ Und sie signalisiert ihm ihre eigenen Gefühle: „Mit mir geht es besser, körperlich und geistig, – ich arbeite viel um Versäumtes nachzuholen und mein Mann versucht mich auf Händen zu tragen – versucht sage ich denn Naturen wie die seine können eben nur versuchen, – aber solche Versuche sind, trotz alles ihrer Unvollkommenheit, so rührend. –“ Und am Schluss des Briefes heißt es: „Ich denke so viel an Sie, spreche so oft von Ihnen und habe Sie so lieb. Sie dürfen mir Alles sagen!“

Sorm sagte aber nichts und wandte sich in Husum Dorothea Jensen wieder zu, die er bereits als jung verheirateter Ehemann geliebt hatte, und verabredete mit ihr Anfang 1866 eine zweite Ehe. Elise Polko ist er nicht wieder begegnet.

               

Elise Polko und Theodor Storm, Fotografien nach und um 1865

Über die Gründe dafür, warum Theodor Storm auf Elise Polkos Avancen nicht eingegangen ist, kann nur spekuliert werden. Elise Polko stand im 43. Lebensjahr, als sie Storm begegnete, und er fand ihr Äußeres „verblüht“. Er selber war damals knapp 49 Jahre alt. Auch Dorothea Jensen, die er 1866 im Alter von 37 Jahren heiratete, nannte er gegenüber Freunden eine „verblühte Blondine“. Das Alter allein kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es die Kränklichkeit dieser Frau, die wegen ihrer Eheprobleme unter starken psychosomatischen Beschwerden litt, die ihn abstieß. Möglicherweise hat ihm Elise auch davon erzählt, dass sie nach dem Tode ihrer Eltern im Jahre 1853 eine größere Schuldensumme übernommen hatte, die sie nur unter Mühen abzahlen konnte, da ihr Mann sie als Beamter ohne Vermögen nicht darin unterstützen konnte.[16] Denkbar ist aber auch, dass die Seelenverwandtschaft, die während des zweieinhalbjährigen Briefwechsels das Band zwischen beiden bildete, einer immer deutlicheren Entfremdung wich.

Unter den Büchern, die Elise Polko von Theodor Storm gelesen hatte, befand sich auch dessen Novelle „Im Schloß“, die als Separatausgabe 1863 in der Brunn‘schen Buchdruckerei Münster erschien. Der Verleger gab Werke der Polko heraus, so dass sie mit Sicherheit auch diese Novelle des verehrten Meisters gelesen hat, obwohl sie dies in keinem ihrer erhaltenen Briefe erwähnt.

In dieser Novelle entwirft Storm ein literarisches Modell für die Trennung der Frau von einem ungeliebten Mann; ein adliges Mädchen verliebt sich in ihren bürgerlichen Lehrer, wird aber mit einem Höfling verheiratet, den sie nicht liebt. Das Kind aus dieser Ehe lehnt die Mutter ab und erlebt mit Genugtuung den Tod zunächst des Kindes, dann des Mannes. Nun ist sie frei, entsagt ihren adligen Privilegien und heiratet den bürgerlichen Professor.

 

Storm hatte diese provozierende Novelle, in der er seine Adelskritik am deutlichsten zum Ausdruck brachte und sie mit einer darwinistischen Natursicht verband, zunächst in der auflagenstarken Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ veröffentlicht. So konnte er mit seiner provozierenden Darstellung ein größeres Lesepublikum erreichen, als mit seinen übrigen Novellen. Die Buchausgabe musste er in Münster bei Brunn verlegen, weil sein reaktionärer Verleger Alexander Duncker in Berlin meinte, den Text aus weltanschaulichen und politischen Gründen brüsk ablehnen zu müssen.

 

Die meisten Briefe Theodor Storms an Elise Polko sind verschollen sind und ihr Inhalt kann nur aus den Gegenbriefen erschlossen werden; deshalb lässt sich auch nicht klären, ob Storm ihr gegenüber im Zusammenhang mit ihren Eheproblemen auf seine Erzählung verwiesen hat. In den folgenden Jahren, die durch Storms zweite Ehe bestimmt waren, ließ er den Briefwechsel jedenfalls einschlafen. Elise Polko wandte sich erst 1873 wieder an Storm und eröffnete eine lockere Fortsetzung der Korrespondenz, von der aber keine Briefe überliefert sind. Wir hören nur in anderen Korrespondenzen, dass Storm seine Söhne Hans und Ernst zu seiner früheren Freundin geschickt hat und schließlich 1887 in seinem einzigen erhaltenen Brief beabsichtigte, seine Tochter Friederike aus der zweiten Ehe mit Dorothea als Hausdame zu Frau Polko zwecks einer Gesangsausbildung zu schicken.[17]

Allerdings hat eine Novelle der Polko eine Spur in Storms Lyrik hinterlassen. Diese hatte 1868 in der Zeitschrift „Westermanns Illustrirte Deutsche Monatshefte“ die Erzählung „Das Schloß an der Weser“ veröffentlicht, übrigens im gleichen Jahrgang, in dem 1867 Storms Novelle „Eine Malerarbeit“ erschienen war. Die Polko schilderte eine Episode aus dem Leben der Luise zu Mecklenburg, der späteren preußischen Königin (1776-1810). Die junge Prinzessin besucht das Schloss Petershagen an der Weser und nimmt an einem Ball teil. Da sie keine Tanzschuhe dabei hat, stellt sie sich eigenhändig welche her. Eine Pfarrerswitwe erbittet sich die Schuhe für ihren Knaben, der dies Objekt der Verehrung seiner Braut schenkt.

Die Autorin mischt literarische Motive von Goethes „Wahlverwandtschaften“ bis zu Storms „Immensee“ zu einer komplexen Liebesgeschichte, die allerdings keine tragischen Momente aufweist. In einem leichten Erzählton werden die Prinzessinnen-Schuhe zum Glückssymbol für zwei Generationen einander liebender Menschen. Die prinzessinhafte Tochter des Amtmanns wird nach einer selbstlosen Liebestat von einem Prinzen geheiratet, und ihr Sohn vermählt sich später mit der Tochter seiner bürgerlichen Tante.

Elise Polko schildert Menschen in einer versöhnten Kunstwelt und blendet alle Konflikte aus, die zwischen den Ständen bestehen. Der Text steht in der Tradition mythischer Verklärungen des Adels in Gestalt der Prinzessin und späteren Königin Luise durch Dichter der Romantik. Bis zur Reichgründung im Jahre 1871 erschienen Hunderte solcher trivialer Dichtungen, die vor allem für das jüngere weibliche Lesepublikum bestimmt waren.

 

      

Königin Luise von Preußen, Ölgemälde von Josef Maria Grassi aus dem Jahr 1802

Theodor Storm muss die Erzählung, die sich auf den ersten Blick völlig unpolitisch gibt, als Angriff auf seine weltanschauliche Position gelesen haben. Denn in seiner Schloss-Novelle beschrieb der Dichter ein Ideal des reinen Menschentums, das allen liberalen Grundüberzeugungen eigen ist, und nach dem der Standesunterschied zwischen Adel und Bürgertum durch eine Bewusstseinswandel des Adels überwunden werden muss. Gerade dieser weltanschauliche Ansicht, die für Storm die Voraussetzung für eine anschauliche und lebendigen Schilderung des Lebens ist, widerspricht „Das Schloss an der Weser“ grundlegend. Denn von einer „wahrhaften Geschichte“ – so der Untertitel – darf der Leser erwarten, dass die Anmaßung, wozu nach Storm „das Adelsinstitut den Menschen bringt“ (so im Brief an Hartmut Brinkmann vom 5.-29. April 1863), in der Literatur „vor den moralischen und ästhetischen Richterstuhl des Publikums“ gestellt wird. Davon ist in Elise Polkos Erzählung nirgendwo die Rede. Sie gestalte nur die sinnliche Seite des Menschentums, klammer die sittliche aber fast völlig aus und überlässt die Wendung zum Guten allein dem Gefühl.

Storm reagierte auf seinen Ärger über die Erzählung mit einem polemischen Gedicht im Stile des großen Spötters Heinrich Heine. Am 14. Januar 1868 trug er folgende Verse in seine Sammelhandschrift „Neues Liederbuch“ ein:

Die alte Hofdame

Sie soll nun in den Himmel gehn         

Und bei den Englein wohnen.             

„Entfernt nun“, haucht sie, „Alles mir

Aus niedern Regionen!                        

Legt mir auf's Herz den alten Strumpf,

Der mich funfzig Jahre beglückt hat,    

Den einst, unglaublich aber wahr,        

Ihro Durchlaucht selbst gestrickt hat.“ 

Später änderte er die Überschrift dieses zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten Gedichts in „Dem Hofe attachirt“. Darunter notierte er: „conf. Westermanns Monatshefte Nr. 136, die Novelle meiner lieben Freundin Elise Polke ‚Das Schloß an der Weser.‘“[18]

Von der Literaturkritik wurde die Autorin zunächst wegen ihrer lebhaften Gefühlsschwärmerei gelobt, später aber auch heftig kritisiert. Am deutlichsten hat der Husumer Gymnasialdirektor Heinrich Keck den Unterschied zwischen ihren Erzählungen und den Novellen Storms herausgestellt. Auch er hebt ihre reiche Erfindungskraft und ihre warmen Empfindungen hervor, kritisiert aber die oberflächliche sprachliche Form ihres Erzählens und die verzerrten, idealisierten Bilder von den wirklichen Verhältnissen.[19]

 

 Elise Polko: Unsere Pilgerfahrt von der Kinderstube bis zum eignen Heerd. Leipzig 1868.

Elise Polko blieb auf der literarischen Bühne weiterhin erfolgreich, veröffentlichte Anthologien, schrieb „Plaudereien“, „Briefblätter“, „Skizzen“, „Erinnerungen“ und „Phantasien“ sowie „Musikalische Märchen“ und katholisch gefärbte Kinderbücher; privat musste sie den Tod ihres Sohnes und ihres Mannes erleiden und lebte anschließend in nicht gesicherten finanziellen Verhältnissen. Sie starb am 15. Mai 1899 – elf Jahre nach Theodor Storm – in München.

 

Anmerkungen


[1] Karl-Heinz Schock: Theodor Storm und Elise Polko. Ein Beitrag zur Storm-Forschung und zur Mindener Heimatgeschichte. Sonderdruck aus den Mindener Heimatblättern Jahrgang 1967.

[2] Neue Novellen von Elise Polko. Leipzig 1861; Zweite Folge 1862, Dritte Folge 1862.

[3] Brief an Ludwig Pietsch vom 19. Juni 1865. In: Blätter der Freundschaft. Aus dem Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Ludwig Pietsch. Heide 21943.

[4] Gerhard Ranft: Theodor Storm und Elise Polko. Ein bisher unveröffentlichter Briefwechsel. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 39(1990), Brief Nr. 2.

[5] Theodor Storm: Gedichte, 4. vermehrte Auflage, Berlin 1864.

[6] Gerhard Ranft (wie Anm. 4), Brief Nr. 9.

[7] Ebenda, Brief Nr. 10.

[8] Ebenda, Brief Nr. 12.

[9] Ebenda, Brief Nr. 15.

[10] Theodor Storm: Sämtliche Werke in 4 Bänden, Bd. 1, Frankfurt am Main 1987, S. 88f.

[11] Wie Anm. 3.

[12] Gerhard Ranft (wie Anm. 4), Brief Nr. 13.

[13] Gertrud Storm: Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens, Bd. 2, Berlin 21913, S. 118.

[14] Elise Polko: Bedeutende Menschen. Portraitskizzen, Lebenserinnerungen und Novellen. Breslau 1895, S. 53.

[15] Gerhard Ranft (wie Anm. 4), Brief Nr. 15.

[16] Vergl. K. Rembert: Zur Lebensgeschichte zweier Kinder des Krefelder Rektors Dr. Karl Vogel. In: Die Heimat. Zeitschrift für niederrheinische Denkmalpflege, 18. Jg. Krefeld 1939, H. 1-2, S. 75-83.

[17] Vergl. bei Gerhard Ranft: Theodor Storm und Elise Polko.

[18] Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel; Neues Liederbuch. Storm-Nachlass.

[19] Heinrich Keck: Die Kunst des Erzählens. In: Deutsches Literaturblatt, 5(1880), Nr. 16, S. 91f.

 

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