Gottfried August Bürger

Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande

London 1788                                                               

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Viertes See-Abenteuer

 

 

Konstantinopel, Kupferstich. Aus: Accurate Vorstellung der Orientalisch-Kayserlichen Haupt-und Residenz-Stadt Constantinopel samt ihrer Gegend und zweyen berühmten Meer-Engen, Bosphoro Thracio, und Hellesponto, oder dem freto der Dardanellen, herausgegeben von Johann Baptist Homann, Der Röm. Kays. Maiest. Geographo. Nürnberg um 1716.

 

[79] Viertes See-Abenteuer.

 

Als ich noch in türkischen Diensten war, belustigte ich mich öfters in einer Lust-Barke auf dem Mare di Marmora, von wo man die herrlichste Aussicht auf ganz Konstantinopel, das Seraglio des Großsultans mit eingeschlossen, beherrschet. Eines Morgens, als ich die Schönheit und Heiterkeit des Himmels betrachtete, bemerkte ich ein rundes Ding, ohngefähr wie eine Billard-Kugel groß, in der Luft, von welchem noch etwas anderes herunterhing. Ich griff sogleich nach meiner besten und längsten Vogelflinte, ohne welche, wenn ichs ändern kann, ich niemals ausgehe, oder ausreise, lud sie mit einer Kugel, und feuerte nach dem runden Dinge in der Luft; allein umsonst. Ich wiederholte den Schuss mit zwei Kugeln richtete aber noch nichts aus. Erst der dritte Schuss, mit vier oder fünf Kugeln machte an einer Seite ein Loch und brachte das Ding herab. Stellen Sie sich meine Verwunderung vor, als ein niedlich vergoldeter Wagen, hängend in einem ungeheueren Ballon, größer als die größte Turmkuppel im Umfange, ohn-|[80]gefähr zwei Klafter weit von meiner Barke heruntersank. In dem Wagen befand sich ein Mann und ein halbes Schaf, welches gebraten zu sein schien. Sobald sich mein erstes Erstaunen gelegt hatte, schloss ich mit meinen Leuten um diese seltsame Gruppe einen dichten Kreis.

B1 und B2: Drittes See-Abenteuer.

Quelle: Rudolf Erich Raspe: Gulliver revived, London 1786:

Lust-Barke: Bürger übersetzt so die pleasure-barge, ein flaches langsam schwimmendes Boot, das im Gegensatz zu Schiffen, die dem Transport dienen, in der Freizeit und zur Unterhaltung benutzt wird.

Mare di Marmora: Das Meer bei Konstantinopel nach der Insel Marmora. Die Meerenge der Dardanellen verbindet das Marmarameer mit der Ägäis und dem Mittelmeer und ermöglichen den Durchgang zum Schwarzen Meer über den Bosporus.

Seraglio des Großsultans: befestigter Palast an der Küste von Konstantinopel.

ein Loch und brachte das Ding herab: Ein Fallschirm rettete Blanchard am 21. November 1785 das Leben. Blanchards Ballon drohte wegen Überdrucks zu platzen; Blanchard stieß einige Löcher in die Hülle, um dies zu verhindern. Das Gas strömte jetzt aber so schnell aus, dass ein Absturz unmittelbar bevorstand und er sich nur noch mit seinem Fallschirm retten konnte. Das war der erste verbürgte – wenn auch unfreiwillige – Fallschirmabsprung eines Menschen aus großer Höhe; Louis-Sébastien Lenormand (1757–1837) war zwei Jahre zuvor vom Observatorium seiner Heimatstadt Montpellier gesprungen. Zudem stellte dies die erste Luftrettung in der Geschichte der Luftfahrt dar.
Wikipedia

Ballon: so bezeichnet Bürger Raspes gilt car

Doch jedes Flugabenteuer in Raspes Münchhausen versieht den Fortschritt am Ende zumindest mit einem Fragezeichen. Ein fremder Ballon und sein Fahrer werden mit einem gezielten Schuss des deutschen Adeligen vom Himmel geholt. Die Einwohner Londons verschlafen die Versetzung des Windsor Castle. Und die Flügel, mit deren Hilfe Münchhausen die Kriegsgefangenen befreit, werden anschließend im Raritätenkabinett der Festung von Dover als nutzloses Kuriosum ausgestellt. [Bürger übernimmt nur die erste Episode, G.E.] Alle Flugepisoden Raspes werfen die Frage auf, ob die wissenschaftlich-technischen Entdeckungen im Rahmen der bestehenden, noch von Adel und Kirche geprägten Gesellschaftsform die erwünschten gesellschaftlichen Veränderungen bewirken können – und ob die Bevölkerung reif für sie ist.
Beese 2020, S. 50ff.

 

Dédié à M. Blanchard. Apparition du Globe Aérostatique de M.r Blanchard, entre Calais et Boulogne, parti de Londres le 7 de Janvier, Kupferstich, 1785. Paris, Bibliothèque nationale de France.

Man hat schon in Frankreich und an andern Orten nach freygelassenen Kugeln, wie nach Falken gejagt, und Prämien für den gesezt, der sie zuerst erreicht wenn sie fallen, Diese Jagd ist noch nicht so halsbrechend, als eine die sonst in England Mode war, da man, wenn man keinen Fuchs fand, auf den ersten den besten Kirchthurm in gerader Linie zujagte. Dieses hießen sie to haar steeples. Kirchthürme jagen. Jetzt ist es unter dem Adel abgekommen, und man überläßt diese Jagd, wie billig, der Geistlichkeit, die auf eine minder halsbrechende Weise nach Kirchthürmen jagt.
Georg Christoph Lichtenberg: Vermischte Gedanken über die aërostatischen Maschinen. In: Göttinger Magazin der Wissenschaften und Literatur. 3.1783, 6. Stück, S. 951.

 

THE art of travelling though the air, lately discovered, and rapidly improved, has introduced some new words, expressive of the various objects which belong to it. The meaning of those words is easily understood and remembered, since they are principally derived from the Latin, aer, the air; thus the aerostat, or the aerostatic machine, is the general appellation of the flying instruments; the aeronaut is the person who travels through the air with an aerostatic machine; and the art itself, with whatever belongs to the knowledge of it, is called the subject of aerostation. – The Flying machines are likewise called air-balloons.
THE HISTORY AND PRACTICE OF AEROSTATION. BY TIBERIUS CAVALLO, 1785, Preface.

 

Die erst vor kurzem erfundene und so schnell verbesserte Kunst, durch die Luft zu reisen, hat einige neue Worte in Gebrauch gebracht, welche verschiedene dahin gehörende Gegenstände ausdrücken. Die Bedeutung dieser Worte läßt sich leicht verstehen und behalten, da sie mehrentheils von dem lateinischen Worte Aer, die Luft, hergeleitet sind; daher ist Aerostat, oder die aerostatische Maschine, die allgemeine Benennung der fliegenden Maschinen; der Aeronaut, Luftfahrer, Luftsegler ist die Person, die mit einer aerostatischen Maschine durch die Luft reiset, und die Kunst selbst, mit allem was zu Kenntnis derselben gehört, heißt die Aerostatik. – Die fliegende Maschine heißt Luftkugel, ein Luftball.
Geschichte und Praxis der Aerostatik durch Tiberius Cavallo, 1786, Vorrede.

 

Am 7. Januar 1785 überquerte Jean-Pierre Blanchard als Erster zusammen mit dem Arzt John Jeffries mit einem Gasballon den Ärmelkanal von Dover nach Calais in zwei Stunden und 25 Minuten. Da Wassestoiff durch die Ballonhülle diffundierte, mussten die Ballonfahrer allen Ballast abwerfen und von der Gondel in die Halteseile klettern, um nicht abzustürzen. In Calais erwartete sie ein begeisterter Empfang. Blanchard wurde zum Ehrenbürger von Calais ernannt und erhielt vom französischen König eine lebenslange Zahlung in Höhe von jährlich 1200 Livres.

Blanchards Flug von Dover nach Calais am 9. Januar 1785. Farblithographie, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

On Friday January the 7th, being a fine clear morning, after a very frosty night, and the wind about N. N. W. but hardly perceptible, Mr. Blanchard, accompanied by Dr. Jeffries, departed in the old balloon from Dover-Castle, directing their course for the French coast. The balloon was begun to be filled at about 10 oʼclock; and whilst the operation was going on, two small balloons were launched, in order to explore the direction of the wind. The apparatus was placed at about 14 feet distance from the perpendicular cliff; and at three quarters after 12 oʼclock, the boat being attached to the net which went over the balloon, several necessaries, and some bags of sand for ballast, were put in it. The balloon and boat, with the two adventurers, now stood within two feet of the brink of the cliff, that identical precipice so finely described by Shakspeare, in his King Lear. At one o ʼclock the intrepid Blanchard desired the boat to be pushed off; but the weight being too great for the power of the balloon, they were obliged to throw out a considerable quantity of ballast, in consequence of which they at last rose gently and majestically, though making very little way, with only three sacks of ballast, of ten pounds each. At a quarter after one oʼclock the barometer, which on the cliff stood at 29,7, was fallen to 27,3, and the weather proved fine and warm. Dr. Jeffries, in a letter to Sir Joseph Banks, Bart, P. R. S. describes with rapture the prospect which at this time was before their eyes. The country to the back of Dover, interspersed with towns and villages, of which they could count 37, made a beautiful appearance. On the other side, the breakers on the Goodwin Sands appeared formidable. They passed over several vessels, and enjoyed a view perhaps more extended and diversified than any that was ever beheld by mortal eye. The balloon was much distended, and at 50 minutes past one oʼclock it was descending, in consequence of which they were obliged to throw out one sack and a half of ballast, in order to rise again. They were now one third of the way from Dover, and had lost distinct sight of the castle. A short time after, seeing that the balloon was descending very fast, all the ballast was thrown out, but that pot being sufficient to lighten the boat, a parcel of books was next thrown overboard, when they rose again, being at about midway between the English and French coasts. At a quarter past two oʼclock, the rising of the mercury in the barometer Thewed that the balloon was again descending, which obliged them to throw away the remaining books. At 25 minutes after two they were at about three fourths of the way, and an enchanting view of the French coast appeared before their eyes; but the lower pole of the balloon was collapsed, in consequence of the loss or condensation of the inflammable air, the machine was descending, and they, Tantalus like, were uncertain whether they should ever reach the beautiful land. Provisions for eating, the wings of the boat, and several other articles, were successively thrown into the sea. – “We threw away,” says Dr. Jeffries, “our only bottle, which in its descent cast out a steam like smoke, with a rushing noise; and when it struck the water, we heard and felt the shock very perceptibly on our car and balloon,” Anchors, cords, &c. were thrown out next; but, the balloon still approaching the sea, they began to strip, cast away their clothes, and fastened themselves to certain slings, which proceeded from the hoop to which the boat was fastened, intending to cut the boat away for a last resource: but they had the satisfaction to find that they were rising; their distance from the French shore was about four miles, and they were approaching it very fast. Fear was now vanishing apace; the French land shewed itself every moment more beautiful, more extended, and more distinct; Calais, and above 20 other towns and villages, were clearly distinguished. Their actual situation, with the idea of their being the two first persons who crossed the channel in such an unusual vehicle, made them little sensible of the want of their clothes; and I doubt not but the sympathizing reader will feel an unusual sensation of admiration and joy in imagining their situation. Exactly at three oʼclock they passed over the high grounds about midway between Cape Blanc and Calais, and it is remarkable that the balloon at this time rose very fast, so that it made a magnificent arch. The balloon rose higher than it had ever done in any other part of the voyage, and the wind increasing, varied a little its direction. The two adventurers now threw away their cork jackets, which they had taken for safety, and of which they were no longer in want. At last they descended as low as the tops of the trees in the forest of Guinnes, and Dr. Jeffries, laying hold of a branch of one of the trees, stopped their progress. The valve of the balloon was opened, in consequence of which the inflammable air got out with a loud rushing noise, and some minutes after they came safely to the ground, between some trees, which were just open enough to admit them; after having accomplished an enterprise, which will perhaps be recorded to the remotest posterity.

About half an hour after, they were overtaken by some horsemen, &c. who had followed the balloon, and who shewed every possible attention to the fortunate aeronauts.

THE HISTORY AND PRACTICE OF AEROSTATION. BY TIBERIUS CAVALLO, 1785, S. 180-185.

 

Aerostatische Versuche im Anfang des Jahres 1785.

Freytags, dem 7ten Jänner an einem hellen Morgen, nach einer sehr frostigen Nacht, reiste Herr Blanchard, begleitet von Doctor Jefferies, mit einem Nord-Nord-Westwinde, mit seinem alten Balle, von Douvre Castle nach der französischen Küste ab. Man fieng die Kugel ohngefähr um 10 Uhr zu füllen an; unterdessen sandte man zwo kleinere Kugeln, um die Richtung des Windes auszuforschen, voraus. Die ganze Zubereitung stand ohngefähr 14 Schuhe weit vom Abhange des jähen Felsen ab; um drey Viertel nach zwölf Uhr befestigte man das Boot an das über die Kugel gehende Netz, und legte verschiedne Nothwendigkeiten sammt einigen Säcken mit Sand, als Ballast hinein. Nun stund die Kugel mit den zween Reisenden noch zween Schuhe vom Rande der Klippe, an dem nämlichen romantischen Abhange, den Shakespear so schön in seinem König Lear beschreibt. Um ein Uhr begehrte der unerschrockene Blanchard, daß man das Boot abstossen sollte; das Gewicht aber überstieg die Gewalt der Kugel, und man muste eine große Menge Ballast auswerfen. Darauf stiegen sie langsam und majestätisch auf; förderten aber sehr wenig, und hatten nur drey Säcke mit Ballast, jeden von 10 Pfund, übrig. Das Barometer, das auf der Klippe auf 29,7 gestanden hatte, war um ein Viertel nach ein Uhr bis auf 27,3 herabgesunken. Das Wetter war schön, und warm. In einem Briefe an Sir Joseph Banks, Präsidenten der königlichen Akademie der Wissenschaften, beschreibt Doctor Jefferies mit Entzücken die Aussicht, die damals, vor ihren Augen lag. Die Landschaft hinter Douvre, auf welcher se 37 Städte und Dörfer zählen konnten, stellte den reizendsten Anblick dar. An der andern Seite erschienen die Klippen auf den Goodwin Sands fürchterlich. Sie flogen über verschiedne Schiffe fort, und genossen einer so ausgebreiteten Aussicht, als vielleicht nie einem sterblichen Auge sich dargestellt hatte. Die Kugel war sehr angespannt, und um 50 Minuten nach ein Uhr sank sie, so daß sie anderthalb Säcke Ballast auswerfen musten, um wieder zu steigen. Nun waren sie um ein Drittel des Weges von Douvre ab, und konnten die Burg nicht mehr deutlich sehen. Eine kurze Zeit darauf merkten sie, daß sie sehr geschwind sanken, leerten allen ihren Ballast aus, und warfen, da dieses nicht hinlänglich war, sich zu erleichtern, ein Pack Bücher über Bord, worauf sie wieder stiegen, da sie eben auf der Mitte zwischen den englischen und französischen Küsten waren. Das Steigen des Quecksilbers im Barometer zeigte ihnen um ein Viertel nach zwey Uhr an, daß die Kugel wieder sank, wodurch sie genöthiget wurden, die übrigen Bücher auch abzuwerfen. Um 25 Minuten nach zwey Uhr fanden sie sich auf dem dritten Viertel ihrer Reise, und hatten nun eine bezaubernde Aussicht auf die französische Küste. Der untere Pol der Kugel war aber durch den Verlust, oder durch die Verdichtung der entzündbaren Luft so zusammengeschrumpft, daß sie immer sanken, und, gleich dem Tantalus, nicht wußten, ob sie das schöne Land, das sie sahen, erreichen würden. Allen Mundvorrath, die Flügel des Boots, und verschiedene andere Dinge warfen sie nach und nach in das Meer. – „Wir warfen“sagte D. Jefferies, unsre lezte Flasche weg, welche in ihrem Falle einen Strom, wie Rauch, rauschend ausgoß, und da sie das Wasser berührte, hörten und fühlten wir den Stoß sehr merklich an unserm Boot, und an der Kugel.“ Darauf warfen sie Anker und Stricke fort, und da demohngeachtet die Kugel noch fortfuhr zu sinken, so entkleideten sie sich, warfen die Kleider weg, und banden sich selbst an die Stricke an, die von dem Reife, woran das Boot befestigt war, herunter hiengen; mit dem Vorsatze, das Boot im lezten Nothfalle auch abzuschneiden: Sie fanden aber zu ihrem Vergnügen, daß sie nun wieder stiegen. Noch waren sie ohngefähr 4 Meilen von der französischen Küste entfernt, und flogen derselben sehr schnell zu. Die Furcht schwand nun schnell hinweg; Frankreich zeigte sich jeden Augenblick schöner, ausgebreiteter, und deutlicher; sie konnten nun Calais, und 20 andre Städte und Dörfer deutlich unterscheiden. Ihre gegenwärtige Lage, und der Gedanke, daß sie die ersten zwo Personen waren, die mit einem so ungewöhnlichen Fahrzeug über den englischen Canal fuhren, ließ ihnen nicht zu, daran zu gedenken, daß sie keine Kleider hatten; und ich zweifle gar nicht, daß der sympathisirende Leser bey der Vorstellung ihrer Lage ebenfalls ein ungewöhnliches Gefühl von Bewunderung und Freude empfinden werde. Gerade um 3 Uhr kamen sie über die Anhöhe zwischen Cap blanc und Calais, und es ist merkwürdig, daß die Kugel damals sehr stark stieg, und einen herrlichen Bogen machte. Die Kugel stieg höher als sie irgend auf der ganzen Reise gestanden hatte. Der Wind erhob sich stärker, und führte sie ein wenig aus ihrer vorigen Richtung. Nun warfen die Reisenden ihre Kork-Westen weg, die sie zur Sicherheit angelegt, und nun nicht mehr nötig hatten. Endlich kamen sie tief herab, daß sie die Wipfel der Bäume im Walde von Guines berührten; Doctor Jefferies ergriff einen Ast und hielt ihren Flug dadurch auf. Sie öffneten die Klappe der Kugel, aus welcher die entzündbare Luft rauschend hervordrang, so daß sie einige Minuten darnach zwischen zween Bäumen die eben Platz genug liessen, wohlbehalten an Land kamen, nachdem sie ein Unternehmen bestanden hatten, dessen Andenken gewiß auf die spätesten Enkel kommen wird.

Ohngefähr eine halbe Stunde darnach kamen einige Personen  zu Pferde zu ihnen, die der Kugel gefolgt waren, und den glücklichen Aeronauten alle nur mögliche Aufmerksamkeit bezeigten.

Geschichte und Praxis der Aerostatik durch Tiberius Cavallo, 1786, S. S. 122ff.

 

 

Garnerins erster Fallschirm, der am 22. Oktober 1797 im Parc Monceau von ihm selbst ausprobiert wurde. Library of Congress's Prints and Photographs division.

Bei seinen ersten Flugversuchen hatte Blanchard zwischen der Kugel und dem Boot einen horizontalen Schirm angebracht, um beim Entweichen des Gases den Fall aufhalten zu können. Der rahmenlose Fallschirm wurde erst 1797 von André-Jacques Garnerin (1769-1823) erfunden..

 

Dem Manne, der wie ein Franzose aussah, welches er denn auch war, hingen aus jeder Tasche ein paar prächtige Uhrketten mit Berlocken, worauf, wie mich dünkt, große Herren und Damen abgemalt waren. Aus jedem Knopfloche hing ihm eine goldene Medaille, wenigstens hundert Dukaten am Wert, und an jeglichem seiner Finger steckte ein kostbarer Ring mit Brillanten. Seine Rocktaschen waren mit vollen Goldbörsen beschwert, die ihn fast zur Erde zogen. Mein Gott, dachte ich, der Mann muss dem menschlichen Geschlechte außerordentlich wichtige Dienste geleistet haben, dass die großen Herren und Damen ganz wider ihre heutzutage so allgemeine Knicker-Natur ihn so mit Geschenken, die es zu sein schienen, beschweren konnten. Bei allem dem befand er sich denn doch gegenwärtig von dem Falle so übel, dass er kaum imstande war, ein Wort hervorzubringen.|

Franzose: gemeint ist der französische Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard.

 

Kupferstich, London 1785.

Jean-Pierre François Blanchard (1753-1809), ein französischer Aeronaut, überquerte als erster den Ärmelkanal von Dover nach Calais in zwei Stunden und 25 Minuten. Zunächst experimentierte zunächst erfolglos mit eigenen Flugapparaten, die auf der Grundlage von Schlagflügeln beruhten. Nach der Entwicklung des Heißluftballons durch die Brüder Montgolfier und des Gasballons durch Jacques Alexandre César Charles im Jahre 1783 wandte er sich der Ballonfahrt zu; am 2. März 1784 startete er vom Marsfeld in Paris zu seiner ersten Ballonfahrt mit einem mit Wasserstoff gefüllten Ballon.

Am 27. September 1788 führte Blanchard den staunenden Berlinern seine Flugkünste vor. Danach trat er öffentlich als Ballonschausteller auf. Am 3. Oktober 1785 startete er in Frankfurt am Main anlässlich der Herbstmesse zur ersten Luftreise in Deutschland und fuhr von der Bornheimer Heide bei Bornheim nach Weilburg an der Lahn. Blanchard nahm für sich die Erfindung des Fallschirms in Anspruch und ließ bei diesem Aufstieg erstmals seinen Hund mit dem Fallschirm zur Erde herunterschweben, der auch wohlbehalten sein Ziel erreichte. (Wikipedia)

An einem aufschlußreichen Beispiel können die Brechungen bei der Übersetzung von Wissenschaft in Literatur und van Volkskultur in Lügengeschichten sowie die weiteren Brechungen auf der Ebene der Textübersetzung veranschaulicht werden: am Erheben in die Lüfte, am Fliegen bzw. an der Metapher der Ballonfahrt, Dieses Beispiel ist für die Frage kultureller Übersetzung besonders ergiebig, handelt es sich doch um eine ‚Kollektivsymbolik‘, die „als Integrationsinstrument verschiedenster Praxis-, Erfahrungs-, Wissens- und Diskursbereiche“ wirkt. (Link 1984, S. 156) Hier verdichten sich in der englischen und – anders – in der deutschen Fassung der Münchhausenschen Lügengeschichten die widersprüchlichen Traditionsstränge. Bei Bürger dominieren die alten Vorstellungen: das Fliegen auf Enten und sturmbeflügelten Schiffen , die dadurch – wie bei Lukian – zu einer Art Luftschiff werden, sowie das Klettern auf Mondteitern. Bei Raspe hingegen kommen die wissenschaftlichen Erkenntnisperspektiven aus der Luft ins Spiel, nicht zuletzt durch die gerade entwickelten Flugtechnologien wie Luftschiff und Ballon.

Besonders aufschlußreich ist die Schilderung einer Ballonfahrt im 4. See-Abenteuer, mit ihren Anklängen an den ersten Start des Luft-Ballons der Gebrüder Montgolfier vom 5. Juni 1783 in Anwesenheit des Königs auf dem Marsfeld bei Paris, bei dem ein Schaf, ein (französischer) Hahn und eine Ente an Bord waren (allerdings auch ein Barometer). Bürger erzählt von der Landung eines Ballons mit angehängtem goldenen Wagen, einem Luftschiffer und einem gebratenen Lamm, Raspe hingegen von einem „aerial Traveller“ in einem Luftwagen. In der Tat sollen die ersten bemannten Ballonflieger, wie etwa die Professoren Charles und Roben 1783, spektakulär „in einer Art von Triumphwagen“ bzw. in einer „Art von Boot oder Wagen“ (de St. Fond 1784, S. 234ff.) aufgestiegen sein. Bürgers Übersetzung nutzt das Ballonmotiv für eine hinzugedichtete Passage der kritisch-satirischen Anspielung auf die ballonfliegenden Franzosen und die Galanterie des französischen „Airs“: Der Ballonflieger, „der wie ein Franzose aussah“ (in der französischen Übersetzung von 1787 selbstverständlich ein Franzose war), sei über und über mit Goldschmuck und Medaillen behängt gewesen – ein von der Sensationslust überhäufter Abenteurer in den Wogen des zeitgenössischen französischen „Ballonflebers“. Bürger spielt auf Blanchards Ballonflug vom 7. Januar 1785 an, dem nach Pilâtre de Roziers erstem bemannten Ballonflug vom 21. November 1783 immerhin die erste überseeische Luft-Fahrt gelang: eine Kanalüberquerung von Dover nach Calais. Davon bleibt in Bürgers hinzugedichteter Schilderung allerdings nur ein seiltänzerartiger Gaukler übrig – in der Tradition der Volksbelustigungen und Jahrmärkte –, der „vor den Augen vieler tausend Nachgaffer Kunststücke“ macht. Bei Raspe dagegen ist gerade nicht von Kunststücken, sondern von „atmospheric experiments“ die Rede; der Ballonfahrer ist ein Erfinder, führt wissenschaftliche Versuche durch und statt – wie bei Bürger – richtungslos in der Luft zu „schweben“, ist er in der Luft „to make observations“, statt um „Kunststückchen“ geht es dem Ballonflieger bei Raspe um „intended experiments upon heat and respiration“.

 

Beschreibung der Versuche mit den aerostatischen Maschinen der Herren von Montgolfier nebst verschiedenen zu dieser Materie gehörigen Abhandlungen von Faujas de St. Fond. Aus dem Französischen übersetzt. Leipzig 1784.

In der Tat ist der wissenschaftliche Ertrag der Ballonflüge im späten 18. Jahrhundert – abgesehen von ihrem Nebeneffekt der Volksbelustigung – nicht zu unterschätzen. Dies gilt für die Entwicklung der Flugtechnologie – so hat der historische Erfinder Blanchard als erster versucht, gerade nicht richtungslos zu schweben, sondern den Ballon zu steuern, was den Brüdern Montgolfier und den französischen Ballonfliegern Charles und Rohen, bis dahin nicht gelungen war –, dies gilt aber auch für wissenschaftliche Beobachtung und Experiment. Derartige Interessen wurden von den Franzosen und Engländern besonders ernstgenommen, nicht zuletzt aufgrund der „Nationaleifersucht“ der auf dem Meere herrschenden Engländer auf die die Luft erobernden Franzosen, wie sie von Christoph Martin Wieland beschrieben wird. Bürger dagegen hat vor allem Spott und Ironie für die Luftschiffer übrig – eine nach Wielands Einschätzung eigentümlich deutsche Haltung aufgrund eines fehlenden „Gefühl(s) für Nazionalruhm“ (Wieland 1784, S. 43.) –, so daß der ausführlich kommentierende Herausgeber der 6, deutschen Ausgabe von 1849 folgende Anmerkung macht: „Die vorstehende Erzählung [vom Ballonflug, D. B.] sieht schon in der englischen Originalausgabe von 1786, doch ohne die scharfen Ausfalle gegen den französischen Luftschiffer bei welchem an keinen andern als den bekannten Blanchard zu denken ist. Da derselbe auch an andern Stellen von Lichtenberg's Schriften schlecht wegkommt, ist es nicht unwahrscheinlich daß die betreffende Zusätze von letzterem herrühren.“
Bachmann-Medick 1997, S. 55ff.

Berlocken: Schmuckanhänger

goldene Medaille: als Auszeichnung für hervorragende sportliche, wissenschaftliche, berufliche oder kulturelle Leistungen

Dukaten: Goldmünze, die in ganz Europa bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet war.

Knicker-Natur: Knicker heißt Geizhals, Knauser

 

Der französische Minister gab des andern Tags am Tag des heiligen Ludwigs ein Mittagsmahl. Als ich mich dahin begab, so hielte der Läufer der Prinzeßin von Holstein meinen Wagen an, und brachte mir ein kleines Paket, das eine prächtige Uhr enthielt, mit einem Brief folgenden Inhalts,

Monsieur!

Ihro Hoheit, die Durchlauchtigste Frau Herzogin von Holstein-Oldenburg hat mir befohlen, Ihnen dieses kleine Andenken von ihrer Seite zu übermachen, welches Sie bittet anzunehmen. Mit dem größten Vergnügen entledige ich mich dieses Befehls, und habe die Ehre mit der größten Hochachtung zu seyn,

Monsieur

Hamburg den 25. Aug. 1786

Ihr gehorsamster Diener

De Donop, Kammerherr.
Herrn Blanchardʼs Nachricht von seiner 20 und 21sten Lufftfahrt mit eingestreuten Bemerkungen über seinen Aufenthalt zu Brüssel und Reise nach Hamburg, u. a. m. Nürnberg (1787), S. 29.

 

Die schmeichelhafte Aufnahme, die ich täglich in dieser Stadt seit meiner Ankunft genoß, würde mich gereizt haben, noch länger dort zu bleiben, wenn ich nicht zu Aachen wäre erwartet worden. Aber ich hatte mein Wort gegeben, und muste also hinreisen. Wie ich mich dazu anschickte, so erhielt ich diesen Brief:

Monsieur!

Im Namen Ihro Hoheit der Durchlauchtigen verwittweten Frau Herzogin von Meklenburg habe ich die Ehre die beigefügte (Die Uhr ist reich mit Diamanten besezt, und mit einer goldenen Kette versehen, so wie auch jene der Prinzeßin zu Holstein.) Uhr zu schicken, Und Ihnen zu versichern, daß man mit vieler Sorgfalt das Schaaf bewahren wird, welches Sie Ihro Hoheit verehrt haben, und welches Sie von einer so grosen Höhe so langsam herab steigen sah, mittelst des Fallschirms, dessen Erfindung Ihnen so viel Ehre macht. Seiner Durchlaucht danken Ihnen den 23. Dieses Monaths verursacht zu haben, und ich wiederhole Ihnen, Monsieur, (vorausgesezt, daß Ihnen dieß angenehm ist,) die Frau Herzogin war ganz mit dem sehr schönen Experiment zufrieden, dessen bezauberndes Schauspiel Sie mit so viel Sicherheit als Glück gegeben hatten.

Ich bin mit der größten Hochachtung

Monsieur

Hamburg den 27. Aug. 1786.

Ihr gehorsamer Diener.

Meklenburgisches Kammerherr.
S. 31.

 

Das beste vom Spiel ist, daß Blanchard an Billeten mehr als 11,400 Mark und mehr als 3000 bekam, welches dem französischen Gaukler für sein unnüzes und sehr unnüzes Ballonsteigen eine artige Summe von ohngefähr 1100 Louisdoren machte, die er aus dem Beutel der Deutschen zog. Nach diesen darf man sich nicht wundern, daß unsere Gutmüthigkeit in Frankreich zum Sprüchwort geworden ist.
S. 36.

 


S. 69.

 

Bürger lässt zunächst alle Flugepisoden mit dezidiert englischen Bezügen weg. Die wenigen verbleibenden Episoden verändert er bei der Übersetzung maßgeblich. So ist aus der deutschen Fassung der Ballonfahrt zur Sonne jeder visionäre Charakter und potentielle gesellschaftliche Nutzen der Ballonfahrt getilgt. Sie wird stattdessen zu einer offenen und eindeutig wertenden Satire auf den Luftfahrer Blanchard und den Umgang der herrschenden Klasse mit der Erfindung der Ballonfahrt. So hängen dem Luftfahrer hier »aus jeder Tasche ein paar prächtige Uhrketten mit Berlocken, worauf, wie mich dünkt, große Herren und Damen abgemalt waren. Aus jedem Knopfloche hing ihm eine goldene Medaille, wenigstens hundert Dukaten am Wert.« Diese Charakterisierung fasst in wenigen Worten zusammen, was in den deutschsprachigen Zeitschriften an Stereotypen und Kritik über Blanchard zu finden ist.

Dabei geht es nicht nur darum, dass Blanchard aus Ruhmsucht und Geldgier handelt. Noch mehr geht es um besagte »große Herren und Damen«, den Adel, die Ballonaufstiege einzig zu Krönungen, Hochzeiten und anderen repräsentativen und vergnüglichen Anlässen finanzieren, während für wissenschaftliche Experimente kein Geld da ist. In logischer Konsequenz verschwindet im deutschen Abenteuer jeder wissenschaftliche Anspruch an die Ballonfahrt. Sie dient einzig dazu, »vor den Augen vieler tausend Nachgaffer Kunststücke« zu machen. Die demonstrative Verschwendung – eine feudale Geste – ist das entscheidende Motiv für die verbreitete Ablehnung der Ballonaufstiege in den deutschen Ländern, die sich auch im deutschen Münchhausen wiederfindet. So gleicht der Ballon hier bereits von weitem einer »Billardkugel«, einem Spielball also, was Münchhausen als guter Sportsmann auch gleich zum Anlass nimmt, sie zu jagen und vom Himmel zu holen.

Das Ende der Episode bleibt damit zweideutig. Man kann Münchhausen hier als Vertreter seiner sozialen Klasse sehen – einen Adeligen, der den Ballon nur als Amüsement sieht, als Zielobjekt feudaler Jagdkunst. In diesem Fall zeigt die Episode, dass die adelige Verschwendungssucht und ihr mangelndes Interesse an Wissenschaft dem Ballon jede Möglichkeit nimmt, im Sinne des Fortschritts der Menschheit zu wirken. Umgekehrt könnte Münchhausen hier jedoch auch als Aufklärer wirken, der dem unnützen und schädlichen Treiben eines Blanchard und seiner adeligen Gönner ein Ende setzt.
Beese 2020, S. 56f.

 

The next aerial voyage we are to describe, was made by one, who, as will appear from the sequel of this history, has performed a greater number of these excursions than any other person, previous to February, 1785; and is the first who crossed the English channel with an aerostatic machine. This ingenious French man; Mr. Jean - Pierre Blanchard, had, for several years before Mr. Montgolfierʼs discovery, busied himself in attempts to fly by mechanical means; but it appears, from a passage in a letter of his to the editors of the Journal de Paris, that he never succeeded in this undertaking: but as soon as the discovery of the aerostatic machine was made, he immediately resolved to use one of those machines for the lifting power, and to add the wings of his former scheme, for directing his course through the air.

After a great deal of contrivance, and some calculation, Mr. Blanchard at last constructed an inflammable air balloon, of 27 feet in diameter, with a boat made and suspended nearly in the same manner as that of Charles and Robert, only he added two wings and a rudder (gouvernail) to his boat. He had likewise a fort of large umbrella spread horizontally between the balloon and the boat, which, in case the balloon should burst, would check the fall.
THE HISTORY AND PRACTICE OF AEROSTATION. BY TIBERIUS CAVALLO, 1785, S. 129f.

 

Die nächste Luftreise, die wir jetzt beschreiben werden, wurde von einem Manne unternommen, welcher, wie wir aus der Folge dieser Geschichte sehen werden, mehr dergleichen Reisen als irgend ein andrer, vor dem Monat Februar 1785. Gemacht hat, und zuerst über den englischen Canal gefahren ist. Dieser sinnreiche Franzose, Herr Jean Pierre Blanchard, arbeitete schon einige Jahre vor des Herrn Montgolfiers Entdeckung, an Versuchen, durch mechanische Mittel zu fliegen; allein ein Brief von ihm an die Herausgeber des Jounal de Paris beweiset, daß es ihm nie damit gelungen sey. So bald aber die aerostatische Maschine entdeckt war, entschloß er sich sogleich, dieselbe als eine Hebende Kraft anzuwenden, und nach seinen vorherigen Grundsätzen die Flügel dazuzufügen, um seine Fahrt durch die Luft lenken zu können.

Nach vieler angewandter Mühe und einige Berechnung, verfertigte Herr Blanchard endlich eine Kugel, mit entzündbarer Luft angefüllt, von 27 Schuhen im Durchschnitte, welche auf die Art der Maschine der Herren Charles und Robert auch ein Boot unter sich führte, welchem er aber noch Flügel, und ein Steuerruder beygefügt hatte. Er brachte auch noch zwischen der Kugel und dem Boot einen horizontalen Schirm, gleich einem Regenschirme, an, welcher im Fall der Ball bersten würde, den Fall aufhalten sollte.
Geschichte und Praxis der Aerostatik durch Tiberius Cavallo, 1786, S. 88f.

 

 

Fig . 4 , of plate II. exhibits a view of an inflammable- ir balloon in the atmosphere.

In estimating the power of those aerostatic machines, the ascending power of the inflammable air should be considered as equivalent to one ounce averdupoise for every cubic foot, which is just one-sixth of the weight of common air; for though the inflammable air itself may be somewhat lighter, yet, as it is almost impossible to prevent some common air from entering the balloon, or some moisture, &c. it is always more safe to undervalue than to over-rate the power of the machine. If, therefore, an inflammable-air balloon, the capacity of which is 12000 cubic feet, is filled three quarters with inflammable air, from iron and diluted vitriolic acid, the ascending power or levity of that gas may be safely estimated at 9000 ounces, or 562½ pounds weight; from which the weight of the envelope, boat, ropes, &c. must be subtracted.
THE HISTORY AND PRACTICE OF AEROSTATION. BY TIBERIUS CAVALLO, 1785, S. 307f.

Fig. 4. Taf. II. stellt eine Kugel mit entzündbarer Luft in der Atmosphäre vor. Bey Berechnung der Gewalt dieser aerostatischen Maschine muß man die Steigkraft der entzündbaren Luft eine Unze Averdupoid-Gewicht auf jeden Cubikschuh schätzen, welches gerade ein Sechstel der schwere von gemeiner Luft ist. Denn man muß, obschon die entzündbare Luft an sich selbst etwas leichter seyn möchte, um mehrerer Sicherheit willen, die Gewalt der maschine eher etwas zu klein als zu groß schätzen, weil es fast unmöglich ist zu verhüten, daß nicht einige gemeine Luft, oder Feuchtigkeit, mit in die Kugel eindringe. Darum kann man die Steigkraft, oder die Leichtigkeit der entzündbaren Luft einer Kugel, die 12000 Cubikschuhe Capacität hat, und auf drey Viertel mit entzündbarer Luft aus Eisen und verdünnter Vitriolsäure gefüllt ist, sicher auf 9000 Unzen oder auf 562½ Pfund Gewicht schätzen, von welchem noch das Gewicht des Überzuges, des Boots, der Stricke u.s.w. abgezogen werden muß.
Geschichte und Praxis der Aerostatik durch Tiberius Cavallo, 1786.

 

The tales of antiquity, the poetical productions, the religious tenets, and even the histories, of most nations, shew that to acquire the art of flying, or of imitating the birds, has been the earnest desire, and has exercised the genius, of mankind in every age. The winged horses of the Sun, Junoʼs peacocks, Medeaʼs dragons, the lying oracles, the innumerable others, are instances of this observation; but authentic history furnishes very scanty materials concerning any real success having ever attended the attempts of this sort.

 

 

THE HISTORY AND PRACTICE OF AEROSTATION. BY TIBERIUS CAVALLO, 1785, S. 1f.

Daß es den Menschen immer gelüstet, und daß er seinen Geist von jeher damit beschäftiget habe, es den Vögeln gleich zu thun, und in der Luft zu schweben, das beweisen uns die Fabeln der Alten, die Werke der Dichter, die Lehrsätze der Regionen, und die Geschichten der meisten Völker selbst. Es sind die geflügelten Pferde der Sonne, die Pfauen der Juno, die Drachen der Medea, die fliegenden Orakel, und unzählbare andere, die Beispiele dieser Bemerkung. Die wahre glaubhafte Geschichte giebt uns jedoch sehr wenig Grund zu glauben, daß je ein Versuch dieser Art seiner Erwartung entsprochen hätte.

 

Geschichte und Praxis der Aerostatik durch Tiberius Cavallo, 1786, S. 1.

 

[81] Nach einiger Zeit erholte er sich wieder, und stattete mir folgenden Bericht ab. „Dieses Luftfuhrwerk hatte ich zwar nicht Kopf und Wissenschaft genug selbst zu erfinden, dennoch aber mehr denn überflüssige Luftspringer- und Seiltänzer-Waghalsigkeit zu besteigen und darauf mehrmalen in die Luft emporzufahren. Vor ohngefähr sieben oder acht Tagen – denn ich habe meine Rechnung verloren – erhob ich mich damit auf der Landspitze von Cornwall in England und nahm ein Schaf mit, um von oben herab vor den Augen vieler tausend Nachgaffer Kunststücke damit zu machen. Unglücklicherweise drehte sich der Wind innerhalb zehn Minuten nach meinem Hinaufsteigen; und anstatt mich nach Landspitze von Cornwall zu treiben, wo ich wieder zu landen gedachte, ward ich hinaus nach der See getrieben, über welcher ich auch vermutlich die ganze Zeit her in der unermesslichen Höhe geschwebet habe.

 

Dieses Luftfuhrwerk: In Europa beginnt die Geschichte mit den Papierfabrikanten Joseph Michel Montgolfier und seinem Bruder Jacques Étienne Montgolfier. Sie versuchten zunächst, die von ihnen entwickelten Prototypen mit Wasserdampf zu betreiben; stiegen jedoch auf Heißluft um, als sich herausstellte, dass diese Methode effektiver war. Gemäß einer Anekdote sollen sie eines Tages eine Frau beobachtet haben, die unter der Wäscheleine ein Feuer angezündet hatte, damit die Wäsche schneller trocknet. Dabei soll ihnen aufgefallen sein, dass sich die großen Betttücher nach oben wölbten, obwohl kein Wind ging. Nach vielen Experimenten fanden sie heraus, dass das Feuer die Luft erwärmt hatte, die dann nach oben gestiegen war und somit die Betttücher aufgebläht hatte.
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Geschichte des Gasballons

Ganz anders als die Gebrüder Montgolfier arbeitete Jacques Alexandre César Charles. Da er als Physiker an der Physik des Ballonaufsteigens interessiert war, ging er auf eine ganz andere Weise an das Projekt, welches ihm vom König übertragen worden war. Durch sein Wissen über Gase konnte er deren Eigenschaften nutzen und konstruierte so zusammen mit den Brüdern Anne-Jean Robert und Marie-Noël Robert einen dichten Seidenballon. Diesen füllte er mit Wasserstoffgas.

Der erste erfolgreiche Flug war am 27. August 1783. Der Ballon hatte einen Durchmesser von rund vier Metern und konnte bis zu neun Kilogramm mit sich führen. Der Flug dauerte 45 Minuten und führte vom Pariser Marsfeld bis ins benachbarte Dorf Gonesse. Den ersten bemannten Gasballonflug führten Charles und Marie-Noël Robert am 1. Dezember 1783 durch, wobei die Produktion des nötigen Wasserstoffgases aus Eisenspänen und Schwefelsäure fast drei Tage dauerte.
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Landspitze von Cornwall: Cape Cornwall (kornisch Pen Kernow) ist eine schmale Landspitze in Cornwall, Großbritannien. Sie liegt ca. 6,7 Kilometer nördlich vom Land’s End in der Nähe von St Just.

 

Regnum Anglia, Südlicher Teil Englands (Ausschnitt). Homann, Johann Baptist [Hrsg.]: Atlas novus terrarum orbis imperia regna et status exactis tabulis geographice demonstrans. Nürnberg, [ca. 1729].

 

     Es war gut, dass ich zu meinem Kunststückchen mit dem Schafe nicht hatte gelangen können. Denn am dritten Tage meiner Luftfahrt, wurde mein Hunger so groß, dass ich mich genötigt sah, das Schaf zu schlachten. Als ich nun damals unendlich hoch über dem Monde war, und nach einer sechzehnstündi-|[82]gen noch weitern Auffahrt endlich der Sonne so nahe kam, dass ich mir die Augenbraunen versengte, so legte ich das tote Schaf, nachdem ich es vorher abgehäutet, an denjenigen Ort im Wagen, wo die Sonne die meiste Kraft hatte oder, mit andern Worten, wo der Ballon keinen Schatten hinwarf, auf welche Weise es denn in ohngefähr drei Viertel Stunden völlig gar briet. Von diesem Braten habe ich die ganze Zeit her gelebt.“ – Hier hielt mein Mann ein und schien sich in Betrachtung der Gegenstände um ihn her zu vertiefen. Als ich ihm sagte, dass die Gebäude da vor uns das Seraglio des Großherrn zu Konstantinopel wären, so schien er außerordentlich bestürzt, indem er sich ganz woanders zu befinden geglaubt hatte. „Die Ursache meines langen Fluges, fügte er endlich hinzu, war, dass mir ein Faden zerriss, der an einer Klappe in dem Luftballe saß und dazu diente, die inflammable Luft herauszulassen. Wäre nun nicht auf den Ball gefeuert und derselbe dadurch aufgerissen worden, so möchte er wohl, wie Mahomet, bis an den Jüngsten Tag zwischen Himmel und Erde geschwebt haben.“ Den Wagen schenkte er hierauf großmütig meinem Bootsmanne, der hinten am Steuer stand. Den|[83] Hammelbraten warf er ins Meer. Was aber den Luftball anlangte, so war der von dem Schaden, welchen ich ihm zugefügt hatte, im Herabfallen vollends ganz und gar zu Stücken zerrissen.

 

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Kunststückchen mit dem Schafe: Blanchard hat während seiner Flug-Verführungen in Paris, London, Brüssel, Amsterdam, Frankfurt, Hamburg, Nürnberg, Braunschweig, Hannover, München, Berlin, Warschau, Wien und Prag mehrfach Tiere mit dem Fallschirm herab geworfen.

Klappe: Um den Ballon abzusenken, kann eine Klappe geöffnet werden, durch die Gas entweicht.

Mahomet: Mohammed oder Muhammad, (um 570-632), war ein arabischer Stammesführer und der Religionsstifter des Islam. Er gilt im Islam als Prophet und Gesandter Gottes.

Die Himmelfahrt Mohammeds ist eine Legende, die auf der Sure 17,1 des Korans beruht: „Preis sei dem, der seinen Knecht des Nachts von dem heiligen Gebetsplatz zu dem entfernten Gebetsplatz, den wir mit Segen umgeben haben, reisen ließ, um ihm etwas von unseren Wundern zu zeigen […].“. Die Legende wird im islamischen Schrifttum in drei inhaltlich zu unterscheidenden Varianten überliefert:

Die Himmelfahrt (Miʿrādsch) von einem Ort im Kaaba-Heiligtum in Mekka über eine Leiter in den Himmel;

2. die nächtliche Reise (Isrāʾ) des Propheten von Mekka aus auf dem wundersamen Reittier Buraq zu einem im Koran als „ferne Kultstätte“ bezeichneten Ort mit seinem anschließenden Bericht darüber im Kreis der Quraisch nach der Rückkehr nach Mekka. Die ersten zwei Varianten gehen auf entsprechende Koranverse, die auch in der Historiographie als voneinander getrennte Ereignisse verstanden werden, zurück.

3. die Kombination der – koranischen – Reise nach Jerusalem (bait al-maqdis), mit anschließender Himmelfahrt (miʿrādsch) von Jerusalem aus. Diese Version ist mit inhaltlichen Varianten im Hadith, der Koranexegese, der islamischen Geschichtsschreibung und in den islamischen Prophetenlegenden (Qiṣaṣ al-anbiyāʾ) dokumentiert.
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Jüngster Tag: Die in der Geschichtsschreibung verbreitete Metapher der Zeitschichten wurde der Struktur der Erde abgeschaut. Bezüglich Raspe trifft sie auf einen Gelehrten, der sowohl Historiker als auch Geologe war. Das ist eine interessante Konstellation. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stand die Geologie (avant la lettre) im Rang einer Leitwissenschaft. Sie hatte an der Historisierung des Naturverständnisses wesentlich teil, wurde aber von der Geschichte als dominierender wissenschaftlicher Perspektive abgelöst. Raspe hat an dieser Veränderung der Weltsicht in bescheidenem Maße mitgewirkt. Das äußert sich in seinem Interesse, geologische Erkenntnisse nicht nur für Naturwissenschaften und Technik zu nutzen, sondern auch für die Verlängerung der historischen Zeit im Bewusstsein seiner Zeitgenossen einzusetzen.

Man kann Raspes Munchausen für einen Moment als ein historistisches Werk anschauen; seine Wurzeln reichen in die Antike, ins Mittelalter und ins 18. Jahrhundert, es nährt sich aus ganz Europa. Es überlagern sich Chronologien und Erzählzeiten, biographische Zeit und Rezeptionsgeschichte durchdringen sich, und es kommen Ablagerungen nichtliterarischer Arbeit von Raspe hinzu. Untersuchungen dazu erfolgen wie im Tagebau, wenn es darum geht, Wort für Wort alte Munchausen-Fassungen freizulegen und mit ihren Vorgängern zu vergleichen. Und wie ein senkrechter Schacht erscheint die Studie, die das Motiv der gefrorenen und wieder aufgetauten Posthorntöne durch Jahrhundertschichten bis zur Antike verfolgt. Raspe hat ein ausgeprägtes Interesse für Wissenschaftsgeschichte. Die Historizität seines Wissens ist ihm bewusst. Sein Vorbericht über die Ritterzeiten, ein der Romanze Hermin und Gunilde (1766) vorangestellter Traktat zur Verteidigung des Mittelalters, scheint fast aus einem Kompendium heutiger Geschichtswissenschaft zu stammen. Wir finden, in moderner Diktion, die Warnung vor politischer Funktionalisierung, den Auftrag der Identitätsstiftung, Argumente für eine Alltagsgeschichte, ja auch die Frage nach dem Zusammenhang von Zivilisationsentwicklung und Macht.

Raspe beschäftigt sich auch in England mit dem Mittelalter und arbeitet mit an zwei bedeutenden Projekten der englischen Historiographie. Eines wird gelegentlich erwähnt, wenn auch nirgends besprochen: Der Conspectus Tabellaris, die tabellarische Auswertung des Domesday Book für die achtbändige Geschichte der Grafschaft Leicester von John Nichols.73 Das Domesday Book, eine Handschrift von 800 Seiten, ist ein Inventar, das Wilhelm der Eroberer im Jahr 1086 über sein Königreich hat erstellen lassen. In dem zweiten Projekt wirkt Raspe 18 Monate lang mit an der Transkription des gesamten Domesday Book. In der 1783 erschienenen Reproduktion werden keine Mitarbeiter oder Herausgeber genannt; deshalb ist wohl Raspes Beteiligung so lange verborgen geblieben. Seine Mitarbeit könnte jedoch ihren Niederschlag in einem Passus des Munchausen gefunden haben, wenn nämlich ein Ballonfahrer in unangenehmer Lage nicht bis „Domesday“, d. h. nicht bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, zu warten gewillt ist. (R3, S. 66)
Wiebel 2005b, S. 124f.

zwischen Himmel und Erde: „Das Gebäude über dem Grabe Mohámmeds und der beyden ersten Chalifen ist, nach der Zeichnung eines Arabers, welche ich auf der XXII Tabelle copiirt habe, nicht in der Mitte, wie die Kába, sondern an der Seite in einer großen Mosqué (Moschee). In dem Original waren auf dem Gitter drey breite goldene Striche, wodurch der Zeichner andeuten wollen, daß drey Begräbnissein diesem Gebäude sind. Vielleicht hat man nach einer solchen Zeichnung die alte Fabel erdichtet, daß Mohámmeds Sarg in der Luft schwebe.“
Beschreibung von Arabien […] abgefasset von Carsten Niebuhr. Copenhagen, 1772, S. 373.

 

    

Beschreibung von Arabien Aus eigenen Beobachtungen und im Lande selbst gesammelten Nachrichten abgefasset von Carsten Niebuhr. Copenhagen, 1772.

 

During the voyage, Mr. Blanchard says, that by agitating the wings of his boat, he often ascended, descended, went side-way, and even, in some measure, against the wind; but one of the certificates says, that, previous to the final descent, Mr. Blanchard, in order to gratify the spectators, descended and re-ascended three times at pleasure, by means of the wings.
THE HISTORY AND PRACTICE OF AEROSTATION. BY TIBERIUS CAVALLO, 1785, S. 149.

Herr Blanchard sagt, daß er während der Reise durch Bewegung der Flügel an seinem Boot auf: nieder- seitwärts, und oft sogar gewissermassen gegen den Wind gegangen sey. Eines der Attestaten aber sagt: daß Herr Blanchard ehe er ganz herunter gekommen, um die Zuschauer zu befriedigen, nach Belieben dreymal durch Hülfe seiner Flügel auf und nieder gestiegen sey. Dieses aber könnte wohl auch durch bloßes Anstoßen an die Erde, oder durch Abwerfen einiges Ballasts und dann wieder durch Herauslassen einiger entzündbarer Luft geschehen seyn; und es scheint, daß dieses wirklich hier der Fall war, indem er nachher bey seinen Reifen in England mit der nämlichen Kugel, ohngeachtet seiner Bemühungen, mit feinen Flügeln nie eine besondere Wirkung hat hervorbringen können.
Geschichte und Praxis der Aerostatik durch Tiberius Cavallo, 1786, S. S. 101.

 

Mohammeds Aufstieg in den Himmel. Persische Miniaturmalerei von 1543.

 

 

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