Gottfried August Bürger

Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande

London 1788                                                               

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Vorrede

des englischen Herausgebers.

 

Der Freiherr von Münchhausen, dem diese Erzählungen größtenteils ihr Dasein zu danken haben, gehört zu einer der ersten adeligen Familien Deutschlands, die mehreren Provinzen dieses Reiches die würdigsten und berühmtesten Männer geschenkt hat. Er ist ein Mann von außerordentlicher Ehre, und von der originellesten Laune; und da er vielleicht gefunden hat, wie schwer es oft hält, verschrobenen Köpfen geraden Menschenverstand einzuräsonieren, und wie leicht hergegen ein dreister Haberecht eine ganze Versamm|[6]lung zu übertäuben und aus ihren fünf – Sinnen hinauszuschreien vermag: so lässt er sich in solchen Fällen niemals auf Widerlegungen ein; sondern wendet zuerst geschickt die Unterredung auf gleichgültige Gegenstände, und dann erzählt er irgend ein Geschichtchen von seinen Reisen, Feldzügen und schnurrigen Abenteuern in einem ihm ganz eigentümlichen Tone, der aber gerade der rechte ist, die Kunst zu lügen, oder höflicher gesagt, das lange Messer zu handhaben, aus ihrem ruhigen Schlupfwinkel hervor zu kitzeln und blank zu stellen.

Man hat vor kurzem einige von seinen Geschichtchen gesammelt, und dem Publikum vorgelegt, um ein Mittel allgemeiner zu machen, dessen sich jeder, der etwa unter berüchtigte Prahlhänse geraten sollte, bei jeder schicklichen Gelegenheit bedienen kann: eine Gelegenheit die sich allezeit findet, so oft Jemand unter der Maske der Wahr|[7]heit in ganzem Ernste falsche Dinge behauptet, und auf Kosten seiner eigenen Ehre auch diejenigen hintergehet, die zum Unglück seine Zuhörer sind.

Der schnelle Abgang der ersten vier Ausgaben dieses Werkchens, das man vielleicht noch schicklicher Lügenstrafen betitelt hätte, hat auch hinlänglich bewiesen, dass dem Publikum seine moralischer Endzweck in dem rechten Lichte erschienen ist.

Die gegenwärtige fünfte Ausgabe enthält beträchtliche Vermehrungen, die wir bloß mit dem Wunsche begleiten, dass man sie des Stammes nicht unwürdig finden möge, auf den sie gepfropft sind.

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Vorrede] B1 und B2: Vorrede zur ersten Ausgabe

Quelle: Raspes Preface to the first Edition (R3, S. (I)-IV und Advertisement to the second edition (R3, S. V-VIII): R. E. Raspe: Gulliver revived:

Der Titel der englischen Ausgabe nimmt auf Jonathan Swifts berühmte Erzählungen von Gulliver Bezug:

Travels into several Remote Nations of the World. In Four parts. By Lemuel Gulliver. A surgeon, and then a captain of several ships. Volume First. [Jonathan Swift.] London: 1774.

In der ersten Ausgabe (l785/86) kommt das Wort Lüge nicht vor, auch kein sinnverwandtes Substantiv, das die Abenteuer in ihrem Realitätsgrad relativieren würde. Solche Bemerkungen waren üblich in den Rahmenerzählungen zu den Wettlügen in der frühen Neuzeit, aus denen zahlreiche Münchhausen-Motive stammen. Raspe lässt aber im Vorwort einen fiktiven Herausgeber die Absicht erklären: Der Baron wolle die Zuhörer beschämen, die unverbesserlich voreingenommen seien. Zu dem Zweck erzähle der Baron jeweils eine Geschichte „in a manner peculiar to himself.“ (R1, S. II) Die Wirksamkeit des Verfahrens spricht der Herausgeber dem unverwechselbaren, aber nicht näher beschriebenen ureigenen Erzählstil des Barons zu, der die Konversation auf „indifferent topicks“ zu lenken wisse; die Methode, nicht der Inhalt, sei für den Erfolg verantwortlich. Und wie das Phantastische unspektakulär daherkommt, so unauffällig aber unmissverständlich steht ein Grundsatz auf dem Titel – die Aufforderung an die Leser, Authentizität vorzutäuschen -“recommanded ... to be repeated as their own.“ (R1, S. III).

Wiebel 2005b, S. 110

Im Vorwort der zweiten Ausgabe ersetzt Raspe die Plage der Vorurteile durch die mit dem gleichen Verfahren zu bekämpfende Unsitte des Lügens. Auf das Vorwort lässt er ein „Advertisement“ folgen, in welchem es heißt, man hätte das Buch auch „The LYAR's MONITOR“ nennen können.

Damit hat Raspe einen Kunstgriff getan, der übrigens auch typographisch akzentuiert wird. Der monitor ist zugleich Mahner und Warner, fordert auf und meldet Bedenken an, das advertisement ist Ankündigung des Gewünschten und skeptische Mahnung zur Vorsicht. Zudem bezeichnet der Monitor in der pädagogischen Literatur der Zeit den religiösen Begleiter von Erziehern (The Parental Monitor) oder Zöglingen (The Youth's Monitor). Die Singular Travels of ... Munchausen in Verbindung mit einem monitor zu bringen, könnte das Buch in die Reihe der pädagogisierenden Reiseliteratur rücken. Doch der Baron berät nicht Eltern und Kinder, sondern Lügner. Raspe konzipiert diesen als eine Figur, die mittels nicht wahrhaftiger Erzählungen Lügner vor dem Lügen warnt und im gleichen Atemzug im Lügen schult. Angesichts der Fragwürdigkeit des Prinzips, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, ist es verblüffend, wie Raspe dieses widersprüchliche Verfahren legitim erscheinen lässt. G. A. Bürger wird wenig später den Ausdruck mit „Lügenstrafer“ einseitig übersetzen. (B1, S. 9)

Wiebel 2005b, S. 110f.

In der dritten Ausgabe (1786) fügt Raspe dem Buchtitel die Formel Gulliver Revived hinzu und erweitert das Vorwort mit einer Passage aus dem Vorwort von Culliver's Travels über die sprichwörtliche Gleichsetzung eines Lügners mit Gulliver; und er gibt der Hoffnung Ausdruck, dass man bald ebenso zu dem, der unwahr spricht, sagen könne: „That's a Munchausen.“ Das Zitat ist aber kein Zitat, sondern eine Erfindung von Raspe, eine Lüge über den Lügner.

Die ironisierende Selbstbezüglichkeit erfährt eine weitere Steigerung im Titel der sechsten Ausgabe: „GULLIVER REVIVED: or, The VICE of LYING properly exposed.“ Er scheint auf den ersten Blick hin nur zu signalisieren, es gehe einfach um eine Demonstration des Lasters zu lügen. In vice stecken aber auch die Umkehrung, wie sie in vice-versa zum Ausdruck kommt, und die Stellvertretung. Was ist Unwahrhaftigkeit anderes als das „Verkehrte an der Stelle des Richtigen“?

Damit nicht genug. Es kommt auch noch darauf an, welcher Seite man properly zuordnet. Das Bedeutungsfeld deckt große Ambivalenzen ab, von eigentlich und eigentümlich über gut und zierlich bis recht und gut. Geht es also mit „lying properly“ um das Laster, auf ganz eigentümliche Weise lügen zu können? Oder handelt das Buch davon, dass das Lügenlaster „properly exposed“, also richtig angeprangert wird? Dass properly „fehlerfrei“ bedeuten kann, ist fast unerhört. Auch andere Paratexte wie Fußnoten, Inhaltsverzeichnis oder Bildlegenden sind beteiligt an der Verunklärung dessen, was wahr ist.

Wiebel 2005b, S. 111f.

Münchhausen] B1 und B2: zu Bodenwerder, ohnweit Hameln an der Weser,

Bodenwerder: Bodenwerder ist eine Kleinstadt im niedersächsischen Landkreis Holzminden. Sie ist der Geburtsort und langjährige Wohnsitz des „Lügenbarons“ Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen und trägt deshalb seit dem 25. Oktober 2013 den amtlichen Namenszusatz „Münchhausenstadt“.

„Der Wohnsitz des berüchtigten Herrn von Münchhausen, dessen Namen die unter demselben herausgegebenen Lügen aller Orten bekannt gemacht haben. Vor wenigen Jahren machten wir noch die persönliche Bekanntschaft des armen alten Mannes und seines bewundernswürdigen Talentes, dessen er sich noch am Rande des Grabes erfreute; ohnerachtet es eben so gewiß seyn mag, dass auf seinen Namen unschuldigerweise unbeschreiblich viel gelogen worden ist.“

Carl Gottlieb Horstig (Hrsg.): Tageblätter unsrer Reise in und um den Harz. Mit 16 in Kupfer gestochenen Zeichnungen grosser Naturscenen. Dresden 1803, S. 16, Anmerkung.

dem diese […] zu danken haben,] nicht in B1 und B2

einer […] geschenkt hat.] B1 und B2: dem edlen Geschlechte gleichen Namens, welches den deutschen Staaten des Königs von Großbritannien den verstorbenen Premierminister und mehrere andere vornehme Beamte geschenkt hat.

die würdigsten und berühmtesten Männer: Die Münchhausen sind ein ursprünglich im Gebiet des heutigen Niedersachsens, später auch Sachsen-Anhalts, beheimatetes, 1183 erstmals urkundlich erwähntes Adelsgeschlecht. Das Stammhaus lag in der wüst gefallenen Siedlung Munichehausen bei Rehburg im ehemaligen Fürstentum Calenberg.

Schwarze Linie

Hilmar von Münchhausen (1512–1573), deutscher Söldnerführer, königlich spanischer Obrist
Statius von Münchhausen (1555–1633), vierter Sohn des Obristen Hilmar, bedeutender Unternehmer, Bauherr der Schlösser Bevern und Neuhaus Leitzkau
Hilmar der Jüngere von Münchhausen (1558–1617), fünfter Sohn des Obristen Hilmar, Vollender von Schwöbber, Bauherr von Schloss Wendlinghausen
Börries von Münchhausen (1587–1646), Geheimer Kammerrat und Inhaber des Amts Aerzen
Gerlach Heino von Münchhausen (1652–1710), Kammerherr des Großen Kurfürsten, später Oberstallmeister Friedrichs I.
Gerlach Adolph von Münchhausen (1688–1770), Premierminister im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover), Gründer und erster Kurator der Georg-August-Universität Göttingen
Philipp Adolph von Münchhausen (1694–1762), hannoverscher Minister, Leiter der Deutschen Kanzlei in London
Otto von Münchhausen (1716–1774), deutscher Botaniker
Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720–1797), der literarisch und filmisch verarbeitete „Lügenbaron“
Ernst Friedemann von Münchhausen (1724–1784), preußischer Regierungspräsident und Justizminister

Weiße Linie

Christoph von Münchhausen zu Haddenhausen († 1565), 1558/60 dänischer Statthalter von Estland
Johann von Münchhausen († 1572), 1540/60 Bischof von Kurland und 1542/60 Bischof von Ösel
Ludolph von Münchhausen (1570–1640), wurde bekannt durch seine große Bibliothek.
Hieronymus von Münchhausen (1680–1742), braunschweigischer Minister.

Wikipedia

schnurrigen Abenteuern in einem ihm ganz eigentümlichen Tone.: Der Charakter des Abenteuerlichen besteht darin, daß es aus einer Welt hergenommen ist, wo Alles ohne hinreichende Gründe geschieht, wie in Träumen. Wie z. B. Chinesische Mahlereien, da Häuser und Landschaften in der Luft schweben; wie Lucian's abenteuerliche Dichtungen von Heeren von Ungeheuern, die zwischen der Sonne und dem Monde auf einem Boden von Spinngewebe reisen, gegen einander kriegende Haufen von Menschen, die in Wäldern und auf Bergen mitten im Bauche eines Wallfisches wohnen, oder Swiftʼs Erdichtungen von einer Pferde-Republik, wo die Pferde sich Häuser bauen, Kühe melken, auf Wagen fahren und sich über Gesetze und Staatsverfassung von Europa unterhalten; oder wie die bekannten Münchhausischen Abenteuer, u. s. w. All dergleichen kann wohl schwerlich irgendwo anders, als in scherzhaften Werken gebraucht werden. Höchst widrig muß es werden, wenn in ernsthaften Werken, aus Mangel an Überlegung, das Große und Wunderbare dahin ausartet.

G. A. Bürgers Lehrbuch der Ästhetik. Herausgegeben von Karl v. Reinhard. 2 Bände. Berlin 1825. Band 1, S. 240.

Dieser seltsame Kopf lebte still und und eingezogen in dem kleinen Städtchen Bodenwerder an der Weser, kam wenig in Gesellschaft, war er aber da, und wurde er auf seine imaginären Reisen gebracht, erzählte er seine wunderlichen Einfälle mit dem ganzen Ernste eines Historikers, und nahm es sehr unwillig auf, wenn man das Faktische zu bezweifeln schien. War seine Gattin zugegen, so rief er sie gewöhnlich als Zeugin auf, ob das alles nicht so ganz wahr sey. Es ist gar nicht zu zweifeln, daß dieser Manu endlich selbst an die von ihm ersonnenen Abenteuer glaubte, nachdem er sie so oft sich und andern vorerzählt hatte. In solchen Fällen pflegt die abenteuerliche Phantasie schon den Zuhörer für einen Augenzeugen zu halten.

In: Zeitung für die elegante Welt, Nr. 150. Sonnabends den 29. Juli 1809, Sp. 1199.

das lange Messer: Gegenüber dem Mittel, dessen sich die Lügenlieder zur Erzeugung von Lügen bedienten, dem Umkehren des Wirklichen, ist die einfachste Art, mit welcher die Lügenschnurren verfahren, das Übertreiben, das märchenhafte Vergrössern und Vermehren des Wirklichen, was man am allgemeinsten als „aufschneiden“ bezeichnet. Die Redensart: „mit dem grossen oder langen Messer aufschneiden“ ist als die gebräulichste „Periphrasis und Beschneidung des harten Worts: Er leugt“ zunächst zu betrachten. Ursprünglich auf das Auf- oder Vor-schneiden des Brodes bei Tische zum Zwecke des Vorlegens sich beziehend, gewann aufschneiden den Sinn von vorlegen, auftischen überhaupt, und aus diesem erweiterten Gebrauch „scheint sich die gangbare Vorstellung des Prahlens und Vorlügens, meistens doch in einem leichten heiteren Sinn, zu entfalten“. Wie man heute beim Vorschneiden ein besonderes, grosses Messer handhabt, so schon in früherer Zeit. In der Zimmeriscben Chronik z. B. heisst es einmal, wo vom Vor- legen bei Tisch die Rede ist, „wie dann der zeit (1548) die langen messer aus Frankreich und Italia kommen, die sich warhafftigelichen mer aim Kalbsticher, dann aim dischmesser vergleichen“.

Müller-Fraureuth 1881, S. 27f.

Man hat […] Zuhörer sind.] B1 und B2: Da dieses Mittel schon öfter von gutem Erfolge gewesen ist, so sei es uns hiermit erlaubt, dem Publikum einige von seinen Geschichtchen vorzulegen, und diejenigen, die etwa unter berüchtigte Prahlhänse geraten, zu bitten, sich bei jeder schicklichen Gelegenheit ebenderselben zu bedienen. Gelegenheit aber wird sein, so oft Jemand unter der Maske der Wahrheit in ganzem Ernste falsche Dinge behauptet und auf Kosten seiner eigenen Ehre auch diejenigen hintergeht, die zum Unglück seine Zuhörer sind.

Der schnelle […] gepfropft sind.] B1 und B2: Zur zweiten Ausgabe.

Der schnelle Abgang der ersten Ausgabe dieses Werkchens beweiset hinlänglich, dass dem Publikum sein  moralischer Endzweck in dem rechten Lichte erschienen ist. Vielleicht hätte man es noch schicklicher: Lügenstrafer, betitelt, da in der Tat keine Unart verächtlicher ist, als die Ohren seiner Freunde mit Unwahrheiten zu behelligen.

Der Baron selbst ist ein Mann von außerordentlicher Ehre, der sein Vergnügen daran findet, diejenigen zur Schau auszustellen, welche zu Betrügereien jeder Art geneigt sind. Er tut dieses auf eine sehr drollige Art, wenn er in großen Gesellschaften diejenigen Geschichten erzählt, welche dem Publikum in dieser kleinen Sammlung überliefert werden. Sie ist ansehnlich durch seine Schiff- und See-Abenteuer vermehrt, und durch vier Vorstellungen von seinem eigenen Pinsel verschönert.

fünfte Ausgabe: Bürger meint Raspes Fifth Edition von 1787, aus der er seine Textergänzungen entnommen hat. Der Text folgt dem der Vierten Ausgabe und fügt zwei neue Kapitel hinzu, The Voyage to Ceylon am Anfang und The Descent into Mount Etna am Schluss.

Diese Ausgabe übernimmt des Vorwort aus der Fourth Edition (1786). R. E. Raspe: Gulliver revived:

Raspe weist auf eine seiner Quellen hin: Lucianʼs True History,“, und erläutert seine Beweggründe für die Motivübernahme: Einerseits soll der Lese unterhalten werden. Andererseits handele es sich um eine Satire auf Autoren, die unglaubliche Dinge behaupten und sie für wahr ausgeben. Er orientiert sich an dem Wahlspruch der Literatur des 18. Jahrhunderts prodesse et delectare (nützen und erfreuen), der sich aus der Ars Poetica des Horaz ableitet: „Aut prodesse volunt aut delectare poetae.“ Damit wird der aufklärerische Aspekt der Literatur betont: Die Munchausen-Geschichten sollen sowohl unterhaltend als auch belehrend für den Leser sein. Raspe unterstellt dem historischen Münchhausen, aus der gleichen Motivation heraus erzählt zu haben, wie Lukian.

Bürger übersetzt Raspes „THE LIARʼS MONITOR“ in dem Vorwort zu seiner ersten Ausgabe von 1786 als „Lügenstrafer“ und schließ sich damit der Deutung Raspes an: „da in der Tat keine Unart verächtlicher ist, als die Ohren seiner Freunde mit Unwahrheiten zu behelligen.“

Bachmann-Medick 1997, S. 55.

Bachmann-Medick meint, Raspe habe seine Abenteuer nach Lucian der deutschen Übersetzung von Rollenhagen entnommen.

Die nach Lukian gestalteten Abenteuer hat Raspe nicht aus der englischen Lukian-Überstzung von Thomas Francklin übernommen, sondern wohl nach einer lateinischen Lukian-Übersetzung neu formuliert.

 

The Works of Lucian, From the Greek, By Thomas Francklin, D. D, Some time Greek Professor in the University of Cambridge. Volume II. London  1781.

Möglicherweise haben Raspe und Bürger auch die frühe deutsche Übertragung der Werke Lucians von Gabriel Rollenhagen gekannt.

 

Vier Bücher Wunderbarlicher biß daher unerhörter, und ungleublicher Indianischer reysen, durch die Lufft, Wasser, Land, Helle, Paradiß, und den Himmel. Beschrieben von Dem grossen Alexander. Dem Plino Secundo. Dem Oratore Luciano. Und von S. Brandano. Mit etlichen warhafften, jedoch bey vielen Gelehrten glaubwirdigen Lügen. Unsern lieben Teutschen zur Lere und kurtzweiliger ergetzung, aus Griechischer und Lateinischer Sprache mit fleis verteutschet Durch Gabriel Rollenhagen, zu Magdeburg in Sachsen. Magdeburg 1603.

 

Raspe hat die 17 M–h–s–nsche Geschichten aus dem Vade Mecum von 1781 und 1782 bis auf eine Anekdote über eine Sängerin, die sich den Texten von 1781 als Nr. 18 anschließt, vollständig übernommen. In der zweiten englischen Ausgabe (A New Edition) wurden diese Texte unverändert übernommen und durch die „Naval or Sea adventures“ vermehrt. Die fünfte Ausgabe von 1787 wurde um weitere See-Abenteuer vermehrt und in Kapitel eingeteilt. Eine dieser neun See-Abenteuer bildet das erste Kapitel; Kapitel zwei bis sechs bringen den unveränderten Teil der ersten Ausgabe; Kapitel sieben bis zwanzig die See-Abenteuer der zweiten Ausgabe mit neuen Ergänzungen.Quelle für Raspes Vorwort, von Bürger übernommen:

Es lebt ein sehr witziger Kopf, Herr von M–h–s–n im H–schen, der eine eigne Art sinnreicher Geschichten aufgebracht hat, die nach seinem Namen benannt wird, obgleich nicht alle einzelne Geschichten von ihm sein mögen. Es sind Erzählungen voll der unglaublichsten Übertreibungen, dabei aber so komisch und launigt, dass man, ohne sich um die Möglichkeit zu bekümmern, von ganzem Herzen lachen muss; in ihrer Art wahre hogarthsche Karrikaturen13. Unsere Leser, denen aber vielleicht schon manche davon durch mündliche Überlieferung bekannt sind, sollen hier einige der vorzüglichsten davon finden. – Das Komische wird sehr erhöht, wenn der Erzähler alles als selbst gesehn oder selbst getan vorträgt. Also: [es folgt der Text].

Raspes Quelle: MhG, 8. Teil 1781, S. 92-93

Ob der M-h-s-n im Vade Mecum aus Raspes Feder stammt, weiß man nicht. Der Münchhausen-Bibliograph Wackermann versuchte, mit einer Statistik zur Häufigkeit von Themen aus England in den zehn Bänden des Vade Mecum Raspe als Autor zu bestimmen. (Wackermann 1965, S. 39) Die Häufung in Teil 8 ist signifikant, stellt aber keinen Beweis für Raspes Autorschaft dar, denn gerade die Münchhausen-Anekdoten haben mit England nichts zu tun. Aus einem anderen Grund sind diese Anglistika jedoch bemerkenswert. Die Teile 8 (l781) und 9 (1783) gelten bisher als die ältesten Dokumente, in denen das Corpus der Münchhausen-Anekdoten auftritt, und die Rezensionen des Bürger'schen Münchhausen von l786 und l788 in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek (ADB) als das erste Echo auf die Geschichten in deutscher Sprache. Es wurde bisher aber nicht beachtet, dass sich dort schon 1783 jemand zu den M-h-s-n-Geschichten geäußert hat. Der Hamburger Jurist Abendroth schreibt: „Desto angenehmer lesen sich die Schildbürger- und Abderitenstreiche, und die sogenannten Irrländischen Bulls... Manchmal scheint es freylich, als wenn sich der Sammler die Mühe habe verdrießen lassen zu erzählen, denn dass er erzählen, gut erzählen kann, wenn er will, kann niemand leugnen: aber, manches steht doch gar zu hölzern da — Wer die M-h-s-n Mährchen von ändern hat erzählen hören, wird uns beyfallen. Auch sieht man den Ton der guten Gesellschaft durch eingeschaltetes Fluchen, Teufel holen und dergleichen ungerne beleidigt.“ (ADB 1783, 52. Band, 2.Stück, S. 604)

Abendroth hat schon die Rezension zu Teil 7 des Vade Mecum (1777) verfasst. Er wünscht, „dass viele ergötzende Geschichtchen darin aufbehalten werden, die in der Welt herumgehen, und die, weil sie nirgends gedruckt sind, sich vielleicht verlieren könnten, oder doch sicherlich nicht so bekannt würden.“ Eine Quelle dafür seien die „Irisch [sie!] blunders, oder bulls, deren man in England eine große Menge erzählt.“ (ADB 1780, Anh. 25-36, 36. Band, 4. Abt., S. 2477) Abendroth sieht in Teil 8 erfüllt, was er nach Lektüre von Teil 7 für notwendig erachtet hatte: Was er nur „hat erzählen hören“, möglicherweise die M-h-s-n Mährchen, liegt schriftlich vor, und er kann viele blunders und viel aus England lesen.  [Anm. Wiebel (24): Blunders/bulls: Anekdoten, deren Witz in der schlagfertigen Antwort angesichts einer prekären Situation liegt, oft in direkter Rede, hochstaplerisch, ähnlich cock-and-bull-stories (Lügengeschichten).] Die von Abendroth aufgezählten Beispiele guter bulls haben allerdings in ihrer Art nichts zu tun mit dem, was der Baron erzählt. Aber die Rezension über Teil 8 stellt den M-h-s-n erstmals in einen literarischen Zusammenhang. Abendroth bezeichnet mit den Schildbürgern eine relevante Quelle für den Stoff, und mit der Anspielung auf C. M. Wielands aktuellen Roman Die Abderiten (1. Teil 1774) bringt er zum Ausdruck, dass er M-h-s-n als Satire versteht. Das ist bemerkenswert, weil wenige Jahre später eine andere Rezension den Anekdoten genau diesen satirischen Charakter absprechen wird.

Wiebel 2005b, S. 114.

 

Es ist heute kaum zu ermessen, was es l785 geheißen haben muss, den Munchausen zu veröffentlichen. Dass Raspe als Autor ungenannt blieb, erklärt man sich gewöhnlich mit der Sorge vor dem Verlust der wissenschaftlichen Reputation durch ein unseriöses Buch. Das ist psychologisch plausibel, aber spekulativ. Der Autor des Vade Mecum hatte den bekannten Namen leicht lösbar verschlüsselt, wie das dutzendweise in Büchern geschieht – jeder wird gewusst haben, wen M-h-s-n meint – gewohntes Spiel zwischen Autor und Leser. Der vollständige Familienname ist demgegenüber ein Bruch, der aber heute kaum wahrnehmbar ist, da er radikal nur in der ersten englischen Ausgabe zum Ausdruck kommt. Das Vorwort dieses schmalen Büchleins nennt den vollen Namen und bezieht die ganze Familie ein. Dieser literarische Munchausen als ein Exponent der Familie hat politische Absichten: Er geht, gemäß Vorwort, davon aus, dass leere Behauptungen und veraltete Gepflogenheiten das politische Geschehen bestimmen, dass man seine Methode „chiefly upon our English politicks“ anwenden müsse, um zu verhindern, dass verdrehte Köpfe die Nation zum Gespött des Auslandes machen – zum „laughing-stock of Europe, and of France, and Holland in particular.“ (R1, S. IV)

Es ist also keineswegs so, dass ein drolliger lustiger Freiherr nach siegreicher Schlacht oder fröhlicher Jagd herumflunkert zum Ergötzen seiner Zuhörer – dieses Bild ist ein Produkt einer sehr deutschen Rezeption über 200 Jahre hin. Nimmt man den ersten Text von Raspe ernst als Literatur, darunter auch das Vorwort, dann schimmert eine weitere Schicht hervor: Das Ziel des Baron Munchausen besteht ausdrücklich darin, den common sense zu stärken; der Baron diagnostiziert, dass diejenigen, welche diese Haltung verloren haben, nicht leicht gebessert werden können, dass seine Methode ihnen aber die Augen öffnen könne.

Dass hinter diesen unspektakulär erscheinenden Wendungen eine Brisanz verborgen sein könnte, lässt sich aus der kurzen Lebensdauer dieses Vorworts schließen: Schon in der zweiten Ausgabe vier Monate später sind alle direkten Hinweise auf Politik im Vorwort verschwunden. Wie ist das zu erklären? Eine Ursache wird darin zu suchen sein, dass man in England common sense nicht nur als gesunden Menschenverstand wird gelesen haben, sondern als Bestandteil eines berühmt-berüchtigten Buchtitels: Common Sense -Addressed to the Inhabitants of America. Diese Flugschrift von Thomas Paine, l776 erstmals in Philadelphia erschienen, war ein politischer Stachel zugunsten des Unabhängigkeitsgedankens in den amerikanischen Kolonien. In diesen Kontext gerät der Name der Münchhausens also beim ersten Auftritt. Untersucht man unter diesem Aspekt die ersten fünf Auflagen, dann ist die Tendenz eindeutig: Sowohl die Anspielungen auf die Familie als auch diejenigen auf common sense und Politik gehen zurück. Raspes erster Munchausen-Verleger Smith befand sich ja an derselben Adresse wie Kearsley, der die Fortsetzungen edierte wie auch Raspes Übersetzung der Bornschen Briefe aus Temeswar, für die Raspe ein Vorwort mit deutlichen politischen Aussagen beigesteuert hat. In diesem Zusammenhang wird auch Kearsley mit seinem Verlagsprogramm plötzlich interessant: Er hat sich mehrfach regierungskritisch exponiert, musste deswegen vorübergehend sein Geschäft schließen – und hat u. a. Paine's Common Sense verlegt. Weshalb er am 7.1.1786 und am 26.8.1786 jeweils Konkurs angemeldet hat, gerade nach dem Erscheinen des ersten Munchausen bei seinem Nachbarn Smith und zwischen seinen eigenen vierten und fünften Ausgaben, wäre noch zu untersuchen. Raspes Münchhausens: viele Beamte und Offiziere Man stelle sich also vor: Der berühmte Ritter Linne, die größte Kapazität im Fach der Naturgeschichte, ehrt in der Fachöffentlichkeit den Gründer der Universität Göttingen und den in ganz Europa bekannten Otto mit einem symbolischen Akt, der auf die ganze Familie abstrahlt. Und diese Familie ist überall, wo Raspe ist: in Hannover, Kassel und London. Leicht lassen sich etwa 15 Münchhausens finden, mit denen Raspe zu tun hatte. Wenige Beispiele werden hier genügen müssen um zu zeigen, dass Raspe seinen Munchausen nicht geschrieben haben kann ohne ein Bewusstsein von dieser Präsenz.

Mit Gerlach Adolph von Münchhausen (1688-1770) hatte Raspe wegen seiner Leibniz-Ausgabe direkt zu tun. Mit Wilhelm Werner Heinrich von Münchhausen (1715-1788), Oberst, Landrat der Grafschaft Schaumburg, dem Bruder des Hieronymus, ist ein Kontakt nicht belegt, aber sehr wahrscheinlich. Von der Bedeutung des Otto von Münchhausen (1716-1774), Cousin ersten Grades des Hieronymus, war Raspe als Mitglied der „Gesellschaft des Landbaues“ in Kassel mit Sicherheit orientiert. In dieser Gesellschaft saß er gemeinsam mit Moritz Friedrich von Münchhausen (1731-1799), Oberappellationsgerichtspräsident, ehemals Regierungspräsident in Rinteln. Dessen Frau (*1740) führte Raspe am 2.4.1770 durch das Kunsthaus in Kassel.

Wiebel 2005b, S. 126ff.

 

 

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