Theodor Heinrich Ludwig Schnorr

Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande

Bodenwerder 1794

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„Sicher muss es ein Knabe sein!“ sagte Mama*) seliger im achten Monat ihrer Schwangerschaft zu Papa seliger, als sie Nachts keine Ruhe haben konnte**). „Er rumort mir gewaltig im Leibe herum.“

Das hörte ich – und kuckte sogleich heraus. – „Was befehlen Sie, gnädige Mama?“

Ein größeres Schrecken lässt sich nicht denken. Doch fasste Mama seliger so viel Besin|[4]nungskraft, dass sie mich mit ihrem Fingerchen auf den Kopf klopfte, und so musste der Gefangene mit einem „Au!“ wieder ad locum***).

–––––

*) Es war damals noch Mode, Papa, Mama zu sagen. In diesen aufgeklärten Zeiten fällt das weg. Da heißt der Papa schlechtweg Vater, und die Mama schlechtweg Mutter – wenn das erstere auch schon nicht wahr ist. Auch duzen jetzt die Kinder ihre Eltern. Eine schöne Mode!!!

**) Damals schlief man noch beieinander in einem Bette. Das ist aber jetzt aus vielen Ursachen zu lästig.

***) Was mich am meisten kränkt, ist: dass ich hierzu „kein Kupfer stechen lassen kann. Ich habe meinem Kupferstecher so viele gute Worte gegeben. Aber er sagte: es wäre unmöglich.

 

Lange, lange war ich das Gespräch meines Vaters und meiner Mutter. Sie wussten beide nicht, was sie aus dieser seltsamen Erscheinung machen sollten. Sie hatten wohl einmal gehört, dass in ältern Zeiten Kinder im Mutterleibe geweint haben sollten – aber gesprochen? – das war ihnen unbegreiflich. Und doch hatten sie beide gewacht; es mit ihren Ohren gehöret. Ich wurde das Märchen des Landes, denn meine Mutter hatte es verschiedenen guten Freundinnen erzählet. Das Resultat war: dass ich ein Knabe sein müsste, der zu etwas ganz Außerordentlichem bestimmt wäre.

Wir bekamen Besuch von einigen Anverwandten. Alles saß an der Tafel. Anfangs war ich ganz mäuschenstill, und gab genau auf ein jedes Wort Acht. Aber nun regte sich der Drang zum Spaßmachen, dass ich ihm gar nicht widerstehen konnte.|[5]

Die Fremden brachten die Gesundheit aus: „Hänschen im Keller!“ und das war sogleich eine Herausforderung.

,,Bedanke mich!“ war meine Antwort. Alles lachte überlaut. Meine Mutter hielt das Schnupftuch vor, stand auf und ging fort.

Ich tanzte die letzte Zeit wacker in meinem kleinen Gefängnisse herum, weil ich immer erst die Zeit abwarten sollte. Ich weinte, ich lachte, eins ums andere, denn ich hatte gar keinen Zeitvertreib. Vor Langeweile wusste ich oft nicht, was ich anfangen sollte.

Eines Tages, als ich es nicht länger aushalten konnte, rief ich:

 „Hut! Hut!“

„Ja! warte nur, du Schelm!“ sagte meine Mutter.

„Soll ich kommen? – –“ Aber da war keine Antwort. Meine Mutter lag ohnmächtig auf dem Bette, und eben als die Bademutter Hand anlegen wollte, sprang ich aus meinem Käficht heraus.

Man wollte mich kriegen. Ich protestierte dagegen, allein er half nichts.  Alles kreuzigte und segnete sich. Man erwischte mich endlich, und ich musste ins Bad. Darin saß ich nun eine kleine Weile, weil mir das gefiel. Ich plätscherte darin herum, machte Alles um mich her|[6] nass, wusch mich, und als ich mich lange genug darin verweilet hatte, sprang ich heraus, nahm das Badegefäß stieg auf einen Stuhl, und schüttete es zum Fenster hinaus.

Meine Mutter hatte sich unterdessen wieder erholt, und mein Vater saß neben ihr auf dem Bette. Beide hatten ihren tausend Spaß.

Eine Quelle für die Münchhausen-Biographie ist der humoristischer Roman von Johann Gottwerth Müller (genannt Müller von Itzehoe, 1743-1828), in dem plattdeutsche Mundart vorkommt: Siegfried von Lindenberg, 3 Teile, 2. erweiterte Auflage 1781/1782.

 

Siegfried von Lindenberg. Eine komische Geschichte. Neue Auflage ,Frankfurt und Leipzig 1780.

Der Roman erzählt die Geschichte des pommerschen Landadligen Siegfried von Lindenberg, der ein sehr kleines Territorium regiert. Er wurde von seinem Vater auf eine militärische Laufbahn vorbereitet und genoss ansonsten überhaupt keine Bildung. Nach dem Tod des Vaters nahm er seinen Abschied von Militär. Da seine Mutter der Meinung war, Bildung habe er als Edelmann nicht nötig und er müsse sich mit keinem Bürgerlichen gemein machen, verbrachte er seine Regierungszeit zunächst nur mit Reiten und Pfeiferauchen. Einige Zeit nach dem Tod der Mutter fängt er aber an, sich von dem servilen Schulmeister des von ihm regierten Dorfes aus verschiedenen Büchern und Zeitungen vorlesen zu lassen. Die Bildung des Schulmeisters ist ebenfalls sehr lückenhaft, was dieser aber verbergen möchte und immer eine Antwort parat hat. Dadurch bekommt Siegfried von vielen Dingen gar keine oder eine falsche Vorstellung.

Da Siegfried sehr stolz auf seinen alten Adel ist und von sich sagt, er sein ein Edelmann „so gut als der Kaiser“, möchte er alles, was er durch die Zeitungen von den Herrschern anderer Länder erfährt, nachahmen: So wird in seinem Schloss eine Druckerei errichtet, eine Zeitung herausgegeben, eine „historische Sozietät“ und ein „geheimes Konseil“ gegründet. Zum Schluss wird sogar ein Theater eröffnet und Minna von Barnhelm darin aufgeführt.

Bei all diesen Vorhaben wird Siegfried, ohne es zu merken, immer mehr von seinem Schulmeister beeinflusst. Dieser häuft immer mehr Ämter an, was den Neid des Hofpoeten und Justiciarius weckt: Als der Schweinehirt des Dorfes stirbt und keiner der Bauern die Aufgabe übernehmen will, überzeugt der Justiciarius Siegfried, dass nur der Schulmeister dieses hohen Amtes würdig sei.
Wikipedia

„Hänschen im Keller!“: Es lebe Hänschen im Keller! – Das Kind im Mutterleibe. Vor zeiten hatte man eine Art Becher, die »Hänschen im Keller« und »Gretchen in der Küche« benannt wurden. Diese Gefässe waren aus Silber und vergoldet, der Fuss lang und die Schale darauf einer Muschel ähnlich, hatte die Einrichtung, dass, wenn man Wein hineingoss, durch den Druck eine Oeffnung am Rande entstand, aus welcher ein Knäblein oder Mägdlein emporstieg. Der Scherz lag darin, dass man Frauen, die gern Kinder hatten, aus solchen Bechern zutrank. Jetzt noch will man mit dem Trinkspruch: »Es lebe Hänschen im Keller« oder: »Es lebe Gretchen in der Küche!« den Wunsch ausdrücken, dass eine Frau guter Hoffnung werde, oder, wenn sie es ist, sich einer glücklichen Entbindung erfreuen möge.
Karl Friedrich Wilhelm Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon; http://www.zeno.org/Wander-1867

aus meinem Käficht heraus: Die Eintragung über die Taufe findet sich im Bodenwerderer Kirchenbuch: „Den 13. Mai 1720. Ihr Hochwohlgeborn Herr Obristleutnant von Münch-hausen einen Sohn taufen lassen. Die Gevattern: Ihre Hochwohlgeborn Herrn von Rheden zu Hastenbeck Frau Eheliebste, dessen Herrn Sohn Droste zu Polle Frau Eheliebste, wie auch der jüngste Sohn von Rheden. Drei Namen: Hieronymus Carole Fredericus.“ Der jüngste Bodenwerderer Sproß hatte also nur Paten von seiner Mutter Seite. Ob das damals so Sitte war oder ob es sich um einen Zufall handelt, wissen wir nicht.
Weiss 1977, S. 6.

Hieronymus Caroll, Friedericus von Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 als fünftes Kind und dritter Sohn von Georg Otto von Münchhausen und Sibylle Wilhelmine, geb. von Reden auf Hastenbeck in Bodenwerder an der Weser geboren.

Wer war Hieronymus von Münchhausen wirklich?

Wer kennt ihn nicht, den Baron von Münchhausen, auf einer Kanonenkugel reitend, sein Pferd am Kirchturm befreiend oder sich an den Haaren selbst aus dem Sumpf ziehend? Wunderbar und phantastisch sind die Abenteuer des Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Als zentrale Gestalt einer Erzählkunst mit beeindruckender Vorstellungskraft, Gewitztheit und Formvollendung inspirieren seine Geschichten Illustratoren und Literaten bis heute immer wieder aufs Neue.

Doch wer war Münchhausen wirklich?

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, geboren am 11. Mai 1720 in Bodenwerder, ist Vertreter einer Epoche des Umbruchs, in der sich ein Wandel von Absolutismus, Aufklärung und Romantik vollzieht.

Von einem Erfolg versprechenden Landadligen, der sich freiwillig nach Russland begibt, dort zum Rittmeister ernannt, dennoch sich aus dem russischen Machtzentrum nach Bodenwerder zurückzieht, wird er von hier aus zu einem über die Region hinaus bekannten brillanten Erzähler.

Dass ihm am Ende seines Lebens Unrecht widerfährt, so dass er am 22. Februar 1797 vereinsamt stirbt und ihm der Begriff „Lügenbaron“ zugeschrieben wird, liegt sicherlich mit an dem schnellen gesellschaftlichen Wandel des 18. Jahrhunderts, dem nicht nur er unterlag.

Seine Grabstätte befindet sich in der Klosterkirche St. Marien im Stadtteil Kemnade.

Ganz der Tradition des Landadels entsprechend geht Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen nach seiner Kindheit auf dem väterlichen Gut mit 13 Jahren zur Ausbildung nach Bevern, tritt mit 15 am Hof von Wolfenbüttel in Dienst und meldet sich 1737 freiwillig als Page Herzog Anton Ulrichs von Braunschweig nach Russland. In Petersburg, dem Zentrum höfischer Machtentfaltung, erlebt er rauschende Feste und prachtvolle Jagden. Von hier aus zieht er in den 4. Russisch-Österreichischen Türkenkrieg. Nach der Ernennung zum Fähnrich im Leibkürassier-Regiment 1739, wird er 1740 als Leutnant in Riga stationiert und später zum Rittmeister befördert. Er heiratet Jacobine von Dunten, eine Freifrau aus Lettland.

In all diesen unterschiedlichen Lebenswelten kann Münchhausen seine literarischen Fähigkeiten entwickeln und für seine Erzählkunst und Fabulierfreude Nahrung erhalten.

Doch gezielte Intrigen und politische Wirren um den Zarenthron und damit das Ende seiner Karriereaussichten lassen Münchhausen 1753 mit seiner Frau auf seinen Besitz nach Bodenwerder zurückkehren und 1754 aus der russischen Armee ausscheiden.

In Bodenwerder lässt er am Ende des Siebenjährigen Krieges die legendäre Grotte bauen, in welcher er in illustrem Kreise seine Erzählkunst zum Besten gibt. Hier und in Göttingen, bei Besuchen seines Onkels, dem Mitbegründer der Universität, erlangt er den Ruf eines humorvollen Fabulierers.

Noch zu Lebzeiten muss Münchhausen ertragen, dass Veröffentlichungen seiner Geschichten durch die beiden Literaten R. E. Raspe und G. A. Bürger mit deren Ausschmückungen und satirischen Überhöhungen zu dem fragwürdigen Begriff des Lügenbarons führen. Er ist bestürzt, dass seine mündlichen Erzählungen, die aus der Tradition der männlichen Tafelrunden wie des höfischen Tabakskollegiums heraus entstanden, zu einem bürgerlichen Burleskenbuch degradiert werden.

Die Zunahme der Bedeutung des Gedruckten ist nicht mehr aufzuhalten. Die Veröffentlichungen tragen dazu bei, dass Münchhausens Abenteuer seit 1786 zur Weltliteratur gehören.

Ein dankbarer Stoff ist für das am Ende der Aufklärung und im Übergang zur Romantik stehende Bürgertum gefunden worden. Ruhm und Macht des Adels beginnen zu bröckeln. Im Zuge einer emanzipatorischen Entwicklung entsteht ein ausgeprägtes Interesse an Selbstentscheidungen, an Natur und Abenteuer und die sogenannten Lügengeschichten des Barons passen in diese Ansprüche an Literatur. Münchhausen erlebt eine europaweite Verbreitung, ohne daran teil zu haben.

Seit 1786 sind mehr als tausend Auflagen und Illustrationen, in 70 Sprachen mit einer Gesamtauflage von 6 Millionen Exemplaren erschienen. Ein Ende unterschiedlichster Rezeptionen des Gesamtwerkes auch in Film und darstellender Kunst ist nicht in Sicht. Münchhausen wird als kreativer Held, der sich mit Witz und Fantasie aus schwierigen Situationen befreit, verehrt. Und letztendlich bleibt es dem Leser gleichgültig, welche Textanteile wirklich von ihm sind und welche aus der Feder Raspes oder Bürgers stammen.

Münchhausen wird zu einem ästhetischen Begriff. Doch bleibt die Frage, warum gerade seine Geschichten zur Weltliteratur wurden.

So mancher, der in seiner Kindheit mit Münchhausens wundersamen Abenteuern aufgewachsen ist und sie ihm zur vertrauten Literatur wurden, ist sich nicht bewusst, dass es sich bei „Hieronymus von Münchhausen“ um eine real existierende Person des 18. Jahrhunderts handelt.

Dennoch weiß jeder, dass er sich in Petersburg aufhielt und von dort aus an Russisch-Türkischen Kriegen teilnahm. Im Wesentlichen existiert von ihm sogar ein deutliches Bild seines Aussehens, meist etwas pointiert mit Perücke, Dreispitz, Kniehose, Weste und Rockschößen, die er beim Entenflug gezielt einzusetzen weiß.

Zur Wirkung der Geschichten gehört unabdingbar die durchschimmernde Zugehörigkeit zum Adel. Obwohl seine Abenteuer von den Privilegien seines Standes, wie der Jagd handeln, sind sie unerwartet „unhöfisch“, kommen eher in einem volkstümlichen Sprachmodus daher. In diesem Widerspruch liegt sicherlich eine der Ursachen für das Amüsement des Zuhörers. Dass dabei so manch ironische Anspielung auf die Mächtigen der Zeit durchscheint, ohne zu einer offenkundigen Satire zu verflachen, wird bei seinen Zuhörern zur weiteren Belustigung beigetragen haben. Wie ist der Hinweis auf den eigenen Lorbeerbaum, in dessen Schatten er sich ausruhen kann, anders zu verstehen?

Münchhausen spielt mit literarischen Vorlagen, wenn seine Geschichten auf antiken und mittelalterlichen Texten basieren. Er verlässt aber die inhaltlichen Zusammenhänge und kombiniert diese mit unerwarteten Pointen. Die Anspielungen sind leicht auszumachen und so verläuft das Spiel für den Zuhörer in mindestens zwei Phasen. Heiterkeit entsteht beim Erkennen der Zitate und wird dann durch die darauf folgende pointierte Umdeutung verstärkt. Dass Töne vor Kälte einfrieren, ist einer vertrauten Erzählung entnommen, sie aber am Kamin wieder auftauen zu lassen, entspringt einem phantastischen, visionären Geist.

Die konkreten Handlungen entlehnt Münchhausen seiner Lebenswelt, nicht nur als leidenschaftlicher Jäger oder Beteiligter an Russisch-Türkischen Kriegen, sondern auch der Epoche der Aufklärung. Bei seinen Jagdabenteuern geht es oft um das Spiel mit neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Den damaligen Zuhörern werden diese phantasievollen Anspielungen z.B. auf die Handhabung von Pistolen oder die Verwirklichung des Fliegens leicht zugänglich gewesen sein. Um die gesamte Dimension seiner Sprachwitze erfassen zu können, lohnt es sich, uns den damaligen Entwicklungsstand in Natur und Technik zu vergegenwärtigen.

Bei aller Fabulierkunst sind seine Geschichten keine losgelösten Phantastereien ohne einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund. Münchhausen umspielt quasi Themen, die sich spezifisch mit Lösungen von „Widrigkeiten“ beschäftigen. Dabei wird der heroische Wahlspruch des Kurfürstentums Braunschweig „Nec aspera terrent“ wunderbar heruntergebrochen und zu einer allgemeingültigen Lebensweisheit weitergesponnen: „Man muss sich nur zu helfen wissen!“

Wenn auch für die Erwachsenen eine kindliche Freude an Münchhausens „Phantastereien“ unbeschwert ganzheitlich entstehen kann, so verharrt diese nicht im Spektakulären, sondern wird gerade mit dieser ermunternden Botschaft auch schon von jungen Menschen intuitiv verstanden. Darin liegt diese kraftvolle Unmittelbarkeit seiner Aussage, die letztendlich mit jedem von uns etwas zu tun hat.
http://www.muenchhausen-museum-bodenwerder.de/seite/466972/wer-war-hieronymus-von-m%C3%BCnchhausen-wirklich.html

 

 

Was für eine Welt war es, in die der kleine Hieronymus hineingeboren wurde? Bodenwerder gehörte seit rund 100 Jahren zum Calenberger Land, dem Kernstück des bei einer der vielen weifischen Erbteilungen entstandenen Herzogtums Hannover. In der Zeit um 1720 regierte Georg L, unter dem die Personalunion mit England begann. Georg und seine Nachfolger residierten in England, Hannover wurde praktisch vom Adel regiert, der eine Machtstellung innehatte wie in wenigen deutschen Ländern. [...] Bodenwerder selbst, das kleine Städtchen auf der Weserinsel, hatte in den 440 Jahren seines Bestehens Zeiten am Rande der Not und solche eines bescheidenen Wohlstandes gesehen. Hiernonymus' Jugend fällt in eine Zeit der Blüte, die friedliche Jahrzehnte den Bürgern beschert hatten. Schiffahrt und Handwerk bildeten Bodenwerders wirtschaftliche Grundlage, und zu jener Zeit hatte sich vor allem der Leinenhandel entwickelt. In den Dörfern um das Städtchen, insbesondere in der Ithbörde, wurde viel Flachs angebaut und ein grobes, billiges Bauernleinen gesponnen und gewebt. Das „Leggelinnen“ nahm mit der „Fahrpost“ über Hameln oder als Schiffsladung die Weser hinunter seinen Weg in die weite Welt. Wir wissen, daß es bis nach Westindien verkauft wurde - Jamaikas Negersklaven trugen Lendenschurze aus Bodenwerderer Leinen! Im 18. Jahrhundert bekam die Altstadt ihr heutiges Gesicht, damals entstanden wohl die meisten alten Fachwerkhäuser, die, liebevoll gepflegt, noch in unserer Zeit den Charakter des Städtchens bestimmen.

Kein Wunder, daß seine Bewohner eine gute Portion Bürgerstolz besaßen, -Münchhausen hat ihn später zu spüren bekommen. Doch darüber sollten noch Jahre vergehen, die entscheidendsten im Leben des Hieronymus.

Über seine Kindheit wissen wir nur wenig. Der kleine Hieronymus hat seinen Vater kaum gekannt, denn er war bei dessen Tode gerade vier Jahre alt. Daß seine Eltern zu wirtschaften verstanden, dürfte schon daraus hervorgehen, daß sie die Gutsgebäude weiter ausgestaltet haben. Natürlich spricht daraus auch das zeitbedingte Repräsentationsbedürfnis. Die Erziehung der Kinder ist bestimmt durch mütterlichen Familiensinn, aber auch durch den Wunsch, trotz der bescheidenen eigenen Verhältnisse die Kinder in standesgemäße Lebensbahnen zu bringen. Wer kennt diese Ziele nicht von zahllosen tüchtigen, wenig begüterten Adelsfamilien des damaligen Deutschland!

Im ganzen scheint es Sibille Wilhelmine gelungen zu sein, ihre Ziele zu erreichen. Für die Söhne mußte freilich der Soldatenberuf in Kauf genommen werden, denn nur fremde Kriegsdienste konnten Stellung und Ansehen geben, die das väterliche Gut nicht bot. Der Älteste, Hilmar, wird zunächst Gardeleutnant in Hannover, tritt später als Capitain in holländische Dienste. Auch der zweite Sohn, Wilhelm, wird hannoverscher Offizier: Als Obrist der Infanterie nimmt er seinen Abschied und wird Landrat, übernimmt später Rinteln. Als Leutnant im Churhannoverschen Cavallerieregiment von Hammerstein stirbt der jüngste Bruder am 2. Juli 1747 den Soldatentod in der Schlacht bei Laffeld in Belgien. Er hat als junger Mann die Ritterakademie in Lüneburg besucht und damals seiner Mutter rechte Sorge bereitet: Er machte nämlich Schulden. Er gelobte aber Besserung und wollte auf die kostspielige Laufbahn in der Kavallerie verzichten. Doch seine Mutter brachte ihm das Opfer, die hohen Ausrüstungskosten zu zahlen.

Die drei Schwestern heirateten in andere adlige Familien, - auch sie waren damit standesgemäß versorgt. Vor allem ist des Hieronymus Lebensweg in die Fremde bestimmt worden durch den mütterlichen Wunsch,, in Hof- und Militärdienst eine standesgemäße Existenz, Ehren und Aufstieg zu finden.
Weiss, 1977 S. 6ff.

 

Prospect der Stadt Bodenwerder, Kupferstich von Matthaeus Merian 1654

 

  Alles staunte vor Bewunderung. Man wollte mich der Gewohnheit nach in Windeln wickeln, eine Mütze aufsetzen ⁊c. Das alles ließ ich mir nicht gefallen. Ich sagte: „Was soll der Plunder? zum Teufel damit!“ Man wollte Gewalt brauchen. Ich schrie auf und rifef, und transportierte die Bademutter zur Stube hinaus, indem ich ihr einen Schwups vor den Steiß gab.

Jetzt sah man nun erst, wie man daran war. Weil ich mich nun auf diese Weise selbst entwickelte; so war nichts natürlicher, als dass ich in vier und zwanzig Stunden mehr wuchs, als alle übrige meines Gleichen. Ich bekam also sogleich ein Röckchen, Schuhe und Strümpfe, wie andere Kinder, die schon eins und mehrere Jahre alt waren. Papa seliger hatte mir aus Spaß ein Höschen machen lassen. Allein, dahinein wollte ich mich doch noch nicht verfügen, weil mir das zu unbequem war.|[7]

 

 

Als ich angekleidet war, kam die Amme herein.

„Was soll das Hurenmensch!“ sagte ich. „Eine Biersuppe will ich essen – denn ich bin hungrig.“

Die Amme schämte sich, und kam nie wieder zum Vorschein.

Man brachte die Biersuppe. Papa seliger wollte sie mir mit dem Löffel geben. Allein das war mir zu lästig. Ich nahm den Löffel selbst, und ließ mir es recht wohl schmecken.

Noch nie hatte man ein Kind so begafft. Man lief viele Meilen weit, um mich, das Wunder der Natur und der ganzen Gegend, zu sehen. – Wer mir zu nahe kam, dem gab ich einen Klaps auf den Backen; und alles kam, und hielt gutwillig her. Hatte ich nun meinen Spaß ausgeführt, so sprang ich in der Stube herum.

–––

Nun kam der Tag heran, an welchem ich sollte getauft werden. So viel man mir auch davon sagte, so konnte ich es doch nicht begrei|[8]fen. –  Es wurde indessen angerichtet auf das Prachtvollste. Alles Silber, was in zwanzig Jahren nicht aus dem Kasten gekommen war, musste hervor – alle nur mögliche Freunde und Bekannten wurden eingeladen, um die Feier des Tages recht glänzend zu machen.

Man schickte zum Prediger, wie er es wollte gehalten wissen, indem der Kleine schon gehen und sprechen könne, und er ein eigener Junge wäre, der sich durchaus nicht tragen lassen wolle. Ich wollte mich auch gar nicht belehren lassen. „Ich will schon wissen, was ich tun will. Ich laufe weg“, waren meine Worte.

Endlich brachte man es durch Überredungen und Geschenke so weit, dass ich meinen Großvater seliger, wozu ich das meiste Vertrauen hatte, an die Hand nahm und sagte: „Nun so kommen sie, wenn es nicht anders sein kann, so will ich alles mit mir machen lassen.“

Als wir in die Kirche kamen, sah ich immer den Mann im schwarzen Kleide an, der ein Buch in der Hand hatte, und über mir las. Man sagte mir, das wäre der Pastor, der mich taufen sollte. Als ich eben so dachte, was doch endlich daraus werden würde, fragte der Pastor:

„Wie soll das Kind heißen?“|[9]

„Hieronymus!“ antwortete ich, weil mir der Name eben so einfiel.

„Hieronymus!“ sagte mein Herr Gevatter, denn so nannte man ihn. Nun nahm er mich bei der Hand, und führte mich an einen großen ausgehauenen Stein, der so hoch war, dass ich nicht hineinsehen konnte. Endlich fragte der Pastor:

 ,,Hieronymus willst du getauft sein?“

„Ja!“ sagte ich. Da nahm der Pastor, kaltes Wasser – mein Großvater hielt mich fest, weil er wohl wusste, dass ich davon gelaufen wäre – und schüttete mir das auf den Kopf – welches mir gar nicht gefiel.

Wir gingen nach Hause, und nun ging es an ein Sausen und Brausen. Der Pastor kam auch. Ich schlug ihn wohl zehnmal dafür ab – und mit meinem Großvater mochte ich auch nichts mehr zu schaffen haben. An diesem Tage aß ich so viel Kuchen und Rosinen, und trank so viel Wein, dass ich zu nicht geringer Bestürzung Aller eine kleine Colic bekam, die aber durch eine Abführung glücklich gehoben wurde.

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„Junge!“ sagte Mutter seliger oft, als ich noch ein kleiner Knabe war, „wirst einmal weit in die Welt reisen, große Sprünge machen.“|[10]

Ich wusste die Ursach wohl – fragte aber aus Delikatesse gegen meine Mutter:

,,Warum?“

Die Mutter sah dann den Vater an, lächelte und sagte:

„Deine Vorderzähne stehn so sehr weit auseinander.“

Ich ging dann vor einen Spiegel, besah mich, und fand auch wirklich, dass sie so weit auseinander standen – dass ich ganz bequem hindurchspeien konnte, ohne den Mund aufzutun

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Papa: G. O. von Münchhausen ist – und das scheint erstaunlicherweise noch niemandem aufgefallen zu sein – der Kavallerie-Oberstleutnant Georg Otto Freiherr von Münchhausen, Herr auf Bodenwerder und Rinteln, geboren am Montag, 9. November 1682. Er befindet sich am 9. November 1720 – seinem 38. Geburtstag – in Hannover. Zuhause in Bodenwerder liegt seit einem halben Jahr, als fünftes Kind, der kleine Hieronymus Carl Friedrich (*11.5.1720) in Windel und Wiege. Drei Geschwister werden noch folgen. Von diesem Vater des berühmtesten Sohnes der Stadt Bodenwerder wussten wir bisher erstaunlich wenig. Im Archiv seiner Tochter Dorothea Sophie Ernestine von Hammerstein verwitwete von Cornberg in Osnabrück finde ich neue Informationen. Geboren ist Georg Otto am 9. November 1682, auf der Domäne Egestorf (heute Friedrichsburg), denn der Pastor zu Hemeringen bei Lachem/Weser schreibt 1683 ins Kirchenbuch: »Ao 1683 ist am ersten Sonntag (10.1.1683) nach Hl. drei Könige mittags zwischen 12 und 1 Uhr auf Egestorf dem Juncker Hilmar v. Münchhausen, derzeit Conductoris auf Egestorf, ein Söhnlein Georg Otto getauft worden. Gevatter waren Herr Georg Ludewig v. Münchhausen auf Oldendorf und Herr Otto v. Münchhausen auf Schwöbber.« 1683 leben Georg Ottos Eltern Hilmar von Münchhausen und Catharina Sophie geb. von Bornstedt demnach auf der hessischen Domäne Egestorf, Kirchspiel Hemeringen. Aus dem 1555 abgebrannten Kloster Egestorf war 1560 ein schaumburgisches Wildgatter und ab 1640 eine hessische Domäne geworden, deren Erträgnisse der Rintelner Universität zufließen. Hilmar ist 1683 auf der Domäne »Conductoris«, also Verwalter. Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel siedelt die Domäne 1778 auf, der Name Egestorf verschwindet, und es entsteht der Ort Friedrichsburg. Hilmar erbt den Münchhausenhof in Rinteln, zieht dorthin und baut das Erbbegräbnis an der Kirche von Exten (Wappen Münchhausen-Bornstedt). Georg Otto wird Page des Prinzen Christian am herzoglichen Hof in Hannover, geht mit ihm nach Ungarn in kaiserliche Dienste gegen die Türken und kehrt als Leutnant zurück. Er »nimmt wieder Kriegsdienste unter den hannöverschen Völckern« und heiratet am 21. Februar 1711 in Hastenbeck Sybille Wilhelmine von Reden (geb. Hastenbeck 19. Juni 1689, gest. Hameln 26. April 1741). Seine Schwiegereltern sind Jobst Johann von Reden, Erb- und Gerichtsherr auf Hastenbeck und Bennigsen II, Land- und Schatzrat und Marie Dorothea von Münchhausen aus Voldagsen. Sybille bringt acht Kinder zur Welt: 1711 Hilmar Johann 1713 Sophie Dorothea Maria 1715 Wilhelm Werner Heinrich 1717 Dorothea Sophie Ernestine 1720 Hieronymus Carl Friedrich 1721 Georg Wilhelm Otto 1722 Anna Maria Elisabeth Wilhelmine 1724 Anna Rebecca Nur vier Monate nach der Geburt der jüngsten Tochter stirbt Georg Otto mit 42 Jahren als »Oberstlieutenand von dem Leibregiment in der kurfürstlich hannöverschen und königlich britischen Kavallerie« am 21. September 1724 in Bodenwerder. Wir wissen nicht, woran er so früh stirbt. Er ist Herr auf Rinteln (Hessen) und Bodenwerder (Braunschweig).
Otto Frhr. von Blomberg 2020, S. 151f.

 

Georg Otto von Münchhausen

* 09.11.1682   † 21.09.1724  Bodenwerder

 

Sohn von Hilmar von Münchhausen und Catharina Sophie von Bornstedt

 

Sibylle Wilhelmine von Reden

* 19.06.1689 Hastenbeck   † 26.04.1741 Hameln

Tochter von Jobst Johann von Reden und Marie Dorothea von Münchhausen.

 

21.02.1711 Hastenbeck

 

Wilhelm Werner Heinrich von Münchhausen
* 14.02.1715   † 16.05.1788 Rinteln

Dorothea Sophie Ernestine von Münchhausen
* 14.06.1717 Hastenbeck   † 17.03.1795 Apelern

Hieronymus Karl Friedrich von Münchhausen
* 11.05.1720 Bodenwerder   † 22.02.1797 Bodenwerde
r

Georg Wilhelm Otto von Münchhausen
* 04.07.1721 Bodenwerder   † 02.07.1747

Anna Maria Elisabeth von Münchhausen
* 12.05.1722 Bodenwerder   † 20.09.1789 Daren/Bakum

Anna Rebecca von Münchhausen
* 1724 Bodenwerder 

 

Quelle: http://familienbuch-euregio.eu/

colic: Der englische Begriff Baby colic, auch infantile colic geannt, bezeichnet Phasen des Weinens, die mehr als drei Sunden pro Tag andauern können. Im Deutschen spricht man heute von Schreibabys.

Delikatesse: Rücksichtnahme

Großvater: Der Großvater väterlicherseits, Hilmar von Münchhausen, starb bereits um 1689; der Großvater mütterlicherseits war Jobst Johann von Reden (1656–1734), Land-und Schatzrat der Calenberger Landschaft und Herr auf den Rittergütern Hastenbeck und Hameln/Bennigsen II sowie anderen.

Kirche: Die evangelisch-lutherische Stadtkirche St. Nicolai aus dem 15. Jahrhundert ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche. 1720, im Geburtsjahr von Hieronymus, war J. F. Seehausen Pastor in Bodenwerder.

 

Hieronymus wurde am 11. Mai 1720 getauft. Der Eintrag ins Kirchenbuch lautet: „Den 13. Mai 1720. Ihr Hochwohlgeborn Herr Obristleutnant von Münch-hausen einen Sohn taufen lassen. Die Gevattern: Ihre Hochwohlgeborn Herrn von Rheden zu Hastenbeck Frau Eheliebste, dessen Herrn Sohn Droste zu Polle Frau Eheliebste, wie auch der jüngste Sohn von Rheden. Drei Namen: Hieronymus Carole Fredericus.“

 

 

Zu einer andern Zeit sagte sie denn wieder: ,,du wirst einmal ein großer – großer Mann werden!“

„Woher das?“ fragte ich.

„Weil du so große – große Augen hast.“

Dann machte ich es eben wieder so, besah meine großen Augen – und tat wenigstens so, als wenn ich glaubte, dass Zähne und Augen so etwas besonderes voraussagen könnten.

Je mehr ich nun auf meinem Steckenpferde ritt, mit den Jagdhunden spielte, Burzelbaum schlug, mit der Peitsche klappte; jemehr ich die Bauernjungen neckte und schlug, dass sie ach und weh schrieen, desto mehr Zuckerplätzchen und|[11] Marzipan bekam ich von meiner Mutter, und desto mehr herzte mich mein Vater seliger.

–––

 

Meine gewöhnlichsten Spiele, und die, welche mir das meiste Vergnügen machten, waren in der Folge: Königspiel, Exerzieren, Jagd und Trinkgelag. Man sieht, dass das Sprüchwort wahr ist: Was ein guter Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten. Bei jedem Spiele musste ich immer die Hauptrolle haben, sonst war es nicht recht. Vorzüglich konnte ich beim Trinken die meisten Gläser Bier ausleeren.

„Hol mich der –“ sagte dann Vater seliger: „Der Junge wird noch einst seine Leute coram kriegen. Er wird einmal was rechts werden. Und“ – fügte er denn hinzu – gewiss wird er keine Weinbouteille stehen lassen.

–––

Schon längst hätte ich, wie billig, meiner Eltern, meiner Geschwister, meiner berühmten Ahnen, meiner Wappen u. d. g. gedenken sollen. Das Erstere ist und bleibt aber allemal gar zu zweifelhaft – und das Letztere ist zu langweilig für den Leser.|[12]

Bei den schon damals unter Kavalieren eins gerissenen Galanterien – leider! scheint auch diese Sitte die Bürgerlichen ergriffen zu haben – wer kann da seine wahre Abkunft genau dezidieren? Vater musste es wohl meiner Mutter zuglauben, dass ich sein wahrer Sohn sei. Aber – im Vertrauen! –so sehr sich mein Vater darauf verstand, in fremden Wäldern zu jagen, so gut wusste meine Mutter ihre Fische auch aus andern Teichen zu holen.

Das war damals nun einmal kavaliermäßig, jetzt ist diese Sitte schon gemein geworden. Die Bürgerlichen sind doch wie die Affen. Sie ahmen alles nach, und man kann heutiges Tages nichts mehr vorausbehalten.

–––

Neun Jahre war ich alt, als ich es nicht anders wusste und dachte, als dass ein Edelmann ein ganz anderes Geschöpf wäre, als andere Menschen; dass ein Edelmann nur da wäre, um die Zeit lustig zu verleben, des Bauern Korn, Hühner und Eier zu essen, Wein zu trinken, zu befehlen, zu quälen und zu trotzen – und dass andere Menschen nur da wären, um zu arbeiten, zu geben, zu gehorchen, zu seufzen, zu dulden. Ich sah und hörte nichts|[13] anders, und war ganz in solcher Lebensart aufgewachsen.

Ich hatte Geld, wenn andere nichts hatten. Wenn ich schlug, so hielten andere geduldig her; wenn ich befahl, so gehorchte man auf den ersten Wink; wenn ich schalt, so zitterte alles.

Jetzt dachte Vater seliger darauf, dass ich doch wohl etwas, wenigstens Lesen und Schreiben lernen müsste. Ich ward also zu dem Prediger des Ortes getan. Dieser wurde aber meiner geschwind müde, wert ich mich durchaus nicht bändigen lassen, und gar keine Raison annehmen wollte. Sagte mein Lehrer A, so sagte ich B, und sagte er X, so sagte ich Z. Ich war der Freiheit und des beständigen Herumschwärmens und Zeitvertreibes gewohnt; ich sah von meinen Eltern nichts anders, also dachte ich eben so. Ich war nun einmal zu sehr davon überzeugt, ein Edelmann könne, ohne irgend etwas zu lernen, doch ein großer Mann werden. Adel sei angeborenes Verdienst genug. Meine Geburt bürgte mir schon genugsam für das Übrige.|[14]

Ich bekam einen unauslöschlichen Hass gegen diesen ersten aller Pedanten, weil er mich schlug. Ich sprang an ihm auf, nahm ihm trotz aller Schläge seine Perücke, flog pfeilschnell zur Stubentür hinaus – und trug sie im Triumphe zu meinen Eltern. Meine Eltern schickten sie ihm wieder, ohnerachtet ich lieber gesehen hätte, dass ich sie zum Vergnügen für unsern Sultan behalten hätte, der sehr allerliebst darin aussahe, wenn er das Eulennest aufhatte. – Aber nie mochte ich wieder etwas mit dem Pastor zu schaffen haben.

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Es wurde nun ein Hofmeister angenommen, dem es aber zur ersten Pflicht gemacht wurde, mir allen Willen, und meinen Launen vollen Zügel schießen zu lassen. Er war wenig besser, als der Pastor, außer dass er jünger und freundlicher war, und mit mir oft auf die Jagd ging. – Mein Vater hatte mir eine schöne, leichte Flinte machen lassen. Ich schoss zum Erstenmal zween Hasen, und bekam einen Dukaten. – Nichts war mir unangenehmer, als wenn ich irgend etwas, welches er Nützlicher nannte, tun sollte. Und im Grunde war doch alles in meinen Augen nichts weiter, als grenzenlose, langweilige und unausstehliche Pedanterie|[15]; und besonders das Latein und Griechisch, und das Vokabeln- und übrige Auswendiglernen, womit er mich immer ängstigen wollte – nichts als Menschenquälerei, erfunden – allen wahren Tätigkeitssinn, den wahren Seelenadel, allen freien Mut, alle Munterkeit und allen Frohsinn zu unterdrücken und zu ersticken.

Mein Großvater seliger wusste das auch wohl; deswegen hatte er sich auch Nichts daraus gemacht, und war doch mit Ehren durch die Welt gekommen. Er war derjenige, wovon es bekannt ist, dass er allemal den Bedienten herunterschickten, und befehlen ließ: alles möchte still sein im Hause, weil er seinen Namen schreiben wolle.

Mein Vater bemerkte meine zunehmende Kopfhängerei. Er kaufte mir daher ein Pferd, schon im zehnten Jahre musste ich vorreiten. Jetzt war mein Vergnügen ohne Ende.

Der Hofmeister hatte sich, weil er zu wenig Beschäftigung mit mir haben konnte, unter dessen eine Liebschaft zugelegt, etwa eine halbe Stunde von unserm Gute. Er war nun außer der Tischzeit, und wenn es auf die Jagd ging, die wenigste Zeit zu Hause. Die übrigen Stun|[15]den verlebte er in den Lustgefilden der Liebe, und ließ seinen Hieronymus schalten und walten nach eigenem Vergnügen – weil Hieronymus sich nun einmal unter keines Menschen Joch beugen ließ.

Ein Glück für ihn, dass er bald Prediger wurde, und er nun das Mädchen nehmen konnte; sonst wäre er ohne Umstände abgedanket worden – weil er uns doch zu nichts nutze war. Er wusste weder mit Pferden noch mit Kühen, weder mit Hunden noch mit Hühnern und Tauben umzugehen. Ich habe dem armen Mann viel Verdruss gemacht – aber ich war nun einmal nicht anders. Er sagte mir Dinge, die ich weder fassen noch begreifen konnte – und dann musste ich ihm gerade ins Gesicht lachen. Schlagen durfte er mich nun nicht, weil ihm sonst meine Mutter den Hals gebrochen hätte. Also musste er es nun gehen lassen, wie es gehen wollte – bis glücklicher Weise zu unser Beiden Freude ein günstiges Geschick uns trennte.

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Nun legte ich mir auch eine Pfeife zu. Zuerst lernte ich das Rauchen in den Bedientenstuben, wo mir der Jäger und alle so viele Annehmlichkeiten davon vorschwatzten. Ich ver|[17]suchte es auch, und siehe – trotz allen Unannehmlichkeiten, konnte ich es in acht Tagen besser als unser Jäger. Denn der Jäger konnte wohl aus den Nasenlöchern den Dampf herausgehen lassen; wenn ich aber rauchte, so ging mir der Dampf zu der Nase, zu den Ohren und zu den Augen heraus. Ja! der ganze Kopf rauchte mir, so dass sich Alles darüber wunderte.

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Weil ich nun auch fleißig auf die Jagd ging, so lernte ich auch bald – und zwar wieder von unserm Jäger, einen hübschen Schnaps vertragen – und als es mein Vater merkte, war er auch gar nicht unzufrieden darüber, sondern trank mir selbst zu.

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Die Oberaufsicht über die Jagd- und Hühnerhunde hatte, wie das ganz natürlich war, niemand anders, als ich. Ich kannte die Hunde nach ihren ganzen Familien, und konnte sie auf den Fingern herzählen, von wem sie abstammten. Ich sah es auch gleich andern Hunden an, ob sie rein waren. Reinere Jagdhunde, als die unsrigen, musste es im ganzen Lande nicht geben. Nie hätte ich es gelitten, dass eine Mesalliance[17] mit mit einem Bullenbeißer, Dorf- oder Schäferhunde vor sich gegangen wäre. Eine Vermischung mit einem Hühnerhunde und Jagdhunde wurde augenblicklich mit dem Leben bestraft. Ein Bastart musste gleich von der Welt. Übrigens versorgte ich alle Kavaliere mit Hunden.

So bildete ich mich nach und nach zu allem, wozu nur ein guter Landjunker fähig sein kann.

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Nicht vergnügter war ich , als wenn ich die Bauernjungen im Dorfe brav herumholen konnte. In unserm Gehölze gab es viele Vogelnester. Gerade, wenn ich sie ausgenommen hatte, schickte ich sie hin, und sie fanden dann gewöhnlich Hirschlosung, oder des etwas in den Nestern. Hatten sie mir ein Nest ausgenommen, so bekamen sie ohne Erbarmen die grausamsten Prügel – auch selbst die, welche es nicht getan hatten, oder nichts darum wussten. Genug, ich bürdete es ihnen auf, und sie hielten gutwillig her, und ließen sich abbläuen.

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Des Sonntags ging ich zum Verdrusse des Predigers nur äußerst selten zur Kirche, weil[19] meine Eltern selten hineingingen. Ich lief unter den Gesängen in den Stühlen, wie ein unruhiger Geist, hin und her, guckte bald aus diesem, bald aus jenem Gitter, und hatte allerlei Phantasien im Kopfe. Zum Singen hatte ich keine Lust, und auf die Predigt zu achten, war meine Sache nicht; denn das, dachte ich, ist nur für Bauren. – Ging ich nicht in die Kirche, so bemerkte ich alle die Häuser, worin niemand war. Ich wusste mich sanft hinein zu schleichen, dass es niemand merkte, visitierte die Kochköpfe auf dem Herde, nahm alles Fleisch, was ich darin vorfand, heraus, und gab es den Jagdhunden, die gewöhnlich mit mir liefen, und – hofierte à la Rousseau die Töpfe – wovon ich glaubte, dass es die Bauren für Klöße essen sollten.

Nichts als Verwünschungen aller Art hörte man über mich und meine Späße, die ich ganz unschuldig glaubte. Ich brachte es sogar dahin, dass nicht der zehnte Teil Menschen in die Kirche mehr ging.

Mein Vater und Mutter freueten sich dann über alle diese Schwänke, die ich ihnen|[20] teils erzählen musste, oder die sie aus dem Munde Anderer hörten. Je mehr sie sich freueten, desto mehr sann und dachte ich auf Abenteuer, so dass sie immer genug wieder gut zu machen hatten.

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Bis in mein zwölftes Jahr schlief ich aus ganz besonderer Vorsorge meiner Mutter bei der Kammerjungfer, einer schon ziemlich bejahrten Schachtel. Sie hatte mich, wie natürlich, in allen Mysterien schon im neunten Jahre eingeweihet, und dadurch den Grund zu meinem jetzigen Podagra gelegt. Sie starb zu meiner größten Betrübnis. Ich war ein ganzes Vierteljahr stumm und sprachlos.

Es wurde also eine neue Kammerjungfer gesucht. Ein junges artiges Mädchen. Und – ich bekam meine Sprache wieder. So sehr sie auch anfangs die Spröde spielen wollte, so half doch alles nichts. Des Tages spielte der Papa mit dem Zöfchen – des Nachts schlüpfte ich durch das Schlüsselloch.

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Nichts ist mir von jeher spaßhafter gewesen, als das. Ich verwickelte mich mit einigen Gassenjungen in Händel. Je älter ich wurde, desto|[21] mehr suchte ich mich von ihnen zu entfernen. Aber zuweilen, wenn ich eben Langweile hatte, war mir doch der Spaß mit ihnen angenehm. Regentenspiel war nun das gewöhnliche. Je mehr sie sahen, dass ich mich ihnen entzog, und sie es für eine besondere Gnade ansehen sollten, wem ich mich wir ihnen einließ, desto weniger gehorchten sie. Genug – bei einer gewissen Strafe, die ich dem einen zuzählen ließ, für eine angebliche Bosheit, die er begangen haben sollte, bat er um Pardon, den ich kraft meiner Regentenschaft erteilen konnte. Ich tat es nicht. Er hielt zwar gutwillig aus, aber ich las es deutlich in seinem Gesichte, er sann schon bei der Übernahme der Strafe auf Rache. Das Spiel war zu Ende. Er machte sich ein wenig geschwind aus dem Staube, und wollte mir eben an der Ecke der Mauer, die neben unserm Garten war, einen Schlag versetzen, als ich, schon vorbereitet, ihm einen Backenstreich gab, der ihm sogleich den Kopf auf dem Rumpfe herumdrehete. Der Junge ging in dieser unbequemen Stellung nach Hause, ohne anders etwas zu tun, als das Maul jämmerlich zu verziehen.

Ich und noch verschiedene andere, die das sahen, mussten lautes Halses lachen, und stimmten sogleich das gewöhnliche Lied an:|[22]

 

Sieh, wie er aussieht,

Wie er das Maul zieht u. s. w.

 

Kaum war ich fünf Minuten im Hause, so gab es ein grässliches Geschrei und Verklagen von den Eltern des Knaben bei meinem Vater. So sehr mich auch das Schicksal des Knaben daurete so war mir doch nichts lächerlicher, als die Gestalt eines Menschen, der sein Gesicht hinten hatte.

Weil ich doch nun einmal an dem Unglücke dieses Menschen schuld war, so nahm ihn mein Vater als Bedienten an, und hielt ihn sehr gut; wobei er dann seines Unglücks so ziemlich vergaß. Nur konnte er es nicht gut leiden, wenn man sich über ihn lustig machte. Und dennoch gab es keine Gesellschaft, die nicht über dies sonderbare Machwerk von meiner Erfindung lachte.

–––

Bald darauf ging es mir mit der Tochter eines Pfarrers eben so. Sie wollte gewissen Bitten und Anträgen kein Gehör geben, sondern nahm es übel, dass ein Kavalier ihr solche Anträge machte, und schimpfte darüber. Ich glaubte, ein solches Wesen müsse sich das für|[23] eine Ehre schätzen, gab ihr eine Maulschelle – denn ein Edelmann muss sich nicht schimpfen lassen, sollte er auch das größeste Unrecht haben – und der Kopf saß ihr eben so nach dem Rücken zu gekehrt.

Mein Vater müsste dies arme Geschöpf auch zu sich nehmen, und es war versorgt.

Besonders nahm es sich aus, wenn mein Vater ausging; so hatte er vorn einen Bedienten, damit derselbe sähe, was vorn passierte, und den andern hinten, damit er sah, was es hinten gab. Eben so mit meiner Mutter. Ludewig der XVI. damals noch Kronprinz besuchte uns, und gab uns für die beiden Menschen ein schönes Stück Geld. Wir konnten sie ihm nicht wohl versagen. Und was tat er? Er verheiratete beide zusammen, und legte eine eigene Fabrik solcher Menschen in *** an. Da sich aber viele schwangere Frauen daran versahen, und es allerlei sonderbare Geburten gab, die ihre Köpfe teils auf der rechten, teils auf der linken Seite hatten, so musste er sie fortschicken. Er schickte also Mann und Weib mit ihren drei Kindern eben derselben Art hin nach Amerika, wo es jetzt eine ganze Insel voll solcher Geschöpfe gibt. Sie heißt St. Salvador.|[24]

Jetzt verschwur ich mich hoch und teuer, weil meine Maulschellen von solcher Wirksamkeit wären – ich wollte nie wieder die Unvorsichtigkeit begehen, und Menschen auf solche Art unglücklich machen.

–––

Ich war jetzt funfzehn Jahr. Ein besonderer Umstand trieb mich von Hause. Die Kammerjungfer – – Nun! was ist es denn? es ist ja kein Meerwunder, wenn einer solchen Person die Röcke ein wenig zu enge werden. Damals machte man daraus weit mehr Wesens, als in der jetzigen aufgeklärten Zeit. Vater und Mutter fanden es für gut, die Person an unsern jungen Pächter zu verheiraten, und – ich musste von Hause. Nun irrte ich lange Zeit herum, bald hier bald dort, von einem Onkel zum andern. Alle wollten durchaus, ich müsste meine raue Lebensart ablegen, müsste ein artiger junger Herr werden, müsste auf Schulen gehen und Etwas lernen. Und – das Alles wollte mir so gar nicht in den Kopf.

Königspiel, Exerzieren, Jagd und Trinkgelag:

Königspiel

Einer ist König, die Andern sitzen ganz ernsthaft und arbeiten was sie wollen; schreiben, zeichnen, lesen, nähen, stricken u. s. w. Auf einmal ruft seine Majestät, der König ist nicht zu Hause, da verändert sich plötzlich die ganze Szene nach dem Sprichworte, wenn die Katze nicht zu Hause ist, so tanzen die Mäuse auf Tisch und Bänken; man singt und tanzt man tut was man will. Aber plötzlich und unvermerkt ruft Jener wieder: der König ist wieder zu Hause und im Nu muss sich jeder an seinen Platz begeben. Der Letzte gibt ein Pfand: Der König entscheidet es, wer seinen Platz zuletzt erreichter. Irrt er sich hierin, so gibt er selbst ein Pfand und ist abgesetzt, aber der unschuldig Angeklagte wird König. Wer nach dem Ausrufe des Königs noch einen lauten Ton von sich gibt, oder laut lacht, gibt auch ein Pfand.  Der König muss durchaus jedesmal einen als den Letzten angeben oder ein Pfand geben, wenn er es nicht kann.

Exerzieren

„Gebt Acht! wenn ich sage: wo ist dies und das? so greift es an. Wo ist der Kopf, die Brust, der Unterleib, die Schenkel, der Hals, die Beine u. s. w. – Marschiert! Halt! Ah, Carl stand nicht, er soll 2 Plumpsack leiden . Detlef soll sie ihm geben.“ Achtung! Streckt vor den rechten Arm , den linken , das rechte Bein , das linke; nun beide! ha ha ha! Das könnt ihr nicht. Bauz da liegt Fritz. – Achtung! – Marschiert – lauft – steht!

Das Mattmachen.

Auf einem ebenen und freien Rasenplatze wird vermittelst kleiner Büschchen eine Linie abgesteckt, die wohl 50 Schritt lang ist, welche der Wall heißt. Die Gesellschaft, die so zahlreich sein kann, als sie will, teilt sich in zwei Teile und bildet so zwei Parteien. Beide stellen sich 10 bis 20 Schritte von einander, so dass sie den Wall als Grenzscheidung zwischen sich haben . Jetzt kommt es für jede Person der beiden Parteien darauf an, bald hier bald dort ins feindliche Gebiet hinüber zu laufen, unter dem Ausrufe matt! irgend einen mit der Hand auf die Schulter zu klopfen, ohne sich erwischen zu lassen . Kann man dies, so ist die Person die so berührt wurde matt, d. i. sie muss vom Spiele ab treten; wird man aber von der gegenseitigen Partei erwischt und festgehalten: so ist man selbst matt gemacht und muss gleichfalls abtreten. Auf diese Art geht das Spiel fort, bis alle Personen der einen Partei matt gemacht sind, dann hat die andre gewonnen und man fängt von neuem an.
Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes für die Jugend, ihre Erzieher und alle Freunde unschuldiger Jugendfreuden. Schnepfenthal 1796, S. 325, 327 und 233.

 

Pieter Bruegel der Ältere, Die Kinderspiele, Öl auf Holz, um 1560

coram: öffentlich, vor aller Augen

meiner Wappen e. d. g.: Gründliche Geschlechts- Historie Des Hochadlichen Hauses Der HERREN von Münchhausen worinnen die Abstammung aller Vorfahren von dem XII. Jahrhundert an mit vielen aus verschiedenen Archiven und Registraturen gezogenen Urkunden gedruckten Schrifften und andern Zeugnissen mit einem Anhang häuffiger Diplomatum und Urkunden so zur Erläuterung vieler Fürstl. Gräf. Adlichen Geschlechter dienen ingleichen mit nöthigen Kupffern und Stamm-Tafeln versehen yon Gottlieb Samuel Treuer Königl. Groß-Britannischen und Churfürstl. Braunschw. Lüneb. Hof-Raht und Prof. Publ. bey der Georg August Universität. GOETTINGEN gedruckt und zu finden bey Abram Vandenhoeck, Univ. Buchdr. [1740].

 

 

 

Ahnenprobe des Johann Clamer August von dem Busche (Amtshaus Schlüsselburg, 15. 1. 1706), kollationierte Abschrift, Magdeburg, 3. 11. 1746, Aquarell- und Deckfarben auf Papier, 61 x 93 cm, enthält u. a. die Geschlechter Busche auf Hünefeld, Aschenbach, Münchhausen auf Schwebber, Münchhausen a. d. H. Apelern, Münchhausen auf Wendlinghausen, Münchhausen, Kerssenbrock, Landsberg, Eltz auf Rodersdorf, Dalberg gen. Kämmerer v. Worms, Rautenberg auf Rethmar, Vestheim, Pfühl, Burgsdorff, Kerssenbrock und Kanstein.

in solcher Lebensart:

Gottfried August Bürger

Der Bauer.

An seinen Durchlauchtigen Tyrannen.

Im Sommer 1773.

     Wer bist du, Fürst? daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Dein Ros zerschlagen darf.

     Wer bist du, Fürst? daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungeblauet
Darf Klau’ und Rachen haun.

     Wer bis du? daß, durch Saat und Forst,
Das Hurrah deiner Jagd mich treibt,
Entathmet, wie das Wild. –

     Die Saat, so deine Jagd zertrit,
Was Ros, und Hund, und Du verschlingst,
Das Brod, du Fürst, ist mein.

     Du Fürst hast nicht, bei Egg’ und Pflug,

Hast nicht den Erntetag durchschwizt.
Mein, mein ist Fleis und Brod! –

     Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyran!

Gedichte von Gottfried August Bürger. Göttingen 1778, S. 124f.

 

Prediger: in den Jahren 1721 bis 1736 war J. Conrad Schmidt Pfarrer in Bodenwerder.

Raison: franz. Vernunft

Hofmeister: Hauslehrer

hofierte: der euphemismus hofieren für cacare, seit dem 15. jahrh. nachweisbar, lehnt gewis an hof 2, sp. 1655, den offenen wirtschaftsraum an einem hause an, als die stätte wo auch der dünger aufbewahrt wird. (DWB)

Regentenspiel: Man schreibt die Nahmen der Regenten, ihrer Gemahlinnen und ihrer Residenzen einzeln auf Stückchen Kartenblätter oder Pappdeckel, die nicht grösser als ein Dominostein sind, vertheilt sie, und lässt Domino damit spielen. Da legt einer den König von England auf, wer die Königin hat, legt sie daran, dann folgt der dritte mit der Residenz. Wer die Residenz hat fährt jedesmal fort, wieder einen neuen König anzulegen. Wer alle drey besitzt, legt gleich alle drey hin tereinander hin, u. s. w. Wer zuerst mit seinem Kärtchen zu Ende ist, erhält von jedem Mitspieler so viel Mandeln, Rosinen und dergl. als er noch Karten in Händen hat. Diess Spiel ist im Buchladen zu haben. Für die kleine Jugend ist es nicht, denn was soll die mit der Regentenliste, ehe sie weiss, was ein Regent ist. Die Erwachsenern können es bisweilen mit Vortheil gebrauchen, wenn sie sonst nicht, wie ich sehr fürchte, mehr Geschmack an den Mandeln und Rolinen als an den Nahmen finden. Knaben sollten hier lieber den Plumpsack zur Hülfe nehmen, und den, welcher zuerst fertig wird, berechtigen, seinen Mitspielern so viel Streiche zu geben, als sie noch Blätter in Händen haben.
Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes für die >Jugend, ihre Erzieher und alle Freunde unschuldiger Jugendfreuden. Schnepfenthal 1796, S. 353.

Sieh, wie er aussieht,/ Wie er das Maul zieht u. s. w.: Shakespeare, Troilus und Cressida. Erster Aufzug, zweite Szene: Sieh, wie er um sich blickt! das ist eine Miene! ist er nicht ein wacker Mann?
William Shakspeare's Schauspiele. Neue ganz umgearbeitete Ausgabe. von Johann Joachim Eschenburg. Neunter Band. Zürich 1803, S. 225.

Ludewig der XVI.: französisch Louis XVI (1754-1793) – geboren als Prinz Ludwig-August von Frankreich, Herzog von Berry; französisch Prince Louis-Auguste de France, duc de berry – aus dem Haus Bourbon wurde nach dem Tode seines Vaters 1765 Dauphin sowie nach dem Tode seines Großvaters 1774 schließlich König von Frankreich und Navarra.
Wikipedia

 

Louis-Michel van Loo: Louis-Auguste als Thronfolger 1769

San Salvador: eine Insel und ein Distrikt am Nordost-Rand der Bahamas.
Wikipedia

 

In dieser Zeit meiner Abwesenheit von Hause hatte ich einst die unruhigste Nacht meines Lebens.|[25]

„Hieronymus!“ hörte Ich laut rufen mit der ängstlichsten Stimme. Es war nicht Einbildung. Ich hörte es zu sehr. Ich war völlig wach, völlig mir selbst bewusst.

„Rede – himmlischer oder irdischer Geist, wer du auch bist!“ antwortete ich; „ich höre.“

„Deine Mutter sendet dir hier ihren Schutzengel. Folge ihm. Sie ist bei den Seligen.

Ein Strom von Tränen quoll jetzt unaufhaltsam hervor, und machte meinem bedrängten Herzen Luft.

„Hieronymus!“ hörte ich es noch einmal rufen. Ich konnte kaum antworten. Doch suchte ich mich zu fassen, und sagte:

„Geist meiner Mutter! rede – ich höre.“

„Geh auf Schulen – ehre deinen alten Adel, und lass übrigens das Schicksal sorgen. Du wirst zwar vieles in der Welt erleben – aber du wirst doch am Ende deines Lebens ruhige Tage haben.“

Das tönte wie ein Donner in meinen Ohren. Ein herrlicher Duft wie von tausend Blumen erfüllte das Zimmern.|[26]

Es war jetzt Morgen. Ich sprang vom Lager auf, ging auf mein Zimmer, und fand schon – den Trauerbrief auf dem Tische liegen.

Ich war untröstbar. Ohne etwas zu sagen, packte ich meine Sachen zusammen in einen Mantelsack, sattelte ein Pferd, setzte mich darauf, und ohne von meinem Onkel Abschied zu nehmen, ohne etwas zu verabreden, war ich schon fort, noch ehe einmal eine Seele im Hause etwas davon erfuhr. Ich ritt immer in einem fort, und bekümmerte mich um nichts, bis mein Pferd vor ***, einem Städtchen, worin die berühmteste Schule ist, stille hielt.

Ich kann diesen Ort nicht bemerklicher machen, als wenn ich meinen Lesern sage, dass mein erstes, was mir hier – es war eine Apotheke, wo ich abstieg – präsentiert wurde, ein Glas Bindfaden war, wozu mir einige mit Honig eingemachte Heimchen (Grillen) hingesetzt wurden. Hungrig und durstig ließ ich mir alles recht wohl schmecken. Ob man gleich dafür hält, dass es den Katzen nicht dienlich sei, wenn sie Heimchen fressen, so bekamen sie mir doch nicht übel. Ich ließ mir mehrere Portionen geben, und lachte innerlich über das sonderbare Produkt.|[27]

Auch zeigte man mir hier auf Bouteillen gezogene Flatus –  und die Art und Weise, wie man sie auf Bouteillen ziehen könne. Doch wollte man mir als einem Neuling den Gebrauch davon nicht entdecken. Man bat mich, auch dergleichen zu liefern, wofür ich alle Tage so viel Schnaps trinken könnte, als ich wollte, welches ich denn gern einging. – Das Geheimnis des Gebrauchs desselben habe ich nie erfahren können.

Ich spielte hier die artigste Rolle von der Welt. Was doch die Einbildung für eine Herrliche Sache ist! Ich gab mir ein großes Air. Ich war der Einzige von Adel – daher bildete ich mir nun auch schon ein, dass mich alles gern leiden müsse. Ich glaubte auch, alles besser zu wissen, als andere. Worauf meine Mitschüler Jahre lang sich beinahe zu Tode gequält hatten, das war nur Spaß für mich. Ich hatte eine erstaunlich hohe Idee von mir. In einer Zeit von einem Jahre glaubte ich, alles gefasst zu haben. Französisch, Englisch, Lateinisch, Spanisch, war mir alles einerlei. Alles wunderte sich über meine unnachahmliche Insolenz – und doch war dies so ganz meinem Charakter gemäß. Man sah mich auf allerlei Pferden, auch mitunter auf fahlen Pferden reiten.|[28]

Übrigens hatte ich hier, was ich wünschte. Mein Schrank war stets mit dem besten Essen angefüllt, und ward nie leer. Eine unsichtbare Hand deckte und besetzte den Tisch. Meine Kleider wurden nie alt, immer lagen neue zur Hand. Der Geist meiner Mutter seliger hatte für alles gesorgt. Und nie hat es mir an irgend Etwas gefehlet.

Ging Ich in den Stall, so fand ich ein Pferd gesattelt. Ich durfte mich nur darauf setzen.

Aber nie war der Genius meiner Mutter unzufriedener, als wenn ich Geld zu allerlei Galanterien haben wollte. Dann hörte ich ein düsteres, melancholisches Geräusch, wie das Gemurmel eines Unzufriedenen.

Oft gerieten wir da nun in Kollision, und als ich einst von einer Wildbahn des Nachts spät zu Hause kam, hörte ich hinter mir her, als ich auf meine Stube ging:

„Ich werde dich auf ewig verlassen, und dann bist du der unglücklichste Mensch. Tausendmal sagte ich dir: Du solltest keine Heimchen essen – und doch sündigest du täglich.|[29] Was wird dann endlich daraus werden? Ich kann und will es nicht länger ansehen.“

„Geh zum Teufel, wenn ich immer soll von dir abhängen –“ sagte ich im unwilligsten Tone von der Welt. „Ein Edelmann muss nach „seinem Genie leben – uneingeschränkt. Wenn ich durchaus gar keine Freiheit haben soll, wenn ich jeden Schritt und Tritt abmessen, mir Zwang antun, keine Heimchen essen soll – was ist mir dann mit meinem Leben gedient? –„

„Undankbarer!“ hörte ich, „zu spät wirst du deine Torheit bereuen.“ Und damit war der Geist verschwunden. –

Jetzt erst merkte ich, was ich für einen tollen Streich begangen hatte. Jetzt erst sahe ich die Folgen. Ich wollte essen – und der Tisch deckte sich nicht. Ich sah ins Schrank – und alles war leer. Mein Geldbeutel – auch darin war nichts zu finden. Der Stallknecht brachte mir die Hiobspost, ich möchte selbst in den Stall kommen. Ha! dachte ich, nun ist Alles dahin. Ich ging in den Stall. Und nun hätte man hören und sehen sollen. Das Pferd sang einen förmlichen Schwanengesang. Es legte sich und wälzte |[30] sich voll Entzücken. Dann sprang es auf, mir um den Hals, als wenn es von seinem zärtlichsten Freunde Abschied nehmen wollte – riss sich los – und – hin war meine Freude.

Mit Tränen im Auge ging ich aus dem Stalle und fluchte dem Schicksale.

Was war nun zu tun? Jetzt – Das muss ich gestehen – ging die traurigste Periode meines Lebens an. Tausendmal rief ich dem Genius meiner Mutter, ich bat, ich flehete, ich gelobte Besserung, ich bereuete; aber alles vergeblich – alles zu spät.

Ein einziger Weg blieb mir übrig – die Schule zu verlassen und nach Hause zu gehen. Mit Anbruche des Tages machte ich mich also auf, ohne einer einzigen Seele ein Wort davon zu sagen.

Aber aller Orten Nichts als Unstern. Alles sah mir so traurig aus. Selbst der Himmel über mir, der mir sonst so heiter lächelte – hatte jetzt in meinen Augen eine ganz andere Gestalt. Ich konnte jetzt keinen frohen Gedanken mehr fassen. Das Unglück verfolgte wich auf dem Fuße.|[31]

die berühmteste Schule: Schnorr, der selbst die Schule in Helmstedt beschuht hat,  meint möglicherweise die seit 1542 nachgewiesene evangelisch reformatorische Lateinschule in Alfeld. Sie liegt nur ca. 30 km östlich von Bodenwerder an der Leine. Diese Einrichtung bereitete junge Männer auf das Studium auf der 1576 gegründeten Landesuniversität für das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel in Helmstedt vor. Für die Schule wurde 1610 ein neues Gebäude errichtet, deren Inschriften und Bildprogramm an den Fassaden das damalige pädagogische Konzept entfaltet und deshalb exemplarisch für den Bildungsgang an damaligen Gelehrtenschulen gelten kann.

Die Beschäftigung mit diesem Schulprogramm (s. weiter unten) zeigt, dass Schnorr in seiner fiktiven Münchhausen-Biographie eigene Schul- und Bildungserfahrungen spiegelt und zwei entgegengesetzte Sozialisationen vorführt: Seine eigene als humanistisch gebildeter Autor, die er auf seine bürgerlichen Erzählinstanzen überträgt, sowie die Verweigerung der Bildung durch den adligen Baron von Münchhausen, der im verwilderten Zustand des ungebildeten Kindes bleibt.

Heimchen: Der Ölkäfer oder die Spanische Fliege enthalten Cantharidin, das sexuell stimulierend wirken soll. „Cantharidin führt zur Reizung der Harnröhre, was eine Erektion aus-lösen kann. Die Anwendung ist und war jedoch stets umstritten, vor allem deshalb, weil die Erektion sehrschmerzhaft sein kann, die Dosierung sehr schwierig ist und neben bleibender Impotenz weitere Nebenwirkungen, wie z. B. Nierenbluten auftreten können. Trotzdem war der Gebrauch von Meloidae als sexuelles Stimulans, verabreicht in Liebestränken oder -pulvern, in der Laien- und Volksmedizin weit verbreitet. [...] Obwohl diese Wirkung der Ölkäfer den europäischen, arabischen und chinesischen Ärzten bekannt war, wird von den Folgen erstmals durch den Arzt Ambroise PARET (1590) berichtet. Zu seiner Zeit war der Gebrauch von cantharidinhaltigen Pastillen und Bonbons in Frankreich in Mode gekommen. Und auch im 18. Jahrhundert wurden in vornehmen Kreisen aus Cantharidenpulver allerlei Liebestränke und -pulver hergestellt, woran die Bezeichnungen wie z. B. „Pastilles galantes“, „Pastilles à la Richelieu“, „Bonbons à la Marqui-e de Sade“, „Diabolini di Napoli“ und „Damaskusbrot“ erinnern. Nach BÄCHTOLD-STÄUBLI & HOFFMANN-KRAYER (1987) zeichnen sich die volkstümlichen Namen für die betreffenden Drogen durch eine derbe Unverblümtheit aus, wobei Lust-, Geil-, Reit- und Liebespulver noch die harmlosesten sind. In Franken bestand der Brauch, dass Mädchen den Ölkäfern den Kopf abgebissen und den Körper im Essen des Geliebten mit gekocht haben. Und ein Hauskalender von 1856 rät: „Man gebe nicht zuviel davon, sonst wird das Weibsbild verrückt.“ In Honig als Latwerge zubereitet, gehörten die Tiere zu den bekanntesten Liebestränken.“
Johannes LÜCKMANN & Bernhard KLAUSNITZER: Die Verwendung der Ölkäfer (Coleoptera, Meloidae)in der Medizin vom Altertum bis in die Gegenwart. https://www.researchgate.net/directory/publications, S. 827.

 

Abbildung von „Canthariden“ in der Historia Naturalis des neapolitanischen Apothekers Ferrante IMPERATO. Aus: IMPERATO NAPOLETANO LIBRI XXVIII; NELLA QVALE ORDINATAMENTE SI TRATTA (1672), S. 921.

auf Bouteillen gezogene Flatus: auf Flaschen gezogene Darmgase

Air: franz. Ausehen

Insolenz: insolent Adj. 'ungebührlich, anmaßend, unverschämt

auf fahlen Pferden reiten: Redewendung: jemanden auf einem fahlen (falben) Pferd ertappen heißt, man kann ihm nicht trauen. (DWB)

Genius meiner Mutter: beschützender, vor Unheil bewahrender Geist eines Menschen

Galanterien: ein höfliches, zuvorkommendes Verhalten gegenüber den Damen der Gesellschaft, die sich besonders in geschmeidigen Umgangsformen ausdrückt; hier mit einer erotischen Bedeutung.

Wildbahn: bei einem fahrweg das nebengeleise, der ungebahnte weg neben dem ordentlichen fahrweg; im übertragenen Sinne: auf der wildbahn schweifend (ungewöhnliche wege gehend). (DWB)

Hiobspost: böse Nachricht (nach Hiob 1, 1—22)

Es war ein mann im lande Uz, der hieß Hiob, derselbe war schlecht und recht, gottesfürchtig und mied das böse. Und zeugete sieben söhne, und drei töchter, Und seines viehees waren siebentausend schafe, dreytausend kamele, fünfhundert joch rinder und fünfhundert eselin, und er hatte viel gesindes, und er war herrlicher denn alle, die gegen morgen wohneten. Und seine söhne gingen und machten ein wohlleben, ein jeglicher in seinem hause, auf seinen tag, und sandten hin und luden ihre drei schwestern, mit ihnen zu essen und zu trincken. Und wenn ein tag des wohllebens um war, sandte Hiob hin und heiligte sie, und machte sich des morgens frühe auf, und opfferte brand opffer, nach ihrer aller zahl. Denn Hiob gedachte: Meine söhne mögen gesündiget, und GOtt gesegnet haben in ihrem hertzen. Also thät Hiob alle tage. Es begab sich aber auf einen Tag, da die kinder GOttes kamen, und vor den HErrn traten, kam der satan auch unter ihnen. Der HErr aber sprach zu dem satan: Wo kömmst du her? Satan antwortete dem HErrn, und sprach: Ich habe das land umher durchzogen. Der HErr sprach zu dem satan: Hast du nicht acht gehabt auf meinen knecht Hiob? Denn es ist seines gleichen nicht im lande, schlecht und recht, gottesfürchtig, und meidet das böse. Satan antwortete dem HErrn, und sprach: Meynest du, daß Hiob umsonst GOtt fürchtet? Hast du doch ihn, sein haus und alles, was er hat, rings umher verwahret, du hast das werck seiner hände gesegnet, und sein gut hat sich ausgebreitet im lande. Aber recke deine hand aus, und taste an alles, was er hat, was gilts, er wird dich ins angesicht segnen. Der HErr sprach zum satan: Siehe, alles, was er hat, sey in deiner hand, ohn allein an ihn selbst lege deine hand nicht. Da ging satan aus von dem HErrn. Des tages aber, da seine söhne und töchter assen, und trunken wein in ihres bruders hause, des erstgeborenen, Kam ein bote zu Hiob und sprach: Die rinder pflügeten, und die eselinnen gingen neben ihnen an der weyde, Da fielen die aus reich Urabia herein, und nahmen sie, und schlugen die knaben mit der schärffe des schwerts. Und ich bin allein entrunnen, daß ich dirs ansagte. Da der noch redete, kam ein ander, und sprach: Das feuer GOttes fiel vom himmel, und verbrannte schafe und knaben, und verzehrte sie, und ich bin allein entrunnen, daß ich dirs ansagte.
Da der noch redete, kam einer, und sprach: Die Chaldäer machte drey spitzen, und überfielen die kameel, und nahmen sie, und schlugen die Knaben mit der schärffe des schwerts, und ich bin allein entrunnen, daß ich dirs ansagte. Da der noch redete, kam einer, und sprach: Deine söhne und töchter assen und truncken im hause ihres bruders, des erstgeborenen, Und siehe, da kam ein großer wind von der wüsten her, und stieß auf die vier ecken des hauses, und warffs auf die knaben, daß sie sturben, und ich bin allein entrunnen, daß ich dirs ansagte. Da stund Hiob auf, und zerriß sein kleid, und räuffte sein haupt, und fiel auf die erde und betete an. Und sprach: Ich bin nacket von meiner mutter leibe kommen, nacket werde ich wieder dahinfahren. Der HErr hats gegeben, der HErr hats genommen; der name des HErrn sey gelobet. In diesem allem sündigte Hiob nicht, und thät nichts thörichtes wider GOtt.

Schwanengesang: Abgesang auf etwas, was im Niedergang, im Verschwinden begriffen ist.s

 

Das Bildungsprogramm der Alfelder Lateinschule

Um studieren zu können, musste man Latein nicht nur verstehen, sondern auch lesen, sprechen und schreiben können, denn der gesamte Lehrbetrieb fand in allen Fächern in dieser Sprache statt. Deshalb war Latein schon in der oberen Klasse der Schule die Unterrichtssprache. Die Schüler mussten Aufsätze und sogar Gedichte in Latein schreiben können. Sie konnten daher die Inschrift, die sich am Fuße des ersten Stocks um das Gebäude zieht, nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Diese beginnt mit der Angabe Genesis 28 an der Nordwestecke und endet dort wieder mit der Jahreszahl 1610. Sie erscheint zunächst wie ein fortlaufender Text, der sich als ein goldenes Band um das Haus zieht, wie eine Klammer, ein „geistiges Band“. In der Tat fasst er das gesamte Curriculum der Schule zusammen. Für den kundigen Leser wird aber sehr bald klar, dass es sich um ein Gedicht handelt, ein Epigramm, das aus sechs Doppelversen, sogenannten Distichen aus Hexameter und Pentameter besteht. Diese Form war in der Antike sehr geläufig als Inschrift auf Gräbern und Denkmälern. Gedichte zu schreiben (carmina facere) war in der Schule die höchste Form der Beherrschung der lateinischen Sprache. Sie erscheint hier also demonstrativ als der Gipfel der Lateinschulbildung.

 

Vidit Isaacides porrectam ad sidera scalam
Perque hanc angelicos ire redire choros.
Ecce typum! Quid enim Schola? Quid nisi mystica scala,
cuius apex salva et religio et regio est.
Ordo magistrorum hie descendit captui adaptans
Dogmata, ut ascendat cara iuventa gradus.
Cur ais: Eusebie ut vigeat, Themis utque triumphet,
sceptra foris teneat Fax, Hygiea domi.
Hinc suadente ministerio, plaudente senatu
Urbis sumptibus haec condita scala fuit.
Summe deus, dilecta parens, fac divite fructu
Scalam, urbem et populum hunc sospitet alma salus!

 

Beginn des Epigramms an der Westfassade

 

Genesis, Kapitel 28. Isaaks Sohn sah eine Leiter, die bis zu den Sternen reichte, und dass auf ihr die Engelschöre hinauf- und hinabstiegen. Sieh, das ist ein Bild [mit Bedeutung]! Was nämlich ist die Schule? Was, wenn nicht eine mystische Leiter, deren oberster Teil eine treu bewahrte Religion und eine wohlbehaltene Region ist? Hier steigt das Lehrerkollegium herab, indem es die Lehren dem Fassungsvermögen anpasst, damit die liebe Jugend die Sprossen hinaufsteige. Warum? fragst du. Damit die Gottesfurcht in Blüte stehe und die Gerechtigkeit triumphiere, der Frieden im öffentlichen Leben regiert und die Gesundheit im Haus. Daher wurde auf Empfehlung der kirchlichen Amtsgewalt und mit Zustimmung des Rats auf Kosten der Stadt diese „Leiter“ [= Schule] gegründet. Allerhöchster Gott, geliebter Vater, bewirke, dass dein gnädiges Heil diese Leiter, Stadt und Volk mit reicher Frucht segne.

 

In diesem schönen Gedicht wird Bezug genommen auf die Erzählung von Jakobs Traum in Bethel (hier Isaaks Sohn genannt) und die Schule mit der Jakobsleiter verglichen. Das zugehörige Bild findet sich in der Mitte der Ostseite; das Motiv ist auch sonst als zeitgenössisches Tafelbild bekannt (z.B. Adam Elsheimer im Frankfurter Stadel). Die Lehrer tragen die Bildung vom Himmel herab (Gottesfurcht ist aller Weisheit Anfang!), die Schüler steigen mit Bildung hinauf. Dann werden die obersten Lernziele genannt, sie entsprechen den drei oberen Fakultäten der Universität. Die Frömmigkeit, hier mit dem aus Sirach kommenden Begriff Gottesfurcht benannt, Gerechtigkeit nach innen und Friede nach außen als Aufgabe des weltlichen Regiments und schließlich Gesundheit, für die Ärzte zu sorgen haben. In der Bugenhagenschen Schulordnung von 1542 hatte es geheißen, die Jugend solle so unterwiesen werden, ,,dass Menschen daraus werden, die anderen Menschen zum geistlichen und weltlichen Regimente dienen können“. Das Gedicht schließt mit einem Hinweis auf die Finanzierung des Neubaus und einer Bitte um den Segen Gottes, für Schule und Gemeinwesen. [...]

 

Brüstungstafel an der Östliche Traufenseite: Jakob liegt schlafend am linken Bildrand, während rechts die Engel auf der Himmelsleiter hinauf- und hinabsteigen.

 

Dass die Alfelder Lateinschule dem Konzept der evangelisch-reformatorischen Schule entspricht, sei zuletzt noch mit einigen Hinweisen zu Luthers und Melanchthons Bildungsvorstellungen erläutert.

Die mit der Reformation einhergehende Erneuerung von Kirche, Gemeinde und Gottesdienst und vor allem die Hinwendung zur und die Begründung auf die Heilige Schrift gaben dem Schulwesen eine neue Bedeutung — für das geistliche wie für das weltliche Regiment. Reformation hatte auch Reformation des Schulwesens zur Folge.

Zuerst griff Luther in der Schrift „An den christlichen Adel“ 1520 das Thema auf und wandte sich dann 1524 direkt „An die Radherrn aller Stedte deutsches Lands, dass sie christliche Schulen auffrichten und halten sollen“. Besonders ausführlich begründete er seine Vorstellung von der Schule im „Sermon oder Predigt, dass man Kinder zur Schule halten solle“ an die Stadt Nürnberg von 1530. Die Schule, die auf die Universität vorbereite, sei notwendig als Ausbildungsstätte für Pastoren, Prediger und Schulmeister, die das Amt der Verkündigung bekleiden. Damit die Verkündigung recht geschehe, seien die Sprachen nötig, voran das Latein (denn der Unterricht findet lateinisch statt), aber auch Griechisch und Hebräisch, die Sprachen der Bibel. Deutsch allein reiche in keinem Falle, denn die alten Sprachen seien „die Scheiden, in denen dies Messer des Geistes steckt“, die „Körbe“, die „Gefäße des Wortes Gottes“, das recht zu verstehen und zu predigen die erste und wichtigste Aufgabe sei, damit „das Reich des Teufels überwunden werde“. Dafür zu sorgen, nämlich Kinder zu erziehen, wäre die Aufgabe der Eltern, die dies aber aus Zeitmangel, Pflichtvergessenheit oder Unfähigkeit nicht tun, weil sie ohnehin mehr „an den Mammon und den Bauch“ denken und nicht an das öffentliche Wohl. Dabei wäre die Erziehung nur die Konsequenz des Taufversprechens.

 

  

Lateinschule Norseite: Martin Luther, der Reformator Philipp Melanchthon, sein Mitarbeiter

 

Da man sich nun auf die Eltern nicht verlassen kann, muss die Obrigkeit, in erster Linie sind das die Ratsherren der Städte, aber auch die Landesherren, sich dieser Aufgabe annehmen. Sie hat sogar die Eltern zu zwingen, die Kinder zur Schule zu schicken. Aus „wilden Tieren“ sollen Menschen gemacht werden und Menschen sollen davor bewahrt werden, zu wilden Tieren zu werden. Solche Bildung ist auch nützlich für den Broterwerb, denn es werden nicht alle Kinder Prediger oder Lehrer (natürlich ist nur von Jungen die Rede, obwohl auch Mädchenschulen für nötig gehalten werden). Vor allem ist es nötig, auch fähige Menschen für das weltliche Regiment und Wohlergehen zu haben, also Juristen, Kanzler, Räte, Schreiber, Gelehrte und Ärzte. Das weltliche Regiment ist die zweitwichtigste Aufgabe, denn es erhält „zeitlichen und vergänglichen Frieden, Recht und Leben“. Weisheit und Vernunft sollen regieren und nicht die Gewalt. Wie man sieht, ist die Zwei-Reiche-Lehre letztlich die Grundlage dieser Konzeption. Philipp Melanchthon hat die Bedeutung der Bildung prinzipiell genauso gesehen und zum Beispiel ein Vorwort zu Luthers Sermon geschrieben, aber in mehreren Entwürfen konkretisiert. Bereits in seiner Wittenberger Antrittsrede von 1520 hat er das Thema der Studienreform aufgegriffen (De corrigendis adulrscentiae studiis), im „Unterricht der Visitatoren an die Pfarrherren im Kurfürstentum Sachsen“ 1528 hat er dann ein komplettes Schulprogramm vorgelegt, das in der Ordnung der Eislebener Lateinschule 1525, der Nürnberger 1526, der Soester und der Kölner Ordnung 1543 sowie im neuen Statut der Reformuniversität Wittenberg 1546 konkretisiert und weiterentwickelt wurde. Aus gutem Grund wurde Melanchthon schon zu Lebzeiten als der „Lehrer Deutschlands“ (Praeceptor Germaniae) bezeichnet, ein Ehrentitel, den er mit Recht bis heute behalten hat. Und so feiern wir im Jahr des Lateinschuljubiläums auch ein Melanchthon-Jahr: 1560 war sein Todesjahr.

 

Lateinschule Westseite

     

7 freie Künste (Trivium): Grammatica, Rhetorica und Dialectica

 

        

7 freie Künste (Quadrivium): Arithmetica, Geometria, Musica und Astronomia

 

Man braucht nicht nur den Unterricht in der Heiligen Schrift, sondern eben auch Grammatik, Rhetorik und Dialektik, die Wissenschaften und die alten Autoren. Er konzipiert die Schule in drei Stufen (später vier): sprachliche Elementarbildung, Lesen und Schreiben, darauf aufbauend grammatische Schulung (seine Griechische Grammatik war unverzichtbares Lehrbuch!) und Beginn der Lektüre ausgewählter Autoren (Fabeln des Äsop, Gespräche des Erasmus, Komödien des Terenz und Plautus, aber auch leichtere biblische Bücher wie die Psalmen, die Timotheus-Briefe oder die Sprüche Salomonis). Die Besten sollen in der dritten Klasse Vergil, Cicero und Ovid lesen und sich intensiver in Rhetorik und Dialektik üben; auch praktische Übungen gehören dazu wie das Verfassen von Prosatexten und Gedichten. Man soll nun im Unterricht nur Lateinisch reden. Insoweit werden humanistische Traditionen übernommen. Die Wissenschaften sind ein großes und verpflichtendes Geschenk Gottes. Ohne sie kann keine wirkliche Frömmigkeit gedeihen. Aber auch umgekehrt sind die Wissenschaften nichts ohne Frömmigkeit. Wir erinnern uns: Gottesfurcht, Eu-sebie, Frömmigkeit ist aller Weisheit Anfang! Für Melanchthon gehören Frömmigkeit (pietas) und Bildung (eruditio) immer dialektisch zusammen. Und so wird auch im Statut der Universität Helmstedt, der die Alfelder Lateinschule sozusagen zuarbeitete, das oberste Ziel der universitären Ausbildung bestimmt als „gelehrte und rhetorisch geformte Frömmigkeit“ (docta et eloquens pietas).
Horst Berndt: Die Inschriften und das Bildprogramm des Alfelder Lateinschulgebäudes. In: ders. (Hrsg.): Die Lateinschule in Alfeld. Petersberg 2010, S. 9-20.

 

septem artes liberales (7 freie Künste)

zum Trivium gehörten:

Grammatik: Lateinische Sprachlehre und ihre Anwendung auf die Werke der klassischen Schulautoren

Rhetorik: Redeteile und Stillehre, ebenfalls mit Beispielen aus den Schulautoren

Dialektik bzw. Logik: Schlüsse und Beweise auf der Grundlage des Organons

zum Quadrivium gehörten:

Arithmetik: Zahlentheorie (Zahlbegriff, Zahlenarten, Zahlenverhältnisse) und z. T. auch praktisches Rechnen

Geometrie: euklidische Geometrie, Geographie, Agrimensur (Landvermessung)

Musik: Musiktheorie und Tonarten unter anderem als Grundlage der Kirchenmusik

Astronomie: Lehre von den Sphären, den Himmelskörpern und ihren Bewegungen, unter Einschluss der Astrologie (Auswirkungen auf die sublunare Sphäre und den Menschen). Bis in das 18. Jahrhundert bildeten Astrologie und Astronomie ein Gebiet, das beide Bezeichnungen tragen konnte. Innerhalb des Gebietes wurde wiederum zwischen beiden Teilgebieten unterschieden.

 

Unterwegs in einem Gehölze stieß ich auf Räuber. Ich sah ihnen schon im Voraus ihr Handwerk an, und dass sie es auf mich angelegt hatten. Bei meiner Angst war ich dennoch in der überlegtesten Fassung. Kein Gewehr, ganz allein, in einem tiefen Gehölz, im Dickicht – verirrt: denn in meinem Unmute hatte ich gar nicht auf meinen Weg gemerkt – vierzehn Tage gereiset und in diesen vierzehn Tagen keinen Ort, keine lebendige Seele angetroffen, nicht gegessen nicht getrunken. Man denke sich nun dies alles im Zusammenhange und wie mir zu Mute sein musste! Wir kamen einander näher. Als ich gewahr wurde, dass sie sich um meine goldne Uhr zankten, wer von beiden sie haben sollte, nahm ich das Tempo wahr, riss mit herkulischer Stärke dem einen den Säbel von der Seite, hackte ihn im Hui mitten durch, schlug den andern in die Flucht und rettete mich.

Zum Glücke für mich fand ich in einem Busche etwas Lebensmittel, welches wahrscheinlich den Räubern zugehörte, woran ich mich erquickte, und meine Reise weiter fortsetzte.

Gegessen hatte ich nun – aber nun plagte mich ein Höllendurst. Wasser war hier nirgends zu hören oder zu sehen. Die ganze Gegend ent|[32]hielt nichts als Wald und Felsen. Zufälliger Weise probierte ich den Säbel, welchen ich dem Räuber abgenommen, am Felsen, um mir den Unmut aus der Seele heraus zu jagen  und – es floss der klarste, schönste Wein heraus. He! dachte ich, welch eine besondere Würkung eines Säbels! Welche große Vorteile wird er dir vielleicht noch einst gewähren! Ich dankte dem günstigen Schicksale, trank, berauschte mich dabei, und ermüdet zugleich, schlief ich ein. –

Als ich erwachte, eine schauderhafte Szene! befand ich mich in einer elenden Bauerhütte, mit dem völlig beteertesten Baurenkittel bekleidet. – Ich sah mich lange an; eben so mein Strohlager, worauf ich lag, und – – wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Na! Stophel, man geschwinne angespannt – wat is dar te kiken. Jy daut ja verwegen;“*) schrie mir eine Stimme zu.

*) D. i. Nun Christoph! nur geschwind angespannt. Was gibts da zu schauen. Ihr tut ja sonderbar, verwegen.

„Ist was zu verwegen,“ erwiderte ich halb trotzig, halb schläfrig. (Ich sahe sie alle groß an). „Wisset ihr nicht, wer ich bin?|[33] ,Respekt verlange ich. Ich bin der Baron von Münchhausen.“

 

 

„Mäume!“ sagte der Mann zu seiner Frau; ,,süh, wat fällt den Stophel in den Hirnkasten. He will Baron speelen. Dat du Baron wesen. Wart.“ – (D. i. Mutter! was fällt dem Christoph ein. Er will Baron spielen. Das du Baron bist. Wart.) – (ich blieb noch immer, auf den einen Ellenbogen gestützt, auf meinem Strohlager liegen) – und damit holte der grobe Bauerräkel die Peitsche vom Haken, und wollte mir damit zu Leibe.

„Hört einmal“ – erwiderte ich, indem ich aufsprang – „und nehmet Raison an, meine guten Leute! Sagt mir, durch welch ein Schicksal kam ich in eure Hütte? Ich bitte, sagt es mir, und wo ich jetzt bin? Behandelt mich doch menschlich. Ich kenne dies „Land – diese Gegend nicht. Wo bin ich? „Wo –“

Der Kerl kehrte sich an nichts, und ließ mich nicht einmal ausreden, sondern hieb gotteserbärmlich auf mich ein. – „Mot jy mal den Rusch ut den Puckel klappen. Gistern, dacht eck, wör'n jy besopen. Aberst nu glöw eck|[34] ,gar, jy wesen hüte noch dicke.“ (D. i. Muß euch einmal den Rausch aus dem Buckel schlagen. Gestern glaubt ich, ihr wäret besoffen. Aber nun glaube ich fast, ihr seid heute noch voll.)

Meine Kraft hatte mich verlassen. Ich musste mir ganz geruhig den Buckel abbläuen lassen. Ich seufzte einmal über das andere. Bey mir selbst dachte ich: welch ein sonderbares Abenteuer! Ich merkte, was das tat, wenn man in so vielen Tagen nichts gegessen hat. Ich hätte ja sonst Haus und Hof über einander geworfen.

Mein Zopf? war fort. Meine Uhr? war fort. Meine übrigen Sachen? alles – war fort. Auch sogar das feine Hemde hatte man mir ausgezogen. Ich sah über und über als der natürlichste Bauerknecht aus.

Als es ein wenig ruhig geworden war, setzte man mir recht grobes schwarzes Brodt, und einen Napf mit Mus auf den Tisch, mit den Worten: „Nu – by’n Disch, un denn in't Feld bi de Arbeit.“ (D. i. Nun! bei den Tisch – und dann ins Feld zur Arbeit.

Ich erklärte ihnen: dass ich nichts von Arbeit wüsste; dass ich in meinem Leben noch nicht ge|[35]arbeitet hätte; dass es ein Irrtum wäre; wo ich wäre? wer mich hergebracht? u. d. g.

„Dei Kerl is nich klauk –“ (D. i. der Kerl ist nicht klug); war das Ende vom Liede. Man schmiss mich zum Hause hinaus. – Und – in demselben Augenblick war auch die Hütte verschwunden.

Das hast du an dem Geiste deiner Mutter verschuldet; sagte ich bei mir selbst. – Denn hätte ich nie den Fels gesehen – nie den betäubenden Wein getrunken. Jetzt war ich, wie in die Welt hineingeschmissen, weil ich gar nicht wusste, wo ich war.

Nichts beklagte ich mehr, als meinen schönen Säbel, von welchem ich mir Wunderdinge versprach.

Im größten Unwillen über mein Verhängnis ging ich fort. Ich fluchte und wetterte, wie ich immer gewohnt war; suchte die dicksten Prügel, die ich nur antreffen konnte, hieb gegen alle Steine und Zweige – und wusste nicht, was ich anfangen sollte. So verlassen, als ich, war das verworfenste Geschöpf auf der Welt nicht.

Der Abend näherte sich. So lange war ich die Kreuz und Quer die unabsehlichen Wälder durchgegangen; wo mir alles so wunderbar, so|[36] feenartig schien. Es war hier so schauerlich, kein Gesang der Vögel, kein Gesumse der Bienen, kein freudiges Gemurmel frischer Quellen – alles war so tot; so öde. Die ganze Schöpfung schien hier in den letzten Zügen.

Als ich, so tief in Betrachtungen versunken, aufblickte, sah ich zu meinem Erstaunen – den ganzen Himmel voller Bassgeigen und Dudelsäcke, die über mir still hinzogen, nach der Gegend, wo ich hinging.

Ach, Himmel! dachte ich, welch eine böse Vorbedeutung! Noch nicht Unglücks genug, dass man dich so abgebläuet hat?

Endlich erblickte ich ein Haus mitten im Walde, aus dessen weitem Schornstein, teils Rauch, teils Flammen, hervorging. Ein hässlicher Geruch verbreitete sich in der ganzen Gegend. Viel schlimmer noch, als in den Straßen der Stadt B., wo die Gebrüder G. wohnen, die das Wundersalz kochen. Es war ein Geruch der Hölle. Mich schauderte. Und dennoch war mir der Gedanke, hier Menschen anzutreffen, so süß – dass ich, es möchte auch hier vorgehen, was da wollte, die Tür öffnete.|[37]

 

 

Und – o Himmel, was erblickte ich hier? Vor Entsetzen fiel ich beinahe in Ohnmacht, als ich hier Ungeheuer antraf, die eben einen Menschen in einen glühenden Kessel warfen, worin schon mehrere sich befanden. Bei dem Aufdecken des Kessels erhub sich ein fürchterlicher Dampf, und ein entsetzliches Geschmore, welches mit einem dumpfen Winseln von verschiedenen Menschenstimmen begleitet ward.

Der Kessel ward zugedeckt, und es herrschte die tragischste Stille.

Wer vermag es zu beschreiben, was in meinem Innern vorging? Ich wurde von einer gutscheinenden Alten ohne ein einziges Wort in ein nahe daran grenzendes Zimmer geführt. Die Alte berührte meinen Mund mit einem schwarzen Stabe. – Ich wollte reden, und konnte nicht.

Eine schöne weiße Gestalt im himmelblauen Gewand brachte mir stillschweigend eine Schale voll klaren Wassers, welches sie aus einer, in der einen Ecke des Zimmers angebrachten, schönen Cascade, hineinströmen ließ – und verschwand vor meinen Augen.|[38]

Als ich diesen Labetrunk genommen, war ich in völliger Vergessenheit alles dessen, was mir begegnet. Ein angenehmes Schaudern bebte durch alle meine Nerven. Aber ein gewisses Etwas, das sich nicht beschreiben lässt, ein banges Ahnden für die Zukunft, blieb in mir zurück.

Ein Zeichen mit einer Glocke. Die Alte führte mich hinaus – und aus einem andern Zimmer strömte eine ganze Menge abscheulicher Missgestalten.

Der Deckel des Kessels wurde aufgehoben. Alles stand in gespannter Erwartung, und – Menschen, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, wurden herausgetragen und auf weiche Polster gelegt. Die alte berührte sie mit einem weißen Stabe, und – wie die Rose aus dem Morgentaue erwachten sie zu einer neuen Schöpfung.

Jetzt wurde von Neuem das Feuer angeschürt. Ein Bucklichter, ein dicker Speckwanst, ein Schielichter, eine Schiefbeinichte, eine ganz abscheulich Großnasichte, und eine Ohnbrüstige, kamen jetzt in den Kessel, um ihr Purgatorium abzuwarten und auszuhalten. Es gab ein Geräusch, und der Kessel ward zugemacht.|[39]

Die Gereinigten freuteten sich ganz zum Entzücken über ihre neue Gestalt. Sie gingen in ein besonderes Zimmer. Ich wünschte mit ihnen gehen zu dürfen – ward aber zurück gewiesen.

„Also wird die Reihe auch an dich kommen. Du wirst hier ganz gewiss ausgekocht, und musst auch mit einer Portion in den Kessel spazieren,“ dachte ich. Ich wollte eben das Reißaus nehmen, als ich alle Ausgänge verschlossen fand. Eine Miene voll Ernstes von der grauen Dame scheuchte mich wieder in stilles Ausharren zurück.

Die Tür ging auf – und es traten herein:

No. 1. Ein abscheulich dickes, kleines, unförmliches Mädchen, voll der braunsten Sommersprossen und Warzen im Gesicht, wie kleine Zitzen, mit rotem Bart, einem krummen Fuß, und einem Stelzbein.

No. 2. Ein junges Herrchen, mager, wie das elendeste Gerippe, bleich wie Totenasche, ohne Nase, und – beinahe ohne Gaumen, an einer Seite mit einem gewaltigen Kropf.|[40]

No. 3. Ein altes greises Männchen, mit großen zwei- und dreipfündigen Karbunkeln am Kopfe, die zwischen den Ohren als Glocken her umhingen, und eine besondere Art von Geläute machten. Das Allersonderbarste war seine Nase – das wunderbarste Ungeheuer seiner Zeit, gleich der, des Postm, W. in H.

No. 4. Eine Frau mit einem Auge, ohne alles Haar auf dem Kopfe; grießgramend aussehend, sieben Schuh hoch, mit gichtischen Konvulsionen kämpfend. Von ihr ging ein Strom weißer Materie aus.

No. 5. Eine elendigliche Positur, ob Mann oder Weib, weiß ich nicht – mit erbärmlichem Wasserkopf, drei Fuß hoch. Seine Ohren hingen ganz lang herunter; sein Bauch und seine Spindelbeine waren entsetzlich dick. Er roch zugleich durch die Rippen.

No. 6. Sollte ich nun sehr wahrscheinlich sein – weil ich bemerkte, dass keine mehrere ankamen, und sechs doch die Portion war. Außer einem verborgenen Schaden, sollte hier gewiss meine Haut wieder ganz werden, die mir mächtig entzwei geschlagen war.|[41]

Ein Kessel voll war wiederum fertig. Die Gesellschaft sahe hoch auf – alles ging wie vorher – und nun wurde ich mit den übrigen in den famosen Kessel eingesperrt.

Hier nahm ich es nun wahr, wie die Menschen grimassierten; wie sie unter den angenehmsten Gesängen, und unter den lieblichsten Tänzen, Hand in Hand, und Arm in Arm, sich metamorphosierten, hinfielen; wie ein Glied nach dem andern sich reckte oder kürzte; hier wegfiel, dort sich ansetzte, und, alles zur möglichsten Vollkommenheit gedieh. Ein sanftes Ermatten, worauf ein kurzer Schlaf folgte, war das Signal der zweiten Schöpfung. So etwas Bewundernswürdiges sah ich noch nie.

Himmel! dachte ich bei mir selbst, wie viele Menschen wüsste ich noch in der Oberwelt, die alle in diesen Schmorkessel hineinmüssten! Wäre ich doch Oberdirecteur davon, ich wollte die Welt coram kriegen. Ich kochte dann zuerst die Bücherschmierer darin ab, und brühete sie benebst Bücher völlig, wie man Schweine brühet. Sie sollten gewiss das Lügen vergessen.

Ich war der einzige im Kessel, der nicht müde wurde; der einzige also, der Reflexionen|[42] anstellen konnte, vermutlich um von dieser Menschenküche Rede und Antwort geben zu können. Alle übrigen waren, wie entseelt, kaum dass nur noch ein kleiner Lebenshauch darin blieb.

Ich pochte – denn die Zeit dauerte mir zu lange – der Deckel des Topfes ward auf gedeckt. Alle übrigen wurden herausgetragen – ich sprang heraus. Die alte graue Dame wunderte sich. Sie berührte einen jeden mit einem weißen Stabe, und alles ging froh und voll Entzücken, jeder über seine verbesserte Gestalt, die Treppen hinauf.

Hier kamen wir in einen, ganz mit herrlichen Düften und Essenzen angefüllten Saal. Der Glanz dieses Gemachs lässt sich nicht beschreiben. Alles war voll erhabener Pracht. Eine schneeweiße, glänzende Gestalt, schön wie die Sonne, und hellen Auges wie die Morgenröte, öffnete unsern Mund, und gab uns unsre Sprache wieder, indem sie unsre Lippen mit ihrem Lilienfinger berührte. Sie redete uns an:

„Sterbliche! ihr gerietet hier in eine ganz besondere Gegend. Preiset euren Schöpfer für diese zwote Schöpfung. Freuet euch eures|[43] Daseins. Genießet des Lebens, und trinkt aus diesem Becher, Leben und Wiedervereinigung.“

Auf Einmal kannten wir uns. Wir gingen aufeinander zu, und freueten uns, hier zu finden. Alle waren am Geiste und Körper anders geworden.

Die Dame führte uns in den herrlichsten Garten von der Welt. Ich hatte mein Vergnügen daran, alles zu besehen, was ich hier, meinen Augen so fremd, fand. Z. B. fand ich Edelgesteine vom schönsten Wasser – und Perlen aller Art und Größe, wie Tau am Grase und an allen Gewächsen hängen. Überdies sah ich ein ganz außerordentlich großes sonderbares Gewächs, welches eben Samen trug. Ich konnte mir den Drang nicht verwehren, ein Samenkorn ganz behutsam in meine Tasche zu praktizieren. –

Ein Donnerschlag – – und ich befand mich auf Einmal in dem Hause meines Vaters, auf dem Bette.

Nie habe ich mir jemals dieses Abenteuer. erklären können. Ein Traum war es nicht,|[44] das kann ich beschwören. Ich könnte auch alle diejenigen nennen, die mit mir im Purgatorio gewesen. Wir haben noch oft unsern Spaß darüber, so oft wir uns sehen. Wir sagen uns immer: Wir sind mit einander in einem Kochtopfe gewesen.

Ich besah mich. Und – welch ein Spaß! ich hatte mein grünes Kleid, meine goldne Uhr, meinen Zopf – alles wieder. Nur der Säbel, den ich dem Räuber abgenommen hatte, war fort.

Unzufrieden hatte ich eben nicht Ursach über meine Auskochung zu sein. Ich war jetzt ein ganz anderer Mensch. Und jemehr ich nachdachte, desto mehr glaubte ich, und ich möchte es fast für gewiss sagen, dass ich diesen Spaß dem Genius meiner Mutter seliger zu verdanken hatte.

–––

Mein Vater kam auf meine Kammer, und sagte mir, ich wäre die vergangene Nacht zwischen eilf und zwölf Uhr in einem sehr schönen Wagen angekommen, der aber, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, sogleich wieder abgefahren wäre – wovon ich nicht eine Silbe|[45] wusste. Ich erzählte ihm das Abenteuer, worüber er sich herzlich wunderten. Er freuete sich über meine Gestalt, über meine Artigkeit, die er sonst vergebens an mit gesucht hatte.

Zu Hause konnte ich aber nicht lange ausdauern. Es war mir da viel zu langweilig. Ich hatte nirgends einen Augenblick Ruhe. Es war mir Alles zu enge.

–––

feenartig: Schnorr verwendet hier Motive aus zeitgenössischen Feenmärchen.

Stadt B., wo die Gebrüder G. wohnen: nicht ermittelt

Cascade: ein Wasserfall in Form von Stufen

Labetrunk: labender, erquickender Trank

Karbunkeln: Eiterbeulen

Postm, W. in H.: nicht ermittel

metamorphosierten: sich verwandelten

Oberdirecteur: leitender Direktor

Purgatorio: Reinigungsort, Läuterungsort

 

 

Jetzt begann ich nun meine große Reise, und zwar auf die sonderbarste Art von der Welt.

Von jeher war ich ein großer Freund vom Baden. Mein Vater hatte verschiedene sehr große Fischteiche – die größten, die ich je gesehen habe. Dahin ging ich, weil es mir gar zu heiß war. Kaum war ich ins Wasser gesprungen, als ich einen sehr großen Vogel wahrnahm, der immer im Wasser nach den Fischen herumarbeitete, die sich in großer Menge in seiner Nähe einfanden. Er schien sich wenig um mich zu kümmern, ich mich um ihn desto mehr. Denn ich hatte ein solches Tier noch nie gesehen. Es hatte einen großen fleischichten Sack am Schnabel hängen, der sich bald zusam|[46]menzog, bald verlängerte. So viel bemerkte ich doch, dass er sich aus fernen Gegenden hierher verirrt haben mochte. Noch mehr; ich sah nun gar, dass er zahm war, denn ich spielte mit ihm, indem ich bald in seinen Sack hinein, bald wieder herausstieg. Am Ende verstand er aber das Ding unrecht, nahm sich hoch mit mir in die Luft, und – nun ging es in alle Welt. Die Reise war eben so ganz unangenehm nicht. Das Tier hatte seinen Schnabel immer offen, und so konnte ich förmlich herausschreien, und wenn mir der Hunger kam, so aß ich einige rohe Fische, die ich neben mir in meinem Beutel hatte – wollte ich trinken, so war auch Wasser da. – Das Tier hatte noch nicht vier und zwanzig Stunden geflogen, so setzte es mich nieder auf die sanfteste Weise. – Wo? Da würden sich die Leser zu Tode raten.

In Schiras, der Hauptstadt von Persien, gerade auf dem Schlossplatze des Königs, meines Herrn Vetters, des damals noch lebende Dschafar Chan. Der Vogel war ein Pelikan, eins von den Lieblingstieren des Königs, der schon mehr dergleichen Späße gemacht hatte. Man hatte den Vogel schon zwei Tage vermisst, und ihn durchs Fernrohr wiederkommen gesehen. Alles war in Jubel – und be|[47]sonders freuete sich der König, mein Vetter, recht sehr, auf eine so sonderbare Weise den jungen Baron von Münchhausen, und zwar ganz nackt, bei sich zu sehen. Nach den ersten Bewillkommungskomplimenten gab man mir gleich persische Kleidung, die mir ganz ungemein schön stand.

Abends nach eingenommenem Sorbet gingen wir in den herrlichen Palmenalleen in wenig spazieren. Ich musste ihm alle Abenteuer erzählen, die sich mit mir von meiner Geburt an begeben hatten, worüber er sich dann nicht wenig wunderte.

Aber seine größte Verwunderung – das Erstaunen aller seiner neben ihm und mir gehenden Hofschranzen war: alle Palmen, vor denen wir vorübergingen, neigten sich tief. Vor wem? darüber entstand nun erst ein kleiner Streit. Ich behauptete, vor mir. Und der König wollte sich diese Ehre anmaßen, welches auch die Hofschranzen bekräftigten. Dies musste nun erst entschieden werden. Der König, mein Vetter, bat mich also, ich möchte die Allee allein hinaufgehen. Und – alles neigte sich. Ging der König, mein Vetter, so blieb alles in seiner graden Stellung. Des Bewunderns|[48]  war nun kein Ende. Man hielt mich für einen Gott.

Noch mehr. Eines andern Tages gingen wir in einem Walde spazieren, und alles Wild, – alle Tiere kamen zu mir. Mit Löwen und Tigern spielte ich, wie mit Kindern. Wir kamen an ein Wasser, und – die Fische – nicht wie bei dem heil. Antonius von Padua (wie er allen Kreaturen das Evangelium predigt, und nun noch die Fische aus dem Wasser hinaus hören) – sondern legten sich sogar zu meinen Füßen. Je mehrere Wunder, desto mehr Verehrung. Mir wurde ein eigener Rauchaltar gesetzt. Man gab mir köstliche königliche Kleidung, so dass man mich und den König nicht unterscheiden konnte.

Seine Pers. Majestät hatten auch die hohe Gnade für mich, mich zu verschiedenen hohen Ämtern zu berufen.

Zuerst wurde ich zu einem Ameisenwärter ernannt, und musste die große Weihrauchfabrik dirigieren, welchem Amte ich mit der größten Tätigkeit vorstand, so dass ich in kurzer Zeit über hundert Zentner Weihrauch lieferte. Aber gewiss hielt auch niemand eine bes|[49]sere Ordnung unter den Ameisen, als ich. Es hatte auch niemand mehr Kenntnisse davon, worüber sich ein jeder verwunderte. Alle ihre Zänkereien um ihr Eigentum wusste ich sogleich beizulegen, indem ich ihnen alles nahm. Ich schlug alle Ameisenbären in der ganzen Gegend tot; und so vermehrten sich die Kolonien auf das Äußerste. Zum Besten dieser Vermehrung musste man mir auch die Nachtigallenköpfe aus dem ganzen Lande liefern. Dafür hatten Ihre Majestäten nun freilich weniger Gesang – aber desto mehr Einkünfte.

 

 

Bald darauf bekam ich noch ein Amt, und zwar wurde ich Monds- und Sternenaufseher am Firmament. Der König sah nicht lieber, als wenn der Mond und die Sterne recht hell schienen, wenn er mit seinen Gemahlinnen im Garten des Palastes spazieren ging. Er konnte sich denn so recht ergötzen, wenn die Funken gleichsam herabzufallen schienen, wenn die Sterne recht spitze scharfe Stacheln hatten.

Damit meine Leser nun eine richtige Idee von meinem Amte bekommen, muss ich ihnen das selbe näher beschreiben.|[50]

Ohngefähr zwanzig Meilen von Schiras, hinter einem Berge, steht ein großer, weiter Turm. In diesem Turme haben über tausend Menschen ihre Wohnung. Diese Menschen müssen sich damit beschäftigen, unter gehöriger Aufsicht einen recht feinen weißen Sand zuzubereiten. An gewissen Tagen – an welchen der Aufseher notwendig da sein muss – wird alsdann der Mond samt den vornehmsten Sternen, einer nach dem andern, herabgelassen. Dann begeben sich diese Menschen auf die Mondsscheibe, und andere müssen die Sterne polieren.

In Persien ist der Mond meistens immer voll, weil Ihro Majestät nichts anders als sein volles Licht leiden mögen. Daher kommt es denn, dass wir ihn hier nur die meiste Zeit von der Seite zu sehen bekommen. Es ist eine große Gnade, und es bestehen ganz besondere Traktaten darüber mit dem Römisch-Kaiserlichen Hofe, wofür der Kaiser alljährlich viele Millionen gibt, dass der König von Persien es zulässt, dass die volle Mondsscheibe alle zwanzig Tage einige Nächte ins deutsche Reich sieht.

Nun wird man es sich erklären können, woher es kömmt, dass man im Neumond, so nennt man es doch in Europa, keinen Mond zu sehen|[51] bekommt. Gerade das ist die Zeit, wo er gescheuert wird. Zuweilen bekommt er bei feuchter Witterung Rostflecken – das sind nun die Mondfinsternisse. Da muss alsdann die Scheibe ganz besonders polieret, auch wohl, wenn Stellen dünne oder gar durchgescheuert worden, der Mond geflickt werden.

Man wird es oft bemerkt haben, dass der Mond Löcher gehabt; auch wohl, dass eine Spitze abgebrochen gewesen. Das kommt gemeiniglich daher, wenn die Leute gar zu ungestüm damit umgehen, wenn sie zu sehr auf der Scheibe herumtreten, oder bey dem Herauflassen, anstoßen. Zu meiner Zeit musste verschiedenemal ein ganz neuer Mond gemacht werden.

Es ist ein eigenes Mondskollegium in Schiras, welches darüber bei namhafter Strafe halten muss, dass es bei dem Alten bleibe, und keine Veränderung mit der Gestalt des Mondes vorgenommen werde. Ich gab einst den Rat: ob nicht des Vergnügens wegen mehrere Monde zugleich erscheinen dürften, oder ob man nicht gerne einmal zur Veränderung einen vieleckigen oder stachlichten Mond sehen möchte. Allein ich fand allenthalben Widersprüche. Man sagte mir: es müsse bei dem Alten bleiben. Im|[52] Jahre 1100 wäre eine große Empörung darüber im Reiche entstanden, dass man einen viereckichten an dessen Stelle gesetzet habe.

Nun können meine Leser selbst abziehen, was von den Begebenheiten auf dem Monde, die in den beiden andern Büchern sich befinden, echt oder unecht ist. Und – um die Herren Gelehrten, welche es gar fest behaupten, daß der Mond eine Welt sei, wie die unsrige, bekümmere ich mich gar nicht. Diese sind nicht da gewesen. Mögen sie auch mit ihren Hypothesen durch mich zu Schelmen werden – daran liegt mir nichts. Sie mögen hinreiten nach Schiras und selbst sehen. Ich sage die Wahrheit.

Die dunkeln und hellen Stellen im Monde kommen von den Plätzen hauptsächlich her, die weniger oder mehr blank sind. Viele Rostflecken kommen vom Tau und Regen hinein, und setzen sich so fest, dass sie nicht gut zu polieren sind. Gibt es denn gar schlechte Aufseher dabei, so wird er um die Länge ganz blind, oder wenn sie nicht so geschwinde die Kosten an wenden wollen, um einen neuen anzuschaffen – oder, wenn eben in Schiras ein König regiert, der mit allem zufrieden ist. Um uns Deutsche bekümmert sich der Perser wenig oder nichts.|[53] Als ich noch die Aufsicht darüber hatte, da hätte man den lieben Mond sehen sollen! Da verführte er der jungen Mädchen und Jünglinge unendlich mehrere. In Persien richtet er Unheil genug an. Nur wird da nicht so viel daraus gemacht.

Mit der Sonne soll es eben so sein, nur mit dem Unterschiede, dass sie alle Nächte hindurch in glühenden Feueröfen abgeglühet wird. Ich habe dies Amt, weil es tausendmal beschwerlicher ist, allemal abzulehnen gesucht.

Um nun zu sehen, wie es auf der Welt ginge, machte ich manche Reise mit dem Monde. Ich ließ mir eine förmliche Bandage dazu machen. Daher sieht man so oft einen Mann im Monde. Allein so viel Vergnügen Andere daran fanden, so war mir es doch fast immer ärgerlich, weil ich meistens nichts zu sehen bekam, als lauter Vergehungen der Menschen, Diebereien ⁊c., wozu ich doch weiter nichts sagen konnte. Denn auch mit dem größten Sprachrohr würde man wegen der großen Höhe, und wegen der weiten Entfernung nichts ausgerichtet haben. Dann – seufzte ich und dachte: Ach! der Torheiten unter dem Monde gibt es so viele, und der klügern Streiche so|[54] unendlich wenige! Der Weise von Sion hatte wahrlich Recht, wenn er sagte: Unter dem Monde ist alles eitel.

Solcher Vergehungen finde ich in meinem Mnspt. ein großes Register, die ich aber alle lieber übergehe, als daß ich sie erzähle.

Wäre der Mond ein wirkliches lebendiges Wesen, und müsste derselbe dem ehrwürdigen Pater Hoffmann in Wien einmal die Ohrenbeichte ablegen – nur von einer Nacht. – Wir würden Wunderdinge hören.

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Teils um mir die Zeit angenehm zu vertreiben, teils um den Charakter, die Lebensart und die Sitten der Perser kennen zu lernen, ging ich hier oft in Gesellschaft. Das muss ich zum Ruhm dieses Volks sagen: sie sind sehr gesellige Menschen – lange nicht so zirkelhaft in ihrem Betragen, als die französierten Deutschen; lange nicht so steif und pedantisch in Ansehung des Ranges; lange nicht so luxuriös in Speise, Trank und Kleidung. Sie leben sehr frugal. Man ist da ganz ungeniert.

Aber einst erlebte ich hier etwas, sah es mit meinen Augen, so wahr ich ein armer Sünder|[55] bin! über dessen Möglichkeit oder Unmöglichkeit man sich lange Zeit gestritten hat.

Wir waren im Ton der vertrautesten Unterredung, als auf. einmal Zween aus unserm Zirkel heftige Zuckungen bekamen, und in weniger als einer Minute lagen diese Menschen, welche lebten, mit uns sprachen, bis auf wenige Überbleibsel noch, da – als Klümpchen weißer Asche.*)– Eine schreckliche Metamorphose. Staunen und Schrecken umgab mich. Den Andern war das gar nichts Neues. Ich, konnte|[56] aber unmöglich länger in dieser Gesellschaft bleiben, nahm Hut und Stock, und empfahl mich.

*) Darüber hat man sich gar nicht zu verwundern. Ich will hier dies ausschreiben, was Doktor Nic. Börner erzählt in seiner Physik (Frankfurt und Leipzig 1735) Seit. 271 u. f. Man hat aus Italien von Cesenne eine sonderbare Begebenheit berichtet, welche einer Frau von 62 Jahren begegnet. Diese war gewohnt, sich alle Tage mit Kampferspiritus zu bestreichen. Am 14ten Mai 1731 ging sie Abend zur gewöhnlichen Zeit in ihre Schlafkammer, und ließ nichts an sich merken, außer dass sie etwas traurig schien. Am Morgen aber fand man sie vor ihrem Bette liegend zu Asche verbrannt, bis auf die Schenkel und Füße, einen Teil vom Haupte, und drei Finger einer Hand. In der Kammer war nichts verbrannt, nur aber von zwei Kerzen das Unschlitt abgeschmolzen, jedoch ohne den Dacht anzubrennen.

An solchen Verbrennungen war nun, wie Maffei erzählt, nichts anders schuld, als eine gewisse Art Blitzes, welcher in dieser Frau selbst aus den verbrennlichen Teilen der Feuchtigkeiten, besonders der ölichten, durch Beihülfe eines eigenen hitzigen Temperaments, und ihrer Lebensart, erzeugt worden, und durch die Bewegung, und da sie sich mit dem hitzigen, und zur Entzündung geneigten Spiritus am Leibe rieb, sich entzündet hat.

Anmerkung des Verlegers.

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Zufälliger Weise fand ich in meiner Westentasche das Samenkorn von der Rübe, welches ich damals aus dem Feengarten genommen hatte, und welcher Diebstahl mir mit einem solchen Schrecken vergolten wurde. –

Ich glaubte, Ihro Persianischen Majestät, meinem Herrn Vetter, einen ganz besondern Gefallen Damit zu erweisen. Mir wurde also ein Stück Lands dazu eingegeben. Ich pflanzte dasselbe, nachdem es gehörig dazu vorbereitet war, hinein. Nach wenig Wochen trieb es schon ganz ungeheure Blätter. Auch muss ich noch erinnern, dass es in der Welt wohl keinen fettern Boden gibt, als in Persien, besonders in der Gegend der Hauptstadt. Nach sechs Wochen|[57] mussten schon verschiedene Gewächse ganz aus der Gegend weggenommen werden. Aus aller Welt Enden kam man, die Rübe zu besehen. Nach einem Vierteljahre hatte sie schon über tausend Fuß im Durchmesser, und sie stand über zehn Fuß aus der Erde heraus, die bloße Rübe, ohne die Blatter. Endlich konnte Se. Persische Majestät nicht länger warten. Sie beschlossen und gerührten, die Rübe zu ernten. Zwanzig handfeste Kerle wurden beordert, um sie auszugraben. Acht ganzer Tage hatte man schon gearbeitet. Zwei Häuser, welche in der Nähe standen, mussten weggerissen werden – und noch war nicht einmal Etwas von einer Zuründung zu sehen. Noch immer Nichts, als das Oberteil.

 

 

Nach endlichen vierzehn Tagen, wo sich die Arbeiter nach und nach bis auf hundert Mann vermehrten, und diese eine Zeitlang mir Hebezeugen gearbeitet hatten, war man so weit gekommen, dass es schien, als wenn sie sich bald zu Tage fördern lassen würde. Endlich nach einem lauten Krach, und bei der größten Anstrengung der Leute, brachte man sie heraus – aber zu meinem größten Leidwesen war sie sehr beschädigt, und unten abgebrochen. Nun lag das Ungeheuer da – eine Rübe zur Konsum|[58]tion des Hofes und der ganzen Stadt für mehrere Jahre hinreichend. Der König war sehr unzufrieden, teils über die Beschädigungen mit den Hebezeugen, teils darüber, dass sie abgebrochen war.

Da habt ihr ein Meisterstück gemacht“ – sagte er zu mir, als er sie besah – „Vetter Münchhausen! habt schöne Aufsicht gehalten! das ist wahr!“ Die Ironie, mit welcher diese Worte begleitet wurden, ging mir durch alle Rippen.

Sie wurde indessen zerhackt, und man kam aus ganz Persien, und holte fuderweise davon – besonders, weil sie der König preisgegeben hatte. Kaum ward das Letzte weggeholt, als ich noch einmal in das Loch hinab sah, wo die Rübe gestanden hatte. Und – Ich erblickte den blauen Himmel.

Nun hören meine Leser, was ich da begann. Ich dachte bei mir selbst, der Vetter Dschafar ist ungehalten über dich; wie? wenn du dich auf eine gute Art durch dies Loch aus dem Spiele ziehen könntest? – Ich sagte Niemanden ein Wort von meiner Entdeckung, arbeitete mich hindurch, und kam des andern Morgens glücklich|[59] und wohlbehalten in meinem Geburtsort an, wo ich zu meinem Erstaunen gewahr wurde: dass sich die Rübe daselbst umgenietet hatte (dass die Rübe daselbst umgewachsen), und dass dies gerade eine Stelle in meines Vaters Lande gewesen war. Mein Vater hatte den Auswuchs bemerkt, und ihn aus der Erde herausarbeiten lassen. Dieser Auswuchs hatte allein über 100 Zentner gewogen. Wir machten dreißig Ochsen damit fett, ohne was wir verschenkten, und für unsre Küche gebrauchten.

Was ich am meisten beklagte, bei der ganzen Geschichte, war, dass ich diese Rübe nicht erst hatte Samen tragen lassen – weil die Fortpflanzung solcher Rüben ganz außerordentlichen Nutzen für geizige Pächter und Ökonomen hätte stiften können. Ich riet es dem Schach, dass er sich dadurch würde verewigen, um die ganze Welt verdient machen können – allein, er war nicht dazu zu bewegen, durch alle Vorstellungen und Gründe nicht. Wir mussten uns also nach seinem Willen fügen. Es wurde aber dennoch auf meinen Befehl, Jahr, Tag und Begebenheit in die Persische Chronik*)  verzeichnet, wo man nach Gefallen das Weitere nachlesen kann.|[60]

*) Man sehe die Chronik von Persien. Band 99. S. 777.

Ich musste nun meinem Vater, und allen meinen Freunden, die nicht wussten, wo ich bis dahin in der Welt gesteckt hatte, alle meine Abenteuer erzählen, die sich dann nicht satt hören konnten.

Ein Ende haben hier meine Jünglingsreisen.

 

***

einen sehr großen Vogel: Die Pelikane sind eine Familie und Gattung von Wasservögeln und Namensgeber der Ordnung Pelecaniformes. Sie sind bis auf Antarktika auf allen Erdteilen vertreten. Ihre Gestalt und vor allem ihr sehr dehnbarer Hautsack am Unterschnabel machen sie unverwechselbar.
Wikipedia

 

Des Ritters Carl von Linné Königlich Schwedischen Leibarztes etc. etc. vollständiges Natursystem [...]. Zweyter Theil. Von den Vögeln. Nürnberg 1773, Tab. X.

neigten sich tief: Anspielung aauf eine Episode von Bürgers Reise durch die Wlet, nebst andern merkwürdigen Abenteuern: Sobald wir bei unserm Schiffe angelangt waren, lichteten wir die Anker, und segelten von diesem außerordentlichen Lande ab. Alle Bäume am Ufer, unter denen einige sehr große und hohe waren, neigten sich zweimal vor uns, genau in einem Tempo, und nahmen dann wieder ihre vorige gerade Stellung an.

heil. Antonius von Padua: Antonius von Padua (um 1195-1231), zuweilen auch Antonius von Lissabon genannt, war ein portugiesischer Ordenspriester des Franziskanerordens. Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger und Kirchenlehrer verehrt.

Die Legendenbildung um das Leben des heiligen Antonius begann bereits zu seinen Lebzeiten. Schon in frühen Quellen werden ihm zahlreiche Wunder nachgesagt, so etwa die den Fischen gehaltene Predigt nahe der Stadt Rimini: da sein Versuch, den Stadtbewohnern eine Predigt gegen die Lehren der Katharer zu halten, fehlschlug, richtete der Heilige seine Worte am Ufer des Meeres an die Fische, die ihm der Überlieferung zufolge genauso andächtig zuhörten wie dem heiligen Franz von Assisi die Vögel.
Wikipedia

 

Her heilige Antonius predigt den Fischen. Öl auf Holz, Italien 16. Jahrhundert

Rauchaltar: altar zum verbrennen des räucherwerks als eines opfers (DWB)

Weihrauch: das luftgetrocknete Gummiharz, das von verschiedenen Boswellia-Arten gewonnen wird. Weihrauch wird nicht nur kultisch als Räucherwerk verwendet, sondern auch heilkundlich als Phytotherapeutikum.
Wikipedia

Ameisenbären: bilden mit zehn Arten, verteilt auf drei Gattungen, eine Unterordnung aus der Säugetiergruppe der Zahnarmen (Pilosa). Charakteristisch für diese Tiergruppe sind die verlängerte und röhrenförmige Schnauze, die dichte Fellbedeckung und die kräftigen Krallen an den Vorderfüßen. Namensgebend ist ihre Ernährungsweise mit Spezialisierung auf staatenbildende Insekten.
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Thier Buch / darinnen / viel unterschiedlicher Arter der Fische vögel vierfüssigen Thiere Gewürm, Erd= und / Baumfrüchte, so hin undt wieder in Brasilischen bezirck, und gebiethe, Der Westindischen Com / pagnie zu schauwen undt anzutreffen und daher in den Teutschen landen fremde und unbekant / Alles selbst […] bezeiget / In / Brasilien / Unter hochlöblicher Regierung des hochgebornen / Herren Johand Moritz Graffen von Nassau / Gubernator Capitain, und Admiral General / von / Zacharias Wagenern / von Dresden. (Kupferstichkabinett, Dresden)

Schnorr parodiert die Tätigkeit Münchhausens als kriegsgefangener Sklave in Konstantinopel, wo er die Bienen des Sultans hüten muss.

Mond: Schnorr parodiert das alte astronomische Wissen von den Mondphasen.

 

  

 

Theoricae novae planetarum Georgii Peurbacchii Germani ab Erasmo Reinholdo Salueldensi pluribus figuris auctæ, & illustratae scholiis, quibus studiosi praeparentur, ac inuitentur ad lectionem ipsius Ptolomaei. Inserta item methodica tractatio de illuminatione Lunæ. Typus Eclipsis solis futuræ Anno 1544. Vitembergæ M.D.XLII.

in den beiden andern Büchern: Bürgers Münchhausen (1789) und Schnorrs erste Münchhausiade (1789)

Bandage: Stützbandagen, die die Gelenke vor Überbeanspruchung schützen sollen

Der Weise von Zion: Der Prophet Joel in der hebräischen Bibel; die von ihm verfasste Schrift gehört zum Zwölfprophetenbuch.

Und nach diesem wil ich meinen Geist ausgiessen über alles fleisch, und eure söhne und töchter sollen weissagen, eure ältesten sollen Träume haben, und eure jünglinge sollen gesichte sehen. Auch wil ich zur selbigen zeit beide über knechte und mägde meinen Geist ausgiessen. Und wil wunderzeichen geben im himmel und auf erden, nemlich blut, feuer und rauchdampff. Die sonne soll in finsterniß, und der mond in blut verwandelt werden, ehe denn der grosse und schreckliche tag des HErrn kommt. Und sol geschehen, wer den namen des HErrn anruffen wird, der sol errettet werden. Denn auf dem berge Zion und zu Jerusalem wird eine errettung sein, wie der HErr verheissen hat, auch bei den andern übrigen, die der HErr beruffen wird.

Joel 3, 1-5

Mnspt.: Manuskript

Peter Hoffmann in Wien: Leopold Alois Hoffmann (1760-1806) war ein österreichischer Publizist und Dramatiker. [...] 1785 wurde Hoffmann also zum Professor für deutsche Sprache in Pest berufen und lernte dort den Polizeikommissar Franz Gotthardi kennen, für den er sich als Spion und Zuträger nützlich zu machen begann. So kam es, dass, als die österreichischen Beamten Ungarn 1790 verlassen mussten, der nach Wien zurückgekehrte Gotthardi den Professor Hoffmann an höchster Stelle empfahl, woraufhin Hoffmann 1790 von Leopold II. als ordentlicher Professor für „Deutsche Sprache, den Geschäftsstil und die praktische Beredsamkeit“ an die Universität Wien berufen wurde, mit einem Jahresgehalt von 2.000 Gulden. Der Kaiser scheint von den Schriften – Hoffmann hatte 1790 zwei Schriften Babel und Ninive gegen die rebellischen Ungarn verfasst – und den geistigen Fähigkeiten Hoffmanns nur eine geringe Meinung gehabt zu haben, jedenfalls soll er einmal gesagt haben: „Der Kerl ist ein Esel, ich weiß es; aber er leistet mir als Spion sehr gute Dienste.“ Die Dienste als Spion aber schienen dem Kaiser so gut, dass Hoffmann geradezu als Vertrauter des Kaisers zu gelten begann.

Ursprünglich ein radikaler Vertreter josephinischer Aufklärung, wandelte Hoffmann sich nun zum Reaktionär, der in der von ihm 1792 gegründeten Wiener Zeitschrift den Aufklärern die Schuld an der Revolution in Frankreich gab und als Konfident der Polizei seine ehemaligen freimaurerischen und aufklärerischen Freunde und Brüder als Jakobiner denunzierte. Diese Aktivitäten Hoffmanns blieben nicht ohne Reaktion, so veröffentlichte Franz Xaver Huber, der Herausgeber der Zeitschrift Das politische Sieb, 1792 die gegen Hoffmann gerichtete Schrift Kann ein Schriftsteller, wie Herr Professor Hoffmann, Einfluss auf die Stimmung der deutschen Völker, und auf die Denkart ihrer Fürsten haben? Schon aus dem Titel ist ersichtlich, dass manche Hoffmann damals als eine Art grauer Eminenz hinter dem Thron und Einflüsterer am kaiserlichen Ohr betrachteten. Weitere Schriften folgten, so 1792 Alxingers Anti-Hoffmann (1792) und Knigges Satire Des seligen Herrn Etatsraths Samuel Conrad von Schaafskopf hinterlassene Papiere und 1793 eine Schrift Dalbergs.

Ausschlaggebend für das Ende der Aktivitäten Hoffmanns war aber nicht die Kampagne seiner Gegner, sondern der Tod Leopolds II. im März 1792. Hoffmann musste die Wiener Zeitschrift einstellen und wurde 1793 mit einem Ruhegehalt von 1.000 Gulden pensioniert. Er zog sich darauf verbittert nach Wiener Neustadt zurück, wo er bis zu seinem Tod in zahlreichen Schriften die Zeitläufe als eine Verschwörung der Freimaurer und der vor allem in Ungarn wirkenden Illuminaten zu deuten unternahm. (Wikipedia)

zirkelhaft: hier im Sinne von einer von Menschen gebildeten Gruppe

Doktor Nic. Börner: D. Nicolai Börners Physica, Oder Vernünftige Abhandlung Natürlicher Wissenschaften, Worinnen nicht nur Sämmtliche Welt-Cörper nach mathematischen Gründen betrachtet, sondern auch andere, zur Naturlehre gehörige Sachen untersuchet, und die vorkommenden Phänomena hinlänglich erkläret werden, zur Beförderung der Wahrheit und zum Behuf derer, Welche GOtt in seinen Geschöpffen zu erkennen und zu bewundern, Ihre Vorurtheile aber in natürlichen Dingen abzulegen trachten, ans Licht gestellet, Auch um bequemen Gebrauchs willen, Mit einem gehörigen Register versehen. Franckfurth und Leipzig 1735.

Cesenne: Cesena (in der Antike Caesena) ist eine Stadt in der italienischen Region Emilia-Romagna, südlich von Ravenna und nordwestlich von Rimini, am Fluss Savio. (Wikipedia)

Kampherspiritus: Campher bzw. Camphora (fachsprachlich, standardsprachlich Kampfer) ist ein durch Wasserdampfdestillation aus dem Holz von Kampferbäumen gewonnener farbloser, in Wasser kaum löslicher Feststoff. Medizinisch wird er in einer Lösung als Campherspiritus verwendet.

Dacht: Docht

Unschlitt: Das zur Herstellung der Unschlittkerzen benötigte Fett wurde aus Rinderfettgewebe oder Hammeltalg gewonnen und nicht gereinigt. Dementsprechend rochen und rußten Unschlittkerzen stark.
Wikipedia

Maffei: Scipione Maffei, auch Francesco Scipione Maffei (1675-1755) war ein italienischer Dichter und Gelehrter des Barockzeitalters. Er veröffentlichte u.a.: Della formazione dei fulmini. Verona 1747.

Zuründung: der Beginn der rund Form der Wurzel unter der Erde

fuderweise: Das Fuder, auch mit Fuhre oder Fahrt bezeichnet, war ein Volumenmaß für Flüssigkeiten und feste Stoffe. Abgeleitet ist das Fuder von der Fuhre (Ladung), die ein zweispänniger Wagen damals laden konnte.
Wikipedia

Chronik: Münchhausens bibliographischer Verweis ist eine Fiktion.

 

Hier geht nun gerade meine große Reiseperiode an, worüber meine unberufene Herren Autoren die Welt genug beschrien, und zugleich betrogen haben, derer Geschichten und Abenteuer zum Teil echt, zum Teil verfälscht, zum Teil ganz erdichtet sind. Man hat es mir genug prophezeiet, dass es mir so gehen würde. Man hat mich genug gebeten, doch meine Muße daran zu wenden, und selbst die Geschichten, die ich zu erzählen pflegte, um die Zeit im angenehmen Zirkel bei der Weinflasche zu vertreiben, der Welt bekannt zu machen. Die Zeit muss ihnen zu lange gedauert haben, und nun haben sie, unter allem nur möglichen Vorwande der Authentizität, fast alle Begebenheiten aufs äußerste verhudelt. Dies nun wieder gut zu machen, was einmal verdorben ist,|[61] alle Geschichten hier noch einmal zu erzählen, die ich für Ereignisse meines Lebens erkenne, sie zu ergänzen, oder zu verbessern – was würde das wohl den Lesern frommen? Dass sie viel Übertriebenes mit untermenget haben, sieht man der Sache von selbst an; dass sie Manches nicht so stark erzählt haben, als es sich wirklich befand – ist eben so wahr. Die geduldigen Leser mögen nun selbst die Spreu von dem Weizen abzusondern wissen; mögen, was ich erzähle, mir jenem vergleichen; dann können sie selbst sehen, was wahr oder falsch ist. Ich will mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen. Wo ich noch einige Merkwürdigkeiten hinzuzufügen für gut finde, werde ich es nicht unterlassen.

So ist z. B. Folgendes vergessen worden.

Als das Pferd von dem Kirchturme heruntersprang, wo ich es doch – wie sie sich erinnern – angebunden, herabschoss – zersprang es sich verschiedene Rippen – und dann bemerkte ich auch noch mehrere Stellen, wo die Haut ganz auseinander geplatzt war, so dass das helle Wasser aller Orten durchdrang. Ich besah es um und um, und dachte da bei mir selbst: hier ist guter Rat teuer. Das Tier stellte sich etwas kläglich an, schüttelte sich aber|[62] doch bald wieder zusammen. Als es sich ein wenig ausgeruhet hatte, versuchte ich, ob es auch das Reiten noch wohl aushalten möchte – und es ging ziemlich ruhig. Wir kamen vor der Schmiede des Dorfes vorbei. Das Tier ritt auf die Schmiede los, und wollte sich durch keine Gewalt davon ablenken lassen. Man war eben damit beschäftigt, verschiedene große Tonnen mit eisernen Bänden zu beschlagen. Ich glaubte zuerst, die Hufeisen wären los, fand aber alles fest. Nun kam ich auf den Gedanken, weil das Saft immer mehr durchlief, diesem guten Tiere einige eiserne Bände um den Leib schmieden zu lassen. Der Einfall gelang glücklich. Es wurde dadurch so standfest, dass ich nicht allein die ganze Kampagne damit gemacht, sondern es auch noch lange Zeit nachher, gewiss über fünfzig Jahre, gebraucht habe. Die eisernen Bände hängen noch zu einem ewigen Andenken in meinem Marstall.

Die Leser wissen doch, dass ich bei meinem Aufenthalt in Polen sehr viele Abenteuer mit Bären gehabt habe. Ich muss hier noch eines sehr seltsamen Vorfalls gedenken, der merkwürdiger ist, als alle übrige. Man kann die Bären bekanntlich nicht besser fangen, als in der|[63] strengsten Winterkälte. Es war eben im Winter 1740, als ich mich in Polen aufhielt – und es war daselbst eben so kalt, als in Deutschland. Eines Tages denke ich mir ein recht artiges Vergnügen zu machen, als ich mich von meiner Gesellschaft verirrte. Wir hatten schon viele Bären und anderes Wild erlegt, und ich hatte zu meinem größten Unglück alles mein Pulver verschossen. Noch sahe ich zween Bären in der Ferne, es wurde Abend, und ich hatte nichts bei mir, als eine kleine Axt. Sie kamen in ihrem Getrabe immer näher. Ich retirierte mich auf den nächsten Baum. Der eine Bär sogleich hinter mir drein, auch auf den Baum. So wie er mir nahe kam, hieb ich mit einer solchen Heftigkeit zu, dass Ast, Bär, Tatze, denn diese hatte ich vorzüglich getroffen, und zugleich auch die Axt vom Heft herunterflog. Er hob ein klägliches Jammergeschrei an, worauf der andere Bär, der etwas entfernter war, herzu lief, und die Schmach seines Bruders rächen wollte. Hätte ich mir hier nicht zu helfen gewusst, so wäre ich ohne alle Widerrede ein Kind des Todes gewesen. Denn die Wut und die Heftigkeit, womit der Bär herankam, und sein Gebrülle, lassen sich nicht beschreiben. Wie sollte ich mir nun helfen! Die Natur kam mir hier trefflich zu Statten. Ich musste eben|[64] mein Wasser abschlagen, pisste nun gerade her unter auf das Eisen, in demselben Augenblick gefror dieser Strahl – und eben so geschwind zog ich das Eisen wieder an diesem Strahl in die Höhe. Schon kam der Bär. In dem Augenblicke, wo er mir eins versetzen wollte, hatte ich meine Axt wieder in Ordnung, und hieb ihn dermaßen ins Hirn, dass er tot zur Erden niederfiel, und auch nicht ein Glied rührte. Der andere, der dies sahe, lumpte mit einem erbärmlichen Gebrülle, so geschwind er konnte, davon. Ich packte die Schinken von meinen Bären in die Jagdtasche, und fand glücklich meinen Weg. Mit banger Ahndung hatte man schon auf mich gewartet. Ein warmer Ofen, ein köstlicher Bärenschinken und Braten, einige Bouteillen Tokajer, nebst angenehmen Abendgesprächen versüßten die überstandenen Mühseligkeiten des Tages.

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In der Gegend von Cracau brannten immer sehr viele Dörfer ab, und wenn die Leute glaubten, sie hatten wieder Häuser, so dauerte es nicht lauge, so standen sie wieder in lichten Flammen. Bald geschah dies am hellen Mittag, bald um Mitternacht, zu allen Zeiten; auch dann, wenn die Leute auch noch so behutsam|[65] mit dem Feuer umgingen. Keine Seele konnte die eigentliche Ursach finden. Man ersuchte mich also, eine Untersuchung darüber anzustellen. Ich tat dies, und fand, dass es gewisse brennbare Dünste waren, die sich in der Gegend unter allerlei Gestalten sehen ließen – bald waren es Männchen, bald Weibchen, bald Tierchen, Schlug man sie auseinander, so brannte der eine Teil des Stocks, der andere Teil lief davon. Ich besprach sie, und nachher hat man nie wieder etwas von diesen schädlichen Dingen gehört oder gesehen.*)

*) Eben dasselbe hat nebst mehreren D. Börner in der schon angeführten Physic S. 291, angezeigt. „Dass Lud. A. Ripa in der Tarviser Mark, über Venedig gelegen, dergleichen im Jahre 1706, 1717, 1720 und 1724 bemerket.“

Anmerkung des Verlegers

 

 

In der Gegend zwischen Petersburg und Moskau war einst die Erde mitten auseinander geborsten. Dies wurde hauptsächlich bemerkt, als die große Chaussee ausgebessert werden sollte. Man hatte verschiedentlich über diese Begebenheit gesprochen, und ich wurde von der russischen Kaiserin Majestät dazu beordert, diesen Schaden zu besehen. Das war nun ein ganz unge|[65]heurer Schaden. Es war auch keine Säumenszeit. Denn der Schaden riss immer tiefer und weiter ein. Und wer wüsste, wenn ich nicht frühe genug dazu gekommen wäre, ob nicht die Erde in zwei Hälften geborsten wäre? Und dann wäre es doch um die Erde geschehen gewesen. Schon litten mehrere Dörfer und Städte. Es betraf eine Strecke von zwanzig und mehreren Wersten. An einer Stelle waren Felsen. Daran hielt es noch. Schon hielten so viele hundert Wagen, die teils vorwärts, teils zurück wollten, und nun nicht weiter kommen konnten. Ich hatte also die meiste Last damit. Ich nahm Wagen und Pferde, und warf sie hinüber. Endlich sprang ich selbst hinüber, unerachtet die Tiefe unabsehlich, und der Riss so sehr breit war. Ich sann darüber nach, wie dem Dinge am besten zu raten wäre – und ließ am Ende große eiserne Klammern machen, und so die Erde wieder zusammen treiben. Es glückte – und in einer Zeit von drei Wochen hatte ich diese herkulische Arbeit so weit zu Stande gebracht, dass der Riss nur noch etwa auf zehn Fuß, wo er am breitesten war, auseinander stand. Nun ließ ich diese Klammern befestigen, große Balken darüber herlegen, damit die Passage erst wieder hergestellet wurde, endlich wurde eine Brücke darüber gebauet, und also|[67] der Schade kuriert. Die eisernen Klammern sind daselbst noch zu sehen. Die Russische Kaiserin schenkte mir dafür ihr Portrait mit Brillanten reich eingefasst auf einer schönen goldnen Dose, und eine jährliche Pension von 500 Rubeln, die ich bis zu meiner Abreise|[196] von Petersburg immer richtig ausgezahlt erhielt.

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meine unberufene Herren Autoren: Bürger und Schnorr

Kampagne: eine zeitlich befristete Aktion, hier ein Feldzug

Marsstalle: Stallungen für Pferde und Wagen eines Fürsten

Abenteuer mit dem Bären: Davon erzählt Bürger in seinem Kapitel Des Freiherrn von Münchhausen Eigne Erzählung.

Cracau: Krakau (polnisch Kraków,  lat. Cracovia), die Hauptstadt der Woiwodschaft Kleinpolen, liegt im Süden Polens rund 250 km südwestlich von Warschau.
Wikipedia

die große Chaussee: 1740 wurde die Straße zwischen Moskau und Sankt Petersburg gebaut.

Kaiserin: Anna Iwanowna (1693-1740), Kaiserin von Russland von 1730 bis 1740.

 

Miniaturportät auf einer Schmuckdose

Wersten: Die Werst  ist eine russische Maßeinheit für die Länge. (ca. 1 m) Sie galt im russischen Reich von 1721 bis 1917.

 

Cracovia - Cracau, Kupferstich von Leopold Werner um 1740

 

Aus den vortrefflichen Weinbergen der russischen Kaiserin erhielt ich dann doch die Erlaubnis, einige auserlesene Stöcke von den schönsten Trauben mitzunehmen. Die Trauben sind in diesem Lande so groß, dass eine Person nicht im Stande ist, eine Traube zu tragen. Gewöhnlich werden zwei dazu erfordert, die sie auf einen Stock hängen. Ich trug diese Setzer in der Tasche. Als ich zu Hause kam, nahm ich sie heraus, um sie zu pflanzen; und siehe, ein neues Wunder! die Setzer hatten die schönsten, reifsten und wohlschmeckendsten Trauben. Nur mit dem Unterschiede, dass sie nicht so groß waren.

Ich hatte das Vergnügen, dem Könige von Preußen, meinem Freunde, welcher mich besuchte, Einige davon mitzuteilen, und damit ein Jeder gleichviel bekäme, schnitt ich sie mitten durch. Wie ich es selbst bei ihm gesehen habe,|[68] so hat er Winter- und Sommer Früchte davon auf seiner Tafel.

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Von Petersburg aus bereisete ich auch das äußerste Norden. Ich tat dies mit unsäglichen Mühseligkeiten, die ich alle bekämpfen musste. Die Kälte ist daselbst, je weiter hinein, desto fürchterlicher – und ich glaube, dass noch niemand so allein – denn ich reisete nur mit einem Hunde – die Gegend des Nordpols so weit bereisete, als ich. Hätte ich mich auch hier nicht dreifach in Zobelpelze eingehüllt, ich hätte gewiss Deutschland niemals wieder gesehen. Mein Hund wurde indessen der Kälte weit eher gewohnt, als ich. Ich bemerkte es, dass er sich fast die meiste Zeit im Wasser aufhielt.

Von Zeit zu Zeit sahe ich auch, daß sich mein Hund mit den Kabliaus begattete. Und hieraus erst entstanden nach der Zeit ein ganz neues Geschlecht – nämlich die Seehunde. Das ganze Eismeer wimmelte von diesen Geschöpfen, und seit dieser Zeit gibt es so viele dieser nützlichen Tiere. Die Ehre der Erfindung gebührt einzig meiner Wenigkeit.|[69]

Übrigens ist es hier eben nicht der Mühe wert, dass Kavaliere oder Naturkündiger diese Gegenden bereisen, weil hier wenig oder gar keine Entdeckungen zu machen sind, und weil es hier weder Kavaliere noch Hunde gibt.

Die wenigen physikalischen Entdeckungen, die ich auf dieser Reise machte, sind folgende:

1) Die Kälte war hier so heftig, dass mir nicht nur dem Odem, sondern sogar die ganze Zeit das Wasser in der Blase gefror. Mein Unterleib schwoll gewaltig davon auf, und war wie ein Stein. Als ich aus diesen kalten Gegenden wieder in wärmere kam, fing das alles wieder an, aufzutauen, und nun musste ich vier und zwanzig Stunden in Einem fort pissen, so dass ein kleiner Strom von mir ausging – und eben so fing nun auch mein Unterleib allmählich wieder an, dünn und weich zu werden – welches mir natürlich unaussprechlich wohl bekam.

2) Sah ich die Entstehung des Hagels. Auch dies ist ein sehr sonderbares Phänomen. In dem äußersten Norden sind die Eisberge häufiger, als an einem jedem andern Teile der Erde. Nun begibt es sich zuweilen, dass ein Paar Wirbelwinde einen solchen Eisberg an|[70]packen, ihn in die Höhe schrauben, und ihn nun oben so derbe durchkarbatschen, dass er in die kleinsten Stücke zergeht. Haben die Wirbelwinde ihn nun wie Schrot zerhackt, so führen ihn die Sturmwinde aus Norden über das ganze übrige Deutschland.

3) Aber eine noch merkwürdigere Entdeckung für die Naturkündiger ist die nähere Gewissheit von der magnetischen Materie, was sie eigentlich ist. Man sollte es nicht glauben, dass die Herren Gelehrten so etwas auf ihren Studierstuben aussinnen könnten, was sich doch wirklich so befindet, wenn man es genau untersucht. Was so lange Hypothese blieb, ist jetzt Realität, und der Dank dafür gebührt – Münchhausen.

Vertieft in Gedanken über diese wichtige Materie, worüber ich verschiedenes mir hatte von Gelehrten in den Kopf setzen lassen, ging ich dem Nordpole immer näher, als ich auf einmal ein gewisses angenehmes Brausen um mich her gewahr wurde. Ich befand mich an dem Eingange einer kleinen Höhle. In voller Untersuchung ward die zuströmende Materie immer heftiger, und sie riss mich mit der größten Schnelligkeit fort, so dass ich, alles Dagegen|[71]strebens unerachtet, durch die ganze Erde hin durch zum Südpole herausgeströmt wurde. Staunen war alles, was ich konnte, als ich mich von meiner Betäubung, die die schnelle Reise mir verursachte, erholet hatte. Kaum hatte ich mich erholt, so ward ich eben so unsanft wieder zurückgestoßen. Als ich dies so einigemal ausgehalten hatte, klammerte ich mich fest an den Gotteserdboden, und kroch auf meinen Vieren, so gut ich konnte, aus dem Strömungspunkte heraus, und kam nach manchen Mühseligkeiten wieder in St. Petersburg an.

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Im ersten Wirtshause daselbst ward mir, weil ich das geschwindeste warme Essen verlangte, eine Schüssel voll Hühnerei aufgetragen. Der Hunger war so groß, dass ich nicht mehr als 24 Stück sogleich mit der Schale und allem, ohne Salz und Brot, hinunterschlang. Aber was geschahe!

Zur Verwunderung aller brach ich in weniger als einer Stunde 15 gesunde Küchlein heraus, die alle herzlich munter um mich herumpiepten. Die übrigen mussten faul oder angegangen gewesen sein, denn ich bekam heftiges Leibweh. –|[72] Die Begebenheit hatte, wie ich nachher hörte, folgenden Grund: Bei dem Auftragen der Speisen hatte sich der Aufwärter vergriffen, und gerade die Schüssel aufgesetzt, woraus die Köchin die Eier genommen hatte, um sie zu kochen, und hatte in der Eile die gekochten stehen lassen.

Nicht lange darnach ging ich zur Russischen Kaiserin Majestät, um ihr meine Aufwartung zu machen. Sie hatte schon von dem Spaße gehört. Sie ließ sogleich 6 Stück von diesen Küchlein holen, und sie als eine besondere Zucht groß ziehen. Weil es eine ganz eigene Art ist, so hat sie wahrscheinlich noch jetzt davon. Die übrigen, außer einem Paar, welche ich dem Wirt verehrte, ließ ich kapaunen2, und schickte sie nach Deutschland.

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Nie habe ich es begreifen können, wie das Wichtigste jener Geschichte, die mein Partisan erzählt haben soll, so ganz überhört worden ist, und dass von dem merkwürdigen Ausgange derselben nicht mehr Geredes gemacht – oder dass das Beste sobald vergessen worden ist, die Folgen jener Nacht nemlich, wo ich mein Familium, leider! einbüßte. Man kann es ja von selbst|[73] leicht erachten, dass von der Anwendung meiner herkulischen Stärke etwas Großes entstehen musste. Man sieht also, wie die Menschen mit der Wahrheit umgehen. Sie verdrehen, verhunzen sie, und lassen oft das Eigentliche, worauf es bei der ganzen Sache ankömmt, aus.

Hier ist nun das wahre Resultat. Diese einzige Nacht brachte der Russischen Kaiserin nicht mehr als 100 mannhafte Jünglinge, und eben so viele Mädchen zuwege. Man kann leicht denken, welch ein Monstrum die Mutter derselben werden musste. Sie musste ihren Bauch förmlich in Riemen hängen. Ihre Wehen waren unbeschreiblich. Die Jungen und Mädchen tanzten in ihrem Leibe gar liebliche Menuets und Contretänze. Sie wurde das Geschaukel und die schwere Last ihres Leibes so müde, denn zuletzt wollten auch die Riemen nicht mehr halten, dass sie ihrem Leibe keinen Rat wusste. Von zwanzig Meilen Weges kamen Menschen, sie zu sehen. Sie gebar alle in einer Nacht, und gab ihren Geist auf, als das letzte Kind zur Welt kam. Der Wirth verlor sein Weibchen ungern, weil es ihm viel ein brachte. Die Russische Kaiserin nahm die Jungen und Mädchen zu sich, und ließ sie erziehen. Sie wusste den Spaß, und behielt einen Teil|[74]  für den Krieg, und mit dem andern bevölkert sie die Krimm. Die Krimmschen Kolonisten sind also meistenteils Abkömmlinge von mir. Wie freue ich mich, noch am Ende meiner Lauf bahn, über ein solches Meisterstück der Natur!

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Könige von Preußen: Friedrich II. oder Friedrich der Große (1712-1786), volkstümlich der „Alte Fritz“ genannt, bestieg a nach dem Tod seines Vaters m 31. Mai 1740 den preußischen Thron.

 

Antoine Pesne: Friedrich II., König von Preußen, als General, um 1745, Öl auf Leinwand

die Gegend des Nordpols: Im Jahr 1728 segelte Vitus Bering, ein Däne in russischen Diensten, von Kamtschatka aus an der asiatischen Küste nordwärts (Erste Kamtschatkaexpedition). Während der Zweiten Kamtschatkaexpedition (1733–1743) gelangte er 1741 nochmals von Ochotsk aus nach Norden und untersuchte die amerikanische Küste bis zu 69° nördlicher Breite. An der Beringinsel erlitt er Schiffbruch und starb während der Überwinterung an Skorbut. Die Überlebenden der Expedition, darunter die Deutschen Steller und Johann Georg Gmelin, gingen nach Kamtschatka.

Die dritte Südseereise von James Cook (1776–1779) hatte eigentlich den Zweck, die Erschließung der Nordwestpassage vom Pazifik aus wieder aufzunehmen. Von Hawaii aus segelte Cook 1778 nach Nordosten, bis er in Oregon landete. Er fuhr die amerikanische Küste entlang bis zur Beringstraße und durchstieß sie. Er erreichte die Breite von 70°44', wurde aber dann überall vom Eis aufgehalten und wich nach Westen zur Küste Sibiriens aus, um dann den Rückweg nach Hawaii anzutreten. Nach Cooks Tod erreichte sein Nachfolger Charles Clerke im folgenden Jahr nur 70°30' nördlicher Breite. Cook und Clerke hielten eine Nordwestdurchfahrt für unmöglich.
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Kabliaus: Der Kabeljau oder Dorsch ist ein Meeresfisch, der in Teilen des Nordatlantiks und des Nordpolarmeers sowie in der Ostsee verbreitet ist.

Abb. Wikipedia

Kavaliere oder Naturkündiger: Kavalier bezeichnet einen Mann adliger Herkunft; ein Naturkündiger ist eine parodistische Wortschöpfung Schnorrs; im Folgenden zielt sein  Spott auf den Göttingen Physiker, Naturforscher und Mathematiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), der ein enger Freund von Gottfried August Bürger war. Hieronymus von Münchhausen hielt die beiden Göttinger Professoren für die Verfasser von Bürgers Münchhausen und Schnorrs erster Münchhausiade.

Lichtenberg befasste sich mit naturwissenschaftlichen Themen auf breiter Ebene, unter anderem mit der Geodäsie, Meteorologie, Astronomie und Chemie. Als Lehrender war er wegweisend, da er, entgegen dem Standard seiner Zeit, in seiner Vorlesung auch Experimente vorstellte. Mit fliegenden Drachen führte er seinen Studenten die Gewitterelektrizität vor, mit gasgefüllten Schweinsblasen nahm er die Ballonfahrt vorweg. Als Forscher führte er – Benjamin Franklin folgend – in der Elektrizitätslehre die Begriffe positive und negative Elektrizität ein. Sein Geschick als Experimentalphysiker stellte er mit der Entwicklung eines 2,5 Quadratmeter großen Elektrophors unter Beweis. Mit dieser Influenzmaschine konnte er sehr hohe Spannungen erzeugen und Funken von bis zu 40 cm Länge hervorrufen. 1777 entdeckte er auf dem Staub einer Isolatorplatte des Elektrophors sternförmige Muster, die als Lichtenberg-Figuren bezeichnet werden. Er führte als erster den von Benjamin Franklin erfundenen Blitzableiter in Göttingen und als einer der ersten in Deutschland ein, indem er 1780 und 1794 seine Gartenhäuser mit einem solchen Furchtableiter – wie er ihn nannte – versah.

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Entstehung des Hagels: Parodie des Aufsatzes von Georg Christoph Lichtenberg: Einige Bemerkungen über die Entstehung des Hagels. In: Neues Hannöverisches Magazin. 10tes Stück. Montag, den 4ten Februar 1793, Sp. 145-170.

Gewissheit von der magnetischen Materie: Die Wissenschaft unterscheidet den magnetischen und den geografischen Nordpol. Während der geografische Nordpol genau am nördlichen Ende der Erdachse zu finden ist, so ist der magnetische Nordpol dort, wo die Kompassnadel hinzeigt. Doch diese beiden Pole haben nicht die gleichen Koordinaten und befinden sich mehrere hundert Kilometer weit von einander entfernt. Der magnetische Nordpol befindet sich dort, wo die magnetischen Feldlinien des Erdmagnetfelds vertikal zur Erdoberfläche in das Erdinnere eintreten und liegt deshalb nicht auf dem geografischen Nordpol.

Schnorr verweist auf den Beitrag von Lichtenberg, in dem es heißt: Die magnetische Materie, sagt er, ströhmt sonst auf unserer Halbkugel von Mittag nach Norden, bekomt aber daselbst (bei Vukanen), eine veränderte Richtung, sie ströhmen von oben nach unten. Dieses ist die sechste und siebente. Denn ströhmt die magnetische Materie auf unserer Halbkugel von Süden nach Norden, so ströhmt sie auch auf der andern Halbkugel so. Oder giebt Herr Ziehen der Erde zwei Nordpole, und heißt, die Gegenden um die Linie Süden? Auch bei uns ströhmt diese Materie, wenn sie überhaupt ströhmt, von oben nach unten, etwa unter einem Winkel von 73 Graden, und mehr als beim Vesuv.
Georg Christoph Lichtenberg: Über die Weissagungen des verstorbenen Herrn Superintendenten Ziehen zu Zellerfeld. In: Hannoverisches Magazin. 85tes Stück. Montag, den 23ten Oktober 1780, Sp. 1350

Kaiserin Majestät: Anna Iwanowna (1693-1740), Kaiserin von Russland von 1730 bis 1740.

kapaunen: einen Hahn kastrieren

mein Partisan: In Bürgers Siebenten See-Abenteuer tritt ein als „Partisan“ bezeichnete Herr als Erzählinstanz auf,  ist ein Vertrauter des Baron von Münchhausen. Zu Beginn  heißt es dort: „Nach Endigung der ägyptischen Reisegeschichte wollte der Baron aufbrechen, und zu Bette gehen, gerade als die erschlaffende Aufmerksamkeit jedes Zuhörers bei Erwähnung des großherrlichen Harems in neue Spannung geriet. Sie hätten gar zu gern noch etwas von dem Harem gehört.“ Diese Bitte schlägt der Baron brüsk aus: „Mit meinen Liebes-Abenteuern pflege ich nie groß zu tun, daher wünsche ich Ihnen, meine Herren, jetzt insgesamt eine angenehme Ruhe.“ Danach stellt er sich als Person vor: „Der Partisan gibt Nachricht von seiner eigenen Herkunft, mit einigen Anekdoten, worüber sich der geneigte Leser nicht wenig verwundern wird.“ Es folg eine deftige erotische Szene, in der geschildert wird, wie der Papst Clemens XIV. in einer Austern-Nacht den namenlosen Begleiter des Barons zeugt. Die hier von der Erzählinstanz Münchhausen berichtete Nacht, kann sich wegen der verschiedenen Ortsangaben nur im vorher erwähnten Wirtshaus abgespielt haben.

Familium: scherzhafte Ableitung von lat. familia,  im weitern Sinne, die ganze Geschlechtslinie, das Geschlecht (synon. mit gens), 

Menuets und Contretänze: Tänze der Barockzeit

Krimmschen Kolonisten: Als 1783 die Krim von Katharina der Großen „für alle Zeiten“ annektiert wurde, floh der Großteil der Krimtataren ins Osmanische Reich. Das Gebiet wurde daraufhin unter dem Fürsten Grigori Potjomkin gezielt mit Griechen, Armeniern, Bulgaren, Balten, Russen und Ukrainern besiedelt. Der Rest der tatarischen Bevölkerung wurde in die unfruchtbaren Gebiete im Inneren der Krim zurückgedrängt. Ein Manifest vom 22. Februar 1784, lud „alle mit dem Russischen Reich befreundeten Nationen“ ein, sich in Cherson, Sewastopol und Feodossija anzusiedeln.
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