Caroline von Plechow      oder    Die Verfolgung von Wilhelmshaven nach Kopenhagen

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4 Auf der Nordsee

 

Am nächsten Morgen, man schrieb den 17. Juni, versammelte sich Mannschaft und Passagiere sehr früh an Deck der >Saint Michel<. Admiral von Plechow hatte sich mit seinen Offizieren zur Verabschiedung eingefunden; es wurden herzliche Worte gewechselt; die Zurückbleibenden wünschten den Männern auf dem Schiff alles Gute für ihre Fahrt. Die Kessel der Yacht standen bereits seit einer halben Stunde unter Druck, so dass auf einen Befehl des Kapitäns hin die Fahrt aufgenommen werden konnte. Bald dampfte die >Saint Michel< bei starkem Westwind mit der ablaufenden Flut hinaus auf die Nordsee und schlug die Richtung nach dem kleinen holsteinischen Hafen Tönning an der Mündung der Eider ein.

Die Fahrt verlief zunächst ohne irgendwelche Zwischenfälle, und so fanden die Passagiere Gelegenheit, sich miteinander näher bekannt zu machen.

 

 

Die Brüder Verne erzählten von ihrer Liebe zu den Meeren, von den Gründen, die Jules veranlasst hatte, sich dies doch sehr teure Schiff zuzulegen.

„Ostern 1878 haben wir“, berichtete Paul begeistert, „die >Saint Michel< vor der bretonischen Küste auf ihre Seetüchtigkeit hin überprüft, und wir waren mehr als zufrieden! – Abgesehen von zahlreichen Ausflügen im Kanal und längst der bretonischen Küste haben wir bereits zwei größere Reisen unternommen. Von Nantes aus trug uns die Yacht im selben Jahr bis ins westliche Mittelmeer. Wir besuchten Vigo, Lissabon, Cadiz, Tanger, Gibraltar, Malaga, Tekuan, Oran und Algier. Die >Saint Michel< hielt sich ausgezeichnet auch während der wenigen Tage stürmischen Wetters, die uns nicht erspart blieben.

Es ist allzu schwer, den Reiz in Worten wiederzugeben, den man empfindet, wenn man auf solche Weise die Küsten Spaniens, Marokkos und Algiers besucht. Das gilt auch von unserer zweiten Reise, die die Gestade von England und Schottland zum Ziel hatte und uns bis nach Edinburgh brachte.“

„Beim Schreiben kann ich mich leider nicht wie Monsieur May auf eigene Erfahrungen stützen“, nahm Jules das Wort, „da bin ich auf Zeitschriften wie die ‘Tour du Monde’, auf Reiseberichte aller Art und auf die ‘Nouvelle Géographie Universelle’ angewiesen. Umso mehr ist die eigene Erfahrung, die man beim Besuch fremder Länder sammelt, für die Verarbeitung im Romanwerk bedeutsam.“

„So arbeiten Sie während Ihrer Reisen auch an Erzählungen?“ wollte Schwedenow wissen.

„Nein, nein. Ich ruhe hier nur aus und erhole mich einige Monate, das heißt, ich bin auf See ein Virtuose des Schlafs.“

„Jules ist ein verlässlicher Gefährte auf unseren gemeinsamen Reisen. Seekrankheit ist ihm unbekannt!“ lobte Paul seinen Bruder und fügte hinzu:

„Dieses Jahr lag es anfangs in unserer Absicht, über Kristiana, Kopenhagen und Stockholm nach Petersburg zu fahren. Dann jedoch veranlassten uns wirtschaftliche Überlegungen zu einer Abänderung unserer Reisepläne. Jules verabredete sich mit Monsieur May, der sich bereit erklärt hatte, uns für einige Tagen auf unserer Fahrt zu begleiten, da musste die ursprüngliche Planung aufgegeben werden.“

„Ich wollte die Gelegenheit nutzen, mit dem erfahrenen deutsche Redakteur über Einzelheiten unseres geplanten Geschäfts zu verhandeln, aber nun sind wir in ein Abenteuer hineingeraten, das vielleicht Stoff für eine neue Erzählung abgeben wird, nicht wahr, Monsieur May?“

Der Angesprochene war mit noch blässerem Gesicht als sonst zur Seite getreten und bemühte sich, zu lächeln, sagte aber nichts. Seit die >Saint Michel< den schützenden Jadebusen verlassen und das offene Meer erreicht hatte, rollte die schlanke Yacht beträchtlich in der für die Jahreszeit ungewöhnlichen rauen See. Das Meer kam durch den Wind in diesen küstennahen flachen Gewässern in schnelle, kurz stoßende Bewegung und warf die flach gebaute Yacht unbarmherzig hin und her. Der Wind frischte weiter auf und Kapitän Ollive wollte seinen Passagieren zeigen, welche Geschwindigkeit die >Saint Michel< mit Segelunterstützung erreichen konnte.

„Ich glaube, unser sächsischer Begleiter verträgt die Seereise nicht“, sagte Schwedenow.

„Sie haben doch gestern erzählt, bereits alle Weltmeere befahren zu haben, Herr May.“

Der Sachse nahm sich sichtlich zusammen und sagte sehr bestimmt:

„Ich habe jene Länder, von denen ich schreiben, wirklich besucht und spreche die Sprachen der betreffenden Völker; jeder Fachmann wird aus meinen Werken ersehen, dass ich solche Studien unmöglich in der Studierstube gemacht haben kann. Die Gestalten, welche ich bringe, haben gelebt oder leben noch und waren meine besten Freunde.“

„So, so!“ sagte der Graf, „und wann war das? Wann haben Sie ihre Weltreisen unternommen?“

May wirkte verlegen, antwortete aber mit sichtlicher Entschiedenheit:

„Nach Amerika fuhr ich zum ersten Mal im Jahre 1862; daran schlossen sich Aufenthalte im Orient an, die mich auch nach Afrika und bis in den fernen Osten führten. Mit mehrfachen Unterbrechungen bin ich bis 1874 zumeist fern von der Heimat gewesen.“

Der kleine Sachse hatte sich bei diesen Worten krampfhaft an der Reling festgehalten, konnte sich nun aber nicht mehr beherrschen und brachte der rauen See sein Opfer. Paul, der in solchen Fällen nicht nur tröstende Worte fand, sondern tatkräftig zupacken konnte, kümmerte sich um May, von dem nun gänzlich die Seekrankheit Besitz ergriffen hatte. Währenddessen begaben sich die anderen Passagiere, denen das beträchtliche Schwanken nichts ausmachte, unter Deck, um dort ein „petit déjeuner“ einzunehmen, wie Arago es nannte. Bald ließ der Wind nach und die See beruhigte sich ein wenig. Auch Paul gesellte sich zu ihnen, nachdem er den kleinen Sachsen, dem es bereits besser zu gehen schien, dazu überredet hatte, sich unter Deck in seine Kajüte zurückzuziehen.

Arago verstand sich, wie jeder bretonische Koch, besonders auf die Zubereitung von Fischen und anderen Meerestieren, die er in immer neuen Variationen auf den Tisch brachte. Gestern war es ihm gelungen, in Wilhelmshaven einige frische Seezungen einzukaufen, die er gehäutet und mit gesalzener Butter gefüllt kurz gebraten hatte. Ernst Pötsch, der ihm assistieren durfte und immer bereit war, etwas Neues an fremden Kochtöpfen abzuschauen, wollte sich am nächsten Tag revanchieren. Heute aber unterstütze er Paul Arago, das Menü so frisch wie möglich in dem engen Salon, der zum Speisesaal umfunktioniert worden war, zu servieren.

Als Vorspeise gab es Schinken, gekochte Eier, Tomaten und schwarze Oliven. Danach präsentierte Paul Arago die gemeinsamen Bemühungen der beiden Köche mit dem Ausruf:

„Filets des Sole à la Parisienne, Messieurs!“ Dazu gab es gebackene Frühkartoffeln und einen frischen Pinot Blanc. Das ausgezeichnete Essen und der vorzügliche Wein ließen die Stimmung der Gesellschaft steigen, und selbst Leutnant von Rochow schien seine Besorgnis wegen des ungewissen Schicksals seiner Caroline für einen flüchtigen Moment vergessen zu haben. Das Essen und der Wein wurden denn auch allgemein gelobt; der Auftakt der Reise versprach – zumindest für die Passagiere, die von der Seekrankheit verschont geblieben waren  –, noch einige kulinarische Genüsse.

„Ich habe“, so verriet Ernst Pötsch seinem Herren nach dem Essen ganz im Vertrauen, „in der Ballastkammer der >Saint Michel< einen Weinkeller entdeckt, sagenhaft!“

Und dabei ließ er seine Augen so unnachahmlich rollen, dass dem Grafen ein unwillkürliches Schmunzeln über die Lippen kam.

Am frühen Nachmittag hatte sich auch der Zustand von Herrn May soweit gebessert, dass er wieder mit den anderen Passagieren auf dem Deck stehen konnte. Ans Essen durfte er allerdings noch nicht wieder denken. Der Wind hatte sich gelegt, die See ging nicht mehr so hoch, und die frische Luft tat allen gut.

Die >Saint Michel< lief nun gut ihre 10 Knoten, und die Männer beschlossen, die große Tafel im Salon zum Kartentisch umzufunktionieren, damit sie ihre Route genauer studieren konnten. Kapitän Ollive hatte das Kommando dem Obersteuermann übergeben und erläuterte die ausgebreiteten Karten.

„Schauen Sie sich die Lage Schleswig-Holsteins und Dänemarks zwischen Nord- und Ostsee einmal an, meine Herren“, begann er seine Ausführungen. „Sie sehen, das Land stellt zwar eine Brücke dar für den Landverkehr nach Norden und nach Süden, aber leider auch eine Barriere für den Seeverkehr nach Osten und Westen. Der gesamte Fernverkehr aus dem Baltischen Meer muss daher die gefährliche Skagerakfahrt in Kauf nehmen. Die stürmische Nordsee und fehlende Häfen an der jütländischen Küste machen diese Passage zu einer der gefährlichsten der Welt. Daher bedeutet der Kanal quer durch Schleswig-Holstein eine beträchtliche Erleichterung, denn die Ost-West-Passage spart zudem auch noch Zeit, weil die Strecke um einige hundert Seemeilen verkürzt wird. Allerdings reicht die Wasserstraße nur für Einheiten knapp unter 300 Tonnen und ist deshalb für die modernen Dampfschiffe, die sich nun überall durchsetzen, völlig ungeeignet. Es bleibt zu hoffen“, schloss der Kapitän seinen Bericht, „dass die deutsche Regierung sich zum Bau eines größeren Kanals entschließen wird, der auch Seeschiffe mit einem Tiefgang von 10 Meter die Durchfahrt erlaubt.“

„Ich verrate Ihnen keine militärischen Geheimnisse“, ergänzte Leutnant von Rochow, „wenn ich Ihnen sage, dass die Planung bereits begonnen hat. Die militärische Führung und vor allem der Kaiser messen der deutschen Kriegsflotte vordringliche Bedeutung zu; die Forderung nach einem großen Seekanal zwischen Ost- und Nordsee ist die natürliche Folge solcher Überlegungen.“

„Ohne das schnelle und sichere Hin- und Herwerfen von Kriegsschiffen würde die Schlagkraft einer Flotte äußerst begrenzt bleiben“, bestätigte Paul.

„Der Schleswig-Holstein-Kanal erwies sich bereits im Krieg gegen Frankreich als unzureichend. Selbst kleinere Torpedoboote haben Schwierigkeiten beim Durchschleusen“, meinte der Leutnant.

„Aber auch Handel und Wirtschaft liefern genügend Gründe für die Ablösung des alten Kanals. Mir sind Unterlagen bekannt, nach denen im letzten Jahr mehr als 38.000 Schiffe durch den Sund gefahren sind, davon knapp 10.000 großräumige Dampfer. In der gleichen Zeit passierten den Schleswig-Holstein-Kanal mehr als 4.700 Schiffe, aber nur 140 kleinere Dampfschiffe.“

„Unser Zeitalter hat die technischen Mittel entwickelt, auch dieses Verkehrsproblem zu lösen“, sagte Jules. „Gerade vor zwei Jahren hat unser Landsmann Vicomte de Lesseps, der legendäre Erbauer des Sueskanals, damit begonnen, einen schleusenlosen Kanal bei Panama durch die mittelamerikanische Landenge zu graben, der Atlantik und Pazifik miteinander verbinden soll. Stellen Sie sich vor, wie kurz der Seeweg von der Ostküste der Vereinigten Staaten zur Westküste wird, wenn man nicht mehr um Kap Horn zu fahren braucht.“

Und Schwedenow konnte ergänzen:

„Der Hamburger Reeder Hermann Dahlström hat vor drei Jahren dem Reichskanzler von Bismarck Pläne für einen Kanal auf der Linie Unterelbe-Rendsburg-Kiel vorgelegt, die außerordentlich fundiert sind und alle Voraussetzungen mitbringen, verwirklicht zu werden, sobald die schwierige Finanzierungsfrage gelöst ist.“

„Das ist vorläufig noch Zukunftsmusik“, nahm Kapitän Ollive seine Erläuterungen wieder auf, „bleiben wir bei den Tatsachen, Messieurs! Bis zur Stadt Rendsburg werden wir dem Lauf der Eider folgen, die bis dort schiffbar ist. In Rendsburg beginnt die Kanaldurchfahrt, die uns direkt in den Kiel Busen bringen wird.“

„Allerdings werden wir in Tönning einen Lotsen aufnehmen müssen, der die schwierige Flusspassage kennt.“ sagte Leutnant von Rochow. „Und in Rendsburg wird ein erfahrener Kanallotse zusteigen.“

 

 

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