Caroline von Plechow      oder    Die Verfolgung von Wilhelmshaven nach Kopenhagen

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9 Die >La Gaviota<

 

Als Paul und der Graf von ihrem Besuch bei dem deutschen Botschafter auf die >Saint Michel< zurückgekehrt waren, wurden sie bereits von einem erregten Leutnant erwartet. Von Rochow hatte sehr schnell im Hafenamt den Liegeplatz der >La Gaviota< in Erfahrung bringen können und brannte nun voller Ungeduld darauf, etwas für die Befreiung Carolines unternehmen zu können.

Der Graf drang energisch darauf, dass man zunächst Genaueres über das Schiff wissen müsse und betonte mehrfach, vorschnelle Aktionen können niemandem Nutzen bringen.

 

Ernst Pötsch und Paul Arago, die mit von Rochow auf die Suche nach der >La Gaviota< gegangen waren, hatten sich von dem Leutnant getrennt und waren den Christians Havens Canal entlang geschlendert, um auf eigene Faust Näheres in Erfahrung zu bringen. Die beiden Männer bewegten sich möglichst unauffällig durch die Stapel von Tauen, Fässern und Ballen, die teils von den Schiffen getragen wurden, teil auf Verladung warteten, als sie plötzlich angerufen wurden.

„Ohé, Paul!“ rief ein Mann in französischer Sprache.

Pötsch drehte sich um und sah, wie ein untersetzter Mann auf Arago zuging und ihn herzlich umarmte.

Qu’est que tu fais sur la mer baltique?“ fragte er.

„Clode Depierre!“ antwortete der heftig Umarmte. Tu es à Copenhague aussi?

Dann sprangen die beiden eng umschlungen umeinander wie Kinder und riefen immer wieder in ihrer Muttersprache begeisterte und fragende Worte.

 

Pötsch, der weder den Grund für diesen unerwarteten Gefühlsausbruch seines Freunde kannte noch die ihm fremde Sprache verstehen konnte, schüttelte den dicken Franzosen schließlich derart energisch am Ärmel, dass er in dem Freudentanz innehielt und sich dem andern zuwandte. Der fragende Blick des Deutschen erinnerte Arago, dass dieser ja kein Französisch verstand, und so rief er seinem Bekannten schnell ein paar klärende Worte zu. Mit einigen aufgeschnappten deutschen Wörtern und allerlei Gesten versuchte er Pötsch klarzumachen, wen er da getroffen hatte, was aber kläglich misslang. Schließlich rettete der Fremde die Situation, da er leidlich Deutsch radebrechen konnte.

So erfuhr Pötsch endlich die ganze Geschichte: Der fremde Seemann, Clode Depierre, stammte ganz wie Arago aus der Bretagne und zwar aus St. Brieuc am Golf von St. Malo. Hier hatten die beiden Männer gemeinsam die Schule geschwänzt, hatten dafür die verdienten Prügel erhalten und waren schließlich von zu Hause weggelaufen, um auf See ihr Glück zu suchen. Während Arago seine Fähigkeiten als Koch entdeckte, war der Matrose Clode Depierre nach einer harten Lehrzeit als Schiffsjunge auf verschiedenen Handelsschiffen um die ganze Welt gesegelt, hatte sich schließlich zum Steuermann emporgearbeitet und bekleidete nun eine ansehnliche Stellung auf einem französischen Frachtsegler, wie er dem Deutschen nicht ohne Stolz erläuterte.

Das unverhoffte Wiedersehen – die beiden waren einander wohl an die zehn Jahre nicht begegnet – musste gebührend gefeiert werden, und so überquerten die drei den Inder-Havn auf der Knippelsbro, schlenderten zum Nyhavn und kehrten auf dessen Nordseite in einer jener Kneipe ein, wie sie alle Hafenstädte zu Dutzenden aufzuweisen können.

Arago kam schnell auf den Anlass der Reise zu sprechen, wies auch verstohlen auf die vor kurzem entdeckte >La Gaviota< hin und blickte in die überraschten Augen seines alten Freundes.

„Mit dem Segler, da stimmt was nicht!“ sagte er bedächtig aber bestimmt. Und an Pötsch gewendet:

Ne fourrer pas son nez dans que! Sei klug! und du nicht Näse stecken in Sache, die sein sehr gefährlich!“

Auf Nachfrage konnte Arago folgendes in Erfahrung bringen:

Vor zwei Tagen hatte das Schiff mit Clode Depierre im Christians-Havn direkt neben der kurz vorher eingelaufenen >La Gaviota< festgemacht; zunächst war dem aufmerksamen Steuermann nichts aufgefallen, doch in der Nacht sei er mehrmals durch seltsame Geräusche aufgewacht. Schließlich habe er vorsichtig aus seiner Kajüte geschaut und dabei schemenhaft Gestalten gesehen, die sich auf der >La Gaviota< zu schaffen machten. Diese hätten mit seltsamer Vorsicht große Körbe ausgeladen, sie jedoch nicht etwa an Land gebracht, sondern auf eine wasserseitig festgemachte Schaluppe gehievt. Und Clode Depierre wäre bereit gewesen, einen Eid darauf zu leisten, dass er unterdrückte Schreie gehört habe, die von einer Person weiblichen Geschlechts ausgestoßen worden war. Er habe daraufhin aus der sicheren Deckung seiner Takelage beobachtet, wie die Schaluppe ablegte und mit ihrer seltsamen Fracht nur ein paar Taulängen vor einem der Packhäuser an der an der Einmündung der Strandgade festgemacht wurde. Was dort geschehen sei, könne er nicht sagen, da es für genauere Beobachtungen zu dunkel gewesen sei. Er könne aber darauf wetten, schloss der Seemann seinen Bericht, dass man die Körbe dort ausgeladen habe.

Pötsch konnte den leise vorgetragenen Worten nicht folgen, schloss aber aus den wenigen Brocken, die er verstanden hatte, dass die Informationen des Franzosen für seinen Herrn nicht ohne Bedeutung sein würden. Er drängte Arago deshalb zur Rückkehr auf die >Saint Michel<.

Die drei Männer bezahlten ihre Zeche und verließen das Lokal. Ihr Weg führte sie über die Knippelsbro zurück zum Christians-Havn und dann auf der inneren Seite des Hafenbeckens an der >La Gaviota< vorbei, wobei sie eine möglichst gleichgültigen Eindruck zu machen versuchten, aber sich trotzdem mit scharfen Augen alle Einzelheiten genau einprägten.

Das bezeichnete Schiff führte am Bug und Stern den Namen >La Gaviota<, was soviel wie „Möwe“ bedeutet. Dieser Name konnte einem Laien sonderbar erscheinen, denn es handelte sich um ein großes, schweres Kauffahrerschiff von drei Masten und mehreren Decks, aber der erfahrene Seemann durfte sich nicht über den Namen wundern. Die >La Gaviota< war auf einer amerikanischen Werft gebaut und nach amerikanischen Muster modelliert: Ihr Bug stieg kühn am Vorderdeck empor, und der Kiel lag lang und scharf im Wasser; dazu war die Takelung beinahe klippenartig, so dass sich mit vollem recht vermuten ließ, die „Möwe“ sein ein außerordentlich schneller Segler und fliege nur so über die Wogen dahin.

 

 

An Bord regte sich nichts; das Schiff lag wie verlassen in Mitten der geschäftigen Betriebsamkeit des Hafens.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens erhoben sich die Speicherhäuser; einige Luken waren geöffnet und fleißige Hände hievten an Seilen Ballen, Kisten und Säcke auf die Lagerböden.

Arago warf einen fragenden Blick auf Depierre, der mit einer raschen Geste auf eines der Häuser zeigte, unter dem ein schmaler unterirdischer Kanal in das Hafenbecken mündete.

Arago bat Depierre, ihn zur >Saint Michel< zu begleiten. In kurzer Zeit hatten die drei Männer das innere Hafenbecken verlassen und waren bald dort wieder angelangt, wo die >Saint Michel< vertäut lag, gerade, als der Graf den ungeduldigen Leutnant davon abzuhalten versuchte, eine riskante Aktion zu unternehmen.

Pötsch erklärte seinem Herrn: „Dieser französische Seemann ist ein Bekannter von Herrn Arago und kann Ihnen über eine interessante Beobachtung von der >La Gaviota< berichten.“

Der Graf und die beiden Vernes hörten den Seemann an. Diese Beobachtungen gaben der Angelegenheit eine erfreuliche Wendung, denn nun hatte man einen Anhaltspunkt, wo Caroline eventuell zu finden wäre. Der Leutnant wollte sofort aufbreche, um das Opfer aus den Klauen der Verbrecher zu befreien, jedoch mahnte der Graf erneut zur Besonnenheit.

Man dankte dem treuen französischen Steuermann, der – nachdem ihm sein Freund Arago weitere Einzelheiten ihrer Expedition erzählt hatte – sich sofort bereit erklärte, bei der Befreiungsaktion mitzuwirken. Die beiden Franzosen und Pötsch gingen unter Deck in die kleine Küche, um dort ein Essen vorzubereiten, während die übrige Gesellschaft im Speiseraum über das weitere Vorgehen beriet.

Nachdem alle Einzelheiten, die in den letzten Stunden in Erfahrung gebracht werden konnten, zusammengetragen waren, meinte der kleine Sachse mit vor Aufregung gerötetem Gesicht:

„Ein Abenteuer, wie ich es mir immer schon einmal gewünscht habe!“

„Ich möchte Gift darauf nehmen, dass die Halunken in dem von Monsieur Depierre bezeichneten Lagerhaus ihr Versteck haben“, sagte von Rochow.

„Das denke ich auch“, ließ sich der Graf vernehmen; „wir sollten dieses Versteckt näher untersuchen.“

„Muss man nicht die Hafenbehörden informieren und die Polizei?“ fragte Jules.

„Auf keinen Fall werden wir das tun“, erwiderte Schwedenow. „Wenn ich die Äußerungen des deutschen Geschäftsträgers richtig interpretiere, dann steckt der Hafenkommandant mit der Bande unter einer Decke oder er duldet zumindest ihre Machenschaften. Offen können wir auf keinen Fall vorgehen, da wir sonst Fräulein Caroline nur in noch größere Gefahr bringen!“

„Dann also heimlich und in aller Stille“, sagte Paul.

„So denke ich auch“, nickte der Graf. „Wir erkunden zunächst in aller Vorsicht das Haus und den darunter mündenden Kanal, dann warten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit und versuchen, in das Gebäude einzudringen.“

„Durch den Kanal von unten in das Gebäude hinein – das wird ja ein richtiges Abenteuer!“ rief Herr May begeistert.

Der Graf lächelte. „Vielleicht gelingt es uns ja, das Mädchen zu befreien; mit einem solchen Beweis können wir es wagen, offen gegen die Halunken vorzugehen.“

Dieser Vorschlag wurde angenommen; von Rochow ließ es sich nicht nehmen, das Haus und den Kanaleingang von der Hafenseite zu inspizieren. Dazu sollten ihn zwei Mann der Besatzung der >Saint Michel< in den entsprechenden Hafenbereich hinüber rudern. Schwedenow stimmte zu, bat aber den Leutnant, sich bedeckt zu halten, denn er rechnete sicher damit, dass die Bande alle Aktivitäten auf der >Saint Michel< genau beobachtete. Der Leutnant versprach, große Vorsicht walten zu lassen und legte bald mit einem Beiboot ab. Zunächst ruderten die Männer in eine andere Richtung, so dass die Aktion inmitten des Verkehrsgewimmels, das zu dieser Zeit im Hafen zwischen den verschiedenen Becken herrschte, niemandem auffallen konnte. Inzwischen fragte Schwedenow Clode Depierre, ob er bereit sei, zu Fuß auf jene andere Seite des Hafenbeckens zu gehen, wo er möglichst unauffällig die Örtlichkeiten inspizieren sollte. Der Franzose war mit Begeisterung dabei und verließ so unauffällig wie möglich die >Saint Michel< und verschwand im Gewimmel der Menschen, die den Kai bevölkerten. Herr May war sichtlich beleidigt, weil der Graf ihm nicht erlaubt hatte, den Leutnant zu begleiten.

 

Es war mittlerweile Abend geworden, doch da es zu dieser Jahreszeit ja erst sehr spät dunkel wurde, hatte man sich in Geduld zu fassen. Die Kundschafter waren längst zurückgekehrt und hatten Bericht erstattet. Der französische Steuermann konnte nur erzählen, dass jenes Speichergebäude inmitten all der Geschäftigkeiten einen seltsamen stillen Eindruck auf ihn gemacht hatte; sämtliche Luken waren geschlossen und die Eingangstür mit schweren Eisenriegeln fest verrammelt.

Der Bericht des Leutnants klang dagegen viel versprechender; er hatte beim langsamen Vorüberrudern gesehen, dass der schmale Kanal direkt unterhalb des Hauses in das Hafenbecken mündete. Der Zugang war durch ein eisernes Gittertor verschlossen, jedoch konnte man direkt neben dem Tor an einem Polder anlegen. Auch schien dem Leutnant, als habe er einen schmalen Fußweg seitlich neben dem Kanal gesehen, auf dem man unterirdisch zu dem verdächtigen Speicherhaus gelangen könne.

„Solche unterirdischen Zugänge weisen mehrere Gebäude des Kopenhagener Hafens auf“, bemerkte Depierre. „Man kann auf ihnen mittels flacher Kähne schwere Lasten unmittelbar unter den Speicher fahren, von wo aus sie dann durch eine Bodenluke in das Innere gezogen werden. Ich habe einmal sehr schwere Weinfässer ausgeladen, die auf einem solchen Weg in ein Packhaus gebracht wurden.“

„Ich werde diesen Weg ins Innere versuchen!“ sagte der Graf mit Bestimmtheit.

Alle brannten darauf, bei der nächtlichen Aktion dabei zu sein; nur mit Mühe konnte Schwedenow die anderen davon überzeugen, dass die Aktion von einer kleinen Gruppe weitaus besser ausgeführt werden konnte als von allen gemeinsam. Jules Verne schied aus, da ihn eine ältere Fußverletzung etwas behinderte; Kapitän Ollive musste auf dem Schiff bleiben, um alles für eine eventuelle Abfahrt bereitzumachen, die übrigen ließen sich aber nicht abweisen.

Schwedenow, der persönlich das Unternehmen anführen wollte, war schließlich bereit, drei Männer auf den gefährlichen Erkundungsgang mitzunehmen. Man einigte sich darauf, dass Paul Verne, Leutnant von Rochow und Herr May den Grafen begleiten sollten.

Da es immer noch nicht dunkel werden wollte, vertrieb sich die Männer die Zeit auf Deck und beobachteten das geschäftige Treiben auf dem Wasser und an Land.

Kapitän Ollive ließ das Beiboot vorbereiten, in das einige nützliche Werkzeuge verladen wurden. Die Männer bestiegen das Boot und legten ab.

Die Dämmerung war hereingebrochen, aber es wollte noch nicht ganz dunkel werden. Die Geschäftigkeit im weiträumigen Hafen war endlich zur Ruhe gekommen; aber hier und da regte sich noch etwas. Die festgezurrten Schiffe bewegten sich im leichten Plätschern der Wellen auf und ab; dabei stöhnten und knarrten sie, manchmal vernahm man auch den Schrei einer Möwe, die ein Geräusch aufgescheucht hatte.

Der helle Schein am nördlichen Himmel war allmählich verblasst; nun leuchtete ein wunderbarer Sternenhimmel über der Stadt und spiegelte sich in den dunklen Fluten des Hafens. Es war trotz der Mitternacht noch genügend Licht, dass die Männer die Umrisse der vielen Schiffe an den Kais scharf gegen den helleren Hintergrund der Mauern und Lagerhäuser erkennen konnten.

Nach einiger Zeit steuerte das kleinen Boot vorsichtig in das Hafenbecken, an dem ihr Ziel lag.

Der Zufall war ihnen zu Hilfe gekommen, denn ein großer Frachtsegler war seitlich neben der Kanalmündung vertäut worden und zwar so, dass er die direkte Sicht vom der >La Gaviota< zur Mündung des Kanals versperrte. Dadurch konnte ihr Eindringen von möglichen Beobachtern auf dem Kaperschiff nicht mehr gesehen werden.

Die französischen Seeleute ruderten das Boot vorsichtig an die Kanalmündung heran. Schwedenow inspizierte das eiserne Tor. Es war mit einem Vorhängeschloss gesichert, das dem Werkzeug der Männer aber keinen ernsten Widerstand entgegensetzen konnte. Vorsichtig öffnete man das Tor einen Spalt. Paul Verne, May und der Graf hangelten sich vom Boot direkt auf den gemauerten Absatz, der hinter dem geöffneten Gittertor seinen Anfang nahm.

Als die drei sicher im Inneren des Gewölbes angelangt waren, drückten die Ruderer das Tor vorsichtig wieder zu, so dass von außen nicht mehr zu erkennen war, dass jemand auf diesem Wege gegangen war. Die Seeleute hatten den Befehl, in einiger Entfernung auf die Rückkehr der drei zu warten.

Schwedenow zündete eine Laterne an, mit deren Hilfe der dunkle Raum über dem Wasserspiegel des Kanals schwach beleuchtet werden konnte. Nach vier Metern war der Kanal über die ganze Breite durch ein massives Holztor abgesperrt. Der Graf richtet die Laterne auf das Wasser; schemenhaft konnte er erkennen, dass sich das Tor bis unter den Wasserspiegel senkte.

„Dort müssen wir hindurch“, sagte der Graf zu seinen Begleitern.

„Lassen Sie mich den Weg erkunden, ich bin ein geübter Schwimmer“, sagte May.

Der Graf nickte und der Redakteur entledigte sich seiner Oberbekleidung. Langsam glitt er ins Wasser und schwamm bis zum Holztor. May holte Luft und tauchte unter Wasser. Offenbar reichte das Holz nicht bis zum Grund des Kanals, denn der Schwimmer verschwand im Dunkeln. Paul und der Graf warteten gespannt. Nach ein paar Minuten tauchte May wieder auf. Er ließ sich aus dem Wasser helfen, und was er sagte, klang gar nicht mehr so unternehmungslustig wie vorher:

„Hinter dem Tor geht der Kanal weiter. Aber die Luft dort ist stickig, und sehen kann man überhaupt nichts. Da kommt keiner durch!“

„Ich will mein Glück versuchen“, sagte der Graf, er dem kleinen Sachsen sowieso keinen mutigen Alleingang zugetraute, legte seine Kleider ebenfalls ab und stieg ins Wasser. Die Lampe hatte er Paul gegeben.

Schwedenow tauchte und tastete sich vorsichtig unter dem Tor durch. Auf der anderen Seite tauchte er wieder auf. Er fand bestätigt, was May gesagt hatte. Die Luft war hier stickig, vor allem aber war es so dunkel, dass er die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er einen ganz schwachen Lichtschein unterhalb des Holztores im Wasser erkennen. Das mussten die Reflexe der Lampe sein, die die Männer vor dem Tor benutzten. Der Graf stieg aus dem Wasser und fand auch hinter dem Tor jenen gemauerten Fußweg, der etwas oberhalb des Kanalspiegels an der Gewölbewand weiter nach innen führte.

Er tastete sich in die dem Holztor entgegen gesetzte Richtung an der seitlichen Mauer entlang und stieß nach einigen Metern auf eine Querwand. Als der Graf wieder ins Wasser gestiegen war, stellte er fest, dass der Kanal hier zu Ende war. Also musste oberhalb eine Öffnung in der Decke sein, falls die Angaben von Clode Depierre richtig waren. Wie aber hinaufkommen?

Schwedenow taste die Mauer noch einmal gründlich ab. Plötzlich stieß seine Hand an eine Eisenstange, die in Manneshöhe in die Wand eingelassen war. Sie führte offenbar über den Kanal zur anderen Wand hinüber. Der Graf hangelte sich an der Stange entlang, bis er nach seiner Schätzung in der Mitte über dem Kanal sein musste. Hier schwang er sich so auf die Stange, dass er die darüber befindliche Decke abtasten konnte. Zunächst fühlte er nur eng gefügtes Ziegelwerk, dann stieß er auf eine runde Vertiefung in der Decke, die von oben mit Holzbohlen verschlossen war. Dies musste die Luke im Fußboden eines der unteren Räume des Lagerhauses sein. Wie sollte er aber hinaufkommen? Der Graf stemmte sich gegen die Bohlen, die aber keinen Zoll nachgaben. Die Abdeckung musste von oben mit starken Eisenriegeln gesichert sein.

Es blieb Schwedenow nichts übrig, als sich wieder zum Fußweg zurück zu hangeln. Enttäuscht stellte der Graf fest, dass von hier ein Zutritt zum Lagerhaus unmöglich war. Schon stieg er wieder in das Wasser, um zu den wartenden Freunden zurück zu schwimmen, da ertastete er ein zurückweichendes Mauerstück unmittelbar vor dem Holztor, das er zu unterschwimmen hatte. Der Graf unterbrach seinen Rückzug und tastete sich vorwärts.

Bald hatte er herausgefunden, dass ein kleiner Nebenkanal vom Hauptgang rechtwinklig abzweigte. Die Gewölbehöhe erlaubte es ihm gerade, stehend im schlammigen Wasser des kleinen Seitenkanals vorwärts zu gehen. Der Nebenkanal war sehr schmal, so dass der Graf beide Seitenwände mit leicht abgespreizten Armen erreichen konnte. Über die Funktion des Kanals konnte Schwedenow sich nach wenigen Schritten nicht mehr täuschen, denn die üblen Gerüche verrieten ihm, dass hier offenbar aller Unrat aus dem darüber errichteten Hause wie durch eine natürliche Kloake in das Hafenbecken abgeführt wurden.

Nach einigen Metern senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche des Wassers herunter, und der Graf wusste bald, dass der Seitenkanal von hier nur noch eine Röhre war, welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, dass die zum Atmen nötige Luft fehlte. Diese Röhre verengte sich außerdem in einem Maße, dass ein erwachsener Mann sich zwar hindurch zwängen konnte, kaum aber auf halbem Wege umzukehren imstande war. Was, wenn dieser Kanal ebenfalls blind endete? War dann überhaupt an eine Rückkehr zu denken? fragte sich der Graf. Andererseits musste die Anlage eine Funktion haben, das war klar. Also führte der Kanal zu einer Stelle, an der man Unrat aus einem Raum des darüber liegenden Hauses werfen konnte.

Der Graf ließ sich nicht irre machen. Er sog die Lunge voll Atem, bog sich unter das Wasser und schob sich, halb schwimmend und halb gehend, mit größtmöglicher Schnelligkeit vorwärts. Eine ziemliche Strecke hatte er so bereits zurückgelegt und verspürte schon den eintretenden Luftmangel, als er unvermutet mit der Hand über sich in die Luft greifen konnte. Schnell aber vorsichtig tauchte er auf und holte tief Atem, tauchte aber sofort wieder unter. Der kurze Moment über der Wasseroberfläche hatte genügt, dem Grafen zu zeigen, dass er sich in einem Becken innerhalb eines durch rußende Lampen nur spärlich erleuchteten Raums befand. Nach kurzem Verweilen unter Wasser tauchte der Graf ganz vorsichtig erneut auf, schmiegte sich aber dabei ganz dicht an den der Beleuchtung zugewandten Rand des Beckens. Hier hielt er eine Zeit inne. Aus dem Raum drangen ihm murmelnde Geräusche entgegen, aus denen er schließlich die Stimmen zweier Männer identifizieren konnte.

Als sich nach einiger Zeit das heftige Herzklopfen bei dem Grafen gelegt hatte, konnte er die Stimmen deutlich unterscheiden. Der eine der beiden war Dethmann, das konnte der Graf deutlich heraus hören. Der andere sprach Englisch mit starkem spanischem Akzent. Der Graf zuckte zusammen. Das war, wenn ihn nicht sein Gehör täuschte, niemand anderes als Henrico Landola, der berüchtigte Piratenkapitän und Befehlshaber der >La Gaviota<.

„Wir müssen die Mädchen so schnell wie möglich von hier fortbringen,“ sagte Dethmann gerade mit einiger Unruhe in seiner Stimme.

„Du bist zu ängstlich“, entgegnete ihm der andere; „sind wir hier nicht absolut sicher?“

„Dieser Schwedenow darf nicht unterschätzt werden. Er ist ein Teufel in Menschengestalt und wird alles unternehmen, das Mädchen zu finden!“

„Pah!“ unterbrach ihn Landola mit Geringschätzung in der Stimme. „Was will dieser Deutsche hier schon erreichen? Haben wir nicht ein famoses Versteck? Sichert uns Cortejo nicht vortrefflich ab, indem er uns den Hafenkommandant verpflichtet?“

„Aber Schwedenow handelt mit Unterstützung der deutschen Regierung!“ wandte Dethmann ein.

„Ach was Regierung. Die Deutschen sind hier machtlos. Sie sind schlecht angesehen bei den Dänen. Cortejo hat gute Beziehungen bis in höchste Kreise des Militärs. Ich sage Dir, hier sind wir sicher wie in Abrahams Schoß!“

Aber Dethmann ließ sich nicht beruhigen.

„Was hindert uns daran, die hier versammelten Mädchen sofort einzuschiffen und schon morgen in See zu stechen?“ fragte er den Kapitän.

Dieser lachte geringschätzig.

„Ich wusste immer, dass die Deutschen Feiglinge sind“, fuhr er sein Gegenüber an.

„Wir erwarten noch eine Lieferung aus Danzig. Schöne Polenmädchen, beste Ware! Blond und kräftig gebaut, genau das richtige für den Geschmack der Orientalen!“

„Aber sind denn dreißig Mädchen nicht genug für eine Fahrt nach Alexandria?“ fragte Dethmann.

„Die zweiunddreißig, die wir hier im Käfig haben, sind eine allerliebste Sammlung, die manches Männerherz in Feuer versetzen kann. Aber meine >Möwe< kann bequem hundert von den Weibchen transportieren. Und Liebhaber solcher Ware gibt es genug im Orient. Potente Liebhaber, die bereit sind, einen ordentlichen Batzen Gold auszuspucken, wenn sie dafür die Wonnen der Liebe zunächst mit allen Händen betasten und dann nach Herzenslust genießen dürfen.“

Landola sprach diese Schamlosigkeit derart genüsslich aus, dass man meinen konnte, er selber wollte einen Harem begründen, dessen liebliche Besetzung er sich im Geiste bereits ausmalte. Den Grafen schauderte, wenn er sich das Schicksal der armen Mädchen vorstellte, die irgendwo hier unten auf eine ungewisse Zukunft warteten. Dann merkte er, dass sein Erschaudern wohl auch vom kalten Wasser herrührte, in dem er nun schon zu lange unbeweglich verharren musste. Lange konnte er es nicht mehr in seiner Lage aushalten, das war gewiss.

„Und wann kommen die Polinnen endlich?“ fragte Dethmann.

„Spätestens übermorgen, dann können wir aufbrechen und fort segeln.“

„Sollen sie auch hierher gebracht werden?“

„Auf jeden Fall. Wir laden sie auf die gleiche Weise von dem Schiff, das sie aus Danzig bringen wird, wie wir es auch mit unseren Täubchen hier gemacht haben.“

„Also während der Nacht und in Körben.“

„Genau!“

„Aber warum werden sie nicht gleich auf die >La Gaviota< gebracht. Ist das doppelte Umladen nicht doppelt gefährlich?“

„Keinesfalls. Auf dem Schiff inmitten des Hafengetümmels wäre es viel gefährlicher. Und außerdem“, setzte Landola mit einem breiten Grinsen hinzu, „will Cortejo zwei der schönsten Täubchen ganz persönlich aussuchen, um sie einem geheimen Etablissement zuzuführen, das von einigen gewichtigen Herren hier in Kopenhagen gerne besucht wird, verstehst du, denen gegenüber sich unsere Organisation zu großer Dankbarkeit verpflichtet weiß.“

„Kommt er denn mit der Lieferung hierher?“ fragte Dethmann überrascht.

„Ja. Er wir die Lieferung aus Polen begleiten.“

„Und sie werden nicht rufen und schreien?“ fragte Dethmann.

„Wie denn? Sie können nicht, denn sie werden vorher gehörig mit Opium eingeschläfert“, beschied Kapitän.

„Sehr gut!“ sagte Dethmann. „In den Verschlägen nebenan ist noch Platz genug.“

„Du wirst benachrichtigt, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist. Kannst du die Mädchen auch schnell genug in die Körbe bekommen?“

„Kein Problem. Wenn sie in alt bewährter Weise betäubt sind, heißt es: Husch ins Körbchen und ab durch den Schacht hier in den Kanal!“

Die beiden Verbrecher lachten.

„Wer soll sie bewachen?“ fragte Landola.

„Das übernehme ich persönlich!“ antwortete Dethmann.

„Willst wohl die Schönen einmal ausprobieren?“ fragte der Kapitän. „Die blonde Admiralstochter aus Wilhelmshaven scheint es dir besonders angetan zu haben.“

„Sie hat volle Lippen und üppige Brüste!“ schwärmte Dethmann und seine Augen glitzerten gierig. „Du kannst mir ja heute Nacht dabei helfen, unsere Schätze auf ihren Gehalt hin zu untersuchen.“

„Nimm dich in acht“, drohte Landola. „Cortejo hat allen Männern strengstens verboten, die Mädchen anzurühren!“

„Das gilt für die gemeinen Männer, nicht aber für unsereinen; man muss die Bijouterien ja nicht gleich beschädigen! Und du hast ja gerade erklärt, dass sich Cortejo persönlich von der Qualität unseres Materials überzeugen will.“

Das gemeine Lachen, mit dem die beiden Schurken diese Anspielung bekräftigten, empörte den heimlichen Zeugen in seinem unbequemen Wasserloch so sehr, dass er kaum noch an sich halten konnte. Was, wenn dieser Dethmann seine unehrenhaften Absichten gegenüber Fräulein Caroline in der nächsten Nacht wahr machte?

„Du solltest dich nach dieser Aktion einige Zeit in die Staaten absetzen“, begann Landola nach einer Pause das Gespräch erneut. „Dieser Schwedenow wird dafür gesorgt haben, dass sie dich in deinem Heimatland steckbrieflich suchen.“

„Das will ich auch tun, und Cortejo will auch mit!“

„Cortejo? Will der nicht mit mir und der >La Gaviota< nach Alexandria segeln?“

„Ja, aber von da aus sollst du ihn nach New Orleans bringen. Er will in den Staaten ein wenig nach dem Rechten sehen. Die Organisation soll dort ins Stocken geraten sein.“

„Ja, der! Der will immer nur organisieren. Die Drecksarbeit aber, die überlässt er uns.“

„Dafür bezahlt er dich auch fürstlich. Also schweige und tue das, wofür du dein Geld bekommst!“

Die beiden stritten noch eine Weile und begannen, sich über belanglose Dinge zu unterhalten.

 

Schwedenow merkte, dass er nun nichts mehr in Erfahrung bringen konnte, was für ihre Mission von Bedeutung sein könnte und beschloss daher, seinen Lauschposten zu verlassen. Es war auch höchste Zeit, denn er spürte bereits eine Lähmung in den Gliedern, die durch den langen Aufenthalt im kalten Wasser verursacht wurde. Er holte mehrmals tief Luft und glitt dann geräuschlos unter Wasser.

Diesmal kannte er den Weg, und so dauerte es nur wenige Minuten, bis er außerhalb des hölzernen Tores aus den schmutzigen Wassern des Kanals auftauchte. Die beiden Wartenden atmeten erleichtert auf, als sie den Grafen aus dem Wasser zogen. Sie bestürmten ihn mit Fragen, doch Schwedenow winkte ab.

„Später“, sagte er knapp, legte seine Kleider wieder an und zog die anderen zum Ausgang. Das Boot mit den Leuten von der >Saint Michel< lag in kurzem Abstand von der Kanalmündung im stillen Wasser. Auf einen Pfiff des Grafen ruderten die Matrosen herbei und nahmen die drei Männer auf; man verschloss das eiserne Tor so, dass keine Spuren von dem nächtlichen Eindringen zurückblieben und ruderte zurück zur >Saint Michel<.

 

 

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